4 | Wenn Logik siegt – Arbeit und Abstraktion |
4.1 | Ersetzung der Arbeit – je nachdem |
Gründe, die Erleichterung oder gar Ersetzung der menschlichen Arbeit durch Technik anzustreben – seien es Maschinen, seien es die Möglichkeiten der Digitalisierung –, gibt es reichlich und sie werden je nach Weltanschauung und Arbeitsbegriff, aber auch nach Interessen unterschiedlich gesehen. Tabelle 4.1 stellt verkürzt solche möglichen Motivationen zusammen.
Tabelle 4.1 Verkürzte Wiedergabe von möglichen Motivationen, Arbeit durch Technik zu ersetzen
Auffassungen aus Sicht . . . |
Motivationen |
. . . der marxistischen Analyse: |
Sobald Lohnarbeit teurer wird als Maschinenarbeit, wird sie ersetzt. Dies ist im Interesse des Besitzers der Produktionsmittel. |
. . . des radikalen marktwirtschaftlichen Denkens: |
Neue Technologien vernichten alte, unrentable Arbeitsplätze und erzeugen neue, hochqualifizierte mit besserer Produktivität. Bei genügend Wachstum gleichen sich die Zahlen von Verlust an Arbeitsplätzen und Zuwachs an neuen Arbeitsplätzen aus. |
. . . der Globalisierungskritiker: |
Der Kapitalismus ersetzt die Ware Arbeitskraft durch Technik, vorher aber geschieht zur Profiterhöhung eine weltweite Auslagerung in Billiglohnländer. |
. . . des Fortschrittsglaubens: |
Technik ersetzt die Mühsal der menschlichen körperlichen Arbeit durch Kopfarbeit und setzt Zeit für Kreativität und Muße frei. Diese Ersetzung schreitet durch Innovationen immer weiter voran. |
Neben den Motiven, Arbeit zu ersetzen, fragen wir auch nach den Bedingungen, die eine Ersetzung erst möglich machen.
Die Veränderung der Arbeitsinhalte im Laufe der Geschichte der Arbeit ist offensichtlich: weg von der schweren körperlichen Arbeit (Jagd, Ackerbau, Handwerk, Produktion) zur Kopfarbeit, zur Steuerung und Programmierung von Maschinen, zur Erstellung der Steuerungsinformationen, zur Planung, Projektierung, Verwaltung und Gestaltung der Prozesse.
Des Weiteren wurden im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts Tätigkeiten mit dem Prädikat Arbeit belegt, die bisher als Freizeitbeschäftigung galten: künstlerische Tätigkeit (Musik, Theater, bildende Künste, Literatur), Organisation, Durchführung von und Beteiligung an öffentlichen Spielen (Fußball, sportliche Wettkämpfe, Feste etc.). Auch fielen alle nichtproduktiven Tätigkeiten wie öffentliche Verwaltung, Politik, Gerichtsbarkeit, Verteidigung (Kriegshandwerk), Wissenschaft, Lehre in Schule und Hochschule unter den modernen Arbeitsbegriff in einem erweiterten Sinne, sodass Arbeit nunmehr nicht nur Tätigkeit im Sinne einer vita activa bedeutete, sondern durch Zielgerichtetheit der Tätigkeit und durch die zu erwartende Verwendbarkeit des Ergebnisses bestimmt wurde.
4.1.1 | Nochmals: Mechanisierung – Automatisierung – Informatisierung der Arbeit |
In Tabelle 4.2 ist diese schrittweise Unterstützung, Erleichterung bis hin zur Ersetzung der menschlichen Arbeitsfähigkeit und seiner Wahrnehmungs- wie Reaktionsfähigkeit durch Geräte, Verfahren und Organisation, also all das, was Technik im erweiterten Sinne ausmacht, stichwortartig zusammengestellt. Die Klassifizierung dieser Schritte in Mechanisierung, Maschinisierung, Automatisierung, Informatisierung respektive Digitalisierung bezeichnet Prozesse, die sich zum Teil zeitlich überlappen, zum Teil schon abgelaufen sind oder noch ablaufen, während die Schritte der Vernetzung, Universalisierung, Biologisierung, Personalisierung und Kognitivierung Prozesse andeuten, die gegenwärtig anlaufen und in Zukunft wichtig werden könnten.
Tabelle 4.2 Schrittweise Unterstützung, Erleichterung bis hin zur Ersetzung der menschlichen Arbeitsfähigkeit
In der zweiten Spalte von Tabelle 4.2 sind die Funktionen aufgelistet, die sich auf die menschliche Arbeitsfähigkeit beziehen, die dritte Spalte nennt die unterstützende oder ersetzende Technik, die vierte Spalte stellt den Bezug zur Arbeit her und in der fünften Spalte wird aufgelistet, welche Defizite durch die Technik kompensiert werden. Die letzte Spalte gibt Hinweise auf mögliche Gefahren bei der Anwendung der genannten Technik.
Die Mechanisierung besteht ja in der raumzeitlichen Umorganisation menschlicher Kraft. Die physikalische Formel Arbeit = Kraft × Weg und die Hebelgesetze sind Niederschlag der Erfahrung, dass man mit mehr Weg Kraft sparen kann. Mit zur Bewirkung gehört also nicht nur die Applikation von menschlicher Kraft auf diese Maschinen (Hebel, Ziehen des Flaschenzuges, Schraubenzieher, Axt), sondern auch das richtige Umgehen damit. Damit wächst der Anteil des zu dieser Tätigkeit notwendigen Wissens. Gesamtgesellschaftlich muss dieses Wissen erzeugt, erworben und gelehrt, also weitertradiert werden. Dieser gesamtgesellschaftliche Anteil ist ebenso Arbeit wie die eigentliche Tätigkeit vor Ort im konkreten Falle.
Die Maschinisierung setzt die Mechanisierung in gewisser Weise voraus: Die Kraftwirkung der menschlichen Kraftanstrengung wird nun durch Maschinen unterstützt oder gar ersetzt, und hierzu ist die Organisation externer Energie notwendig – zuerst kinetische Energie in Form von Wasserfällen, ferner in Form von Wind (sehr früh Segelboote), später dann thermische Energie, die in kinetische Energie umgewandelt werden kann, von der Dampfmaschine bis zum Kernreaktor.
Bei der Automatisierung werden Steuer- und Regelungsfunktionen von der Maschine selbst übernommen, indem sie einen Regelkreis erhält, der die Prozesse auf einem eingestellten Sollwert hält und bei Abweichungen selbstständig eingreift. Die Beispiele reichen vom Thermostat bis zum Autopiloten.
Bei der Stufe der Informatisierung oder Digitalisierung erzeugt die Maschinerie im übertragenen Sinne die Sollwerte, nach denen der Regler steuert, auf adaptive Weise selbst, und zwar durch Errechnen aus den Daten, die aus dem Betrieb der Maschinerie und aus der Umgebung anfallen. Gleichwohl ist der Computer auf dieser Stufe noch der Kalkulator und noch nicht der Ordinateur.1 Er rechnet nur, bestimmt aber nicht in dem Sinne, dass er Befehle an die Maschine erteilt. Den Rechner kann man im Zusammenhang mit einer Maschine als arbeitsersetzend einsetzen, wenn die Steuerung der Maschine aufgrund von Vorgaben des Menschen einerseits und Informations- und Signalflüssen aus Maschine und Arbeitsprozess andererseits erfolgt und Letztere unter Vorgabe des Menschen (Sollwert) selbstständig verarbeitet werden.
Theoretisch ist letztlich noch nicht ganz geklärt, wie wir mit sprachlichen Symbolen tatsächlich materielle Prozesse veranlassen und steuern können. Letztlich sind die Eingaben wie Daten und Programme der „Anlass“ für den Computer, entsprechende Steuersignale an physikalische Maschinen abzugeben. Dies geschieht dadurch, dass Signale als physikalisch basierte Konstellationen in Raum und Zeit so arrangiert werden, dass sie als Randbedingungen für physikalische Prozesse fungieren.2 Dies ist die eigentliche Voraussetzung, dass wir mögliche Prozesse in der materiellen Welt dazu benutzen können, uns „Arbeit abzunehmen“.
Dasselbe gilt für die weiteren Stufen der Automatisierung und der Informatisierung durch die Vernetzung. Hier wird der Begriff der Information aus der Umgebung als Datenflüsse so gefasst, dass zu dieser Umgebung alle im Netz verfügbaren Prozesse, die Daten liefern können, potenziell mitberücksichtigt werden können. Insofern kompensiert die Vernetzung die Defizite des Menschen hinsichtlich seiner Fähigkeiten zur Wahrnehmung und Datenverarbeitung. Der notwendige Überbau – wir nennen das auch die organisatorische Hülle – für das Betreiben eines Computers als Arbeitsgerät im Netz ist bereits so groß, dass er einen wesentlichen Teil der jeweiligen Nationalökonomie ausmacht und Arbeitskapazitäten bindet.
Die Vernetzung ist der bisher letzte, jetzt schon verwirklichte Schritt, der nochmals eine neue Qualität erzeugt: Aus dem Zusammenspiel von Maschinen, die durch den Materialfluss und eine zeitliche Taktung miteinander verbunden sind, wird durch die Vernetzung eine Maschinerie, die als große, ganze Maschine angesehen werden kann, deren zentrale Steuerung dann nur noch eine Frage der Zeit sein könnte.
Diese Steuerung verlangt aber einen hohen kognitiven Aufwand, den selbst Kollektive von Experten, geschweige denn einzelne Menschen, nicht mehr leisten können. Hinzu kommt die vergleichsweise niedrige Kommunikationsgeschwindigkeit von Experten untereinander. Daher sind diese Umstände das entscheidende Einfallstor für die Anwendung der Künstlichen Intelligenz.
Die Universalisierung3 des Werkzeugs und damit ist generell das technisch Instrumentale gemeint, nutzt aus, dass Technik auch als Herstellen von Mitteln für freigehaltene Zwecke angesehen werden kann. Während man mit einem Schraubenzieher auch Bierflaschen öffnen kann, aber seine Verwendungswecke überschaubar erscheinen, sind den Verwendungszwecken des Computers fast keine Grenzen gesetzt. Er ist zurzeit das universellste Werkzeug, das die menschliche Zivilisation zur Verfügung hat.
Der folgende Schritt der Biologisierung benutzt die Übernahme von Organisationsprinzipien des Lebendigen bei der Gestaltung von technischen Prozessen. Das Motto lautet: Wachsen lassen statt bauen, was zu einer gewissen Autonomisierung von Produktionsprozessen führen könnte. Dies ist noch Spekulation. In der Architektur hingegen wird dieses Motto bereits ernsthaft diskutiert und damit experimentiert.4
Die Personalisierung von Technik als Mittel und Bedingung von Arbeit stellt die Erfüllung individueller Wünsche in den Mittelpunkt – sowohl was die Produkte und Dienstleistungen wie auch die Arbeitsbedingungen vor Ort für die Produktion und Erbringung der Dienstleistung anbelangt. Der hohe Rechenaufwand, der für eine solche Adaptivität an das Individuelle erforderlich ist, ist heute kein Thema mehr. Der Effekt verstärkt sich durch die Verwissenschaftlichung der Technik und damit die Verwissenschaftlichung der Arbeit.
Bleibt in dieser Reihenfolge die Künstliche Intelligenz, die zu einer Kognitivierung des technischen Instrumentariums wie des Arbeitsprozesses führen soll: Das Arbeitsmittel entscheidet letztlich über seinen eigenen Einsatz aufgrund bisheriger Erfahrungen, aus denen es lernt. Wir kommen im Folgenden noch genauer darauf zurück. Es ging an dieser Stelle zunächst einmal um einen Systematisierungsversuch.
4.1.2 | Technik ersetzt Arbeit und verändert sie |
Technik nimmt dem Menschen Arbeit ab. Sie verändert die Arbeitsinhalte in Richtung auf Steuerung und Kontrolle in einem ganz allgemeinen Sinne. Die Technisierung und Verwissenschaftlichung der Arbeit führte nicht nur zu einer Veränderung der Arbeitsinhalte hin zu mehr abstrakteren Tätigkeiten und der fast vollständigen Ersetzung der Handarbeit durch die Kopfarbeit, sondern auch zu einer Verknappung am Arbeitsmarkt: Durch Rationalisierung, die immer eine mittels Technik durchgeführte Umorganisation der Arbeit darstellt, werden die dadurch ersetzten oder von Maschinen übernommenen Anteile der zu leistenden Arbeit billiger als menschliche Arbeitskraft. Es ist in der Tat so, dass die Technik dem Menschen die Arbeit wegnimmt. Sie schafft dafür neue Tätigkeiten abstrakteren Inhalts, die aber von Wenigen mit höherer Qualifikation in kürzerer Zeit erledigt werden können. Der Gesamteffekt ist zunächst eine Verknappung des Angebots für Arbeitsmöglichkeiten. Allerdings wird es durch die Produktivitätssteigerung möglich, die tertiären Bereiche, sprich Dienstleistungen, wachsen zu lassen. Dort entstehen neue Arbeitsplätze. Doch auch hier beginnt die Technik zu rationalisieren und setzt damit denselben Prozess wie bei den produktiven Tätigkeiten in Gang.
Man erhält im Laufe der Geschichte eine Ersetzung der überwiegenden Agrartätigkeit durch die Tätigkeit in der Produktion. Die Verlierer am agrarischen Arbeitsmarkt drängten schon im 19. Jahrhundert in den damals neuen Arbeitsmarkt der Produktion. Derselbe Effekt ergibt sich, wenn die überwiegende Tätigkeit in der Produktion sich in die Dienstleistung verschiebt und dort zu einem Überangebot an Arbeitskräften im Dienstleistungssektor führt. Die Rationalisierung in der Dienstleistung setzt abermals Arbeitskräfte frei, die sich einen wachsenden Markt suchen, der noch nicht klar definiert ist. Man redet dann etwas vage von Wissensgesellschaft, von Beratermarkt, Medien etc., obwohl klar ist, dass das Gros der freigesetzten Arbeitskräfte aus dem einfachen Dienstleistungssektor aus Qualitätsgründen nicht in den Sektor der Wissenschaft, des Beratungswesens oder der Medien wird erfolgreich wechseln können. Um es pointiert auszudrücken: Das neue Berufsbild des „Influencers“ signalisiert die wohlkaschierte Tatsache, dass sich im Netz Tätigkeiten kurzfristig auszuzahlen scheinen, die eine funktionierende Ökonomie zwar verkraften kann, die aber zur Wertschöpfung nicht wirklich beitragen.
4.1.3 | Flexibilisierung der Inhalte |
Dem Bediener einer Produktionsanlage, z. B. einer Transferstraße, kommt seine Tätigkeit im Wesentlichen als die Gleiche vor, einerlei, ob er damit Brötchen oder Würstchen herstellt, ob er Plastikteller oder Kleinteile produziert. Seine Tätigkeit ist der Herstellung eines Produkts gewidmet, das er vielleicht nie kennen lernen wird und letztlich auch nicht muss.
Die moderne Produktionstechnik erlaubt eine Parametrisierung des Produktionsprozesses, d. h., es müssen einige Größen neu eingestellt werden und schon kann man etwas ganz anderes herstellen. Dies ist die Universalisierung des Werkzeugs, die schon im hohen Maße fortgeschritten ist und noch weiter fortschreitet. Der Preis hierfür ist eine Flexibilität, die sich nicht nur auf die zeitliche, räumliche und qualifikatorische Verfügbarkeit als Arbeitskraft bezieht, sondern auch auf die Inhalte der Tätigkeit, insofern sie, im Rahmen herkömmlicher Berufsbilder, zur Identitätsstiftung geeignet waren.
Versteht sich ein Handwerker, der mit Holz arbeitet, eben als Schreiner oder Zimmermann, so wird sich ein Metallbearbeiter nicht als Schreiner verstehen. Die Bearbeitungsmaschinen sind jedoch außer den konkreten Schneidewerkzeugen auf einem gewissen abstrakten Niveau völlig gleich. Auch sind die Programme und die organisatorisch-technischen Zuschnitte eines Bearbeitungszentrums gleich, unabhängig davon, ob Holz oder Metall bearbeitet wird. Aus beiden, dem Metaller und dem Schreiner, werden nun Bediener und Befüller eines solchen Bearbeitungszentrums, wobei es nur noch auf die richtigen Programme und das Auswechseln der richtigen Werkzeuge ankommt. Dies führt zu einem Verlust beruflich definierter Identität und zwingt den Einzelnen dazu, sich nicht mehr über solche Tätigkeiten selbst zu verstehen oder dadurch seine Berufsbiografie zu definieren. Ein weiterer Effekt ist bereits jetzt schon die seit längerem zu beobachtende Auflösung der bisherigen und das Entstehen von neuen Berufsbildern. Diese Berufsbilder wechseln sehr schnell, da sich die Technik und ihre Organisationsformen ebenfalls sehr schnell ändern.
Dieselben Effekte, die wir hier im produktiven Bereich diskutieren können,5 finden wir im Handwerk,6 im Dienstleistungssektor wie in der Verwaltung mit entsprechenden Modifikationen wieder.
4.1.4 | Abstraktion – Trennung von Prozess und Objekt der Arbeit |
Der entscheidende Punkt scheint aber die Abstraktion zu sein: Die Arbeitsinhalte werden in der Mehrzahl abstrakter. Damit sind folgende Grundzüge gemeint: Die Inhalte werden formaler, d. h., sie werden zunehmend in formaler Sprache ausgedrückt. Dies geschieht beim Programmieren, beim Erstellen oder Vollziehen schematisierter Anweisungen, beim Erstellen und Beachten von Regelwerken und Planungen. Das Bewirken geschieht mittelbar durch Festlegung von quantitativen Werten. Paradigmatisch hierfür ist die Programmierung von Bearbeitungszentren. Durch die Trennung von Produkt und Tätigkeit, indem sich eine große informationstechnisch bestimmte Maschinerie „dazwischenschiebt“, geschieht eine Entsinnlichung des Arbeitsprozesses für den Arbeitenden. Die heutige Generation der Facharbeiter beispielsweise hat sich daran so gewöhnt, dass ihnen dieser Entsinnlichungsprozess gar nicht mehr auffällt.
Die Informatisierung hat nicht nur eine räumliche und zeitliche Entgrenzung von Arbeitszeit und Arbeitsort gebracht, sondern auch von Leistungsverdichtungen. Gerade die Entlastung von Routineschritten, wie z. B. bei der Konstruktion, vom Kopieren, nochmals Zeichnen, Radieren etc., zwingt dazu, die gewonnene Zeit produktiv und kreativ zu nützen. Da aber gerade die Routinetätigkeit bei kreativer Arbeit eine gewisse Entlastung und eine gewisse Möglichkeit gibt, sozusagen im Unbewussten – nebenher – kreativ zu sein, sind infolge der Leistungsverdichtung die Anforderungen viel größer. Trotz der Ersetzung von repetitiven Tätigkeiten durch die Maschine oder den Computer wird die Tätigkeit letztlich anstrengender.
4.2 | Weshalb der Computer und die KI Arbeit ersetzen können |
4.2.1 | Die Folgen für die Arbeitswelt |
Zu den technischen Veränderungen gehören der Aufstieg der Informations- und Kommunikationstechnik, früher Informatisierung, dann Digitalisierung genannt, der mit einer Veränderung der Organisationsformen der Arbeit und der Arbeitsinhalte verbunden ist. Beschleunigend wirkt der Effekt der Konvergenz in der Technikentwicklung: auf der einen Seite die Weiterentwicklung der Computertechnik durch die Neuerung der Programmiertechnik, wozu eben auch Big Data und die KI gehören, auf der anderen Seite die Fortschritte in Mechanik, Motorik und Sensorik, die zum Roboter der heutigen Tage geführt haben und nun mit KI versehen sich anschicken, ein Mittelding zwischen Blechgeselle und Kollege zu werden.
Die Einführung des Rechners in die Arbeitswelt hatte zur Folge, dass der Programmierer zum Arbeitsstrukturierer wurde. Die Informatik wird – wie erwähnt – zunächst zur Rekonstruktion der Arbeit mit formalen Mitteln.7 Warum aber kann sie Arbeit ersetzen?
Die Netztechnologie erlaubt, sofern die Arbeitsergebnisse und Prozesse sich dematerialisieren lassen, eine Entgrenzung der Arbeitszeit und des Arbeitsorts. Die vorangehend genannten Faktoren für den Wegfall der Gründe für die klassische Fabrik, die Verschieblichkeit der Energieverfügbarkeit durch elektrische Leitungen, die Verfügbarkeit von Informationen an jedem Ort zu jeder Zeit durch die Vernetzung, die Produktionsmittelverfügbarkeit durch die Verbilligung der Transportwege und die Verschmelzung von Ausbildungszeit und -situation mit der Situation (Ort und Zeit) des Arbeitens (lebenslanges Lernen) – all das verlagert den Ort der Arbeit an den universellen Arbeitsplatz, mit dem überall aufstellbaren und aufklappbaren vernetzten Computer. Dabei werden, wie wir gesehen haben, die Arbeitsinhalte immer abstrakter und führen zu einer kognitiven Leistungsverdichtung.
Arbeit ist eine Tätigkeit des Menschen. Wir nennen sie gewöhnlich Handlung. Handlungen haben ein Ziel, eine Intention, und wir setzen gewöhnlich voraus, dass ein Ziel zu haben ein Bewusstsein und sogar ein Selbstbewusstsein voraussetzt. Ziele können daher abgeändert, verneint und auch verweigert werden. Der eigentliche Prozess der Handlung, die Tätigkeit, die dann eine Veränderung bzw. Wirkung am Arbeits-Gegenstand vornimmt, läuft bei äußeren Handlungen, wenn wir das Nachdenken oder die geistige Problemlösung einmal weglassen, durch Aktivierung von Muskelkraft: Man denke an Tätigkeiten, die wir mit Verben wie formen, schleifen, pressen, hobeln, auftragen etc. beschreiben. Die Unterstützung dieser Wirkung durch ein Werkzeug setzt die geeignete Gestaltung des Werkzeugs voraus. Das Werkzeug ist hier die „Materialisierung“ der Verben der Tätigkeiten: (Um-)Formmaschine, Schleifer, Pressmaschine, Hobel, Fabber etc. Die Ersetzung der tätigen Wirkung setzt Energie, geeignete Formung und zeitliche Struktur, also vom Beginn der Wirkung bis zum Ende der Wirkung, voraus. Das heißt, die physikalisch möglichen Prozesse in und durch die Maschine müssen dieser Struktur unterworfen werden, die Maschine muss gesteuert werden.
Die einfache mechanische Vorrichtung ist noch keine „Maschine“ und wird durch Anwendung von menschlicher Muskelkraft gesteuert. Dies gilt auch noch für Maschinen einfacherer Art, die schon externe Energie verwenden, also Segelboote oder Windmühlen oder pferdegetriebene Fahrzeuge. Wenn der Bediener eines elektrischen Gabelstaplers nur noch ein paar Hebel ziehen muss, um tonnenschwere Lasten zu heben, eine Arbeitsaufgabe, die er allein mit seiner Kraft gar nicht bewältigen könnte, bedient er sich einer hydraulischen Steuerung. Er benutzt zum Ziehen der Hebel seine Muskelkraft, aber er steuert mit dieser Bewegung die Kräfte, die die Maschine dank externer Energie ausüben kann. Dasselbe gilt für die elektrische Steuerung, bei der man nur noch Knöpfe drücken muss, um die Motoren, die die Kraftausübung bewerkstelligen, zu dirigieren. Hier benutzt man die elektromagnetische Kraft des elektrischen Stroms.
Schon in diesem – sagen wir elektromagnetisch-mechanischen – Bereich ist es dem Bediener der Maschine möglich, weitaus mehr Kräfte zu steuern, als ihm in seiner menschlichen Anatomie zur Verfügung stehen würden. Das bedeutet, dass eine leichte Bewegung am elektrischen Schaltknopf oder den Hebeln eine große Auswirkung haben kann, deren sich der Bediener vielleicht nicht bewusst ist oder von seiner Ausbildung her noch nicht erfahren hat.
An dieser Stelle ist der Begriff des Relais einzuführen. Ein Relais schaltet starke Ströme mithilfe schwacher, von uns ausgelöster Ströme. Wir haben es hier mit der Anpassung der infrage stehenden Kräfte und Wirkungen an das menschliche Maß zu tun. Mit anderen Worten: Die Maschine transformiert die Wirkungen des Knopfdrucks ins physikalisch mehrfach Verstärkte, und sie transformiert die Wirkung wiederum auf das, was der Mensch mit seiner Krafteinwirkung steuern und sensorisch bewältigen kann. Damit hält die Maschine mit ihrem „Relais“-Anteil uns auch die gewaltigen physikalischen Wirkungen, die wir damit steuern, vom Leibe. Die Servosteuerung bei der Lenkung eines schweren Transportfahrzeugs mag als Beispiel dienen.
4.2.2 | Der Kern: die Automatisierung |
Warum diese Ausführungen, die schon in den Arbeitswissenschaften der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts diskutiert wurden? Weil sie den entscheidenden Unterschied zum nächsten Schritt der Entwicklung markieren. Der Schritt der Automatisierung bestand ja darin, die steuernde Kraft des Menschen durch die Kraft zu ersetzen, die aus der Maschine ableitbar ist. Das gilt schon für den Fliehkraftregler der Dampfmaschine bei James Watt. Die Automatisierung entkoppelt die Bedienzeit von der Laufzeit. Man muss nur noch dafür sorgen, dass die Energiezufuhr zur Maschine erhalten bleibt und den Sollwert einstellen, den der Regler einhalten soll. Dabei ist es im Prinzip gleichgültig, ob der Regler mechanisch, hydraulisch, pneumatisch, elektrisch oder elektronisch realisiert ist. Wir haben es hier mit einem Informationsfluss zu tun –, d. h., dass physikalisch wie auch immer realisierte Signale materielle Prozesse steuern und dann auch regeln können.
Die zentrale Bedeutung von Automatisierung liegt in der Verringerung der Fehlerraten. Selbst bei Routinetätigkeiten liegt die menschliche Fehlerrate immer noch bei ca. 10 %. Durch Automatisierung sinkt die Fehlerrate enorm.
Der Soziologe Friedrich Pollock (1894 – 1970) hat sich sehr früh mit den Auswirkungen unterschiedlicher Formen der Automatisierung auf die Veränderung der Arbeitswelt beschäftigt. Er bietet nach eigenen Worten keine Theorie, sondern lediglich Materialien für das Verständnis einer „zweiten industriellen Revolution“, die durch die Automation hervorgerufen werde.8 Sein Bericht stützt sich überwiegend auf amerikanische Erfahrungen des Autors in seiner Emigrationszeit. Das Thema war für ihn deshalb drängend, weil diese Technik in den USA zu seiner Zeit am weitesten fortgeschritten war. Das Werk von Friedrich Pollock nahm viele Diskussionen und Themen vorweg, die in Deutschland erst mit der Büroautomatisierung in den 80er-Jahren unter dem Schlagwort „Neue Technologien“ virulent wurden und heute im Rahmen der Veränderung der Arbeitswelt durch das Netz nochmals neu als Fragen gestellt werden. Pollock definiert Automation als Produktionstechnik mit dem
„Ziel, die menschliche Arbeitskraft in den Funktionen der Bedienung, Steuerung und Überwachung von Maschinen sowie die Kontrolle der Produkte soweit durch Maschinen zu ersetzen, daß von Beginn bis zur Beendigung des Arbeitsprozesses keine menschliche Hand das Produkt berührt.“9
Die Automation als Entwicklungsprozess geht bei Pollock von den Stufen Hand, Werkzeug und Maschine zu halb- und vollautomatischen Maschinen (Pollock nennt dies Mechanisierung) über weiter automatisierte Teileinheiten und Systeme hin bis zur automatischen Fabrik.10 Pollock weist den Ingenieuren die Hauptaufgabe zu, die Arbeitsprozesse automatisierbar zu entwerfen und zu integrieren. Dabei spielt die Rückmeldung als Prinzip (Feedback) und der Regelkreis für die Steuerung und Kontrolle eine wesentliche Rolle.11 Um die vermaschten Regelkreise zu schließen, bedarf es der Computer, nach Pollock „elektronische Kalkulatoren“, die mit hoher Geschwindigkeit, z. B. 257 Divisionen von elfstelligen Zahlen in einer Sekunde,12 repetitive Aufgaben ausführen. Neben ihrer Funktion als „Befehlszentrale“ in einem Regelkreis wird ihnen die Aufgabe der mathematischen Berechnung, Buchhaltung, Erstellung von Produktions- und Versandplänen und auch die Ausarbeitung von Berichten zugeschrieben.13
Damit revidiert Pollock seine Definition der Automatisierung bzw. ergänzt sie:
„Unter Automation verstehen wir eine nach dem Zweiten Weltkrieg anhebende Produktionstechnik sowie die Verarbeitung von Daten, welche mit Hilfe der fortgeschrittenen Methoden und Geräte in dem Umfang, in dem es wirtschaftlich erscheint, die menschliche Arbeitskraft durch all ihre Funktionen durch Maschinen ersetzt, die selbst wieder maschinell kontrolliert werden.“14
Hier spricht Pollock die nächste in Tabelle 4.2 dargestellte Stufe an, die Informatisierung respektive Digitalisierung. Eine Karikatur aus dem Buch von Pollock, die in Bild 4.1 dargestellt ist, zeigt diese Vision.
Bild 4.1 Der Traum von der Automatisierung der Automatisierung15
Um einen Überblick zu den Problemen der sozialen Auswirkungen der Automation zu geben, wendet sich Pollock den Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre zu.16 Hier wird nun umfangreiches Zahlenmaterial über strukturelle Änderungen in der amerikanischen Wirtschaft vorgestellt:17 die Verdopplung des Bruttosozialprodukts in den letzten 25 Jahren, das Anwachsen der industriellen Produktion in 50 Jahren um das Siebenfache, ein Produktivitätszuwachs der Arbeit um 100 % und eine Verringerung der Vollarbeitszeit von 59 auf 40 Wochenstunden. Allerdings sind dies nur Durchschnittswerte, in unterschiedlichen Branchen finden durchaus Verschiebungen statt18 wie der Rückgang der Beschäftigtenzahlen in der Landwirtschaft, die Zunahme der gelernten, die Abnahme der ungelernten Arbeiter und die Zunahme der Angestellten in Büro und Verwaltung.
4.3 | Die technische Erzählung: Konvergenz und Universalisierung |
Technologische Entwicklungen, die zu den Wirkungen, wie sie Pollock beschreibt, führen, erscheinen manchmal überraschend – ein Effekt, der dadurch zustande kommt, dass man die Entwicklungslinien, die dazu geführt haben, nicht ständig beobachtet hat. So kam die Entwicklung der Robotik zusammen mit der Künstlichen Intelligenz hin zu smart robots für Fachleute wenig überraschend: Auch diese Entwicklung ist ein Ergebnis der Konvergenz von ursprünglich unterschiedlichen Techniklinien.
4.3.1 | Konvergenz |
Konvergenzprozesse setzen voraus, dass man zwei Technologien zu einer gemeinsamen Technologie zusammensetzen kann.19 So ist das Zusammenbringen eines elektromechanischen Motors als Antrieb für eine mechanische Uhr, die ursprünglich mit einer Feder angetrieben wurde, ein einfaches Beispiel hierfür. Der Zusammenbau geschieht über die gemeinsame Drehachse von Elektromotor und Uhrwerk. Man kann so viele Beispiele nennen, die die Entstehung von neuen Technologien verständlich machen.20
Die wirkmächtigste Konvergenz der jüngeren Geschichte dürfte die Digitalisierung sein. Ursprünglich ging es darum, wie viel an Information verloren geht, wenn man ein analoges21 in ein digitales Signal22 umwandelt, das zeitdiskret abgetastet wird und nur diskrete, also nur ganzzahlige Werte annehmen soll.23 Die technische Verschmelzung geschah dann mit der Konvergenz von Nachrichtentechnik (einschließlich Welttelefonnetz und der Hochfrequenztechnologie des 20. Jahrhunderts) und der Computertechnik: Der Computer wurde einerseits zum nachrichtentechnischen Gerät, andererseits stellt heute jede Nachrichtenübermittlung im Grunde einen Rechenprozess dar. Damit kann jede Nachricht Gegenstand von Analysen, Berechnungen und damit auch Veränderungen durch algorithmische Prozeduren werden. Bild 4.2 zeigt schematisch einige weitere Konvergenzlinien: Ursprünglich getrennt entwickelte Linien wie die Computertechnologie (Hardware), die Softwaretechnik, die Ergebnisse der Gehirnforschung, der Mechanik, der Elektronik und Sensorik verschmelzen zur Robotik und zur Cognitive Technology. Dies wurde als die NBIC-Konvergenz, also das Zusammenwachsen von Nano-, Bio-, Informations- und Kognitionstechnologien beschrieben.24
Bild 4.2 Schematische Skizze von Konvergenzprozessen, die zur Entstehung quasiautonomer Systeme führen könnten25
Man kann sich weitere Konvergenzen vorstellen, die sich zum Teil andeuten, zum Teil Zukunftsmusik sind. Zusammen mit der NBIC-Technologie und der Entwicklung der Quanten-Rechner steuern neue Verfahren und Methoden des Process Engineering (einschl. 3D-Drucker) bis hin zum Molecular Design und den Robotics zu einer völlig neuen Entwicklung bei. Dabei soll erreicht werden, dass das – mittels unterstützender Programme – frei erzeugbare und dann als Datensatz vorliegende Design des Produkts den eigenen Produktionsprozess steuert, optimiert, gegebenenfalls die Benutzung kontrolliert und – in Zukunft vielleicht – die Entsorgung ebenfalls mit managt.26
Hier wird das Produkt ein Teil eines Systems aus interagierenden wertschöpfenden intelligenten Robotersystemen (IR). Diese Roboter darf man sich nicht als Blechgesellen mit humanoider Oberfläche (Arme, Kopf, Korpus) vorstellen, sondern solche Roboter sind verteilte Systeme, die sich, je nach Wertschöpfungskette, global erstrecken können. Dasselbe gilt selbstredend auch für die Datenflüsse, die sie steuern, anhand derer sie lernen und die sie wiederum erzeugen.
4.3.2 | Universalisierung |
Neben der Konvergenz, die – wie bei der Evolution – schlecht vorherzusagen, aber in der Vergangenheit als Prozess gut nachvollziehbar ist, gibt es ein weiteres Grundmuster der Technikentwicklung, das besonders durch die Digitalisierung beschleunigt wird. So wie man beim Schweizer Taschenmesser etwas leicht übertrieben in einem „Gerät“ fast alle denkbaren Teilwerkzeuge integrieren kann, so finden sich heute im Smartphone die ursprünglich getrennten Komponenten der Kommunikations- und Unterhaltungselektronik wieder: Radio, Fernsehen, Musikbox, Autotelefon, Computer, Internetanschluss, Taschenrechner, Lexikon etc. Diesen Trend kann man Universalisierung des Endgeräts nennen. Er wird ermöglicht durch die vorangehend erwähnte Konvergenz und führt zu einem Standardisierungsdruck bei der Formatierung, der Verarbeitung, der Kontextualisierung und der Filterung von digitalen Signalen, sprich letztlich Daten.
Diese Universalisierung findet nicht nur im Bereich der Konsum- und Kommunikationstechnologie, sondern auch im Produktionsbereich, in der Logistik, in der Energieversorgung oder in der Sicherheitstechnik statt. Der Trend, alles mit allem zu vernetzen, erhöht diesen Konformitätsdruck, in fast allen halbwegs vergleichbaren Bereichen standardisierte Protokolle zu entwickeln und zu verwenden. Dies gilt letztlich auch für die Robotik. Dabei führt dieser Standardisierungsdruck zu einer zunehmenden Verletzlichkeit der Sicherheit der Datenflüsse.
4.3.3 | Entwicklung |
Betrachtet man die neuere Entwicklung der rechentechnischen Möglichkeiten, so stellt man fest, dass die Analyse von Daten von der Unterstützung der Tätigkeiten bei Arbeitsprozessen, zur Unterstützung der Entscheidungen bei der Steuerung der Arbeitsprozesse über die Beeinflussung der Entscheidungen durch die Ergebnisse der Computeranalyse bis hin zur Entscheidungsersetzung in Echtzeit funktionieren könnte.
Kommentar zu Bild 4.3: Es handelt sich um eine grobe diachronische Darstellung der Entwicklung der verfügbaren Hardwaretechnik, der Methoden der Datenanalyse (Erfassung, Aufbereitung, Verarbeitung, Auswertung, Interpretation) und der von den Protagonisten so deklarierten Phasenbezeichnungen der Entwicklung. Abkürzungen: AI = Artificial Intelligence, RFID = Radio Frequency Identification, Ubi Comp = Ubiquitous Computing. Zu Data Mining kann man auch als Voraussetzung die Datenbanken ansehen. Nicht eingetragen ist der Zeitraum, in dem Expertensysteme als umwälzend angesehen wurden (ca. 1985 – 1992). Die Phase der auf Datenanalyse basierten automatischen Entscheidung hat nach Meinung vieler Fachleute bereits 2010 begonnen.27
Bild 4.3 Entwicklung von Technik und Methoden der Datennutzung28
Wenn wir den „Siegeszug“ des Computers und vor allem der Algorithmen ansehen, dann sieht man, dass dieser Siegeszug die organisatorische Hülle der verwendeten Technologie verändert, neue organisatorische Strukturen erzeugt (vom Rechenzentrum der Großrechner in den 70er-Jahren bis zum crowd-computing von Millionen Laptops auf der Welt) und damit die Organisationsformen und Inhalte der Arbeit verändert. Und diese Änderung ist nicht mehr rückgängig zu machen:
„Der Computer wird zum unentbehrlichen Bestandteil der Struktur, sobald er total in die Struktur integriert ist, . . ., daß er nicht mehr herausgenommen werden kann, ohne unweigerlich die Gesamtstruktur zu schädigen. Das ist im Grunde eine Tautologie. Ihr Nutzen besteht darin, daß sie uns die Möglichkeit ins Bewußtsein ruft, daß bestimmte menschliche Handlungen, z. B. die Einführung von Computern in irgendwelche komplexen menschlichen Unternehmungen, eine Abhängigkeit schaffen können, die nicht mehr rückgängig zu machen ist.“29
4.4 | Zusammenfassung |
Es gibt hauptsächlich zwei Motivationen, Arbeitsprozesse zu automatisieren und damit viele Arbeitsschritte zu ersetzen: Es geht um das Reduzieren der Kosten der Arbeit, es geht um Erleichterung und Ersetzung der Arbeit und darum, dass die Entwicklung der Technik es erlaubt. Diese Entwicklung lässt sich mit den Schritten Mechanisierung, Maschinisierung, Automatisierung und Informatisierung umschreiben. Die letzte Stufe dauert noch, es zeichnet sich ab, dass die Biologisierung, Personalisierung und Kognitivierung der Technik und damit all der Tätigkeiten, die bei der Arbeit eine Rolle spielen, folgen werden.
Technik kann Arbeit ersetzen und verändert sie in Richtung auf höhere Qualifikationsanforderungen, sie verändert aber auch die Inhalte und abstrahiert sie: Der Leitstand für eine Backmaschinenstraße sieht auch nicht viel anders aus als der einer Fertigungsgruppe. Die Inhalte der Arbeit und damit auch der Gegenstand des Arbeitens werden austauschbar.
Diese Abstraktion trennt den Prozess der Arbeit von ihrem Gegenstand – und damit folgt eine Leistungsverdichtung und die Entsinnlichung der arbeitenden Tätigkeit. Der Einsatz der Informatik und damit der Modelle der zu steuernden oder steuernden Prozesse führt dazu, dass Arbeit mit formalen Mitteln rekonstruiert wird. Die Folgen zeigen sich neben der Leistungsverdichtung und Abstraktion auch in der Trennung von Arbeitsort und Arbeitsgegenstand. Das Netz wird zum neuen Arbeitsort.
Der Kern der Entwicklung liegt in der Automation all der Arbeitsschritte in Produktion, Dienstleistung und kreativem Gewerbe, die sich an den Computer delegieren lassen. Die technische Entwicklung durch Universalisierung des Werkzeugs und Konvergenz unterschiedlicher Technologiestränge zu neuen Technologien macht dies erst möglich.
Gerade die Entwicklung der Technik der Datennutzung hat den Weg zur Automatisierung höherer Stufen bereitet und zeigt, dass der Siegeszug des Computers, besser gesagt der Algorithmen, beginnt, unumkehrbare Strukturen und auch Abhängigkeiten zu schaffen.
1 Das heißt der „Ordnende“, so der französische Sprachgebrauch für Computer.
2 Zum Versuch einer Theorie siehe Kornwachs (2022 PI).
3 Näheres in Abschnitt 4.3.2.
4 Siehe auch Kornwachs (2022 GG), dort Kapitel A 4.4 – 4.6.
5 Sennet (2006).
6 Heute wird der Handwerker universaler Individualtechniker genannt. Zum Handwerk siehe Sennett (2008).
7 Coy (1992). Siehe auch Abschnitt 2.3.4.
8 Pollock (1956), S. VI.
9 Pollock (1956), S. 5.
10 Pollock (1956), S. 9 – 12, Tafel 1.
11 Ebd., S. 14 ff.
12 Ebd., S. 23. Diese heute uns extrem niedrig erscheinenden Werte entsprechen dem damaligen Stand der Technik.
13 Ebd., S. 24.
14 Ebd., S. 124 f.
15 Bild (Hintergrund): © Adobe Stock, Datei-Nr. 163551946, User: Ramcreative, Quelle: https://stock.adobe.com/de/images/industrial-factory-conveyor-automatic-production-plant-packing/163551946; Bild (Vordergrund): Beide Karikaturen aus Pollock (1956), Tafel 2.
16 Ebd., S. 49.
17 Ebd., S. 50 – 57.
18 Ebd., S. 54 – 57.
19 Zwei Technologien konvergieren, wenn ihre operativen Hüllen gleichbleiben, aber ihre funktionalen Kerne ausgetauscht werden. Vgl. Kornwachs (2012 STW), Kapitel C 6, S. 150 ff. Der Begriff wurde ursprünglich in der Medientechnik verwendet (funktionales Zusammengehen von Print-, Video- und Audioangeboten), fand sich aber schon früh in der Diskussion um das prognostizierte oder auch erhoffte Zusammenfließen von Nano-, Bio-, Informations- und Kognitionstechnologien; sogenannte NBIC-Konvergenz; vgl. Roco et al. (2002, 2013).
20 Als komplizierteres Beispiel mag die Entwicklung des Tonfilms in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts dienen: Lautsprecher, Verstärker, Mikrofon etc. aus der schon bestehenden Schallplattentechnik S wurden beibehalten (als operative Hülle dieser Technologie S), ebenso die Projektion, der Film, die Aufnahmetechnik etc. (als operative Hülle der Technologie F). Ersetzt wurde die Schallplatte als mechanisches Speichermedium (funktionaler Kern der Technologie S) durch die Aufzeichnung eines nach dem Schall intensitätsmodulierten Lichts auf dem Film in einer Randspur als optisches Speichermedium (funktionaler Kern der Technologie F). Vgl. Kornwachs (2012 STW), Kapitel C6, S. 150 ff.
21 Das heißt ein zeit- und zustandskontinuierliches Signal.
22 Das heißt ein zeit- und zustandsdiskretes Signal.
23 Ob diese ganzen Zahlen eher auf der 10er Basis (Dezimalzahlen), 16er Basis (Hexadezimalzahlen) oder 2er Basis (Dualzahlen 0 und 1) codiert werden, ist eine Frage der technischen Optimierung (Darstellungslänge versus Anzahl der zugelassenen Ziffern), nicht der Theorie. Siehe von Neumann (1951).
24 Vgl. Roco et al. (2002, 2013).
25 Bild: eigene Darstellung.
26 Vgl. Döbel et al. (2018), Spath et al. (2013).
27 Darstellung modifiziert und ergänzt in Anlehnung an Lüeth et al. (2016), Exhibit 2, S. 15.
28 Bild: eigene Darstellung.
29 Weizenbaum (1977), S. 50.