Anmerkungen

Kapitel 1: Die unbequeme Wahrheit

1 A. J. Zautra, Emotions, Stress, and Health (New York: Oxford University Press, 2003), S. 15–22.

2 Ich benutze in diesem Buch das Wort »Hoffnung« nicht so, wie es im akademischen Kontext üblicherweise genutzt wird. Die meisten Wissenschaftler verwenden »Hoffnung«, um ein Gefühl von Optimismus auszudrücken: eine Erwartung oder einen Glauben an die Möglichkeit von positiven Ergebnissen. Diese Definition ist unvollständig und limitiert. Optimismus kann Hoffnung nähren, ist aber nicht dasselbe wie Hoffnung. Ich kann ohne Erwartung sein, dass etwas Besseres geschehen wird, aber dennoch darauf hoffen. Und diese Hoffnung kann meinem Leben eine Bedeutung und Bestimmung geben, selbst wenn sie faktisch unbegründet ist. Nein, mit »Hoffnung« meine ich Motiviation, die sich auf etwas richtet, das als wertvoll erachtet wird und in der Wissenschaft bisweilen als »Bedeutung« oder »Sinn« beschrieben wird. Für meinen Hoffnungsbegriff beziehe ich mich daher auf Forschungsergebnisse zu Motivation und Wert und versuche, diese miteinander zu verschmelzen.

3 M. W. Gallagher und S. J. Lopez, »Positive Expectancies and Mental Health: Identifying the Unique Contributions of Hope and Optimism«, Journal of Positive Psychology 4, Ausgabe 6 (2009): 548–56.

4 Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Übertreibung.

5 Vgl. Ernest Becker, The Denial of Death (New York: Free Press, 1973). Deutsche Ausgabe: Die Überwindung der Todesfurcht (Goldmann, 1991).

6 Darf ich mich hier selbst zitieren? Scheiß drauf, ich mach das jetzt einfach! Vgl. Mark Manson, 7 Strange Questions That Help You Find Your Life Purpose, Mark-Manson.net, 18. September 2014, https://markmanson.net/life-purpose.

7 Erhebungen zum Thema Religiosität und Selbstmord finden Sie hier: Kanita Dervic, MD, et al., »Religious Affiliation and Suicide Attempt«, American Journal of Psychiatry 161, Ausgabe 12 (2004): 2303–8. Erhebungen zum Thema Religiosität und Depression finden Sie hier: Sasan Vasegh et al. »Religious and Spiritual Factors in Depression«, Depression Research and Treatment, Internetveröffentlichung vom 18. September 2012, doi: 10.1155/2012/298056.

8 Studien aus mehr als 132 Ländern zeigen, dass die Bevölkerung umso mehr mit Fragen nach Sinn und Bestimmung zu kämpfen hat, je reicher ein Land wird. Vgl. Shigehiro Oishi und Ed Diener, »Residents of Poor Nations Have a Greater Sense of Meaning in Life than Residents of Wealthy Nations«, Psychological Science 25, Ausgabe 2 (2014): 422–30.

9 In den wohlhabenden entwickelten Ländern ist Pessimismus weit verbreitet. Als das Meinungsforschungsinstitut YouGov 2015 Menschen in 17 Ländern fragte, ob sie glauben, dass die Welt sich zum Besseren oder Schlechteren entwickle oder gleich bleibe, gaben in den reichsten Ländern weniger als 10 Prozent an, sie werde besser. In den USA sagten nur 6 Prozent, sie werde besser. In Australien und Frankreich waren es nur 3 Prozent. Vgl. Max Roser, »Good News: The World Is Getting Better. Bad News: You Were Wrong About How Things Have Changed«, 15. August 2018, World Economic Forum, https://www.weforum.org/agenda/2018/08/good-news-the-world-is-getting-better-bad-news-you-were-wrong-about-how-things-have-changed.

10 Ich beziehe mich auf folgende Bücher: Steven Pinker, Enlightenment Now: The Case for Reason, Science, Humanism, and Progress (New York: Viking, 2018). Deutsche Ausgabe: Aufklärung jetzt: Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung (S. Fischer, 2018); und Hans Rosling, Factfulness: Ten Reasons We’re Wrong About the World—And Why Things Are Better Than You Think (New York: Flatiron Books, 2018). Deutsche Ausgabe: Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist (Ullstein, 2018). Ich trieze die Autoren hier ein wenig, aber es sind beides hervorragende und wichtige Bücher.

11 Siehe auch Andrew Sullivans Aufsatz zum selben Thema: »The World Is Better Than Ever. Why Are We Miserable?«, The Intelligencer, 9. März 2018.

12 Max Roser und Esteban Ortiz-Ospina, »Global Rise of Education«, Internetveröffentlichung für OurWorldInData.org, 2018, https://ourworldindata.org/global-rise-of-education

13 Für eine ausführliche Betrachtung der historischen Abnahme von Gewalt ist ein weiteres Buch von Pinker unverzichtbar: Steven Pinker, The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined (New York: Penguin Books, 2012). Deutsche Ausgabe: Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit (S. Fischer, 2013)

14 Vgl. Pinker, Enlightenment Now, S. 214–32. Deutsche Ausgabe: Aufklärung Jetzt.

15 Ebd., S. 199–213.

16 Vgl. »Internet Users in the World by Regions, June 30, 2018«, Tortendiagramm, InternetWorld-Stats.com, https://www.internetworldstats.com/stats.htm.

17 Diana Beltekian und Esteban Ortiz-Ospina, »Extreme Poverty Is Falling: How Is Poverty Changing for Higher Poverty Lines?«, 5. März 2018, OurWorldInData.org, https://ourworldindata.org/poverty-at-higher-poverty-lines.

18 Pinker, The Better Angels of Our Nature, S. 249–67. Deutsche Ausgabe: Gewalt.

19 Pinker, Enlightenment Now, S. 53–61. Deutsche Ausgabe: Aufklärung Jetzt.

20 Ebd., S. 79–96.

21 Impfungen sind der wohl bedeutendste Menschheitsfortschritt der letzten 100 Jahre. Eine Studie hat herausgefunden, dass die globale Impfkampagne der WHO in den 1980er-Jahren vermutlich in über 20 Millionen Fällen den Ausbruch gefährlicher Krankheiten verhindert hat, wodurch 1,53 Billionen US-Dollar Behandlungskosten eingespart werden konnten. Die einzigen Krankheiten, die man je gänzlich auslöschen konnte, wurden mittels Impfungen ausgelöscht. Das ist einer der Gründe, weshalb die Anti-Impf-Bewegung so ausgesprochen ärgerlich ist. Vgl. A. Orenstein und Rafi Ahmed, »Simply Put: Vaccinations Save Lives«, PNAS 114, Ausgabe 16 (2017): 4031–33.

22 G. L. Klerman und M. M. Weissman, »Increasing Rates of Depression«, Journal of the American Medical Association 261 (1989): 2229–35. Vgl. auch J. M. Twenge, »Time Period and Birth Cohort Differences in Depressive Symptoms in the U.S., 1982–2013«, Social Indicators Research 121 (2015): 437–54.

23 Myrna M. Weissman, PhD, Priya Wickramaratne, PhD, Steven Greenwald, MA, et al., »The Changing Rates of Major Depression«, JAMA Psychiatry 268, 21(1992): 3098–105.

24 C. M. Herbst, »›Paradoxical‹ Decline? Another Look at the Relative Reduction in Female Happiness«, Journal of Economic Psychology 32 (2011): 773–88.

25 S. Cohen und D. Janicki-Deverts, »Who’s Stressed? Distributions of Psychological Stress in the United States in Probability Samples from 1983, 2006, and 2009«, Journal of Applied Social Psychology 42 (2012): 1320–34.

26 Wer eine erschütternde und leidenschaftliche Analyse der Opioid-Krise sucht, die Nordamerika derzeit zerreißt, dem sei folgender Text ans Herz gelegt: Andrew Sullivan, »The Poison We Pick«, New York Magazine, Februar 2018, http://nymag.com/intelligencer/2018/02/americas-opioid-epidemic.html.

27 »New Cigna Study Reveals Loneliness at Epidemic Levels in America«, Cigna’s Loneliness Index, 1. Mai 2018, https://www.multivu.com/players/English/8294451-cigna-us-loneliness-survey/.

28 Der Edelman Trust Index hat eine anhaltende Abnahme des Sozialvertrauens in weiten Teilen der entwickelten Welt festgestellt. Vgl. »The 2018 World Trust Barometer: World Report«, https://www.edelman.com/sites/g/files/aatuss191/files/2018-10/2018_Edelman_Trust_Barometer_Global_Report_FEB.pdf.

29 Miller McPherson, Lynn Smith-Lovin und Matthew E. Brashears, »Social Isolation in America: Changes in Core Discussion Networks over Two Decades«, American Sociological Review 71, Ausgabe 3 (2006): 353–75.

30 In reicheren Ländern gibt es durchschnittlich eine höhere Selbstmordrate als in ärmeren. Daten dazu liefert zum Beispiel die WHO: »Suicide Rates Data by Country«, http://apps.who.int/gho/data/node.main.MHSUICIDEASDR?lang=en. Selbstmord ist auch in wohlhabenderen Wohngegenden weiter verbreitet. Vgl. Josh Sanburn, »Why Suicides Are More Common in Richer Neighborhoods«, Time, 8. November 2012, http://business.time.com/2012/11/08/why-suicides-are-more-common-in-richer-neighborhoods/.

31 Die Angaben in diesem Absatz sind übrigens allesamt wahr.

32 Meine dreiteilige Definition von Hoffnung ist eine Verbindung von Theorien über Motivation, Wert und Sinn. Ich habe quasi ein paar unterschiedliche akademische Modelle angewandt, um sie meinem Zweck anzupassen.

Die erste ist die Selbstbestimmungstheorie, die besagt, dass wir dreier Dinge bedürfen, damit wir uns motiviert und zufrieden fühlen: Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit. Ich habe Autonomie und Kompetenz in dem Begriff »Selbstkontrolle« zusammengefasst. Die Verbundenheit wird von mir hier als »Gemeinschaft« geführt, und zwar aus Gründen, die in Kapitel 4 deutlich werden. Was in der Selbstbestimmungstheorie fehlt (oder besser: nur impliziert ist), ist etwas, dass es wert ist, Gegenstand unserer Motivation zu sein, dass auf der Welt etwas Wertvolles existiert, nach dem es sich zu streben lohnt. Und an dieser Stelle kommt die dritte Komponente der Hoffnung ins Spiel: Werte.

Für einen Eindruck von Wert oder Bestimmung habe ich mich bei Roy Baumeisters Modell der »Sinnhaftigkeit« bedient. Nach diesem Modell brauchen wir vier Dinge, um das Gefühl zu haben, dass unser Leben Sinn hat: Bestimmung, Werte, Wirksamkeit und Selbstwert. Die Wirksamkeit habe ich wiederum in den Begriff »Selbstkontrolle« gepackt. Die anderen drei habe ich im Begriff »Werte« zusammengefasst, Dinge, von denen wir glauben, sie seien erstrebenswert und wichtig, und die uns ein gutes Selbstgefühl verleihen. In Kapitel 3 werde ich meinen Wertebegriff ausführlich darlegen. Wenn Sie mehr über die Selbstbestimmungstheorie erfahren wollen, empfehle ich: R. M. Ryan und E. L. Deci, »Self-Determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-being«, American Psychologist 55 (2000): 68–78. Mehr zu Baumeisters Modell finden Sie hier: Roy Baumeister, Meanings of Life (New York: Guilford Press, 1991), S. 29–56.

Kapitel 2: Selbstbeherrschung ist eine Illusion

1 Elliots Fall stammt aus António Damásios Buch Descartes’ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain (New York: Penguin Books, 2005), S. 34–51. Deutsche Ausgabe: Descartes’ Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn (List, 2010). Der Name Elliot ist das Pseudonym, das Damásio seinem Patienten gibt.

2 Dieser Sachverhalt ist, ebenso wie mehrere Details seines Familienlebens (Baseballspiel, Quizshow), um der Geschichte willen dazuerfunden. Sie stammen nicht aus Damásios Feder und sind vermutlich niemals passiert.

3 Ebd., S. 38. Damásio verwendet den Begriff des freien Willens, ich dagegen den der Selbstbeherrschung. Beides drückt im Sinne der Selbstbestimmungstheorie das Bedürfnis nach Autonomie aus (siehe Damásio, Descartes’ Error, Kapitel 1, Endnote 32; deutsche Ausgabe: Descartes’ Irrtum).

4 Auf Deutsch in etwa: »Ich hab lieber eine volle Flasche vor mir als eine frontale Lobotomie.« Waits nuschelte den Witz 1977 in Norman Lears Fernsehsendung Fernwood 2 Night, aber er war nicht seine Erfindung. Der Ursprung des Witzes ist unbekannt, und wer ihm online nachspürt, verliert sich in einem Gewirr aus Theorien. Manche schreiben den Witz der Schriftstellerin Dorothy Parker zu, andere dem Komiker Steve Allen. Waits selbst kann sich angeblich nicht daran erinnern, wo er ihn her hat. Er gab auch zu, dass er ihn nicht erfunden hat.

5 Bei frühen Lobotomien wurden tatsächlich Eispickel eingesetzt. Walter Freeman, der größte US-amerikanische Befürworter des Eingriffs, benutzte anfangs ausschließlich Eispickel, ließ jedoch davon ab, weil sie zu oft abbrachen und im Schädel des Opfers steckenblieben. Siehe dazu »The Rise and Fall of Frontal Leucotomy« von Hernish J. Acharya in The Proceedings of the 13th Annual History of Medicine Days, hrsg. von W. A. Whitelaw (Calgary: University of Calgary, Faculty of Medicine, 2004), S. 32–41.

6 Jep, in diesem Buch heißen alle Neurowissenschaftler António.

7 Gretchen Diefenbach, Donald Diefenbach, Alan Baumeister und Mark West, »Portrayal of Lobotomy in the Popular Press: 1935–1960« im Journal of the History of the Neurosciences 8, Ausgabe 1 (1999): 60–69.

8 In den 1970er-Jahren gab es unter Musikjournalisten eine merkwürdige Verschwörungstheorie, der zufolge Tom Waits seinen Alkoholismus nur vortäuschte. Darüber wurden Artikel und ganze Bücher verfasst. Zwar ist es sehr wahrscheinlich, dass Waits sein Gossendichter-Image aus theatralischen Gründen überhöhte, aber über seinen Alkoholismus spricht er seit Jahren offen. Beispielsweise sagte er 2006 in einem Interview mit dem Guardian: »Ich hatte ein Problem, ein Alkoholproblem, viele sehen darin ein Berufsrisiko. Meine Frau hat mir das Leben gerettet.« Siehe Sean O’Hagan: »Off Beat«, Guardian, 28. Oktober 2006, https://www.theguardian.com/music/2006/oct/29/popandrock1.

9 Xenophon, Memorabilia, Übers. Amy L. Bonnette (Ithaca, NY: Cornell University Press, 2014), Buch 3, Kap. 9, S. 5. Deutsche Ausgabe: Erinnerungen an Sokrates (Reclam, 1997).

10 René Descartes, The Philosophical Works of Descartes, Übers. Elizabeth S. Haldane und G. R. T. Ross (1637; repr. New York: Cambridge University Press (1970), 1:101).

11 Kant vertrat den Standpunkt, die Vernunft sei die Wurzel aller Tugend, und die Leidenschaften seien mehr oder weniger irrelevant. Kant war es egal, wie sich jemand fühlte. Hauptsache, er tat das Richtige. Aber zu Kant kommen wir noch in Kapitel 6. Siehe Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (Reclam, 1986).

12 Siehe Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur (Fischer, 2009).

13 Das weiß ich, weil ich leider Teil dieser Industrie bin. Scherzend nenne ich mich oft den »Guru, der Gurus hasst«. Tatsächlich halte ich den Großteil der Industrie für Kackscheiße. Im Leben geht es nicht darum, sich besser zu fühlen, sondern es geht darum, besser darin zu werden, sich schlecht zu fühlen.

14 Seit ewigen Zeiten teilen große Denker den menschlichen Geist in zwei oder drei Teile. Mein Konstrukt mit den »zwei Gehirnen« fasst nur die Konzepte früherer Denker zusammen. Laut Platon hat die Seele drei Teile: den vernünftigen (Denkhirn), den begehrenden und den muthaften (Fühlhirn). Hume meint, dass Erfahrungen entweder Eindrücke (Fühlhirn) oder Ideen (Denkhirn) sein können. Freud kam auf das Ich (Denkhirn) und das Es (Fühlhirn). Neuerdings verwenden Daniel Kahneman und Amon Tversky ihre zwei Systeme, System 1 (Fühlhirn) und System 2 (Denkhirn), oder wie Kahnemann es in seinem Buch Thinking: Fast and Slow (New York: Farrar, Straus and Giroux, 2011; deutsche Ausgabe: Schnelles Denken, langsames Denken, Siedler, 2012) ausdrückt: das Gehirn arbeitet mal »langsam« und mal »schnell«.

15 Die Theorie von der »Willenskraft als Muskel« ist akademisch unter Beschuss geraten. In mehreren großen Studien konnte das Phänomen der »Ich-Erschöpfung« nicht repliziert werden. Einige Metastudien haben signifikante Ergebnisse festgestellt, andere dagegen nicht. Zurzeit scheint diese Frage also noch offen zu sein.

16 Damásio, Descartes’ Error, S. 128–30. Deutsche Ausgabe: Descartes’ Irrtum.

17 Kahneman, Thinking: Fast and Slow, S. 31. Deutsche Ausgabe: Schnelles Denken, langsames Denken.

18 Jonathan Haidt, The Happiness Hypothesis: Finding Modern Truth in Ancient Wisdom (New York: Penguin Books, 2006), S. 2–5. Haidt zufolge stammt die Elefantenmetapher von Buddha selbst. Deutsche Ausgabe: Die Glückshypothese: Was uns wirklich glücklich macht. Die Quintessenz aus altem Wissen und moderner Glücksforschung (VAK, 2014).

19 Die alberne Clownsauto-Metapher erklärt ziemlich gut, wie Beziehungen zwischen Narzissten zustande kommen. Jeder, der seelisch gesund ist, dessen Bewusstsein kein Clowns-Auto ist, hört ein Clowns-Auto schon kilometerweit kommen und kann ihm so gut es geht ausweichen. Aber wer selbst in einem Clowns-Auto sitzt, hört die Zirkusmusik anderer Clowns-Autos nicht, weil die eigene Zirkusmusik sie übertönt. Das andere Auto klingt dann völlig normal, und man geht eine Beziehung ein. Da man gesunde Bewusstseinsautos für langweilig und uninteressant hält, schlittert man von einer toxischen Beziehung in die nächste.

20 Manche Gelehrte glauben, Platon habe sein Werk Der Staat als Reaktion auf die politischen Tumulte und Gewaltausbrüche im damaligen Athen geschrieben. Siehe The Republic of Plato, Übers. Allan Bloom (New York: Basic Books, 1968), S. xi. Deutsche Ausgabe: Der Staat.

21 Das Christentum holte sich einen großen Teil seiner Moralphilosophie bei Platon und bewahrte daher seine Werke besser auf als die anderer Philosophen. Stephen Greenblatt schreibt in The Swerve: How the World Became Modern (New York: W. W. Norton and Company, 2012, deutsche Ausgabe: Die Wende: Wie die Renaissance begann, Siedler, 2011), dass die frühen Christen an den Ideen von Platon und Aristoteles festhielten, weil beide an die Trennung von Körper und Seele glaubten. Die Vorstellung einer separaten Seele passte zum christlichen Glauben an ein Jenseits. Diese Vorstellung liegt auch der klassischen Annahme zugrunde.

22 Steven Pinker, The Better Angels of Our Nature, S. 4–18. Deutsche Ausgabe: Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit (Fischer, 2013). Das mit den abgehackten Eiern ist natürlich meine Ausschmückung.

23 Ebd., S. 482–88.

24 Das oft wiederholte Motto von Woodstock und großen Teilen der Freie-Liebe-Bewegung der 1960er-Jahre lautete: »Tu, was sich gut anfühlt!« Es bildet immer noch die Grundlage für viele heutige New-Age- und Gegenkulturströmungen.

25 Ein schönes Beispiel für Zügellosigkeit im Namen der Spiritualität zeigt die Netflix-Doku Wild Wild Country (2018) über den spirituellen Guru Bhagwan Shree Rajneesh (genannt Osho) und seine Anhängerschaft.

26 Diese Tendenz der spirituellen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, hemmungslose Emotionalität mit spiritueller Erweckung zu verwechseln, hat der brillante Autor Ken Wilber am treffendsten beschrieben. Er nennt es die Prä/Trans-Verwechslung: Emotionen seien prärational, spirituelle Erweckung dagegen transrational, und da beide nichtrational seien, würden sie oft verwechselt. Siehe Ken Wilber, Eye to Eye: The Quest for a New Paradigm (Boston, MA: Shambhala, Inc., 1983), S. 180–221. Deutsche Ausgabe: Die drei Augen der Erkenntnis.

27 A. Aldao, S. Nolen-Hoeksema und S. Schweizer, S., »Emotion-Regulation Strategies Across Psychopathology: A Meta-analytic Review«, Clinical Psychology Review 30 (2010): 217–37.

28 Olga M. Slavin-Spenny, Jay L. Cohen, Lindsay M. Oberleitner und Mark A. Lumley, »The Effects of Different Methods of Emotional Disclosure: Differentiating Post-traumatic Growth from Stress Symptoms«, Journal of Clinical Psychology 67, Ausgabe 10 (2011): 993–1007.

29 Die Technik, bevorzugte Verhaltensweisen als Belohnung einzusetzen, wird nach dem Psychologen David Premack »Premack-Prinzip« genannt. Siehe Jon E. Roeckelein, Dictionary of Theories, Laws, and Concepts in Psychology (Westport, CT: Greenwood Press, 1998), S. 384.

30 Dass man bei Verhaltensänderungen am besten klein anfängt, empfehle ich auch unter »The Do Something Principle« in meinem vorigen Buch The Subtle Art of Not Giving a F*ck: A Counterintuitive Approach to Living a Good Life (New York: HarperOne, 2016), S. 158–63. Deutsche Ausgabe: Die subtile Kunst des Daraufscheißens (mvg Verlag, 2017), S. 169 unter »Das ›Tu einfach was‹-Prinzip«.

31 Unter »Leitplanken« für das Bewusstseinsauto kann man sich beispielsweise kleine Wenn/Dann-Gewohnheiten vorstellen, die das Verhalten unbewusst steuern. Siehe S. M. Gollwitzer und V. Brandstaetter, »Implementation Intentions and Effective Goal Pursuit«, Journal of Personality and Social Psychology 73 (1997): 186–99.

32 Damásio, Descartes’ Error, S. 173–200. Deutsche Ausgabe: Descartes’ Irrtum.

33 In der Philosophie ist dies als »Humes Gesetz« bekannt: Aus einem Sein kann man kein Sollen ableiten. Man kann Werte nicht aus Sachverhalten erzeugen. Man kann Fühlhirnwissen nicht aus Denkhirnwissen herleiten. Humes Gesetz macht die Philosophen und Naturwissenschaftler schon seit Jahrhunderten kirre. Manche Denker versuchen sie mit dem Hinweis zu widerlegen, dass man Sachwissen über Werte haben kann. Wenn ich beispielsweise glaube, das Leiden schlecht ist, dann ist das eine meinen Glauben betreffende Tatsache, was aber nicht bedeutet, dass mein Glauben eine Tatsache ist. Anders gesagt können Tatsachen auf Werten basieren, aber Werte nicht auf Tatsachen.

Kapitel 3: Newtons Grundgesetze der Erregung

1 Die biografischen Abschnitte dieses Kapitels sind historische Fiktion.

2 Newton hat das als Teenager tatsächlich in sein Tagebuch geschrieben. Vgl. James Gleick, Isaac Newton (New York: Vintage Books, 2003), S. 13. Deutsche Ausgabe: Isaac Newton: Die Geburt des modernen Denkens (Patmos Verlag, 2004).

3 Nina Mazar und Dan Ariely, »Dishonesty in Everyday Life and Its Policy Implications«, Journal of Public Policy and Marketing 25, Ausgabe 1 (Frühjahr 2006): 117–26.

4 Nina Mazar, On Amir und Dan Ariely, »The Dishonesty of Honest People: A Theory of Self-Concept Maintenance«, Journal of Marketing Research 45, Ausgabe 6 (Dezember 2008): 633–44.

5 Für den Fall, dass Newton Ihnen unbekannt ist, weil Sie im Physikunterricht nicht aufgepasst haben: Newton hat quasi im Alleingang die moderne Physik aus der Taufe gehoben. Was die Bedeutung seiner Entdeckungen anbelangt, so ist er der wohl einflussreichste Denker der Weltgeschichte. Zu den zahlreichen von ihm erstmals beschriebenen physikalischen Konzepten (Trägheit, Aktion et cetera) zählen auch seine drei Grundgesetze der Bewegung. Hier präsentiere ich Newtons drei Grundgesetze der Erregung – als vorwitzige Abwandlung eines echten Klassikers.

6 Vgl. Michael Tomasello, A Natural History of Human Morality (Cambridge, MA: Harvard University Press, 2016), S. 78–81. Deutsche Ausgabe: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral (Suhrkamp, 2016).

7 Damasio, Descartes’ Error, S. 172–89. Deutsche Ausgabe: Descartes’ Irrtum.

8 Darum ist passiv-aggressives Verhalten in Beziehungen schädlich: Es legt nicht ausdrücklich fest, wo jemand eine moralische Diskrepanz sieht. Stattdessen schafft es einfach nur eine neue Diskrepanz. Man könnte sagen, dass die Wurzel interpersoneller Konflikte in der unterschiedlichen Wahrnehmung moralischer Diskrepanzen liegt. Mein Gegenüber dachte, dass ich mich wie ein Arschloch aufführe. Ich dachte, dass ich einfach nur nett bin. Deshalb haben wir einen Konflikt. Aber wenn wir nicht offen über unsere Wertvorstellung und unsere Wahrnehmung sprechen, werden wir nie in der Lage sein, einen Ausgleich zu schaffen oder unsere Beziehung wieder mit Hoffnung zu füllen.

9 Das ist ein Beispiel für intrinsische Motivation – wenn keine äußere Belohnung, sondern die schlichte Freude darüber, eine Sache gut zu machen, uns dazu motiviert, diese Sache weiterhin zu machen. Vgl. Edward L. Deci und Richard M. Ryan, Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior (New York: Plenum Press, 1985), S. 5–9.

10 Man könnte sagen, dass negative Emotionen dem Gefühl des Kontrollverlustes entspringen, während das Gefühl von Kontrolle zu positiven Emotionen führt.

11 Vgl. Michael Tomasello, A Natural History of Human Morality, S. 13–14. Deutsche Ausgabe: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral.

12 Robert Axelrod, The Evolution of Cooperation (New York: Basic Books, 1984), S. 27–54. Deutsche Ausgabe: Die Evolution der Kooperation (De Gruyter Oldenbourg, 2009).

13 Das findet sich auch bei David Hume, An Enquiry Concerning Human Understanding, herausgegeben von Eric Steinberg (1748; Nachdruck, Indianapolis, In: Hackett Classics, 2. Auflage, 1993). Deutsche Ausgabe: Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand (Suhrkamp Verlag, 2007) sowie ebenfalls bei Hume, A Treatise on Human Nature. Deutsche Ausgabe: Ein Traktat über die menschliche Natur. Teilband 2: Buch II. Über die Affekte (Meiner, 2013).

14 Er hat den Begriff zwar nicht erfunden, aber mein Dank gilt hier dem Psychologen Jordan Peterson, der die »Wertehierarchie« in seinen Interviews und Vorlesungen der letzten Jahre populär gemacht hat.

15 Mark Manson, The Subtle Art of Not Giving a F*ck, S. 81–89. Deutsche Ausgabe: Die subtile Kunst des Daraufscheißens, S. 89–98.

16 Martin E. P. Seligman, Helplessness: On Depression, Development, and Death (New York: Times Books, 1975). Deutsche Ausgabe: Erlernte Hilflosigkeit (Beltz, 2010).

17 Es gibt eine dritte Alternative: Wir können es generell ablehnen, das Vorhandensein einer moralischen Diskrepanz anzuerkennen. Das könnte man dann Vergebung nennen.

18 Interessanterweise rechtfertigen narzisstische Menschen sogar ihren Schmerz mit ihrer Überlegenheit. Denken wir nur an Sätze wie: »Die hassen mich, weil sie neidisch auf mich sind.«; »Die greifen mich an, weil sie Angst vor mir haben.«; »Die wollen bloß nicht zugeben, dass ich besser bin als sie.« Das Fühlhirn stellt den Selbstwert einfach auf den Kopf: Wir werden nicht angegriffen, weil wir scheiße sind; wir werden angegriffen, weil wir großartig sind! Der Narzisst springt also einfach von dem Gefühl, dass sein Selbst nichts verdient, zu dem Gefühl, dass sein Selbst alles verdient.

19 Ironischerweise hatte er gewissermaßen recht. Der Friedensvertrag von Versailles verringerte Deutschlands Wirtschaftskraft drastisch und war für viele der nationalen Missstände verantwortlich, die Hitler den Weg zur Macht ebneten. Sein »Sie hassen uns, weil wir so großartig sind«-Narrativ hallte zweifellos bei der stark gebeutelten deutschen Bevölkerung nach.

20 Ich beziehe mich hier auf Elliot Rodger, der sein gruseliges Video unter dem Titel Elliot Rodger’s Retribution auf YouTube postete und direkt im Anschluss zu besagtem Studentinnenwohnheim fuhr.

21 Selbstwert ist eine Illusion, weil alle Werte illusorisch sind und auf Glauben basieren (siehe auch Kapitel 4) und weil das Selbst selbst eine Illusion ist. Für eine weitere Ausführung zu diesem zweiten Gedanken empfehle ich Sam Harris, Waking Up: A Guide to Spirituality Without Religion (New York: Simon and Schuster, 2014), S. 81–116. Deutsche Ausgabe: Erwachen: Spiritualität jenseits von Glaube und Religion (Edition Spuren, 2019).

22 David Foster Wallace sprach in seiner wunderbaren Rede This Is Water über diese »Werkseinstellung« des Bewusstseins: David F. Wallace, This is Water: Some Thoughts, Delivered on a Significant Occasion, About Living a Compassionate Life (New York: Little, Brown and Company, 2009), S. 44–45. Deutsche Ausgabe: Das hier ist Wasser / This is Water: Anstiftung zum Denken, Zweisprachige Ausgabe, (KiWi-Taschenbuch, 2012).

23 Dieses Phänomen ist gemeinhin unter dem Namen Dunning-Kruger-Effekt bekannt, benannt nach den Wissenschaftlern, die ihn zuerst beschrieben haben. Vgl. Justin Kruger und David Dunning, »Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One’s Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments«, Journal of Personality and Social Psychology 77, Ausgabe 6 (1999): 1121–34.

24 Max H. Bazerman und Ann E. Tenbrunsel, Blind Spots: Why We Fail to Do What’s Right and What to Do About It (Princeton, NJ: Princeton University Press, 2011).

25 Das Phänomen ist unter dem Namen Falscher-Konsensus-Effekt bekannt. Vgl. Thomas Gilovich, »Differential Construal and the False Consensus Effect«, Journal of Personality and Social Psychology 59, Ausgabe 4 (1990): 623–34.

26 Ein Gruß an den verstorbenen TV-Maler Bob Ross (Ruhe in Frieden!), der zu sagen pflegte: »Fehler gibt es nicht, es gibt nur glückliche Unfälle.«

27 Dieses Phänomen ist unter dem Namen »Akteur-Beobachter-Unterschied« bekannt, und es erklärt, warum jeder Mensch ein Arschloch ist. Vgl. Edward Jones und Richard Nisbett, The Actor and the Observer: Divergent Perceptions of the Causes of Behavior (New York: General Learning Press, 1971).

28 Grundsätzlich gilt: Je mehr Schmerz wir erleiden, desto größer ist die moralische Diskrepanz, und je größer die moralische Diskrepanz ist, desto mehr entmenschlichen wir uns und/oder andere. Und je mehr wir uns und/oder andere entmenschlichen, desto leichtfertiger rechtfertigen wir das Leid, dass wir uns selbst oder anderen zufügen.

29 Die korrekte Antwort wäre hier (c) Manche Jungs sind scheiße. Aber wenn wir extremen Schmerz erleiden, ist unser Fühlhirn nicht in der Lage zu differenzieren und erzeugt intensive Gefühle hinsichtlich ganzer Erfahrungskategorien.

30 Hier sind offenkundig viele Variablen zu beachten: Die ursprüngliche Wertehierarchie des Mädchens, ihr Selbstwert, die Art des Beziehungsabbruchs, ihre Fähigkeit, Intimität einzugehen, ihr Alter, ihre Ethnie, ihre kulturellen Werte und so weiter.

31 Eine computergenerierte Modellstudie fand 2016 heraus, dass es sechs Arten von Geschichten gibt: Aufstieg (vom Tellerwäscher zum Millionär), Fall (vom Millionär zum Tellerwäscher), Aufstieg und Fall (Ikarus), Fall und Aufstieg (Mann in Loch), Aufstieg und Fall und Aufstieg (Aschenputtel), Fall und Aufstieg und Fall (Ödipus). Das sind im Wesentlichen alles Variationen derselben gut/schlecht-Erfahrung, zuzüglich gut/schlecht-Verdienen. Vgl. Adrienne LaFrance, »The Six Main Arcs in Storytelling, as Identified by an A.I.«, The Atlantic, 12. Juli, 2016, https://www.theatlantic.com/technology/archive/2016/07/the-six-main-arcs-in-storytelling-identified-by-a-computer/490733/

32 Die Psychologie befindet sich mitten in einer Reproduzierbarkeitskrise, was bedeutet, dass ein großer Prozentsatz der bedeutenden Studienergebnisse sich in weiteren Experimenten nicht reproduzieren lässt. Vgl. Ed Yong, »Psychology’s Replication Crisis Is Running Out of Excuses«, The Atlantic, 18. November 2018, https://www.theatlantic.com/science/archive/2018/11/psychologys-replication-crisis-real/576223/.

33 Division of Violence Prevention, »The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study«, National Center for Injury Prevention and Control, Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, GA, Mai 2014, https://www.cdc.gov/violenceprevention/acestudy/index.html.

34 Der echte Newton war übrigens ein cholerisches, rachsüchtiges Arschloch. Und ja, ein Eigenbrötler war er auch. Dem Anschein nach starb er als Jungfrau. Und Aufzeichnungen legen nahe, dass er ziemlich stolz auf diesen Umstand war.

35 Das wurde von Freud fälschlicherweise als Unterdrückung identifiziert. Er glaubte, dass wir unser Leben damit verbringen, schmerzhafte Kindheitserinnerungen zu unterdrücken, und indem wir sie uns wieder ins Bewusstsein rufen, befreien wir die negativen Erinnerungen, die sich in uns aufgestaut haben. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass es kaum Nutzen hat, sich an Traumata aus der Vergangenheit zu erinnern. Die meisten Therapien konzentrieren sich heutzutage weniger auf die Vergangenheit; es geht eher darum zu lernen, wie man mit zukünftigen Emotionen umgeht.

36 Menschen verwechseln den Wertekern oft mit der Persönlichkeit (und umgekehrt). Persönlichkeit ist so ziemlich unveränderbar. Laut dem Persönlichkeitsmodell »Big Five« setzt sich eine Persönlichkeit aus fünf wesentlichen Merkmalen zusammen: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Unser Wertekern setzt sich aus Urteilen zusammen, die wir früh im Leben getroffen haben – teilweise auf Basis unserer Persönlichkeit. Zum Beispiel bin ich vielleicht neuen Erfahrungen gegenüber sehr aufgeschlossen, was mich früh dazu bringt, Neugier und Erforschung von klein auf zu wertschätzen. Dieser früh gefasste Wert wird sich dann auf spätere Erfahrungen auswirken und zum Fassen verwandter Werte führen. Unser Wertekern lässt sich nur mit Mühe freilegen und ändern. Persönlichkeit lässt sich kaum verändern – wenn überhaupt. Für mehr Informationen zum Big-Five-Persönlichkeitsmodell: Thomas A. Widiger, The Oxford Handbook of the Five Factor Model (New York: Oxford University Press, 2017).

37 William Swann, Peter Rentfrow, und Jennifer Sellers, »Self-verification: The Search for Coherence«, Handbook of Self and Identity (New York: Guilford Press, 2003), S. 367–83.

38 Das ist dieser Gesetz-der-Anziehung-Unfug, der schon seit Ewigkeiten durch die Selbsthilfe-Industrie geistert. Ausführlich zerlegt wird dieser Quatsch hier: Mark-Manson.net, 26. Februar 2015, https://markmanson.net/the-secret.

39 Die Fähigkeit, sich an vergangene Erfahrungen zu erinnern und zukünftige Erfahrungen vorherzusagen, erlangen wir erst mit der Entwicklung des präfrontalen Cortex (das ist der neurologische Name für unser Denkhirn). Vgl. Y. Yang und A. Raine, »Prefrontal Structural and Functional Brain Imaging Findings in Antisocial, Violent, and Psychopathic Individuals: A Meta-analysis«, Psychiatry Research 174, Ausgabe 2 (November 2009): 81–88.

40 Jocko Willink, Discipline Equals Freedom: Field Manual (New York: St. Martin’s Press, 2017), S. 4–6. Deutsche Ausgabe: Der Weg der Disziplin: Wie man Schwächen besiegt, Angst überwindet und den Weg zur inneren Ruhe findet (mvg Verlag, 2018).

41 Martin Lea und Steve Duck, »A Model for the Role of Similarity of Values in Friendship Development«, British Journal of Social Psychology 21, Ausgabe 4 (November 1982): 301–10.

42 Diese Metapher besagt im Wesentlichen, dass, je höher wir einen Wert halten, desto weniger sind wir willens, diesen Wert zu hinterfragen oder zu ändern. Umso schmerzhafter ist es daher, wenn dieser Wert uns im Stich lässt.

43 Freud sprach vom Narzissmus der kleinen Unterschiede und hielt fest, dass für gewöhnlich innerhalb der sozialen Gruppen, deren Mitglieder die meisten Gemeinsamkeiten haben, der größte Hass aufeinander herrscht. Vgl. Sigmund Freud, Civilization and Its Discontents, übersetzt von David McLintock (1941; Nachdruck New York: Penguin Books, 2002), S. 50–51. Deutsche Ausgabe: Das Unbehagen in der Kultur.

44 Vgl. Michael Tomasello, A Natural History of Human Morality, S. 85–93. Deutsche Ausgabe: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral.

45 Dieses Konzept ist unter dem Namen Kulturgeografie bekannt. Eine faszinierende Ausführung finden Sie hier: Jared Diamond, Guns, Germs and Steel: The Fates of Human Societies (New York: W. W. Norton and Company, 1997). Deutsche Ausgabe: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften (S. Fischer, 1999).

46 Vgl. Michael Tomasello, A Natural History of Human Morality, S. 114–15. Deutsche Ausgabe: Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral.

47 Oder, wie der Militärwissenschaftler Carl von Clausewitz es so schön formulierte: »Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.«

48 Die Grundgesetze der Bewegung des echten Newton dienten auch zwanzig Jahre lang als Staubfänger, bevor er sie wieder hervorkramte und anderen Leuten zeigte.

Kapitel 4: Wie du alle deine Träume verwirklichst

1 Gustave Le Bon, The Crowd: A Study of the Popular Mind (1896; Nachdruck New York: Dover Publications, 2002), S. 14. Deutsche Ausgabe: Psychologie der Massen (Historia Media EOOD, 2018).

2 Jonathan Haidt nennt dieses Phänomen die Schwarm-Hypothese. Siehe Jonathan Haidt, The Righteous Mind: Why Good People Are Divided by Politics and Religion (New York: Vintage Books, 2012), S. 261–70.

3 Le Bon, The Crowd, S. 24–29. Deutsche Ausgabe: Psychologie der Massen.

4 Barry Schwartz und Andrew Ward, »Doing Better but Feeling Worse: The Paradox of Choice«, in S. Alex Linley und Stephen Joseph: Positive Psychology in Practice (Hoboken, NJ: John Wiley and Sons, 2004), S. 86–103.

5 Heranwachsende Gehirne entwickeln sich bis ins Alter weit jenseits der Zwanzig, besonders die mit Entscheidung befassten Hirnregionen. Siehe S. B. Johnson, R. W. Blum, und J. N. Giedd, »Adolescent Maturity and the Brain: The Promise and Pitfalls of Neuroscience Research in Adolescent Health Policy«, Journal of Adolescent Health: Official Publication of the Society for Adolescent Medicine 45, Ausgabe 3 (2009): 216–21.

6 S. Choudhury, S. J. Blakemore, und T. Charman, »Social Cognitive Development During Adolescence«, Social Cognitive and Affective Neuroscience 1, Ausgabe 3 (2006): 165–74.

7 Die Arbeit an der Identitätsdefinition ist das wichtigste Projekt des Jugend- und frühen Erwachsenenalters. Siehe Erik H. Erikson, Childhood and Society (New York: W. W. Norton and Company, 1963), S. 261–65. Deutsche Ausgabe: Kindheit und Gesellschaft (Klett-Cotta 2005).

8 Ich vermute, dass Leute wie LaRouche nicht bewusst andere ausnutzen. Eher ist LaRouche selbst in einer jugendlichen Reifungsphase seelisch steckengeblieben und verfolgt daher unreife Ziele, die andere verirrte, unreife Menschen ansprechen. Siehe Kapitel 6.

9 Der Dialog beruht ungefähr auf meiner Erinnerung. Es ist 15 Jahre her, daher weiß ich verständlicherweise nicht mehr genau, was gesagt wurde.

10 Als ich herausfinden wollte, wo Sagan diesen Ausspruch äußerte, erfuhr ich, dass es sich damit wie mit den meisten im Internet gefundenen Sprüchen verhielt: Jemand anderer hat ihn getätigt, und zwar 15 Jahre vor Sagan. Professor Walter Kotschnig ist 1940 der Erste, der damit überliefert ist. Siehe https://quoteinvestigator.com/2014/04/13/open-mind/.

11 Eric Hoffer, The True Believer: Thoughts on the Nature of Mass Movements (New York: Harper Perennial, 1951), S. 3–11. Deutsche Ausgabe: Der Fanatiker: Eine Pathologie des Parteigängers (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1965).

12 Ebd., S. 16–21.

13 Ebd., S. 26–45.

14 Das Interessante an Jesus ist, dass er den historischen Quellen zufolge wahrscheinlich als politischer Extremist begann, als Anführer eines versuchten Aufstands gegen die Besatzung Israels durch das Römische Reich. Erst nach seinem Tod mutierte seine ideologische Religion zu einer eher spirituellen. Siehe Reza Aslan, Zealot: The Life and Times of Jesus of Nazareth (New York: Random House Books, 2013). Deutsche Ausgabe: Zelot: Jesus von Nazareth und seine Zeit (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2013).

15 Dieser Gedankengang entspringt Karl Poppers Idee der Falsifizierbarkeit. Popper leitete aus den Arbeiten von David Hume die Feststellung ab, dass man, egal wie oft etwas in der Vergangenheit passiert ist, nie logisch beweisen kann, dass es in Zukunft wieder passieren wird. Die Tatsache, dass die Sonne seit Jahrtausenden im Osten auf- und im Westen untergeht, und dass niemand je etwas Gegenteiliges erlebt hat, beweist nicht, dass die Sonne morgen im Osten aufgehen wird. Ableiten können wir daraus nur die überwältigende Wahrscheinlichkeit, dass dem so sein wird. Popper zufolge lässt sich empirisches Wissen nicht durch experimentellen Beweis erwerben, sondern nur durch Falsifizierbarkeit. Dinge können nie bewiesen werden, nur widerlegt. Daher muss auch an so etwas Triviales wie den östlichen Sonnenaufgang in gewissem Maße einfach so geglaubt werden, auch wenn sein Eintreten fast ganz sicher ist. Poppers Ideen sind wichtig, weil sie logisch nachweisen, dass selbst wissenschaftliche Fakten auf einem Quäntchen Glauben beruhen. Man kann ein Experiment millionenfach wiederholen und jedes Mal zum gleichen Ergebnis kommen, aber das bedeutet nicht, dass es beim eine Million und ersten Mal erneut eintritt. An einem bestimmten Punkt beschließen wir, darauf zu vertrauen, dass es weiterhin eintreten wird, weil die Ergebnisse statistisch so schwer wiegen, dass es Wahnsinn wäre, ihnen keinen Glauben zu schenken. Mehr zu Poppers Idee der Falsifizierbarkeit ist bei Karl Popper, The Logic of Scientific Discovery (1959; Nachdruck New York: Routledge Classics, 1992). Deutsche Ausgabe: Logik der Forschung. Zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft (1934; Mohr Siebeck, 2005) zu finden. Interessant finde ich, dass seelische Krankheiten, die Wahnvorstellungen oder Halluzinationen auslösen, womöglich im Grunde Fehlfunktionen des Glaubens sind. Die meisten von uns nehmen es als gegeben hin, dass die Sonne im Osten aufgeht, dass Gegenstände mit einer bestimmten Geschwindigkeit zu Boden fallen, und dass wir nicht einfach davonschweben, weil die Schwerkraft Kaffeepause macht. Aber für jemanden, der sich mit Glauben und Vertrauen, egal woran und worin, grundsätzlich schwertut, können diese Möglichkeiten quälend real sein und sie können ihn verrückt machen.

16 Glaubenssache ist auch die Annahme, dass deine Scheißwelt real ist, und dass du kein im Nichts schwebendes Hirn bist und dir deine Sinneswahrnehmungen nur einbildest. Woher weißt du, dass irgendetwas existiert? Das ergründet René Descartes in seinen Meditationen über die Erste Philosophie.

17 Der Begriff »Atheist« kann Unterschiedliches bezeichnen. Hier geht es mir nur um die Feststellung, dass wir alle irgendwelche Werte und Glaubensvorstellungen einfach so hinnehmen müssen, auch wenn es sich nicht um Übernatürliches handelt. Siehe John Gray, Seven Types of Atheism (New York: Farrar, Straus and Giroux, 2018).

18 David Hume, A Treatise of Human Nature (1739, 4. Teil, 1. Abschnitt). Deutsche Ausgabe: Ein Traktat über die menschliche Natur: »Damit schlägt alles Wissen in bloße Wahrscheinlichkeit um. Diese Wahrscheinlichkeit ist größer oder geringer, je nach unseren Erfahrungen über die Zuverlässigkeit oder Trüglichkeit unseres Verstandes und je nach der Einfachheit oder Schwierigkeit der Frage, um die es sich handelt.«

19 Ein Gotteswert ist nicht das Gleiche wie Pascals »Loch, in das nur Gott hineinpasst«. Pascal zufolge ist die Sehnsucht des Menschen unersättlich, und daher kann nur etwas Unendliches sie befriedigen – also Gott. Ein Gotteswert ist insofern etwas anderes, als dass er einfach an der Spitze der Wertehierarchie steht. Man kann sich elend und leer fühlen, obwohl man einen Gotteswert hat. Dieser ist wahrscheinlich sogar der Grund für das Gefühl des Elends und der Leere.

20 Mehr dazu, wie ein oberflächlicher Gotteswert wie Geld das Leben prägt, bei M. Manson, »How We Judge Others Is How We Judge Ourselves«, markmanson.net, 9. Januar 2014, https://mark-manson.net/how-we-judge-others.

21 Wie Geld, Staat oder Volkszugehörigkeit ist auch das »Selbst« ein willkürliches, auf Glauben beruhendes geistiges Konstrukt. Es gibt keinen Beweis dafür, dass dein gefühltes Ich tatsächlich existiert. Eher ist es ein Gewebe aus bewussten Erfahrungen, eine Verknüpfung aus Sinn und Sinnlichkeit. Siehe Derek Parfit, Reasons and Persons (Cambridge, UK: Cambridge University Press, 1984), S. 199–280.

22 Ungesunde Beziehungen lassen sich mit unterschiedlichen Begriffen beschreiben; ich habe den Begriff Co-Abhängigkeit gewählt, weil er relativ weit verbreitet ist. Er entstammt dem Sprachgebrauch der Anonymen Alkoholiker (AA). Alkoholabhängigen fiel auf, dass ihre Freunde und Verwandten ebenso abhängig von der Fürsorge für sie zu sein schienen wie sie selbst von der Flasche. Der Alkoholiker brauchte Alkohol, um sich gut und normal zu fühlen, seine Mitmenschen dagegen waren »co-abhängig« in dem Sinne, dass sie seine Alkoholsucht nutzten, um sich gut zu fühlen. Der Begriff der Co-Abhängigkeit hat sich inzwischen verallgemeinert: Jede Person, die »abhängig« davon wird, jemand anderen zu unterstützen und daraus Bestätigung zu ziehen, kann als co-abhängig beschrieben werden. Co-Abhängigkeit ist eine seltsame Form von Anbetung. Der oder die andere wird auf ein Podest gestellt und zum Mittelpunkt der Welt gemacht, zum Objekt aller Gedanken und Gefühle und zur Wurzel jeglichen Selbstwerts. In anderen Worten, der oder die andere wird zum Gotteswert. Dies führt leider zu extrem destruktiven Beziehungen. Siehe Melody Beattie, Codependent No More: How to Stop Controlling Others and Care for Yourself (Center City, MN: Hazelden Publishing, 1986). Deutsche Ausgabe: Die Sucht, gebraucht zu werden (Heyne 2004); sowie Timmen L. Cermak MD, Diagnosing and Treating Co-Dependence: A Guide for Professionals Who Work with Chemical Dependents, Their Spouses, and Children (Center City, MN: Hazelden Publishing, 1998).

23 Siehe Anmerkung 33, Kapitel 2 über »Humes Gesetz«.

24 Der Schwarze Tod raffte im 14. Jahrhundert in Europa zwischen 100 und 200 Millionen Menschen dahin und reduzierte die Bevölkerung damit um 30 bis 60 Prozent.

25 Dies bezieht sich auf den berüchtigten Kinderkreuzzug von 1212. Nachdem die Christen es in mehreren Kreuzzügen nicht geschafft hatten, das Heilige Land von den Muslimen zurückzuerobern, zogen Zehntausende Kinder nach Italien, um die Muslime friedlich zu bekehren. Ein charismatischer Anführer hatte ihnen versprochen, dass sich das Mittelmeer vor ihnen teilen würde, sobald sie die Küste erreichten, und dass sie dann zu Fuß nach Jerusalem gelangen würden. Achtung Spoiler! Das Meer teilte sich nicht. Stattdessen wurden die Kinder auf Handelsschiffe verladen und nach Tunesien gebracht, wo die meisten von ihnen als Sklaven verkauft wurden.

26 Eine interessante Idee ist, dass Geld möglicherweise dazu erfunden wurde, um moralische Diskrepanzen zwischen Menschen zu dokumentieren. Wir erfanden das Konzept der Schuld, um moralische Diskrepanzen zu rechtfertigen – ich habe dir den und den Gefallen getan, jetzt schuldest du mir eine Gegenleistung. Geld wurde dann dazu erfunden, um über die ganze Gesellschaft verteilte Schulden zu dokumentieren. Dies ist als »Kredittheorie« des Geldes bekannt und wurde zuerst 1913 von Alfred Mitchell Innes in einem Artikel unter dem Titel »What Is Money?« vorgebracht. Einen Überblick über Innes und seine Kredittheorie bietet David Graeber, Debt: The First 5,000 Years, aktualisierte und erweiterte Ausgabe (2011; Nachdruck Brooklyn, NY: Melville House Publishing, 2014), S. 46–52. Eine interessante Erörterung über die Bedeutung von Schulden in der Gesellschaft gibt es bei Margaret Atwood, Payback: Debt and the Shadow Side of Wealth (Berkeley, CA: House of Anansi Press, 2007). Deutsche Ausgabe: Payback: Schulden und die Schattenseite des Wohlstands (Berlin 2014).

27 Okay, das mit der ethnischen Zugehörigkeit ist etwas kontrovers. Es gibt geringe biologische Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Herkunft, aber es ist ein will-kürlicher, auf Glauben beruhender Akt, aufgrund dieser Unterschiede Grenzen zwischen Menschen zu ziehen. Wer würde beispielsweise behaupten, dass alle Grünäugigen eine eigene Ethnie bilden? Stimmt, niemand. Aber hätte irgendein König vor Hunderten von Jahren bestimmt, dass Grünäugige eine eigene Rasse seien und entsetzliche Behandlung verdienten, würden wir uns heute noch mit politischen Streitereien um »Augenfarbismus« abplagen.

28 Wie ich mit diesem Buch.

29 Hier wäre wohl anzumerken, dass es in der Sozialwissenschaft eine Reproduzierbarkeitskrise gibt. Viele bedeutende Forschungsergebnisse in Psychologie, Wirtschaftswissenschaft und sogar Medizin lassen sich nicht zuverlässig reproduzieren. Selbst wenn wir also der Komplexität der Menschheit mit Messmethoden beikommen könnten, wäre es immer noch unglaublich schwierig, verlässliche empirische Belege dafür zu finden, dass eine Variable mehr Einfluss hat als die andere. Siehe Ed Yong, »Psychology’s Replication Crisis Is Running Out of Excuses«, The Atlantic, 19. November 2018, https://www.theatlantic.com/science/archive/2018/11/psychologys-replication-crisis-real/576223/.

30 Mein ganzes Leben lang hat mich fasziniert, wie Sportler erst Helden, dann Schurken und dann wieder Helden werden. Tiger Woods, Kobe Bryant, Michael Jordan und Andre Agassi waren in unseren Köpfen Halbgötter, bis sie durch Enthüllungen zu Parias wurden. Das erinnert an das, was ich in Kapitel 2 über den schnellen Wechsel zwischen Überlegenheit und Unterlegenheit sagte, wobei die Größe der moralischen Diskrepanz immer gleich bleibt. Die emotionale Reaktion auf jemandem wie Kobe Bryant bleibt gleich intensiv, egal ob er als Held oder Schurke wahrgenommen wird. Und diese Intensität richtet sich nach der Größe der moralischen Diskrepanz.

31 Ich grüße an dieser Stelle Yuval Noah Harari, der in seinem brillanten Buch Sapiens: A Brief History of Humankind (New York: HarperCollins, 2015; deutsche Ausgabe: Eine kurze Geschichte der Menschheit. DVA 2015) Regierungen, Finanzinstitute und andere soziale Strukturen als mythische Systeme beschreibt, die nur dank des gemeinsamen Glaubens der Bevölkerung existieren. Harari hat viele dieser Ideen als Erster geprägt, ich baue sie nur aus. Das ganze Buch ist lesenswert.

32 Die Paarbindung und der gegenseitige Altruismus sind zwei evolutionäre Strategien, die sich im Bewusstsein als emotionale Bindung zeigen.

33 In meinen Augen lassen sich »spirituelle Erfahrungen« am besten als Erfahrungen definieren, die das Ich überwinden. Demnach überschreitet dabei die Identität oder das »Selbst« den Körper und das Bewusstsein und weitet sich auf die gesamte wahrgenommene Realität aus. Solche Erfahrungen können auf unterschiedliche Weise erreicht werden: durch psychedelische Drogen, intensive, langanhaltende Meditation oder Augenblicke extremer Liebe und Leidenschaft. In solchen erhöhten Bewusstseinszuständen »verschmilzt« man mit dem Partner, fühlt sich wie ein Wesen und tritt vorübergehend in einen ichlosen Zustand ein. Wegen dieser »Verschmelzung« mit einem Menschen (oder dem Universum) werden spirituelle Erfahrungen oft als »Liebe« wahrgenommen, denn bei beidem wird die Ich-Identität aufgegeben und etwas Größeres bedingungslos angenommen. Eine coole, auf C. G. Jungs Psychologie beruhende Erklärung liefert Ken Wilber in No Boundary: Eastern and Western Approaches to Personal Growth (1979; Nachdruck Boston, MA: Shambhala, 2001). Deutsche Ausgabe: Wege zum Selbst (München 2008).

34 Mit der Industrialisierung eines Landes sinkt die Religiosität drastisch ab. Siehe Pippa Norris und Ronald Inglehart, Sacred and Secular: Religion and Politics Worldwide, 2. Ausg. (2004; Nachdruck New York: Cambridge University Press, 2011), S. 53–82.

35 René Girard, Things Hidden Since the Foundation of the World, Übers. Stephen Bann und Michael Metteer (Nachdruck 1978; Stanford, CA: Stanford University Press, 1987), S. 23–30. Deutsche Ausgabe: Das Ende der Gewalt (Herder, Freiburg 2009).

36 So wie man die Wissenschaft als Religion verstehen kann, bei der die Evidenz verehrt wird, kann man den Humanismus als Verehrung des menschlichen »Dazwischenseins« sehen – des Umstands, dass es keine guten oder schlechten Menschen gibt. Alexander Solschenizyn drückt es so aus: »Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft durch das Herz jedes Menschen.«

37 Leider sind solche Verschwörungstheorien heutzutage in den USA sehr beliebt.

38 Ich übertreibe ein bisschen, aber Menschenopfer kommen in fast jeder bekannten prähistorischen oder antiken Kultur vor. Siehe Nigel Davies, Human Sacrifice in History and Today (New York: Hippocrene Books, 1988). Deutsche Ausgabe: Opfertod und Menschenopfer: Glaube, Liebe und Verzweiflung in der Geschichte der Menschheit (Ullstein, Frankfurt 1983).

39 Eine interessante Erörterung des eingefleischten Schuldgefühls und der Rolle von Menschenopfern bietet Ernest Becker in Escape from Evil (New York, NY: Freedom Press, 1985).

40 Freud, Das Unbehagen in der Kultur.

41 Ebd.

42 Manson, The Subtle Art of Not Giving a F*ck, S. 23–29. Deutsche Ausgabe: Die subtile Kunst des Daraufscheißens, S. 29–36.

43 E. O. Wilson, On Human Nature (1978; Nachdruck Cambridge, MA: Harvard University Press, 2004), S. 169–92. Deutsche Ausgabe: Biologie als Schicksal. Die soziobiologischen Grundlagen des menschlichen Verhaltens (Ullstein, München 1980).

44 Das Vernunftdenken hört auf, sobald es um emotional aufgeladene Themen geht (also um Themen, die unsere höchsten Werte berühren). Siehe Vladimíra Čavojová, Jakub Šrol und Magdalena Adamus, »My Point Is Valid; Yours Is Not: My-Side Bias in Reasoning About Abortion«, Journal of Cognitive Psychology 30, Ausgabe 7 (2018): 656–69.

45 Womöglich sogar noch dümmer: Forschungen zufolge haben Menschen desto extremere politische Ansichten, je besser informiert und gebildet sie sind. Siehe T. Palfrey und K. Poole, »The Relationship Between Information, Ideology, and Voting Behavior«, American Journal of Political Science 31, Ausgabe 3 (1987): 511–30.

46 Diese Idee hat als Erster F. T. Cloak Jr. öffentlich gemacht: »Is a Cultural Ethology Possible?«, Human Ecology 3, Ausgabe 3 (1975): 161–82. Etwas weniger akademisch erklärt sie Aaron Lynch in Thought Contagion: How Beliefs Spread Through Society (New York: Basic Books, 1996), S. 97–134.

Kapitel 5: Hoffnung ist scheiße

1 Zum ersten Mal verkündete Nietzsche den Tod Gottes 1882 in seinem Buch Die fröhliche Wissenschaft, aber meist wird der Ausspruch mit Also sprach Zarathustra assoziiert, das zwischen 1883 und 1885 in vier Bänden erschien. Nach dem dritten Band wollte kein Verleger mehr etwas mit dem Projekt zu tun haben, sodass Nietzsche den vierten Teil mit zusammengeborgtem Geld selbst herausgeben musste. Dieser Band war es, von dem weniger als 40 Exemplare verkauft wurden. Siehe Sue Prideaux: I Am Dynamite!: A Life of Nietzsche (New York: Tim Dugan Books, 2018), S. 256–60.

2 Alles, was Nietzsche in diesem Kapitel äußert, ist aus seinen Schriften zitiert. Diese Stelle stammt aus F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, https://gutenberg.spiegel.de/buch/jenseitsvon-gut-und-bose-8646/6

3 Die Geschichte von Nietzsche und Meta, wie sie hier dargestellt ist, beruht lose auf seinen Sommern mit mehreren Frauen (auch Helen Zimmern und Resa von Schirnhofer) zwischen 1886 und 1887. Siehe Julian Young: Friedrich Nietzsche: A Philosophical Biography (Cambridge, UK: Cambridge University Press, 2010), S. 388–400.

4 Friedrich Nietzsche, Ecce Homo, https://gutenberg.spiegel.de/buch/ecce-homo-7354/5

5 Manche Anthropologen gehen so weit, dass sie die Landwirtschaft wegen der damit einhergehenden unausweichlichen Ungleichheit und Schichtbildung »den schlimmsten Fehler in der Geschichte der menschlichen Rasse« nennen. So etwa in Jared Diamonds berühmtem Aufsatz »The Worst Mistake in the History of the Human Race«, Discover, Mai 1987, http://discovermagazine.com/1987/may/02-the-worst-mistake-in-the-history-of-the-human-race.

6 Nietzsche beschreibt Herren- und Sklavenmoral zum ersten Mal in Jenseits von Gut und Böse: https://gutenberg.spiegel.de/buch/jenseits-von-gut-und-bose-8646/11, Absatz 260. Des Weiteren führt er den Gegensatz 1887 in Zur Genealogie der Moral aus. In der 2. Abhandlung der Genealogie (https://gutenberg.spiegel.de/buch/zur-genealogie-der-moral-3249/4) begegnete ich zum ersten Mal der Idee der moralischen Diskrepanz, die ich im 3. Kapitel behandle. Nietzsche zufolge beruht unsere individuelle Moral auf dem Gefühl der (ökonomischen) Schuld.

7 Haidt, The Righteous Mind, S. 182–89.

8 Richard Dawkins, The Selfish Gene: 30th Anniversary Edition (Oxford, UK: Oxford University Press, 2006), S. 189–200. Deutsche Ausgabe: Das egoistische Gen (Springer Spektrum 2014).

9 Interessant, dass die meisten polytheistischen Religionen nicht so versessen auf Bekehrung waren wie die monotheistischen. Den Griechen und Römern war es ganz recht, eroberten Kulturen ihren Glauben zu lassen. Erst mit der Sklavenmoral beginnen die religiösen Eroberungen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass Religionen mit Sklavenmoral Kulturen mit anderen Vorstellungen nicht tolerieren können. Die Sklavenmoral will, dass alle Welt gleich ist – und gleich kann nicht sein, wer sich unterscheidet. Daher müssen die fremden Kulturen bekehrt werden. Darin liegt auch der Grund für die paradoxe Tyrannei linksextremer Überzeugungen. Wenn die Gleichheit zum Gotteswert wird, werden Glaubensunterschiede nicht mehr toleriert. Und Glaubensunterschiede lassen sich nur mittels Totalitarismus beseitigen.

10 Siehe Pinker, Enlightenment Now, S. 7–28. Deutsche Ausgabe: Aufklärung Jetzt.

11 Was mich an Pinkers Buch am meisten stört, ist, dass er darin die wissenschaftliche Revolution mit der Philosophie der Aufklärung gleichsetzt. Die wissenschaftliche Revolution geht der Aufklärung aber voraus und ist nicht auf deren Humanismus angewiesen. Deshalb betone ich, dass die Wissenschaft, und nicht unbedingt die westliche Denkweise, das Beste ist, was in der Menschheitsgeschichte je passiert ist.

12 Die Schätzungen des Pro-Kopf-BIP beruhen auf Daten aus Angus Maddison, The World Economy: A Millennial Perspective, Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD), 2006, S. 30.

13 Es gibt Belege dafür, dass Bevölkerungen kurz nach Naturkatastrophen gläubiger werden. Siehe Jeanet Sinding Bentzen, »Acts of God? Religiosity and Natural Disasters Across Subnational World Districts«, University of Copenhagen Department of Economics Discussion Paper No. 15-06, 2015, http://web.econ.ku.dk/bentzen/ActsofGodBentzen.pdf.

14 Was Nietzsche über den Kommunismus dachte, ist nicht überliefert, aber er muss ihn zur Kenntnis genommen haben. Und angesichts seiner generellen Verachtung für Sklavenmoral hat er ihn sicherlich gehasst. Wegen seiner Ansichten in dieser Sache wurde er lange für einen Vorläufer des Nazismus gehalten, aber Nietzsche hasste auch den in seiner Zeit aufkeimenden deutschen Nationalismus und zerstritt sich deswegen mit mehreren Freunden (darunter Wagner). Nietzsches Schwester und ihr Mann waren glühende Nationalisten und Antisemiten. Beides fand er dumm und abstoßend, und das sagte er ihnen auch. Tatsächlich war seine globalistische Weltsicht damals radikal und wurde kaum geteilt. Er glaubte einzig an die Taten von Individuen – an kein System, keine Rasse, keine Nationalität. Als ihm seine Schwester mitteilte, sie und ihr Mann wollten nach Paraguay ziehen, um dort ein neues Germania aufzubauen und eine Gesellschaft aus reinem deutschen Blut heranzuzüchten, soll er sie so heftig ausgelacht haben, dass sie jahrelang nicht mehr mit ihm sprach. Es ist daher tragisch (und ironisch), dass sein Werk nach seinem Tod von den Nazis vereinnahmt und verdreht wurde. Wie seine Philosophie erst verdorben wurde und dann 50 Jahre brauchte, um langsam so gelesen zu werden, wie sie es verdient, beschreibt Sue Prideaux in I Am Dynamite!, S. 346–81.

15 Die buddhistische Philosophie nennt den Kreislauf aus Hoffnungsschöpfung und -vernichtung Samsara. Ursache dessen ist unsere Bindung an weltliche, vergängliche Werte. Der Buddha lehrt, dass das Wesen unserer Seele Dukkha ist, was frei übersetzt »Begehren« bedeutet. Er mahnt, dass das menschliche Begehren nie befriedigt werden kann, und dass wir in unserem Streben nach Erfüllung Leid erschaffen. Die Idee, alle Hoffnung fahren zu lassen, deckt sich mit Buddhas Vorstellung vom Nirvana, dem Loslassen aller psychischen Bindungen und Bedürfnisse.

16 Nietzsche, Ecce Homo.

17 Der Pandora-Mythos, wie er hier dargestellt ist, folgt Hesiod, Werke und Tage, http://www.gottwein.de/Grie/hes/ergde.php, Vers 47-105.

18 Scherzhaft gemeint, und doch wieder nicht. Die grauenhaften Ursprünge der Ehe im Altertum beschreibt Stephanie Coontz in Marriage, a History: How Love Conquered Marriage (New York: Penguin Books, 2006), S. 70–86. Deutsche Ausgabe: In schlechten wie in guten Tagen: Die Ehe – eine Liebesgeschichte (Lübbe 2006).

19 Angeblich lässt sich das griechische Wort, das Hesiod für »Hoffnung« verwendet, auch mit »trügerischer Erwartung« übersetzen. Deshalb gab es immer schon eine weniger beliebte, pessimistische Interpretation des Mythos, der zufolge Hoffnung auch Zerstörung herbeiführen kann. Siehe Franco Montanari, Antonios Rengakos und Christos Tsagalis, Brill’s Companion to Hesiod (Leiden, Netherlands: Brill Publishers, 2009), S. 77.

20 Nietzsche, Ecce Homo, https://gutenberg.spiegel.de/buch/ecce-homo-7354/4, Abschnitt 10.

21 Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-frohliche-wissenschaft-3245/7, § 340.

22 Der Anfang dieser Tirade über den Tod Gottes entstammt dem Abschnitt »Der tolle Mensch«, § 125 in ebd., https://gutenberg.spiegel.de/buch/die-frohliche-wissenschaft-3245/6

23 Diese »leidenschaftliche und langgedehnte« Rede an die Kühe am Silvaplanersee hat nach Angaben von Meta von Salis wirklich stattgefunden. Womöglich war es eine von Nietzsches frühesten psychotischen Schüben, die zu dieser Zeit aufkamen. Siehe Young, Friedrich Nietzsche, S. 432.

24 Die restlichen Nietzsche-Zitate in diesem Kapitel stammen aus Also sprach Zarathustra, https://gutenberg.spiegel.de/buch/also-sprach-zarathustra-ein-buch-fur-alle-und-keinen-3248/5. Die »Ouvertüre zu etwas Größerem« ist meine Einfügung, im Original ist von »Übergang« die Rede.

Kapitel 6: Die Menschheitsformel

1 Mason Currey, Daily Routines: How Artists Work (New York: Alfred A. Knopf, 2013), S. 81–82. Deutsche Ausgabe: Musenküsse. »Für mein kreatives Pensum gehe ich unter die Dusche.«: Die täglichen Rituale berühmter Künstler (Kein & Aber, 2014).

2 Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (Verlag der Dürr’schen Buchhandlung, 1870), S. 40.

3 In seinem Aufsatz »Zum ewigen Frieden« (1795) sprach sich Kant für eine globale Regierung aus. Vgl. Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden und andere Schriften (Fischer Taschenbuch, 2008), S. 152–204.

4 S. Palmquist, »The Kantian Grounding of Einstein’s Worldview: (I) The Early Influence of Kant’s System of Perspectives«, Polish Journal of Philosophy 4, Ausgabe 1 (2010): 45–64.

5 Zugegeben, er sprach das Thema eher hypothetisch an. Er schrieb, dass Tiere, wenn sie einen Willen und Vernunft besäßen, dieselben Rechte wie Menschen haben sollten. Er glaubte nicht, dass Tiere Willen und Vernunft besitzen. Heute allerdings gibt es starke Hinweise darauf, dass das durchaus der Fall ist. Für eine ausführliche Darlegung empfehle ich: M. Korsgaard, »A Kantian Case for Animal Rights«, in Animal Law: Developments and Perspectives in the 21st Century, Tier und Recht: Entwicklungen und Perspektiven im 21. Jahrhundert (Bilinguale Auflage), Hrsg. Margot Michael, Daniela Kühne und Julia Hänni (Dike Verlag Zürich, 2012), S. 3–27.

6 Hannah Ginsborg, »Kant’s Aesthetics and Teleology«, The Stanford Encyclopedia of Philosophy, Hrsg. Edward N. Zalta, 2014, https://plato.stanford.edu/archives/fall2014/entries/kant-aesthetics

7 Der Aufsatz von ein paar Hundert Seiten, der den Streit zwischen Rationalisten und Empiristen beilegte, war Kants Hauptwerk: Die Kritik der reinen Vernunft.

8 Kant ging es darum, ein komplettes Moralsystem zu erschaffen, das allein auf der Vernunft basierte. Er versuchte, die Diskrepanz zwischen den Werten des Fühlhirns und der faktenorientierten Logik des Denkhirns zu überbrücken. Ich werde hier nicht tiefer in Kants komplexen Moralbegriff einsteigen, da sein System einige Mängel hat. Ich konzentriere mich stattdessen auf das meiner Meinung nach nützlichste Prinzip, das er herleitet: die Menschheitsformel (auch Selbstzweckformel).

9 Wenn du ein aufmerksamer Leser bist, bist du hier vielleicht auf einen leichten Widerspruch gestoßen: Kant ging es darum, ein Wertesystem zu entwickeln, das unabhängig von den subjektiven Urteilen des Fühlhirns existiert. Aber der Wunsch, ein rein vernunftbasiertes Wertesystem zu entwickeln, entspringt an sich schon einem subjektiven Urteil, das das Fühlhirn gefällt hat. Anders gesagt: Ist Kants Wunsch, ein Wertesystem zu erschaffen, das religiöse Beschränkungen transzendiert, nicht selbst ein religiöses Streben? Darin bestand Nietzsches Kritik an Kant. Nietzsche hasste Kant; er hielt ihn tatsächlich für eine verdammte Lachnummer. Er hielt Kants Moralsystem für absurd und fand dessen Annahme, dass er die glaubensbasierte Subjektivität überwunden habe, bestenfalls naiv – und im schlimmsten Falle absolut narzisstisch. Daher werden Leser mit philosophischem Hintergrundwissen es seltsam finden, dass ich mich in diesem Buch so stark auf beide beziehe. Ich halte das aber für unproblematisch. Ich denke, dass beide Herren etwas Richtiges angesprochen haben, das der jeweils andere übersehen hat. Nietzsche hat sehr richtig erkannt, dass alle menschliche Überzeugung qua Definition aus dem Gefängnis unserer eigenen Weltsicht entsteht und daher nur auf Glauben basieren kann. Kant hat richtigerweise festgestellt, dass manche Wertesysteme bessere und logischere Ergebnisse zeitigen als andere, weil sie von potenziell universeller Attraktivität sind. Technisch gesehen stimmt es also, dass Kants Moralsystem nur eine andere Form von auf Glauben fußender Religiosität ist. Aber ich glaube auch, dass Kant hier die beste Basis für das Erschaffen eines Wertesystems gefunden hat – dass wir nämlich wertschätzen sollten, was dem Wert alles andere unterordnet: unser Bewusstsein. Denn auf gleiche Weise – durch die Annahme, dass wir unseren Glauben in die Dinge setzen sollten, für die es die meisten Beweise gibt – produziert auch die Wissenschaft die best-möglichen Glaubenssysteme.

10 Der Lebenswandel, für den Kant sich entschieden hatte, macht ihn vermutlich zum König der Sich-einen-Dreck-Scherer. Vgl. Mark Manson, The Subtle Art of Not Giving a F*ck, S. 15–19. Deutsche Ausgabe: Die subtile Kunst des Daraufscheißens (mvg Verlag, 2017), S. 19–25.

11 Dieses Statement lässt sich auf unterschiedliche Weisen interpretieren. Die erste Interpretation ist die, dass es Kant gelungen ist, den subjektiven Bereich der Werturteile des Fühlhirns zu verlassen, um ein universell anwendbares Wertesystem zu erschaffen. 250 Jahre später streiten sich Philosophen noch immer darüber, ob dem so ist – die meisten sagen, er hat es nicht geschafft. (Meine Meinung dazu finden Sie in Anmerkung 9 zu diesem Kapitel.) Die zweite Interpretation besagt, dass Kant ein Zeitalter der nichtübernatürlichen Moralitätsbegriffe eingeleitet hat – dass er also die Annahme begründet hat, dass Moralität jenseits geistiger Religionen hergeleitet werden kann. Das ist absolut korrekt. Kant hat einer wissenschaftlich geführten Moralphilosophie die Bühne bereitet, die sich bis in die Jetztzeit fortsetzt. Die dritte Interpretation besagt, dass ich Kant nur hype, um die Leser bei der Stange zu halten. Auch das ist absolut korrekt.

12 Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass ich Kants Ideen in diesem Kapitel so anwende, wie er sie selbst nie angewendet hat. Dieses Kapitel ist eine eigenartige Polygamie zwischen kantscher Moral, Entwicklungspsychologie und Tugendtheorie. Schnall dich an und genieß die Fahrt.

13 Das Entwicklungsmodell in diesem Kapitel leitet sich aus den Arbeiten von Jean Piaget, Lawrence Kohlberg, Robert Kegan, Erik Erikson, Søren Kierkegaard und anderen ab (und simplifiziert sie). Meine Definition von »Kindheit« entspricht in Kegans Modell der Ich-Entwicklung den Stufen 1 und 2 (impulsiv und souverän), meine Definition der »Adoleszenz« deckt sich mit den Stufen 3 und 4 (zwischenmenschlich und institutionell) und mein »Erwachsensein« deckt sich mit seiner Stufe 5 (überindividuell). Mehr zu Kegans Modell finden Sie zum Beispiel hier: Robert Kegan, The Evolving Self: Problem and Process in Human Development (Cambridge, MA: Harvard University Press, 1982). Deutsche Ausgabe: Die Entwicklungsstufen des Selbst. Fortschritte und Krisen im menschlichen Leben (Kindt Verlag, 1986). Bei Kohlbergs Modell deckt sich meine »Kindheit« mit seiner präkonventionellen Entwicklung (die Orientierung an Strafe und Gehorsam sowie die instrumentell-relativistische Orientierung), meine »Adoleszenz« entspricht seinem konventionellen Stadium der Moralentwicklung (Modell guter Junge/nettes Mädchen; Orientierung an Recht und Ordnung) und mein »Erwachsensein« entspricht seinem postkonventionellen Stadium der moralischen Entwicklung (Sozialvertragsorientierung sowie Orientierung an allgemeingültigen ethischen Prinzipien). Mehr zu Kohlbergs Modell finden Sie hier: Lawrence Kohlberg, »Stages of Moral Development«, Moral Education 1, Ausgabe 51 (1971): 23–92. Oder in: Die Psychologie der Moralentwicklung (Suhrkamp, 1996). Bei Piagets Modell entspricht meine »Kindheit« seiner sensomotorischen Phase und der präoperationalen Phase. Meine »Adoleszenz« entspricht seiner Phase der Konkreten Operationen und mein »Erwachsensein« entspricht lose seiner Phase der formalen Operationen. Mehr dazu finden Sie hier: Jean Piaget, »Piaget’s Theory«, Piaget and His School (Berlin and Heidelberg: Springer, 1976), S. 11–23. Oder in: Meine Theorie der geistigen Entwicklung (Beltz, 2016).

14 Die Entwicklung von Regeln und Rollen findet bei Piaget in der Phase der konkreten Operationen statt; bei Kegan passiert das auf der zwischenmenschlichen Stufe (Stufe 3). Siehe auch Anmerkung 13, Kapitel 1.

15 Robert Kegan, The Evolving Self, S. 133–60. Deutsche Ausgabe: Die Entwicklungsstufen des Selbst. Fortschritte und Krisen im menschlichen Leben (Kindt Verlag, 1986).

16 Kinder entwickeln erst im Alter von drei bis fünf Jahren das, was in der Wissenschaft Theory of Mind (ToM) genannt wird. Von ToM spricht man, wenn jemand in der Lage ist zu verstehen, dass andere Menschen eigenständige, bewusst denkende und handelnde Personen sind. ToM ist eine Voraussetzung für Empathie und die meisten sozialen Interaktionen, denn dank ToM verstehen wir die Sichtweise und die Denkprozesse anderer. Kinder, denen es schwerfällt, ToM zu entwickeln, werden mit Autismus-Spektrum-Störungen, ADHS, Schizophrenie oder anderen Störungen diagnostiziert Vgl. B. Korkmaz, »Theory of Mind and Neurodevelopmental Disorders in Childhood«, Pediatric Research 69 (2011): 101R–8R.

17 Der Philosoph Ken Wilber hat eine wundervolle Formulierung gefunden, um diesen Prozess der psychologischen Entwicklung zu beschreiben. Er sagt, dass spätere Entwicklungsstufen die vorangegangenen transzendieren und inkludieren. Ein Heranwachsender hat also noch seine auf Lust und Schmerzvermeidung basierenden Werte, aber auf Regeln und Rollen basierende, hochrangigere Werte verdrängen die niedrigeren kindischen Werte. Wir mögen alle Eiscreme, auch als Erwachsene noch. Der Unterschied liegt daran, dass die Erwachsenen in der Lage sind, höhere und abstraktere Werte wie Ehrlichkeit und Umsicht über ihre Eiscreme-Gelüste zu stellen. Ein Kind kann das nicht. Vgl. K. Wilber, Sex, Ecology, Spirituality: The Spirit of Evolution (Boston, MA: Shambhala, 2000), S. 59–61. Deutsche Ausgabe: Eros, Kosmos, Logos: Eine Jahrtausend-Vision (Fischer, 2001).

18 Wir erinnern uns an Emo-Newtons zweites und drittes Gesetz: Stärkere, robustere Identitäten verleihen uns größere emotionale Stabilität, wenn wir mit Ungemach konfrontiert werden. Einer der Gründe dafür, dass Kinder emotional so unberechenbar sind, liegt in der Tatsache begründet, dass ihr Selbstverständnis so schwach und oberflächlich ist. Unerwartete oder schmerzhafte Ereignisse treffen sie daher viel stärker.

19 Jugendliche sind obsessiv fokussiert auf die Frage, was Gleichaltrige über sie denken, weil sie damit beschäftigt sind, sich eine eigene Identität zusammenzuschustern, die auf sozialen Regeln und Rollen basiert. Vgl. Erik H. Erikson, Childhood and Society, S. 260–66. Deutsche Ausgabe: Kindheit und Gesellschaft (Klett-Cotta, 2005), sowie Robert Kegan, The Evolving Self, S. 184–220. Deutsche Ausgabe: Die Entwicklungsstufen des Selbst. Fortschritte und Krisen im menschlichen Leben.

20 Hier setzt meine Verknüpfung von Kants Moralsystem mit der Entwicklungstheorie ein. In anderen Menschen ein Mittel und keinen Zweck zu sehen, findet sich in Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung in den Stufen zwei bis vier.

21 Albert Camus hat das gut formuliert: »Du wirst nie glücklich werden, wenn Du weiter danach forschst, woraus das Glück besteht.«

22 Hier verbinde ich Kohlbergs Stufen 5 und 6 mit Kants »Ding an sich«-Voraussetzung für moralische Verallgemeinerungen.

23 Gemäß Kohlbergs Modell der Moralentwicklung haben 89 Prozent der Menschen im Alter von 36 Jahren die adoleszente Phase moralischen Denkens erreicht; nur 13 Prozent erreichen überhaupt je die erwachsene Phase. Vgl. Lawrence Kohlberg, The Measurement of Moral Judgment (Cambridge, MA: Cambridge University Press, 1987).

24 So wie der Jugendliche mit anderen Menschen handelt, verhandelt er in vergleichbarer Weise auch mit zukünftigen (oder vergangenen) Versionen seines Selbst. Die Idee, dass unsere zukünftigen und vergangenen Selbst-Versionen unabhängige Individuen jenseits unserer gegenwärtigen Wahrnehmungen sind, wird von Derek Parfit in Reasons and Persons (Clarendon Press, Oxford 1984, S. 199–244) vorgebracht.

25 Du erinnerst dich: Wie sehr wir unseren Werten gerecht werden (oder wir gut es uns gelingt, die Narrative unserer Identität zu bekräftigen), ist entscheidend für unser Selbstbewusstsein. Ein Erwachsener entwickelt Werte, die auf abstrakten Prinzipien (Tugenden) basieren, und sein Selbstbewusstsein richtet sich danach, wie erfolgreich er an diesen Prinzipien festhält.

26 Wir bedürfen alle einer wohldosierten Menge Schmerzes, um zu reifen und uns zu entwickeln. Zu viel Schmerz traumatisiert uns – dann entwickelt unser Fühlhirn eine unrealistische Weltangst, wodurch weiteres Wachstum oder neue Erfahrungen verhindert werden. Zu wenig Schmerz macht uns zu verzogenen Narzissten, die dem Irrglauben aufsitzen, die Welt könne (und solle!) sich nur um unsere Bedürfnisse drehen. Wenn wir aber die richtige Menge Schmerz erfahren, dann lernen wir daraus, dass (a) unser gegenwärtiges Wertesystem uns im Stich lässt und (b) wir die Kraft und die Fähigkeit haben, diese Werte zu überkommen und neue, hochwertigere und umfassendere Werte zu erschaffen. Wir lernen, dass es besser ist, wenn wir mit allen Menschen Mitgefühl haben, nicht nur mit unseren Freunden; dass es besser ist, generell ehrlich zu sein, und nicht nur in Situationen, in denen wir Nutzen daraus schlagen; und dass es besser ist, demütig zu bleiben, selbst dann, wenn wir uns sicher im Recht wähnen.

27 In Kapitel 3 haben wir gelernt, dass Missbrauch und Trauma zu geringem Selbstwertgefühl, Narzissmus und Selbsthass führen. Dadurch wird unsere Fähigkeit behindert, hochwertige, abstrakte Werte zu entwickeln, weil der Schmerz des Versagens dauerhaft und zu heftig ist. Das Kind muss seine ganze Energie darauf verwenden, dem Schmerz zu entkommen. Um zu wachsen, müssen wir uns dem Schmerz stellen, wie wir in Kapitel 7 lesen werden.

28 Vgl. J. Haidt und G. Lukianoff, The Coddling of the American Mind: How Good Intentions and Bad Ideas Are Setting Up a Generation for Failure (New York: Penguin Press, 2018), S. 150–65.

29 Vgl. Francis Fukuyama, Trust: The Social Virtues and the Creation of Prosperity (New York: Free Press Books, 1995), S. 43–48. Deutsche Ausgabe: Konfuzius und Marktwirtschaft: der Konflikt der Kulturen (Kindler, 1995), S. 63–69.

30 Ein exzellentes Beispiel für dieses Phänomen war die Gemeinde der Pickup-Artists, eine Gruppe sozial isolierter, fehlangepasster Männer, die sich Mitte des letzten Jahrzehnts zusammenschlossen, um Sozialverhalten zu studieren, weil sie sich davon versprachen, dass die Frauen sie mögen würden. Die Bewegung hielt sich nicht mehr als ein paar Jahre. Letztlich waren das kindische und/oder adoleszente Männer, die sich nach einer erwachsenen Beziehung sehnten – und durch Beobachtung und Nachahmung von Sozialverhalten lässt sich keine nontransaktionale, bedingungslos liebende Beziehung zu einer Partnerin herstellen.

31 Man kann sich dem auch mit dem populären Konzept der liebevollen Strenge (tough love) nähern: Man erlaubt es dem Kind, Schmerz zu erfahren, weil es höhere Werte und also Wachstum erreichen kann, indem es im Angesicht des Schmerzes erkennt, was von Bedeutung ist.

32 Bisher habe ich nicht eindeutig gesagt, was ich unter »Tugenden« verstehe. Das liegt unter anderem daran, dass unterschiedliche Philosophen und Religionen hier unterschiedliche Standpunkte vertreten.

33 Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitten.

34 Es ist wichtig festzuhalten, dass Kants Herleitung der Menschheitsformel weder auf moralischer Intuition noch auf dem altertümlichen Konzept der Tugenden beruhte – das sind Verbindungen, die ich ins Spiel bringe.

35 Kant, Grundlegung der Metaphysik der Sitten.

36 Und hier kommen sie alle drei zusammen: Die Menschheitsformel ist das Prinzip, das den Tugenden Ehrlichkeit, Demut und Tapferkeit zugrunde liegt. Diese Tugenden sind die höchsten Stufen der Moralentwicklung (bei Kohlberg Stufe 6, bei Kegan Stufe 5).

37 Das Schlüsselwort hier ist »nur«. Kant räumt ein, dass es nicht möglich ist, andere Menschen nie als Mittel zu gebrauchen. Wenn wir allen anderen bedingungslos begegnen würden, würden wir uns zu uns selbst nur bedingt verhalten können, und umgekehrt. Aber unser Handeln uns selbst und anderen gegenüber ist vielschichtig. Ich kann eine andere Person gleichzeitig als Mittel und als Zweck behandeln. Vielleicht arbeiten wir gemeinsam an einem Projekt und ich ermuntere sie dazu, Überstunden zu machen, weil ich glaube, dass es sowohl ihr als auch mir selbst hilft. Laut Kant geht das in Ordnung. Nur wenn ich die andere Person aus rein egoistischen Gründen manipuliere, rudere ich in unmoralischen Gewässern.

38 Kants Menschheitsformel beschreibt auf trefflichste Weise das Einvernehmlichkeitsprinzip beim Sex und in Beziehungen. Wenn wir nicht ausdrücklich die Zustimmung der anderen Person oder von uns selbst einholen, erachten wir das Gegenüber und/oder uns selbst lediglich als Mittel für unser Streben nach Lust. Ausdrückliche Einvernehmlichkeit ist Voraussetzung, wenn wir die andere Person als Zweck und den Sex als Mittel gebrauchen wollen.

39 Anders gesagt: Menschen, die sich selbst als Mittel erachten, behandeln auch andere Menschen so. Wer sich selbst nicht respektiert, wird auch andere nicht respektieren. Wer sich selbst nur benutzt und zerstört, der wird auch andere nur benutzen und zerstören.

40 Ideologische Extremisten schauen für gewöhnlich zu einem großen Führer auf. Geistige Extremisten neigen dazu zu denken, dass die Apokalypse kurz bevorsteht und dass ihr Erlöser aus dem Himmel herabsteigen wird, um ihnen ein Tässchen Kaffee oder so zu servieren.

41 Möglicherweise enden alle Gotteswerte, die nicht auf der Menschheitsformel beruhen, in einem Paradoxon. Wer bereit ist, die Menschheit als ein Mittel zu gebrauchen, um mehr Freiheit oder Gleichheit zu erreichen, der wird Freiheit und Gleichheit unweigerlich zerstören. Mehr dazu in Kapitel 7 und 8.

42 Mit politischem Extremismus meine ich hier jede politische Bewegung oder Partei, die von sich aus antidemokratisch und willens ist, die Demokratie zugunsten einer ideologischen (oder theologischen) religiösen Agenda zu stürzen. Für eine ausführliche Darlegung dieser Entwicklungen weltweit empfehle ich: Francis Fukuyama, Identity: The Demand for Dignity and the Politics of Resentment (New York: Farrar, Straus and Giroux, 2018). Deutsche Ausgabe: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet. (Hoffmann und Campe, 2019).

43 Globalisierung, Automation und Einkommensungleichheit sind beliebte und dankbare Erklärungsansätze.

Kapitel 7: Schmerz ist die universelle Konstante

1 Dieser Abschnitt beschreibt folgende Studie: David Levari et al., »Prevalence-Induced Concept Change in Human Judgment«, Science, 29. Juni 2018, S. 1465–67.

2 Prävalenz-induzierte Konzeptänderung misst, wie unsere Wahrnehmung von der Prävalenz einer erwarteten Erfahrung verändert wird. Ich werde den Begriff Blauer-Punkt-Effekt in einem etwas weiteren Sinne verwenden, um jede auf Erwartungen basierende Wahrnehmungsänderung zu beschreiben, nicht nur prävalenz-induzierte Erwartungen.

3 Immer wenn ich einen Bericht über junge Studenten lese, die austicken, weil jemand an ihrer Uni etwas gesagt hat, das ihnen nicht behagt, und die aus einer unflätigen Ansprache gleich ein Trauma machen, frage ich mich, was Witold Pilecki dazu gesagt hätte.

4 Haidt und Lukianoff, The Coddling of the American Mind, S. 23–24.

5 Andrew Fergus Wilson, »#whitegenocide, the Alt-right and Conspiracy Theory: How Secrecy and Suspicion Contributed to the Mainstreaming of Hate«, Secrecy and Society, 16. Februar 2018.

6 Émile Durkheim, The Rules of Sociological Method and Selected Texts on Sociology and Its Method (New York: Free Press, 1982), S. 100. Deutsche Ausgabe: Die Regeln der soziologischen Methode (Suhrkamp, 1984).

7 Hara Estroff Marano, »A Nation of Wimps«, Psychology Today, 1. November 2004, https://www.psychologytoday.com/us/articles/200411/nation-wimps.

8 Diese drei falschen Einstein-Zitate hat M. Novak gesammelt. Zu finden sind sie hier: »9 Albert Einstein Quotes That Are Totally Fake«, Gizmodo, 14. März 2014, https://paleofuture.gizmodo.com/9-albert-einstein-quotes-that-are-totally-fake-1543806477.

9 P. D. Brickman and D. T. Campbell, »Hedonic Relativism and Planning the Good Society«, in M. H. Appley, Adaptation Level Theory: A Symposium (New York: Academic Press, 1971).

10 Jüngste Untersuchungen stellen das infrage und haben herausgefunden, dass besonders traumatische Ereignisse (zum Beispiel der Tod eines Kindes) das Standardlevel unseres Glücksempfindens dauerhaft verändern können. Aber unsere »Grundzufriedenheit« bleibt durch fast all unsere Erlebnisse hindurch unverändert. Vgl. B. Headey, »The Set Point Theory of Well-Being Has Serious Flaws: On the Eve of a Scientific Revolution?« Social Indicators Research 97, Ausgabe 1 (2010): 7–21.

11 Harvard-Psychologe Daniel Gilbert nennt das unser »psychologisches Immunsystem«: Egal, was uns zustößt, unsere Emotionen, Erinnerungen und Überzeugungen akklimatisieren und verändern sich entsprechend, sodass wir überwiegend, aber nie völlig zufrieden sind. Vgl. Daniel Gilbert, Stumbling on Happiness (New York: Alfred A. Knopf, 2006), S. 174–77. Deutsche Ausgabe: Ins Glück stolpern: Suche dein Glück nicht, dann findet es dich von selbst (Goldmann, 2008).

12 Mit »wir selbst« meine ich hier unser durch uns wahrgenommenes Erleben. Im Wesentlichen stellen wir nicht unser Wahrnehmen, sondern die Welt infrage – obwohl sich unser Wahrnehmen oft verändert, selbst wenn die Welt dieselbe bleibt.

13 Es ist tatsächlich nicht dasselbe wie der Blaue-Punkt-Effekt, sondern Schmerzgewöhnung. Aber beide Phänomene haben einen ähnlichen Effekt: Unser Erleben verändert sich nicht, aber unsere Wahrnehmung dieses Erlebens verändert sich auf Grundlage unserer Erwartungen. Im Verlauf dieses Kapitels nutze ich den Blauen-Punkt-Effekt nicht im exakt wissenschaftlichen Sinne der prävalenz-induzierten Konzeptänderung. Ich nutze ihn insbesondere als Analogie und Beispiel für ein breiteres psychologisches Phänomen, das stattfindet: Unsere Wahrnehmung passt sich unseren voreingestellten emotionalen Tendenzen und Erwartungen an, nicht andersrum.

14 Vgl. John Stuart Mill, Utilitarism (1863). Deutsche Ausgabe: Der Utilitarismus (1861).

15 P. Brickman, D. Coates, und R. Janoff-Bulman, »Lottery Winners and Accident Victims: Is Happiness Relative?«, Journal of Personality and Social Psychology 36, Ausgabe 8 (1978): 917–27.

16 Arthur Schopenhauer, Aphorismen.

17 Falls du mich nun trotzdem fragst: Sie haben Vietnam geteilt, weil sie die Kämpfe vermeiden wollten, die im Jahrzehnt zuvor in Korea ausgebrochen waren. Sie dachten sich, wenn sie das Land teilen, so wie sie es schließlich mit Korea gemacht hatten, würden sie den Frieden wahren können. Spoiler: Hat nicht funktioniert.

18 Kleiner Gruß an die Fakultät für Internationale Beziehungen der Boston University. Diese Erkenntnis habe ich euch zu verdanken!

19 David Halberstam, The Making of a Quagmire (New York: Random House, 1965), S. 211.

20 Zi Jun Toong, »Overthrown by the Press: The US Media’s Role in the Fall of Diem«, Australasian Journal of American Studies 27 (Juli 2008): 56–72.

21 Malcolm Browne, der Fotograf, der das Foto geschossen hat, sagte später: »Ich habe einfach immer weiter und weiter und weiter fotografiert, und das hat mich vor der Grauenhaftigkeit der Sache geschützt.«

22 In Kapitel 2 sprachen wir über die klassische Annahme und wie sie fehlgeht, weil sie versucht, das Fühlhirn abzustellen, statt sich ihm anzugleichen. Eine andere Art, sich die Ausübung von Antifragilität vorzustellen, ist wie die bewusste Angleichung an unser Fühlhirn: wenn wir uns dem Schmerz nämlich auf eine Weise stellen, die es uns durch Wille und Bewusstsein ermöglicht, uns die Impulse des Fühlhirns zunutze zu machen und sie in Form von produktivem Handeln und Verhalten zu kanalisieren. Es ist nur naheliegend, dass Meditation gemäß wissenschaftlichen Untersuchungen unsere Aufmerksamkeitsspanne und Selbstwahrnehmung erhöht, während sie Abhängigkeit, Angstzustände und Stress reduziert. Meditation ist letztlich eine Übung zur Bewältigung des Lebensschmerzes. Vgl. Matthew »12 Science-Based Benefits of Meditation«, Healthline, 15. Juli 2017, https://www.healthline.com/nutrition/12-benefits-of-meditation

23 Nassim Nicholas Taleb, Antifragile: Things That Gain from Disorder (New York: Random House, 2011). Deutsche Ausgabe: Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen (btb Verlag, 2014)

24 Das ist tatsächlich ein exzellenter Lackmustest, wenn wir herausfinden möchten, ob wir mit einer Person zusammen sein sollten oder nicht: Bringen externe Stressfaktoren uns einander näher oder nicht?

25 Obwohl ich hier über Meditations-Apps herziehe, will ich festhalten, dass sie eine gute Einführung ins Thema geben können. Aber mehr eben auch nicht.

26 Ich bin der Welt größter Fürsprecher der Meditation, kriege es aber scheinbar selbst nie gebacken, mich einfach mal hinzusetzen und verdammt noch mal zu meditieren. Eine Freundin von mir, die Meditationskurse gibt, hat mir einen guten Trick beigebracht: Wenn du Probleme hast, dich zum Meditieren aufzuraffen, dann such dir einfach die Zeitspanne, die dir keine Sorgen bereitet. Die meisten Menschen entscheiden sich für zehn oder fünfzehn Minuten. Wenn dir das auch schon heikel erscheint, versuch es mit fünf Minuten. Wenn dir das heikel erscheint, geh runter auf drei Minuten. Und wenn dir das immer noch zu viel ist, geh runter auf eine Minute. (Jeder schafft eine Minute!) Senke also einfach die Anzahl der Minuten, auf die du dich mit deinem Fühlhirn »einigen« kannst, bis du dich nicht mehr eingeschüchtert fühlst. Auch das ist wieder eine Verhandlung zwischen deinem Denkhirn und deinem Fühlhirn, damit du in der Lage bist, einen Ausgleich zwischen den beiden zu schaffen, um etwas Produktives tun zu können. Diese Technik wirkt übrigens auch bei anderen Aktivitäten Wunder. Im Fitnessstudio, beim Lesen, beim Putzen, beim Bücherschreiben (räusper): Schraub einfach deine Erwartungen so weit hinunter, bis du dich nicht mehr eingeschüchtert fühlst.

27 Vgl. Ray Kurzweil, The Singularity Is Near: When Humans Transcend Biology (New York: Penguin Books, 2006). Deutsche Ausgabe: Menschheit 2.0: Die Singularität naht (Lola Books, 2014).

28 Pinker argumentiert, dass die Zunahme der physischen Gesundheit und Sicherheit mehr als Ausgleich genug für jedwedes Ansteigen von Angst und Stress ist. Er sagt außerdem, dass das Erwachsensein ein größeres Maß an Angst und Stress erfordert, und zwar wegen der Zunahme an Verantwortungen. Das ist vermutlich richtig – beispielsweise würden wir nicht wieder Kind sein wollen, wenn wir die Wahl hätten. Es bedeutet aber nicht, dass unsere Angst und unser Stress keine ernsthaften Probleme darstellen. Vgl. Pinker, Enlightenment Now, S. 288–89. Deutsche Ausgabe: Aufklärung Jetzt!

29 So habe ich in meinem letzten Buch ein gutes Leben definiert. Probleme sind unvermeidlich. Ein gutes Leben ist ein Leben mit guten Problemen. Vgl. Mark Manson, The Subtle Art of Not Giving a F*ck, S. 26–36. Die subtile Kunst des Daraufscheißens, S. 34–42.

30 Darum erzeugt Sucht eine Abwärtsspirale: Wenn wir unseren Schmerz betäuben, machen wir uns auch unempfänglich für Sinn und berauben uns der Fähigkeit, in irgendetwas einen Wert zu erkennen. Dadurch wächst unser Schmerz, weshalb wir uns noch mehr betäuben müssen. Das setzt sich so fort, bis man ganz unten angekommen ist, wo der Schmerz so heftig ist, dass er sich nicht mehr betäuben lässt. Die einzige Möglichkeit der Linderung besteht darin, sich dem Schmerz zu stellen und daran zu wachsen.

Kapitel 8: Gefühlsökonomie

1 Die Geschichte von Edward Bernays, wie sie hier dargestellt ist, beruht auf Adam Curtis’ herrlichem Dokumentarfilm The Century of Self, BBC Four, United Kingdom, 2002.

2 Genau das ist im Freud’schen Sinne das Ich: unsere bewussten Geschichten über uns selbst und die ununterbrochene Anstrengung, diese Geschichten aufrechtzuerhalten und zu verteidigen. Ein starkes Ich zu besitzen, ist psychologisch durchaus gesund. Es gibt Widerstandskraft und Selbstvertrauen. In der Ratgeberliteratur sind die Begriffe Ich oder Ego inzwischen zu Synonymen für Narzissmus verkommen.

3 In den 1930ern muss Bernays wohl ein schlechtes Gewissen bekommen haben, denn er war es, der Freud zu globaler Berühmtheit verhalf. Freud lebte verarmt und in Angst vor den Nazis in der Schweiz. Bernays sorgte nicht nur dafür, dass Freuds Ideen in den USA veröffentlicht wurden, sondern machte sie auch populär, indem er Artikel darüber in wichtigen Zeitschriften lancierte. Dass Freud heutzutage eine Art Markenname ist, liegt vor allem an Bernays Marketingstrategie, die wiederum auf Freuds Arbeit beruht.

4 Siehe Kapitel 4, Anmerkung 26.

5 Beispiele wären Johannes Gutenberg, Alan Turing und Nikola Tesla.

6 A. T. Jebb et. al., »Happiness, Income Satiation and Turning Points Around the World«, Nature Human Behaviour 2, Ausgabe 1 (2018): 33.

7 M. McMillen, »Richer Countries Have Higher Depression Rates«, WebMD, 26. Juli 2011, https://www.webmd.com/depression/news/20110726/richer-countries-have-higher-depression-rates.

8 Ich habe eine lustige Theorie über Krieg und Frieden: Eine weitverbreitete Annahme über Krieg ist, dass er beginnt, weil eine Gruppe von Menschen in einer solchen Notlage ist, dass ihr nichts übrig bleibt, als um ihr Überleben zu kämpfen. Das wäre die Nichts-zu-verlieren-Theorie des Krieges. Die Nichts-zu-verlieren-Theorie wird oft mit religiösem Anstrich versehen: Der kleine Mann kämpft mit korrupten Mächten um seinen gerechten Anteil, oder die freie Welt vereint sich im Kampf gegen die Tyrannei des Kommunismus. Solche Narrative ergeben tolle Actionfilme, weil sie leicht verdauliche, mit Werten aufgeladene Geschichten bieten, die die Fühlhirne der Massen zusammentrommeln. Aber die Wirklichkeit ist natürlich nicht so einfach.

Menschen beginnen Revolutionen nicht, weil sie unterdrückt werden. Das weiß jeder Tyrann. Menschen, denen dauernd Leid zugefügt wird, akzeptieren ihr Leid und sehen es als natürlich an. Wie misshandelte Hunde werden sie apathisch und entfremdet. Deshalb kann sich Nordkorea so lange halten. Deshalb kam es in den USA selten zu gewaltsamen Sklavenaufständen.

Darf ich die Theorie aufstellen, dass Revolutionen durch Wohlbefinden zustande kommen? Wenn das Leben angenehmer wird, sinkt die Toleranz für Zumutungen und Unannehmlichkeiten so weit, dass die Menschen noch die geringste Kränkung als unverzeihlichen Skandal betrachten und sofort ausflippen.

Politische Revolution ist ein Privileg. Wer Hunger und Not leidet, ist mit dem Überleben beschäftigt und hat weder die Energie noch den Willen, um sich über die Regierung zu ärgern. Man will es nur bis zur nächsten Woche schaffen.

Wenn das bescheuert klingt – keine Sorge, ich denke es mir nicht aus. Politologen sprechen von »Revolutionen durch steigende Ansprüche«. Der berühmte Historiker Alexis de Tocqueville hat darauf hingewiesen, dass die Französische Revolution nicht von den verarmten Massen ausging, die »die Bastille stürmten«, sondern von Leuten aus wohlhabenden Landstrichen und Stadtvierteln. Auch die Amerikanische Revolution wurde nicht von geknechteten Siedlern angezettelt, sondern von der Oberschicht der Grundbesitzer, die in der Steuererhöhung einen Angriff auf ihre Freiheit und Würde sah. (Manche Dinge ändern sich nie.)

Der Erste Weltkrieg, der 32 Länder ergriff und 17 Millionen Menschenleben forderte, begann, weil in Serbien ein reicher Österreicher erschossen wurde. Die Welt war damals globalisierter und wohlhabender als je zuvor in der Geschichte. Die führenden Köpfe der Welt hielten einen großen globalen Konflikt für unmöglich: So etwas Wahnwitziges würde niemand wagen, weil doch so viel auf dem Spiel stand.

Aber genau deshalb wagte man es.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts brachen überall auf der Welt Revolutionskriege aus, in Ostasien, im Nahen Osten, in Afrika und in Lateinamerika – nicht, weil die Menschen unterdrückt oder notleidend waren, sondern weil die Wirtschaft ihres Landes wuchs. Und mit dem zunehmenden Wirtschaftswachstum stellten die Menschen fest, dass ihre Wünsche schneller wuchsen, als der Staat sie erfüllen konnte.

Man kann es auch so sehen: Wenn es in einer Gesellschaft viel zu viel Leid gibt (Hungersnot und Seuchen und so), verzweifeln die Menschen, und da sie nichts mehr zu verlieren haben, sagen sie »Scheiß drauf« und bewerfen ältliche Anzugträger mit Molotowcocktails. Aber wenn es in der Gesellschaft nicht genug Leid gibt, ärgern sie sich über immer geringere Übertretungen, bis sie am Ende wegen so etwas Blödem wie einem halb anstößigen Halloween-Kostüm gewalttätig werden.

So wie jeder Einzelne ein Quäntchen Leid braucht (nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig), um daran zu wachsen und zu reifen, um erwachsen und charakterstark zu werden, brauchen auch Gesellschaften ein Quäntchen Leid (nicht zu viel, sonst ist man Somalia, aber auch nicht zu wenig, sonst wird man das Arschloch, das den Pick-up mit Schnellfeuerwaffen bestückt und einen Nationalpark besetzt hält, weil … Freiheit!).

Wir dürfen auch nicht den Hauptgrund für todbringende Konflikte vergessen: Sie geben uns Hoffnung. Einen eingefleischten Erzfeind zu haben, der uns umbringen will, ist die beste Methode, um Sinn und Achtsamkeit im Leben zu finden. So etwas schweißt Gemeinschaften zusammen wie sonst nichts. Es gibt unseren Religionen einen kosmischen Sinn, der anders nicht zu haben ist.

Hoffnungskrisen entstehen durch Wohlstand. Durch 600 Fernsehkanäle, auf denen nichts läuft. Durch 15 Tinder-Matches, mit denen man aber nicht ausgehen möchte. Durch 2000 Restaurants in Reichweite, auf deren Essen man keinen Appetit hat. Wohlstand erschwert die Sinnfindung. Er macht das Leid akuter. Und letzten Endes haben wir Sinn dringender nötig als Wohlstand, denn sonst sehen wir uns der unbequemen Wahrheit gegenüber.

Die meiste Zeit blähen sich die Finanzmärkte auf, während immer mehr ökonomischer Wert geschaffen wird. Aber irgendwann, wenn genug Geld in Schneeballsystemen verschwindet, die Ablenkungen statt Innovationen fördern, übersteigen Investitionen und Bewertungen die tatsächliche Wirtschaftsleistung, und der Finanzmarkt schrumpft zusammen, schwemmt das ganze »schwache Geld« raus und haut all die überbewerteten Unternehmen um, die gar nichts Nützliches beitragen. Ist der Spülgang, die Kurskorrektur erst überstanden, können Wachstum und Innovation wieder weitergehen.

In der »Gefühlsökonomie« gibt es ein ähnliches Muster der Ausdehnung und Kontraktion. Der Langzeittrend geht hin zu weniger Leid durch mehr Innovation. Aber in Zeiten des Wohlstands gönnen sich die Menschen immer mehr Ablenkungen, beanspruchen falsche Freiheiten und werden empfindlicher. Irgendwann können sie sich heißblütig über Dinge empören, die die Generationen vor ihnen als Luxusproblem abgetan hätten. Mahnwachen und Protestmärsche kommen auf. Man näht sich Abzeichen auf den Ärmel und setzt sich komische Mützen auf und rechtfertigt die eigene Wut mit der gerade angesagten ideologischen Religion. Inmitten all der glitzernden Ablenkungen ist Hoffnung immer schwerer zu finden. Und so steigert man sich immer weiter rein, bis endlich jemand etwas Dummes und Extremes macht, etwa einen Erzherzog abknallt oder eine 737 in ein Gebäude steuert, und schon bricht Krieg aus und tötet Tausende, wenn nicht Millionen.

Und im Laufe des Krieges setzen dann echtes Leid und echte Not ein. Die Wirtschaft bricht ein. Das Volk hungert. Anarchie bricht aus. Und je schlimmer die Lage wird, desto antifragiler werden die Menschen. Vorher, als sie noch Kabelfernsehen und Scheißjobs hatten, hatten sie nichts zu erhoffen. Jetzt haben sie etwas: Frieden, Trost, Ruhe. Und ihre Hoffnung vereint am Ende die ehemals zerrissene, zerstrittene Bevölkerung unter dem Banner einer Religion.

Da nach dem Krieg die immense Zerstörung im Gedächtnis haften bleibt, lernen die Menschen, auf simple Dinge zu hoffen: eine stabile Familie, eine feste Stelle, die Kinder in Sicherheit – echte Sicherheit. Nicht diese Art von Sicherheit, wo sie nicht draußen spielen dürfen.

Die Hoffnung in der Gesellschaft ist wiederhergestellt. Und eine Ära des Friedens und des Wohlstands beginnt. (So ungefähr.)

Meine beknackte kleine Theorie hat noch ein Element, das ich noch nicht erwähnt habe: Ungleichheit. In Zeiten des Wohlstands wird das Wirtschaftswachstum mehr und mehr von Ablenkungsgeschäften angetrieben. Und weil Ablenkungen so leicht skalierbar sind – alle wollen schließlich den neuen Avengers-Film gucken –, konzentriert sich der Wohlstand in immer weniger Händen. Die steigende materielle Ungleichheit führt dann zur »Revolution durch steigende Ansprüche«. Alle haben das Gefühl, ihr Leben müsste eigentlich besser sein, aber es genügt ihren Ansprüchen nicht; es ist nicht so frei von Leid und Ärgernis, wie sie erwartet hatten. Also stellt man sich entlang ideologischer Fronten auf – hier Herrenmoralisten, da Sklavenmoralisten –, und los geht der Kampf.

Und mitten in Kampf und Zerstörung hat niemand mehr Zeit für Ablenkungen. Denn Ablenkungen können den Tod bedeuten.

Nein, im Krieg geht es darum, im Vorteil zu sein. Und um im Vorteil zu sein, muss man in Innovationen investieren. Viele der größten Innovationen der Menschheit kommen aus der militärischen Forschung. Der Krieg stellt nicht nur die Hoffnung und Widerstandskraft der Menschen wieder her, sondern ist leider auch das Einzige, was verlässlich materielle Ungleichheit ausgleicht. Er ist Teil eines weiteren Kreislaufs aus Boom und Krise. Nur dass es nicht um den Finanzmarkt oder die menschliche Fragilität geht, sondern um politische Macht.

Traurig, aber wahr ist, dass Krieg nicht nur zum Wesen der menschlichen Existenz gehört, er ist auch ein notwendiger Nebeneffekt unseres Daseins. Er ist kein evolutionärer Bug, sondern ein Feature. Von den vergangenen 3400 Jahren hat die Menschheit insgesamt 268 in Frieden verbracht. Das sind nicht mal 8 Prozent der überlieferten Geschichte.

Krieg ist das natürliche Abfallprodukt unserer fehlgeleiteten Hoffnungen. In ihm werden unsere Religionen auf ihren Zusammenhalt und ihre Nützlichkeit geprüft. Er treibt die Innovation an und motiviert uns zur Arbeit und zur Weiterentwicklung.

Und er ist das Einzige, was die Menschen zuverlässig über ihr eigenes Glück hinausblicken lässt, sodass sie wahre Tugend zeigen, Schmerzresistenz ausbilden und für etwas anderes als das eigene Ich kämpfen und leben.

Dies ist der Grund, warum die alten Griechen und Römer meinten, dass es ohne Krieg keine Tugend gäbe. Demut und Tapferkeit brauchte man nicht nur, um im Krieg zu bestehen, sondern auch um ein guter Mensch zu sein. Im Konflikt kommt unsere beste Seite zum Vorschein. Und in gewissem Sinne gehen Tugend und Tod immer Hand in Hand.

9 Das »Konsumzeitalter« habe ich ehrlich gesagt nur erfunden. Was ich damit vermutlich meine, ist das postindustrielle Zeitalter, die Ära, in der mehr und mehr unnötige Produkte hergestellt werden. Ich stelle es mir ähnlich vor wie die »Dritte Wirtschaft«, von der bei Ron Davidson die Rede ist. Siehe R. Davison, The Fourth Economy: Inventing Western Civilization, E-Book im Selbstverlag, 2011.

10 Dafür gibt es reichlich Belege. Siehe Carol Cadwalladr, »Google, Democracy, and the Truth About Internet Search«, Guardian, 4. Dezember 2016, https://www.theguardian.com/technology/2016/dec/04/google-democracy-truth-internet-search-facebook.

11 Diese Art der Überwachung ist nicht nur gruselig, sondern auch ein gutes Beispiel dafür, dass ein Technologiekonzern seine Kunden eher als Mittel sieht, nicht als Zweck. Obwohl wir den Diensten, die unsere Daten ernten, zustimmen (»Opt-in«), ist uns das ganze Ausmaß doch überhaupt nicht bewusst. Daher fühlt es sich an, als wären wir nicht einverstanden. Das gefühlte Fehlen der Zustimmung verschafft uns den Eindruck, respektlos ausgenutzt zu werden, und deswegen ärgern wir uns. Siehe K. Tiffany, »The Perennial Debate About Whether Your Phone Is Secretly Listening to You, Explained«, Vox, 28. Dezember 2018, https://www.vox.com/the-goods/2018/12/28/18158968/facebook-microphone-tapping-recording-instagram-ads.

12 Folter lässt sich eben schlecht skalieren.

13 Barry Schwartz, The Paradox of Choice: Why More is Less (New York: HarperCollins Ecco, 2004). Deutsche Ausgabe: Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht (Econ 2004).

14 Dass dies richtig gut wirkt, ist vielfach nachgewiesen. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie man mit dem Fühlhirn arbeitet (in diesem Fall mittels Verlustangst), statt dagegen. Das klappt so gut, dass die Forscher, die den Effekt entdeckten, eine Website namens stcikk.com eingerichtet haben, wo man mit Freunden solche Wetten abschließen kann. Ich habe StickK übrigens genutzt, um den Abgabetermin für mein letztes Buch einzuhalten (mit Erfolg!).

15 Am Ende hat er gegen den Schachgroßmeister verloren, weil es beim Schach hundert Millionen Zugmöglichkeiten gibt, und man ein Schachspiel unmöglich von vorne bis hinten durchplanen kann. Ich gebe keine Quelle an, weil dieser »Hack« keine weitere Aufmerksamkeit verdient.

16 Robert Putnam, Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community (New York: Simon and Schuster, 2001).

17 F. Sarracino, »Social Capital and Subjective Well-being Trends: Comparing 11 Western European Countries«, Journal of Socio-Economics 39 (2010): 482–517.

18 Putnam, Bowling Alone, S. 134–43.

19 Ebd., S. 189–246.

20 Ebd., S. 402–14.

21 Dieser Freiheitbegriff ist ethischer und effektiver. Denken wir zum Beispiel an den Streit in Europa um das Tragen des Hijabs bei Musliminnen. Aus der Sicht der falschen Freiheit könnte man sagen, dass Frauen von der Verschleierung befreit werden sollten, dass ihnen also mehr Vergnügen ermöglicht werden sollte. Damit macht man die Frauen aber zum Mittel für den ideologischen Zweck. Damit nimmt man ihnen das Recht, sich ihre eigenen Opfer und Pflichten auszusuchen, und unterwirft ihre Überzeugungen und Entscheidungen einer übergeordneten ideologischen Freiheitsreligion. Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie Freiheit untergraben wird, wenn man Menschen als Mittel zum Zweck der Freiheit benutzt. Wahre Freiheit bedeutet, es den Frauen zu überlassen, was sie in ihrem Leben zu opfern bereit sind, und ihnen daher den Hijab zu erlauben. Eine Zusammenfassung des Kopftuchstreits bietet »The Islamic Veil Across Europe«, BBC News, 31. Mai 2018, https://www.bbc.com/news/world-europe-13038095.

22 Das trifft leider angesichts von Cyberkrieg, Fake News und Wahlmanipulation über globale soziale Medien mehr denn je zu. Die soft power des Internets erlaubt es geschickten Regierungen (Russland, China), das Wahlvolk rivalisierender Staaten wirksam zu beeinflussen, ohne deren Territorien infiltrieren zu müssen. Kein Wunder, dass im Informationszeitalter am heftigsten mit und um Informationen gekämpft wird.

23 Alfred N. Whitehead, Process and Reality: Corrected Edition, Hrsg. David Ray Griffin und Donald W. Sherburne (New York: The Free Press, 1978), S. 39. Deutsche Ausgabe: Prozeß und Realität (Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979).

24 Platon, Phaidros, 253d.

25 Platon, Der Staat, 427e und 435b.

26 Platons »Ideenlehre« kommt in mehreren Dialogen vor, aber das berühmteste Beispiel ist das Höhlengleichnis in Der Staat, 514a–20a.

27 Anzumerken ist, dass sich die antike Definition der Demokratie von der modernen unterscheidet. Im Altertum bedeutete Demokratie, dass das Volk über alles abstimmte, und es wenige oder gar keine Volksvertreter gab. Was wir heute Demokratie nennen, ist im engeren Sinne eine »Republik«, weil bei uns gewählte Vertreter Entscheidungen treffen und die Politik bestimmen. Ich finde jedoch nicht, dass dieser Unterschied meine Argumente in irgendeiner Weise entkräftet. Ein Verlust von Reife im Wahlvolk führt zur Wahl von schlechteren Volksvertretern – Demagogen, wie Platon sie nannte: Politiker, die alles versprechen und nichts schaffen. Derartige Demagogen demontieren das demokratische System. Das Volk jubelt ihnen dabei zu, denn es hält inzwischen das System für problematisch, nicht die dumm ausgewählten Führerfiguren.

28 Platon, Der Staat, 564a–66a.

29 Ebd., 566d–69c.

30 Demokratien führen deutlich weniger Krieg als Autokratien, was Kants Hypothese vom »ewigen Frieden« bestätigt. Siehe J. Oneal and B. Russett, »The Kantian Peace: The Pacific Benefits of Democracy, Interdependence, and International Organizations, 1885–1992«, World Politics 52, Ausgabe 1 (1999): 1–37. Demokratien erzeugen auch Wirtschaftswachstum. Siehe Jose Tavares and Romain Wacziarg, »How Democracy Affects Growth«, European Economic Review 45, Ausgabe 8 (2000): 1341–78. In Demokratien leben die Menschen länger. Siehe Timothy Besley und Kudamatsu Masayuki, »Health and Democracy«, American Economic Review 96, Ausgabe 2 (2006): 313–18.

31 Interessanterweise zählen in Gesellschaften mit wenig Vertrauen »Familienwerte« mehr als in anderen Kulturen. Das könnte bedeuten, dass die Menschen desto eher in ihrer familiären Religion nach Hoffnung suchen, je weniger sie von ihrer nationalen Religion zu erwarten haben – und umgekehrt. Siehe Fukuyama, Trust, S. 61–68.

32 Folgende Erklärung für das Paradox des Fortschritts habe ich noch nicht ergründet: dass wir nämlich mit jeder Verbesserung des Lebens mehr zu verlieren und weniger zu gewinnen haben als vorher. Da Hoffnung in der Aussicht auf zukünftigen Gewinn besteht, wird es, je besser die Gegenwart ist, umso schwieriger, sich diesen Zugewinn vorzustellen, und umso leichter, an zukünftige Verluste zu denken. Konkret gesagt: Das Internet mag noch so toll sein, aber es eröffnet der Gesellschaft allerlei Wege in den Abgrund und zur Hölle. Paradoxerweise bietet uns jede technische Verbesserung eine neue Möglichkeit, uns gegenseitig umzubringen – und uns selbst.

Kapitel 9: Die endgültige Religion

1 1950 erschuf Alan Turing, der Vater der Informatik, den ersten Schach-Algorithmus.

2 Es hat sich als unglaublich schwierig herausgestellt, einem Computer Fühlhirn-Eigenschaften einzuprogrammieren, während die Denkhirn-Funktionen längst menschliche Kapazitäten übertreffen. Das liegt daran, dass das Fühlhirn das gesamte neuronale Netzwerk verwendet, während das Denkhirn nur nackte Zahlen berechnet. Meine Erklärung mag ungelenk sein, aber sie verweist auf eine Ironie in der KI-Entwicklung: So wie uns unsere Fühlhirne Rätsel aufgeben, macht uns auch der Bau fühlender Maschinen Schwierigkeiten.

3 In den Jahren nach Kasparovs Niederlage erreichten sowohl er als auch Vladimir Kramnik im Spiel gegen Schachprogramme gelegentlich Remis. Aber 2005 putzten die Programme Fritz, Hydra und Junior Schachgroßmeister vom Brett, mitunter ohne eine Partie zu verlieren. Ab 2007 gab man den menschlichen Großmeistern Vorteile – mehr Züge, Figuren, Eröffnungen – sie verloren dennoch. 2009 gaben sie es auf. Es hatte keinen Zweck mehr.

4 Das stimmt, wenn auch nicht buchstäblich. 2009 wurde Deep Blue von der Schach-App Pocket Fritz in einem Match mit zehn Partien besiegt. Fritz gewann trotz geringerer Rechenleistung – der Vorteil lag also in der Software, nicht in der Hardware.

5 Michael Klein, »Google’s AlphaZero Destroys Stockfish in 100-game Match«, Chess.com, 7. Dezember 2017, https://www.chess.com/news/view/google-s-alphazero-destroys-stock-fish-in-100-game-match.

6 Shōgi gilt als komplexer, weil man dabei gegnerische Figuren unter Kontrolle kriegen kann, was zu deutlich mehr Zugmöglichkeiten als beim Schach führt.

7 Eine hervorragende Erörterung der möglichen, durch KI verursachten Massenarbeitslosigkeit findet sich in E. Brynjolfsson und A. McAfee, Race Against the Machines: How the Digital Revolution Is Accelerating Innovation, Driving Productivity, and Irreversibly Transforming Employment (Lexington, MA: Digital Frontier Press, 2011). Deutsche Ausgabe: Race against the machine: Wie die digitale Revolution dem Fortschritt Beine macht (Plassen 2014).

8 K. Beck, »A Bot Wrote a New Harry Potter Chapter and It’s Delightfully Hilarious«, Mashable, 17. Dezember 2017, https://mashable.com/2017/12/12/harry-potter-predictive-chapter.

9 J. Miley, »11 Times AI Beat Humans at Games, Art, Law, and Everything in Between«, Interesting Engineering, 12. März 2018, https://interestingengineering.com/11-times-ai-beat-humans-at-games-art-law-and-everything-in-between.

10 So wie uns heute ein Leben ohne Google, E-Mail oder Handy unmöglich erscheint.

11 Im Laufe der Evolution haben die Menschen vieles aufgegeben, um größere Gehirne zu ermöglichen. Verglichen mit Affen und anderen Säugetieren sind wir langsam, schwach, zerbrechlich und mit schlechten Sinnesorganen ausgestattet. Aber alles, was uns an Körperkräften abhandenkam, gestattete dem Hirn mehr Energieverbrauch und eine längere Reifungszeit. Also hat es sich am Ende gelohnt.

12 Siehe D. Deutsch, The Beginning of Infinity: Explanations that Transform the World (New York: Penguin Books, 2011).

13 Genau genommen gab es das alles nicht, bevor wir daherkamen, aber genau das ist ja irgendwie der Punkt.

14 Haidt, The Righteous Mind, S. 32–34.

15 Der Selbsthass entsteht aus dem in Kapitel 4 besprochenen Schuldgefühl, das die Existenz mit sich bringt. Die Selbstzerstörung? Die liegt auf der Hand.

16 Solche absonderlichen Szenarien sind durchaus ernst gemeint. Ausgiebig beschreibt sie Nick Bostrom in Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies (New York: Oxford University Press, 2014. Deutsche Ausgabe: Superintelligenz: Szenarien einer kommenden Revolution (Suhrkamp 2016).

17 Michal Kranz, »5 Genocides That Are Still Going on Today«, Business Insider, 22. November 2017, https://www.businessinsider.com/genocides-still-going-on-today-bosnia-2017-11.

18 »Hunger Statistics«, Food Aid Foundation, https://www.foodaidfoundation.org/world-hunger-statistics.html.

19 Berechnet vom Autor auf Grundlage von Statistiken der National Coalition Against Domestic Violence, https://ncadv.org/statistics.