Aus den Aufzeichnungen des Täters
Allgemeine Anforderungen an Frauen: primär helle und starke Haut. Sekundär die Hüften. Tertiär blondes Haar und Augenfarbe in allen Varianten von blauen zu grauen Augen, selten mit Grün. Braune Augen sind ekelhaft. Ebenso schwarze Haare. Weiße Haare sind wichtig. Dass die Haare dünn und sauber sind. Darüber hinaus glatt gebürstet, auch sehr langes Haar, gerne in Flechten und anderswie aufgesteckt oder auch Naturlocken […] Ein schlanker Körper ist wunderbar, aber ein kräftiger Körper ist das Ideal. Dicke wiederum ähneln Schweinen. Man spürt gewissermaßen das Wesen des Schweins […] Ein weniger kräftiger Körper wie der einer Sportlerin ist vorzuziehen. Die Beinmuskeln sollen in guter Verfassung und gerade sein. Die Füße sind besonders wichtig. Der Hals sollte kräftig, aber nicht dick sein und behaart, sog. Stiernacken, und Haare auf Armen, Beinen und Oberlippe können also positiv oder erregend sein. Auf den Brüsten wirken sie abstoßend. Die Rippen müssen stets unsichtbar bleiben, auch bei tiefen Beugen. Das Profil ist wichtiger als das Gesicht
Wie verhält es sich nun mit den schönen Mädchen? Sollte man ihnen die schlimmsten Schmerzen zufügen, wäre man ein schmutziger Kommunist. Soll man sie aus rassenpolitischen Gründen überleben lassen und ihnen damit die Chance geben, einen hinterher mit Schmutz zu bewerfen? Eine wahrhaft schwierige Frage
Zum ersten Mal in meinem Leben: Überleg dir, ob ein Mädchenmord eine Möglichkeit wäre […] weil sie alle vom gleichen Schlag sind
Sechs Tage lang mache ich sie für die Bearbeitung empfänglich. Bett/Bewusstlosigkeit/Sicherung des Objekts. Leg sie auf einfachste Art ins Bett. Gib ihr Drogen für Bewusstlosigkeit, zieh sie aus, binde sie fest, starte die äußere Sicherheitsautomatik sowie die Objektsicherheitsautomatik. Schock: körperliche Schwäche und Erbrechen hervorrufen 3 Minuten, dann Ausscheidung 4 Minuten. Urinabgang gleichzeitig mit Erbrechen. Magen auspumpen und gleichzeitig eventuelle Darmspülung. Nächste Alternative Aderlass 12 Minuten lang/Erbrechen und dann Orgasmus
Die Schamlippen abschneiden, dito die Zunge, die Schamhaare ausreißen, Injektionen mit lähmender Wirkung, das Gesicht zerschneiden, mit Salz und Brechmittel Kollaps hervorrufen, die eigene Zunge wird aufgegessen, ebenso die Schamlippen und Schamhaare, mit einem Schlag in den Magen wecken, dies in Kombination mit Druck auf die Ohren und Schlägen in die Nieren. Bürste in den Arsch einführen, Jod hineintropfen. Die Zähne aufsägen, bohren oder abschleifen
Pervers ist es also, Urin zu trinken und Exkremente zu essen, was versucht wurde, aber nie geglückt ist. Blut trinken und Leichen schänden und das Herz herausreißen, die Gedärme herausreißen und ausbreiten oder sie essen oder sie aus der frischen Leiche schneiden und sie aufessen etc.
Punkt 1. Ungelöschten Kalk auf den Körper geben und diesen vor einen Spiegel legen. Punkt 2. Dadurch Auflösung des Körpers vor dem Spiegel. Bei Erfolg mit dem Fotoprojekt kann ein halbes Jahr eingespart werden
Gegen Ende August geschah etwas, das sowohl das Land als auch die Medien zeitweilig alle rätselhaften Mordfälle, den Wettlauf im Weltraum, die oberste Fußball-Liga Fotbollsallsvenskan, die Diskussion über die sexuelle Befreiung in all ihren Erscheinungsformen sowie die sogenannte Vietnamkrise vergessen ließ: Im Zentrum Stockholms kam es zu schweren Krawallen.
Wenn die Menschen auf den Sommer 1965 zurückblickten, erinnerten sie sich nicht nur an den Mangel an Sonne, sondern auch daran, dass damals ein neues Jugendphänomen endgültig in Schweden angekommen war: die Mods. Sie stellten eine unerhörte Provokation dar, sowohl in ihrem Auftreten als auch in ihren Einstellungen. Frauen und Männer trugen dieselbe Kleidung, am liebsten amerikanische Armeejacken und ausgefranste Jeans, sowie – und das war der eigentliche Skandal – die gleichen ordentlichen, halblangen sogenannten Pilzköpfe. Dass sie sich täglich die Haare wuschen, wurde als fast schon krankhaft angesehen. Außerdem trugen sie demonstratives Nichtstun zur Schau und standen der Mühsal und Plackerei der Generation ihrer Eltern nicht nur desinteressiert, sondern kritisch herausfordernd gegenüber. Es mag paradox erscheinen, dass inmitten des friedlichen und unaufhörlich wachsenden Überflusses eine derartige Revolte ausbrach, doch in mancher Hinsicht war es auch logisch: Harte, fleißige Arbeit, Strebsamkeit und Pflichterfüllung, einige der Voraussetzungen des Wohlstands, waren für diejenigen unbegreiflich, die nicht das Gegenteil des Wohlstands am eigenen Leib erfahren hatten und die außerdem – genau wie alle anderen – davon ausgingen, dass die Zukunft, quasi von selbst, immer besser und besser würde.
Im Laufe des Sommers hatten sich die Mods auf der Treppe des Konzerthauses am Hötorget-Platz in Stockholms Zentrum versammelt: «In bequemer halbliegender Stellung genießt man die Sonne, das Nichtstun, die Unterhaltung mit Freunden, das Gefühl, radikal zu sein und – das vielleicht vor allem – andere zu reizen.» Dorthin strömten auch viele Schüler, die von den «richtigen», ein wenig älteren Mods als billige Nachahmer betrachtet wurden. Für ein echtes Aufbegehren war das Ganze ziemlich zahm und selbstbezogen, aber das Phänomen erregte doch so viel Aufsehen, dass Mods aus allen Teilen Schwedens anreisten, ja sogar aus den Nachbarländern. Ihre Kleidung, ihre Haare, die Posen, das Grölen, das schamlose Geknutsche, die Bierdosen, der Müll – schwer zu sagen, was am meisten provozierte. Aufgebrachte Leserbriefschreiber hatten alle Hände voll zu tun. (In meiner kleinen Heimatstadt gab es zwar kaum Mods, dennoch verabscheuten die meisten Erwachsenen, die ich kannte, das Phänomen vehement – ob das vor oder nach den Krawallen war, weiß ich nicht mehr.)
Seit dem Frühsommer war es in der Stadt immer wieder zu kleineren Zusammenstößen gekommen, nicht zuletzt zwischen den Mods und einem anderen Phänomen der Jugendkultur, den Sunar mit ihren zurückgegelten Elvisfrisuren, Seidenhemden, spitzen Schuhen und amerikanischen Straßenkreuzern mit Heckflossen. Der Konflikt hatte auch eine nicht unwichtige Klassen-Komponente: Die Mods stammten oft aus gebildeten Elternhäusern, während die Sunar in der Regel aus der Arbeiterklasse kamen. (Doch um genau zu sein, gehörten die Sunar mit ihren großen amerikanischen Wagen eigentlich zu den Raggare.[1])
An diesem Samstag im August waren ungewöhnlich viele Menschen im Zentrum Stockholms unterwegs, wie so häufig, wenn der Sommer dem Ende zugeht und die Schule wieder beginnt. Wie üblich wurde auch viel gesoffen. Auf der Kungsgatan begann irgendeine Auseinandersetzung, in die auch Mods verwickelt waren, und breitete sich in Richtung Hötorget aus. Polizeistreifen und Hundeführer wurden gerufen, jedoch mit Geschrei, Gegröle und fliegenden Flaschen empfangen. Ein tatendurstigerer Mod warf einen Zylinder mit Knallgas von der Treppe des Konzerthauses, der funkensprühend auf einen Polizeiwagen zurollte – deren zwölf vor Ort waren. Die Beamten, die an diesem Abend die kürzlich erst abgelegten Säbel wieder hervorgeholt hatten, zogen sie blank und gingen auf die schnell wachsende Menge los, die zum Schluss rund sechshundert Personen umfasste, von denen viele, aber nicht alle Mods waren. Wie um die Konfusion noch zu steigern, brachen hier und da auf dem Platz vereinzelte Schlägereien zwischen den Langhaarigen und den Sunar aus. Die Menschenmenge zog sich zurück, es flogen noch mehr Flaschen, die Menge rückte wieder vor, die Polizei machte einen neuen Ausfall, und so ging das Spiel bis in die Nacht. «Mehr Flaschen! Schmeißt sie auf die Bullen! Nieder mit dem Polizeistaat!»
Unter der Woche schien die Ruhe wiederhergestellt zu sein, aber am folgenden Wochenende entbrannten neue Krawalle, die noch umfangreicher und gewalttätiger waren als bisher. Sie endeten erst nach fünf Tagen, nachdem man sowohl Hunde als auch berittene Kräfte sowie Militärpolizisten der Marine zu Hilfe gerufen hatte.
Die Straßen rund um Hötorget boten einen traurigen Anblick: Glassplitter, herumgeworfene Pflastersteine und Überreste anderer improvisierter Projektile (einschließlich Bierdosen, Telefonhörer aus demolierten Telefonzellen und Blumentöpfe), eingeworfene und geplünderte Schaufenster, umgekippte oder zerstörte Autos – einschließlich zweier Polizeiwagen –, improvisierte Barrikaden aus Stühlen und Tischen. Es roch nach dem Qualm der Feuerwerkskörper, die man vor allem auf die Polizeihunde abgefeuert hatte. Dass viele von denen, die während dieser chaotischen Abende durch die Straßen der Stockholmer Innenstadt hetzten, keine Mods waren, sondern Sunar und Rocker auf der Suche nach Streit und in vielen Fällen auch Schüler und andere Neugierige aus den Vororten[2], konnten die wenigsten erkennen – nicht zuletzt der Polizei fiel es in der Aufregung schwer, die unterschiedlichen Gruppen auseinanderzuhalten, weshalb sie mit derselben verbissenen Emphase unterschiedslos auf alle gleichermaßen eindrosch.
Im öffentlichen Bewusstsein vermischten sich die Krawalle vom Hötorget bald schon mit der kleinen Demonstration gegen die Eskalation des Vietnamkriegs durch die USA, die mit nur rund zehn Teilnehmern Mitte Juni am gleichen Ort stattgefunden hatte. Diese Demonstration hätte vermutlich kein Aufsehen erregt, wenn die Polizei sie nicht ebenso brutal wie unbeholfen aufgelöst hätte. Bald waren neue Schaufenster eingesetzt und die Glassplitter aufgefegt, doch zurück blieb eine neue, ungewohnte Besorgnis sowie die Erkenntnis, dass inmitten von Idylle und Wohlstand eine unerwartete und unvorhersehbare Wut lauerte.[3]
Der Spätsommer 1965 geriet zu einer Prüfung für das schwedische Selbstbild. Zu den Krawallen in Stockholm traten noch mehrere andere Ereignisse hinzu, die die Menschen ebenfalls aufwühlten. Der Mord an Kickan Granell gehörte dazu: junge, unschuldige Frau in ihrem Bett ermordet von infernalisch raffiniertem Sexmörder, der jederzeit wieder zuschlagen konnte. Die Geschichte war unwiderstehlich.
Ein weiteres Verbrechen, das ebenfalls viel Aufsehen erregte – und zeitweise sogar den Mord in Hökarängen von den Schlagzeilenplakaten und Titelseiten verdrängte –, war der sogenannte Froschmann-Raub in Göteborg vom 29. Juli: Drei Ungarn, die nach der sowjetischen Invasion ihres Landes 1956 als Flüchtlinge nach Schweden gekommen waren, arrangierten einen James-Bond-inspirierten Raubüberfall auf eine Bank. Einer von ihnen trug Frauenkleider und künstliche Brüste, und alle hatten unter ihren Kleidern Taucheranzüge an. Die ganze Operation wurde mit mehr Enthusiasmus als Kompetenz abgewickelt – einem der Täter gelang das Kunststück, sich selbst nicht nur eine, sondern gleich zwei Schussverletzungen zuzufügen –, wobei die Täter allerdings besonders gewalttätig vorgingen und wahllos in die Gegend schossen. Es war pures Glück, dass sie dabei nur einen einzigen der Anwesenden, einen Kunden der Bank, verletzten. Obwohl alle drei Täter ziemlich rasch festgenommen wurden, schockierten das technische Raffinement und die Brutalität der Tat.
Ein weiteres Ereignis, das ebenfalls mit dem kühlen Spätsommer 1965 in Verbindung gebracht wurde, war der sogenannte Dahlsjöfall, der einzige unaufgeklärte Fall in Schweden in moderner Zeit, bei dem mehrere Personen auf einmal verschwanden. Am 29. Juli, am selben Tag, an dem der «Froschmann»-Überfall in Göteborg stattfindet, verlassen drei junge Männer – Jan Olof Dahlsjö, Gay Roger Karlsson und Kjell-Åke Johansson – eine Gaststätte im Göteborger Arbeiterstadtteil Haga, die für ihre billige Pyttipanna mit Ei bekannt ist. Die drei steigen in einen dunkelblauen Volvo PV aus dem Jahr 1957 und fahren aus der Stadt hinaus, um, wie sie zuvor anderen erzählt haben, am knapp fünfzig Kilometer südlich von Göteborg gelegenen Strand in Åsa zu baden und zu zelten. Dort kommen sie jedoch nie an: Sowohl die drei jungen Männer als auch das Auto verschwinden spurlos.[4]
Diese Ereignisse, von den Krawallen auf dem Hötorget bis zum «Dahlsjöfall», waren für sich genommen keine nationalen Katastrophen und müssen als fast schon symbolische Phänomene betrachtet werden, die erst dadurch Aufsehen erregten, dass die Medien sie so behandelten, als seien sie aufsehenerregend. Die Gleichzeitigkeit und der mediale Wirbel hatten eine Art Schockwirkung zur Folge, die einem latenten Unsicherheitsgefühl gegenüber der Gegenwart und einer Sorge vor der Zukunft Vorschub leistete, die jetzt zutage traten und teilweise neue Phänomene waren.
Weitere, große wie kleine Ereignisse, mehr oder weniger stark über die Medien verbreitet, trugen das ihre zu dieser wachsenden Unruhe bei. Zum Beispiel die Tatsache, dass Vandalismus und Verwahrlosung in der Stockholmer U-Bahn so stark zugenommen hatten: Im vorangegangenen Jahr hatten Polizei und Sicherheitspersonal über neunzigtausend «Interventionen»[5] in unterschiedlichen U-Bahn-Stationen gezählt – den schlimmsten Ruf hatte Skanstull –, und 1965 waren es allein im ersten Halbjahr sechzigtausend gewesen. Oder jenes Ereignis spätabends während eines der Krawalltage, dem man nur kleinere Zeitungsmeldungen widmete und das rasch wieder vergessen war: Ein Zwanzigjähriger war auf den Katarinahissen hinaufgeklettert, den Freiluft-Fahrstuhl, der vom Ufer zu den höhergelegenen Stadtteilen Stockholms hinaufführt, und drohte, sich das Leben zu nehmen. Und während unten Feuerwehrleute mit Sprungtüchern bereitstanden und oben Polizisten den jungen Mann zur Umkehr zu bewegen versuchten, hatte die versammelte Menge skandiert: «Spring! Spring! Spring!» – was er schließlich auch getan hatte. Viele Menschen begannen sich und andere zu fragen: «Was passiert eigentlich gerade in diesem Land?»
Schweden hatte seine Unschuld verloren. Zum wievielten Mal, sei dahingestellt.
Die Krawalle brachten so einige Behinderungen der Mordermittlungen mit sich, da auch die Kriminalpolizei Personal stellen musste, um die Situation rund um Hötorget unter Kontrolle zu bringen, aber zumindest GW Larsson und seine engsten Mitarbeiter konnten sich dem entziehen. Sie nutzten stattdessen die Zeit, um eine der bislang vielversprechendsten Spuren – als D.57 bezeichnet – weiterzuverfolgen.
Ein zweiundzwanzigjähriger Taxifahrer namens Christer Erixon hatte sich gemeldet und von einer Fahrt in der Mordnacht berichtet. Gegen halb eins hatte er mit seinem Wagen am Taxistand Slussen gegenüber dem Katarinahissen gestanden, als ein Mann neben ihm eingestiegen war, der keine Adresse genannt, sondern nur gesagt hatte, er wolle «nach Süden». Also fuhren sie über Katarinavägen, Glasbruksgatan, Skånegatan, Ringvägen zur neuen Skanstullsbrücke. Dann wollte der Kunde, dass das Taxi auf dem Nynäsvägen weiterfahren sollte.
Dem Fahrer fiel auf, dass sein Passagier angespannt wirkte, so sehr, dass es ihm schon ein wenig unangenehm war und er ihn deshalb unauffällig beobachtete. Das Gespräch sprang von einem Thema zum anderen. Erixon bemerkte, dass sein Kunde eine kleine braune Papiertüte dabeihatte, deren Inhalt offenbar zerbrechlich war, da der Mann die Tüte mit großer Vorsicht behandelte.
Als sie Hökarängen erreichten, dirigierte ihn der Passagier zum Söndagsvägen. Sie folgten der kurvenreichen Straße von den Mehrfamilienhäusern zu den Reihenhäusern von Skönstaholm, über eine Hügelkuppe und an einem ICA-Laden vorbei, und als sie vielleicht noch zwanzig oder dreißig Meter vom Söndagsvägen 88 entfernt waren, wies der Mann auf eine Parkbucht und sagte, dort wolle er aussteigen. Er zahlte und schlug die Autotür zu. Der Fahrer wendete auf einem fünfzig Meter entfernt gelegenen Platz. Als er danach wieder an den Reihenhäusern vorbeifuhr und die Scheinwerfer des Taxis auf die Stelle trafen, an der der Mann ausgestiegen war, war der verschwunden. Der Taxifahrer war sich völlig sicher, dass dies am Sonntag, den 26. Juli, geschehen war. Das war nämlich der einzige Tag in dem bewussten Zeitraum, an dem er am Wochenende gearbeitet hatte.
Das war natürlich eine sehr interessante Beobachtung.
Die Polizei erhielt darüber hinaus eine gute Beschreibung des Mannes: circa dreißig Jahre alt und 1,80 Meter groß, Kurzhaarschnitt mit modernem Seitenscheitel, normaler Körperbau. (Es könnte sich demnach um denselben Mann handeln, der den Chloroformüberfall in Tallkrogen begangen hatte, und die Beschreibung passte darüber hinaus auch ziemlich gut auf den Mann, der Lillan, die Freundin des Mordopfers, einige Tage vor der Tat belästigt hatte.) Er trug ein dunkles Sakko, weißes Hemd und Schlips sowie beige Hosen und sprach mit Stockholmer Akzent. Und, genau, der Taxifahrer erinnerte sich an ein weiteres Detail: Sein Passagier hatte buschige Augenbrauen gehabt, die über der Nasenwurzel zusammengewachsen waren.
Dem üblichen Prozedere folgend zeigten die Ermittler dem Taxifahrer zunächst aktuelle Aufnahmen aus der Verbrecherkartei. Sieben Kartons mit Fotos von Männern, die zwischen 1934 und 1940 geboren waren, wurden vor ihn hingestellt. Schon bald rief er: «Der war es!» Das Foto zeigte denn auch einen Mann mit buschigen, zusammengewachsenen Augenbrauen. Die Freude war jedoch nur von kurzer Dauer. Als der betreffende Mann überprüft wurde, stellte sich heraus, dass er ein wasserdichtes Alibi hatte: In der Mordnacht hatte er auf Långholmen, damals noch die Gefängnisinsel von Stockholm, hinter Gittern gesessen.
Weitere Vernehmungen des Taxifahrers schlossen sich an. Der war sich seiner Sache dennoch absolut sicher: Der Mann, den er gefahren hatte, «war praktisch ein Doppelgänger des Mannes vom Foto». Der Fahrer erstellte daraufhin gemeinsam mit dem Polizeizeichner eine lavierte Tuschezeichnung als Porträt. Das Phantombild wurde zunächst in den Reihen der Polizei, vor allem der Schutzpolizei, verbreitet. Außerdem rekonstruierte ein Ermittler die Fahrt von Slussen nach Hökarängen gemeinsam mit dem Taxifahrer. Als sie die ganze Strecke absolviert hatten, einschließlich der abschließenden Wende nahe dem Tennisplatz für eine Zigarettenpause, hatte der Fahrer spontan erklärt, dass «der Mann entweder in eins der Reihenhäuser gegangen oder im Gelände westlich davon verschwunden» sei – also direkt hinter den Häusern.
In der Hoffnung, jemanden zu finden, der auf die Täterbeschreibung reagierte und vielleicht sogar wusste, wer der Mann war, veranlasste man Anwohnerbefragungen im unteren Teil Hökarängens. GW Larsson griff sogar zu einer außergewöhnlichen Maßnahme, die zeigt, wie ungeduldig, ja verzweifelt er versuchte, zu einem Durchbruch zu gelangen: Er wandte sich über die Medien direkt an den unbekannten Mann und bat ihn, sich zu melden. Zeitungen, Radio und Fernsehen sollten den Aufruf so lange wiederholen, bis sich der Betreffende zu erkennen gab.
Larsson bemühte sich, seine Bitte zurückhaltend zu formulieren, offenbar um den Mann – oder ihm nahestehende Personen – nicht zu erschrecken. Der Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen wurde als «ein Hauptzeuge» bezeichnet, nicht als Verdächtiger. «Auch wenn er selbst nicht glaubt, dass er etwas Neues zu den Ermittlungen beitragen kann, kann er dennoch zweifellos bestimmte sehr wichtige Beobachtungen gemacht haben, die für uns sehr wertvoll sind», sagte Larsson. «Wir hoffen, dass die Beschreibung der Person und der Fahrtstrecke dazu führen, dass der Mann sich wiedererkennt und Kontakt mit uns aufnimmt.» Als sich niemand meldete und die eingegangenen Hinweise sich als weitestgehend substanzlos herausstellten, wiederholte Larsson zwei Tage später seine Bitte, wobei er hinzufügte: «Wenn dieser Mann persönliche Gründe hat, sich von der Polizei fernzuhalten, sollte er sie zu überwinden suchen. Wir sagen ihm Diskretion zu.»
Es verrät einiges über das Bestreben der verantwortlichen Ermittler, phantasievoll vorzugehen, dass sie noch in derselben Woche die Sondervorstellung eines Films besuchten, der noch gar nicht Premiere gehabt hatte. Er handelte von einem einsamen, gestörten Jüngling, der unter Kontaktschwierigkeiten und Impotenz leidet, sich auf eine junge, schöne Frau fixiert und sich ihrer schließlich bemächtigt – mit Hilfe von Chloroform.
Der Film basierte auf einem im vorangegangenen Jahr auf Schwedisch erschienenen Roman, der gerade in aller Munde war: John Fowles’ «Der Sammler». Es ist nicht ausgeschlossen, dass GW Larsson, wegen seines breiten kulturellen Interesses, das Buch bereits gelesen hatte, das besser geschrieben und deutlich intelligenter konstruiert war als das meiste, was im Jahr 1965 an Spannungsliteratur auf dem Markt war. (Krimis las er nur ungern. Ganz im Gegensatz zu seinem Chef Otto Holm, der von Haus aus nicht Polizist, sondern Jurist war und der mit der Energie des begeisterten Amateurs eine riesige private Sammlung an Kriminalromanen aufgebaut hatte.) Die Hauptperson des Buchs von John Fowles ist Frederick Clegg, ein sonderbarer, verschlossener Mann in den Zwanzigern, ein typischer Verlierer, dessen Hobby das Sammeln von Schmetterlingen ist. Clegg verliebt sich von fern in eine junge Kunststudentin namens Miranda, die er schließlich mit Hilfe von Chloroform kidnappt und in einem Keller gefangen hält. Er hat nicht die Absicht, sich sexuell an ihr zu vergreifen, sondern nährt die bizarre Hoffnung, dass sie, wenn er sie nur lange genug gefangen hält, Liebesgefühle für ihn entwickelt und sie beide ein Paar werden. Zwischen der Gefangenen und ihrem Bewacher entwickelt sich ein verwirrendes, immer weiter eskalierendes Machtspiel, in dem die intelligente Miranda auf verschiedene Arten Clegg zu überlisten versucht, um ihre Freiheit wiederzuerlangen. Doch ihre Fluchtversuche misslingen und zum Schluss erkrankt sie und stirbt, zur großen Trauer ihres Gefängniswärters.
Dem in Deutschland unter dem Titel «Der Fänger» vertriebenen Spielfilm fehlen die subtilen erzählerischen Kunstgriffe des Buchs – in der literarischen Vorlage werden die Ereignisse mal aus der Sicht von Clegg, mal aus der von Miranda geschildert. Dennoch ist der Film des aus Deutschland gebürtigen William Wyler, einem der mit Preisen überhäuften Star-Regisseure Hollywoods, für sich genommen ein interessantes Werk.[6] Den Mordermittlern wurde eine geschickt und straff erzählte Geschichte geboten, die nie vorhersehbar wirkt, sondern die Unruhe und das Unbehagen bei den Zuschauern langsam steigert.
Ob dieser Film den erfahrenen Fahndern sehr viel weiterhalf, darf allerdings bezweifelt werden. Sie wussten bereits, dass sie es wahrscheinlich mit einem «Sonderling» zu tun hatten, wie der Psychologe auf Långholmen gesagt hatte, mit «einem wahrscheinlich Geisteskranken mit großen Kontaktproblemen und abnormen sexuellen Zwangsvorstellungen» – was unzweifelhaft nach einer Variante des traurigen und rücksichtslosen Clegg aus dem Film klingt. Doch kam aufgrund des Films die Idee auf, dass der Täter sich womöglich vom Buch hatte inspirieren lassen. Als der Mörder gefasst wurde, versuchten die Ermittler dann auch tatsächlich herauszufinden, ob er den Roman gelesen hatte. Fakten und Fiktion kommunizieren.
Das Ende des Films muss jedoch eine gewisse Wirkung ausgeübt haben. Beim Anblick von Mirandas Leichnam ist Clegg zunächst anscheinend vor Trauer wie gelähmt, erholt sich aber rasch und schiebt in einem Voiceover das Geschehene mit den Worten von sich, es sei «ihre Schuld» gewesen. Sein einziger Fehler sei es gewesen, in der Wahl von Miranda «zu hoch gegriffen» zu haben. In der Schlussszene sieht man, wie Clegg sich bereitmacht, sein nächstes Opfer zu überfallen. Als die Lichter im Kinosaal wieder angingen, hatte dieses Finale sicherlich Eindruck hinterlassen. Schließlich schlachtete die Presse schon längst die Angst davor aus, dass der Mörder von Hökarängen noch einmal zuschlagen könnte. Die Ermittler teilten diese Befürchtung.
Glücklicherweise wurden diese Bilder bald schon von anderen überlagert. Während am Samstag, den 21. August, in Stockholms Zentrum die Krawalle tobten, erhielt GW Larsson einen Anruf. Jemand hatte den Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen wiedererkannt.
Åke Karlsson war schon seit beinahe zehn Jahren Streifenpolizist draußen in Farsta. Auf den täglichen Rundgängen hatten er und sein Kollege allen, denen sie begegneten, dieselbe Frage gestellt: «Kennen Sie einen Mann mit zusammengewachsenen Augenbrauen?» Schließlich hatten sie den Namen eines Siebenundzwanzigjährigen in Erfahrung gebracht, der der Beschreibung entsprach und der – und jetzt wurde es richtig interessant – zudem noch in Hökarängen wohnte, und zwar im Fredagsvägen, nur rund zweihundert Meter vom Söndagsvägen 88 entfernt. Zu derselben Person war außerdem ein anonymer Hinweis eingegangen.
Das war hochinteressant. Durch den Rückschlag mit dem Chloroformkäufer in der Apotheke Scheele vorsichtig geworden, wollte GW Larsson jedoch nicht gleich vorpreschen. Er veranlasste eine schnelle, aber diskrete Vorab-Überprüfung des Siebenundzwanzigjährigen. Der war angeblich vor mehreren Jahren an einer Vergewaltigung beteiligt gewesen. In der Verbrecherkartei war nur eine alte Anzeige wegen eines Übergriffs verzeichnet, und den Eintragungen zufolge war dieser Vorwurf entkräftet worden. Eine Frau aus dem Söndagsvägen hatte jedoch angegeben, er habe sich vor ihr entblößt, und eine andere hatte behauptet, dass er vor gut zwei Jahren ein minderjähriges Mädchen belästigt habe.
Der Mann war mittlerweile verheiratet und hatte Kinder. Er hatte früher in einem Kaufhaus gearbeitet, war aber gefeuert worden und war eine Zeitlang «heruntergekommen» und auf Sozialhilfe angewiesen gewesen. Die Überprüfung ergab, dass zwar nicht er selbst, aber jemand aus seiner Verwandtschaft, der in einem chemisch-technischen Unternehmen angestellt war, an Chloroform herankommen konnte. Eine der befragten Personen besaß ein Foto des Siebenundzwanzigjährigen, woraufhin der Taxifahrer ins Polizeipräsidium auf Kungsholmen bestellt wurde, um es sich anzusehen. «Das passt», sagte er, dies sei der Mann, den er in der Mordnacht nach Hökarängen gefahren habe.
GW Larsson beschloss, eine Falle zu stellen. Er ließ eine fingierte Anwohnerbefragung im Fredagsvägen durchführen. Während dieser «scheinbar unschuldigen Übung» wollte man «wie zufällig den 27-Jährigen antreffen» und ihm eine Reihe Routinefragen stellen, unter anderem dazu, «wo er in der Mordnacht gewesen war».
Am Dienstagvormittag, den 24. August, fand die Aktion statt. Sie endete unerwartet. Die Polizisten klingelten. Es war niemand zu Hause.
Jemand informierte die Beamten, dass der Siebenundzwanzigjährige einen neuen Job als Serviceman bei einer Autofirma hatte. GW Larsson beschloss daraufhin, sich weiteres verwirrendes Vorgeplänkel zu sparen und ihn an seinem Arbeitsplatz festzunehmen. Das geschah diskret noch am selben Tag gleich nach der Mittagspause. Der Mann zeigte sich sehr erstaunt über die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, die er entschieden abstritt.
Kurz nach drei Uhr am Nachmittag fand eine Gegenüberstellung des Siebenundzwanzigjährigen mit dem Taxifahrer statt, doch ohne dass Ersterer das merkte: Der Fahrer wurde in einen Warteraum gesetzt und der Festgenommene wie zufällig an ihm vorbeigeführt und auf den Stuhl rechts von ihm gesetzt, sodass er ihn sich ausgiebig ansehen konnte. Als der Siebenundzwanzigjährige wieder abgeführt worden war, sagte der Taxifahrer zu GW Larsson, dieser Mann habe zwar einen kürzeren Haarschnitt, er sei sich aber trotzdem «absolut sicher», dass er derjenige war, den er in der Mordnacht von Slussen nach Hökarängen gefahren hatte.
Während der Siebenundzwanzigjährige vernommen wurde, durchsuchte man seine Wohnung in Hökarängen. Die Polizei beschlagnahmte unter anderem ein Paar Schuhe mit geriffelten Sohlen, die nach Größe und Fabrikat den Fußabdruck hinterlassen haben konnten, den man vor dem Reihenhaus in Hökarängen gefunden hatte, sowie eine Trinkflasche mit einer übelriechenden Flüssigkeit. Gleichzeitig brachte man auch seine Blutgruppe in Erfahrung: A. Die gleiche wie der Mörder.
So weit passte alles zusammen.
Abends kontaktierte GW Larsson den zuständigen Staatsanwalt, Lars Ringberg, und trug ihm die bisherigen Erkenntnisse vor. Um 20.05 Uhr am Dienstagabend erging Haftbefehl gegen den siebenundzwanzigjährigen Mann. Die vorläufige Anklage lautete auf «Vergewaltigung in Verbindung mit grob fahrlässiger Tötung».
Bei der Hausdurchsuchung war nichts wirklich Belastendes gefunden worden, aber sowohl GW Larsson als auch der Staatsanwalt waren davon überzeugt, dass bald weitere Beweise auftauchen würden. Im Polizeipräsidium machte sich Erleichterung breit. Ein am Dienstagabend aufgenommenes Foto zeigt drei zufriedene Ermittler in Larssons kahlem und einfach eingerichtetem Büro, in dem während der letzten annähernd zwei Monate die täglichen Lagebesprechungen stattgefunden hatten. Man sieht GW Larsson selbst, im Anzug mit weißem Hemd und schmalem, dunklem Schlips, die Lesebrille hatte er abgenommen, mit dem Schatten eines Lächelns auf seinem abgemagerten Gesicht, leicht zurückgelehnt an seinem breiten Schreibtisch, der mit ordentlich aufgetürmten Papierstapeln vollgepackt ist. Außerdem zwei andere Personen, die ebenfalls eine entscheidende Rolle in den Ermittlungen spielten: Larssons Chef Otto Holm hinter dem Tisch und neben ihm Sigurd Furugård, der Mann, der seit Beginn die meisten Vernehmungen durchgeführt hat, in Anzug und mit Fliege. Am Fenster steht ein großes schwarzes Bakelittelefon und in einem Kübel ein einsamer Fikus.
Zeitungen und Fernsehen triumphierten: Endlich hatte man den gefährlichen Sexmörder gefasst!
Die ersten in einer Reihe langer und strapaziöser Vernehmungen des Siebenundzwanzigjährigen erbrachten weitere wichtige Erkenntnisse. Der Mann gab an, er sei während des Mordwochenendes verreist gewesen und habe Verwandte in Mittelschweden besucht. Das stellte sich als unwahr heraus. Seine Frau beharrte nämlich fast schon verzweifelt darauf, ihr Mann habe sich in der Mordnacht in Stockholm befunden und sei mit ihr zusammen gewesen. Unbeirrt. Er blieb jedoch dabei, dass er an dem bewussten Abend keine Taxifahrt unternommen habe, obwohl Furugård ihn damit zu ködern versuchte, dass er vielleicht nach Hause fahren dürfe, wenn er wenigstens das zugebe.
Der Siebenundzwanzigjährige stritt alles entschieden ab.
Schon bald begann die Beweiskette gegen ihn zu bröckeln. In der Flasche, die man in seiner Wohnung gefunden hatte, befand sich kein Chloroform, sondern Ethylenchlorid. Er benutzte die Flüssigkeit zum Verleimen von Plexiglas, was sich bei einer Überprüfung als korrekt herausstellte. Die beschlagnahmten Schuhe passten zwar von Art und Größe her zu dem gefundenen Abdruck, aber es ließ sich nicht sagen, ob er von ebendiesen Schuhen stammte. An den bei der Hausdurchsuchung gefundenen Kleidungsstücken fanden sich keinerlei Spuren vom Tatort. Auch gab es in Kickans Umfeld niemanden, der ihn kannte oder von ihm gehört hatte, also existierten keine Hinweise auf eine Verbindung zwischen den beiden. Der junge Mann war wegen der Vorwürfe gegen ihn verstört und durch die langen Vernehmungen und die Tatsache, dass er trotz seiner Klaustrophobie[7] eingeschlossen war, belastet. Dennoch schaffte er es schließlich selbst, sein scheinbar falsches Alibi zu korrigieren: Er hatte sich im Wochenende geirrt. Der Verwandtenbesuch hatte eine Woche eher stattgefunden, was auch nachgeprüft werden konnte.
Als er schließlich Ordnung in seine Erinnerungsbilder gebracht hatte, zeigte sich, dass seine Schilderung und die seiner Frau durchaus übereinstimmten: Am Tag vor dem Mord hatten sie ihren Geburtstag gefeiert, und den ganzen Sonntag hatten sie in ihrer Wohnung verbracht, die sie nur einmal verlassen hatten, gemeinsam, um ihre Kinder anzurufen, die in einem Ferienheim waren, worauf sie früh zu Bett gegangen waren, vielleicht schon gegen halb neun.
Außerdem: Hätte er wirklich die Tat begangen, wäre seine Handlungsweise mehr als unlogisch, wie sein Verteidiger diskret anmerkte. Er wohnte in der Nähe des Tatorts, weshalb sollte er sich da zuerst in die Innenstadt und nach Slussen begeben und riskieren, in der Menschenmenge wiedererkannt zu werden, nur um dann den langen Weg zurück nach Hökarängen zu fahren? Statt sich einfach die zweihundert Meter in der Dunkelheit von seiner Wohnung zum Söndagsvägen 88 zu schleichen?[8]
Sowohl dem Staatsanwalt als auch GW Larsson war nach drei Tagen klar, dass sie außer der Aussage des Taxifahrers eigentlich nichts in der Hand hatten. Am Freitag, dem 27. August, wurde darum eine weitere, einstündige Gegenüberstellung zwischen dem Siebenundzwanzigjährigen und dem Fahrer arrangiert. Letzterer blieb dabei, dass er den Siebenundzwanzigjährigen gefahren hatte, der das ebenso entschieden bestritt, den Fahrer allerdings trotzdem wiedererkannte. Vielleicht waren sie sich schon bei anderer Gelegenheit begegnet? Oder lag hier eine Verwechslung vor?
Um Viertel nach fünf am Freitagnachmittag durfte der Siebenundzwanzigjährige gehen und wurde in ein Taxi gesetzt, das in dem dichten Wochenendverkehr in Richtung Hökarängen verschwand. Er stand nicht mehr unter Verdacht. Jedenfalls nicht offiziell. GW Larsson wiederholte, was er in solchen Situationen zu sagen pflegte: dass es in einer Mordermittlung genauso wichtig sei, einen Unschuldigen zu entlasten wie einen Schuldigen zu verurteilen.
Es war jetzt Ende August und angesichts von zwei Festnahmen, die sich als Irrtümer herausgestellt hatten, und in Ermangelung von Spuren, die man als heiß oder auch nur erfolgversprechend bezeichnen könnte, waren die Beamten ziemlich niedergeschlagen.
In Situationen wie dieser wurden große Sonderkommissionen, die in großer Hast und mit ebenso viel Ernsthaftigkeit zusammengetrommelt worden waren, meist aufgelöst, und zwar möglichst diskret, indem man die Leute einen nach dem anderen zu neuen Fällen schickte, die ebenfalls der Aufklärung harrten, bis zum Schluss nur noch ein einsamer Ermittler in einem Büro voller Aktenordner übrigblieb.
Vielleicht würde dieser Mordfall niemals gelöst?
Mittlerweile war genau ein Monat vergangen, seitdem Kickan Granell tot aufgefunden worden war. Und etwas mehr als zwei Wochen seit ihrer Beerdigung. Einzelne schöne, warme Tage verliehen dem Wetter immer noch sommerliche Züge, doch es lag schon ein Hauch von Herbst in der Luft. Die meisten Anwohner im Söndagsvägen waren wieder in ihren Alltag zurückgekehrt.
Rein äußerlich war fast alles wie immer zu dieser Zeit. Der Urlaub war seit langem vorbei, und die Schulen hatten wieder begonnen; Väter in Schlips, Jackett und Hut tranken den letzten Schluck Kaffee im Stehen, küssten – die Aktentasche unter den Arm geklemmt – ihre Frauen und verschwanden dann zur Arbeit; Kinder stiefelten wie gewöhnlich mit ihren Taschen los, mit noch leichten Schritten, die neuen Schulbücher in ordentlich gefalteten, noch nicht abgestoßenen Pappumschlägen; Mütter in Schürzen räumten den Tisch ab, während sie die vielen einsamen Haushaltsarbeiten des Tages planten, vielleicht rauchten sie eine Zigarette, vielleicht lauschten sie zerstreut Maud Reuterswärd, die im Radio über regionale Rezepte sprach. Doch die Stimmung war immer noch gedrückt, und auch wenn die Menschen am liebsten an anderes dachten, das Geschehene abschütteln wollten – denn das Leben muss ja weitergehen, nicht wahr? –, wurden sie immer wieder daran erinnert, zumindest wenn sie an Nummer 88 vorbeikamen und ihr Blick, vielleicht widerwillig, vielleicht neugierig, vielleicht unausweichlich, zu dem leeren Fenster im oberen Stockwerk wanderte.
Für die nächsten Angehörigen war Vergessen ein Ding der Unmöglichkeit. Ihre Wunden hatten noch nicht einmal begonnen zu heilen, und es war fraglich, ob sie das jemals tun würden.
Sowohl Kickan als auch Janne hatten die Oberstufe in Tallkrogen absolviert, in einer Schule aus schmutziggelben Ziegeln, mehrere Stockwerke hoch und mit großzügig bemessenem Schulhof, von der Sorte, die in den 50er Jahren überall in Schweden errichtet wurde und mit der auch ich aufgewachsen bin: ein wenig trist und standardisiert und vor allem grundsolide. Dort lernten sie sich kennen. Beide waren damals fünfzehn. Er wurde zuerst auf sie aufmerksam und begann scheu, behutsam um sie zu werben, so behutsam, dass es zuerst sicher nur schwer als Werbung zu erkennen war. Das lag nicht nur an seiner Empfindsamkeit, einem Charakterzug, der eine Person sich beim kleinsten Anzeichen von Desinteresse des anderen – deutlich, angedeutet oder nur eingebildet – sofort zurückziehen lässt; es beruhte sicher auch auf seinem Mangel an Erfahrung.
Von einer so schüchternen Person erforderte es Mut, um sich ausgerechnet Kickan zu nähern. Sie war genauso kontaktfreudig, wie er zurückhaltend war, ein Mensch, der seinen Raum zu beanspruchen wusste und häufig im Mittelpunkt stand, fröhlich, offen und ein wenig geräuschvoll. Die Schulpausen verbrachte sie gern mit den Jungs. Daher kam wohl auch ihre Beliebtheit bei ihnen, nicht weil sie die Hübscheste oder immer für einen Flirt zu haben gewesen wäre – obwohl sie flirten konnte und es offenbar auch genoss –, sondern weil sie lebhaft, kess und lustig war und man leicht mit ihr in Kontakt kam. Und wahrscheinlich war es genau das, was es ihm ermöglichte, sich ihr vorsichtig zu nähern.
Gleichzeitig besaß sie ein erhebliches Maß an Integrität, was für einen so jungen Menschen ungewöhnlich ist. Denn auch wenn sie leicht zugänglich war, tauschte sie nicht gern private Geheimnisse und billige Vertraulichkeiten aus, und sie zeigte es deutlich, wenn sich jemand einer Grenze näherte, die nicht überschritten werden durfte. Jemand, der sie gekannt hatte, berichtete, wie sie in solchen Situationen plötzlich eine abweisende Miene aufsetzen konnte, was schon ausreichte, damit die Jungen sich zurückzogen. Albern war sie nie.
Vielleicht begegneten sich die beiden in einem gemeinsamen Gefühl von Integrität? Vielleicht weil sie, ganz klassisch, in der in vielem gegensätzlichen Persönlichkeit des anderen etwas fanden, das sie selbst ergänzte?
Im ganzen ersten Jahr war das alles kaum mehr gewesen als eine Schwärmerei von der Art, wie sie bevorzugt in der Oberstufe wächst, mit vielen Telefonaten, aber wahrscheinlich nicht viel mehr, doch in dem Maß, wie sie älter wurden, war ihre Liebe gereift und gewachsen. Seit ungefähr zwei Jahren hatten sie sich täglich gesehen. An den Wochenenden gingen sie oft zum Tanzen, vor allem zu den Sonntagsmatineen im «Nalen» – Kickan tanzte gern und gut –, und unter der Woche fuhren sie häufig mit der U-Bahn in die City und gingen ins Kino. Kickans Filmgeschmack war vielseitig, aber nicht wahllos: Sie verabscheute zum Beispiel die über die Maßen populären «Åsa-Nisse»-Filme. Einmal war sie von einem Jungen aus ihrem Bekanntenkreis zu «Åsa-Nisse auf Mallorca» eingeladen worden. Er hatte Freikarten, und sie wollte ihn offenbar nicht vor den Kopf stoßen. Svensk Filmdatabas beschreibt die Handlung folgendermaßen: «Zu Hause in Knohult haben Åsa-Nisse und Klabbarparn eine Seeräuberkarte entdeckt, auf der ein alter Schatz irgendwo auf Mallorca eingezeichnet ist. Sie luchsen Sjökvisten die Karte ab. Der hatte sie in einer Seekiste gefunden, die er kurz zuvor bei einer Auktion ersteigert hatte. Als Åsa-Nisse dann eine Wette gewinnt, indem er zwei Konservendosen mit einem Schuss trifft, beschließen die beiden Kumpane, nach Mallorca zu fahren, um den Schatz zu finden. Im Vorübergehen schafft es Åsa-Nisse, beim Versuch, ein Regal anzubringen, die ganze Küche in Trümmer zu legen, ein Riesen-Brot zu backen, mit dem er das ganze Dorf versorgt, den Stier Nero loszulassen und einen Heuhaufen in Brand zu setzen.» Et cetera. Kickans Meinung über diesen Film: «Das Letzte.»
Da beide zu Hause nur wenige Freiheiten hatten, ist hier keineswegs die Rede von hemmungslosen Vergnügungen, sondern meist von Alltäglichem wie, dass sie bei ihm zu Hause zu Abend aß (seine Mutter mochte die Freundin ihres Sohnes sehr gern – «munter und fröhlich» sei sie –, auch wenn sie der Meinung war, die beiden seien noch zu jung, um sich zu binden). Danach ging er dann mit zu ihr nach Hökarängen, ein Spaziergang von vielleicht zwanzig Minuten. Im Söndagsvägen 88 sahen sie sich zusammen mit Kickans Eltern irgendeine Fernsehsendung an – «Fråga Lund», die Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest, «Perry Mason», «Die Familie Feuerstein», «Hylands hörna», «Aktuellt», «Bonanza», «Siw Malmkvist Show», «Nils Poppe Show», «The Dick van Dyke Show» –, und manchmal bot ihre Mutter Kaffee und Gebäck an, worauf er wieder nach Hause trabte. Aufregender war es meist nicht.
Sie verbrachten immer mehr Zeit zusammen. Er, der früher Handball gespielt hatte, hörte damit auf und zog sich von seinen alten Freunden zurück; was die wiederum, wie es oft in diesem Alter geschieht, mit einer Verärgerung zur Kenntnis nahmen, die sich vor allem gegen Kickan richtete, die einige der Freunde für viel zu dominant hielten. Sie wiederum sprach oft und mit jedem über ihren Freund.[9]
Dass sie in der neuen Klasse auf dem Gymnasium in der Stadt anscheinend nie richtig heimisch wurde – lag das an ihr oder an der Klasse oder daran, dass sie schon damals die meiste Zeit mit Janne verbrachte? Unmöglich zu sagen. Jedenfalls traf sie sich weiterhin mit einigen ihrer alten Freunde aus Tallkrogen, während die Bekanntschaften, die sie in der Stadt machte, oberflächlich waren und blieben und sie sie nur während der Schulzeit und in Freistunden in der kleinen Konditorei Axo in der Sankt Eriksgatan 46[10] pflegte, wohin auch er ging.
Sie wuchsen zusammen, auch sexuell. Ihr Begehren war stark und gegenseitig. Dass Kickan seit dem Frühling die Anti-Baby-Pille nahm, anscheinend gegen ihre Menstruationsbeschwerden, hatte ihnen geholfen. Manchmal fiel es ihnen schwer, die Finger voneinander zu lassen. Das war nicht immer einfach, da sie in beiden Elternhäusern unter Aufsicht standen und nur draußen wirklich für sich sein konnten.
Wenn einer von beiden Zweifel über ihre Beziehung verspürte, dann sie. Als sie im vergangenen Sommer von der Italienreise mit ihrer Familie zurückgekehrt war, hatte sie gesagt, sie wolle frei sein, und Schluss gemacht. Darauf hatte er sich, seiner Natur gemäß, still zurückgezogen, ohne Krach und ohne Druck auf Kickan auszuüben. Falls er eifersüchtig war, zeigte er es nicht. Nach nur einer Woche hatte sie es sich wieder anders überlegt und den ersten Schritt zu einer Versöhnung gemacht. Und bald war alles so gewesen wie immer, nur noch inniger, und Silvester hatten sie sich verlobt. Im letzten halben Jahr waren sie einander näher gewesen als jemals vorher.
Sie war seine erste Liebe.
Es sagt einiges über GW Larsson und auch seine Vorgesetzten, dass sie die Flinte immer noch nicht ins Korn warfen. Und das, obwohl man weder vielversprechende Anhaltspunkte noch Verdächtige hatte. Das große Personalaufgebot wurde also nicht verringert, und nachdem die letzten Beamten von ihrer Abkommandierung zu den Krawallen zurückgekehrt waren, waren die Kräfte wieder vollzählig. Es ist nicht auszuschließen, dass es für die Polizei jetzt auch um ihren guten Ruf ging. Nach dem Fiasko mit dem «Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen» waren die Verantwortlichen mehrfach öffentlich kritisiert worden, unter anderem in Leitartikeln von Dagens Nyheter, was schmerzhaft für die Ermittler und für schwedische Verhältnisse ausgesprochen ungewöhnlich war.[11]
Doch was war jetzt zu tun?
Die Frustration in der Ermittlungsgruppe äußerte sich darin, dass man eine Woche später zu Mitteln griff, die normalerweise nur in Krimis oder anderen fiktiven Werken funktionieren. Beamte in einem diskreten Zivilfahrzeug fahndeten in Hökarängen nach Spannern, doch die wollten sich partout nicht zeigen, obwohl die Polizisten mehrmals ihren Standort wechselten. An einem anderen Abend schickte man eine weibliche Kollegin – die man sich in herausfordernder Aufmachung vorzustellen hat – dorthin, um auf allen durch den Stadtteil verlaufenden Fuß- und Radwegen herumzuspazieren und so «Frauenbelästiger anzulocken». Ein bewaffneter männlicher Beamter behielt sie dabei aus der Ferne im Auge, bereit, sofort einzugreifen, falls sie belästigt wurde. Auch diese Aktion zeichnete sich durch einen spektakulären Mangel an Erfolg aus. Nichts geschah. Um ein Uhr nachts wurde das Unternehmen abgebrochen.
Eines der Probleme, mit denen sich die Ermittler Ende August konfrontiert sahen, war paradoxerweise gerade die Flut an Hinweisen. Der Mord an Kickan Granell hatte enorme Aufmerksamkeit erregt. Die Ursachen dafür lagen, wie bereits angedeutet, einerseits in der Tat an sich, andererseits aber bei den Medien.
Es war beängstigend, dass jemand inmitten dieser sommerlichen Idylle in seinem eigenen Haus überfallen und ermordet werden konnte, von einer heimtückischen und gesichtslosen Person, die keine Spuren hinterlassen hatte. Hier verhielt sich der Täter ausnahmsweise einmal so, wie es die Menschen aus den Krimis kannten und von einem Mörder erwarteten: Es war eine durchdachte, perfide und geplante Tat mit mysteriösen Elementen und sensationellen Wendungen.
Ein weiterer Faktor war die Angst vor einer Wiederholung, die von den Medien noch geschürt wurde, besonders von den Abendzeitungen, die wussten, dass sich nur eines besser verkauft als ein Sexualmord (beinahe alles, was mit Sex zu tun hatte, war wie gesagt während jener Jahre hochinteressant), und das ist ein Sexualmord, dessen Täter ein zweites Mal zuschlagen könnte. Von zentraler Bedeutung war auch, dass sich das Verbrechen mitten im alljährlichen Sommerloch ereignet hatte, als es nicht nur genug Platz für fette Schlagzeilen gab, sondern geradezu eine Nachfrage danach.
Die Ereignisse in Hökarängen machten sozusagen Schule: Von nun an wurden «Mädchenmorde» dieser Art viele Sommer lang zu einem festen Bestandteil im Repertoire der Boulevardzeitungen. Man bediente sich immer derselben Gegensatzpaare: Idylle und Tragödie, Unschuld und Bösartigkeit, Sommer und Dunkelheit. Dafür kam beileibe nicht jeder Frauenmord in Frage, sondern die Opfer sollten möglichst junge, gut aussehende Frauen sein, und darüber hinaus sollte die Tat möglichst eine sexuelle Komponente haben. Wichtig war auch, dass man das Verbrechen dank des Versteckspiels mit dem Täter zu einer Fortsetzungsgeschichte auswalzen konnte, die den Lesern Schauer der Verzückung und Empörung über den Rücken jagte. Ich sehe noch die Paraden der Opferfotos in der Abendzeitung vor mir, die mein Vater nach dem Abendessen las, während meine Mutter den Tisch abräumte: junge Frauen, in meiner Erinnerung auffallend häufig in Studentenmützen, der offene Blick in die Kamera von doppelter Tragik, denn hier war nicht nur ein Leben, sondern eine Zukunft verloren gegangen – und welcher Verlust könnte in dem Gefühl von Unendlichkeit, das den damaligen Rekordjahren eigen war, wohl schrecklicher sein als dieser?
Das ungewöhnlich starke Engagement des Fernsehens hatte dem Fall noch zusätzliche Resonanz verschafft.
Zu diesem Zeitpunkt waren seit dem Beginn der Ausstrahlungen knapp zehn Jahre vergangen, und die meisten Haushalte besaßen jetzt einen Fernseher. Das wirkte sich auch auf die Wohnungseinrichtung aus: Die Wohnzimmer wurden radikal verändert, mit dem Fernsehgerät als neuem Mittelpunkt. Wie eine Art Kompromiss mit der neuen Zeit schien der Apparat immer noch so zu tun, als sei er ein gewöhnliches Möbelstück, dazu bestimmt, mit seiner Umgebung zu verschmelzen; oftmals mit Schiebetüren aus Holz. Allerdings auch ein Möbelstück, das schnell das große Statusmöbel der 50er Jahre, den Plattenspieler mit integriertem Radio, verdrängte. Im Granell’schen Haushalt ließ sich dieser Prozess an der Einrichtung ablesen. Ihr «Radiogrammophon» war schnell in einen Alkoven verbannt worden, während gleichzeitig der Fernseher den dominierenden Platz im Wohnzimmer eingenommen hatte. Das Fernsehen veränderte die Lebensgewohnheiten: Essenszeiten, Schlafenszeiten, Waschzeiten, sozialer Umgang, alles ordnete sich dem Programmangebot des einzigen Kanals des schwedischen Fernsehens unter.
Die anfängliche Skepsis gegenüber dem neuen Medium, die sich unter anderem in der Einführung eines fernsehfreien Abends pro Woche im Jahr 1960 niedergeschlagen hatte (der im Übrigen nach eineinhalb Jahren wieder abgeschafft wurde), war jetzt weitgehend verschwunden. Sie hatte einer Resignation Platz gemacht, in der besorgte Diskutanten zwar weiterhin über vom Fernsehen ausgehende Gefahren für die Gesundheit, das Vereinsleben, den Sport, das Kino etc. schwadronierten, jedoch ohne Hoffnung auf radikale Lösungen. Es schien, als ob einfach jeder «Fråga Lund», den Vorentscheid zum «Eurovision Song Contest», «Perry Mason», «Familie Feuerstein», «Hylands hörna», «Aktuellt», «Bonanza» und so weiter sehen wollte. Der Einfluss des neuen Mediums war so groß, dass sich, wenn richtig populäre Sendungen wie «Hylands hörna» liefen – meine Familie und ich saßen immer schon auf unserem grünen Sofa bereit, wenn es so weit war –, das angeblich landesweit sowohl auf den Strom- als auch den Wasserverbrauch auswirkte.[12]
Was außerdem die allgemeine Aufmerksamkeit noch steigerte, war die Tatsache, dass die Fernsehnachrichten ihre Form noch nicht gefunden hatten, sondern noch durch eine oftmals halsbrecherische Mischung geprägt waren, wobei sich in dem Format Beiträge von weitgehend lokalem Interesse neben internationalen Nachrichten drängten (oder sie sogar verdrängten). Das Fernsehen konnte daher über einen einzelnen Kriminalfall, wie den Mord an Kickan Granell, so ausführlich berichten, wie es schon wenige Jahre später nicht mehr denkbar gewesen wäre.
Nicht alle Hinweise waren direkt bei der Polizei eingegangen, manches erreichte auch Journalisten und nicht zuletzt eben das Fernsehen durch Telefonanrufe.
Einiges davon war der blanke Unfug, der durch seinen Phantasiereichtum verriet, dass der Hinweisgeber sich in den gängigen Krimi-Intrigen auskannte, wie zum Beispiel der, dass das Mordopfer einem Ring von Drogenhändlern angehöre, der Amphetamin aus Spanien schmuggele, und vom Chef des Rings ermordet worden sei, oder – so behauptete eine mitteilsame Hellseherin in einem privaten Brief an GW Larsson – dass der Mord Folge einer finsteren Konspiration zwischen dem Verlobten und einem Nachbarn sei, die die Tat gemeinsam verübt hätten. Aus Göteborg traf ein Hinweisbrief ein, der in Runenschrift verfasst war. Solcher und ähnlicher Schwachsinn wurde beiseitegelegt und gar nicht erst erfasst.[13]
Doch selbst nachdem der größte Unsinn aussortiert war, blieben immer noch jede Menge Hinweise übrig, auf böse Onkel, Spanner, Exhibitionisten, Stalker, Selbstmörder, Drogensüchtige, Lösungsmittel-Schnüffler, Diebe, Geisteskranke, Totschläger, Saufbolde, Alkoholiker, Räuber, Autodiebe, Hausfriedensbrecher, Chloroformkäufer, Ausbrecher, Mopedfahrer, Fahrradfahrer, Ausländer, Schläger, Sodomiten, Fahrraddiebe, Betrüger, Sittlichkeitsverbrecher, Panzerknacker, Vergewaltiger – viele Vergewaltiger – und Hundebesitzer. Oder auf Männer, die als «auffällig», «unbekannt» oder «seltsam» bezeichnet wurden, als «nicht geheuer» oder «unheimlich» oder «unfreundlich» oder «mysteriös» – Letzteres war eindeutig das am häufigsten genannte Adjektiv. Oder auf Männer, die in irgendeiner Weise der Beschreibung des Mannes entsprachen, der vor dem Mord Kickans Nachbarin Lillan Sundin belästigt hatte – und das waren nicht wenige.
Viele Hinweisgeber waren anonym, wie zum Beispiel jene Frau, die angerufen und gesagt hatte: «Suchen Sie in dem Mordfall nach einem Polen namens Teddy.» Ein Mann mit Namen Teddy tauchte niemals irgendwo auf. Anderes war ziemlich weit hergeholt, wie ein Hinweis auf zwei Personen, die nur deswegen verdächtig sein sollten, weil sie Verbrechen begangen und dabei ein Telefonkabel zerstört hatten. Einiges stand mit dem Fall in höchst unsicherer Verbindung, wie die Beobachtung eines hellblauen VW auf dem Riksväg 86 bei Sundsvall, der von einer Person gefahren wurde, die eventuell deutsch war. Nicht wenig war inaktuell oder nebensächlich oder beides, wie der Hinweis jener Dame, die berichtete, dass sie vor sechzehn Jahren vor ihrem Haus einen Spanner gesehen hatte, und hinzufügte, dass es sich dabei auch um einen Epileptiker gehandelt haben könne.
Die erfahrenen Ermittler wussten natürlich, dass sich irgendwo in diesem Durcheinander aus Großem und Kleinem, Merkwürdigem und Verrücktem, Alltäglichem und Besonderem mit großer Wahrscheinlichkeit ein Name oder eine Beobachtung verbarg, die sie zum Mörder führen könnte, doch sie wurden von der schieren Menge an Informationen beinahe erschlagen. Dabei erwies sich nicht allein der «große Detektiv Öffentlichkeit» in diesem Fall als besonders aktiv. Als man Schritt für Schritt die Ermittlungen auf neue Personengruppen ausweitete, stieg auch die Zahl der Kontrollierten und Überprüften fast schon exponentiell.
Wie sollte man sich in dieser Fülle an Namen, Anhaltspunkten und Tatsachen zurechtfinden?
GW Larsson sprach sehnsüchtig von einem Computer. Die Idee war gar nicht so weit hergeholt. Die Geräte wurden immer leistungsfähiger, waren aber immer noch groß, schwer und nicht zuletzt schweineteuer. Die meisten waren von IBM gebaute, blinkende Maschinen mit im Stakkato surrenden Bändern, die ganze Räume füllten, wo ihnen Spezialisten in klinisch weißen Kitteln zu Diensten waren. Gleichzeitig machte auch die Programmierung Fortschritte: 1964 wurde Basic erfunden, und im gleichen Jahr entstand Dendral, das vielleicht erste richtige KI-Programm. Computer standen bereits in vielen Forschungslabors und in den fortschrittlicheren Industrien, waren aber noch weit davon entfernt, den Alltag der Menschen zu bestimmen. Mit einigen wenigen Ausnahmen: In den USA war jetzt die Buchung von Flugtickets bei American Airlines vollständig computerisiert, was einen ehemals mühsamen und zeitraubenden Prozess beschleunigte und gleichzeitig vereinfachte. Und in Stockholm wurde in jenem Jahr beschlossen, die astronomische Summe von zwanzig Millionen Kronen in den Ankauf eines Computers zu investieren, mit dessen Hilfe die Ampeln der Stadt koordiniert werden sollten.
Der Computer als Idee hatte jedoch bereits im allgemeinen Bewusstsein Fuß gefasst. Wie auch nicht, schließlich handelte es sich dabei um eine weitere dieser phantastischen «modernen» Erfindungen, die die Welt reicher, die Zukunft besser und alle glücklicher machen sollten. Die wahren Enthusiasten weissagten, dass zukünftig alle Haushalte ihren eigenen Computer haben würden, aber daran glaubte kaum jemand.[14] Optimistische Gestaltungen des möglichen Potenzials der Rechner finden sich in der Populärkultur des Jahres 1965 reichlich, zum Beispiel Jean-Luc Godards «Alphaville», oder warum nicht Nils-Olof Franzéns «Die gefährlichen Brüder Max» aus der «Agaton-Sax»-Reihe, in dem der Detektiv sich seinen eigenen Computer gebaut hat, den «Denkenden August», der ihm bei der Aufklärung der Fälle hilft, manchmal schon, ehe das Verbrechen geschehen ist – ein Buch, das ich im Übrigen in jenem Jahr zu Weihnachten bekam.
Auch wenn die zuständigen Stellen in Stockholm tatsächlich bereits über den Ankauf eines Polizeicomputers berieten, war allen klar, dass es dauern würde, bis es wirklich so weit wäre. Man entschied sich deshalb für ein manuelles Registersystem eines Typs, der bis dahin vor allem in Behörden verwendet worden war.
Alle Hinweise wurden sortiert, kategorisiert und auf Karteikarten übertragen, wobei beispielsweise ein Name sowohl eine eigene Karte bekommen als auch unter verschiedenen Oberbegriffen auftauchen konnte wie «Freundinnen» oder «Ausländer» oder «mögliche Täter» und so weiter. Andere Hinweise, zum Beispiel zu mysteriösen Autos – und davon gab es richtig viele –, erhielten eigene Registerkarten. Die wurden dann in eine Rollkartei einsortiert, in der jemand, der wissen wollte, was man zum Beispiel zu roten Mopeds hatte, die mit «Motorräder und Mopeds» überschriebene Karte heraussuchen und dort nachlesen konnte, was es zu dem Thema gab, um dann mit Hilfe verschiedener Querverweise eventuell interessante Hinweise in der stetig wachsenden Menge an nummerierten Aktenordnern aufzufinden.
Die Polizisten, die das alles in ihre Schreibmaschinen hackten, mussten einiges an Zeit opfern, um dieses System einzurichten, doch als sie es später der Presse vorstellten, taten sie es mit Stolz.
Mit diesem primitiven Datenregister starteten die Ermittlungen gegen Ende August neu durch.
Die Hinweise wurden gesiebt, gesichtet und überprüft. Noch konnte man kein Täterprofil ausschließen: Es könnte ein Fremder gewesen sein, zum Beispiel einer jener polizeibekannten Vergewaltiger, die in langen Listen verzeichnet waren. Die Hauptthese lautete jedoch, dass trotz allem irgendeine Verbindung zwischen Kickan und ihrem Mörder bestehen musste. Die Tatsache, dass der Mörder seine sorgfältig vorbereitete Tat nur wenige Stunden nach Kickans Heimkehr von ihrer langen Auslandsreise begangen hatte, deutete doch stark darauf hin, dass er unter ihren Freunden und Bekannten zu suchen war.
Dieser Gruppe schenkte man nun besondere Aufmerksamkeit. Einige Ermittler wurden dazu abgestellt, diesen «Ringen im Wasser» von innen nach außen zu folgen, indem sie Schicht für Schicht von Kickans Bekannten durchgingen. Es war eine mühevolle Arbeit, nicht nur jede einzelne männliche Person in ihrem Bekanntenkreis zu identifizieren und überprüfen, sondern nahezu alle, mit denen sie in den letzten Jahren Kontakt gehabt hatte. Wichtige Quellen für die Namen waren ihre Familie, Freundinnen und ehemalige Klassenkameraden sowie Kickans Briefe, Fotos, Notizbücher und Taschenkalender. Jemand hatte die Idee, auch die Telefonbücher der Familie Seite für Seite nach deren Notizen und Unterstreichungen durchzusehen. Was auch geschah.
Zu den Polizisten, denen diese mühevolle Aufgabe übertragen wurde, gehörte auch Aina Kneckt-Bergman, die einzige Frau in der Gruppe und eine der älteren Beamten: Sie war fast fünfundfünfzig Jahre alt und hatte nur noch zwei Jahre bis zur Pensionierung. Ursprünglich war sie Krankenschwester gewesen, geboren in Närke, doch auch sie hatte im Krieg zur Polizei gewechselt, zunächst als «Polizeischwester»[15], wie die weiblichen Polizisten bis Mitte der 50er Jahre genannt wurden, dann als Kriminalassistentin. Kneckt-Bergman war mittlerweile eine erfahrene Schutzpolizistin, der Ende der 50er Jahre die Leitung von Stockholms erstem Team aus durchweg weiblichen Beamten übertragen worden war. Ihre Ernennung wurde sehr aufmerksam registriert – und sorgte gleichzeitig für Beschwerden, auch für Hohn und Spott nicht zuletzt aus den Reihen der männlichen Kollegen. Das bezog sich häufig darauf, dass die Frauen als Fußstreifen[16] ausgerechnet in Stockholms vermutlich schwierigstem Revier eingesetzt wurden, dem Klaraviertel in der Innenstadt, wo häufig Besäufnisse und Schlägereien vorkamen. Vielleicht in der Hoffnung, dass sie versagen würden?
Sowohl Kneckt-Bergman selbst als auch ihr Team übertrafen aber alle Erwartungen, und danach kam sie als erste Frau zum prestigeträchtigen Dezernat für Gewaltdelikte. Auch als Kriminalpolizistin war sie inzwischen alles andere als unerfahren. Eine der ersten Ermittlungen, an denen sie beteiligt war, betraf den berüchtigten Mord an der fünfjährigen Kerstin Blom[17] im heißen Sommer 1955, bei dessen Aufklärung 1964 sie eine wichtige Rolle spielte. Sie hatte bei den Ermittlungen in den beiden Mädchenmorden, über die ich oben berichtet habe und bei denen es so schmählich misslungen war, den Mörder rechtzeitig zu fassen, mit GW Larsson zusammengearbeitet. Ihr war die Aufgabe zugefallen, die Großmutter väterlicherseits des Mörders zu vernehmen. Larsson schätzte Aina Kneckt-Bergman. Sie hatte ein freundliches Wesen, war voller Ideen, sorgfältig und systematisch. Häufig übertrug man ihr die schwierigeren Vernehmungen von Frauen.
Briefe, Notizbücher und Kalender (von denen einige bis 1960 zurückreichten) wurden sehr gründlich durchforstet, und das Ergebnis waren lange, ordentlich getippte Namenslisten, manchmal nur mit Vor- oder Kosenamen, die Kneckt-Bergman und einige Kollegen mit großer Mühe hatten identifizieren können. Wer war Gugge? Wer war Myran? Wer waren Fillan, Stickan, Luft, Stellan, Jorden, Shüberger, Hästen? Wer war dieser Uffe, der Kickan so viele Komplimente gemacht hatte? Wer war der junge Mann, mit dem sie Anfang des Sommers in einer Konditorei in Högdalen gesehen worden war? Und dann war da noch jener «Pelle», den sie sowohl im «Nalen» als auch im «Bal Palais»[18] auf der Kungsgatan getroffen hatte und der Kickans eigenen Aufzeichnungen zufolge ein guter Tänzer war, aber «grottenhässlich». Er hatte sie danach immer wieder angerufen, zuletzt im Januar, um ein Treffen gebeten und jedes Mal einen Korb bekommen. Sogar Kickans alte Schulbücher hatte man sich vorgeknöpft, und in einem davon, einem Lehrbuch in organischer Chemie, war man wieder auf den Namen «Pelle» gestoßen, mit Herzchen umrandet. Wer war Pelle?
Viele von Kickans Bekannten und ehemaligen Klassenkameraden konnte man direkt ausschließen, andere nach routinemäßigen Überprüfungen unter anderem im Wehrpflichtigenregister, aus dem die Blutgruppe des Betreffenden hervorging. Man sah in der Regel auch im Strafregister nach, ob sich die betreffende Person einer Gesetzwidrigkeit schuldig gemacht hatte. Dies aus der Beobachtung heraus, dass Verbrecher in den seltensten Fällen mit einem Mord debütieren, sondern ihre kriminelle Karriere mit weniger spektakulären Taten beginnen. Gleichzeitig taten sich neue Möglichkeiten auf. Wer war bei der Skifahrt nach Storlien 1962 dabei gewesen? Und was war mit dem Webkurs der Volkshochschule in Bollnäs, an dem Kickan im letzten Sommer teilgenommen hatte? Die Namenslisten wurden immer länger. Schließlich hatte man sechstausend Namen gesammelt – eine Materialmenge, die alle bisherigen Ermittlungen in Schweden in den Schatten stellte.
Während einige Ermittler so immer weiter an der Peripherie gelegene Bereiche von Kickans Bekanntenkreis überprüften, dirigierte Larsson andere Kollegen in dessen Zentrum. Teils in ganz praktischem Sinne: Er ließ sie bereits erfolgte Vernehmungen durchlesen oder neue Vernehmungen mit früheren Zeugen abhalten oder Alibis zum zweiten und dritten Mal überprüfen. Alles, um die klassische Frage zu beantworten: «Haben wir etwas übersehen?» Teils in geographischem Sinne: Vielleicht war die Tatsache, dass der Mörder in Hökarängen wohnte, das Bindeglied? Das würde erklären, warum er sowohl die Gegend als auch das Haus zu kennen schien und warum es nicht gelungen war, eine einzige überzeugende Aussage von jemandem zu erhalten, der den Täter auf dem Weg zum oder vom Tatort gesehen hatte. Vielleicht weil der es bis nach Hause nicht weit hatte? Außerdem wusste die Polizei ja mittlerweile, dass der Mann sein Gesicht vor der Tat geschminkt hatte. Bedeutete das nicht, dass sein Weg bis zum Söndagsvägen 88 verhältnismäßig kurz gewesen sein musste? Denn es war eine seltsame Vorstellung, dass jemand mit braun geschminktem Gesicht mit dem Bus aus dem Zentrum kommen sollte.
Alle Männer, die in Hökarängen wohnten, wurden in Listen erfasst. Dann ging man Namen und Häuser der Reihe nach durch. Auch Menschen, die inzwischen weggezogen waren, wurden überprüft und weitere Anwohnerbefragungen durchgeführt. Inzwischen ging ein ungewöhnlich kühler Sommer in einen überaus regnerischen Herbst über.
Alle Schüler aus Kickans Abgangsklasse 1962 in Tallkrogen wurden vernommen, in der Regel telefonisch. Die Kriminalbeamten verwendeten dabei eine vorbereitete Frageliste, die nach Kickans männlichen Freunden, eventuellen Verdächtigungen oder anderen für die Polizei interessanten Informationen fragte, wer «Pelle» war und so weiter.
Diese Überprüfung älterer Informationen und Verfolgung älterer Spuren galt immer auch dem «Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen».
Nicht alle Beamten waren von der Unschuld des siebenundzwanzigjährigen Mannes, den sie wieder freigelassen hatten, überzeugt. Er war ja so eindeutig, gewissermaßen zweifelsfrei wiedererkannt worden. Sie behielten ihn daher auch weiterhin im Auge, höchst diskret, da er offiziell nicht mehr verdächtigt wurde. Man wollte der Presse keinen Anlass zu weiterer Kritik geben oder – noch schlimmer – noch einmal eine Beschwerde beim Justizombudsmann kassieren. Sicherheitshalber kontrollierte man auch den Taxifahrer, der ihn wiedererkannt hatte, um sich zu vergewissern, dass man es nicht mit einem Verrückten zu tun hatte, sowie dessen Arbeitgeber.[19]
Die Lebensverhältnisse des Taxifahrers wurden durchleuchtet, ohne dass dabei etwas Schlimmeres zum Vorschein gekommen wäre, als dass er hin und wieder «etwas phantasievoll» sei. Er wurde daher zu weiteren Vernehmungen geladen, bei denen man ihn nach allen Einzelheiten zu der Fahrt in der Mordnacht befragte. Dann sahen sich die Beamten die aufgezeichneten Gespräche der Taxizentrale sowie die Taxameterdaten aus seinem Wagen, Nummer 211, an. Alles schien zu stimmen.
Allerdings fanden sich keine Belege für Fahrten zwischen 23.15 und 2.00 Uhr, dem Zeitraum, in dem er angeblich die Fahrt nach Hökarängen gehabt hatte. Der Fahrer erinnerte sich jedoch deutlich daran, dass er, bevor er den seltsamen Kunden bei Slussen mitnahm, einen betrunkenen Mann von der Birger Jarlsgatan nach Kungsängen gefahren hatte. Dort standen mehrere Wohnbaracken, die von der großen und heterogenen Gruppe von Arbeitern bewohnt wurden, die vom Land nach Stockholm gekommen waren, um in einem der vielen Bauprojekte des Millionenprogramms zu arbeiten. Solche Barackensiedlungen – die manchmal als «Junggesellenbaracken» bezeichnet wurden und eine Folge der Wohnungsnot waren – lagen oft in der Nähe größerer Industriebetriebe. In einigen dieser in aller Eile errichteten Barackensiedlungen herrschte, ganz stilecht, eine Atmosphäre wie im Wilden Westen, besonders an den Wochenenden, mit Besäufnissen, Rangeleien und Kleinkriminalität.
Der Polizei in Bålsta war es nicht gelungen, den betrunkenen Taxikunden aufzuspüren. Nun fuhr ein Ermittler mit der Beschreibung des Taxifahrers nach Kungsängen und fragte sich durch. Er hatte Glück. Er stieß auf einen Baggerfahrer namens Karl Gunnar Lindgren, der freimütig erzählte, dass er der Taxikunde gewesen sei. Und zwar nachdem er von der Polizei in Klara wegen Trunkenheit aufgegriffen worden war. Was das Polizeiregister rasch bestätigen konnte. Die Unterlagen der Polizei und der Baggerfahrer waren sich in einer Frage einig: Diese Ereignisse hatten sich am Freitag, den 23. Juli, abgespielt, nicht am Sonntag, den 25., dem Abend des Mordes.
Der Taxifahrer hatte sich im Tag geirrt.
Die ganze Suche nach dem Mann mit den zusammengewachsenen Augenbrauen war einfach die Folge eines Irrtums.
Bei der Überprüfung älterer Hinweise stieß man schließlich auf einen mit der Bezeichnung D348. Sie betraf einen Mann, der im Söndagsvägen wohnte, genauer gesagt in der Nummer 54, einem Reihenhaus gleichen Typs wie Nummer 88, das an dem kleinen Platz mit dem ICA-Laden lag, nur fünfundsiebzig Meter vom Tatort entfernt.
Sein Name war Friedrich Wagner.
Wahrscheinlich hatte D348 nicht gleich zu Beginn der Ermittlungen die höchste Priorität erhalten, da die betreffende Person auf keiner Liste über Personen mit festem Wohnsitz in Hökarängen auftauchte. Er war nämlich nur Untermieter bei Elvira Blekenberg, die dort allein mit ihrem zwölfjährigen Sohn wohnte und die in einer Gaststätte arbeitete, wo sie für die kalten Speisen zuständig war. Nachdem ihr Mann sie zu Sommeranfang verlassen hatte, reichte das Geld nicht mehr, obwohl sie doppelt so viel arbeitete, weshalb sie sich gezwungen gesehen hatte, ein Zimmer in ihrem kleinen Reihenhaus zu vermieten. Als der Mord geschah, war Frau Blekenberg gerade mit ihrem Sohn auf dem Land und konnte daher den Polizisten, die tags darauf bei ihr anklopften, nichts erzählen. Sie wollten mit ihrem Untermieter sprechen, der jedoch nicht zu Hause war. Die Beamten ließen Frau Blekenberg eine Telefonnummer da, und sie versprach, ihm auszurichten, dass er anrufen solle, sobald er wieder auftauchte.
Bis dahin vergingen sieben Tage, bis zum Vormittag des 5. August.
Wagner rief selbst an. Er hatte einen leichten Akzent, sprach aber gut Schwedisch. Es stellte sich heraus, dass er Österreicher war, vierundzwanzig Jahre alt und vor gut zwei Jahren mit gültiger Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis nach Schweden gekommen war – die erhielt man zu jener Zeit problemlos – und im Restaurant «Gröne Jägaren» in der Götgatan in Södermalm als Tellerwäscher arbeitete.
Es war ein Routine-Telefonat. Auch Wagner hatte am Tag des Mordes nichts gesehen oder gehört. An dem bewussten Sonntag war seine Schicht gegen drei Uhr nachmittags beendet gewesen, und er hatte den Rest des Tages zu Hause mit Lesen und Fernsehen verbracht. Allein. Wegen der Schichtarbeit ging er in seiner Freizeit nicht aus, und das Haus Söndagsvägen 88 hatte er nie gesehen – es lag von seiner Wohnung aus gesehen in der falschen Richtung. Seitdem er in Hökarängen wohnte, war ihm auch nie etwas Bemerkenswertes aufgefallen. Wagner konnte bestätigen, dass es sich um eine ruhige Gegend handelte.
Der Polizist, der das Gespräch entgegennahm, machte sich Notizen. Nichts, was Wagner erzählte, schien ihm in irgendeiner Form bemerkenswert. Doch ertappte der Beamte ihn bei einer kleinen Lüge. Wagners Vermieterin hatte gesagt, dass er bei der Post arbeite. Als der Beamte sich danach erkundigte, war es Wagner offensichtlich peinlich, und er gab an, dass er seinen Lebensunterhalt in Schweden durch Tätigkeiten in unterschiedlichen Restaurants bestritt, aber da ihm aufgefallen war, dass ausländische Restaurantangestellte bei den Stockholmer Vermietern einen schlechten Ruf hatten, hatte er ihr gegenüber in diesem Punkt geschwindelt. Der Beamte hielt fest, diese Erklärung wirke einleuchtend.
Abgesehen davon, dass Wagner sich so viel Zeit gelassen hatte, bis er sich meldete, konnte er nichts Auffälliges feststellen. Der Beamte schrieb eine routinemäßige Notiz und legte sie ab.
Es mussten neue Spuren her, denn die bisherigen waren eine nach der anderen erkaltet. Die Vernehmungen ehemaliger Klassenkameraden zogen sich hin, bislang ohne Ergebnisse. Auf den Listen, auf denen eine Person nach der anderen abgehakt wurde, wiederholte sich immer wieder derselbe Vermerk: «Nichts von Belang». Das einzig Gute war, dass einige der Personen, die in Kickans Briefen und Kalendern nur unter ihren Spitznamen auftauchten, identifiziert werden konnten.
Man hatte die Angestellten der Müllabfuhr überprüft. Man hatte die Hausmeister überprüft. Die Gärtner. Die Arbeiter in der Heizungszentrale. Die Leute, die die Wasseruhren ablasen. Man hatte die Hauptschlüssel kontrolliert. Man hatte die Nachbarn überprüft, einen von ihnen etwas genauer, weil er Kickan hin und wieder in seinem Auto in die Stadt mitgenommen hatte und während des Mordwochenendes allein zu Hause gewesen war und seine Frau, als sie später nach Hause kam, ein paar unordentlich eingeweichte Laken in der Wäsche gefunden (warum?) und sich daraufhin selbst dabei ertappt hatte, dass sie dachte: Hat er es getan? Man hatte den Friseur in dem Salon überprüft, zu dem Kickan eine Zeitlang gegangen war. Sogar die Nachbarin Lillan Sundin hatte man überprüft, heimlich, nicht weil sie verdächtigt wurde, sondern weil sich wiederum in ihrem Bekanntenkreis etwas Interessantes hätte finden können. Nichts von Belang.
Auch die Unterstreichungen und Anmerkungen in den zwei Telefonbüchern der Familie Granell hatte man minutiös durchgesehen, auf der Suche nach einem geheimen Kontakt, doch hatten sich alle als alltäglich erwiesen, und auch diejenigen, die zunächst etwas auffällig gewirkt hatten, ließen sich erklären: Das eine der beiden Telefonbücher stammte ursprünglich von dem Herrenausstatter in der City, bei dem Kickans Vater arbeitete – und wo Kickan selbst in der Schlipsabteilung einen Sommerjob gehabt hatte. Nichts von Belang. Der mysteriöse «Pelle» (der so gut tanzte und grottenhässlich war und dessen Namen man, von Herzchen umkränzt, in einem von Kickans Schulbüchern gefunden hatte) war schließlich identifiziert worden, wobei sich herausstellte, dass es sich um zwei unterschiedliche Personen handelte. Beide Pelles wurden überprüft, und einer von ihnen – in den Ermittlungsakten als «Pelle 2» bezeichnet – wurde sogar kurzzeitig beschattet. Nichts von Belang.
An einem Mittwoch Mitte September fuhren die Kriminalassistenten Erik Blomberg und Arne Irwell nach Hökarängen. Sie waren ein ungewöhnliches, aber gut eingespieltes Paar. Blomberg war der Ältere der zwei, fast fünfzig, und genau wie Aina Kneckt-Bergman war er im Krieg zur Polizei gekommen – «im Krieg» sagten alle, obwohl Schweden neutral gewesen war, und jeder wusste, dass der Zweite Weltkrieg gemeint war. Er war ruhig, korrekt, nachdenklich, ein tüchtiger Vernehmer, der Analytischere von beiden, ziemlich klein und mit Brille. Der beinahe zehn Jahre jüngere Irwell war eher der klassische Polizistentyp: von kräftiger Statur, ehemaliger Boxer, impulsiv, ein Mann mit physischer Autorität, blauen Augen und kaltem Blick, doch mit eher ungewöhnlichen Interessen – in seiner Freizeit malte er Bilder. Die zwei waren unterwegs zu Elvira Blekenberg im Söndagsvägen 54, um ihr einige Routinefragen zu stellen zu dem Hinweis mit der Nummer D348, ihrem Untermieter Friedrich Wagner.
Frau Blekenberg war zu Hause und konnte lediglich bestätigen, was die Beamten bereits aus den Berichten wussten: Wagner wohnte seit Anfang Juni bei ihr. Zur Person ihres Untermieters gab es nichts Bemerkenswertes zu sagen. In ihren Augen war er ein fast idealer Mieter: ruhig, höflich, ordentlich und sehr hilfsbereit – es kam vor, dass er ihr beim Aufräumen, Rasenmähen oder Abtrocknen half. Über seine Herkunft wusste sie kaum etwas, außer dass er in Österreich studiert hatte. Sie hatte ihn nie zusammen mit einer Frau gesehen, obwohl er eine Freundin erwähnt hatte. An dem Tag, an dem der Mord geschah, war sie, wie sie schon angegeben hatte, verreist gewesen, doch Wagner hatte Kickan Granell niemals erwähnt und auch kein Interesse an den Ereignissen gezeigt. Und nein, Chloroform hatte sie nie im Haus gehabt oder auch nur gesehen. So weit schien alles in Ordnung zu sein.
Zwei Äußerungen ließen Blomberg und Irwell jedoch aufhorchen.
Zum einen widersprach sie Wagners Behauptung aus der telefonischen Vernehmung vom 5. August. Es verhielt sich keineswegs so, dass er nach der Arbeit nie ausging. «Er sagt, dass er in die Stadt fährt oder ins Kino geht. Er kommt zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause, manchmal um 21, 22 oder 23 Uhr.» Außerdem konnte er kommen und gehen, ohne dass Frau Blekenberg es jedes Mal mitbekam.
Zum zweiten wirkte ihr Untermieter auf sie ein wenig sonderlich. Blekenberg beschrieb ihn als verschlossen, nervös und besonders schüchtern. Auch hatte sie an Wagner seit dem Mord kleinere Veränderungen bemerkt: Er hatte abgenommen und sich einen Schnurrbart wachsen lassen, seine Frisur verändert und war gebräunt. Außerdem hatte er sich die sonderbare Angewohnheit zugelegt, häufig Sonnenbrille zu tragen. So etwas tat man höchstens beim Autofahren oder am Strand, weshalb es verdächtig sein könnte – eine Art Maskierung? Die Beamten fragten sie, ob sie wisse, warum er Sonnenbrille trage, und sie antwortete, wohl ironisch: «Um gut auszusehen.»[20] Sie hatte außerdem den Eindruck, dass er mehr Alkohol trank als früher.
Nichts von dem, was Frau Blekenberg über Wagner erzählt hatte, war direkt belastend, aber es reichte aus, damit die Polizisten genauer hinschauten. War er vielleicht der Sonderling, nach dem sie dem Psychologen zufolge Ausschau halten sollten?
Alle Vorschriften missachtend schlichen sie sich in Wagners Zimmer im oberen Stockwerk und sahen sich dort um. Der Raum war einfach, aber ansprechend möbliert: ein Bett, ein Sessel, ein Schreibtisch und einige Felle auf dem Fußboden. Es herrschte pedantische Ordnung.
Auf einem Regal standen einige Flaschen und Dosen, die sie öffneten und daran rochen. Sie schienen Kosmetika zu enthalten. Sie sahen rasch das Bücherregal durch. Darin standen hauptsächlich Grammatiken, Sprachlehrbücher, einige Schriften zum Thema Foto und Film, ein Werk über Hypnose sowie ein Buch mit dem Titel «Narkose und Betäubung». Es enthielt ein Kapitel über Chloroform.
Es war offensichtlich, dass Wagner genauer überprüft werden musste.
Am nächsten Tag hatte einer der beiden Beamten eine Idee. Sie fuhren nach Hökarängen und liehen sich von einer sichtlich verwunderten Frau Blekenberg den Haustürschlüssel aus. Dann gingen sie zum Söndagsvägen 88 und klopften an. Kickans Vater Arne öffnete.
Solange die Spurensicherung im Haus war, waren er und Kickans Mutter vorübergehend in Rosersberg untergebracht gewesen. (Die Techniker hatten sich so lange im Haus aufgehalten, dass sie beschlossen hatten, eine eigene Telefonleitung zu legen, um direkten Kontakt zum Polizeipräsidium und GW Larsson halten zu können.) Jetzt waren die beiden aber wieder in ihr Reihenhaus zurückgekehrt.
Man muss nur einmal versuchen sich vorzustellen, wie sich die Eltern gefühlt haben müssen. Ich habe den Unterlagen entnommen, dass Kickans Mutter Gunnel nach dem Mord einen psychischen Zusammenbruch erlitt. Und dass die Ehe schließlich in die Brüche ging, wie es bei Paaren, die von einer solchen Katastrophe betroffen sind, nicht selten ist.
Doch es ist fast unmöglich, sich auszumalen, wie man in ein Haus zurückkehrt, das einst ein Heim war, aber jetzt nur noch ein leerer Raum ist, der Ort, an dem das eigene Kind ermordet wurde. War das Reihenhaus im Söndagsvägen 88 wieder bewohnbar? Hatte man es gereinigt? War das Bett, in dem man Kickans Leiche gefunden hatte, aus dem Polizeipräsidium zurückgebracht worden? Hatte jemand daran gedacht, die Topfpflanzen, die Kickans Mutter nach draußen gestellt hatte, ehe sie nach Frankreich fuhren, wieder hereinzuholen? Waren sie eingegangen? Interessierte das irgendjemanden? Hatten die Polizisten Spuren hinterlassen? War der einst von Bohnerwachs glänzende Boden jetzt verdreckt? Hatte das schwarze Spezialpulver, das die Techniker bei ihrer mehrere Tage dauernden Suche nach Fingerabdrücken benutzten, Flecken hinterlassen? Was hatten ihre Eltern mit Kickans Zimmer und mit ihren Sachen gemacht? Hielten sie die Tür für immer geschlossen, ließen alles so, wie es war, oder räumten sie es aus?
Niemand, den ich frage, weiß das. Ich stelle mir vor, dass sie das Zimmer ausräumten, wenn nicht aus anderen Gründen, dann um etwas zu tun zu haben. Wie man die Wohnung eines verstorbenen Elternteils auflöst, weiß ich aus eigener Erfahrung, aber das Zimmer eines Kindes? Meine Gedanken wandern zurück zu den Fotografien aus Kickans Zimmer. Irgendwann musste jemand die Schulbücher von ihrem Platz genommen und in eine Kiste gepackt haben, zusammen mit dem Plüschaffen, dem Troll aus Porzellan, dem Sparschwein, dem kleinen Globus aus Blech und so weiter. Ganz zu schweigen von den Kleidern mit ihren Düften, Öffnungen zu Tunneln in die Vergangenheit. Oder half ihnen jemand, für den die Dinge nicht mit Erinnerungen belastet und damit schwerelos waren? Ich hoffe es.
Blomberg und Irwell fragten Arne Granell, ob sie ausprobieren dürften, ob der Schlüssel zum Söndagsvägen 54, den sie von Frau Blekenberg ausgeliehen hatten, eventuell auch in das Schloss der Granells passte. Er stimmte zu. Die beiden Beamten probierten den Schlüssel an der Haustür und an der Giebeltür zum Keller. Er passte in keins der beiden Schlösser.
Könnte Wagner trotzdem der Mann sein, den sie suchten? Blomberg und Irwell beschlossen, ihn zu beschatten. Dabei erhielten sie die Unterstützung eines weiteren Beamten in Zivil. Als Standort wählten sie die kleine Garage oberhalb des ICA-Ladens am Marktplatz. Von dort aus konnten sie sowohl den Haupteingang vom Söndagsvägen 54 als auch die Kellertür am Giebel im Auge behalten. Und nach Einbruch der Dunkelheit sahen sie direkt in den Flur im oberen Stockwerk und die Tür zu Wagners Zimmer. Zitat aus einer Notiz der Beamten:
Um 10.20 Uhr verließ Wagner die Wohnung und ging durch den Söndagsvägen und den Fredagsvägen zur U-Bahn-Station Hökarängen. Er fuhr daraufhin zum Hötorget und nahm den Aufgang zum Sveavägen. Er folgte dem Sveavägen zu Fuß in nördlicher Richtung. Er bog links in die Adolf Fredriks gata ein und folgte ihr in westlicher Richtung. Zu diesem Zeitpunkt waren so viele Passanten unterwegs, dass ich den Abstand auf circa 15 Meter verringern konnte. An der Holländargatan bog er nach links ab, und als ich die Ecke erreicht hatte, war W. verschwunden. Es war jetzt 11.00 Uhr. Ich wartete dort bis 12.30 Uhr, ohne jedoch Wagner noch einmal zu sehen. Danach kehrte ich zu der Garage im Söndagsvägen zurück.
Der nüchterne Stil in diesem und anderen Berichten macht auch deutlich, dass während der vier Tage, die Wagner beschattet wurde, nichts von Belang geschah. Außer einer Sache. Am Freitag nach der Arbeit war Wagner in einen Spielwarenladen in der St. Eriksgatan 71 gegangen. Dort hatte er eine dieser neuen und vielbeachteten Barbiepuppen gekauft, die gerade zum Spielzeug des Jahres erklärt worden war. Was konnte er damit vorhaben?
Am Montagnachmittag fuhr Irwell allein zum Restaurant «Gröne Jägaren» und sprach mit Karl Gustav Olsson, einem der Köche. Dabei erfuhr er, dass Wagner vor kurzem gekündigt hatte. Olsson beschrieb seinen ehemaligen Arbeitskollegen als «sonderbaren und verschlossenen Menschen». Wagner hatte unter anderem eine falsche Adresse in Farsta angegeben und war einmal von Olsson dabei ertappt worden, wie er in einem der Lagerräume des Restaurants das Schießen mit einer Pistole geübt hatte. Und der Mord in Hökarängen? Ja, soweit Olsson sich erinnerte, hatten sie irgendwann im August, als sie in einer Pause die Zeitung lasen, über die Ereignisse gesprochen. Wagner hatte erzählt, dass der Mord ganz in der Nähe seiner Wohnung geschehen sei, und als sie dann darüber mutmaßten, wer der Täter gewesen sein könnte, hatte Wagner gesagt: «Tja, das war ich», wobei er «seine Hände hob und sie abwechselnd zur Faust ballte und wieder öffnete». Olsson «war unangenehm berührt» und beendete das Gespräch.
Am folgenden Tag fasste man zusammen, was bislang über Wagner bekannt war. Eindeutige Beweise, dass er etwas mit dem Mord zu tun hatte, hatte man nicht gefunden, und mehrere seiner ehemaligen Kollegen hatten ihm, anders als der Restaurantkoch Olsson, ein gutes Zeugnis ausgestellt: gepflegt, gut angepasst, ordentlich, vielleicht ein wenig still, aber dennoch beliebt. War das wirklich der gesuchte Sonderling? Olssons Zeugenaussage, die Arne Irwell aus dem Restaurant mitgebracht hatte, konnte man jedoch nicht einfach ignorieren. Jedenfalls nicht, ohne sie überprüft zu haben. Die Ermittlungsleitung beschloss, Wagner zur Vernehmung zu holen.
Am Mittwochmorgen, den 22. September, wartete eine Gruppe Polizisten darauf, dass Wagner das Haus verließ, um zu seiner neuen Arbeitsstelle beim Postgiroamt in der Mäster Samuelsgatan zu fahren. (Dank der Beschattung waren seine Arbeitszeiten bekannt.) Als er aus der Haustür trat, hatte er einen Regenschirm in der Hand. Es war wieder einmal bewölkt, und der graue Himmel versprach weiteren Regen.
Die Beamten traten auf Wagner zu und baten ihn, ihnen zum Präsidium zu folgen. Er leistete keinen Widerstand. Im selben Moment, als das Auto mit ihm sich nach Kungsholmen in Bewegung setzte, fuhr der VW-Bus der Spurensicherung vor. Mehrere Kriminaltechniker mit Wincent Lange an der Spitze stiegen aus und betraten das Reihenhaus im Söndagsvägen 54. Sie hatten unter anderem Spezialstaubsauger mit sorgsam desinfizierten Rohren und Filtern dabei. Als sie die gewinkelte Treppe hinaufstiegen, fiel ihnen auf, dass der Grundriss dieses Reihenhauses eine exakte Kopie des Hauses im Söndagsvägen 88 war und dass Wagner das Zimmer mietete, das im Granell’schen Haushalt Kickan gehört hatte.
Einer der Beamten sah in dem kleinen Flur vor seinem Zimmer aus dem Fenster: von dort aus konnte man einen großen Teil des Platzes vor dem ICA-Laden überblicken und auch den Briefkasten sehen, den Kickan am Abend des Mordes benutzt hatte.
Systematisch arbeiteten sich die Techniker durch das ordentliche Zimmer, auf der Suche nach einem Hinweis, dass Wagner in den Mord verwickelt war. Irgendeinem Hinweis. Bei dieser ersten Durchsuchung fanden sie:
– Ein Buch mit dem Titel «Narkose und Betäubung» – das den erwähnten Abschnitt über Chloroform enthielt
– Eine Apothekenflasche mit einer geruchlosen Flüssigkeit
– Ein Stethoskop
– Einen Dolch mit Scheide und daran befestigten Nylonschnüren
– Drei Pistolen: zwei kleine und eine größere
– Einen zehn Zentimeter hohen Stapel mit Zeitungsausschnitten, alle über den Mord an Kickan
– Einige Briefe
– Diverse Notizen in den Tischschubladen und im Papierkorb
– Zwei Schlüssel zu Bankschließfächern
Während einer der Kriminaltechniker im Präsidium anrief und diese ersten Ergebnisse durchgab, begann ein anderer mit dem mitgebrachten Staubsauger zu saugen. Unter dem Bett entdeckten sie eine kleine Reisetasche, die bis obenhin voller Bilder von Frauen war, die aus Zeitungen und Magazinen ausgeschnitten waren. Nur im Ausnahmefall handelte es sich dabei um pornographische oder auch nur anstößige Aufnahmen, sondern es waren gewöhnliche Porträtbilder oder Reklamefotos mit Frauen in alltäglichen Situationen – eine rührte Pfannkuchenteig, eine andere machte das Bett. Eins hatten die Frauen jedoch gemeinsam: Sie waren alle blond.
Zur gleichen Zeit wurde Wagner in das große Präsidium auf Kungsholmen und zu der Etage in dem neuen Gebäudeteil geführt, in dem die Räumlichkeiten der Kriminalpolizei lagen. Seinen Regenschirm hielt er immer noch in der Hand. Dann wurden ihm die Fingerabdrücke abgenommen. Irwells Kollege Erik Blomberg würde ihn vernehmen, und ein weiterer Beamter sollte als Zeuge dabei sein. Die eigentlichen Schwergewichte unter den Vernehmern, in erster Linie GW Larsson selbst, warteten noch ab, ob sich tatsächlich etwas Interessantes ergab. Blomberg hatte jetzt Gelegenheit, Wagner gründlich zu betrachten: ein dünner, dunkelhaariger und gutgekleideter junger Mann, der jünger wirkte als fünfundzwanzig, mit schmalem Gesicht, Ponyfrisur, kleinem, schütterem Schnurrbart und blasser Haut, höflich, aufmerksam, aber angespannt und beherrscht. Als er den Beamten vorgestellt wurde, verbeugte er sich zackig. (Einer der beiden hätte später schwören können, dass Wagner dabei auch die Hacken zusammenschlug wie ein preußischer Offizier.) Seine Körpersprache war steif, und er bewegte sich ruckartig. Das Protokoll vermerkt:
Es ist Mittwoch, der 22. September 1965, 09.25 Uhr. Vor mir sitzt der österreichische Staatsangehörige, der Postangestellte Friedrich Wagner, geboren am 9.11.1940 in Wien. Wir befinden uns in den Räumen der Kriminalpolizei. Wagner ist davon in Kenntnis gesetzt worden, dass er zu dem Mord an Fräulein Kickan Granell vernommen werden soll. Wagner gibt an, die schwedische Sprache gut zu verstehen und zu sprechen. Er hat nichts dagegen einzuwenden, dass die Vernehmung auf Schwedisch abgehalten wird.
Dann fingen sie an.