Als Isaac Newton das erste Mal ins Gesicht geschlagen wurde, stand er auf einem Feld. Sein Onkel hatte ihm gerade erklärt, warum der Weizen in diagonalen Reihen gepflanzt werden sollte, aber Isaac hatte nicht zugehört. Er hatte in die Sonne geschaut und sich gefragt, woraus das Licht wohl besteht.
Er war damals sieben Jahre alt.1
Sein Onkel schlug ihn mit dem Handrücken so kräftig über die linke Wange, dass Isaacs Selbstgefühl für einen kurzen Augenblick am Boden zerschellte, auf den auch sein Körper fiel. Er verlor jegliches Gefühl von innerem Zusammenhalt, von körperlich-seelischer Einheit. Und als sich die Scherben seiner Psyche wieder zusammenfügten, verblieb ein geheimer Teil von ihm für immer unten im Schmutz.
Sein Vater war gestorben, bevor Isaac das Licht der Welt erblickte, und seine Mutter verließ ihren Sohn bald darauf, um einen alten reichen Kerl im Nachbarstädtchen zu heiraten. Infolgedessen wurde Isaac in den prägenden Jahren seiner Kindheit zwischen verschiedenen Onkels, Cousins und Großeltern hinund hergereicht. Niemand wollte sich seiner wirklich annehmen. Die meisten wussten nichts mit ihm anzufangen. Er war eine Last. Nur selten – wenn überhaupt – erfuhr er in den Jahren seiner Kindheit so etwas wie Liebe.
Besagter Onkel war ein ungebildeter Trinker, aber er wusste, wie man die Hecken und Getreidereihen auf einem Feld zählte. Seine intellektuellen Fähigkeiten beschränkten sich nahezu auf dieses Talent, was wohl auch der Grund dafür war, dass er weit häufiger zählte als nötig. Wenn er mal wieder Kornreihen zählen ging, begleitete Isaac ihn oft, weil es die wenigen Gelegenheiten waren, bei denen sein Onkel ihn überhaupt beachtete. Und der Junge badete in jedem bisschen Aufmerksamkeit, das er erheischen konnte, als wäre es Wasser in der Wüste.
Wie sich herausstellte, war der Junge eine Art Wunderkind. Im Alter von acht Jahren konnte er die Futtermengen vorhersagen, die vonnöten sein würden, um die Schafe und Schweine über die kommende Saison zu bringen. Mit neun konnte er aus dem Stegreif Berechnungen für den Anbau von mehreren Hektar Weizen, Gerste und Kartoffeln runterrattern.
Im Alter von zehn Jahren hatte Isaac befunden, dass die Landwirtschaft etwas für Idioten sei; stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Verlaufsberechnung des Sonnenstands über das Jahr hinweg. Sein Onkel scherte sich nicht um den genauen Verlauf des Sonnenstands, weil dieses Wissen kein Essen auf den Tisch brachte – zumindest nicht unmittelbar –, und deshalb setzte es wieder Prügel für Isaac.
In der Schule sah es nicht viel besser aus. Isaac war blass, dürr und geistesabwesend. Es mangelte ihm an Sozialkompetenz. Er stand auf nerdigen Mist wie Sonnenuhren und kartesische Koordinatensysteme, und er beschäftigte sich mit der Frage, ob der Mond tatsächlich eine Kugel ist. Während die anderen Kinder Cricket spielten oder im Wald herumtobten, starrte Isaac stundenlang in Bäche und Flüsse seiner Umgebung und fragte sich, wie es möglich war, dass das menschliche Auge Licht wahrnehmen konnte.
Isaac hatte in seinen frühen Jahren eine Menge Schläge einstecken müssen. Und jedes Mal, wenn ihm jemand einen Schlag verpasste, spürte sein Fühlhirn eine unumstößliche Wahrheit: dass irgendetwas an ihm grundlegend falsch war. Warum hätten seine Eltern ihn sonst verlassen sollen? Welchen Grund hätten die anderen Kinder sonst haben können, sich über ihn lustig zu machen? Wie hätte er sich seine ständige Einsamkeit anders erklären sollen? Während sein Denkhirn sich mit fantasievollen Graphen und Diagrammen von Mondfinsternissen ablenkte, verinnerlichte sein Fühlhirn, dass etwas mit ihm, diesem kleinen Jungen aus dem englischen Lincolnshire, ganz und gar nicht stimmte.
Eines Tages schrieb er in sein Schulheft: »Ich bin ein kleiner Bursche. Blass und schwächlich. Es gibt keinen Platz für mich. Weder im Haus noch am Grunde der Hölle. Was soll ich tun? Wozu tauge ich? Mir bleiben nur die Tränen.«2
Bis hierhin ist alles, was Sie über Newton gelesen haben, wahr – oder zumindest absolut wahrscheinlich. Aber lassen Sie uns kurz annehmen, es gäbe ein Paralleluniversum. Und nehmen wir weiterhin an, in diesem Paralleluniversum gäbe es ebenfalls einen Isaac Newton, der dem unseren sehr ähnelt. Auch er kommt aus einer kaputten, übergriffigen Familie und lebt in zorniger Einsamkeit; auch er ist ein Wunderkind, das seine komplette Umwelt vermisst und berechnet.
Nehmen wir nun aber an, dass dieser Newton aus einem Paralleluniversum nicht die äußere, ihn umgebende Welt obsessiv vermisst und berechnet, sondern stattdessen die innere, psychologische Welt, nämlich den menschlichen Verstand, das menschliche Herz.
Dazu bedarf es gar keiner allzu großen Vorstellungskraft. Die Opfer von seelischem und körperlichem Missbrauch sind oft die aufmerksamsten Beobachter des menschlichen Wesens. Für dich und mich ist das Beobachten anderer Menschen vielleicht ein Freizeitspaß, dem wir sonntags im Park nachgehen. Für die Opfer von Missbrauch aber ist es eine Grundvoraussetzung, um unbeschadet durch den Alltag zu kommen. Für solche Menschen ist gegen sie gerichtete Gewalt eine ständige Gefahr, weshalb sie ihre Sinne entsprechend geschärft haben und in ständiger Alarmbereitschaft sind – ein bisschen so wie Spiderman. Eine Tonänderung in der Stimme, eine nach oben gezogene Augenbraue, ein tiefer Seufzer – all das kann in diesen Menschen die Alarmglocken zum Schrillen bringen.
Stellen wir uns also diesen Newton aus einem Paralleluniversum vor, diesen »Emo-Newton«, der seine ganze obsessive Aufmerksamkeit auf die Menschen in seinem Umfeld richtete. Er führte Buch über die Verhaltensweisen von Gleichaltrigen und seiner Familie. Ohne Unterlass kritzelte er seine Beobachtungen aufs Papier, dokumentierte jede Handlung, jedes gesprochene Wort. Hunderte Seiten füllte er mit banalen Feststellungen, darunter etliche Sachen, von denen die Leute selbst nicht einmal merkten, dass sie sie machten. Wenn man durch Bemessungen den Lauf der Natur und die Position der Himmelskörper vorhersagen und sich dieses Wissen zunutze machen konnte, dann, so hoffte unser Emo-Newton, sollte man auf diese Weise auch die innere Welt der Emotionen bestimmen können.
Und durch seine Beobachtungen lernte Emo-Newton eine schmerzhafte Wahrheit, die wir insgeheim alle kennen, die aber die wenigsten von uns wahrhaben wollen: Wir Menschen sind Lügner, allesamt. Wir lügen kontinuierlich und gewohnheitsmäßig.3 Wir lügen über wichtige genau wie über triviale Dinge. Und meistens lügen wir nicht aus Boshaftigkeit – vielmehr belügen wir andere, weil wir es so sehr gewohnt sind, uns selbst zu belügen.4
Isaac bemerkte, wie sich das Licht in den Herzen der Menschen auf Weisen brach, die sie selbst nicht zu bemerken schienen; zum Beispiel, wenn Leute sagten, sie würden jene lieben, die sie in Wirklichkeit zu hassen schienen; wenn sie vorgaben, an eine Sache zu glauben, durch ihr Handeln aber das Gegenteil bezeugten; wenn sie sich für rechtschaffend hielten, obwohl sie durch und durch unehrlich und grausam handelten. In ihren eigenen Köpfen beurteilten sie ihre Taten als richtig und widerspruchsfrei.
Isaac stellte fest, dass er niemandem trauen konnte. Niemals. Er berechnete, dass sein Schmerz sich umgekehrt proportional zu der quadratischen Entfernung verhielt, die er zwischen sich und der Welt hielt. Deshalb blieb er allein, kreuzte niemandes Umlaufbahn und zog seine eigenen Kreise, weit entfernt von der Anziehungskraft anderer Herzen. Er hatte keine Freunde und wollte auch keine. Er war zu dem Schluss gekommen, dass die Welt ein erbärmlicher, trostloser Ort ist, und das Einzige, was ihm in seinem armseligen Leben von Wert war, war seine Fähigkeit, die Erbärmlichkeit, die ihn umgab, dokumentieren und berechnen zu können.
Trotz allen Verdrusses mangelte es Isaac aber nicht an Ambitionen. Er wollte die Umlaufbahn des menschlichen Herzens kennen, wollte wissen, welche Geschwindigkeit der Schmerz hat. Er wollte die Antriebskraft menschlicher Werte und die Masse ihrer Hoffnungen berechnen. Und vor allem wollte er begreifen, wie all diese Faktoren zueinander in Relation standen.
Also beschloss er, die drei Newton’schen Grundgesetze der Erregung aufzuschreiben.5
NEWTONS ERSTES GRUNDGESETZ DER ERREGUNG
Für jede Aktion gibt es eine gleichwertige und entgegengesetzte emotionale Reaktion.
Stell dir vor, ich würde dir ins Gesicht schlagen. Ohne Grund. Ohne Rechtfertigung. Einfach nur nackte Gewalt.
Dein Instinkt würde dir möglicherweise sagen, dass du Vergeltung üben sollst. Diese Vergeltung wäre vielleicht physischer Natur: Du würdest mich ebenfalls schlagen. Vielleicht wäre sie auch verbaler Art: Du würdest mich mit einer Menge Schimpfwörtern überziehen. Vielleicht würdest du auch eine soziale Form der Vergeltung wählen: Du würdest die Polizei oder eine andere Autorität einschalten und dafür sorgen, dass man mich für diesen Angriff bestraft.
Egal, wie deine Reaktion aussähe: Du würdest einen Haufen negativer, gegen mich gerichteter Emotionen verspüren. Und zwar zu Recht – ganz offensichtlich bin ich eine entsetzliche Person. Und die Vorstellung, dass ich dir ohne Grund und Rechtfertigung Schmerzen zufügen darf, führt dazu, dass zwischen uns ein Gefühl der Ungerechtigkeit entsteht, eine moralische Diskrepanz: Einer von uns, so scheint es, ist von Grund auf rechtschaffen, während der andere ein minderwertiges Stück Scheiße ist.6
Schmerzen schaffen moralische Diskrepanzen. Und das gilt nicht nur für zwischenmenschliche Beziehungen: Wenn uns ein Hund beißt, haben wir instinktiv das Bedürfnis, ihn zu bestrafen. Und was tun wir, wenn wir uns den großen Zeh am Couchtisch stoßen? Wir schreien den gottverdammten Couchtisch an. Wenn unser Haus von einem Hochwasser eingerissen wird, wird unser verzweifelter Zorn sich gegen Gott, das Universum und das Leben im Allgemeinen richten.
Das meine ich, wenn ich von moralischen Diskrepanzen spreche: Sie beschreiben das Gefühl, dass etwas passiert, was nicht rechtens ist, und dass wir (oder jemand anderes) Anspruch auf Wiedergutmachung haben. Schmerz geht stets mit einem Gefühl von Über- oder Unterlegenheit einher. Und Schmerz ist allgegenwärtig.
Mit einer moralischen Diskrepanz konfrontiert, verspüren wir das überwältigende Bedürfnis nach Ausgleich, nach einer Wiederherstellung der moralischen Gleichwertigkeit. Dieses Verlangen nach Ausgleich entspricht einem Gefühl der verdienten Zwangsläufigkeit: Weil ich dich geschlagen habe, hast du das Gefühl, dass ich es verdient habe, ebenfalls geschlagen oder auf andere Weise bestraft zu werden. Diese Annahme (dass ich Schmerzen verdient habe) wird dazu führen, dass du mir gegenüber starke Emotionen (höchstwahrscheinlich Wut) entwickelst. Mit ebenso starken Emotionen wird die Annahme besetzt sein, dass du meine Schläge nicht verdient hast, dass du nichts falsch gemacht hast und es verdienst, dass du von mir und anderen besser behandelt wirst. Diese Annahmen manifestieren sich in einem Gefühl von Traurigkeit, Selbstmitleid oder Verwirrung.
Diese Ideen von »verdienter« Zwangsläufigkeit sind Werturteile, die wir fällen, wenn wir mit einer moralischen Diskrepanz konfrontiert sind. Wir beschließen, dass jenes besser als dieses ist, dass die eine Person rechtschaffener oder gerechter ist als die andere, dass die eine Sache erstrebenswerter ist als die andere. Moralische Diskrepanzen sind der Ursprung unserer Wertvorstellungen.
Stellen wir uns nun vor, ich würde um Entschuldigung dafür bitten, dich geschlagen zu haben. Ich würde sagen: »Hey, Leser, das war total gemein von mir, echt völlig unangebracht. Das wird nicht noch einmal vorkommen. Als Zeichen meines aufrichtigen Bedauerns und um mich zu entschuldigen habe ich dir einen Kuchen gebacken. Außerdem habe ich hier noch 100 Euro für dich. Viel Spaß damit.«
Nehmen wir weiterhin an, dass du diese Gesten als zufriedenstellend empfindest. Du nimmst meine Entschuldigung an – zusammen mit dem Kuchen und den 100 Euro – und hältst die Sache damit für erledigt. Die Gleichwertigkeit zwischen uns ist nun wiederhergestellt. Die moralische Diskrepanz, die sich zwischen uns aufgetan hatte, existiert nicht mehr. Ich habe Wiedergutmachung geleistet. Man könnte vielleicht gar sagen, wir seien quitt – keiner von uns ist mehr besser als der andere, keiner von uns verdient mehr, besser oder schlechter behandelt zu werden als der andere. Wir befinden uns moralisch auf Augenhöhe.
Diese Art des Ausgleichs gibt uns wieder Hoffnung. Dir wird suggeriert, dass mit der Welt und dir selbst womöglich alles in Ordnung ist; dass du dich nun wieder deinem Alltag stellen kannst – selbstbestimmt, mit einem köstlichen Kuchen auf dem Teller und 100 Euro in der Tasche.
Stellen wir uns nun ein anderes Szenario vor. Nehmen wir an, statt dich zu schlagen, kaufe ich dir ein Haus.
Jawohl, Leser, ich habe dir gerade ein gottverdammtes Haus gekauft.
Auch dadurch wird moralische Diskrepanz zwischen uns entstehen. Doch statt mir unbedingt den Schmerz heimzahlen zu wollen, den ich dir zugefügt habe, wirst du nun das dringende Bedürfnis verspüren, mir eine ebenso große Freude zu machen, wie ich sie dir gemacht habe. Du wirst mich umarmen, dich tausendmal bedanken, mir ebenfalls ein Geschenk machen oder mir versprechen, von jetzt an bis in alle Ewigkeit meine Katze zu hüten, wann immer ich dich darum bitte.
Wenn du besonders gut erzogen bist (und Selbstkontrolle eine deiner Stärken ist), wirst du vielleicht sogar versuchen, das Haus abzulehnen, weil du dir darüber im Klaren bist, dass dadurch eine moralische Diskrepanz zwischen uns entstünde, die zu überbrücken du nie imstande wärst. Du würdest dieser Einsicht möglicherweise Rechnung tragen, indem du sagst: »Vielen Dank, aber das kann ich wirklich nicht annehmen. Ich könnte mich niemals erkenntlich zeigen dafür.«
Genau wie bei der negativen moralischen Diskrepanz, hast du auch bei dieser positiven moralischen Diskrepanz das Bedürfnis, einen Ausgleich zu schaffen; du hast das Gefühl, mir etwas zu schulden, dass auch ich etwas Gutes verdiene und dass es jetzt an dir sei, Wiedergutmachung zu leisten, indem du dich erkenntlich zeigst. Du wirst mir gegenüber große Dankbarkeit und Wertschätzung empfinden. Vielleicht musst du dir sogar ein Freudentränchen verdrücken. (Oooch, Leser!)
Der Ausgleich moralischer Diskrepanzen ist uns ein natürliches psychologisches Anliegen. Wir wollen Gutes mit Gutem und Schlechtes mit Schlechtem vergelten. Es sind unsere Emotionen, die uns dazu bringen, diese empfundenen Lücken schließen zu wollen. Jede Aktion erfordert demnach, dass wir ihr eine gleichwertige emotionale Reaktion entgegensetzen. Das ist Newtons Erstes Grundgesetz der Erregung.
Newtons Erstes Gesetz schreibt uns den Rhythmus unseres Lebens vor; es ist der Algorithmus, mit dem unser Fühlhirn die Welt interpretiert.7 Wenn ein Film uns mehr Schmerzen bereitet, als er Linderung verschafft, werden wir uns langweilen, vielleicht werden wir auch wütend. (Eventuell bemühen wir uns sogar um Ausgleich, indem wir unser Geld zurückfordern.) Wenn unsere Mutter unseren Geburtstag vergisst, bemühen wir uns vielleicht um Ausgleich, indem wir ihr die nächsten sechs Monate die kalte Schulter zeigen. Wenn wir ein etwas reiferes Wesen haben, verleihen wir unserer Enttäuschung womöglich auch mit Worten Ausdruck.8 Wenn unsere Lieblingsmannschaft schmählich verliert, so werden wir geneigt sein, uns in Zukunft weniger Spiele anzuschauen oder den Jubel etwas runterzufahren. Wenn wir feststellen, dass wir echtes Talent zum Zeichnen haben, werden die Bewunderung und die Befriedigung, die wir aus dieser Fähigkeit ziehen, dazu führen, dass wir mehr Zeit, Energie, Gefühl und Geld in unser Handwerk investieren.9 Wenn unser Land einen unausstehlichen Hornochsen zum Regierungschef wählt, werden wir uns unserer Nation und Regierung und sogar vielen Mitbürgern entfremdet fühlen. Außerdem werden wir das Gefühl haben, dass man uns etwas schuldig ist – dafür, dass wir seine furchtbaren Entscheidungen mit ausbaden müssen.
Ausgleich ist ein allgegenwärtiger Faktor unseres Erlebens, weil das Bedürfnis nach Ausgleich die Emotion selbst ist. Traurigkeit ist das Gefühl der Machtlosigkeit, einen empfundenen Verlust auszugleichen. Wut ist das Begehren, einen Ausgleich durch Gewalt und Aggression zu schaffen. Glück ist das Gefühl, frei von Leid und Schmerz zu sein, wohingegen Schuld das Gefühl ist, dass man Leid und Schmerz verdient habe, die sich aber nicht einstellen.10
Das Bedürfnis nach Ausgleich ist die Grundlage unseres Gerechtigkeitsempfindens. Im Laufe unserer Kulturgeschichte wurde es in Regeln und Gesetze gegossen. Klassische Beispiele sind das Diktum des babylonischen Königs Hammurapi – »Auge um Auge, Zahn um Zahn« – oder die Goldene Regel aus der Bibel: »Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst«. In der Evolutionsbiologie kennt man diesen Grundsatz als »reziproken Altruismus«11, in der Spieltheorie als »Tit-for-tat-Strategie«.12
Newtons Erstes Gesetz ist die Grundlage unserer Vorstellung von Moral und Fairness. Es ist der Fels in der Brandung jeder menschlichen Kultur. Und …
Es ist das Betriebssystem unseres Fühlhirns.
Während unser Denkhirn faktisches Wissen auf Grundlage von Beobachtung und Logik generiert, erzeugt unser Fühlhirn unser Wertesystem, und zwar auf Grundlage von Leid und Schmerz, die wir erfahren. Erfahrungen, die solche Verletzungen verursachen, hinterlassen in unserem Verstand den Eindruck einer negativen moralischen Diskrepanz. Unser Fühlhirn erachtet diese Erfahrungen als minderwertig und nicht erstrebenswert. Erfahrungen, die Schmerz und Leid lindern, schaffen hingegen eine positive moralische Diskrepanz. Diese Erfahrungen erachtet unser Fühlhirn als höherwertig und erstrebenswert.
Man könnte sagen, dass das Denkhirn Querverbindungen zwischen Ereignissen herstellt (ein Abgleich von Gemeinsamkeiten, Unterschieden, Ursache und Wirkung et cetera), während das Fühlhirn hierarchische Verbindungen herstellt (besser/schlechter, erstrebenswert/nicht erstrebenswert, moralisch hoch- oder minderwertiger).13 Unser Denkhirn denkt horizontal (In welcher Verbindung stehen diese Dinge zueinander?), während unser Fühlhirn vertikal denkt (Welches dieser Dinge ist besser/schlechter?). Unser Denkhirn bewertet, wie die Dinge sind, und unser Fühlhirn bewertet, wie sie sein sollten.
Unser Fühlhirn erschafft eine Art Wertehierarchie für unsere Erlebnisse.14 Man kann sich das wie ein riesiges Bücherregal in unserem Unterbewusstsein vorstellen, in dem die besten und wichtigsten Erlebnisse unseres Lebens (mit Freunden, Verwandten und Pizza) ganz oben stehen, während die unerfreulichsten Erlebnisse (Tod, Steuern, Verdauungsstörungen) ganz unten zu finden sind. Unser Fühlhirn trifft dann seine Entscheidungen, indem es einfach auf Erlebnisse zurückgreift, die im Regal möglichst weit oben stehen.
Beide Hirne haben Zugriff auf die Wertehierarchie. Während das Fühlhirn bestimmt, in welches Regalbrett etwas einsortiert wird, ist das Denkhirn in der Lage zu benennen, wie bestimmte Erlebnisse miteinander in Verbindung stehen, und es kann Vorschläge machen, wie die Wertehierarchie entsprechend neu sortiert werden sollte. Im Wesentlichen ist das die Grundlage allen »Wachstums«: die eigene Wertehierarchie fortwährend zu prüfen und durch Neusortierung zu optimieren.15
Ich hatte zum Beispiel mal eine Freundin, die ausgiebiger feiern konnte als irgendwer sonst in meinem Umfeld. Sie schlug sich die ganze Nacht um die Ohren und ging morgens direkt von der Party ins Büro, ohne auch nur eine einzige Stunde geschlafen zu haben. Frühes Aufstehen oder Freitagabende zu Hause verbringen, fand sie absolut öde. Ihre Wertehierarchie sah etwa so aus:
richtig großartige DJs,
richtig gute Drogen,
Arbeit,
Schlaf.
Anhand dieser Hierarchie allein konnte man ihr komplettes Verhalten voraussagen. Sie arbeitete lieber, als dass sie schlief. Sie wollte lieber feiern und sich so richtig wegballern, als zu arbeiten. Und einfach alles drehte sich um die Musik.
Dann machte sie eine Art Freiwilliges Soziales Jahr und verbrachte mit anderen jungen Menschen ein paar Monate in einem Dritte-Welt-Land, wo sie mit Waisenkindern arbeitete. Und was soll ich sagen? Das veränderte alles. Diese Erfahrung war von einer solchen emotionalen Wucht, dass sie ihre Wertehierarchie komplett neu organisierte. Diese sah nun etwa so aus:
Kindern unnötiges Leid ersparen,
Arbeit,
Schlaf,
Partys.
Und mit einem Mal machten ihr die Partys keinen Spaß mehr. Wieso? Weil sie sie von ihrem eigentlichen Streben abhielten, Kindern in Not zu helfen. Sie wechselte den Job und nun drehte sich bei ihr alles um die Arbeit. Abends blieb sie fast immer zu Hause. Sie trank keinen Alkohol und nahm keine Drogen. Sie schlief ausreichend – schließlich musste sie ja jede Menge Energie tanken, um die Welt zu retten.
Ihre Partyfreunde beobachteten ihre Verwandlung mitleidig; sie beurteilten sie anhand einer Wertehierarchie, die früher auch ihre eigene gewesen war. Das arme Partymädel muss früh ins Bett, weil jeden Morgen die Arbeit ruft. Das arme Partymädel kann nicht mehr jedes Wochenende auf Ecstasy durchfeiern.
Aber das ist ja das Schöne an Wertehierarchien: Wenn sie sich ändern, verlieren wir dabei nichts. Es war ja nicht so, dass meine Freundin auf die Partys verzichtet hat, um sich ihrer Arbeit widmen zu können. Die Partys haben ihr einfach keinen Spaß mehr gemacht. Das liegt daran, dass »Spaß« ein Produkt unserer Wertehierarchie ist. Wenn wir etwas nicht mehr wertschätzen, macht es uns keinen Spaß mehr, es interessiert uns nicht mehr. Daher stellt sich kein Verlustgefühl ein, kein Gefühl, etwas zu verpassen, wenn wir es nicht länger machen. Im Gegenteil: Wir blicken zurück und fragen uns, wie wir jemals so viel Zeit darauf verwenden konnten, uns mit einer solch trivialen, albernen Sache zu beschäftigen, wie wir so viel Energie an Themen und Belange verschwenden konnten, die nicht von Bedeutung sind. Diese Impulse der Reue und Verlegenheit sind gut – sie sind ein Zeichen von Wachstum. Sie sind Zeugnis davon, dass wir unsere Hoffnungen Realität werden lassen.
NEWTONS ZWEITES GRUNDGESETZ DER ERREGUNG
Unser Selbstwert entspricht der Summe unserer Emotionen im Laufe der Zeit.
Kehren wir zu unserem Anschauungsbeispiel zurück, in dem ich dich schlage. Gehen wir aber diesmal davon aus, dass ich innerhalb eines magischen Kraftfelds existiere, dass mich vor allen Konsequenzen meines Handelns schützt. Du kannst mich also nicht zurückschlagen. Du kannst mich nicht mit Worten erreichen. Du kannst nicht mal anderen gegenüber etwas über mich sagen. Ich bin unberührbar – ein allsehendes, allmächtiges, mieses Arschgesicht.
Newtons Erstes Grundgesetz der Erregung besagt, dass sich eine moralische Diskrepanz auftut, wenn jemand (oder etwas) uns Schmerzen zufügt, und dass unser Fühlhirn infolgedessen eklige Emotionen heraufbeschwört, die uns dazu anstacheln, Vergeltung zu suchen.
Was aber, wenn diese Vergeltung nie stattfindet? Was, wenn jemand (oder etwas) uns etwas Schlimmes antut, ohne dass wir in der Lage wären, uns zu rächen oder zu versöhnen? Was, wenn wir uns außerstande wissen, einen Ausgleich zu schaffen oder »die Sache wieder geradezubiegen«? Was, wenn du gegen mein Kraftfeld einfach machtlos bist?
Wenn moralische Diskrepanzen lang genug bestehen, dann werden sie zum Normalzustand.16 Sie werden zu einer Art vorprogrammierten Erwartungshaltung, zu einem Teil unserer Wertehierarchie. Wenn jemand uns schlägt und wir nie die Möglichkeit haben, ihn ebenfalls zu schlagen, dann wird unser Fühlhirn irgendwann eine erschreckende Schlussfolgerung ziehen:
Wir verdienen es, geschlagen zu werden.
Würden wir es nicht verdient haben, wären wir schließlich in der Lage gewesen, einen Ausgleich zu schaffen – oder etwa nicht? Die Tatsache, dass wir keinen Ausgleich schaffen konnten, bedeutet demnach, dass etwas an uns grundlegend minderwertig sein muss, und/oder die Person, die uns geschlagen hat, ist uns per se überlegen.
Dies ist ebenfalls Teil unserer Hoffnung. Wenn Ausgleich oder Vergeltung unmöglich scheinen, versucht es unser Fühlhirn mit dem nächstbesten Lösungsansatz: aufgeben, die Niederlage akzeptieren und sich selbst als unterlegen und minderwertig bewerten. Wenn jemand uns Leid zufügt, ist unsere unmittelbare Reaktion für gewöhnlich: »Er ist ein Arsch, und ich bin ein rechtschaffener Mensch.« Wenn wir aber nicht in der Lage sind, Ausgleich zu schaffen und unsere Rechtschaffenheit unter Beweis zu stellen, wird unser Fühlhirn die einzige andere Erklärungsmöglichkeit glauben: »Ich bin ein Arsch, und er ist ein rechtschaffener Mensch.«17
Dieses Annehmen dauerhaft bestehender moralischer Diskrepanzen ist ein fundamentaler Teil der Eigenart unseres Fühlhirns. Und es ist Newtons Zweites Grundgesetz der Erregung: Unser Selbstwert entspricht der Summe unserer Emotionen im Laufe der Zeit.
Wenn wir uns selbst auf diese Weise als grundsätzlich unterlegen akzeptieren, dann ist oft von Scham oder geringem Selbstwertgefühl die Rede. Nenn es, wie du willst, das Ergebnis bleibt dasselbe: Das Leben versetzt uns ein paar Hiebe, und wir fühlen uns ohnmächtig, dem ein Ende zu setzen. Also schlussfolgert unser Fühlhirn, dass wir es wohl nicht besser verdient haben.
Natürlich hat auch eine positive moralische Diskrepanz vergleichbare Folgen. Wenn wir einen Haufen Zeug erhalten, ohne es verdient zu haben (Teilnahmepokale, bessere Noten oder Goldmedaillen für das Erreichen von Platz 9), dann werden wir uns (fälschlicherweise) für besser halten, als wir es tatsächlich sind. Daraus entwickelt sich dann eine irrgeleitete Version eines hohen Selbstwerts – eine Form der Selbstüberschätzung, die man auch als das Arschloch-Gen bezeichnen könnte.
Selbstwert ist kontextgebunden. Wenn man dich als Kind wegen deiner dicken Brille und deiner krummen Nase geärgert hat, dann wird dein Fühlhirn »wissen«, dass du ein Blödmann bist, selbst wenn du mittlerweile zu einer richtig geilen Sexbombe herangewachsen bist. Menschen, die in einem strengreligiösen Umfeld aufwachsen und für ihre sexuellen Impulse rigide bestraft werden, bekommen häufig von ihrem Fühlhirn auch als Erwachsene noch vermittelt, dass Sex etwas Schlechtes ist, selbst wenn ihr Denkhirn längst verstanden hat, dass es die natürlichste und wohl großartigste Sache der Welt ist.
Hohes und niedriges Selbstwertgefühl sind oberflächlich betrachtet grundverschiedene Eigenschaften, aber in Wirklichkeit sind es zwei Seiten derselben gefälschten Münze. Denn egal, ob wir in dem Glauben leben, wir seien besser als der Rest der Welt oder schlechter als der Rest der Welt, es greift derselbe Mechanismus: Wir leben in dem Glauben, wir seien etwas Besonderes, wir seien nicht Teil der Welt um uns herum.
Jemand, der glaubt, ihm stünde eine besondere Behandlung zu, weil er so ein toller Typ ist, unterscheidet sich nicht sonderlich von einer Person, die glaubt, sie verdiene es, anders behandelt zu werden als der Rest, weil sie so scheiße ist. Beide eint ein narzisstisches Wesen. Beide denken, sie seien etwas Besonderes. Beide denken, die Welt sollte für sie eine Ausnahme machen und sich nach ihren Werten und Gefühlen richten, nicht nach denen der anderen.
Narzissten oszillieren zwischen dem Gefühl der Überlegenheit und dem Gefühl der Unterlegenheit.18 Entweder werden sie von allen geliebt oder von allen gehasst. Alles ist großartig oder alles ist im Arsch. Ein Ereignis wird entweder als das Beste gewertet, was ihnen je passiert ist, oder als traumatisierend. Für Narzissten gibt es kein Dazwischen, denn die nuancierte, nur schwer deutbare Realität anzuerkennen, der sie ausgesetzt sind, würde zur Folge haben, dem eigenen privilegierten Glauben zu entsagen, man sei etwas Besonderes. Narzissten sind meist unerträgliche Zeitgenossen. Alles dreht sich immer nur um sie – und ihr Umfeld hat das bitteschön genauso zu sehen.
Wenn du mit offenen Augen durch die Welt gehst, wirst du diesem Wechselbad aus hohem und niedrigem Selbstwertgefühl bald überall begegnen: Massenmörder, Diktatoren, weinerliche Kinder, die unausstehliche Tante, die jedes Jahr wieder das Weihnachtsfest ruiniert. Hitler predigte, dass die Welt nach dem Ersten Weltkrieg Deutschland nur deshalb so schlecht behandelt habe, weil man sich vor der Überlegenheit des Landes gefürchtet habe.19 Und erst kürzlich rechtfertigte ein gestörter Killer aus Kalifornien sein Attentat auf die Bewohnerinnen eines Studentinnenwohnheims damit, dass Frauen sich zwar mit »minderwertigen« Männern einlassen würden, ihm selbst aber Zeit seines Lebens sexuelle Beziehungen verwehrt hätten.20
Wenn wir ehrlich sind, werden wir dieses Muster wohl sogar bei uns selbst feststellen können. Je unsicherer wir hinsichtlich einer Sache sind, desto mehr werden wir hin- und hergeworfen sein zwischen wahnhaften Überlegenheitsgefühlen (»Ich bin der Beste!«) und nicht weniger wahnhaften Gefühlen von Unterlegenheit (»Ich bin nur Abfall!«).
Selbstwertgefühl in all diesen Spielarten ist eine Illusion21, ein psychologisches Netz, das unser Fühlhirn webt, um vorausahnen zu können, was ihm hilft und was es verletzen wird. Letztendlich müssen wir ein Gefühl zu unserem Selbst entwickeln, um ein Gefühl zur Welt zu haben – und ohne diese Gefühle ist es uns unmöglich, Hoffnung zu finden.
Wir alle sind zu einem gewissen Grad Narzissten. Das ist unvermeidlich, da alles, was wir jemals wissen oder erfahren, uns zugestoßen ist oder von uns erlernt wurde. Es liegt in der Natur unseres Bewusstseins, dass alles durch uns passiert. Es ist daher verständlich, dass unsere unmittelbare Annahme ist, dass wir im Mittelpunkt des Seins stehen – denn wir stehen ja im Zentrum all unserer Erfahrungen.22
Wir alle überschätzen uns hinsichtlich unserer eigenen Fähigkeiten und Absichten, während wir die Fähigkeiten und Absichten anderer unterschätzen. Die meisten Menschen halten sich für überdurchschnittlich intelligent und glauben, dass sie für eine Vielzahl von Dingen ein überdurchschnittliches Talent besitzen – ganz besonders dann, wenn beides nicht der Fall ist.23 Wir neigen alle dazu zu glauben, dass wir ehrlicher und ethischer sind, als es tatsächlich der Fall ist.24 Jeder von uns wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit der Illusion aufsitzen, dass, was gut für uns ist, auch gut für andere sein muss.25 Wenn wir Mist bauen, neigen wir zu der Annahme, dass es sich um Zufall und Versehen handelt26, aber wenn jemand anderes Mist baut, zögern wir nicht lange, der Person einen schlechten Charakter zu attestieren.27
Andauernder Narzissmus auf einem niedrigen Niveau ist etwas Natürliches, aber vermutlich ist er auch die Wurzel vieler unserer soziopolitischen Probleme. Das ist kein Problem von Rechten oder Linken. Es ist kein Problem der älteren oder jüngeren Generationen. Es ist kein Problem von östlichen oder westlichen Kulturen.
Es ist ein Menschheitsproblem.
Jede Institution wird sich selbst zersetzen und korrumpieren. Jede Person, die man mit mehr Macht ausstattet und mit weniger Kontrollen beschränkt, wird diese Macht auf eine Weise anwenden, die den eigenen Bedürfnissen nutzt. Jedes Individuum ist blind gegenüber den eigenen Fehlern, aber stets bereit, lautstark auf die Fehler anderer hinzuweisen.
Willkommen auf der Erde. Genießen Sie Ihren Aufenthalt.
Unser Fühlhirn legt die Wirklichkeit so aus, dass wir glauben, dass unsere Sorgen und unser Leid einzigartig sind, obwohl alles dagegenspricht. Wir sind auf diese Form des Narzissmus angewiesen, denn er ist unser letzter Schutzwall gegen die unbequeme Wahrheit. Denn machen wir uns nichts vor: Menschen sind scheiße, und das Leben ist außerordentlich schwierig und unvorhersehbar. Die meisten von uns mogeln sich irgendwie durch, wenn sie nicht schon völlig verloren sind. Und hätten wir nicht den Glauben an unsere eigene Überlegenheit (oder Unterlegenheit), diese irrige Annahme, dass wir in irgendeiner Hinsicht außergewöhnlich sind, dann würden wir Schlange stehen, um uns von der nächstbesten Brücke zu stürzen. Ohne eine Prise narzisstischer Wahnvorstellung, ohne diese fortwährende Lüge, dass wir etwas Besonderes sind, wären wir vermutlich ohne Hoffnung.
Aber unser inhärenter Narzissmus hat seinen Preis. Ob wir nun glauben, dass wir die Krönung oder der Abschaum der Schöpfung sind, eine Sache trifft auf jeden Fall zu: Wir gehen auf Abstand zum Rest der Welt.
Und dieses Getrenntsein ist letztlich der Grund für fortwährendes, unnötiges Leiden.28
NEWTONS DRITTES GRUNDGESETZ DER ERREGUNG
Deine Identität bleibt deine Identität, bis eine neue Erfahrung ihr entgegenwirkt.
Ein ganz alltägliches Rührstück: Junge betrügt Mädchen. Das Mädchen hat ein gebrochenes Herz, es verzweifelt. Junge verlässt Mädchen, und das Mädchen spürt den Schmerz darüber noch Jahre später. Es fühlt sich wie der letzte Dreck. Und damit ihr Fühlhirn noch Hoffnung aufbringen kann, muss ihr Denkhirn sich für eine von zwei Möglichkeiten entscheiden: (a) Alle Jungs sind scheiße oder (b) sie selbst ist scheiße.29
Tja. Schöne Scheiße. Keine der beiden Möglichkeiten stellt eine gute Option dar.
Aber das Mädchen entscheidet sich für Option (a), »Alle Jungs sind scheiße«, denn schließlich muss sie ja irgendwie mit sich selbst klarkommen. Diese Entscheidung wird nicht bewusst getroffen. Das passiert einfach irgendwie.30
Spulen wir ein paar Jahre vor. Das Mädchen lernt einen anderen Jungen kennen. Dieser Junge ist nicht scheiße. Ganz im Gegenteil, er ist sogar ziemlich knorke. Und süß. Und er hört ihr zu. Er zeigt ihr, wie gern er sie hat.
Aber nun steckt das Mädchen in einer Zwickmühle. Kann dieser Junge wirklich existieren? Kann er es ernst mit ihr meinen? Immerhin weiß sie, dass Jungs scheiße sind. Das ist die reine Wahrheit. Es muss die Wahrheit sein – die Narben auf ihrem Herzen sind der Beweis dafür.
Leider ist die Erkenntnis, dass dieser Junge ganz und gar nicht scheiße ist, zu schmerzhaft, als dass ihr Fühlhirn sie annehmen könnte, darum redet sie sich ein, dass er ein Mistkerl ist, genau wie all die anderen. Sie krittelt auch an noch so kleinen Fehlern rum. Jedes unglücklich gewählte Wort fällt ihr auf, jede missverständliche Geste, jede ungeschickte Berührung. Sie versteift sich auf völlig unwesentliche Fehler, bis in ihrem Kopf die Alarmglocken losheulen: »Lauf! Bring dich in Sicherheit!«
Und das tut sie auch. Sie läuft davon. Und sie läuft in die denkbar falscheste Richtung, geradewegs in die Arme eines anderen Jungen. Schließlich sind alle Jungs scheiße, also ist es doch egal, bei welchem Mistkerl sie endet. Es spielt keine Rolle.
Der Junge, den sie verlassen hat, ist am Boden zerstört. Er ist verzweifelt. Der Schmerz begleitet ihn über Jahre hinweg und verwandelt sich schließlich in Scham. Und diese Scham bringt den Jungen in eine heikle Situation. Denn jetzt muss sein Denkhirn eine Entscheidung treffen: (a) Alle Mädchen sind scheiße oder (b) er selbst ist scheiße.
Unsere Werte sind nicht einfach eine Ansammlung von Gefühlen. Unsere Werte sind Geschichten.
Wenn unser Fühlhirn etwas fühlt, dann macht unser Denkhirn sich an die Arbeit und konstruiert ein dazu passendes Narrativ (also eine Geschichte), damit wir eine Erklärung haben. Die Kündigung ist nicht einfach nur ein beschissenes Ereignis; wir spinnen eine komplette Erzählung dazu: Unser Arschloch-Chef ist uns in den Rücken gefallen, nachdem wir jahrelang loyal zu ihm standen! Wir haben dieser Firma unsere besten Jahre gegeben! Und wie dankt man es uns?
Unsere Geschichten sind klebrig; sie sind in unseren Verstand eingegraben und haften an unserer Identität wie enge, nasse Kleidungsstücke. Wir schleppen sie mit uns herum und definieren uns über sie. Wir tauschen diese Geschichten mit anderen und sind auf der Suche nach Leuten, deren Geschichten zu unseren passen. Diese Leute bezeichnen wir als Freunde, Gefährten und gute Menschen. Und was ist mit denen, deren Geschichten unseren eigenen widersprechen? Die bezeichnen wir als schlechte, böse Menschen.
Unsere Geschichten über uns selbst und die Welt drehen sich grundsätzlich um zwei Fragen: (a) Welchen Wert hat etwas oder jemand? und (b) ist der zugeschriebene Wert berechtigt? Alle Geschichten sind nach diesem Muster konstruiert:
Etwas Schlimmes passiert einer Person/Sache, und er/sie/es hat das nicht verdient.
Etwas Gutes passiert einer Person/Sache, und er/sie/es hat das nicht verdient.
Etwas Gutes passiert einer Person/Sache, und er/sie/es hat es verdient.
Etwas Schlimmes passiert einer Person/Sache, und er/sie/es hat es verdient.
Jedes Buch, jeder Mythos, jede Fabel und alle Geschichtsschreibung – alles, was wir Menschen als sinnhaft begreifen, kommunizieren und erinnern, ist lediglich eine Aneinanderreihung dieser kleinen, wertbesetzten Geschichten. Eine folgt der anderen, von hier bis in alle Ewigkeit.31
Diese Narrative, die wir erfinden, um zu bestimmen, was uns wichtig ist und was nicht, was schützenswert ist und was nicht – das sind Geschichten, die uns ein Leben lang begleiten und uns formen; sie bestimmen unsere Interaktion mit der Welt und mit unseren Mitmenschen. Sie bestimmen, wie wir uns zu uns selbst positionieren – ob wir glauben, ein gutes Leben verdient zu haben oder nicht, ob wir es verdienen, geliebt zu werden oder nicht, ob wir es verdienen, erfolgreich zu sein oder nicht –, und sie bestimmen, was wir über uns selbst wissen und verstehen.
Dieses Geflecht wertebasierter Geschichten ist unsere Identität. Wenn du von dir glaubst, ein ziemlich schneidiger und versierter Schiffskapitän zu sein, dann ist das erstmal nur eine Geschichte, die du konstruiert hast, um dich selbst definieren und einordnen zu können. Diese Geschichte ist ein Teil von deinem umherwandelnden, kommunizierenden Selbst, den du anderen gegenüber zur Schau stellst und mit dem du deine Facebook-Timeline zukleisterst. Du bist Schiffskapitän, noch dazu ein verdammt guter, und daher verdienst du es, dass dir gute Dinge widerfahren.
Aber jetzt kommt der Clou: Wenn du diese kleinen Geschichten als deine Identität annimmst, dann wirst du sie beschützen wollen. Du wirst ein emotionales Verhältnis zu diesen Narrativen entwickeln, als wären sie ein inhärenter Teil von dir. So wie ein Schlag ins Gesicht eine heftige emotionale Reaktion auslösen wird, so wird auch jemand, der dir sagt, du seist ein beschissener Schiffskapitän, eine vergleichbar negative emotionale Reaktion provozieren, weil wir darauf geeicht sind, unseren metaphysischen Körper ebenso entschlossen zu verteidigen wie unseren physischen.
Unsere Identität wälzt sich durch unser Leben wie eine Lawine, die mehr und mehr Werte und Bedeutung in sich aufnimmt, je weiter sie voranrollt. Als Kind haben wir ein enges Verhältnis zu unserer Mutter, und diese Verbindung gibt uns Hoffnung, also erschafft unser Verstand eine Geschichte, die uns ein stückweit genauso definiert, wie unser volles Haar, unsere braunen Augen oder unsere gruseligen Zehennägel uns definieren. Unsere Mutter ist ein wichtiger Teil unseres Lebens. Unsere Mutter ist eine fantastische Frau. Ohne unsere Mutter wären wir ein Niemand … und all dieser Müll, den die Leute bei der Oscar-Verleihung so sagen. Dieses Stückchen Identität beschützen wir dann, als wäre es ein Teil von uns. Wenn dann jemand kommt und schlecht über unsere Mutter spricht, ticken wir komplett aus und schlagen irgendetwas kaputt.
Und dieses Erlebnis schafft dann ebenfalls eine neue Geschichte, einen neuen Wert in unserem Kopf. Wir haben, so beschließen wir nun, ein Problem, unsere Wut in Zaum zu halten … insbesondere, wenn es um unsere Mutter geht. Und nun wird auch diese Geschichte zu einem inhärenten Teil unserer Identität.
Und so weiter und so fort.
Je länger wir einem bestimmten Wert anhängen, desto tiefer steckt er im Innern der Lawine und desto grundlegender bestimmt er, wie wir uns selbst und die Welt sehen. Wie Zinsen auf einem Bankdarlehen nehmen unsere Werte im Laufe der Zeit zu; sie werden stärker und zeichnen bereits die Schatten künftiger Ereignisse vor. Nicht allein die Tatsache, dass wir in der Grundschule fertiggemacht wurden, macht uns zu einem kaputten Charakter. Es sind all die Kränkungen, die wir erlitten haben, und es sind der Selbsthass und der Narzissmus, mit denen wir uns Jahrzehnte potenzieller künftiger Beziehungen verbaut haben. All das läppert sich mit der Zeit.
Psychologen verfügen nicht oft über gesicherte Kenntnisse32, aber etwas wissen sie mit Bestimmtheit: Kindheitstraumata machen uns kaputt.33 Der »Lawinen-Effekt« unserer frühen Wertzuordnungen ist der Grund, weshalb Erfahrungen aus unserer Kindheit – sowohl gute als auch schlechte – einen langanhaltenden Effekt auf unsere Identität haben. Sie formen ein Wertefundament, das prägend für den Großteil unseres Lebens ist. Aus den Erfahrungen, die wir in diesen frühen Jahren machen, leiten sich die Grundwerte ab, die uns zu dem machen, der wir sind; und wenn diese Grundwerte »kaputt« sind, ergibt sich daraus ein Dominoeffekt der Beschissenheiten, der uns ein Leben lang begleitet und große wie kleine Erlebnisse mit seinem Gift infiziert.
Als junge Menschen haben wir nur eine winzige, fragile Identität. Wir haben kaum Erfahrungen gesammelt. Wir sind in all unseren Bedürfnissen komplett von unseren Erziehungsberechtigten abhängig, und die können gar nicht anders, als es zu vermasseln. Vernachlässigung und Kummer können zu extremen emotionalen Reaktionen führen, aus denen weitklaffende moralische Diskrepanzen entstehen, für die wir nie wieder einen Ausgleich finden. Papa sucht sich eine neue Freundin, und unser drei Jahre altes Fühlhirn kommt zu dem Schluss, dass wir es nie wert waren, geliebt zu werden. Mutti verlässt die Familie, um einen reichen Typen zu heiraten, und wir beschließen, dass Intimität nicht existiert und man niemandem auf der Welt vertrauen kann.
Kein Wunder, dass Newton so ein miesepetriger Einsiedler war.34
Und das Schlimmste ist: Je länger wir an unseren Narrativen festhalten, desto weniger bewusst ist uns, dass sie existieren. Sie werden zum Hintergrundrauschen unserer Gedanken, zur Inneneinrichtung unseres Verstandes. Obwohl sie willkürlich und frei erfunden sind, kommen sie uns nicht nur völlig natürlich, sondern sogar alternativlos vor.35
Die Werte, die wir im Laufe unseres Lebens aufnehmen, kristallisieren sich und sinken in uns ein und bilden den Bodensatz unserer Persönlichkeit.36 Die einzige Möglichkeit, unsere Werte zu verändern, besteht darin, dass wir Eindrücke haben, die konträr zu diesen Werten stehen. Und jeder Versuch, sich von unseren Werten durch neue, konträr zu ihnen stehende Eindrücke zu befreien, wird unweigerlich beschwerlich und schmerzhaft sein.37 Anders gesagt: kein Wachstum, keine Veränderung ohne Schmerz. Deshalb ist es uns auch nicht möglich, uns selbst zu erneuern, ohne zunächst den Verlust des Menschen betrauern zu müssen, der wir gewesen sind.
Denn wenn wir unsere Werte verlieren, dann betrauern wir den Tod dieser uns definierenden Narrative, als hätten wir ein Stück von uns selbst verloren – weil wir tatsächlich ein Stück von uns selbst verloren haben. Wir trauern so, wie wir auch trauen würden, wenn ein geliebter Mensch von uns geht, wenn wir unseren Job, unser Zuhause, unsere Gemeinde, den Glauben an eine höhere Macht oder einen treuen Freund verlieren. Das alles sind fundamentale, formende Teile von uns. Und wenn sie uns entrissen werden, dann wird uns auch die Hoffnung entrissen, die sie unserem Leben gestiftet haben. Und wieder einmal sind wir mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert.
Es gibt zwei Wege zur Selbstheilung – womit hier gemeint ist, alte, fehlerhafte Werte durch bessere, zuträglichere zu ersetzen. Die erste Möglichkeit ist eine Neubewertung von in der Vergangenheit liegenden Ereignissen, um die daraus resultierenden Narrative neu zu definieren: Moment mal, hat er mich geschlagen, weil ich ein furchtbarer Mensch bin, oder ist er selbst die furchtbare Person?
Eine Neubewertung unserer Narrative gibt uns die Möglichkeit zur Veränderung. Wir können sagen: Vielleicht war ich gar kein so guter Schiffskapitän, und das ist in Ordnung. Im Laufe der Zeit stellen wir oft fest, dass das, was wir in der Welt für wichtig hielten, es gar nicht ist. Manchmal erweitern wir auch unsere Geschichten, um einen besseren Blick auf unseren Selbstwert werfen zu können: Oh, sie hat mich verlassen, weil irgendein Arschloch sie verlassen hat und sie sich danach schämte und Angst vor Intimität hatte. Und mit einem Mal können wir die Trennung viel besser wegstecken.
Die andere Möglichkeit, unsere Werte und damit uns selbst zu ändern, besteht darin, mit der Bestimmung der Narrative unseres zukünftigen Selbst anzufangen, sich also vorzustellen, wie unser Leben sein würde, wenn wir bestimmte Werte oder eine bestimmte Identität hätten. Indem wir uns die Zukunft ausmalen, die wir uns wünschen, gestatten wir es unserem Fühlhirn, die dazu passenden Werte einfach mal anzuprobieren, um zu gucken, wie sie uns stehen, bevor wir sie in den Einkaufswagen legen. Wenn wir das oft genug machen, dann gewöhnt sich unser Fühlhirn an die neuen Werte und fängt schließlich an, sie zu glauben.
Dieser Trick, sich seine Zukunft auszumalen, wird meist auf die denkbar schlimmste Weise angewandt: »Stellen Sie sich vor, Sie seien schweinereich und würden eine Flotte eigener Yachten besitzen. Wenn Sie es sich immer wieder vorstellen, wird es irgendwann wahr.«38
Leider ersetzen wir bei dieser Art der Visualisierung nicht einen ungesunden Wert (Materialismus) durch einen besseren. Wir holen uns stattdessen einfach nur einen runter auf eben jenen ungesunden Wert. Um uns wirklich zu verändern, müssten wir uns stattdessen ausmalen, wie es sich anfühlen würde, wenn wir überhaupt nicht erst das Verlangen hätten, Yachten zu besitzen.
Fruchtbare Visualisierungen sollten ruhig ein wenig unbequem sein. Sie sollten herausfordernd und schwer zu fassen sein. Sind sie das nicht, dann wird sich vermutlich auch keine Veränderung einstellen.
Das Fühlhirn kann nicht zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unterscheiden. Dafür ist das Denkhirn zuständig.39 Und eine der Strategien, die das Denkhirn anwendet, um das Fühlhirn auf die richtige Spur zu bringen, besteht in der Anwendung von »Was wäre, wenn«-Fragen: Was wäre, wenn wir Boote hassen würden und unsere Zeit stattdessen damit verbrächten, behinderten Kindern zu helfen? Was wäre, wenn wir den Menschen in unserem Umfeld gar nichts beweisen müssten, um von ihnen gemocht zu werden? Was, wenn die Gründe dafür, dass manche Menschen sich so rar machen, gar nichts mit uns zu tun haben?
Manchmal hilft es auch, wenn wir unserem Fühlhirn Geschichten erzählen, die vielleicht wahr sind, vielleicht auch nicht, aber die sich in jedem Fall wahr anfühlen. Jocko Willink, ein Autor und früherer Marinesoldat der amerikanischen Elitetruppe SEAL, schreibt in seinem Buch Der Weg der Disziplin: Wie man Schwächen besiegt, Angst überwindet und den Weg zur inneren Ruhe findet, dass er jeden Morgen um halb fünf aufwacht, weil er sich vorstellt, dass da draußen in der Welt irgendwo der Feind wartet.40 Er weiß nicht, wo, aber er geht davon aus, dass der Feind ihn töten möchte. Und ihm ist bewusst, dass es für ihn von Vorteil ist, wenn er vor seinem Feind aufwacht. Willink hat sich dieses Narrativ während seines Einsatzes im Irakkrieg zurechtgelegt, als er tatsächlich von Feinden umgeben war, die ihn töten wollten. Aber er hat auch später, als er wieder ein Leben als Zivilist führte, daran festgehalten.
Objektiv betrachtet macht das Narrativ, das Willink für sich kreiert hat, absolut keinen Sinn. Feinde? Wo denn? Aber im übertragenen und emotionalen Sinn ist es ein unglaublich starkes Narrativ. Willinks Fühlhirn lässt sich noch immer darauf ein und holt ihn jeden verdammten Morgen aus dem Bett, wenn manche von uns noch nicht mal die Sauftour vom Vortag beendet haben. Das ist die Illusion von Selbstkontrolle.
Ohne diese Narrative – ohne eine klare Vorstellung von einer ersehnten Zukunft zu entwickeln, von den Werten, die wir annehmen wollen, von den Identitäten, die wir ablegen oder annehmen wollen – sind wir auf ewig dazu verdammt, die Fehler zu wiederholen, die die Schmerzen der Vergangenheit uns machen lassen. Die Geschichten unserer Vergangenheit formen unsere Identität. Die Geschichten unserer Zukunft formen unsere Hoffnungen. Und unsere Fähigkeit, diese Narrative anzunehmen und sie zu leben, sie Wirklichkeit werden zu lassen, gibt unseren Leben eine Bedeutung.
Emotionale Gravitation
Emo-Newton saß allein in seinem Kinderzimmer. Draußen war es dunkel. Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon wach war, wie spät es war oder welcher Tag. Seit Wochen schon war er allein und arbeitete. Das Essen, das seine Familie ihm vor die Zimmertür gestellt hatte, war unberührt und verfaulte.
Er legte ein leeres Blatt Papier vor sich und malte einen großen Kreis darauf. Dann markierte er Punkte entlang der Kreislinie und illustrierte mit gestrichelten Linien die Zugkraft, die jeden Punkt auf der Außenlinie in Richtung Kreismittelpunkt zog. Darunter schrieb er: »Unsere Werte haben eine emotionale Gravitation: Wir ziehen diejenigen Menschen in unsere Umlaufbahn, die die gleichen Dinge wertschätzen wie wir; und instinktiv, wie durch umgekehrten Magnetismus, stoßen wir diejenigen ab, deren Werte den unseren widerstreben.41 Besagte Anziehungseffekte formen große Umlaufbahnen gleichgesinnter Menschen, in deren Zentrum jeweils ein einendes Prinzip steht.«
Dann zeichnete er neben den ersten Kreis einen zweiten. Die Außenlinien der beiden Kreise berührten sich fast. Von dort ausgehend zeichnete er Spannungslinien zwischen die Ränder der Kreise, um die Stelle zu kennzeichnen, an der die Schwerkraft in beide Richtungen wirkt und dadurch die jeweils perfekte Symmetrie der beiden Umlaufbahnen störte. Dann schrieb er:
»Große Gruppen von Menschen verbinden sich miteinander, formen Stämme und Gemeinden, die auf ähnlichen Bewertungen ihrer Emotionshistorie beruhen. Sie, mein Herr, wertschätzen vielleicht die Wissenschaften. Auch ich wertschätze die Wissenschaften. Deshalb existiert zwischen uns ein emotionaler Magnetismus. Unsere Wertvorstellungen ziehen einander an und werfen uns fortwährend in die Umlaufbahn des jeweils anderen – ein metaphysischer Tanz der Freundschaft. Unsere Werte gleichen sich einander an, und wir beide stehen für dieselbe Sache ein.
Aber! Lassen Sie uns annehmen, dass der eine Herr am Puritanismus Gefallen findet, ein anderer aber am Anglikanismus. Die beiden sind Bewohner zweier eng verwandter, aber eigenständiger Gravitationsfelder. Das führt dazu, dass jeder die Umlaufbahn des anderen stört und Spannungen in dessen Wertehierarchie erzeugt. So fordert einer die Identität des anderen heraus, was zu negativen Emotionen führt. Dadurch werden die beiden Herren voneinander abgestoßen, sie stellen sich gegen die Sache des anderen.
Diese Emotionale Gravitation, so sage ich, ist der fundamentale Aufbau aller menschlichen Konflikte und Bemühungen.«
Anschließend legte Isaac ein neues Blatt vor sich und zeichnete eine Reihe Kreise unterschiedlicher Größe. »Je stärker wir an einem Wert festhalten«, schrieb er, »das heißt, je mehr wir etwas als höher- oder minderwertiger als alles andere erachten, desto stärker ist die Anziehungskraft, desto enger ist die Umlaufbahn dieses Wertes, und desto schwieriger ist es für äußere Kräfte, Weg und Bestimmung des Wertes zu beeinträchtigen.42
Unsere stärksten Werte bedürfen daher entweder der Affinität oder der Antipathie anderer – je mehr Menschen einen bestimmten Wert teilen, desto eher beharren diese Menschen auf diesen Wert und formieren sich als ein einzelner, in sich geschlossener Körper um ihn herum: Wissenschaftler mit Wissenschaftlern, Kleriker mit Klerikern. Leute, die dieselbe Sache lieben, lieben auch einander. Leute, die dieselbe Sache hassen, lieben einander ebenfalls. Und Leute, die unterschiedliche Dinge lieben oder hassen, hassen einander. Alle menschlichen Systeme erreichen irgendwann ein Gleichgewicht, indem man zueinanderfindet und sich auf eine Konstellation geteilter Werte einigt. Leute kommen zusammen, verändern und modifizieren ihre eigenen, persönlichen Narrative, und zwar so lange, bis alle sich auf dieselben Narrative verständigt haben, wodurch die Identität des Einzelnen zur Identität der Gruppe wird.
Nun werden Sie vielleicht sagen: ›Aber Newton, guter Mann! Wertschätzen denn nicht die meisten Menschen die gleichen Dinge? Wollen nicht die meisten Menschen einfach nur ein wenig Brot und einen sicheren Schlafplatz?‹ Und darauf antworte ich: ›Sie haben recht, mein Freund!‹
Alle Menschen haben miteinander mehr gemein, als sie trennt. Wir alle erwarten mehr oder weniger dasselbe vom Leben. Aber die feinen Unterschiede, die es gibt, erzeugen Emotionen, und Emotionen wiederum erzeugen den Eindruck von Wichtigkeit. Darum bewerten wir unsere Unterschiede als ungleich wichtiger als unsere Ähnlichkeiten. Und das ist die wahre Tragödie des Menschen: dass wir aufgrund unserer geringen Unterschiede zu ewigem Streit untereinander verdammt sind.43
Diese Theorie der emotionalen Gravitation, der Kohärenz und Anziehung ähnlicher Werte, erklärt die Entstehung von Völkern.44 In unterschiedlichen Gegenden der Welt gibt es unterschiedliche geografische Faktoren. Die eine Gegend ist vielleicht felsig und schroff und bietet Schutz vor Angreifern. Die Menschen dort würden dann natürlicherweise Werte wie Neutralität und Isolation hochhalten. Daraus würde ihre Gruppenidentität entstehen. In einer anderen Gegend wachsen vielleicht Wein und Getreide in üppigen Mengen, und die Leute dort würden für Werte wie Gastfreundschaft, Festlichkeiten und Familie einstehen. Auch hieraus würde sich eine Gruppenidentität dieser Menschen ableiten. Eine dritte Gegend ist vielleicht trocken und lebensfeindlich, aber das Auge reicht bis zu weit entfernten Ländereien. Die Leute hier würden Werte wie Autorität, eine starke militärische Führung und absolute Herrschaft schätzen. Auch das wäre demnach ihre Identität.45
Und so wie das Individuum die eigene Identität durch Glauben, Rationalisierungen und Voreingenommenheiten beschützt, so schützen auch Gemeinden, Volksstämme und Länder ihre Identitäten auf dieselbe Weise.46 Diese Kulturen verfestigen sich schließlich zu Nationen, die sich ausweiten und immer mehr Menschen unter dem Schirm ihres Wertesystems vereinen. Irgendwann stoßen diese Nationen aufeinander, und die im Gegensatz zueinander stehenden Werte werden kollidieren.
Die meisten Menschen ordnen sich selbst den Werten ihrer Kultur und Gemeinschaft unter. Deshalb sind viele Leute auch willens, für ihre höchsten Werte ihr Leben zu geben – für die eigene Familie und andere geliebte Menschen, für ihren Gott und ihr Vaterland. Und wegen dieser Bereitschaft, für die eigenen Werte zu sterben, führt das Zusammenprallen unterschiedlicher Kulturen unweigerlich zu Krieg.47
Krieg ist nichts anderes als eine irdische Prüfung, der sich unsere Hoffnung unterziehen muss. Das Land oder Volk, das sich auf Werte verständigt hat, die die Ressourcen und die Hoffnung der Menschen am besten zu maximieren und zu nutzen wissen, wird am Ende der Sieger sein. Je mehr benachbarte Völker eine Nation sich unterwirft, desto mehr werden die Angehörigen dieser siegreichen Nation den Eindruck gewinnen, dass sie es verdient haben, über andere Menschen zu herrschen, und desto mehr werden sie ihre nationalen Werte für den einzig wahren Leitstern der gesamten Menschheit halten. Die Vormacht dieser Siegerwerte lebt dann in ihrer Geschichtsschreibung fort, sie werden zu einem wesentlichen Element der Geschichten, die man jüngeren Generationen erzählt – und auf diese Weise werden sie tradiert. Irgendwann, wenn diese Werte keinen Nutzen mehr bringen, werden sie sich nicht mehr gegen die Werte einer anderen, jüngeren Nation durchsetzen können, und der Lauf der Geschichte setzt sich fort. Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, eine neue Ära eingeläutet.
Dies, so sage ich, ist das Wesen des menschlichen Fortschritts.«
Newton legte die Feder nieder. Er legte seine Theorie der emotionalen Gravitation auf einen Stapel mit seinen drei Grundgesetzen der Erregung. Dann hielt er inne, um über seine Entdeckung nachzudenken.
Und in diesem stillen, dunklen Augenblick fiel sein Blick auf die Kreise, die er gezeichnet hatte, und er hatte eine erschütternde Erkenntnis: Er hatte keine Umlaufbahn. Jahre des Traumas und sozialen Scheiterns hatten dazu geführt, dass er sich freiwillig von allem und jedem losgesagt hatte, ein einsamer Stern in seiner eigenen, immer gleichen Flugbahn, ungestört und unbeeinflusst von der Anziehungskraft anderer Systeme.
Er erkannte, dass er niemanden – nicht einmal sich selbst – wertschätzte, und mit dieser Erkenntnis überkam ihn ein überwältigendes Gefühl von Einsamkeit und Traurigkeit, denn keine Logik und keine Rechenformel würden etwas ausrichten können gegen die nagende Verzweiflung, der sein Fühlhirn aufgrund der niemals endenden, schmerzhaften Suche nach Hoffnung ausgesetzt war.
Ich würde dir liebend gerne erzählen, dass Emo-Newton, unser Newton aus einem Paralleluniversum, seine Trauer und Einsamkeit überwinden konnte. Ich würde dir gerne sagen, dass er sich selbst und andere zu schätzen lernte. Aber wie der Newton aus unserem Universum, so verbrachte auch der Newton aus dem Paralleluniversum den Rest seiner Tage einsam, mürrisch und verbittert.
Die Fragen, die die beiden Newtons in jenem Sommer des Jahres 1665 beantworteten, hatten Philosophen und Wissenschaftler vieler früherer Generationen vor Rätsel gestellt. Und binnen weniger Monate hatte dieser zänkische, sozialscheue Fünfundzwanzigjährige das Rätsel gelöst, den Code geknackt. Und doch legte er seine Entdeckungen zur Seite, in irgendeine vergessene Ecke seines vollgestellten Zimmers, in einer abgelegenen Ortschaft, einen Tagesritt von London entfernt.
Und dort sollten seine Entdeckungen bleiben und verstauben, ohne dass die Welt sie zu Gesicht bekam.48