KAPITEL 5

Hoffnung ist scheiße

In einem milden, herrlichen Schweizer Alpensommer im späten 19. Jahrhundert kam ein hermetischer Philosoph, der sich selbst gern als geistiges Dynamit bezeichnete, metaphorisch von seinem Berg herab und veröffentlichte mit eigenem Geld ein Buch. Das Buch war seine Gabe an die Menschheit, kühn auf die Schwelle zur modernen Welt gestellt, eine Verkündigung enthaltend, die den Philosophen bis weit nach seinem Tod berühmt machen würde.

Es verkündete: »Gott ist tot!« – und noch einiges mehr. Es verkündete, dass der Nachhall dieses Todes ein neues, gefährliches Zeitalter einläuten würde, dem wir uns alle stellen müssten.

Der Philosoph sprach diese Worte als Warnung. Er sprach als Wächter. Er sprach für uns alle.

Aber von dem Buch wurden keine vierzig Exemplare verkauft.1

Meta von Salis erwachte vor der Morgendämmerung, um das Feuer zu entfachen, auf dem sie dem Philosophen Tee kochen wollte. Sie holte Eis, um die Decken für seine schmerzenden Gelenke zu kühlen. Sie kochte aus den Knochen des gestrigen Abendessens eine Brühe, die seinen Magen beruhigen sollte. Sie wusch sein besudeltes Bettlaken. Bald würde sie ihm Haupthaar und Schnäuzer stutzen müssen, und ihr fiel ein, dass sie kein neues Rasiermesser besorgt hatte.

Es war der dritte Sommer, in dem sich Meta um Friedrich Nietzsche kümmerte, und vermutlich der letzte. Sie liebte ihn – wie einen Bruder. (Als ein gemeinsamer Bekannter ihnen die Heirat nahelegte, lachten beide laut auf … bis ihnen übel wurde.) Aber Meta gelangte langsam an die Grenzen ihrer Fürsorglichkeit.

Sie hatte Nietzsche bei einem Dinner kennengelernt. Sie hörte ihm beim Klavierspielen zu und ließ sich von ihm Witze und derbe Anekdoten über seinen alten Freund, den Komponisten Richard Wagner, erzählen. Anders als in seinen Schriften war Nietzsche persönlich höflich und mild. Er war ein teilnahmsvoller Zuhörer. Er liebte die Lyrik und konnte dutzendweise Gedichte aus dem Gedächtnis rezitieren. Stundenlang saß er bei ihr, machte Wortspiele und sang Lieder.

Nietzsche war entwaffnend scharfsinnig. So scharfsinnig, dass er mit nichts als ein paar Worten eine komplette Abendgesellschaft entwaffnen konnte. Aphorismen, die einmal weltberühmt werden sollten, kamen aus seinem Mund geflogen wie nebliger Atem bei eisiger Luft. »Viel von sich reden kann auch ein Mittel sein, sich zu verbergen«, fügte er dann spontan hinzu, und brachte sofort alle zum Schweigen.2

Meta war in seiner Gegenwart oft sprachlos. Nicht, dass Gefühle sie überwältigten, aber es kam ihr eben vor, als wäre ihr Geist dem seinen immer ein paar Schritte hinterher und bräuchte einen Moment, um aufzuholen.

Dabei war Meta intellektuell keineswegs faul. Im Gegenteil, sie war in ihrer Zeit eine Pionierin. Meta war die erste Frau, die in der Schweiz je einen Doktortitel erwarb. Sie gehörte auch zu den weltweit führenden feministischen Autorinnen und Aktivistinnen. Sie sprach vier Sprachen fließend und veröffentlichte in ganz Europa Artikel, in denen sie sich für die Frauenrechte einsetzte, was damals eine radikale Idee war. Sie hatte die Welt bereist, war hochintelligent und willensstark.3 Und als sie auf Nietzsches Werk stieß, meinte sie endlich jemanden gefunden zu haben, dessen Ideen die Befreiung der Frau befördern könnten.

Denn er war ein Mann, der für die Ermächtigung des Individuums eintrat, für radikale Selbstverantwortung. Er war ein Mann, demzufolge individuelle Tüchtigkeit mehr ausmachte als alles andere, dass jeder Mensch nicht nur die Verwirklichung seines vollen Potenzials verdiente, sondern sogar die Pflicht hatte, diese Verwirklichung anzustreben und umzusetzen. Was Nietzsche an Kernideen und Grundgedanken in Worte fasste, würde eines Tages – davon war Meta überzeugt – die Frauen ermächtigen und sie aus ihrer fortwährenden Knechtschaft befreien.

Die Sache hatte nur einen Haken: Nietzsche war kein Feminist. Tatsächlich fand er die Idee der Frauenbefreiung lachhaft.

Davon ließ sich Meta nicht beirren. Er war ein Mann der Vernunft; man konnte ihn überzeugen. Er musste nur seine Voreingenommenheit einsehen und sie ablegen. Sie begann, ihn öfter zu besuchen, und bald wurden sie gute Freunde und intellektuelle Weggefährten. Sie verbrachten die Sommer in der Schweiz, die Winter in Frankreich und Italien, reisten nach Venedig, mal eben zurück nach Deutschland und wieder in die Schweiz.

Im Laufe der Jahre erkannte Meta, dass sich hinter Nietzsches bohrendem Blick und seinem riesenhaften Schnäuzer ein Haufen Widersprüche verbarg. Er predigte radikale Selbstverantwortung und Selbstständigkeit, obwohl er völlig abhängig von der Unterstützung und Fürsorge durch (meist weibliche) Bekannte und Verwandte war. Er schimpfte über wankelmütige Rezensenten und über Gelehrte, die sein Werk nur oberflächlich oder gar nicht zur Kenntnis nahmen, aber gleichzeitig nahm er seinen Mangel an Publikumserfolg als Beweis für seine Genialität. Einmal verkündete er: »Ich selber bin noch nicht an der Zeit, Einige werden posthum geboren.«4

In Wahrheit war Nietzsche alles, was er zu hassen vorgab: schwach, bedürftig, unselbstständig und vollkommen gebannt und abhängig von tatkräftigen, eigenständigen Frauen. Dennoch predigte er in seinen Schriften die Stärke und Autarkie des Einzelnen und war ein glühender Frauenhasser. Der Umstand, dass er sein Leben lang auf die Fürsorge von Frauen angewiesen war, schien ihm den klaren Blick auf sie zu verstellen. Es sollte der auffällige blinde Fleck im visionären Werk eines prophetischen Mannes bleiben.

Gäbe es eine Ruhmeshalle für »größtes von einer Einzelperson ertragenes Leid«, dann würde ich Nietzsche dort einen Ehrenplatz einräumen. Schon als Kind war er ständig krank; die Ärzte legten ihm Blutegel an Hals und Ohren an und wiesen ihn an, stundenlang stillzuhalten. Eine erbliche Nervenkrankheit bescherte ihm sein Leben lang lähmende Kopfschmerzen (und ließ ihn in mittleren Jahren den Verstand verlieren). Außerdem war er unglaublich lichtempfindlich und ging ohne seine dicke, blaugetönte Brille nicht aus dem Haus. Mit dreißig war er fast blind.

Als junger Mann ging er zum Militär und diente kurz im Deutsch-Französischen Krieg. Dabei zog er sich Diphterie und Ruhr zu, was ihn beinahe umbrachte. Die damalige Behandlung bestand aus Säure-Einläufen und ruinierte ihm den Verdauungstrakt. Fortan plagten ihn akute Bauchschmerzen, größere Mahlzeiten vertrug er nicht, und zweitweise war er inkontinent. Wegen einer Verletzung aus Kavalleriezeiten war ein Teil seines Körpers steif, an schlechten Tagen sogar ganz unbeweglich. Er brauchte oft Hilfe beim Aufstehen, verbrachte Monate allein im Bett und bekam vor Schmerz die Augen nicht auf. Im Jahr 1880, das er im Nachhinein ein »schlechtes Jahr« nannte, war er 260 von 365 Tagen bettlägerig. Die meiste Zeit seines Lebens wechselte er zwischen der französischen Küste im Winter und den Schweizer Alpen im Sommer, da nur milde Temperaturen seine Gelenkschmerzen linderten.

Meta merkte bald, dass sie nicht die einzige Intellektuelle war, die dieser Mann faszinierte. Er hatte eine ganze Riege von Frauen, die wochenweise oder monatsweise helfen kamen. Wie Meta waren diese Frauen allesamt ihrer Zeit voraus: Professorinnen, reiche Gutsherrinnen und Unternehmerinnen. Sie waren gebildet, vielsprachig und sehr auf Unabhängigkeit bedacht.

Sie waren Feministinnen, Ur-Feministinnen.

Sie alle hatten die befreiende Botschaft in Nietzsches Werken erkannt. Er beschrieb, wie Gesellschaftsstrukturen das Individuum verkrüppelten; die Feministinnen fanden, dass die damaligen Gesellschaftsstrukturen sie einschränkten. Er schmähte die Kirche für ihre Hervorhebung der Schwachen und Mittelmäßigen; auch Feministinnen kritisierten die Kirche, weil diese die Frauen in die Ehe und in den Dienst der Männer zwang. Und er wagte es, die Menschheitsgeschichte nicht als Aufstieg des Menschen vom Gefangenen zum Beherrscher der Natur zu beschreiben, sondern als Anwachsen des menschlichen Unverständnisses für seine eigene Natur. Er forderte, dass das Individuum Macht erlangen und eine höhere Ebene der Freiheit und Bewusstheit erreichen müsse. Seine Frauen sahen im Feminismus den nächsten Schritt zu dieser erhabenen Befreiung.

Nietzsche erfüllte sie alle mit Hoffnung, und sie kümmerten sich abwechselnd um diesen dahinsiechenden, gebrochenen Mann, immer hoffend, dass das nächste Buch, der nächste Aufsatz, die nächste Polemik den ersehnten Dammbruch bewirken würde.

Aber zu seinen Lebzeiten wurde sein Werk fast völlig ignoriert.

Als Nietzsche dann den Tod Gottes verkündete, stieg er vom gescheiterten Universitätsprofessor zum Unberührbaren ab. Er hatte sich seine Stelle verscherzt und war praktisch obdachlos. Niemand wollte mehr mit ihm zu tun haben: keine Universität, kein Verleger, auch die meisten seiner Freunde nicht. Er schnorrte sich Geld zusammen, um seine Arbeiten selbst herauszugeben und borgte sich das zum Überleben Nötige von seiner Mutter und Schwester. Und immer noch kaufte kaum jemand seine Bücher.

Trotz alledem hielten die Frauen zu ihm. Sie säuberten ihn und fütterten ihn und schleppten ihn. Sie glaubten daran, dass irgendetwas in diesem hinfälligen Mann möglicherweise Geschichte machen würde. Und daher warteten sie.

Eine kurze Geschichte der Welt aus den Augen von Nietzsche

Angenommen, man gibt einem Haufen Menschen ein Stück Land mit begrenzten Ressourcen und lässt sie eine Zivilisation aus dem Boden stampfen. Folgendes passiert:

Manche Menschen sind von Natur aus begabter als andere. Manche sind klüger. Manche sind größer und stärker. Manche sind charismatischer. Manche sind freundlich und kommen gut mit anderen aus. Manche arbeiten eifriger und haben mehr gute Einfälle.

Diejenigen mit naturgegebenen Vorteilen häufen mehr Ressourcen an als die anderen. Und da sie über mehr Ressourcen verfügen, haben sie auch übermäßig viel Macht innerhalb dieser neuen Gesellschaft. Mittels dieser Macht können sie sich noch mehr Ressourcen und Vorteile sichern und so weiter – Reiche werden immer reicher, man kennt das ja. Lässt man das über ausreichend Generationen so fortfahren, hat man bald eine gesellschaftliche Hierarchie mit einer kleinen Elite an der Spitze und einer Menge Menschen am unteren Ende, denen es dreckig geht. Seit dem Aufkommen der Landwirtschaft hat sich diese Schichtung in allen menschlichen Gesellschaften herausgebildet, und alle Gesellschaften müssen die Spannung zwischen der privilegierten Elite und der benachteiligten Masse aushalten.5

Nietzsche nennt die Elite die »Herren«, da sie den Wohlstand, die Produktion und die politische Macht fast vollständig beherrschen. Die Masse der Arbeiter sind für ihn »Sklaven«, da er kaum einen Unterschied sieht zwischen lebenslangem Schuften gegen geringen Lohn und eigentlicher Sklaverei.6

Jetzt aber wird es spannend. Nietzsche zufolge gehen die Herrenmenschen dazu über, ihre Privilegien als wohlverdient zu betrachten. Dazu erfinden sie Erzählungen, die ihren elitären Status rechtfertigen sollen. Warum sollten sie denn nicht belohnt werden? Es ist doch gut, dass sie an der Spitze stehen. Das haben sie verdient. Sie waren ja die klügsten und stärksten und begabtesten. Deshalb haben sie die meisten Rechte.

Nietzsche nennt dieses Glaubenssystem, demzufolge man oben ist, weil man es verdient hat, die »Herrenmoral«. Herrenmoral ist die moralische Überzeugung, dass jeder das bekommt, was ihm zusteht. Sie ist die moralische Überzeugung, dass der Stärkere im Recht ist, dass er das, was er sich durch harte Arbeit oder Geschick erworben hat, auch verdient. Niemand kann und darf es ihm wegnehmen. Der Stärkste ist auch der Beste und sollte für seine offensichtliche Überlegenheit belohnt werden.

Die »Sklaven« der Gesellschaft bringen demgegenüber Nietzsche zufolge einen eigenen Moralkodex hervor. Während die Herren glauben, aufgrund ihrer Stärke auch redlich und tugendhaft zu sein, glauben die Sklaven, sie seien eben wegen ihrer Schwäche redlich und tugendhaft. Nach der Sklavenmoral verdienen die Menschen, die am meisten gelitten haben, die am meisten Benachteiligten und Ausgebeuteten wegen ihres Leidens die beste Behandlung. Nach der Sklavenmoral verdienen die Ärmsten und Unglücklichsten das meiste Mitleid und die meiste Achtung.

Während die Herrenmoral in Stärke und Dominanz eine Tugend sieht, hält die Sklavenmoral Opferung und Unterwerfung für tugendhaft. Während die Herrenmoral Hierarchien als notwendig erachtet, fordert die Sklavenmoral mehr Gleichheit. Während die Herrenmoral sich im Allgemeinen in rechten politischen Überzeugungen findet, spiegelt sich die Sklavenmoral eher im linken Spektrum wider.7

Wir alle tragen beide Moralvorstellungen in uns. Stell dir vor, du büffelst wie besessen für die Schule und bekommst das beste Zeugnis. Weil du das beste Zeugnis hast, wirst du für deinen Erfolg belohnt. Diese Belohnungen kommen dir moralisch gerechtfertigt vor, schließlich hast du sie dir mit Mühe verdient. Du bist ein »guter« Schüler und als guter Schüler auch ein »guter« Mensch. Das ist Herrenmoral.

Jetzt stell dir vor, du hast eine Klassenkameradin. Diese Klassenkameradin hat 18 Geschwister und eine alleinerziehende Mutter. Diese Schülerin hat mehrere Teilzeitjobs und kann nie lernen, weil sie buchstäblich ihre Brüder und Schwestern durchfüttert. Bei der Prüfung, die du mit Bravour bestanden hast, fällt sie durch. Ist das gerecht? Nein. Wahrscheinlich bist du dafür, dass sie wegen ihrer Lebensumstände eine besondere Ausnahme verdient hätte – vielleicht einen zweiten Versuch oder einen Aufschub der Prüfung, damit sie mehr Zeit zum Lernen hat. Das hätte sie verdient, weil sie sich aufopfert und benachteiligt ist und daher ein »guter« Mensch ist. Das ist Sklavenmoral.

Auf Newton’sche Weise ausgedrückt ist Herrenmoral der innere Drang, zwischen uns und unserer Umwelt einen moralischen Trennstrich zu ziehen. Der Drang, moralische Diskrepanzen zu schaffen, bei denen wir oben stehen. Sklavenmoral ist dementsprechend der innere Drang auszugleichen, moralische Diskrepanzen zu schließen und Leiden zu lindern. Beide Moralsysteme sind Grundkomponenten im Betriebssystem unseres Fühlhirns. Beide erzeugen und erhalten starke Emotionen. Und beide spenden uns Hoffnung.

Nietzsche sah in den Kulturen der Antike (Griechen, Römer, Ägypter, Inder und so weiter) Kulturen der Herrenmoral. Vom Wesen her feierten sie Stärke und Kompetenz, durchaus auf Kosten von Millionen von Sklaven und Untertanen. Es waren Kriegerkulturen, die Wagemut, Sieg und Blutvergießen hochhielten. Nietzsche zufolge bewirkte dann die christlich-jüdische Ethik der Barmherzigkeit, des Mitleids und des Mitgefühls, dass die Sklavenmoral einen Aufschwung erhielt und bis in seine Zeit hinein die westliche Zivilisation dominierte. Für Nietzsche bestand zwischen diesen Wertehierarchien ständig Spannung und Gegensatz. In ihnen sah er die Wurzel aller in der Geschichte aufgetretenen politischen und sozialen Konflikte.

Und dieser Gegensatz, so seine Warnung, war dabei, sich entsetzlich zu verschärfen.

Jede Religion ist ein auf Glauben beruhender Versuch, die Realität so zu erklären, dass sie uns stetig mit Hoffnung versorgt. Diejenigen Religionen, die in diesem quasi darwinistischen Wettbewerb ihre Gläubigen am besten mobilisieren, koordinieren und inspirieren, bleiben siegreich und verbreiten sich über den Erdball.8

In alten Zeiten rechtfertigte das auf Herrenmoral beruhende Heidentum die Existenz der Kaiser und Kriegsherren, die den Planeten eroberten und Gebiete und Völkerschaften an sich rissen. Dann wurden sie vor ungefähr 2000 Jahren langsam von neu entstandenen Religionen mit Sklavenmoral verdrängt. Diese neuen Religionen waren (meist) monotheistisch und beschränkten sich nicht auf ein Land, eine Rasse oder ein Volk. Ihre Botschaft war an alle Menschen gerichtet, denn es war die Botschaft der Gleichheit: Entweder kamen alle Menschen gut auf die Welt und wurden dann verdorben, oder sie waren geborene Sünder, die erlöst werden mussten. Das Endergebnis war in beiden Fällen das Gleiche: Jeder Mensch, egal welcher Volks-, Rasse- oder Glaubenszugehörigkeit, musste zum Einen, zum Wahren Gott bekehrt werden.9

Dann trat im 17. Jahrhundert in Europa eine neue Religion auf den Plan, eine Religion, die Kräfte entfesseln sollte, wie die Welt sie noch nicht gesehen hatte.

Jede Religion muss sich mit dem lästigen Problem der Evidenz rumschlagen. So schöne Dinge man den Leuten auch über Gott und Geister und Engel erzählt – wenn dann die Stadt niederbrennt oder ein Kind beim Angeln einen Arm verliert, was dann? Ups! Wo war Gott?

Im Laufe der Geschichte haben sich die Machthabenden jede Mühe gegeben, die fehlende Evidenz ihrer Religion zu verschleiern und/oder alle zu bestrafen, die die Gültigkeit ihrer auf Glauben beruhenden Werte anzweifelten. Aus diesem Grund hasst Nietzsche wie die meisten Atheisten spirituelle Religionen.

Naturphilosophen, wie Wissenschaftler zu Isaac Newtons Zeit genannt wurden, stellten fest, dass diejenigen auf Glauben beruhenden Überzeugungen am verlässlichsten seien, die mit den meisten Nachweisen unterfüttert waren. Evidenz wurde so zum Gotteswert, und alle Überzeugungen, die nicht auf Evidenz beruhten, mussten der neuen empirischen Realität angepasst werden. Daraus entstand eine neue Religion: die Wissenschaft.

Die Wissenschaft ist wohl die effektivste aller Religionen, weil sie die erste ist, die sich weiterentwickeln und verbessern kann. Sie steht jeder und jedem offen. Sie ist an kein bestimmtes Buch, an kein bestimmtes Bekenntnis gebunden. Sie gehört nicht zu einem bestimmten Land oder Volk. Sie hängt nicht von einem übernatürlichen Geistwesen ab, dessen Existenz so unbeweisbar wie unwiderleglich ist. Sie ist eine sich entwickelnde, niemals gleichbleibende Menge an evidenzbasierten Überzeugungen, die durch neue Erkenntnisse mutieren, wachsen und sich verschieben kann.

Die wissenschaftliche Revolution veränderte die Welt stärker als alles zuvor Dagewesene.10 Sie hat den Planeten umgeformt, Milliarden Menschen aus Krankheit und Armut errettet und jeden Aspekt des Lebens verbessert.11 Ohne Übertreibung könnte man behaupten, dass die Wissenschaft die einzige nachweislich gute Sache ist, die die Menschheit je zustande gebracht hat. (Danke, Francis Bacon, danke, Isaac Newton, ihr verdammten Superhelden.) Ob in Medizin oder Landwirtschaft, in Bildung oder Wirtschaftsleben – der Wissenschaft allein verdanken wir die größten Erfindungen und Fortschritte der Menschheitsgeschichte.

Aber die Wissenschaft hat etwas noch Spektakuläreres erreicht: Sie hat die Idee des Wachstums in die Welt gesetzt. In der Menschheitsgeschichte hatte »Wachstum« bis dato keine Rolle gespielt. Veränderungen geschahen so langsam, dass die allermeisten Menschen unter den gleichen wirtschaftlichen Umständen starben, unter denen sie geboren waren. Ein Durchschnittsmensch erlebte vor 2000 Jahren in seinem ganzen Leben ungefähr so viel Wirtschaftswachstum wie wir in einem halben Jahr.12 Man lebte sein Leben, und nichts änderte sich – keine neuen Entwicklungen, Erfindungen oder Technologien. Man lebte und starb auf demselben Stück Boden, unter denselben Menschen, mit derselben Technik, und nichts wurde je besser. Eher machten Seuchen und Hungersnöte und Kriege und Arschgesichter mit Macht und großen Heeren alles nur noch schlimmer. Es war ein langsames, quälendes, elendes Leben.

Und da sie keinerlei Aussicht auf Veränderung oder Verbesserung in diesem Leben hatten, schöpften die Menschen Hoffnung aus dem spirituellen Versprechen eines besseren nächsten Lebens. Spirituelle Religionen blühten auf und beherrschten den Alltag. Alles drehte sich um die Kirche (oder die Synagoge oder den Tempel oder die Moschee oder was auch immer). Priester und Gottesmänner hatten das gesellschaftliche Leben im Griff, denn sie hatten die Hoffnung im Griff. Sie allein wussten, was Gott wollte, und Gott allein versprach Erlösung und eine bessere Zukunft. Daher bestimmten diese Gottesmänner alles, was in der Gesellschaft von Wert war.

Dann kam die Wissenschaft, und alles wurde komplett gaga. Mikroskope und Druckerpressen und Verbrennungsmotoren und Textilmaschinen und Thermometer und endlich auch Medizin, die irgendwas brachte. Auf einmal wurde das Leben besser. Und was noch wichtiger war: Es wurde spürbar besser. Die Menschen benutzten besseres Werkzeug, hatten mehr zu essen, lebten gesünder und verdienten mehr Geld. Schließlich konnten wir auf die Zeit vor zehn Jahren zurückblicken und sagen: »Au Mann! Unglaublich, wie wir so leben konnten!«

Dass wir nun in der Rückschau Fortschritt und Wachstum erkennen konnten, veränderte die Art, wie wir die Zukunft sahen. Es veränderte die Art, wie wir uns selbst sahen. Für immer.

Nun musste man nicht mehr bis zum Tod warten, um dem Schicksal zu entkommen. Man konnte sein Schicksal hier und jetzt verbessern. Und daraus erwuchsen allerlei Wunder. Zum einen die Freiheit: Wie willst du heute wachsen? Aber auch Verantwortung: Wer das eigene Schicksal bestimmt, ist dafür auch verantwortlich. Und natürlich Gleichheit: Da kein großer patriarchaler Gott mehr bestimmt, wem was zusteht, ist davon auszugehen, dass entweder niemandem irgendwas zusteht oder allen alles.

Dies waren bisher unerhörte Ideen. Dank der Aussicht auf so viel Veränderung und Wachstum in diesem Leben waren die Menschen nicht mehr auf spirituelle Vorstellungen vom nächsten Leben als Hoffnungsquelle angewiesen. Stattdessen machten sie Erfindungen und schlossen sich den ideologischen Religionen ihrer Zeit an.

Das änderte alles. Die Kirche erweichte ihre Lehren. Man blieb sonntags zu Hause. Monarchen gaben die Macht an ihre Untertanen ab. Philosophen stellten Gott immer offener infrage – und wurden dafür nicht mehr lebendig verbrannt. Es war ein goldenes Zeitalter für das Denken und den Fortschritt. Und unglaublicherweise hat sich der Prozess, der damals angestoßen wurde, immer mehr beschleunigt und beschleunigt sich noch heute.

Die wissenschaftliche Revolution ließ die Vorherrschaft der spirituellen Religionen bröckeln und bahnte den ideologischen Religionen den Weg. Und eben das gab Nietzsche zu denken. Denn so viel Fortschritt und Wohlstand und greifbare Vorteile ideologische Religionen auch mit sich bringen, es fehlt ihnen doch eine Eigenschaft der spirituellen Religionen: die Unfehlbarkeit.

Übernatürliche Gottheiten sind für den, der an sie glaubt, gegen weltliche Dinge gefeit. Die Stadt mag abbrennen. Die eigene Mutter mag eine Million Euro gewinnen und wieder verlieren. Kriege und Seuchen mögen ins Land ziehen. Keine dieser Erfahrungen widerspricht dem Glauben an die Gottheit, denn alles Übernatürliche ist gegen Evidenz immun. Atheisten sehen darin zwar einen Nachteil, aber es kann auch ein Vorteil sein. Dank der Robustheit spiritueller Religionen kann es ruhig hart auf hart kommen, die seelische Stabilität bleibt trotzdem intakt. Die Hoffnung bleibt erhalten, weil Gott erhalten bleibt.13

Bei Ideologien ist das anders. Wenn man ein Jahrzehnt seines Lebens mit dem Einsatz für eine bestimmte Regierungsreform verbringt, die dann den Tod von Zehntausenden zur Folge hat, ist man selbst schuld. Die Hoffnung, die einen jahrelang antrieb, ist futsch. Die Identität ist in Scherben. Hello darkness, my old friend.

Weil Ideologien ständig erprobt, verändert, bewiesen und dann widerlegt werden, bieten sie kaum seelische Stabilität, auf die sich Hoffnung gründen lässt. Und sind erst die ideologischen Grundfesten unserer Glaubenssysteme und Wertehierarchien erschüttert, geraten wir wieder in die Fänge der unbequemen Wahrheit.

Nietzsche hatte das früher als alle anderen raus. Er warnte vor der kommenden existenziellen Krise, die das technologische Wachstum der Welt bescheren würde. Genau darin lag der Sinn seines Gott-ist-Tod-Diktums.

»Gott ist tot« war keine nervige Atheistenhäme, wie man heute oft glaubt. Nein. Es war eine Klage, eine Warnung, ein Hilferuf. Wer sind wir denn, dass wir den Sinn und die Bedeutung unserer eigenen Existenz bestimmen wollen? Wer sind wir denn, dass wir uns die Unterscheidung zwischen Gut und Böse in der Welt zutrauen? Wie können wir dieses Joch tragen?

Nietzsche, der um die inhärente Unordnung und Ungewissheit der Existenz wusste, meinte, dass uns das psychologische Rüstzeug fehlte, um unsere Bedeutung im Kosmos zu durchschauen. In der Flut der ideologischen Religionen, die im Kielwasser der Aufklärung schwammen (Demokratie, Nationalismus, Kommunismus, Sozialismus, Kolonialismus und so weiter) sah er nur den Versuch, die unausweichliche Existenzkrise der Menschheit hinauszuzögern. Und er hasste sie alle. Demokratie fand er naiv, Nationalismus blöde, Kommunismus widerlich und Kolonialismus abstoßend.14

Denn auf eine verdreht buddhistische Weise hielt Nietzsche jede weltliche Bindung – an Geschlecht, Rasse, ethnische Zugehörigkeit, Nationalität oder Geschichte – für eine Täuschung, ein auf Glauben beruhendes Konstrukt, das uns am dünnen Seil des Sinns über dem Abgrund der unbequemen Wahrheit baumeln lässt. Und er befürchtete, dass alle diese Konstrukte früher oder später miteinander in Konflikt geraten müssten und dann weitaus mehr Gewalt hervorrufen als verhindern würden.15

Nietzsche sah zwischen den auf Herrenmoral und Sklavenmoral beruhenden Ideologien Konflikte heraufziehen.16 Er glaubte, dass diese Konflikte mehr Zerstörung über die Welt bringen würden als alles andere zuvor. Er sagte voraus, dass diese Zerstörung nicht auf einzelne Gebiete oder ethische Gruppen beschränkt sein würden. Sie würde grenzübergreifend sein; sie würde viele Länder und Völker betreffen. Denn diese Konflikte, diese Kriege würden nicht mehr für Gott geführt. Sie würden zwischen Göttern geführt.

Und diese Götter wären wir.

Die Büchse der Pandora

In der griechischen Mythologie gab es zu Beginn der Welt nur Männer.17 Alle soffen und mussten nicht arbeiten. Es war eine einzige, nie enden wollende Kneipenrunde. Die alten Griechen nannten es das »Paradies«. Aber wenn du mich fragst, klingt es eher nach Hölle.

Die Götter erkannten, dass das Ganze ziemlich langweilig eingerichtet war, und wollten für ein bisschen Action sorgen. Sie beschlossen, dem Menschen eine Gefährtin zu geben, die ihn ablenken könnte, die ein paar Komplikationen und Ungewissheiten in seine von Saufspielen und Tischkicker dominierte Behaglichkeit bringen würde.

Also erschufen sie die erste Frau.

Alle wichtigen Götter machten bei diesem Projekt mit. Aphrodite trug Schönheit bei, Athene Weisheit. Hera gab ihr die Fähigkeit, eine Familie zu gründen. Hermes sorgte für Charisma und Redegabe. Ohne Unterlass statteten sie die Frau mit Talenten und Begabungen und Fähigkeiten aus wie ein neues iPhone mit Apps.

Heraus kam Pandora.

Die Götter schickten Pandora auf die Erde und mit ihr den Wettbewerb und den Sex und Babys und Diskussionen über Klodeckel und Zahnpastatuben. Aber die Götter gaben ihr auch etwas mit, und zwar eine Büchse. Es war eine wunderschöne Büchse, in Gold gefasst und mit fein ziselierten Ornamenten geschmückt. Die Götter trugen Pandora auf, die Büchse an die Männer weiterzureichen, mit der Anweisung, sie niemals zu öffnen.

Achtung, Spoiler! Jemand machte die Büchse auf, so sind die Leute eben, und – Überraschung! – alle gaben Pandora die Schuld daran. Aus der Büchse kamen alle Übel in die Welt geflogen: Tod, Krankheit, Hass, Neid und Twitter. Die idyllische Grillparty war vorbei. Jetzt konnte ein Mann den anderen töten. Und leider gab es nun auch Gründe, einander zu töten, nämlich Frauen und Dinge, mit denen man sie umwerben konnte. So kam ein endloser, dämlicher Penisvergleich in Gang, auch bekannt als Menschheitsgeschichte.

Kriege brachen aus. Rivalisierende Königreiche entstanden. Sklaverei kam auf. Imperatoren eroberten einander und ließen dafür Hunderttausende auf dem Schlachtfeld. Städte wurden errichtet und wieder geschleift. Währenddessen behandelte man Frauen wie Besitztum und tauschte und handelte sie untereinander wie besseres Viehzeug.18

Kurz: Der Mensch wurde zum Menschen.

Alles schien beschissen zu sein. Aber am Boden der Büchse war etwas Glänzendes, Schönes übriggeblieben.

Es war die Hoffnung.

Es gibt viele Interpretationen des Pandora-Mythos. Am geläufigsten ist die Erklärung, dass die Götter uns zwar mit sämtlichen Übeln der Welt bestraften, uns aber auch ein Gegenmittel an die Hand gaben: die Hoffnung. Das können wir uns wie das Yin und Yang des ewigen Menschenschicksals vorstellen: Alles ist immer beschissen, aber je beschissener es wird, desto mehr Hoffnung müssen wir aufbringen, um durchzuhalten und gegen die Beschissenheit der Welt zu bestehen. Deshalb inspirieren uns Helden wie Witold Pilecki: Dass sie genug Hoffnung aufbringen konnten, um dem Bösen zu widerstehen, erinnert uns alle daran, dass wir es auch könnten.

Die Krankheit mag sich ausbreiten, aber die Heilung ebenfalls, denn Hoffnung ist ansteckend. Hoffnung rettet die Welt.

Aber es gibt noch eine andere, weniger beliebte Interpretation des Pandora-Mythos: Was, wenn Hoffnung nicht das Antidot gegen das Böse ist? Was, wenn Hoffnung auch nur eine Form des Bösen ist? Was, wenn Hoffnung nur das Übel war, das in der Büchse blieb?19

Denn Hoffnung trieb nicht nur Pilecki zu seinen Heldentaten. Hoffnung trieb auch die kommunistischen Revolutionen und die Völkermorde der Nazis an. Hitler hoffte, durch die Vernichtung der Juden eine evolutionär überlegene Menschenrasse zu schaffen. Die Sowjets hofften, durch eine globale Revolution wahre, kommunistische Gleichheit zu erreichen. Und ehrlich gesagt geschahen auch die Gräueltaten, die westliche, kapitalistische Länder in den letzten hundert Jahren verübten, im Namen der Hoffnung: Hoffnung auf größere wirtschaftliche Freiheit und mehr globalen Wohlstand.

Wie ein Skalpell kann Hoffnung Leben retten und Leben nehmen. Sie kann uns aufrichten, aber auch zerstören. So wie es gesunde und schädliche Ausprägungen von Selbstbewusstsein gibt, gesunde und schädliche Ausprägungen von Liebe, gibt es auch gesunde und schädliche Ausprägungen von Hoffnung. Und der Unterschied dazwischen ist nicht immer deutlich.

Bislang sind wir davon ausgegangen, dass Hoffnung fundamental wichtig für unser Seelenleben ist, dass wir (a) etwas brauchen, auf das wir uns freuen, dass wir (b) das Gefühl haben müssen, unser Schicksal selbst zu bestimmen und dieses Etwas erreichen zu können, und dass wir (c) eine Gemeinschaft finden, in der wir es erreichen können. Fehlt uns zu lange eins dieser Elemente, verlieren wir die Hoffnung und trudeln der unbequemen Wahrheit entgegen.

Erfahrungen erzeugen Emotionen. Emotionen erzeugen Werte. Werte erzeugen sinngebende Geschichten. Und Menschen, die die gleichen sinngebenden Geschichten teilen, verbinden sich miteinander zu Religionen. Je effektiver (oder affektiver) eine Religion, desto eifriger und disziplinierter sind ihre Anhänger. Und je eifriger und disziplinierter die Anhänger, desto eher verbreitet sich die Religion und erfüllt noch mehr Menschen mit einem Gefühl der Selbstbestimmung und der Hoffnung. Solche Religionen wachsen und breiten sich aus und ziehen irgendwann eine Grenze zwischen uns und denen, erschaffen Riten und Tabus und schüren Konflikte zwischen Gruppen mit gegensätzlichen Werten. Solche Konflikte muss es geben, denn sie versorgen die Menschen innerhalb der Gruppe mit Sinn und Zweck.

Also ist es der Konflikt, der die Hoffnung aufrechterhält.

Es ist also umgekehrt: Nicht die Beschissenheit macht Hoffnung nötig; die Hoffnung erfordert Beschissenheit.

Das, was Hoffnung spendet und unserem Leben Sinn gibt, spendet auch Zwist und Hass. Die Hoffnung, die die meiste Freude in unser Leben bringt, ist auch die Hoffnung, die die größte Gefahr mit sich bringt. Die Hoffnung, die Menschen zusammenbringt, ist oft die gleiche Hoffnung, die sie auseinanderreißt.

Hoffnung ist also zerstörerisch. Hoffnung erfordert die Ablehnung dessen, was ist.

Denn Hoffnung erfordert, dass etwas zerbricht. Hoffnung erfordert, dass wir einen Teil von uns und/oder der Welt verleugnen. Sie erfordert, dass wir gegen etwas sind.

Das ergibt ein unglaublich düsteres Bild des menschlichen Daseins. Es bedeutet, dass wir psychisch so eingerichtet sind, dass uns nur die Wahl zwischen ewigem Konflikt und Nihilismus bleibt – Stammesdenken oder Isolation, Glaubenskrieg oder unbequeme Wahrheit.

Nietzsche glaubte, dass keine der aus der wissenschaftlichen Revolution hervorgegangenen Ideologien auf die Dauer Bestand haben würden. Er glaubte, dass sie einander nach und nach umbringen oder/oder von innen heraus zusammenbrechen würden. Nach ein paar Jahrhunderten wäre die existenzielle Krise dann da. Die Herrenmoral wäre bis dahin verdorben, die Sklavenmoral implodiert. Wir wären an uns selbst gescheitert. Denn aufgrund der Unzulänglichkeit des Menschen ist alles, was wir erschaffen, provisorisch und unzuverlässig.

Nietzsche zufolge müssen wir den Blick stattdessen über die Hoffnung hinaus richten, über die Werte hinaus. Wir müssen zu etwas werden, das »jenseits von Gut und Böse« ist. Für ihn musste diese Moral der Zukunft mit der sogenannten amor fati beginnen, der »Liebe zum Schicksal«: »Meine Formel für die Grösse am Menschen«, schrieb er, »ist amor fati: dass man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen – aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen –, sondern es lieben.«20

Für Nietzsche bedeutete amor fati die bedingungslose Akzeptanz allen Lebens und aller Erfahrung: von Höhen wie Tiefen, von Sinnhaftem wie Sinnlosem. Es bedeutete, den eigenen Schmerz zu lieben, das eigene Leiden hinzunehmen. Es bedeutete, die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu schließen, und zwar nicht durch das Streben nach dem Gewünschten, sondern einfach durch das Wünschen von Wirklichkeit.

Praktisch bedeutete es: Hoffnung auf nichts. Hoffnung nur auf das, was schon besteht – weil Hoffnung letztendlich leer ist. Alles, was der Geist sich vorstellt, ist von Grund auf fehlerhaft und beschränkt und, wenn man es bedingungslos anbetet, schädlich. Hoffe nicht auf mehr Glück. Hoffe nicht auf weniger Leid. Hoffe nicht darauf, dein Wesen zu verbessern. Hoffe nicht darauf, deine Fehler auszumerzen.

Hoffe auf das hier. Hoffe auf die unendlichen Möglichkeiten und Beschwernisse, die jeder einzelne Augenblick bietet. Hoffe auf das Leid, das die Freiheit mit sich bringt. Auf den Schmerz, der aus dem Glück erwächst. Auf die Weisheit, die aus Unwissenheit entsteht. Auf die Macht, die man durch Selbstaufgabe gewinnt.

Und dann handle trotz alledem.

Das ist unser Auftrag, unsere Berufung: ohne Hoffnung zu handeln. Nicht auf Besseres zu hoffen. Sondern besser zu sein. In diesem Augenblick und im nächsten. Und im nächsten und übernächsten.

Alles ist beschissen. Und die Hoffnung ist sowohl Ursache als auch Folge dieser Beschissenheit.

Das ist schwer zu schlucken, denn den süßen Nektar der Hoffnung geben wir ebenso ungern her wie ein Säufer die Flasche. Ohne sie fürchten wir, wieder ins Leere zu stürzen, in den Abgrund. Die unbequeme Wahrheit jagt uns Schrecken ein, also spinnen wir Geschichten und Werte und Erzählungen und Mythen und Legenden über uns selbst und die Welt zusammen, nur um uns diese Wahrheit vom Leib zu halten.

Aber das Einzige, was uns befreit, ist die Wahrheit. Du und ich und alle anderen werden sterben, und so gut wie nichts, was wir tun, hat auf kosmischer Ebene irgendeine Bedeutung. Zwar befürchten manche Leute, dass diese Wahrheit sie von jeder Verantwortung entbindet, und dass sie dann mit Kokain zugedröhnt vor die Straßenbahn tanzen, aber in Wahrheit entbindet diese Wahrheit sie von der Verantwortungslosigkeit. Sie bedeutet nämlich, dass wir keinen Grund haben, uns selbst und einander nicht zu lieben. Dass wir keinen Grund haben, uns und unseren Planeten nicht mit Respekt zu behandeln. Dass wir keinen Grund haben, jeden Augenblick nicht so zu leben, als müssten wir ihn in ewiger Wiederkehr leben.21

In der zweiten Hälfte dieses Buches erkunden wir, wie ein Leben ohne Hoffnung aussehen könnte. Ich kann jetzt schon verraten, dass es nicht so schlecht ist, wie du glauben magst. Meiner Meinung nach ist es vielleicht sogar die bessere Alternative.

Die zweite Hälfte des Buches ist auch ein unverstellter Blick auf die moderne Welt und alles, was an ihr beschissen ist. Es ist eine Bestandsaufnahme ohne die Hoffnung, irgendetwas zu lindern – eher mit der Hoffnung, es lieben zu lernen.

Denn wir müssen aus dem Kreislauf der religiösen Konflikte ausbrechen. Wir müssen aus unseren ideologischen Kokons schlüpfen. Wir müssen das Fühlhirn fühlen lassen, aber ihm die Sinn und Wert spendenden Geschichten versagen, nach denen es sich so sehr sehnt. Wir müssen über unsere Vorstellungen von Gut und Böse hinauswachsen. Wir müssen das lieben lernen, was ist.

Amor Fati

Es war Metas letzter Tag im Schweizer Örtchen Sils Maria, und sie wollte so viel davon wie möglich draußen verbringen.

Friedrichs Lieblingsspaziergang führte am Ostufer des Silvaplanersees entlang, einen halben Kilometer vom Ort entfernt. Der See war zu dieser Jahreszeit ein schimmerndes Stück Kristall, am Horizont umsäumt von Bergen mit weiß gepuderten Gipfeln. Bei Wanderungen um den See war die Verbindung zwischen Friedrich und Meta vor vier Sommern entstanden. Und so wollte sie auch ihren letzten Tag mit ihm verbringen. So wollte sie sich an ihn erinnern.

Sie brachen gleich nach dem Frühstück auf. Der Himmel war vollkommen klar, die Luft war seidig. Sie ging voran, und er humpelte mit seinem Gehstock hinterher. Sie kamen an Scheunen und Weiden und einem kleinen Zuckerrübenfeld vorbei. Friedrich scherzte, nach Metas Weggang würden die Kühe seine einzigen intellektuellen Freunde sein. Sie lachten und sangen und pflückten unterwegs Walnüsse.

Gegen Mittag machten sie Rast und aßen unter einer großen Lerche. Nun begann Meta, sich Sorgen zu machen. Vor lauter Freude waren sie weit gegangen. Viel weiter, als sie erwartet hatte. Und jetzt merkte sie, dass Friedrich körperlich und geistig Mühe hatte, beieinander zu bleiben.

Der Rückweg fiel ihm schwer. Er lahmte jetzt merklich. Und der Umstand, dass sie am nächsten Morgen abreisen würde, überschattete beide wie ein unheilbringender Mond, legte sich über ihre Worte wie ein Leichentuch.

Er wurde mürrisch und klagte über Schmerzen. Sie hielten oft an. Und er begann, vor sich hin zu murmeln.

Nicht so, dachte Meta. So wollte sie ihn nicht zurücklassen, aber es musste sein.

Es war später Nachmittag, als sie sich dem Dorf näherten. Die Sonne schwand, und die Luft war drückend geworden. Friedrich lag gut zwanzig Meter zurück, aber Meta wusste, sie würde ihn nur nach Hause bekommen, wenn sie nicht für ihn stehenblieb.

Sie gingen wieder an dem Zuckerrübenfeld vorüber, an der Scheune und an den Kühen, seinen neuen Gefährtinnen.

»Was war das?«, rief Friedrich. »Wohin ist Gott, wollt ihr wissen?«

Meta drehte sich um und wusste schon vorher, was sie erblicken würde: Friedrich, mit dem Stock fuchtelnd und wie irre eine kleine, vor ihm wiederkäuende Gruppe Kühe beschimpfend.

»Ich will es euch sagen«, sagte er schwer atmend. Er hob den Stock und wies auf die Berge ringsum. »Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht?«

Die Kühe kauten ungerührt. Eine schlug mit dem Schwanz nach einer Fliege.

»Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Stürzen wir nicht fortwährend nach allen Seiten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts?«22

»Friedrich, das ist albern«, sagte Meta und versuchte, ihn am Ärmel weiterzuziehen. Aber er riss den Arm weg; Wahn war in seinem Blick.23

»Wo ist Gott? Gott ist tot. Gott bleibt tot. Und wir haben ihn getötet«, rief er aus.

»Bitte hör auf mit dem Unsinn, Friedrich. Los, gehen wir heim.«

»Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?«

Meta schüttelte den Kopf. Es war zwecklos. So war es eben. So ging es zu Ende. Sie ging weiter.

»Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?«

Schweigen. In der Ferne ein Muhen.

»Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrund. Was groß ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er eine [Ouvertüre zu etwas Größerem ist].«24

Die Worte rührten sie an. Sie drehte sich um und blickte ihm in die Augen. Eben diese Idee, dass der Mensch eine Ouvertüre zu etwas Größerem ist, hatte sie vor so vielen Jahren zu Nietzsche hingezogen. Dieser Gedanke hatte sie intellektuell verführt, denn für sie war dieses »Größere« der Feminismus und die Befreiung der Frau (ihre ideologische Religion). Aber für Nietzsche, das sah sie jetzt ein, war ihr Anliegen nur ein weiteres Konstrukt, eine weitere Einbildung, ein weiterer menschlicher Fehlschlag, ein weiterer toter Gott.

Meta vollbrachte in ihrem weiteren Leben noch einiges. In Deutschland und Österreich organisierte sie Protestmärsche für das Frauenwahlrecht – und setzte es durch. Sie inspirierte Tausende von Frauen auf der ganzen Welt dazu, sich für ihre eigenen Gottesprojekte einzusetzen, für ihre eigene Erlösung, ihre eigene Befreiung. Still und ruhmlos veränderte sie die Welt. Sie errettete und befreite mehr Menschen als Nietzsche und die meisten anderen »großen« Männer, aber sie tat es aus dem Schatten heraus, von der Hinterbühne der Geschichte aus. Heute ist sie hauptsächlich als die Freundin Friedrich Nietzsches bekannt – nicht als Star der Frauenbewegung, sondern als Nebenrolle in einem Stück über einen Mann, der hundert Jahre ideologischer Zerstörung korrekt voraussagte. Wie ein verborgener Zwirn hielt sie die Welt zusammen, obwohl man sie kaum anerkannte und schnell vergaß.

Dennoch ging sie immer weiter. Sie wusste, dass sie weitergehen würde. Sie musste weitergehen und versuchen, den Abgrund zu überqueren, so wie wir es alle tun müssen; für andere zu leben, auch wenn sie gar nicht wusste, wie sie für sich selbst leben sollte.

»Meta«, sagte Nietzsche.

»Ja?«

»Ich liebe die, welche nicht zu leben wissen«, sagte er, »denn es sind die Hinübergehenden.«