12 Waches Steuern

Wir haben gesehen: Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt in Zukunft grundlegend verändern. Schon jetzt zeichnet sich ab, wozu diese Technologie in der Lage ist, aber es ist nichts im Vergleich zu dem, was uns erwartet. Müssen wir Angst vor diesen Veränderungen haben oder dürfen wir sie begrüßen? Sind wir wirklich hilflos einer unaufhaltsamen Macht ausgeliefert? Nein, schließlich sind wir auch diejenigen, die sie entfesselt haben und die Zukunft herbeiführen. Dennoch gibt es eine große Unsicherheit und das allgegenwärtige Gefühl des Kontrollverlusts (Bild 12.1).

Bild 12.1 Eine frühe Sicht der Dinge1

Wir haben mithilfe von Szenarien die Felder, auf denen die größten Umwälzungen zu erwarten sind, betrachtet. Dabei zeigte sich, dass auch in der Vergangenheit schon oft große Brüche stattgefunden haben. Wir lernen daraus, was die heutigen Entwicklungen bedeuten, und ordnen sie ein, ohne vorwitzig neue Zeitalter oder Epochen auszurufen. Eine mögliche Arbeitswelt der Zukunft wird möglicherweise aus weniger routinierten, unkreativen und formalisierbaren Tätigkeiten bestehen und die Jobs, d. h. die bisherigen Arbeitsverhältnisse als Verhältnis zwischen Arbeitgeber und -nehmer, werden sich in die freigestaltete Übernahme von Aufgaben und Aufträgen, also Tätigkeiten verändern. Dies ist keine Prognose, sondern ein mögliches Spektrum dessen, was wir aus den absehbaren Folgen der Technikentwicklung erwarten könnten. Und wenn man die Freiheit der Gestaltung von Technik, Arbeits- und Lebenswelt hat, gibt es immer Alternativen.

Manches an der derzeitigen Diskussion über die Auswirkungen von KI auf die Arbeitswelt hat sich als übertrieben herausgestellt. So kann man besser verstehen, wo die Grenzen von KI liegen, wo unsere Grenzen liegen, die wir mit KI überwinden können, und wo wir uns selbst bei der Anwendung und Gestaltung Grenzen setzen müssen.

Wenn also fast alle physische Arbeit von Maschinen übernommen sein wird, wenn wir die Maschinen gezähmt uns dienen lassen, anstatt sie zu bedienen, dann bleibt als notwendige Tätigkeit das wache Steuern der Prozesse, die unser menschliches Leben jenseits der Biologie ermöglichen. Wachsein bedeutet Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit setzt voraus, dass man weiß, worauf man achten muss. Wir müssen letztlich als Handelnde verstehen, was wir steuern. Keine Person kann alles wissen und überblicken. Der kommunikative Aspekt der klassischen Arbeitsteilung wird zum kommunikativen Aspekt der Wissensteilung. Vielleicht ist es das, was die Soziologie mit der Wissensgesellschaft schon früh gemeint hat.

Steuern bedeutet, aufgrund von Beobachtung und aufgrund von Wissen in die Ziele eingreifen zu können, Steuern setzt also Wirksamkeit voraus. Die Steuerung vollständig durch Regelung zu ersetzen im Sinne der Automatisierung der Automatisierung der Automatisierung etc. würde eine perfekte Setzung von Metazielen entsprechender Stufe voraussetzen. So weise ist kein Mensch und auch keine Gruppe. Wir können also nicht das Superkriterium finden, wonach sich die finale Maschine selbst optimiert, sondern müssen handelnd diskutieren und diskutierend handeln. Dies wird die Zukunft der Arbeit als Tätigkeit sein. Und so geht uns die Arbeit wohl nicht aus.

Anmerkungen

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