Gespräch I
1 2015 wurde Ahmad Mansour zusammen mit dem Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad in Düsseldorf mit der Josef-Neuberger-Medaille ausgezeichnet. Im Rahmen des Neujahrsempfangs ehrt die jüdische Gemeinde mit diesem Preis traditionell Personen der nichtjüdischen Öffentlichkeit, die sich um die jüdische Gemeinschaft besonders verdient gemacht haben.
2 Thorsten Schmitz, Wer hat Angst vor Ahmad Mansour?, in: Süddeutsche Zeitung, 11. Juli 2023, https://www.sueddeutsche.de/kultur/mansour-twitter-shitstorm-uni-1.6016306?reduced=true (abgerufen am 17.6.2024).
3 Auguste und Julius Schuster, die Großeltern Josef Schusters, betrieben ein Textil- und Schuhgeschäft in Bad Brückenau. Später eröffneten sie ein kleines koscheres Hotel für jüdische Kurgäste. Nach der »Machtergreifung« der Nazis wurde die Familie denunziert, und Julius und David Schuster – Großvater und Vater von Josef Schuster – wurden im KZ Dachau in die sogenannte »Schutzhaft« genommen, wo die Familie zur Aufgabe ihres Eigentums genötigt wird, damit Julius und David Schuster, die inzwischen nach Buchenwald verlegt wurden, freikommen. Im Gegenzug durfte die Familie nach Palästina auswandern und überlebte so die Shoah. Nach 18 Jahren Exil erhielten die Schusters ihren rechtmäßigen Besitz in Bad Brückenau zurück und zogen nach Würzburg.
4 Israels Ministerpräsident Jitzchak Rabin wurde 1995 von einem jüdischen Extremisten in Tel Aviv ermordet.
5 Elias Khoury wurde 1948 in Beirut geboren. Einige seiner Romane sind auf Deutsch erschienen, darunter Yalo (2011) und Als schliefe sie (2012).
6 Boycott, Divestment and Sanctions (»Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen«, abgekürzt BDS).
7 In Wuppertal, wo es bereits eine DİTİB-Moschee gibt, soll auf einem 6000 m2 großen Arsenal eine neue DİTİB-Moschee entstehen. DİTİB, kurz für Diyanet İşleri Türk İslam Birliği, also die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V., ist die größte sunnitisch-islamische Organisation in Deutschland. Im Stadtrat hat das Projekt längst eine Mehrheit gefunden – Kritiker:innen verweisen aber unter anderem darauf, dass die DİTİB strukturell der türkischen Religionsbehörde untersteht und damit dem Einfluss des türkischen Präsidenten Erdoğan ausgesetzt ist.
8 Dr. Dieter Graumann war von 2010 bis 2014 Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.
9 Heroes® Berlin ist ein feministisches Projekt der Jungenarbeit, das sich für Selbstbestimmung und Geschlechtergerechtigkeit einsetzt. Mehr dazu unter: https://www.heroes-net.de/
10 Aiman Mazyek gehört zu den bekanntesten Vertretern der Islamverbände. Nach über 13 Jahren kündigte er für Juni 2024 seinen vorzeitigen Rücktritt vom Vorsitz des Zentralrats der Muslime an.
11 Die »Denkfabrik Schalom Aleikum« ist eine 2022 als Nachfolge von »Schalom Aleikum« ins Leben gerufene Forschungseinrichtung innerhalb des Zentralrats der Juden in Deutschland, die Wissenschaft, Praxis und dialogischen Austausch auf sowohl akademischer als auch zivilgesellschaftlicher Ebene miteinander vereint. Die Denkfabrik steht für die Erforschung gesellschaftlich und politisch relevanter Themen, die aus jüdischer, muslimischer und christlicher Perspektive diskutiert werden. Mehr unter: https://www.denkfabrik-schalom-aleikum.de/
12 An den Universitäten Erlangen-Nürnberg, Frankfurt (mit der Universität Gießen), Münster, Osnabrück und Tübingen gibt es Zentren für Islamische Theologie. Prof. Dr. Mouhanad Khorchide ist Leiter des Zentrums für Islamische Theologie und Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster.
13 Im Mai 2021 geht ein kurzes Video viral, wird zehntausendfach im Internet geteilt, das zu zeigen scheint, wie junge Juden an der Klagemauer den Brand der Al-Aqsa-Moschee bejubeln. In Wirklichkeit brannte jedoch ein Baum in der Nähe der Moschee, die nicht zu Schaden kam. Und die Menschenmenge sang und tanzte bereits vor dem Feuer, denn es wurde der Jerusalemtag gefeiert, der an die Wiedervereinigung der Stadt nach dem Sechstagekrieg von 1967 erinnert.
14 Im April 2023 machten in sozialen Medien Videos die Runde, die offenbar zeigten, wie die israelische Polizei in der Al-Aqsa-Moschee mit Schlagstöcken und Gewehren auf palästinensische Gläubige einschlug. Palästinensische Medienberichte erklärten, die Beamten hätten am frühen Morgen das Gotteshaus gestürmt und Gläubige angegriffen, die israelische Polizei erklärte, sie habe Gewalt angewandt, um Gläubige herauszuholen, die sich mit Feuerwerkskörpern, Steinen und Stöcken in der Moschee verschanzt hätten.
Gespräch II
15 Ein Jahr vor der der Landtagswahl liegt die AfD in Umfragen erstmals vor allen anderen Parteien, wie z. B. aus dem BrandenburgTrend von Infratest dimap im Auftrag von rbb24 Brandenburg aktuell und Antenne Brandenburg hervorgeht, und erreicht einen neuen Spitzenwert von 32 Prozent (wenn zu dieser Zeit Landtagswahl gewesen wäre). https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2023/09/brandenburgtrend-afd-brandenburg-umfrage-september-23.html
16 Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Michael Piazolo noch der bayerische Kultusminister. Im November 2023 rückte Anna Stolz (ebenfalls Freie Wähler) an die Spitze.
17 Kanada gehört zu den klassischen Einwanderungsländern und gilt mit seinem bereits 1967 eingeführten Punktesystem weltweit als einwanderungspolitisches Musterland. Mittels Punktesystem sollen gezielt Einwanderer ausgewählt werden, die über die Fähigkeiten, Ausbildung und Berufserfahrung verfügen, die den Bedürfnissen des kanadischen Arbeitsmarkts entsprechen und die voraussichtlich erfolgreich in Kanada arbeiten und sich in die Gesellschaft integrieren können. Für die Aufnahme in den Bewerberpool müssen mindestens 67 von 100 möglichen Punkten in den folgenden Kategorien erreicht werden: Sprachkenntnisse (max. 28 Punkte), Bildung (max. 25 Punkte), Berufserfahrung (15 Punkte) Alter (max. 12 Punkte) Arbeitsplatzzusage (max. 10 Punkte) und Anpassungsfähigkeit (max. 10 Punkte).
18 Im ARD DeutschlandTrend lag die AfD im Januar 2023 in der Gesamtbevölkerung bei 15 Prozent. https://www.tagesschau.de/faktenfinder/jugend-afd-100.html#:~:text=Zum%20Vergleich%3A%20Im%20ARD%2DDeutschlandTrend,zu%20Februar%20um%20vier%20Prozentpunkte
19 Im Mai 2018 gibt der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas in einer antisemitischen Rede dem jüdischen Volk die Schuld am Holocaust. Letzterer sei nicht durch Antisemitismus ausgelöst worden, sondern durch das »soziale Verhalten« der Juden, wie etwa das Verleihen von Geld, wie Abbas nach Angaben der Nachrichtenagentur Wafa gesagt haben soll. https://www.dw.com/de/pal%C3%A4stinenserpr%C3%A4sident-abbas-gibt-juden-schuld-am-holocaust/a-43606087
20 Zu diesen Ergebnissen kommt eine 2022 veröffentlichte Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. https://www.welt.de/politik/deutschland/article240831239/Deutschland-und-Israel-Fast-die-Haelfte-der-Deutschen-will-Schlussstrich-unter-NS-Vergangenheit.html
21 Bereits in den 1990er Jahren waren Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe in der Neonaziszene Thüringens aktiv. Erst im November 2011 flog der NSU auf und die Morde wurden erst dann als rassistische Terrorserie erkannt. Zuvor war in den Medien von den »Döner-Morden« die Rede. Der NSU konnte nicht zuletzt über ein Jahrzehnt rassistische Morde begehen, weil sich die Ermittlungen der Sicherheitsbehörden über einen so langen Zeitraum fast ausschließlich auf die Opfer und ihr familiäres Umfeld fokussierten und somit eine weitreichende Kriminalisierung der Opfer bewirkten und kaum in Richtung einer rechtsextremen Motivation ermittelt wurde. 2011 wurde »Döner-Morde« zum Unwort des Jahres gewählt.
22 Siehe hierzu zum Beispiel das Projekt »WEIL WIR NICHT VERGESSEN«? https://www.gorki.de/de/weil-wir-nicht-vergessen-0 oder um die Ausstellung »Offener Prozess«? https://www.gorki.de/de/offener-prozess-ausstellung
23 Im Juni 2023 hat der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) nach rund dreijähriger Tätigkeit seinen Abschlussbericht »Muslimfeindlichkeit. Eine deutsche Bilanz« vorgestellt. Im März 2024 hat das Bundesinnenministerium (BMI) den Abschlussbericht aus dem vergangenen Jahr vorerst zurückgezogen, nachdem bereits 2023 mehrere im Bericht genannte Personen wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts geklagt hatten. Hier der Link zum Bericht: https://smf-verband.de/wp-content/uploads/2024/06/UEM-Bericht_2023-BMI.pdf
24 2018 erschien das Buch Inside Islam. Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird, des ARD-Journalisten Constantin Schreiber, das polarisierte. Kritiker bemängelten neben dem Inhalt auch die Art der Recherche. Die Journalistin Canan Topçu etwa verweist auf problematische Pauschalisierungen (https://www.deutschlandfunk.de/inside-islam-moscheen-werden-ueberschaetzt-100.html), Eren Güvercin weist etwa darauf hin, dass der Autor nicht einmal 20 von rund 2750 Moscheen in Deutschland besucht habe (https://www.deutschlandfunkkultur.de/kritik-an-constantin-schreibers-inside-islam-angeprangert-100.html).
Gespräch III
25 Im Juli 2023 erschien auf der britischen Onlineplattform Hyphen, die sich selbst als »unique online destination, focusing on issues important to Muslims across the UK and Europe« beschreibt, ein Artikel des Journalisten James Jackson, in dem er schwere Vorwürfe gegen den Islamismus- und Antisemitismusexperten Ahmad Mansour erhebt. Mansour soll Falschangaben zu seiner Ausbildung gemacht haben. Mansour äußerte sich in Interviews zu diesen Vorwürfen und erklärte, warum er die Recherche für antisemitisch hält. https://politik.watson.de/deutschland/interview/638149821-ahmad-mansour-aeussert-sich-exklusiv-zu-vita-vorwuerfen-fuehle-mich-hilflos
26 Häufig nur »der Film« genannt, trägt er offiziell den Titel October 7th 2023: Hamas Massacre Collected Raw Footage und zeigt 47 Minuten lang den Horror des 7. Oktober: eine brutale Collage aus Videomaterial von Bodycams, Überwachungskameras, Livestreams, Verkehrskameras, Drohnenaufnahmen, Social Media und den Handys der Opfer und Terroristen, zusammengestellt von der Kommunikationsabteilung der Israel Defence Forces (IDF).
27 Seit einiger Zeit wird in deutschen Feuilletons und den sozialen Netzwerken eine hitzige Debatte um das Verhältnis zwischen Shoah- und Kolonialismuserinnerung geführt und die damit verbundene Frage nach der Singularität des Holocaust, die der einen Seite als unanzweifelbar gilt, der anderen aber diskutabel scheint. Die Diskussion, die bereits seit zwei Jahrzehnten geführt wird, wurde zuletzt u. a. zusätzlich durch den Streit um israelkritische Äußerungen des südafrikanischen Historikers Achille Mbembe und die Kampagne Boycott, Divestment and Sanctions (BDS), die Diskussionen um die Entschädigung der Herero und Nama, die Black-Lives-Matter-Bewegung sowie die Diskussionen um das Humboldt-Forum in Berlin und das dort präsentierte koloniale Erbe in Deutschland angefacht. Manche bezeichnen die Debatte als »neuen Historikerstreit« oder »Historikerstreit 2.0«. Mitte der 1980er Jahre war bereits über die Frage nach der Einzigartigkeit des Holocaust ein erster Historikerstreit entbrannt.
Gespräch IV
28 Der Vorfall ereignete sich Mitte Mai in Berlin. https://www.juedische-allgemeine.de/politik/mann-mit-israel-flagge-vom-jugendlichem-angegriffen/
29 Dass die erinnerungspolitische Arbeit der Bundesregierung neu aufgestellt werden soll, haben die Ampelparteien im Koalitionsvertrag festgelegt. Anfang Februar 2024 war für kurze Zeit ein Entwurf für ein neues »Rahmenkonzept Erinnerungskultur« – eine 40-seitige Überarbeitung eines bereits bestehenden Papiers – auf der Website von Kulturstaatsministerin Claudia Roth zu finden. Inzwischen ist der Konzeptentwurf, der auf heftige Kritik gestoßen ist, dort nicht mehr verfügbar. Verbände und Arbeitsgemeinschaften von Gedenkstätten zum Nationalsozialismus und der SED-Diktatur haben eine gemeinsame Stellungnahme verfasst. Das Konzept lasse u. a. die Bedeutung von historischen Orten unberücksichtigt. Gedenkstättenleiter in Dachau und Flossenbürg befürchten eine Relativierung der NS-Verbrechen.
30 Im Juni haben Unbekannte ein mit der Spitze nach unten gerichtetes Dreieck mit roter Farbe an ein Gebäude der HU geschmiert – ein Symbol, das immer wieder im Zusammenhang mit propalästinensischen Aktionen genutzt wird. https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2024/06/berlin-humboldt-universitaet-rotes-dreieck-gaza-palaestina-israel.html
31 Seit dem 1. April 2020 ist Norbert Palz Präsident der Universität der Künste Berlin. Vor allem linke Studierende ergreifen an den Unis derzeit Partei für die Palästinenserinnen und Palästinenser und verweigern dabei teilweise eine Verurteilung des antisemitischen Terrors. An der UdK waren sie besonders laut und besonders sichtbar. Immer wieder kommt es zu einseitigen und umstrittenen propalästinensischen Aktionen an der Universität der Künste (UdK). https://www.tagesspiegel.de/wissen/nach-pro-palastinensischen-aktionen-lehrende-der-universitat-der-kunste-in-berlin-stellen-sich-gegen-antisemitismus-im-eigenen-haus-11184988.html
32 Dabei kommen junge Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte zusammen und nähern sich gemeinsam der deutschen Geschichte und dem Thema Antisemitismus. https://www.mind-prevention.com/
33 https://www.denkfabrik-schalom-aleikum.de/
34 Die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) hat eine internationale Arbeitsdefinition von Antisemitismus verabschiedet, die wie folgt lautet:
»Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.«
Die Bundesregierung hat außerdem folgende Erweiterung verabschiedet: »Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.«
35 Es geht hier um die Antisemitimusklausel des Berliner Kultursenators: https://www.sueddeutsche.de/kultur/berlin-kultursenator-joe-chialo-antisemitismus-klausel-1.6336905?reduced=true
36 Zum Nachhören: https://www.radiodrei.de/programm/schema/sendungen/radio3_am_nachmittag/archiv/20240604_1600/radio3_aktuell_1710.html
37 Beim ESC 2024 war Antisemitismus allgegenwärtig. Tausende demonstrierten gegen die Teilnahme Israels, Künstler gaben jüdischen Journalisten keine Interviews, Bars wollten den israelischen Song nicht spielen, die israelische Sängerin Eden Golan wurde ausgebuht. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein verurteilte die Proteste gegen Israel beim Eurovision Song Contest: »Es entspricht einem gängigen antisemitischen Muster, Israelis kollektiv in Haftung für Handlungen ihrer Regierung oder ihrer Armee zu nehmen, die sie oftmals selbst verurteilen.« https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2024-05/antisemitismusbeauftragter-verurteilung-proteste-israel-esc. Beim Televoting gab es hingegen große Unterstützung für Israel, das mit den vielen Publikumspunkten Platz fünf im Finale belegen konnte.