KAPITEL 7

Schmerz ist die universelle Konstante

Ein Studienteilnehmer nach dem anderen wurde von den Wissenschaftlern den Flur entlang und in einen kleinen Raum geführt. In diesem Raum befand sich nichts außer einer einzigen beigen Computerkonsole und einem leeren Bildschirm mit zwei Knöpfen.1

Die Anweisungen waren simpel: Auf den Bildschirm blicken und den Knopf drücken, auf dem »blau« stand, sobald ein blauer Punkt auf dem Bildschirm aufleuchtete. Wenn ein violetter Punkt aufleuchtete, sollte stattdessen der andere Knopf gedrückt werden, auf dem »nicht blau« stand.

Ein Kinderspiel, nicht wahr?

Nun, jeder Studienteilnehmer musste sich tausend dieser Punkte anschauen. Jawohl, eintausend Punkte. Und wenn der Teilnehmer fertig war, brachten die Wissenschaftler den nächsten Teilnehmer in das Zimmer, und alles ging wieder von vorne los: beige Konsole, leerer Bildschirm, eintausend Punkte. Und der Nächste, bitte! Das ging immer so weiter; Hunderte Teilnehmer an mehreren Universitäten.

War etwa eine neue Form der psychologischen Folter Gegenstand dieser Studie? War es ein Experiment, das die Grenzen menschlicher Langeweile ausloten wollte? Nein. Das Ausmaß der Studie wurde tatsächlich von ihrer Hirnrissigkeit fast noch überboten. Es war eine Studie mit bahnbrechenden Auswirkungen, denn mehr als jede andere Studie der jüngeren Geschichte lieferte sie eine Erklärung dafür, was wir heute in der Welt vorgehen sehen.

Die Psychologen untersuchten etwas, das sie »prävalenz-induzierte Konzeptänderung« nannten. Weil das für unsere Zwecke aber ein absolut fürchterlicher Name ist, spreche ich im weiteren Verlauf vom »Blauen-Punkt-Effekt«.2

Folgendes müssen Sie über diese Punkte wissen: Die meisten von ihnen waren blau. Einige waren violett. Ein paar andere bewegten sich farblich irgendwo zwischen blau und violett.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass alle Teilnehmer ziemlich treffsicher darin waren zu bestimmen, welche Punkte blau waren und welche nicht, solange weit überwiegend blaue Punkte gezeigt wurden. Sobald sie aber anfingen, die Anzahl der gezeigten blauen Punkte zu reduzieren und stattdessen mehr Violettschattierungen zeigten, begannen die Studienteilnehmer, violette Punkte für blaue zu halten. Ihre Augen schienen die Farben zu vertauschen, weil sie weiterhin eine gewisse Anzahl blauer Punkte zu erwarten schienen, unabhängig davon, wie viele ihnen tatsächlich gezeigt wurden.

Und das soll jetzt die große Entdeckung sein? Menschen sitzen doch ständig optischen Täuschungen auf. Und wenn man vier Stunden lang ohne Pause auf Punkte starrt, fängt man vermutlich irgendwann an zu schielen und sieht allen möglichen Bockmist, oder etwa nicht?

Aber um die Anzahl der blauen Punkte ging es gar nicht; sie dienten lediglich dazu zu messen, wie die Wahrnehmung von Menschen verzerrt werden kann, um sich ihrer Erwartung anzupassen. Als die Wissenschaftler genug Daten zu den blauen Punkten gesammelt hatten, um ihre Assistenten ins Koma zu schicken, widmeten sie sich wichtigeren Wahrnehmungen.

Als Nächstes zeigten sie den Studienteilnehmern beispielsweise Fotos von Gesichtern, die unterschiedliche Grade von bedrohlich, freundlich oder neutral zeigten. Zuerst zeigten sie ihnen eine große Menge bedrohlich wirkender Gesichter. Aber genau wie bei den blauen Punkten zeigten sie im weiteren Verlauf des Experiments davon immer weniger – und derselbe Effekt stellte sich ein: Je weniger bedrohliche Gesichter die Teilnehmenden nun präsentiert bekamen, desto eher neigten sie dazu, ein freundlich oder neutral wirkendes Gesicht als bedrohlich zu empfinden. Genau so, wie das menschliche Hirn mit einer »voreingestellten« Anzahl blauer Punkte zu arbeiten schien, die es zu sehen erwartete, verhielt es sich auch mit den Gesichtsausdrücken.

Doch die Wissenschaftler gingen noch weiter – zur Hölle, warum denn auch nicht? Bedrohungen zu sehen, wo keine sind, das ist die eine Sache. Aber wie verhält es sich mit moralischen Urteilen? Wie verhält es sich mit dem Irrglauben, es gäbe mehr Böses auf der Welt, als es in Wirklichkeit gibt?

Dieses Mal ließen die Wissenschaftler die Studienteilnehmer Stellenanzeigen lesen. Einige der beschriebenen Jobs waren amoralisch, die beschriebenen Tätigkeiten waren zwielichtiger Art. Andere waren völlig unverfänglich und anständig. Und wieder andere bewegten sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

Wie zuvor wurde den Teilnehmenden zunächst eine Mischung aus allen drei Kategorien gezeigt, wobei ihnen gesagt wurde, dass sie nach amoralischen Angeboten Ausschau halten sollten. Dann präsentierten die Wissenschaftler den Leuten immer weniger amoralische Stellenanzeigen. Dabei machte sich der Blaue-Punkt-Effekt bemerkbar. Die Leute fingen an, völlig unverfängliche Jobangebote als amoralisch zu bewerten. Anstatt zu bemerken, dass mehr unbedenkliche Angebote gezeigt wurden, zogen sie unbewusst den Grenzverlauf zwischen Gut und Schlecht neu, um an der Wahrnehmung festhalten zu können, dass ein bestimmter Anteil der Jobangebote amoralisch war. Im Grunde genommen definierten sie also ihre Vorstellung von Moral neu, ohne dass ihnen das bewusst gewesen wäre.

Wie die Wissenschaftler selbst festhielten, hat diese Verzerrung unglaublich beunruhigende Implikationen für … na ja, so ziemlich jeden Bereich unseres Lebens. Regierungskomitees, die mit der Kontrolle von Regulationen beauftragt sind, könnten Regulierungsverletzungen entdecken, wo es gar keine zu entdecken gibt. Ethikkomitees größerer Organisationen könnten Sündenböcke zur Verantwortung ziehen, die sich gar nichts zu Schulden haben kommen lassen.

Der Blaue-Punkt-Effekt besagt im Grunde genommen, dass wir uns umso mehr von Übeln umzingelt sehen, je mehr wir nach ihnen Ausschau halten – ungeachtet der Tatsache, wie sicher oder bequem unsere Umgebung in Wirklichkeit sein mag. Und genau das passiert heute überall in der Welt, direkt vor unseren Augen.

Früher wurden diejenigen als Opfer von Gewalt bezeichnet, denen tatsächlich jemand physischen Schaden zugefügt hatte. Heute nutzen viele Menschen das Wort Gewalt, wenn sie darüber sprechen wollen, dass Worte sie verletzt haben – oder manchmal sogar nur die Anwesenheit einer Person, die sie ablehnen.3

Als Trauma wurde früher ausdrücklich eine Erfahrung beschrieben, die so tiefgreifend war, dass das Opfer nicht mehr »funktionsfähig« war. Heute zählen eine unangenehme soziale Begegnung oder ein paar beleidigende Worte als Trauma, das die Notwendigkeit von »safe spaces« bedingt,4 also sicheren Orten, zu denen potenzielle Verursacher von Traumata keinen Zugang haben. Als Genozid bezeichnete man den tatsächlichen physischen Massenmord an einer bestimmten Ethnie oder religiösen Gruppe. Heute wird der Umstand, dass Restaurants in Großstädten auch Menükarten auf Spanisch bereithalten, als weißer Genozid bejammert.5

Das ist der Blaue-Punkt-Effekt. Je besser die Dinge werden, desto eher sehen wir Bedrohungen, wo gar keine sind, und desto mehr echauffieren wir uns. Und dieser Effekt ist der Schlüssel zum Verständnis des Fortschrittsparadoxons.

Émile Durkheim, Begründer der Soziologie und ein früher Pionier der Sozialwissenschaften, präsentierte im 19. Jahrhundert in einem seiner Bücher ein Gedankenexperiment: Was, wenn es keine Verbrechen gäbe? Was, wenn es eine Gesellschaft gäbe, in der jeder durch und durch respektvoll und gewaltfrei wäre und alle einander gleichgestellt? Was, wenn keiner lügen oder einen anderen verletzen würde? Gäbe es keine Konflikte, keinen Stress mehr? Würden sie alle frohlockend über die Felder hüpfen, Blümchen pflücken und Händels Hallelujah anstimmen?6

Durkheim verneinte das. Tatsächlich wäre das Gegenteil der Fall, sagte er. Er vermutete: Je angenehmer und moralischer eine Gesellschaft wird, desto größere Aufmerksamkeit würde man auf die kleinen Indiskretionen legen. Wenn alle aufhören würden, einander zu töten, würden wir uns deswegen nicht zwangsläufig selbst auf die Schulter klopfen und ein glückliches Leben führen. Wir würden uns stattdessen einfach über unbedeutendere Sachen aufregen.

Die Entwicklungspsychologie argumentiert schon seit Langem auf ähnliche Weise: dass es Menschen nicht glücklicher oder sicherer macht, wenn man sie vor Problemen oder Ungemach schützt; es führt eher dazu, dass sie schnell unsicher werden. Eine junge Person, die immer davor geschützt worden ist, sich Herausforderungen und Ungerechtigkeiten stellen zu müssen, wird im Erwachsenenalter schon die kleinsten Unannehmlichkeiten als unerträglich empfinden und nicht zögern, mit einem öffentlichen Wutanfall darauf zu reagieren.7

Unsere emotionale Reaktion auf ein Problem wird nämlich nicht von der Größe des Problems bestimmt. Unser Verstand vergrößert (oder verkleinert) vielmehr das Problem, um es dem Maß an Stress anzupassen, auf das wir uns eingestellt haben. Materieller Fortschritt und Sicherheit lassen uns nicht zwangsläufig entspannen, und sie lassen die Zukunft nicht rosiger aussehen. Im Gegenteil: Es scheint, dass Herausforderungen und Ungemach gut für uns sein könnten und dass sich die Leute ohne diese Faktoren nur noch mehr quälen würden. Sie werden egoistischer und kindischer. Sie entwickeln nicht die nötige Reife, um das Weltbild der Adoleszenz hinter sich zu lassen. Sie entwickeln keine Tugenden und neigen dazu, aus Mücken Elefanten zu machen. Sie jammern einander die Ohren voll, als wäre die Welt ein endloses Meer aus vergossener Milch.

Mit Schmerzgeschwindigkeit unterwegs

Ich habe kürzlich im Internet ein cooles Zitat von Albert Einstein entdeckt: »Man sollte nach dem Ausschau halten, was ist, nicht nach dem, von dem man denkt, es sollte sein.« Großartig. Daneben noch ein hübsches kleines Bildchen von ihm, auf dem er ganz wissenschaftlich seriös aussah. Das Zitat ist einprägsam und klingt klug, und ich dachte zwei ganze Sekunden lang darüber nach, bevor ich weiter auf meinem Smartphone rumspielte.

Es gibt bei diesem hübschen Spruch nur ein kleines Problem: Einstein hat das nie gesagt.

Es gibt noch ein anderes Einstein-Zitat, über das man häufig stolpert: »Jeder ist ein Genie. Aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben lang glauben, dass er dumm ist.«

Das ist ebenfalls nicht von Einstein.

Und was ist hiermit? »Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere menschlichen Interaktionen übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben.«8

Auch nicht von ihm.

Einstein ist die wohl am häufigsten falsch zitierte historische Figur im Internet. Er ist so etwas wie der »gebildete Freund« unserer Kultur, mit dessen vermeintlichen Federn wir uns schmücken, um klüger auszusehen, als wir es sind. Seine freundliche Visage wurde neben »Zitate« gedruckt, die thematisch die ganze Bandbreite von Gott über Geisteskrankheiten bis hin zu Heilenergie abdecken. Nichts davon hat etwas mit Wissenschaft zu tun. Der gute Mann rotiert bestimmt in seinem Grab.

Die Menschen haben Einstein so viele bescheuerte Zitate angehängt, dass er schon zu einer Art mythologischer Figur geworden ist. Die Erzählung, dass Einstein ein schlechter Schüler gewesen sei, ist zum Beispiel Unfug. In Mathe und den Naturwissenschaften war er schon in jungen Jahren ein Ass. Im Alter von zwölf Jahren brachte er sich in nur einem Sommer Algebra und die euklidische Geometrie bei. Mit 13 las er Kants Kritik der reinen Vernunft (ein Buch, das heutzutage selbst Doktoranden kaum bewältigen können). Der Typ hatte einen Doktor in Experimentalphysik – in einem Alter, in dem andere noch nicht mal ihren ersten Job angetreten haben. Man darf also guten Gewissens behaupten, dass er sich in der Schule zu behaupten wusste.

Einstein strebte eigentlich nicht nach Höherem; er wollte einfach nur unterrichten. Aber als junger deutscher Immigrant in der Schweiz fand er keine Anstellung an den dortigen Universitäten. Mit Unterstützung von einem Freund seines Vaters fand er schließlich einen Job beim Patentamt – eine Aufgabe, die ihn so unterforderte, dass er sich den lieben langen Tag verrückte Theorien über die Physik ausdenken konnte; Theorien, die schon bald die Welt auf den Kopf stellen sollten. 1905 veröffentlichte er seine Relativitätstheorie, die ihm weltweiten Ruhm sicherte. Er kündigte seinen Job im Patentamt; plötzlich wollten Präsidenten und andere Staatsoberhäupter mit ihm abhängen. Alles nur vom Feinsten.

In seinem langen Leben sollte Einstein noch mehrere Male die Welt der Physik revolutionieren; er sprach sich angesichts der deutschen Bedrohung für die Notwendigkeit einer atomaren Aufrüstung der USA aus (was er später als Fehler sah), und posierte für ein weltberühmtes Foto, auf dem er die Zunge rausstreckte.

Aber heute ist er den meisten von uns auch in Erinnerung für die zahlreichen großartigen Internetzitate, die nicht von ihm stammen.

Seit Newton (gemeint ist der echte) basierte Physik auf der Annahme, dass alles in Bezug auf Raum und Zeit bemessen werden kann. Ein Beispiel: Mein Mülleimer steht hier neben mir. Er hat eine bestimmte Position im Raum. Wenn ich ihn in einem volltrunkenen Wutanfall packe und durchs Zimmer schleudere, könnten wir theoretisch seine Position im Raum im Lauf der Zeit messen und alle möglichen sinnvollen Dinge bestimmen, zum Beispiel seine Geschwindigkeit, die Flugbahn, die Stoßkraft und wie groß die Delle sein wird, die er in die Wand schlägt. All diese Variablen lassen sich bestimmen, wenn wir die Bewegung des Mülleimers in Raum und Zeit kennen.

Raum und Zeit sind demnach »universelle Konstanten«. Sie sind unveränderlich. Es sind die Maßeinheiten, nach denen alles andere bemessen wird. Klingt nach gesundem Menschenverstand? Genau das ist es auch.

Und dann kommt Einstein daher und verändert mal eben die Welt, indem er sagt: »Gesunder Menschenverstand? Drauf geschissen! Du weißt gar nichts, Jon Schnee!« Denn Einstein hat bewiesen, dass Raum und Zeit keine universellen Konstanten sind. Wie sich herausstellt, kann sich unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit dem Kontext unserer Beobachtung anpassen. Was ich zum Beispiel als zehn Sekunden wahrnehme, könnten in deiner Wahrnehmung fünf Sekunden sein; und was ich als einen Kilometer wahrnehme, kann in deiner Wahrnehmung eine Strecke von bloß ein paar Metern sein.

Für jemanden, der schon mal auf einem LSD-Trip war, mag diese Schlussfolgerung irgendwie Sinn ergeben. Aber für die Physikwelt klang das damals nach nacktem Wahnsinn.

Einstein bewies, dass sich Raum und Zeit je nach Betrachter ändern – dass sie also relativ sind. Stattdessen ist die Lichtgeschwindigkeit die universelle Konstante, nach der alles andere bemessen werden muss. Wir alle sind ununterbrochen in Bewegung, und je weiter wir uns der Lichtgeschwindigkeit annähern, desto »langsamer« wird die Zeit und desto mehr zieht der Raum sich zusammen.

Lass uns beispielsweise sagen, du hast einen identischen Zwilling. Da ihr Zwillinge seid, seid ihr natürlich gleich alt. Ihr beschließt beide, eine kleine intergalaktische Abenteuerreise anzutreten, und zwar jeder von euch mit einem eigenen Raumschiff. Dein eigenes Raumschiff fliegt mit lausigen 50 Sekundenkilometern, aber das Gefährt deines Zwillings bringt es mit irren 299 000 Kilometern pro Sekunde fast auf Lichtgeschwindigkeit. Ihr verständigt euch darauf, jeweils eine Weile durchs All zu reisen, euch ein paar coole Sachen anzuschauen und euch dann nach 20 Jahren wieder auf der Erde zu treffen.

Bei deiner Heimkehr ist etwas Schockierendes passiert. Du selbst bist um 20 Jahre gealtert, dein Zwilling aber ist beinahe noch so alt wie am Tag der Abreise. Auch er war 20 Jahre fort, aber in seinem Raumschiff ist nur etwa ein Jahr vergangen.

Tja! »Was zur Hölle …?«, genau das war auch meine Reaktion.

Wie Einstein einst sagte: »Alter, das ergibt null Sinn!« Allerdings ergibt es durchaus Sinn (und Einstein hat das nie gesagt).

Dieses Einstein-Beispiel ist von Bedeutung, weil es illustriert, dass unsere Annahmen darüber, was im Universum konstant und beständig ist, falsch sein können – und diese falschen Annahmen haben massive Auswirkungen darauf, wie wir die Welt wahrnehmen. Die Tatsache, dass wir davon ausgehen, dass Raum und Zeit universelle Konstanten sind, erklärt, wie wir die Welt wahrnehmen. Sie sind allerdings keine universellen Konstanten; für andere sind es Variablen, rätselhaft und uneindeutig. Und damit ändert sich alles.

Ich prügle diese Kopfschmerzen verursachende Erklärung zur Relativität hier durch, weil ich der Meinung bin, dass in unserer eigenen Psyche eine vergleichbare Sache vonstattengeht: Was wir für die universelle Konstante unserer Wahrnehmung halten, ist in Wirklichkeit überhaupt nicht konstant. Und vieles von dem, was wir für wahr und real halten, ist vielmehr relativ zu unserer eigenen Wahrnehmung.

Psychologen haben das Glück nicht immer schon studiert. Über lange Zeit fokussierte man sich nicht auf das Positive, sondern auf die Sachen, die Leute kaputt machten: Was verursacht geistige Erkrankungen und emotionale Zusammenbrüche, und wie sollten Menschen mit Schmerz und Trauma umgehen?

Erst in den 1980er-Jahren fingen ein paar unerschrockene Gelehrte an, Fragen zu stellen: »Moment mal, mein Job ist ziemlich deprimierend. Was ist denn eigentlich mit den Sachen, die Leute glücklich machen? Konzentrieren wir uns doch lieber mal darauf!« Und es wurde heftig gefeiert, denn schon bald würden in den Bücherregalen weltweit dutzende Ratgeber zum Thema Glück stehen, in Millionenauflagen gedruckt für gelangweilte, ängstliche Menschen der Arbeiterklasse, die unter existenziellen Krisen litten.

Eine der ersten Sachen, die Psychologen angingen, als sie das Glück studierten, war die Erstellung einer simplen Umfrage.9 Sie nahmen große Gruppen von Leuten und gaben ihnen Pager – nicht vergessen, wir befinden uns hier in den Achtziger- und Neunzigerjahren –, und jedes Mal, wenn der Pager piepte, sollten die Leute stehenbleiben und die Antworten auf zwei Fragen aufschreiben:

  1. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie glücklich sind Sie in diesem Moment?

  2. Was ist gerade in Ihrem Leben los?

Die Wissenschaftler werteten Tausende dieser Fragebögen von mehreren Hundert Teilnehmern unterschiedlichster Couleur aus, und ihre Entdeckung war sowohl überraschend als auch entsetzlich langweilig: Fast alle schrieben immerzu »7«. Beim Milchkauf im Supermarkt? Sieben. Bei der Theateraufführung der Tochter? Sieben. Beim Gespräch mit dem Boss, kurz vor einem großen Businessdeal? Sieben.

Selbst wenn etwas Schreckliches passierte – Mutter hat Krebs; ich kann die Miete diesen Monat nicht bezahlen; mein Jüngster hat bei einem Freak-Unfall beim Bowlen seinen rechten Arm verloren – fielen die Angaben zum Glückslevel zwar kurzfristig in den Bereich zwischen zwei und fünf, aber nur, um kurz darauf wieder zur Sieben zurückzukehren.10

Gleiches galt auch für extrem positive Ereignisse. Eine fette Gehaltserhöhung, ein Traumurlaub, Hochzeiten – bei solchen Ereignissen schossen die Bewertungen der Leute kurzzeitig nach oben, und fielen dann vorhersagbar wieder zurück auf die Sieben.

Das faszinierte die Wissenschaftler. Niemand ist die ganze Zeit rundum zufrieden, aber es ist auch niemand die ganze Zeit über komplett unglücklich. Ungeachtet unserer äußeren Umstände scheinen wir Menschen in einem dauerhaften Zustand milder, aber nicht zu ausgeprägter Zufriedenheit zu leben. Anders gesagt: Eigentlich alles in Butter, aber besser geht immer.11

Das Leben ist offenbar ein langer Pfad der Level-Sieben-Glückseligkeit mit ein paar Schlaglöchern hier und ein paar sonnigen Hügeln dort. Und diese ewige Sieben, zu der wir immer wieder zurückkehren, spielt uns einen kleinen Streich, auf den wir immer und immer wieder reinfallen: Unsere Hirnzellen flüstern uns ein: »Könnte ich doch nur ein kleines bisschen mehr haben. Ich würde endlich die Zehn erreichen und dortbleiben.«

Die meisten von uns verbringen den Großteil des Lebens damit, fortwährend der erträumten Zehn hinterherzujagen.

Man denkt sich zum Beispiel: Hey, um glücklicher zu sein, brauche ich einen anderen Job, also sucht man sich einen neuen Job. Und dann, nach ein paar Monaten, glaubt man, man wäre glücklicher, wenn man endlich ein eigenes Haus hätte, also kauft man sich ein Haus. Und ein paar Monate später ist es der atemberaubende Strandurlaub, der das große Glück verspricht, also steigt man in ein Flugzeug Richtung Traumstrand. Und wenn man dann im Strandkorb liegt, denkt man sich: Was ich jetzt wirklich brauche, ist eine gottverdammte Piña Colada! Gibt es an diesem elenden Strand denn weit und breit keine gescheite Piña Colada? Und man macht sich einen Riesenstress, weil man glaubt, dass diese eine Piña Colada einen endlich die ersehnte Zehn erreichen lassen würde. Aber dann braucht es noch eine zweite Piña Colada, und dann eine dritte, und dann … Na ja, Sie können sich denken, wie die Sache endet: Sie wachen auf mit einem mörderischen Kater und dem schalen Geschmack einer Drei im trockenen Mund.

Einstein hatte eben recht, als er sagte: »Meiden Sie Cocktails mit zuckerbasierten Zutaten. Wenn Sie sich schon volllöten müssen, sei Ihnen ein gediegener Wodka-Soda empfohlen. Falls Sie Geld wie Heu haben, darf’s gern auch ein guter Champagner sein.«

Jeder von uns nimmt insgeheim an, dass wir selbst die universelle Konstante unserer eigenen Erfahrung sind, dass wir selbst uns nicht ändern und lediglich unsere Erfahrungen an uns vorüberziehen wie das Wetter.12 Manche Tage sind sonnig und gut, andere sind regnerisch und schlecht. Der Himmel verändert sich, aber wir bleiben immer dieselben.

Aber das stimmt nicht. In Wirklichkeit ist es genau andersrum. Schmerz ist die universelle Konstante des Lebens. Die menschliche Wahrnehmung und unsere Erwartungen passen sich einer vorher festgelegten Menge Schmerz an. Egal wie sonnig unser Himmel ist, unser Verstand wird immer gerade genug Wolken sehen, um ein klein wenig enttäuscht zu sein.

Diese Beständigkeit des Schmerzes ist die Ursache für etwas, das auch »die hedonistische Tretmühle« genannt wird, auf der man läuft und läuft und läuft, stets auf der Jagd nach der ersehnten Zehn. Aber wie man sich auch anstrengt, man landet immer wieder bei der Sieben. Der Schmerz ist immer da. Was sich verändert, ist unsere Wahrnehmung dieses Schmerzes. Und sobald unser Leben sich »zum Besseren« wendet, passen unsere Erwartungen sich daran an und wir sind wieder ein klein wenig unzufrieden.

Aber diese Anpassung an den Schmerz funktioniert auch in anderen Kontexten. Als ich mir ein großflächiges Tattoo stechen ließ, waren die ersten Minuten entsetzlich schmerzhaft. Wollte ich mich allen Ernstes acht Stunden lang dieser Tortur aussetzen? Aber in der dritten Stunde bin ich tatsächlich kurz weggenickt, während die Nadel weiter meine Haut bearbeitete.

Es hatte sich nichts verändert: Derselbe Tätowierer bearbeitete noch immer denselben Arm mit derselben Nadel. Aber meine Wahrnehmung hatte sich verändert: Der Schmerz war normal geworden und ich hatte es mir wieder auf meiner inneren Sieben bequem gemacht.

Dieser Effekt beschreibt auch nur eine Variante des Blauen-Punkt-Effektes.13 Es ist eine Spielart von Durkheims »perfekter« Gesellschaft. Es ist eine Neuinterpretation von Einsteins Relativität. Es ist eine Art Trauma-Erschleichung von jemandem, der nie wirklich physischer Gewalt ausgesetzt gewesen ist und jetzt völlig am Rad dreht, weil er ein paar unangenehme Sätze in einem Buch als »Akt der Gewalt« gegen ihn auslegt. Es ist das übertriebene Gefühl, dass die eigene Kultur überrannt und zerstört wird, weil es jetzt auch Filme über Lesben und Schwule gibt.

Der Blaue-Punkt-Effekt ist allgegenwärtig. Er hat Einfluss auf sämtliche Wahrnehmungen und Urteile. Alles passt sich unserer latenten Unzufriedenheit an.

Und das ist das Problem bei unserem Streben nach Glück.

Das Streben nach Glück ist ein Wert der modernen Welt. Oder glaubst du etwa, dass Zeus sich einen Dreck darum geschert hat, ob die Menschen glücklich waren oder nicht? Glaubst du, dass der alttestamentarische Gott die Menschen glückselig wissen wollte? Nein! Der war damit beschäftigt, Schwärme von Heuschrecken auf die Erde zu schicken.

Früher war das Leben hart. Hungersnöte, Seuchen und Überschwemmungen waren an der Tagesordnung. Die Mehrheit der Bevölkerung war versklavt oder wurde als Kanonenfutter in endlose Schlachten geschickt, während der Rest sich nachts gegenseitig die Kehlen aufschlitzte, im Namen dieses oder jenen Tyrannen. Der Tod lauerte überall. Die meisten konnten von Glück reden, wenn sie das 30. Lebensjahr erreichten. Und so sah es über weite Teile der Menschheitsgeschichte aus: Hunger und Not, Scheiße und Geschwüre.

Das Leiden war in dieser vorwissenschaftlichen Welt nicht einfach nur eine hingenommene Notwendigkeit; oft wurde es sogar gefeiert. Die Philosophen der Antike sahen Glück nicht als Wert. Ganz im Gegenteil: Des Menschen Befähigung zur Selbstverleugnung galt ihnen als Wert, denn träge Zufriedenheit war mindestens so gefährlich wie begehrenswert. Und das hatte gute Gründe – schließlich brauchten nur irgendeinem Trottel die Sicherungen durchzubrennen, und mir nichts, dir nichts stand die halbe Stadt in Flammen. Wie Einstein nie sagte: »Lass die Finger von der Fackel, wenn du säufst, oder dein Tag ist für die Tonne.«

Erst im Zeitalter der Wissenschaft und Technologie war Glück plötzlich »angesagt«. Als die Menschheit Mittel und Wege gefunden hatte, das Leben zu verbessern, lautete die nächste Frage logischerweise: »Und was sollten wir denn jetzt verbessern?« Viele Philosophen waren damals der Ansicht, dass es das höchste Streben der Menschheit sein sollte, das Glück zu fördern – womit gemeint ist, den Schmerz zu reduzieren.14

Das klang alles erstmal schön und nobel. Wir schleppen schließlich alle etwas Schmerz mit uns rum, den wir gerne loswerden würden. Oder ist tatsächlich jemand Arschloch genug zu behaupten, dass das eine schlechte Idee sei?

Tja, dann schlüpfe ich jetzt mal in die Rolle des Arschlochs, denn es ist eine schlechte Idee.

Denn Sie können ihren Schmerz nicht loswerden – Schmerz ist die universelle Konstante des menschlichen Befindens. Und deshalb kann der Versuch, den Schmerz loszuwerden und sich vor allem Übel zu schützen, nur nach hinten losgehen. Mit jedem Versuch, unser Leid zu lindern, richten wir unsere Aufmerksamkeit nur umso mehr darauf. Wir sehen plötzlich in jeder Ecke gefährliche Gespenster, sehen Tyrannei und Unterdrückung in jedweder Obrigkeit, vermuten hinter jeder Umarmung Hass und Verrat.

Egal wie viel Fortschritt es gibt, egal wie friedlich, angenehm und glücklich unser Dasein wird: Der Blaue-Punkt-Effekt wird dafür sorgen, dass uns ein gewisses Maß an Leid und Unzufriedenheit begleitet. Die meisten Lottomillionäre werden auf lange Sicht nicht glücklicher. Im Durchschnitt sind sie nach ihrem Gewinn so zufrieden wie vorher. Leute, die nach einem schrecklichen Unfall querschnittsgelähmt sind, werden auf lange Sicht nicht unglücklicher. Im Durchschnitt sind auch sie danach so zufrieden wie vorher.15

Das liegt daran, dass Schmerz das Erlebnis des Lebens selbst ist. Positive Emotionen sind die zeitweilige Abwesenheit von Schmerz; negative Emotionen sind dessen vorübergehende Vergrößerung. Wer sein Leid betäubt, betäubt alle Gefühle, alle Emotionen. Man entfernt sich selbst still und heimlich vom Leben.

Wie Einstein es mal so brillant formulierte:

»Wie der Bach keine Strudel macht, solange er auf keine Hindernisse trifft, so bringt die menschliche wie die tierische Natur es mit sich, dass wir alles, was unserm Willen gemäß geht, nicht recht merken und inne werden. Sollen wir es merken, so muss es nicht sogleich unserm Willen gemäß gegangen sein, sondern irgendeinen Anstoß gefunden haben. Hingegen alles, was unserm Willen sich entgegenstellt, ihn durchkreuzt, ihm widerstrebt, also alles Unangenehme und Schmerzliche empfinden wir unmittelbar, sogleich und sehr deutlich. Wie wir die Gesundheit unseres ganzen Leibes nicht fühlen, sondern nur die kleine Stelle, wo uns der Schuh drückt, so denken wir auch nicht an unsere gesamten, vollkommen wohl gehenden Angelegenheiten, sondern an irgendeine unbedeutende Kleinigkeit, die uns verdrießt.«16

Na schön, das ist gar nicht von Einstein. Es ist von Schopenhauer – noch so ein Deutscher mit irrer Frisur. Aber der Punkt ist: Es ist hoffnungslos, das Erleben von Schmerz vermeiden zu wollen, denn Schmerz ist unser Erleben.

Deshalb zerstört sich Hoffnung letztendlich selbst und sie setzt sich selbst fort: Egal was wir erreichen, egal wie friedlich und erfolgreich unser Leben ist, unser Verstand wird unsere Erwartungen schnell an die Gegebenheiten anpassen, um ein gleichbleibendes Maß an Ungemach zu garantieren. Um in Bewegung zu bleiben, brauchen wir immer wieder eine neue Hoffnung, eine neue Religion, einen neuen Konflikt. Wir werden bedrohliche Gesichter und unmoralische Stellenanzeigen sehen, wo keine sind. Und wie sonnig unser Tag auch sein mag: Wir werden so lange nach Wolken Ausschau halten, bis wir eine gefunden haben.

Darum ist das Streben nach Glück zum Scheitern verurteilt. Einmal mehr greift hier das Bild des Esels, der der Möhre hinterherläuft, die an einem Stock vor seiner Nase baumelt. Der Stock steckt im Halfter des Esels, und egal wie lang er trabt, der Möhre kommt er keinen Hufbreit näher. Wenn wir die Möhre zu unserem Endziel erklären, machen wir uns selbst unweigerlich zum Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Und in unserem Streben nach Glück sorgen wir paradoxerweise dafür, dass es unerreichbar wird.

Das Streben nach Glück ist ein vergifteter Wert, der unsere Kultur schon seit Langem prägt. Er ist selbstzerstörerisch und irreführend. Gut zu leben bedeutet eben nicht, Leid zu vermeiden; es bedeutet, aus den richtigen Gründen zu leiden. Wenn wir schon durch unsere bloße Existenz gezwungen sind, Leid zu erdulden, dann sollten wir doch wenigstens lernen, wie man gut leidet.

Die einzige Wahl im Leben

Nach fast 75 Jahren Besatzung und 20 Jahren Krieg schmissen die Vietnamesen im Jahr 1954 endlich die Franzosen aus ihrem Land. Das hätte ganz klar ein Grund zum Feiern sein sollen. Leider tobte gerade dieser verteufelte Kalte Krieg – ein religiöser Krieg von globalem Ausmaß zwischen den kapitalistischen, liberalen Westmächten und dem kommunistischen Ostblock. Und als sich dann herausstellte, dass Hồ Chí Minh, der Typ, der die Franzosen rausgeworfen hatte, ein Kommunist war, verlor irgendwie jeder die Nerven und dachte, dass nun der Dritte Weltkrieg losgeht.

Ein paar Staatsoberhäupter waren von dieser Vorstellung so verängstigt, dass sie sich an einem schmucken Tisch in der Schweiz versammelten und darauf verständigten, die Sache mit der nuklearen Auslöschung erstmal bleiben zu lassen, um stattdessen entlang des 17. Breitengrades eine Grenze durch Vietnam zu ziehen. Fragen Sie mich bitte nicht, warum ein Land, das niemandem etwas getan hat, es verdient, in zwei Hälften gerissen zu werden.17 Aber scheinbar hatte man sich darauf geeinigt, dass Nordvietnam fürderhin kommunistisch und Südvietnam kapitalistisch sein würde – Ende der Diskussion. Alle würden glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben. (Na ja, das vielleicht nicht.)

Natürlich gab’s Probleme. Die Westmächte übertrugen einem Mann namens Ngô Đình Diệm die Macht über Südvietnam, bis rechtmäßige Wahlen abgehalten werden konnten. Anfangs schienen alle diesen Kerl zu mögen. Er war ein gläubiger Katholik, hatte eine französische Erziehung genossen und einige Jahre in Italien verbracht. Außerdem sprach er mehrere Sprachen fließend. Nach einem Treffen nannte der US-Präsident Lyndon Johnson ihn »den Winston Churchill Asiens«. Er war quasi einer von uns!

Diêm war charismatisch und ehrgeizig. Er imponierte nicht nur den westlichen Staatschefs, sondern auch dem ehemaligen Kaiser Vietnams. Diêm erklärte selbstbewusst, dass er derjenige sein würde, der endlich die Demokratie in Südostasien einführen würde. Und alle glaubten ihm.

Nun, es sollte anders kommen. Binnen eines Jahres ließ Diêm alle politischen Parteien Südvietnams verbieten – mit Ausnahme der eigenen natürlich. Und als schließlich Wahlen im Land anstanden, beauftragte er seinen Bruder damit, alle Wahlbüros unter Aufsicht zu stellen. Und du wirst Bauklötze staunen, aber Diêm gewann die Wahl! Mit atemberaubenden 98,2 Prozent der Stimmen!

Wie sich herausstellte, war der Typ ein Dreckskerl durch und durch. Natürlich war auch Hồ Chí Minh, der Führer Nordvietnams, ein echter Dreckskerl. Und wenn ich an der Uni überhaupt etwas gelernt habe, dann, dass die erste Regel der Geopolitik wie folgt lautet: Wenn zwei elende Dreckskerle Tür an Tür wohnen, werden Millionen von Menschen sterben.18

Und so tobte in Vietnam schon bald ein Bürgerkrieg.

Ich würde an dieser Stelle ja gerne etwas Überraschendes über Diêm berichten, aber er wurde ein ziemlicher 08/15-Tyrann. Er formte seine Regierung aus Familienmitgliedern und korrupten Kumpanen. Er und seine Familie lebten in üppigem Luxus, während Hungersnöte das Land heimsuchten, die dazu führten, dass Tausende außer Landes flohen oder elendig verhungerten. Diêm war so selbstgefällig und inkompetent, dass die USA sich zu einer schrittweisen Intervention genötigt sahen, um eine Implosion Südvietnams abzuwenden, was schließlich zum Vietnamkrieg führte.

Aber egal wie absolut furchtbar Diêm war, die Westmächte standen ihrem Mann zur Seite. Schließlich sollte er einer der ihren sein: ein Jünger der liberalen Kapitalismusreligion, der gegen den kommunistischen Ansturm zu Felde zog. Es dauerte Jahre, bis man begriff, dass Diêm diese Religion egal war. Für ihn zählte nur er selbst.

Wie so viele Tyrannen zählte Diêm Unterdrückung und Mord zu seinen liebsten Zeitvertreiben. Als gläubiger Katholik verachtete er Buddhisten. Dumm nur, dass die Bevölkerung Vietnams damals zu gut 80 Prozent aus Buddhisten bestand. Diese Marotte kam also bei den Menschen im Land nicht wirklich gut an. Diêm verbot sämtliche Plakate und Fahnen der Buddhisten. Er verbot buddhistische Feiertage und enthielt buddhistischen Gemeinden sämtliche Regierungsleistungen vor. Er plünderte und zerstörte im ganzen Land Pagoden und zwang Hunderte buddhistische Mönche in bittere Armut.

Die Mönche organisierten sich und hielten friedliche Proteste ab, die natürlich niedergeschlagen wurden. Daraus resultierten noch größere Demonstrationen, sodass Diêm kurzerhand das Demonstrieren verbieten ließ. Als seine Polizeieinheiten die Buddhisten zwangen, sich aufzulösen, und diese sich weigerten, schossen die Polizisten auf Demonstranten. Bei einem friedlichen Protestmarsch warfen sie sogar scharfe Granaten auf unbewaffnete Mönche.

Westliche Journalisten wussten von dieser religiösen Unterdrückung, aber sie berichteten kaum darüber, sondern schrieben meist nur über den Konflikt mit Nordvietnam.

Dann, am 10. Juni 1963, erhielten Reporter eine ominöse Nachricht, in der es hieß, dass am nächsten Tag »etwas Bedeutendes« in Saigon geschehen würde, und zwar an einer belebten Straßenkreuzung nicht weit vom Palast des Präsidenten. Die Korrespondenten der Presse maßen dieser Nachricht keine große Bedeutung bei und die meisten beschlossen, gar nicht erst hinzugehen. Am nächsten Tag tauchten neben einigen Journalisten nur zwei Fotografen am Ort des Geschehens auf. Einer von ihnen hatte seine Kamera vergessen.

Der andere sollte bald darauf einen Pulitzer-Preis gewinnen.

An jenem Tag führte ein kleines himmelblaues Auto, geschmückt mit Bannern, die Religionsfreiheit forderten, eine Prozession von ein paar Hundert Mönchen und Nonnen an. Die Mönche sangen. Menschen blieben stehen und schauten der Prozession zu, um sich kurz darauf wieder ihren Verrichtungen zu widmen. Eine geschäftige Straße an einem geschäftigen Tag. Und buddhistische Proteste war man hier mittlerweile gewohnt.

Die Prozession kam bei der Kreuzung vor der kambodschanischen Botschaft an und blieb genau dort stehen, sodass der Verkehr in alle Richtungen zum Erliegen kam. Die Mönche bildeten einen Halbkreis um das himmelblaue Auto herum. Sie starrten stumm ins Leere und warteten.

Drei Mönche stiegen aus dem Wagen aus. Einer von ihnen legte in der Mitte der Kreuzung ein Kissen auf den Asphalt. Ein anderer, ein älterer Mann namens Thích Quảng Đức, setzte sich im Lotussitz auf das Kissen, schloss seine Augen und fing an zu meditieren.

Der dritte Mönch aus dem Auto öffnete den Kofferraum und holte einen Benzinkanister heraus. Er trug ihn hinüber zu Quảng Đức und goss diesem das Benzin über den Kopf. Einige der Umstehenden hielten sich erschrocken die Hand vors Gesicht. Gespenstische Stille legte sich über die sonst so lebhafte Kreuzung. Passanten blieben stehen. Die Polizisten vergaßen, was sie gerade hatten tun wollen. Die Luft war zum Schneiden dick. Etwas Bedeutsames würde gleich passieren. Alle warteten.

Mit völlig ausdruckslosem Gesicht und benzingetränkter Robe sprach Quảng Đức ein kurzes Gebet und griff dann langsam nach einem Streichholz. Noch immer im Lotussitz und die Augen geschlossen, riss er das Streichholz über den Asphalt und setzte sich selbst in Flammen.

In Sekundenbruchteilen stieg eine Feuerwand um ihn herum auf und schloss seinen Körper ein. Seine Robe zerfiel zu Asche. Seine Haut wurde schwarz. Ein abstoßender Duft stieg in die Luft, ein Gemisch aus Benzin, Rauch und verbranntem Fleisch. Überall in der Menge fingen Menschen an zu schreien und zu weinen. Viele fielen auf die Knie oder stürzten haltlos zu Boden. Die meisten waren einfach nur fassungslos, bestürzt und vor Schock wie gelähmt.

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(Copyright AP Images/Malcolm Browne. Mit freundlicher Genehmigung.)

Doch Quảng Đức selbst blieb vollkommen reglos, während er brannte. David Halberstam, ein Reporter der New York Times, beschrieb die Szene später wie folgt: »Ich war zu erschüttert, um zu weinen, zu durcheinander, um mir Notizen zu machen oder Fragen zu stellen, zu bestürzt, auch nur einen Gedanken zu fassen … Während er brannte, bewegte er keinen einzigen Muskel, gab keinen Laut von sich. Seine sichtbare Gefasstheit stand in krassem Gegensatz zu den klagenden Leuten um ihn herum.«19

Die Nachricht von Quảng Đứcs Selbstverbrennung verbreitete sich schnell und erzürnte Millionen von Menschen weltweit. Noch am selben Abend hielt Diêm eine Radioansprache an die Bevölkerung. Man konnte hören, dass das Ereignis ihn verunsichert hatte. Er versprach, die Verhandlungen mit den Buddhisten wiederaufzunehmen, um gemeinsam nach einer friedlichen Lösung zu suchen.

Aber seine Einsicht kam zu spät. Diêm sollte sich von diesem Tag nicht mehr erholen. Es ist unmöglich zu sagen, was genau sich geändert hatte, aber es lag etwas in der Luft, die Straßen schienen belebter als sonst. Diêm hatte das Land fest im Griff gehabt, aber das Reißen eines Streichholzes und das Klicken einer Kamera hatten seine Macht infrage gestellt. Alle konnten das spüren, auch Diêm selbst.

Bald schon gingen Tausende auf die Straßen, um sich offen gegen seine Regierung zu stellen. Seine Generäle gehorchten seinen Befehlen nicht mehr. Seine Berater setzten sich über ihn hinweg. Schließlich konnten selbst die USA ihre Unterstützung nicht mehr rechtfertigen. Präsident Kennedy stimmte wenig später dem Plan zu, Diêm von seinem Militär stürzen zu lassen.

Das Bild des brennenden Mönches hatte den Damm brechen lassen – und eine Flut folgte.

Wenige Monate später wurden Diêm und sein Bruder ermordet.

Das Foto von Quảng Đứcs Tod ging in kürzester Zeit um die ganze Welt. Es wurde zu einer Art Rorschach-Test – ein Bild, in dem die Menschen ihre eigenen Werte und Kämpfe auf sich zurückgeworfen sahen. Kommunisten in Russland und China veröffentlichten die Bilder, um die Bevölkerung gegen die kapitalistischen Imperialisten des Westens aufzuwiegeln. In Europa wurde das Motiv auf Postkarten gedruckt, um auf die Gräuel aufmerksam zu machen, die im Osten vor sich gingen. Kriegsgegner in den USA nutzten das Foto, um gegen Amerikas Einmischung in den Konflikt zu protestieren. Konservativen diente das Bild als Beweis für die Notwendigkeit solcher Interventionen. Selbst Präsident Kennedy musste einräumen, dass in der Geschichte der Nachrichten kein anderes Foto weltweit zu solch starken Emotionen geführt hatte.20

Quảng Đứcs bildgewordene Selbstopferung triggerte etwas Ursprüngliches und Allgemeingültiges in den Menschen. Es weist über Politik und Religion hinaus. Es rührt an eine viel grundlegendere Komponente unserer gelebten Erfahrung: die Fähigkeit, außerordentlichen Schmerz zu ertragen.21 Ich kann nicht mal beim Abendessen mehr als ein paar Minuten gerade sitzen. Und dieser Typ hat sich nicht bewegt, während er bei lebendigem Leib verbrannte. Kein Zucken. Kein Schrei. Er verzog keine Miene. Er öffnete nicht einmal die Augen, um einen letzten Blick auf die Welt zu werfen, die zu verlassen er sich entschieden hatte.

Sein Handeln hatte etwas Reines – von der absolut erstaunlichen Entschlossenheit ganz zu schweigen. Es war ein überwältigendes, schreckliches Beispiel dafür, wie der Verstand über den Körper, der Wille über den Instinkt herrschen kann.22

Und obwohl es ein durch und durch furchtbares Ereignis war, ist es bis zum heutigen Tage irgendwie … inspirierend.

Im Jahr 2011 schrieb Nassim Taleb über ein Konzept, dass er »Antifragilität« nannte. Er erörterte zunächst, dass manche Systeme schwächer werden, wenn sie von externen Kräften unter Stress gesetzt werden, während andere Systeme eben dadurch stärker werden.23

Eine Vase ist fragil, sie zerbricht leicht. Das klassische Bankensystem ist fragil, da unerwartete Wandel in Politik oder Wirtschaft dazu führen können, dass es kollabiert. Vielleicht ist dein Verhältnis zu deiner Schwiegermutter fragil, weil alles, was du sagst, dazu führt, dass sie an die Decke geht und dich mit Vorwürfen und Beschimpfungen überschüttet. Fragile Systeme sind wie kleine Blümchen oder sensible Teenager: Man sollte sich ihnen nur auf Zehenspitzen nähern.

Auf der anderen Seite gibt es die robusten Systeme, die Veränderungen mühelos trotzen können. Während eine Vase fragil ist und mitunter zerbricht, wenn man sie nur schief anguckt, ist ein Ölfass eine verdammt robuste Sache. Wochenlang kann man das Teil durch die Gegend werfen, ohne dass etwas passiert. Es wird immer noch dasselbe alte Ölfass sein.

Als Gesellschaft stecken wir einen Großteil unserer Zeit und unseres Geldes in fragile Systeme – in dem Bemühen, sie robust zu machen. Man heuert einen guten Anwalt an, um die eigene Firma robuster zu machen. Die Regierung erlässt Regulierungsvorschriften, um das Finanzsystem robuster zu machen. Und um unsere Gesellschaft robuster zu machen, haben wir Ampeln, Eigentumsrechte und andere Regelwerke eingeführt.

Aber, so stellt Taleb fest, es gibt noch eine dritte Systemart, und zwar das »antifragile« System. Während fragile Systeme zusammenbrechen und robuste Systeme dem Wandel trotzen, gewinnt das antifragile System durch Druck von außen und andere Stressfaktoren.

Start-ups sind antifragile Unternehmen: Sie sind darum bemüht, schnell aufgekauft zu werden und daraus Profit zu schlagen. Drogendealer arbeiten ebenfalls mit einem antifragilen Geschäftsmodell: Je verrückter diese Welt wird, desto heftiger wollen die Menschen sich abschießen. Eine gesunde Liebesbeziehung ist antifragil: Unglück und Schmerz machen die Beziehung eher stärker, nicht schwächer.24 Kriegsveteranen sprechen oft darüber, wie das Chaos der Schlacht lebensverändernde Bünde zwischen Soldaten erschafft und verstärkt, statt sie zu zerstören.

Je nachdem, wie wir ihn nutzen, kann der menschliche Körper in beide Richtungen gehen: Wenn wir unsern Hintern hochkriegen und uns dem Schmerz bewusst stellen, ist der Körper antifragil – er wird also stärker, je mehr wir ihn stressen und belasten. Das Erschöpfen des Körpers durch Bewegung und körperliche Arbeit führt zu einer Zunahme der Muskeln und der Knochendichte, regt die Blutzirkulation an und verleiht uns einen hübschen Knackarsch. Wer aber Stress und Schmerz meidet (und stattdessen den ganzen Tag auf der elenden Couch rumhängt und Netflix schaut), wird unter Muskelschwund, morschen Knochen und allgemeiner Schwäche leiden.

Der menschliche Verstand arbeitet nach demselben Prinzip. Je nachdem, wie wir ihn nutzen, kann er fragil oder antifragil sein. Mit Chaos und Unordnung konfrontiert, macht unser Verstand sich an die Arbeit, um den Dingen einen Sinn zu geben; wir leiten Prinzipien ab und erstellen im Geiste Modelle, wir versuchen künftige Ereignisse vorherzusagen und evaluieren die Vergangenheit. Das Ganze nennen wir »lernen«, und es macht uns zu besseren Menschen. Es versetzt uns in die Lage, aus der Unordnung und unserem Scheitern einen Nutzen zu ziehen.

Wenn wir aber Schmerz und Stress, Chaos, Unglück und Unordnung meiden, dann werden wir fragil. Unsere Toleranz gegenüber alltäglichen Rückschlägen nimmt ab, und entsprechend muss auch unser Leben »schrumpfen«, damit wir uns nur dem kleinen bisschen Welt stellen müssen, mit dem wir noch zurechtkommen.

Denn Schmerz ist unsere universelle Konstante. Ganz egal wie »gut« oder »schlecht« unser Leben läuft, der Schmerz wird immer da sein. Und irgendwann werden wir das Gefühl haben, mit ihm umgehen zu können. Die Frage, die sich dann stellt – die einzige Frage –, ist: Werden wir uns dem Schmerz stellen? Stellst du dich deinem Schmerz, oder versuchst du, ihn zu vermeiden? Entscheidest du dich für Fragilität oder für Antifragilität?

Was immer wir tun, was immer wir sind, alles, was uns wichtig ist, ist ein Spiegelbild dieser Entscheidung: unsere Beziehungen, unsere Gesundheit, die Qualität unserer Arbeit, unsere emotionale Stabilität, unsere Integrität, unser Interagieren mit unserem sozialen Umfeld, die Bandbreite unserer Lebenserfahrungen, die Tiefe unseres Selbstwertgefühls und unseres Mutes, unser Mitgefühl und unsere Fähigkeit, andere zu respektieren und ihnen zu vertrauen, ihnen zu vergeben und sie wertzuschätzen, ihnen zuzuhören und von ihnen zu lernen.

Wenn eine dieser Sachen in unserem Leben fragil ist, dann liegt das daran, dass wir uns entschieden haben, Schmerz zu vermeiden. Dann haben wir uns für das kindische Wertesystem entschieden, dass immer nur dem Vergnügen, dem Begehren und der Selbstzufriedenheit hinterherläuft.

Gesamtkulturell gesprochen nimmt unsere Schmerztoleranz rapide ab. Und das verbaut uns als Gesellschaft nicht nur den Weg zu mehr Zufriedenheit, sondern es führt auch zu einer um sich greifenden Zunahme der emotionalen Fragilität. Darum macht sich überall der Eindruck breit, dass alles scheiße sei.

Lass mich an dieser Stelle noch einmal zurückkommen auf Thích Quảng Đức, der sich selbst angezündet hat und sich ohne erkennbare Regung von den Flammen hat auffressen lassen. Die meisten Menschen aus westlichen Kulturen kennen Meditation als eine Entspannungstechnik. Sie schlüpfen in ihre Yogahosen und setzen sich für zehn Minuten mit geschlossenen Augen in einen mollig warmen Raum, wo sie einer einlullenden Stimme zuhören, die aus ihrem Smartphone säuselt und ihnen erzählt, dass sie in Ordnung sind, dass alles in Ordnung ist und sogar noch viel besser werden wird, wenn sie einfach nur ihrem Herzen folgen – bla, bla, bla.25

Aber echte buddhistische Meditation ist viel intensiver als ein simples Anti-Stress-Training unter Anleitung einer neckischen App. Wer rigoros meditiert, sitzt still da und nimmt sich ohne Gnade selbst wahr. Jeder Gedanke, jedes Urteil, jede Neigung, jede noch so kleine Bewegung, jede noch so verhohlene Emotion, jede Spur einer Annahme, die vor unserem inneren Auge vorüberzieht, wird idealerweise eingefangen, anerkannt und dann wieder in die Leere zurückgeschickt. Und das Schlimmste daran: Es gibt kein Ende. Leute klagen oft darüber, dass sie beim Meditieren »nicht gut« sind. Es gibt kein Gutwerden. Das ist der Sinn der ganzen Sache. Man soll schlecht darin sein. Das Schlechtsein einfach akzeptieren, es umarmen, es lieben.

Wenn man über lange Zeit hinweg meditiert, kommt alle mögliche verrückte Scheiße nach oben: seltsame Fantasien und Jahrzehnte alte Selbstvorwürfe, fragwürdige sexuelle Gelüste und das niederschmetternde Gefühl von Isolation und Einsamkeit. Und auch diese Dinge müssen wir einfach betrachten, anerkennen und gehen lassen. In die Leere mit ihnen.

Meditation ist im Wesentlichen die Ausübung von Antifragilität: Wir bringen unserem Verstand bei, die niemals endenden Gezeiten des Schmerzes zu betrachten und auszuhalten, ohne dass unser »Selbst« von ihren Strömungen fortgerissen wird. Meditation sieht nach einer simplen Sache aus, aber nun verstehst du vielleicht, warum so viele Leute kein »Talent« dazu haben. Man sitzt doch nur mit geschlossenen Augen auf einem Kissen. Wie schwer kann das schon sein? Warum ist es so schwer, den Mut aufzubringen, sich auf seinen Hintern zu setzen und da auch zu bleiben? Es sollte so einfach sein, aber trotzdem scheint keiner imstande zu sein, sich wirklich dazu aufzuraffen.26

Die meisten Menschen meiden Meditation, wie Kinder Hausaufgaben meiden. Denn sie wissen, worum es beim Meditieren wirklich geht: um die Konfrontation mit dem eigenen Schmerz; darum, das Innere von Herz und Verstand wahrzunehmen, in all seinem Horror und all seiner Herrlichkeit.

Nach einer Stunde Meditation gebe ich meist auf, und mein persönlicher Rekord besteht aus einem zweitägigen Stille-Retreat. Als der zu Ende ging, schrie mein Verstand förmlich danach, rausgehen und spielen zu dürfen. Zwei Tage in ununterbrochener Kontemplation zu verbringen, das ist ein eigenartiges Erlebnis: eine Mischung aus quälender langer Weile und der furchtbaren Erkenntnis, dass die Kontrolle, die man über sein eigenes Leben zu haben glaubte, nur eine Illusion ist. Garniert man das Ganze noch mit ein paar unliebsamen Emotionen und Erinnerungen (ein oder zwei Traumata aus der Kindheit, zum Beispiel), kann man sich auf einen ziemlich heftigen Trip gefasst machen.

Und nun stell dir vor, jeden Tag so zu verbringen. Jeden Tag, sechzig Jahre lang. Wie stählern dein innerer Fokus wäre, wie eisern deine Entschlossenheit. Wie abstrakt dein Schmerz wäre. Wie antifragil du wärst.

Nicht die Tatsache, dass Quảng Đức sich aus Protest selbst angezündet hat, ist so bemerkenswert (obwohl das schon ziemlich außergewöhnlich ist). Was an seiner Aktion wirklich erstaunt, ist, wie er sie durchgezogen hat: Regungslos. Gleichmütig. Akzeptierend.

Buddha nutzte das Gleichnis der zwei Pfeile, um Schmerz zu erklären. Der erste Pfeil ist der physische Schmerz – das Eisen, das die Haut durchdringt, der Aufprall, der den Körper trifft. Der zweite Pfeil ist der mentale Schmerz, die Bedeutung und das Gefühl, dass wir mit dem Getroffenwerden verbinden, die Geschichte, die wir uns dazu erzählen, ob wir verdient haben, was passiert ist, oder nicht. In vielen Fällen ist unser mentaler Schmerz viel größer als der physische. Und meist hält er viel länger an.

Wenn wir durch die Meditation lernen könnten, uns nur von dem ersten Pfeil treffen zu lassen, so Buddha, würden wir uns quasi unbesiegbar gegenüber jedwedem mentalen oder emotionalen Schmerz machen.

Das bedeutet: Wenn wir fokussiert und antifragil genug wären, würden eine Beleidigung oder eine Pfeilspitze oder auch lodernde Flammen auf unserer Haut für unser Empfinden alles dasselbe sein – ein Gefühl, so flüchtig wie eine Fliege, die an unserem Gesicht vorbeischwirrt.

Das bedeutet: Der Schmerz ist unvermeidbar, aber darunter zu leiden, ist immer eine Entscheidung.

Das bedeutet: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was uns zustößt, und der Art, wie wir es interpretieren.

Das bedeutet: Es gibt immer eine Kluft zwischen dem, was unser Fühlhirn fühlt, und dem, was unser Denkhirn denkt. Und in dieser Kluft können wir die Kraft finden, alles zu ertragen.

Kinder haben eine so geringe Schmerztoleranz, weil sich das ganze kindliche Ethos um die Vermeidung von Schmerz dreht. Wenn sie daran scheitern, dann scheitern sie bei ihrer Suche nach Bedeutung oder Bestimmung. Deshalb erschüttert schon ein geringer erlittener Schmerz ein Kind in dessen Grundfesten.

Jugendliche haben eine höhere Schmerzgrenze, weil sie verstehen, dass Schmerz oft ein notwendiges Übel ist, um ihm übergeordnete Ziele zu erreichen. Die Vorstellung, Schmerz im Hinblick auf einen zukünftigen Nutzen zu erdulden, ermöglicht es Jugendlichen, Unannehmlichkeiten und Rückschläge in ihr Konzept von Hoffnung zu integrieren: Ich werde mich durch die Schule quälen, damit ich später einen guten Job bekomme; ich werde mich mit meiner schrecklichen Tante herumplagen, damit ich einen schönen Familienurlaub haben kann; ich werde höllisch früh aufstehen und zum Sport gehen, damit ich gut aussehe.

Probleme gibt es erst, wenn der Jugendliche den Eindruck hat, dass er einem schlechten Handel aufgesessen ist – wenn die Schmerzen größer sind als angenommen und die Belohnung nicht den Erwartungen entspricht. Ein solcher Umstand stürzt den Jugendlichen – genau wie das Kind – in eine Hoffnungskrise: Ich habe so viel geopfert und bekomme so wenig dafür. Wozu war all die Quälerei gut? Er wird in die Untiefen des Nihilismus geworfen und macht unangenehme Bekanntschaft mit der unbequemen Wahrheit.

Erwachsene haben eine unglaublich hohe Schmerztoleranz, weil sie verstehen, dass das Leben nur Bedeutung haben kann, wenn man auch den Schmerz erträgt; dass man nichts wirklich kontrollieren kann oder sollte; und dass man einfach nur sein Bestes geben kann und muss – ungeachtet der Konsequenzen.

Psychologisches Wachstum ist die Flucht aus dem Nihilismus, die prozesshafte Errichtung immer ausgeklügelterer und abstrakterer Wertehierarchien, um zu verdauen, was immer das Leben uns zum Fraß vorwirft.

Kindische Werte sind fragil. In dem Moment, in dem die Eiscreme weg ist, setzt eine Existenzkrise ein – und die muss rausgebrüllt werden. Adoleszente Werte sind robuster, weil sie die Notwendigkeit von Schmerz bereits miteinberechnen, aber sie sind noch immer anfällig für unerwartete und/oder tragische Ereignisse. Unter Extrembedingungen oder unter dauerhafter Belastung brechen auch diese Werte in sich zusammen.

Wahrhaft erwachsene Werte sind antifragil: Sie profitieren von dem Unerwarteten. Je kaputter eine Beziehung ist, desto nützlicher wird Ehrlichkeit. Je furchterregender die Welt ist, desto wichtiger wird es, den Mut aufzubringen, sich ihr zu stellen. Je komplexer das Leben wird, desto mehr Kraft können wir aus Demut schöpfen.

Das sind die Werte einer Existenz, die die Hoffnung überwunden hat – es sind wahrhaft erwachsene Werte. Sie sind der Fixstern für Herz und Verstand. Egal wie turbulent oder chaotisch es auf der Erde hergeht, sie stehen über allem anderen, unberührt, und leuchten uns den Weg durch die Dunkelheit.

Schmerz ist Wert

Viele Wissenschaftler und Technologie-Jünger glauben, dass wir irgendwann über die Fähigkeit verfügen werden, ein »Heilmittel« gegen den Tod zu entwickeln. Unsere Gene werden modifiziert und optimiert sein. Wir werden Nanobots entwickeln, die alles kontrollieren und auslöschen, was uns gesundheitlichen Schaden zufügen könnte. Mithilfe von Biotechnologie werden wir in der Lage sein, unsere Zellen endlos zu ersetzen und wiederherzustellen, um ewig zu leben.

Das klingt nach Science-Fiction, aber es gibt sogar Leute, die glauben, dass sich diese Technologien sogar noch im Laufe unseres Lebens entwickeln lassen.27

Die Vorstellung, dem Tod die Notwendigkeit zu nehmen, unsere biologische Fragilität zu überwinden und allen Schmerz zu lindern, ist oberflächlich betrachtet unglaublich aufregend. Aber ich bin der Ansicht, dass es auch in einem psychologischen Desaster enden könnte.

Zum einen nimmt man dem Leben jede Verknappung, wenn man den Tod abschafft. Und ohne diese Verknappung gibt es keine Möglichkeit zur Wertbestimmung. Alles wird uns gleichermaßen gut oder schlecht erscheinen, alles verdient unsere Aufmerksamkeit im selben Maße (oder verdient sie eben nicht), einfach weil wir endlos viel Zeit und Aufmerksamkeit hätten. Wir könnten ein Jahrhundert damit verbringen, uns die immergleiche Serie anzuschauen, und es würde nichts ausmachen. Wir könnten unsere Beziehungen verkommen und wegbrechen lassen, denn schließlich werden diese Leute ja ewig da sein – warum sollte man sich da bemühen? Man könnte jedes nachlässige Handeln mit einem »Es wird mich schon nicht umbringen.« abtun – und weitermachen wie bisher.

Der Tod ist eine psychologische Notwendigkeit, weil nichts auf dem Spiel stünde, wenn es ihn nicht gäbe. Und man weiß nicht, was eine Sache wert ist, bis man mit der Möglichkeit ihres Verlusts konfrontiert wurde. Ohne den Tod wüssten wir nicht, wofür es sich lohnt, Opfer zu bringen, wofür es sich lohnt zu kämpfen und was wir bereit sind aufzugeben.

Schmerz ist die Währung unserer Werte. Ohne den Schmerz des Verlusts (oder des möglichen Verlusts), ist es uns unmöglich, den Wert irgendeiner Sache zu bestimmen.

Schmerz ist der Kern jeder Emotion. Negative Gefühle werden durch das Empfinden von Schmerz verursacht. Positive Gefühle werden durch das Lindern von Schmerz verursacht. Wenn wir Schmerz vermeiden und dadurch fragiler werden, dann werden unsere emotionalen Reaktionen in krassem Missverhältnis zur Signifikanz der Ereignisse stehen. Dann drehen wir komplett durch, weil unser Burger mit zu viel Salat belegt wird. Wir werden vor Selbstherrlichkeit nur so strotzen, nachdem wir uns irgendein beklopptes You-Tube-Video angeschaut haben, das uns erzählt, wie großartig wir sind. Jedes Mal, wenn wir mit dem Daumen über unseren Touchscreen wischen, würde uns das Herz bis zum Hals schlagen oder in die Hosen rutschen – eine einzige Achterbahn der Gefühle.

Je antifragiler wird werden, desto eleganter sind unsere emotionalen Reaktionen, desto mehr Kontrolle üben wir über uns selbst aus und desto tiefer wurzeln unsere Werte. Antifragilität ist daher ein Synonym für Wachstum und Reife. Schmerz ist die ewige Konstante unseres Lebens, und zu wachsen bedeutet nicht, einen Weg zu finden, diesem Schmerz zu entgehen, sondern vielmehr in ihn hineinzusteigen und erfolgreich durch seine Untiefen zu steuern.

Das Streben nach Glück ist demnach die Vermeidung des Wachstums und Reifens, ein Vermeiden von Tugendhaftigkeit. Dann behandeln wir uns selbst und unseren Verstand als Mittel zum Erreichen eines emotionalen, albernen Zwecks. Wir opfern unser Bewusstsein einem Wohlgefühl. Wir geben unsere Würde für etwas mehr Bequemlichkeit auf.

Die Philosophen der Antike wussten das. Platon, Aristoteles und die Stoiker sprachen nicht von einem Leben voller Glück, sondern von Charakter, von der Fähigkeit, Schmerz zu ertragen und angemessene Opfer zu bringen – denn genau das war das Leben zu ihren Lebzeiten: ein langes, ausgedehntes Opfer. Die uralten Tugenden Tapferkeit, Ehrlichkeit und Demut sind unterschiedliche Formen praktizierter Antifragilität: Es sind Prinzipien, die aus Chaos und Ungemach Gewinn ziehen.

Erst mit der Aufklärung, mit dem Zeitalter von Wissenschaft und Technik und dem Versprechen auf immerwährendes wirtschaftliches Wachstum, keimte bei den Philosophen eine Idee auf, die Thomas Jefferson als »das Streben nach Glück« beschrieb. Als die Denker der Aufklärung sahen, wie Wissenschaft und Wohlstand dazu beitrugen, Armut, Hunger und Krankheit zu lindern, hielten sie diese Verbesserung von Schmerz irrtümlich für die Eliminierung von Schmerz. Viele Intellektuelle und Gelehrte machen diesen Fehler bis heute: Sie glauben, dass Wachstum uns von Leid befreit habe, dabei hatte das Leid statt einer physischen Form einfach eine psychologische Form angenommen.28

Womit die Aufklärer aber richtig lagen: Schmerz existiert in unterschiedlichen Qualitäten. In der Regel ist es besser, mit 90 zu sterben als mit 20. Es ist besser, gesund zu sein als krank. Die Freiheit, die eigenen Ziele zu verfolgen, ist besser, als von anderen in Knechtschaft gezwungen zu werden. Genau genommen lässt sich unser Wohlstand gut daran messen, wie wünschenswert unser Schmerz ist.29

Doch scheinbar haben wir vergessen, was die Philosophen der Antike noch wussten: Egal wie viel Wohlstand in der Welt angehäuft wird, die Qualität unseres Lebens wird von der Qualität unseres Charakters bestimmt, und diese wiederum wird von unserem Verhältnis zu unserem Schmerz bestimmt.

Das Streben nach Glück gleicht einem Kopfsprung in die tiefen Wasser des Nihilismus und der Frivolität. Es führt zu kindischem Verhalten und einem unablässigen, unerträglichen Verlangen nach mehr. Es ist ein Loch ohne Boden, ein unstillbarer Durst. Es ist die Wurzel von Korruption und Sucht, von Selbstmitleid und Selbstzerstörung.

Wenn wir nach Schmerz streben, dann haben wir die Möglichkeit zu entscheiden, welchen Schmerz wir in unser Leben lassen. Diese Entscheidung gibt dem Schmerz Bedeutung – und dadurch fühlt sich unser Leben bedeutungsvoll an.

Denn Schmerz ist die universelle Konstante des Lebens, und überall bietet sich uns die Gelegenheit, an unserem Schmerz zu wachsen. Wichtig ist nur, dass wir ihn nicht betäuben, nicht ignorieren. Wir müssen uns ihm stellen und Wert und Sinn darin finden.

Schmerz ist der Ursprung aller Werte. Wenn wir unseren Schmerz betäuben, betäuben wir alles, was in dieser Welt zählt.30 Schmerz öffnet uns die moralischen Diskrepanzen, aus denen schließlich unsere am tiefsten wurzelnden Werte und Überzeugungen erwachsen.

Wenn wir uns der Möglichkeit berauben, sinngebenden Schmerz zu fühlen, dann berauben wir uns der Fähigkeit, überhaupt einen Sinn im Leben zu finden.