3 Was ist Arbeit?
Früher sah man das anders

Dieses Kapitel macht einen Überschallflug durch die Geschichte der Arbeit und des Arbeitsbegriffs. Wir werden dabei jedoch nur einige Aspekte betrachten, die für unsere Frage wichtig sind: Wie hat sich Arbeit technisch und organisatorisch entwickelt, sodass wir heute Maschinen arbeiten lassen können? Was bedeutet das eigentlich? Die Frage ist nicht so akademisch, wie sie daherkommt, denn ein Verständnis dessen, was Arbeit war und welchen Stellenwert sie hatte, zeigt uns, was Arbeit heute ist und welchen Stellenwert sie vielleicht in Zukunft einnehmen wird. Dazu müssen wir versuchen, aus der Betrachtung der Geschichte herauszufinden, was als Wesenskern der menschlichen Arbeit angesehen wurde, ob sich dieser Kern erst im Laufe der Geschichte herausschält oder ob Arbeit etwas ganz anderes geworden ist, als was sie am Beginn der menschlichen Zivilisation war.

Das Verhältnis des Menschen zur Arbeit ist bestimmt durch die ökonomischen Verhältnisse und technischen Möglichkeiten, durch seine politische und religiöse Zugehörigkeit und letztlich auch durch seine kulturelle Identität. Erst seit dem 17. Jahrhundert drückt es sich auch im Versuch aus, Erkenntnisse auf wissenschaftliche Weise über die Arbeit zu gewinnen und diese in der Arbeitswelt umzusetzen und entsprechend den Interessen der jeweiligen Protagonisten anzuwenden. Eine Geschichte der Arbeit muss eben auf diese Verhältnisse eingehen. Diese Verhältnisse und Bedingungen haben sich in der Geschichte oftmals drastisch gewandelt, und entsprechend hat sich auch das Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit gewandelt. Um diesen veränderlichen Bedingungen gerecht zu werden, wollen wir uns vor dem Versuch, die begriffliche Frage nach der Arbeit wiederaufzunehmen, d. h. Philosophie zu betreiben, zunächst einen kursorischen Überblick über die Geschichte der Arbeit als Geschichte der Arbeitsverhältnisse und damit auch der Interessenkonflikte verschaffen.1

3.1 Unklarer Beginn

Wir wissen nicht, wer den ersten Handgriff wann getan hat, den wir Arbeit nennen können. Das Zurichten der Umgebung durch tierische Organismen wie der Bau der Biber, die Hügel der Termiten oder die Netze der Spinnen2 sind bereits eine aus der Notwendigkeit und den Bedürfnissen der Organismen logisch ableitbare Folge von Operationen, die instinktiv und genetisch sowie durch äußere Reize getriggert determiniert ablaufen. Diese Operationen durchzuführen sind für den Organismus anstrengend (will heißen, verbrauchen physiologisch Energie), haben ein für den Organismus nützliches, weil das Überleben sicherndes Ergebnis und damit auch den Charakter der Notwendigkeit. Dennoch würden wir diese Aktivitäten noch nicht Arbeit nennen, fehlt ihnen doch das planerische Moment und die Antizipation des intendierten Zusammenfallens von Ergebnis und Zweck. Da wäre das Zurichten eines Steins zu einem Faustkeil eher ein Kandidat für den Urschritt der Arbeit. Bereits hier sehen wir, dass Arbeit vom Technikbegriff nicht zu trennen ist, schließlich ist der Faustkeil ein Artefakt und zudem ein Werkzeug. Umgekehrt könnte man sagen, dass wer ein Werkzeug herstellt, bereits arbeitet. Das Gebrauchen eines Gegenstands als Werkzeug hingegen ist noch nicht hinreichend, denn auch Tiere können Gegenstände durchaus instrumental nutzen.

Wir beginnen mit dem Jagen und Sammeln. Schon für die damaligen Stammesgesellschaften waren dies bereits Tätigkeiten, die arbeitsteilig abliefen und die deshalb sowohl in den nomadischen wie in den dörflichen Gemeinschaften organisiert werden mussten. Als Metapher würden wir zwar bei den unterschiedlichen Tätigkeiten wie bei Bienen und Ameisenstämmen oder selbst bei der Jagd durch ein Rudel Raubtiere ebenfalls von Arbeitsteiligkeit sprechen. Das Tun der Tiere greift ineinander und somit ergibt sich, von außen betrachtet, ein sinnvolles, d. h. für die Tiere nützliches Geschehen. Trotzdem würden wir dies noch nicht als Arbeit bezeichnen. Wenn man genauer hinsieht, verschwimmt die Bestimmung, was schon oder noch Arbeit ist: Das Sammeln kann auch ohne Werkzeug (z. B. nur mit der Hand ohne Korb) geschehen. Beim Jagen mit der bloßen Hand wird das schon schwieriger – ein Speer ist ein hergestelltes Werkzeug. Möglicherweise beginnt Arbeit dort, wo Notwendigkeit, Arbeitsteiligkeit, also Kooperation und damit Koordination, und damit auch Herrschaft, aber auch das hergestellte Werkzeug als Bedingung der Tätigkeit zusammengehen. Das bewusste, geplante Herstellen eines Werkzeugs, das für künftige Tätigkeiten einen Zweck erfüllen soll, könnte man daher als Urschritt der Arbeit ansehen. Arbeit ist damit von Technik nicht zu trennen.

Der Übergang von der Jagdkultur zum Ackerbau markiert einen Einschnitt in das Verhältnis des Menschen zu einer Form von Tätigkeit, die wir später Arbeit nennen werden. Wer von der Jagd sprach, sprach über Mut, Abenteuer, Notwendigkeit, über Taten, aber nicht von Arbeit. Der Übergang von einer Nomadenkultur zu einer sesshaften Kultur ist auch der Ausgangspunkt für die geistigen Strömungen, die sich z. B. in den Mythen der Antike, aber auch in der Konstitution der jüdischen Religion um den Auszug aus Ägypten herum manifestieren. Das Gelobte Land, das in Besitz genommen wird, ist das künftige Ackerland, meist fruchtbares Flussland, das sich ein Nomadenstamm erobert und worin er dann sesshaft wird.

3.2 Die Verachtung der Arbeit
3.2.1 Sklavenleben

„Die Geschichte der Arbeitskraft ist eine Geschichte der grausamen Verhältnisse.“3

Sklaverei ist eine uralte Form der Arbeitsorganisation. Sie setzt meist einen räuberischen Eroberungszug oder -krieg voraus, bei dem Menschen aus einem anderen Gebiet als dem eigenen verschleppt, gefangengenommen und auf dem Territorium der Eroberer zur Arbeit gezwungen werden.

Neben der einmaligen, meist kriegerischen oder merkantilen Aneignung von Menschen durch Gewalt als Eigentumsobjekte wie beim Sklavenkauf und -verkauf gibt es weitere Gründe, die zur Sklaverei führen oder sie möglich machen. Dies sind Bedingungen, die dann permanent gegeben sind: Unmöglichkeit zur Flucht, zum Aufstand oder zum Protest. Wenn eine Zwangsherrschaft existiert, die ihre Macht durch Gewalt, mentale Einschüchterung und ökonomische Zwangsbedingungen gegenüber einer Gesellschaftsschicht realisiert, sind ebenfalls Strukturen denkbar, die zur Sklaverei führen. Diese kann meist auf Zustimmung des versklavenden Gesellschaftsteils bauen.

In der sogenannten Achsenzeit (650 – 450 v. Chr.)4 entwickelten sich neben anderen Hochkulturen auch die Gesellschaften im Bereich der griechischen und später der römischen Kultur. Auch hier sind die Formen des menschlichen Zusammenlebens wie auch der kulturellen Leistungen, einschließlich der Philosophie, ein Reflex des Übergangs aus den Anfängen der Stämme, aus Jägern und Ackerbauern hin zu größeren und damit stärkeren Gesellschaftsformen. Der Kampf um Territorien und Unterwerfung war immer auch ein Kampf um Ressourcen, ökonomische Einflussbereiche und nicht zuletzt um billige Arbeitskräfte. Der Begriff des Sklaven taucht erstmals in staatlich verfassten Gemeinschaften auf.5 Mesopotamische wie ägyptische Gesellschaften kennen die Sklaverei, ebenso wie die Hebräer, Griechen und Römer.6 Sklaven und Sklavenhalter sind meist verschiedener ethnischer Herkunft. Sie stammen aus Raubzügen und Eroberungen. Bisweilen werden auch Sklaven aus dem eigenen Volk durch den Verkauf von Familienangehörigen bei extremer Not oder inneren Konflikten7 oder aus vorhandenen Straffälligen rekrutiert.

Auch die griechische Hochkultur sieht Sklaven als eine Selbstverständlichkeit an, so besteht im 4. Jahrhundert v. Chr. allein auf Attika ein Viertel der Bevölkerung aus Sklaven (ca. 80 000). Erst mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft im 6. Jahrhundert v. Chr. wird das Kaufen und Verkaufen von Sklaven im großen Stil möglich. Menschen wurden zur Marktware, Sklavenhandel war Menschenhandel.

Aristoteles (384 – 324 v. Chr.) schlägt vor, dass man treue Sklaven zum Dank für ihre Dienste später freilassen könne.8 Dennoch ist körperliche Arbeit eines freien Menschen unwürdig: Der versklavende Teil einer Sklavenhaltergesellschaft hält dann den versklavten Teil nicht für berechtigt, an der Gesamtgesellschaft in irgendeiner Weise teilzunehmen. Die Begründungen, dies zu rechtfertigen, variieren: Ethnische, rassistische, geschlechtliche, religiöse oder weltanschauliche Vorurteile sorgen dann dafür, dass auch die rechtlichen, bürokratischen und wirtschaftlichen Hürden für eine Teilhabe hoch werden. Die Minderheit hat keine Chance, ihre Situation zu verändern, sie hat keinen Zugang zu rechtlichen, solidarischen, ökonomischen oder politischen Möglichkeiten.

Ökonomisch entscheidend bei der Sklavenarbeit ist der minimale Gestehungs- und Erhaltungsaufwand der Arbeitskraft der Sklaven: Nahrung und Unterkunft sind zu leisten, aber wegen des Alterungsprozesses der Träger der Arbeitskraft und des Nachlassens der Leistung bei gleichem Aufwand von Nahrung und Unterkunft ist es gegen Ende des Arbeitslebens eines Sklaven ökonomisch günstiger, seine Arbeitskraft bis zur Erschöpfung bzw. Vernichtung auszubeuten. Die Herrschaftsverhältnisse sind klar: Person und Arbeitskraft sind Eigentum des Herrn. Da der Sklave wie eine Sache behandelt wird, ist er Objekt der willkürlichen Verfügung, ihm werden von der Gesellschaft keinerlei Rechtsansprüche zugebilligt, weil er in ihren Augen kein Rechtssubjekt ist.

Ob es keinen, oder wenn doch, dann einen geringen Lohn gibt, entscheidet der Eigentümer des Sklaven. Eine gewisse Einsicht in die Psychologie der Arbeitsmotivation hat wohl Pate gestanden, als das römische Recht Regeln für die Behandlung von Sklaven aufstellte. So konnte einem Sklaven die Freiheit gegeben werden und er durfte nicht willkürlich, d. h. nicht ohne Grund getötet werden.9

Sklaven in den Bereichen der Bauarbeiten – paradigmatisch denkt man an den Pyramidenbau – schufteten unter gefährlichen Arbeitsbedingungen und in vielen anderen Bereichen waren ebenfalls erniedrigende Arbeitsinhalte die Regel. So gab es auch keine Mitsprache bei Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation, wenngleich man auf den Ratschlag erfahrener Sklaven im einen oder anderen Fall zurückgegriffen haben mag. Man kann es wenden, wie man will, aber die Lage der Arbeiter auf den Baustellen der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar erfüllt zum großen Teil die hier geschilderten Bedingungen.

Was uns heute so erniedrigend bei der Sklavenarbeit erscheint, ist neben der körperlichen Mühsal und der Unfreiheit der Umstand, dass durch ihre Arbeit keine gesellschaftliche Teilhabe an der Gesamtgesellschaft möglich war. Sie waren, obwohl ihre Arbeit einer der Hauptfaktoren des Wohlstands antiker Gesellschaften war, aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Bei Platon (427 – 347 v. Chr.) waren sie der niedrigste Stand in seinem Staatsmodell.10 Hinzu kommt, dass sie keinen Zugang zu ihren Arbeitsergebnissen hatten, sie konnten nicht sehen, für was sie was tun und warum. Dies war eine Entfremdung von Arbeit durch Entzug der Einsichtsgewinnung in die Sinnhaftigkeit der Arbeit.

Es gab freilich höhergestellte Sklaven, ja Sklavenhierarchien. Haussklaven, die als Diener alles tun mussten, was von ihnen verlangt wurde, gewannen, so zeigt es die Literatur, durchaus ein Vertrauensverhältnis zu ihrer Herrschaft. Gute Behandlung auf der Seite des Herrn und Treue auf der Seite des Sklaven bedingten sich. Im Hippokratischen Eid sind sie durch das Verbot sexueller Beziehungen zu den Mitgliedern des Hauses, das der Arzt besucht, ebenso geschützt wie die freien Bürger.11

Arbeit als Strafe kann Gegenstand von Sklavenarbeit sein, aber nicht immer. Es gab Herrscher, die meinten, ein Volk, das besiegt wurde, bestrafen zu müssen, und begründeten die Sklavenarbeit der Betroffenen mit der Strafwürdigkeit des Vergehens, sich nicht ergeben zu haben. Man muss sich klar machen, dass über 13 Mio. Menschen im Zweiten Weltkrieg verschleppt und zur Arbeit unter unwürdigsten Bedingungen gezwungen wurden.12

Auch die Götter wussten durch Arbeit zu strafen. Sisyphos scheint uns das Sinnbild für sinnlose, absurde Arbeit zu sein, die nur als Strafe interpretiert werden kann (siehe Bild 3.1). Sisyphos ist der Sohn des Aeolus, des Herrn der Winde.13 Durch seine Schlauheit wird er rasch berühmt und so kommt auch der Flussgott Asopus zu ihm, um zu fragen, wer denn der Räuber seiner Tochter Aegina sei. Sisyphos gibt wahrheitsgemäß, aber leichtsinnigerweise Zeus als Übeltäter an. Das gibt Ärger und Zeus ersinnt eine perfide Strafe im Tartarus, der untersten Stufe im Hades: Sisyphos muss einen Felsblock auf die Höhe eines steilen Berges wälzen. Sobald er mit dem Stein oben angelangt ist, rollt er wieder hinab, und Sisyphos muss seine Arbeit ewig von Neuem beginnen.14

Die vordergründige Interpretation ist nicht schwierig: Sinnlose Arbeit, die repetitiv zu keinem Ziele führt, kann nur Strafe sein. Verschärfend wirkt die Strafe, wenn sie einen intelligenten Menschen trifft, der die Absurdität seiner Arbeit erkennen kann.15

Bild 3.1 Sisyphos16

Als nach dem amerikanischen Bürgerkrieg mit dem dreizehnten Zusatz (Amendment) zur Verfassung der Vereinigten Staaten die „Sklaverei oder unfreiwillige Knechtschaft“ abgeschafft wurde, meinte die Welt, dass diese Phase der Geschichte der Arbeit nun endgültig vorbei sei. Es bildeten sich aber neue Formen von Knechtschaft aus: die moderne Fronarbeit, wie wir sie z. B. in den Emiraten am Golf kennengelernt haben, und die Bestrafung in Form von Zwangsarbeit. Diese Form ist nach wie vor aktuell in den USA: Nach der Abschaffung der Sklaverei ging der US-Ökonomie gerade in den Südstaaten eine Heerschar von unbezahlten bis billigen Arbeitskräften verloren. Der dreizehnte Zusatz erlaubte aber Zwangsarbeit als Strafmaßnahme.17 Das führte zu einer Entwicklung, in der man ehemalige Sklaven bei minimalen Übertretungen so hart verurteilte, dass Zwangsarbeit als Strafe verhängt werden konnte. Der Staat vermietete die Häftlinge als Zwangsarbeiter an die Wirtschaft (sogenanntes convict leasing) und dies ist heute noch ein Grund dafür, dass die Gefängnisse in den USA überwiegend von schwarzen Männern belegt sind.18

Zweifelsohne ist Arbeit als Strafe immer Zwangsarbeit, die durch rechtliche Mittel (unabhängig von deren Legitimation) zu begründen versucht wird. Dass wir auch heute in Europa vom Zusammengang von Arbeit und Strafe nicht so weit entfernt sind, zeigt der Zeitungsausschnitt in Bild 3.2.

Bild 3.2 Arbeit statt Haft19

Fronarbeit ist Zwangsarbeit. Der Übergang zur Sklaverei ist fließend, wenn man sich die obigen Bedingungen nochmals ins Gedächtnis ruft. Bei Fronarbeit machen es rechtliche oder ökonomische Randbedingungen, auch bei Abwesenheit von Gewalt, unmöglich, eine andere Arbeit zu tun als die, die vorgeschrieben wird.

Die Fronarbeit der leibeigenen Bauern, deren Leibeigenschaft erst im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts in Deutschland schrittweise aufgehoben wurde, dürfte zwischen Zwangsarbeit und Sklaverei stehen: Auch hier gab es keinen oder nur einen geringen Lohn unabhängig von der Leistung. Bei Pacht waren hohe Abgaben an die Herrschaft fällig und es herrschte Ausbeutung der Arbeitskraft bis an die Grenze des Leistbaren. Überwiegend harte körperliche Arbeit, gefährliche Arbeitsbedingungen und keine bis wenig Mitsprache bei Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation dominierten. Da die Rechtsansprüche so festgelegt wurden, dass sie praktisch wirkungslos waren, waren Person und Arbeitskraft durch diese Bedingungen unentrinnbar in der Hand dessen, der über die Arbeit bestimmt.

Verrichtete der Sklave gute Arbeit, war er trotz deren Nützlichkeit verachtet, da er kein freier Bürger war. Es gab aber gleichwohl auch Freie, die einer Tätigkeit nachgingen, die ebenfalls verachtet war. So schrieb der römische Philosoph Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.):

„Da in der Werkstatt kein Raum für erhabene Gedanken ist, verrichten alle Handwerker einen schmutzigen Beruf. Am meisten sind jene Berufe zu verachten, die von den Sinnesfreuden leben: Fisch- und Geflügelhändler, Metzger und Köche, die Verkäufer von kosmetischen Artikeln, Tänzer und Gaukler. Ehrenhafte Berufe sind jene, die besondere Fähigkeiten erfordern und gemeinnützig sind, wie die Heilkunst, die Baukunst und der Unterricht in den Wissenschaften. Der Kleinhandel ist ganz und gar zu verurteilen, der Großhandel jedoch, der aus allen Teilen der Welt vielerlei Waren einführt und diese, ohne zu betrügen, vielen zugänglich macht, ist nicht zu verachten.“20

Diese Verachtung hatte ökonomische, aber auch schon vor Cicero philosophische Gründe.

3.2.2 Die Verachtung der Arbeit: der Mythos

Gehen wir nochmals einen Schritt zurück und fragen uns danach, was die Mythen über die menschliche Arbeit zu berichten wissen. Dazu folgt zunächst eine Vorbemerkung.

Vorbemerkung zur Mythologie

Der Begriff des Mythos wird gerne verwendet, wann man etwas als unklar verstanden wissen will (Mythen und Sagen), wenn man eine Überhöhung eines Geschehens in einem Bericht als nicht sonderlich reflektiert kritisieren möchte oder wenn man, als historisierende Kategorie, Theogonien oder Kosmologien21 in ihrer erzählerischen Form kennzeichnen möchte. In allen drei Bedeutungen ist der Gebrauch des Wortes heutzutage gleichsam pejorativ: Wüsste derjenige, dass seine Erzählung nur ein Mythos ist, hätte sich der Mythos selbst schon aufgehoben.

Man kann durchaus versuchen, den Mythos in gewisser Weise zu rehabilitieren:22 Mythos ist in einer solchen Sichtweise nicht eine dunkle Erzählung, sondern der erste Schritt zur Aufklärung. Die Angst des Menschen, die im Mythos zum Ausdruck kommt, ist ein Reflex der erfahrenen Übermacht der Natur über den Menschen.23 Der Animismus, der die Dinge als beseelt ansieht, ist dann schon der Beginn einer Erklärung: Warum verhalten sich die Dinge so, wie sie es tun? Weil die Dinge von Geistern oder höheren Mächten bewegt und geführt werden. Wenn dies so ist, dann gilt dies auch für den Menschen.24 Doch das hier zutage tretende Verhältnis des Menschen zur Natur ist nicht Projektion, wie wir dies wissend lächelnd heute zu verstehen meinen, sondern ist asymmetrisch: „Die Menschen hatten immer zu wählen zwischen ihrer Unterwerfung unter Natur oder der Natur unter das Selbst.25 Trotz der Übermacht hat dies etwas Tröstliches. Die im Schrecken erfahrenen Ursprungsmächte bekommen nun einen Namen, die Götter werden in einer Hierarchie angeordnet. Dies ist ein erster Schritt der Rationalisierung: „Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären.26

Man kann daher den Gestalten mythologischer Erzählungen, ihren Beziehungen untereinander und für was sie stehen in gewisser Weise ansehen, wie die Menschen damals das sahen, was durch diese Gestalten personifiziert wird. Wenn man so will, sind sie ein hervorragendes Instrument, um die Hermeneutik, also die Deutungskunst dieser Zeiten, die immer auch eine Menge psychologischer Erkenntnisse einschließt, zu analysieren. Denn zum einen ist die Mythologie immer auch eine Erzählung von Heldentaten, vollbracht durch Menschen, die dann in der Erzählung selbst zu Göttern werden (Aufnahme in den Olymp) oder aber die Transformation von Heldentaten aus der Geschichte in stilisierte Taten von Göttern.27

Hier ist interessant, dass die Protagonisten durch ihre Taten charakterisiert werden. Welche dieser Taten können wir auf den ersten Blick als Bilder menschlicher Arbeit erkennen?

Die Erzählungen

In der griechischen Mythologie (gesammelt vor allem durch Hesiods „Theogonia“ und die beiden großen Dichtungen Homers in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr., die Illias und die Odyssee) wird von einem Schwerarbeiter berichtet. Es ist Herakles, der Sohn von Zeus und Alkmene. Seine Leistungen werden als Herkulesarbeit sprichwörtlich.28 Seine Arbeit spielt sich im engen Rahmen göttlich inspirierter Aufträge ab, die aber absichtlich einen eher erniedrigenden oder höchst gefährlichen Charakter haben.29

Die Erzählung geht so: Hera, die etwas zickige Gattin des Zeus, hasst Herakles (lateinisch: Herkules) und sendet ihm eine geistige Verwirrung, einen Wahn. In diesem Wahn tötet Herakles seine Frau und drei Kinder. Um diese Schuld zu tilgen, rät ihm das Orakel von Delphi, Diener seines Vetters Eurytheus, des Königs von Mykene, zu werden. Dies ist eine Übung in Demut, aber auch eine Bewährungs- und Entwicklungschance. Eurytheus ersinnt, angestiftet von Hera, die Herakles immer noch hasst, als Buße zwölf schwierige Aufgaben, die er mit Bravour meistert.

Dazu zählen die Tötung (1) des nemeischen Löwen und (2) der vielköpfigen Hydra, (3) der Einfang der heiligen Hirschkuh und (4) des erymantischen Ebers, (5) das Ausmisten des Stalls des Augias und (6) die Vertreibung der menschenfressenden Vögel am See Stymphalos.30 Dann hat er noch (7) den kretischen Stier zu erlegen und muss (8) die menschenfressenden Stuten des Königs Diomedes nach dessen Tötung von Thrakien nach Mykene bringen. Als er (9) die Rinder des dreiköpfigen Ungeheuers Geryon rauben soll, stellte Herkules zwei große Felsen (gemeint sind die Berge Gibraltar und Ceuta, die heute die Straße von Gibraltar flankieren) als ein Denkmal seiner Reise auf. Nachdem Herakles auch dies erledigt hat, wird er beauftragt, (10) die goldenen Äpfel der Hesperiden nach Mykene zu bringen. Da Herakles nicht weiß, wo sich diese Äpfel befinden, bittet er Atlas, den Vater der Hesperiden, um Hilfe. Atlas willigt unter einer Bedingung ein: Herakles soll ihm (11) seine Last, nämlich die Welt auf seinen Schultern zu tragen, wenigstens so lange abnehmen, solange er brauche, um die Äpfel zu besorgen. Atlas will Herakles seine Last endgültig belassen. Er denkt gar nicht daran, die Welt erneut zu schultern, aber Herakles überlistete ihn. Atlas schenkt Herakles für seine Arbeit und seine Dienste nicht nur alles, was er braucht, sondern auch die Kenntnis der Gestirne. Die letzte Arbeit besteht darin, (12) den dreiköpfigen Hund Zerberus aus der Unterwelt heranzuschaffen. Hades, der Gott der Toten, erlaubte zwar Herakles den Höllenhund mitzunehmen, aber er muss dies ohne Waffen bewerkstelligen. Herakles bringt Zerberus nach Mykene und gibt ihn dann zurück an den Gott der Unterwelt, Hades.

Herakles stirbt schließlich am Blut der Hydra, das an einem Mantel klebt, den er sich in einer Verkettung von Missverständnissen und Eifersucht überstreift. Der Schmerz des Giftes ist so groß, dass er sich selbst verbrennt. Abgesehen von der in der griechischen Mythologie häufig vorkommenden Tragik, dass der Held durch eben das Gift zugrunde geht, das er selbst in einer seiner Heldentaten besiegt hat, sind die zwölf Arbeiten des Herakles ein Panoptikum der Heldentaten schlechthin, die getrost als Arbeit angesehen werden können. Es ist nicht nur der Einsatz von (übermenschlicher) Kraft, sondern auch der Einsatz von Wissen und erheblicher Intelligenz, der Herakles erfolgreich sein lässt – ganz wie später der listenreiche Odysseus. Auch ist die Zwangssituation gegeben, denn Herakles muss sich bewähren. Die Aufgaben verschlüsseln in gewisser Weise die Natur der menschlichen Arbeit aus der Sicht der Dichter der Mythologie.

Da die Zahl der Aufgaben zwölf ist und wir eine mythologische Erzählung vor uns haben, ist es nicht weit hergeholt zu vermuten, dass die Zahl Zwölf etwas symbolisiert. Zunächst sind es zehn Aufgaben, die Zehn gilt als ein Symbol für Vollständigkeit. Danach ist Eurytheus leider noch nicht zufrieden. Die Zwölf symbolisiert in der griechischen Mythologie neben den zwölf Sternkreiszeichen und den zwölf Göttern des Pantheons auf dem Olymp die Vollkommenheit. Das bedeutet, dass die Arbeiten des Herakles alle Typen von lobenswerten Tätigkeiten umfassen. Zum einen ist die Durchführung der Aufgaben aus der Sicht des Auftraggebers in einigen Fällen eine Notwendigkeit, die Bedrohungen und Gefahren abzuwenden (1), (2), (4), (6), (7), (8), in einem Fall eine Ordnung (12) und dem anderen Fall notwendige Strukturen (5) wiederherzustellen, und in den restlichen Fällen sind die Niedertracht und die Habgier des Auftraggebers zu befriedigen (9), (10). Während das Ausmisten des Stalls (5) durchaus auch die Funktion der Demütigung aufweist (man könnte es auch Dreckarbeit nennen), was Herakles aber durch Einführung einer Wasserspültechnik elegant umgeht, verbleibt noch Aufgabe (11) mit dem Moment der Arbeitsübernahme, den Tricksereien des Atlas und der dann doch noch gerechten Entlohnung.

Während Herakles (Herkules) der Held der Taten ist, die Arbeit bei ihm also einen Teil des heroischen Lebens darstellt, ist eine andere Figur der griechischen Mythologie31 eher der Bestrafte und Verachtete. Es ist Hephaistos (Vulcanos), der Schmied. Er ist der Gott des Feuers, der Schmiede und der Handwerker, einer der Söhne von Göttervater Zeus (Jupiter) und seiner Gattin Hera (Juno). Er steht in naher Beziehung zu seinem Bruder, dem Kriegsgott Ares (Mars), dem er die benötigten Waffen schmiedet.32

Da Hephaistos schwächlich geboren wird, will seine Mutter Hera ihn verstoßen und wirft ihn kurzerhand den Olymp hinunter. So wird Hephaistos zum hinkenden Krüppel, denn er überlebt und wird von Meeresgöttinnen aufgefangen. Danach lebt er neun Jahre lang in einer Grotte, wo er Schmuck anfertigt. Da er der Gott des Feuers ist, der das in den Bergen (Vulkanen) speiende Feuer bewacht, aber auch das Feuer, das dem Menschen für Gewerbe, Künste und Kochkunst unentbehrlich ist, ist er auch der Gott der Schmiede, die das Feuer zur Herstellung benutzen. So fertigt er in der besagten Zeit auch einen Zaubersessel, von dem sich niemand ohne seine Erlaubnis würde erheben können. Er sendet diesen Sessel als „Geschenk“ an seine Mutter Hera, um sich für den Sturz aus dem Olymp zu rächen. Erst Bacchus, der ihn betrunken macht, kann ihn dazu bewegen seine Mutter zu befreien, und so kehrt er auf den Olymp zurück. Nach einem erneuten Streit schleudert ihn diesmal Zeus vom Olymp. Da er ab da als kunstreicher Gott gilt, schmiedet er sich als Erster eine Prothese, um wieder gehen zu können, aber auch sonst stellt er in der Folgezeit wunderbare und nützliche Dinge her, und haust in Höhlen, da er in verschiedenen feuerspeienden Bergen wie dem Ätna beheimatet ist.

Hephaistos ist die Verkörperung des verachteten Handwerkers, der nützlich ist, aber im Olymp nichts zu suchen hat. Er ist im Mythos der Erste, der die menschliche Unzulänglichkeit mit den Ergebnissen seiner Arbeit kompensiert, indem er eine Prothese als Hilfsmittel herstellt. Durch seine Kunst hat er die Macht, sich zu rächen, aber das reicht nicht: Seine Arbeit sichert ihm nicht den Platz bei den Göttern.

Der griechische Mythos lebt in der Welt der bedarfsorientierten agrarischen Produktion (Subsistenzwirtschaft). Der Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit ist schon längst geleistet. Der Schweiß ist noch keine Strafe der Götter. Die Erde ist nicht mit einem Fluch belegt. Die Helden sind zwar, soziologisch gesehen, Angehörige des Adelsstandes, aber:

„Arbeit und Muße im Lebenskreis der homerischen Helden war wesentlich dadurch bestimmt, dass die adligen Grundbesitzer Knechtsarbeit ausnutzen konnten, aber von der körperlichen Arbeit . . . noch nicht gänzlich getrennt waren: ihre körperliche Arbeit erhielt dadurch zu einem Teil den Charakter der Freiwilligkeit.“33

Zur Muße gehören bei Homer das sportliche Spiel, die Wettkämpfe, aber auch der kriegerische Raub, zur Arbeit gehört das Vollbringen von Werken. Der griechische Ausdruck έργα (érga) hat sowohl die Bedeutung von Bewirkung wie von Werk und damit die ähnliche Doppel-Bedeutung des deutschen Ausdrucks Arbeit, der sowohl den Vorgang des Tätigseins wie dessen Ergebnis bezeichnet. Der Vorgang, das Tätigsein, ist jedoch immer mit πóνος (ponos, Mühe) verbunden.

Der Versuch der Rehabilitierung

Doch schon Hesiod (ca. 700 v. Chr.) versucht, die Arbeit gegenüber dem vorherrschenden Bild im Mythos zu rehabilitieren, und nennt bereits wesentliche Bestimmungsstücke der Arbeit.

Zum einen die Notwendigkeit der Arbeit:

„[Nur] wer das vorhandene mehrt, entgeht dem brennenden Hunger“;

Zum anderen den Erwerb von Wohlstand:34

„Wenn du der Arbeit ergeben, bald wird dich der Faule beneiden/Um deine Fülle; der Fülle aber folgt Ehre und Ansehn“;35

Und schließlich die moralische Ächtung der Faulheit:

„Vor Verdienst setzen den Schweiß die unsterblichen Götter; . . .

Der ist den Göttern und Menschen verhasst, der ohne zu wirken

Hinlebt; gleicht er doch den faul-nichtsnutzigen Drohnen;

Die da als zwecklose Fresser das Werk der Bienen vernichten.

Dir aber sei gelegen an wohlgemessener Arbeit,

dass dir immer die Scheunen mit Früchten des Jahres gefüllt sind.

Arbeit macht ja reich die Männer an Herden und Habe,

Fleissige Arbeit macht die ja auch den Ewigen werter

Und den Menschen dazu; sie hassen ja müßige Leute.

Arbeit bringt keine Schande, die Faulheit aber bringt Schande.“36

Homer kritisiert den Umschlag der Muße (tätig wie genießend) in den bloßen Müßiggang, der notwendigerweise dann die parasitäre Existenz des Adels nach sich zieht: Agamemnon, so beklagt sich Homer, verschlinge die Habe seines Volkes,37 die Heerführer tränken auf Kosten des Volkes und Odysseus bekennt:

„Also focht ich im Krieg und liebte weder den Feldbau noch die Sorge des Hauses und blühender Kinder Erziehung; . . . denn dem einen gefällt dies Werk, dem anderen jenes.“38

3.2.3 Die philosophische Verachtung der Arbeit

Der Blick in die antike Philosophie zeigt jedoch wieder ein ähnliches Muster wie im Mythos: Die Tat ist alles, Arbeit ist (fast) nichts.

Der vorangehend erwähnte Übergang von der nomadischen in eine sesshafte Kultur findet seinen Reflex in jener großartigen Strömung, die wir griechische Aufklärung nennen und der wir die klassische Periode der griechischen Demokratie, Kunst und Philosophie verdanken. Platon beschreibt in seinem Staat den Übergang von der Existenz der Nomaden zu den Sesshaften, erst die städtische Kultur und damit auch die Arbeitsteiligkeit ermöglicht es, die Technik zu entwickeln (Waffen, Schiffe), die man zur Kolonialisierung braucht. Diese wiederum speist neue kulturelle Erfahrungen ein, öffnet eine Gesellschaft für neue Ideen, zieht alte Traditionen in Zweifel.

Dass die philosophischen Lebensideale im klassischen Griechenland mit oligarchischer Ideologie getränkt sind, kann man leicht in dem großen Dialog „Der Staat“ (Politeia) bei Platon nachlesen, der Dichter Aristophanes (446 – 380 v. Chr.) soll spöttisch bemerkt haben, dass nur derjenige arbeite, der es eben nötig habe,39 und Sokrates soll die Muße die Schwester der Freiheit genannt haben.40 Die ideale griechische Gesellschaft besteht nach Platon aus Bürgern (nicht Bürgerinnen), die nicht faul sind, sondern in Muße ihrer Tätigkeit zum Wohle des Staates nachgehen wie dem Diskutieren auf dem Marktplatz, dem Bekleiden von Ämtern, dem Führen von Kriegen, dem Aufführen von Dramen und Abhalten von Festen. Klassische Philosophie entstand in einer solchen Klasse der Freiheit und der Muße – zumindest als Leitbild – und sie war antidemokratisch. Dass Handwerker und Gewerbetreibende zunehmend in das politische Leben zu diffundieren begannen, beklagte Platon zwar, aber es tat seinem Staatsmodell keinen Abbruch.

Arbeit als Mühsal und Notwendigkeit, der Armut zu entfliehen, überhaupt leben zu können, wenn es keine anderen Mittel dafür gab, war letztlich Sache der Sklaven, der Unfreien. Sie gehören, wenn überhaupt, dem untersten Stand im Drei-Klassen-Staat des Platonischen Entwurfs an.

Der Staat beginnt nach Platon mit den Bedürfnissen: Daraus entwickelt sich notwendigerweise die Arbeitsteiligkeit als die Keimzelle des Staates. Die Bedürfnisse sind zunächst Nahrung, Werkzeug, Kleidung und Haus. Nun haben verschiedene Menschen verschiedene Fertigkeiten, die sie nur zu bestimmten, aber verschiedenen Zeiten einsetzen können. Es lohnt sich, einen Blick auf die Stelle des Dialogs zu werfen, in dem die literarische Gestalt des Sokrates gegenüber dem etwas kleinlaut bestätigenden Adeimantos seine Sicht entwickelt:

„Es entsteht denn also, begann ich, ein Staat, wie mir scheint, wenn jeder von uns nicht sich selbst genug ist, sondern viele Bedürfnisse hat. Oder was anderes hältst du für den Anfang, einen Staat zu gründen?

Nichts, erwiderte er.

So nimmt also jeder den einen für dieses, einen anderen für ein anderes Bedürfnis zu Hilfe: und da der Bedürfnisse viele sind, so bekommen wir viele Genossen und Helfer auf einen Wohnplatz zusammen, und dieses Zusammenwohnen nennen wir Staat: nicht wahr?

. . .

Nun ist aber das erste und größte Bedürfnis die Herbeischaffung von Nahrung um des Seins und Lebens willen.

Gewiß.

Das zweite das der Wohnung, das dritte das der Kleidung und dergleichen.

So ist’s.

Wohlan denn, sagte ich, wie wird der Staat so vieles herbeizuschaffen vermögen? Nicht wahr, der eine ist ein Landmann, der andere ein Häuserbauer, ein dritter Weber? Oder wollen wir auch noch einen Schuhmacher hinzufügen oder irgendeinen andern, der für den Leib sorgt?

Recht so.“41

Das bedeutet: Der Landmann braucht Pflug und Spaten. Hierfür braucht es Schmiede, d. h. Handwerker. Die Hirten sorgen für die Nutztiere, für den Transport der Güter und für die Ernährung. Das Ganze wird durch die Abgesandten für Importe, Kaufleute und deren Gehilfen in Schwung gehalten. Es bedarf der Seefahrer, des Geldes und der Händler. Der Lohndiener verkauft die Verwendung seiner Kraft. Es gibt Luxusbedürfnisse, die nicht unbedingt notwendig sind, aber zu deren Befriedigung ebenfalls Tätigkeiten und Berufe bereitstehen: Feiern, Schmausen, Schmuck, Wein, Möbel, Prostituierte, Backwerk, Salben, Malerei und Musik. Dann braucht es die Diener als Knabenerzieher, Ammen, Wärter und Kammerjungfern sowie ferner Barbiere, Köche und Bäcker. Bleibt noch, die Ärzte, Giftmischer, Gehilfen und deren Schüler zu erwähnen. Jeder Staat braucht schließlich Wächter, die den zweiten Stand bilden: Krieger, Soldaten und Polizisten.

Doch auch geistige Arbeit ist Arbeit, auch das Nachdenken über den Staat ist „keine kleine Arbeit“ und in der Kunst der Rede42 wird das Wort wie ein Werkzeug benutzt. Im Dialog Kratylos geht es um das Wort als Werkzeug, gleichzeitig wird aber von der Verbundenheit und der inneren Abhängigkeit der Arbeit und der Arbeitsteilung gesprochen: So muss das Fertigen eines Werkzeugs unter der Aufsicht des künftigen Nutzers geschehen. Die Analogie zwischen dem Wort als Werkzeug und der Weberlade als Werkzeug wird konsequent auf die Frage hingesteuert, wie das Verhältnis von Brauchendem, dem Gebrauchten und dem Hersteller oder Verfertiger des Gebrauchten sei.43

Die Arbeitsteiligkeit bei Platon ist aber keine Produktivkraft, weil sie ausschließlich durch die Bedürfnisse bestimmt ist. Deshalb wird sie auch nicht weiterentwickelt. Die Arbeitsverhältnisse und damit die Standesverhältnisse wie die Geschlechterverhältnisse werden festgezurrt. Ein Übergang zwischen den Ständen ist kaum möglich. Die drei Stände Philosophen und Könige, Wächter und Handwerker (die Sklaven kommen als eigener Stand gar nicht vor) werden nicht nur durch ihre Tätigkeit und Stellung im Staat, sondern auch durch die Seelen- bzw. Körperteile sowie die notwendigen Tugenden charakterisiert. Dem ersten Stand entsprechen die Seele und das Denken, dem zweiten Stand die Körperstärke und Tapferkeit und dem dritten Stand der Bauch und die Begierde. Damit ist auch festgelegt, welcher Stand welche Qualifikationen haben muss, um die darin anstehenden Aufgaben zu erfüllen.44

Der Arbeiter muss das Produkt entsprechend den Bedürfnissen so gut wie möglich herstellen, das aber bringt ihm eigentlich nur Nachteile. Handwerker sind auf ihrem Gebiet weise, auf allen anderen Gebieten aber sind sie beschränkt.45 Interessanterweise weiß bei Platon der Konsument, der Gebrauchende, über die Produkte meistens besser Bescheid als der Produzent selbst.46

Die Arbeitsteilung beginnt bei Platon aufgrund einer Art Zeitökonomie:

„So bestände also der notdürftigste Staat aus vier oder fünf Menschen? – Offenbar. – Wie ist’s nun? Soll jeder von diesen seine Arbeit für alle gemeinschaftlich machen, z. B. der Landmann allein für vier Getreide herbei schaffen und die vierfache Zeit und Mühe aufwenden zur Herbeischaffung von Getreide, oder soll er, um sie unbekümmert, für sich allein den vierten Teil des Getreides schaffen in dem vierten Teil der Zeit und die drei anderen Vierteile das eine zur Anschaffung des Hauses verwenden, das andere zu der eines Kleides, das dritte zu der von Schuhen, und nicht mit der Mitteilung an andere sich bemühen, sondern allein für sich seine Sachen besorgen?“47

Dass Arbeit, insbesondere die handwerkliche Arbeit, in der Antike geringgeschätzt, aber doch benötigt wurde, haben wir öfters hervorgehoben. Das Paradigma des handlungsentlasteten Philosophen schloss zwar nicht aus, dass man die Hervorbringungen des Handwerks geschätzt hätte, aber jede Lohnarbeit, so Aristoteles, beraube das Denken der Muße und gebe ihm eine schlechte Richtung,48 ja weiter noch, selbst mit den eines freien Mannes nicht unwürdigen Wissensgegenständen solle man sich nur zu einem gewissen Grade abgeben.49 Hier klingt bereits an, dass Muße als von jedem Zwecke befreites geistiges Interesse, vor allem also frei von Notwendigkeit, der Arbeit entgegengesetzt wird. Es mutet etwas seltsam an, wenn in diesem antiken Denken die ursprüngliche bäuerliche Arbeitsethik „von der herrschenden Klasse mit Lob in die Verachtung der produktiven körperlichen Arbeit eingebaut wird“.50

Aristoteles hat sich aber dennoch intensiv mit Arbeit als Arbeit beschäftigt. In seiner Nikomachischen Ethik unterscheidet er zwei Haltungen, diejenige des Hervorbringens, der ποϊησις (poïesis), und diejenige des Guthandelns, der εύπραξία (eupraxía). Die ποϊησις hat ein Ziel, nämlich etwas hervorzubringen, was man im Akt des Hervorbringens abtrennen kann, das Produkt. Dieses Ziel ist, heute würden wir sagen, instrumental gedacht. Das Produkt hat eine Funktion, d. h. es ist für etwas da und erfüllt einen Zweck. Dieser Zweck ist vom Prozess des Herstellens unabhängig, d. h. er liegt außerhalb der entsprechenden Handlungen. Die andere Haltung, die εύπραξια, das gute Handeln, hat sein Ziel in der Handlung selbst, lässt sich also nicht vom Ergebnis trennen. In diesem Falle ist das gute Handeln selbst das Ziel.51

Hier klingt bereits eine Unterscheidung an, die sich bis hin in die moderne Kritik der Aufklärung und der kritischen Theorie auswirkt. Es ist die Unterscheidung zwischen instrumenteller Vernunft und praktischer Vernunft. Die instrumentelle Vernunft orientiert sich an Zweck-Mittel-Relationen. Sie negiert bewusst oder unbewusst die Wechselbeziehung zwischen Mittel und Zweck, weil sie auf eine Optimierung des Instruments, der Mittel aus ist und nicht auf eine ethische Debatte der Zwecke. Die εύπραξια, das gute bzw. angemessene oder vernünftige Handeln, das in sich gut sein soll, finden wir in der praktischen Vernunft bei Kant wieder. In der Moderne finden wir den Begriff wieder bei den Beschwörungen, dass die Wahl der Mittel bereits schon etwas über den Zweck aussagen und Zwecke ebenso wie die Mittel zur Disposition stehen müssten oder besser, einem Diskurs zu überantworten seien.

Die Stelle in der Nikomachischen Ethik könnte man als den philosophischen Ausgangspunkt der Spaltung in zwei Kulturen ansehen, wie sie P. C. Snow in seinem Vortrag schon früh diagnostiziert hat:52

„Was sich anders verhalten kann, ist teils Gegenstand des Hervorbringens, teils Gegenstand des Handelns. Denn Hervorbringen und Handeln sind voneinander verschieden. . . . Demnach ist auch der mit Vernunft verbundene Habitus des Handelns von dem mit Vernunft verbundenen Habitus des Hervorbringens verschieden, weshalb auch keiner in dem andern enthalten ist. Denn das Handeln ist so wenig ein Hervorbringen als das Hervorbringen ein Handeln.

Da aber zum Beispiel das Vermögen zu bauen eine Kunst und ein mit Vernunft verbundener Habitus des Hervorbringens ist, und da ferner keine Kunst zu finden ist, die kein mit Vernunft verbundener Habitus des Hervorbringens wäre, und umgekehrt auch kein solcher Habitus, der nicht Kunst wäre, so wird Kunst und mit wahrer Vernunft verbundener Habitus des Hervorbringens ein und dasselbe sein.

Gegenstand jeder Kunst ist das Entstehen, das regelrechte Herstellen und die Überlegung, wie etwas, was sowohl sein als nicht sein kann, und dessen Prinzip im Hervorbringenden, nicht im Hervorgebrachten liegt, zustande kommen mag. Auf das, was aus Notwendigkeit ist oder wird, geht die Kunst so wenig, wie auf das, was von Natur da ist oder entsteht, da derartiges das bewegende Prinzip in sich selber hat. Da nun das Hervorbringen vom Handeln verschieden ist, so muß die Kunst auf das Hervorbringen, nicht auf das Handeln gehen.“53

Arbeiten ist aber keine abstrakte oder auf das Individuum bezogene Tätigkeit. Vielmehr hebt schon Aristoteles die Kooperation (wie sie später Karl Marx als eines der Bestimmungsmerkmale für Arbeit nannte) hervor:

„Sämtliche Gemeinschaftsverhältnisse sind als Bestandteile der Staatsgemeinschaft dieser untergeordnet. Sie haben zum Inhalt die Gemeinschaft der Arbeit für einen nützlichen Zweck und der Fürsorge für eines der Lebensbedürfnisse. Auch die Staatsgemeinschaft selber ist doch wohl bestimmt durch die Rücksicht auf das Nützliche in ihrer Entstehung, wie in ihrem Fortbestände. Das ergibt das Ziel, das die Gesetzgebung im Auge hat; gerecht heißt das, was das gemeine Wohl fördert.“54

Doch die Trennung bleibt: Aristoteles unterscheidet zwischen den Berufstätigen, ohne die der Staat zwar nicht bestehen kann, und denjenigen Berufsständen, die den eigentlichen Bestandteil des Staates bilden. So sind Bauern, Handwerker und Lohnarbeiter unentbehrlich, „Teile des Staates aber sind die waffentragenden Bürger und der beratende Körper“.55

Es ist auch hier wieder die Gruppe der Handwerker (βάναυσοι, banausoi) und der spezialisierten Berufe (τεχνíται, technitai): Die abwertende Einschätzung dieser Gruppe hängt mit der Verachtung der Lebensweise zusammen, die mit dem Handwerkersein nach Ansicht des Philosophen verbunden sein soll – praktisch, gierig, aus dem Bauch heraus.56

Allerdings sieht Aristoteles durchaus auch eine Aufhebung dieser Trennung: „Wir opfern unsere Muße, um Muße zu haben . . .“, d. h., wir arbeiten, um danach nicht mehr arbeiten zu müssen.57

Erst die Stoiker rückten wieder von der Verachtung der Arbeit ab, den Römern galt der Gedanke des Dienstes an der Gemeinschaft als höhere Arbeit – nicht, weil sie besonders anstrengend gewesen wäre, sondern weil sie im Dienst einer höheren Sache stand. Erst in diesem Kontext konnte sich Arbeit als Verpflichtung gegenüber einer höheren Sache auch auf Arbeiten niederer Art beziehen.

Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v Chr.) hat als Staatsphilosoph in diesem Kontext der Stoischen Philosophie eine gewisse pflichtorientierte Arbeitshaltung zu entwickeln versucht, die recht pragmatisch klingt: Arbeiten, wenn es nötig ist, was aber durchaus einen moralischen Unterton hat, der aufhorchen lässt. Arbeit darf demnach auch Spaß bereiten. Doch zuerst die Pflicht:

„Dagegen tadelt und hasst man mit Recht den, welcher sich durch die Lockungen einer gegenwärtigen Lust erweichen und verführen lässt, ohne in seiner blinden Begierde zu sehen, welche Schmerzen und Unannehmlichkeiten seiner deshalb warten. Gleiche Schuld treffe die, welche aus geistiger Schwäche, d. h. um der Arbeit und dem Schmerze zu entgehen, ihre Pflichten verabsäumen. Man kann hier leicht und schnell den richtigen Unterschied treffen; zu einer ruhigen Zeit, wo die Wahl der Entscheidung völlig frei ist und nichts hindert, das zu tun, was den Meisten gefällt, hat man jede Lust zu erfassen und jeden Schmerz abzuhalten; aber zu Zeiten trifft es sich in Folge von schuldigen Pflichten oder von sachlicher Not, dass man die Lust zurückweisen und Beschwerden nicht von sich weisen darf. Deshalb trifft der Weise dann eine Auswahl, damit er durch Zurückweisung einer Lust dafür eine grössere erlange oder durch Übernahme gewisser Schmerzen sich grössere erspare.“58

Doch Arbeit darf auch Freude bereiten:

„Denn wenn man die Weisheit wirklich erreichen kann, so muss man sie nicht bloss erwerben, sondern auch geniessen, und wenn ihre Erwerbung schwer fällt, so darf man doch der Erforschung der Wahrheit, bevor man sie erreicht hat, keine Schranke ziehen; auch bleibt die Ermüdung im Suchen da tadelnswerth, wo der gesuchte Gegenstand der schönste ist. Wenn ich aber an meiner Arbeit mich ergötze, so kann doch nur der Neid mich davon abziehen wollen, und wenn ich mich dabei anstrenge, so darf doch ein Dritter fremdem Fleisse keine Grenze ziehen wollen. Wie der gutmüthige Chremes bei Terenz nicht will, dass sein neuer Nachbar ‚grabe oder pflüge oder sonst so etwas thue‘

(womit er ihn nicht von der Arbeit, sondern nur von der gemeinen Körperarbeit abhalten will), so machen sich Manche übertriebene Sorge, wenn sie an einer Arbeit Anstoss nehmen, welche mir keineswegs unangenehm ist.“59

Unsere Anstrengungen dienen aber nicht nur der Lust. Die menschliche Arbeit weist darüber hinaus:

„Wenn Alles nur auf die Lust hinausläuft so werden wir weit von den Thieren übertroffen, denn die Erde selbst giebt ihnen mancherlei und reiche Weide ohne Arbeit, während wir kaum, ja nicht einmal kaum mit vieler Arbeit das erreichen können. Aber ich kann durchaus nicht annehmen, dass das höchste Gut für die Thiere dasselbe sei, wie für die Menschen. Wozu bedürfen wir so vieler Vorbereitungen, um die höheren Wissenschaften und Künste zu erwerben; wozu eine Verbindung der erhabensten Bestrebungen; wozu ein so grosses Gefolge von Tugenden, wenn dies Alles nur zur Beschaffung der Lust dienen sollte?“60

3.3 Arbeit in den außereuropäischen Religionen

Der Blick über den Tellerrand westlichen Denkens schadet nicht. Entdeckte Gemeinsamkeiten beruhigen, Differenzen regen an und machen Lust auf Entdeckungen, die das angeblich universal Denkbare auf das reduzieren, was es ist: Ergebnis des eigenen Denkens. Bild 3.3 zeigt – zugegeben etwas lehrbuchhaft, aber doch klar: Um das Jahr 550 v. Chr. sind die chinesischen Denker Kon Fu Tse (latinisiert Confuzius/Konfuzius), Lao Tse, der hinduistische Gelehrte Mahavira und Gautama, genannt Buddha, die alttestamentarischen, also jüdischen Propheten Jeremias und Hesekiel, der persische Religionsgründer Zarathustra und die griechischen Mathematiker und Philosophen, die Vorsokratiker Pythagoras und Thales allesamt Zeitgenossen. Diese Häufung von entscheidenden Autoren und Denkern in dieser Zeit nannte der Philosoph Karl Jaspers (1883 – 1969) die Achsenzeit.61 Heute würden wir vielleicht sagen, dass sich, unter Berücksichtigung der Wahrnehmung der damaligen Zeit, durchaus in den Weltbildern eine Disruption ereignet habe.

Bild 3.3 Lebensdaten einiger Philosophen und Religionsgründer in der sogenannten Achsenzeit: Diese Zeitspanne zwischen 650 und 550 v. Chr. wird auch Archaik genannt. Die Jahresangaben sind genähert.62

3.3.1 China: die Arbeit für Harmonie

Konfuzius (Kong Fu Tse) wandte sich als wandernder Philosoph und Berater in der sogenannten Frühlingsperiode an die Fürstenhöfe in einer unruhigen Zeit, in der das Reich auseinanderzufallen drohte, weil jedes Fürstentum gegen jedes andere kämpfte. Er ging davon aus, dass man durch moralische Vervollkommnung der eigenen Person zur harmonischen Ordnung der Welt beitragen könne. So berichtet er in dem einzigen Text, der uns von ihm selbst überliefert ist, der Großen Unterweisung, von den Altvorderen:

„Die Alten, welche die klare moralische Kraft überall unter dem Himmel zum Strahlen bringen wollten – sie ordneten zunächst ihren Staat. Um ihren Staat ordnen zu können, schufen sie zunächst Ordnung in ihrer Familie. Um in ihrer Familie Ordnung schaffen zu können – dazu entwickelten sie zunächst ihre eigene moralische Qualität. Um ihre eigene moralische Qualität entwickeln zu können, richteten sie zunächst ihr Herz korrekt aus. Um ihr Herz korrekt ausrichten zu können, mussten zunächst ihre Absichten echt und aufrichtig sein. Um echte und aufrichtige Absichten erreichen zu können, mussten sie zunächst Einsicht gewinnen. Das Gewinnen von Einsicht – es besteht darin, dass man den Dingen auf den Grund geht. Den Dingen auf den Grund gehen – daraus folgt Einsicht. Indem man zur Einsicht gelangt, gewinnt man echte und aufrichtige Einsicht. Ist man zur Einsicht gelangt, gewinnt man aufrichtige Absichten. Echte und aufrichtige Absichten – sie führen zu korrekter Ausrichtung des Herzens. Ist das Herz korrekt ausgerichtet, dann entwickelte sich die eigene moralische Qualität. Ist die eigene moralische Qualität entwickelt, dann vermag Ordnung in der Familie zu sein. Ist Ordnung in der Familie, dann kann der Staat geordnet werden. Ist der Staat geordnet, dann kann die ganze Welt zu Ruhe und Frieden finden. Für alle, vom Sohn des Himmels bis zum einfachen Volk, gilt gleichermaßen, dass die Entwicklung der eigenen moralischen Qualität die Wurzel ist.“63

Die konfuzianische Lehre wurde in den Kommentaren seiner Schüler durchaus in unterschiedlichen Strömungen weiterentwickelt.64 Der gemeinsame Kern besteht wohl in der Überzeugung, dass die Prinzipien einer harmonischen menschlichen Ordnung bereits im Menschen vorhanden sein müssen, aber sie können erst durch deren gezielte Ausbildung entwickelt werden. Da das Streben nach materiellem Reichtum in den meisten konfuzianischen Schriften abgelehnt wurde, war der Stand der Kaufleute am wenigsten angesehen. Wir finden allerdings keine Anzeichen einer Verachtung der Arbeit in der Landwirtschaft und im Handwerk, weil sie unmittelbar notwendig erscheint.

Arbeit dient bei Konfuzius als Vorbereitung auf die Übernahme von Führungsaufgaben. Daher wird die Charakterbildung als die eigentliche Arbeit angesehen. Allerdings hat die Arbeit der Gelehrten höchste Bedeutung. Aus der Einsicht in die Teilhabe an einem übergreifenden, kosmisch verankernden Ganzen, der himmlischen Harmonie, ist es dem Einzelnen möglich, sich in seinen jeweiligen Beziehungen angemessen zu verhalten, d. h. die Interessen anderer mit einzubeziehen. Die Mittel dieser Arbeit an sich selbst für die moralische Vervollkommnung bestehen darin, die Selbstsucht auszuschalten und zu vermeiden, sich aus dem Ganzen abzusondern. Die Gemeinschaft wird damit zentral, sei es die Familie, das Dorf, das Land, das Fürstentum oder das Kaiserreich. Allerdings ist auch hier das elitäre Moment unverkennbar: Trotz des angeborenen Wissens um das Gute ist der kleine Mann zu echtem, auf Einsicht beruhenden moralischen Handeln unfähig. Deshalb sind normgerechte Verhaltensweisen anzuerziehen.

Vielleicht ahnt man aus diesem Staatsverständnis schon, weshalb in der chinesischen Kultur das sogenannte Social Scoring65 der heutigen Tage überwiegend auf Zustimmung stößt. Etwas vereinfachend gesprochen, aber nach eigenen Aussagen, ist der chinesische Bürger im offiziellen Leben (Beruf, Politik, Gemeinde) Konfuzianer, im privaten Leben hingegen eher Daoist. Von Lao Tse kennen wir nur dessen „Tao Te King“, ein Text mit sehr widersprüchlichen Kapiteln und populären Aussagen wie: „Nichts tun ist besser, als mit Mühe nichts zu schaffen“,66 was gleichzeitig verwirrt und aufmerksam macht:

„Dreißig Speichen treffen auf eine Nabe:

Gemäß ihrem Nicht-sein ist des Wagens Gebrauch.

Man erweicht Ton, um ein Gefäß zu machen:

Gemäß seinem Nichts-sein ist des Gefäßes Gebrauch

Man bricht Tür und Fenster aus, um ein Haus zu machen:

Gemäß ihrem Nicht-sein ist des Hauses Gebrauch.

Darum: Das Sein bewirkt den Nutzen,

Das Nicht-sein bewirkt den Gebrauch.“67

Dieser, aus westlicher Sicht scheinbare Widerspruch soll den Schüler zum Nachdenken anregen, damit er zu seinem Ursprung (Dao) findet. Das Bewirken durch Nichts-Tun (Aktionslosigkeit) korrespondiert bei Lao Tse mit einem einfachen und bedürfnislosen Leben. Weder ist Reichtum ein Laster, noch ist Armut eine Tugend. Diese Weltabgewandtheit, die Verinnerlichung und Naturverbundenheit kann als Gegenstück, aber auch als eine Ergänzung der konfuzianischen Weltanschauung angesehen werden.

Beiden Richtungen gemeinsam sind die Bedeutungslosigkeit von Besitz und die Notwendigkeit der Arbeit, aber nicht um der Arbeit selbst willen, sondern um leben zu können. Eine gemeinschaftsbezogene Arbeitsethik soll Selbst- und Gewinnsucht, die das Gemeinwesen schädigt, verhindern. Gleichwohl wird in beiden Richtungen die Wichtigkeit der geistigen Arbeit sowie der Führungsarbeit hervorgehoben.

3.3.2 Indien: der rechte Pfad

In Buddhas achtfachem Pfad eines guten Lebens ist unter dem fünften Pfad des rechten Wandels bzw. des rechten Lebenserwerbs zu verstehen, dass man keinen Beruf ausüben soll, der andere Wesen schädigt:68

„Und was, Freunde, ist die Edle Wahrheit vom Weg, der zum Aufhören von Dukkha führt? Es ist eben dieser Edle Achtfache Pfad; nämlich Richtige Ansicht, Richtige Absicht, Richtige Rede, Richtiges Handeln, Richtige Lebensweise, Richtige Anstrengung, Richtige Achtsamkeit, Richtige Konzentration.“69

Dazu gehören die Grundlagen der Wohlfahrt, also: Bewährung in Fleiß, Bewährung in Wachsamkeit, ein edler Umgang und maßvolle Lebensweise. Die beiden Ersten sind zum Verständnis des buddhistischen Arbeitsethos wichtig, denn der Fleiß umfasst auch Tüchtigkeit (heute würden wir Kompetenz und Fertigkeit dazu sagen) und die Wachsamkeit umfasst die Kunst, das Arbeitsergebnis zu hüten:

„Da . . . erwirbt sich ein edler Sohn durch irgendeine Arbeit seinen Lebensunterhalt, sei es durch Ackerbau, durch Handel oder durch Viehzucht, als ein Bogenschütze oder königlicher Beamter oder durch irgendein Handwerk. Darin aber ist er tüchtig und nicht nachlässig, und er versteht sich auf die richtigen Mittel zu handeln und anzuordnen. Das . . . nennt man Bewährung in Fleiß.

. . . Da besitzt ein edler Sohn Güter, die er sich durch Fleiß und Strebsamkeit erworben, durch seiner Hände Arbeit, im Schweiße seines Angesichts angesammelt hat, rechtliche Güter, rechtschaffen erlangt. Diese hütet und bewacht er, damit nicht Fürsten oder Räuber sie fortnehmen oder das Feuer sie zerstört, das Wasser sie fortspült oder lieblose Erben sie an sich reißen. Das . . . nennt man Bewährung in Wachsamkeit.“70

Arbeiten hat aber durchaus einen höheren Sinn: In einem typischen buddhistischen Inversionsschluss wird Arbeit mit Wahrheit gekoppelt:

„Bemühen (Arbeiten) ist am hilfreichsten für das endgültige Erlangen der Wahrheit, Bhāradvāja. Wenn man sich nicht bemüht, wird man die Wahrheit nicht endgültig erlangen; aber weil man sich bemüht, erlangt man die Wahrheit endgültig. Deshalb ist Bemühen am hilfreichsten für das endgültige Erlangen der Wahrheit.“71

Buddha lehrte jedoch auch, dass Frauen wegen ihrer Reizbarkeit, ihrem Hang zur Eifersucht, ihrem Geiz und ihrer Unverständigkeit weder einem Beruf nachgehen, zu Gericht sitzen noch in die Fremde ziehen dürften.72 Der Mönch brauche sich um seinen Lebensunterhalt nicht zu kümmern, wenn er die Kräfte der Weisheit, des Willens, der Unbescholtenheit und der Gunsterweisung besäße.73 Denn nur für den, der Genuss liebt, sei die Armut, das Schuldenmachen, die Zinspflicht, die Verfolgung und der Kerker ein Elend.74 Diejenigen aber, die nicht Mönche sind, sondern rechtschaffene Hausväter, machen sich mit dem Besitz, den sie sich „durch (ihrer) Hände Fleiß, im Schweiße seines Angesichtes, auf rechtmäßige, ehrliche Weise“, erworben haben, selber glücklich.75

3.3.3 Jüdischer Kulturkreis

Wesentlich zentraler ist der Arbeitsbegriff im jüdischen Kulturkreis, zu dem die beiden Propheten Jeremias und Ezechiel (Hesekiel)76 zur Zeit der Kanonisierung der Tora, den Christen bekannt als Altes Testament, gehörten.77 Diese Schriften wurden kompiliert während und nach der Babylonischen Gefangenschaft (ab 536 v. Chr.). Der Talmud ist das nachbiblische Hauptwerk des Judentums, der in sechs Ordnungen (Seder) das zivile und das religiöse Leben regelt.78

Auch diese Schriften sind ein Reflex auf den Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit. Sie verlangen neue Regeln des sozialen Zusammenlebens gegenüber denen, wie sie noch im Herumziehen durch die Wüste oder durch die Jagdgründe nötig waren. Man kann die Zehn Gebote der Tora oder des Alten Testaments auch lesen als: Du brauchst nicht mehr stehlen, ehebrechen, morden, fluchen, begehren deines Nächsten Hab und Gut,79 denn das Land, das verheißen ist und wo Milch und Honig fließt, bietet dir dies alles als Frucht deiner Arbeit.80

Im Alten Testament hat Gott als Schöpfer der Welt seine Arbeit in sieben Tagen vollendet.81 Er hat den Menschen geschaffen. Der Mensch muss den Erdboden bebauen. Ihm wird der Garten Eden zugeteilt. Treuhänderisch soll er die Erde verwalten, bebauen und behüten.82 Doch Adam und Eva essen vom Baum der Erkenntnis und lernen Gut und Böse zu unterscheiden. Sie werden nackt aus dem Paradies vertrieben und nun wird aus der Pflicht zur Arbeit die Notwendigkeit. Wird die Notwendigkeit erkannt, wird sie zur Last und zur Mühsal, sie ist aber kein fundamentales Übel. Nicht die Arbeit, der Ackerboden wird verflucht,83 Mühsal und der Tod wird sein:

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub mußt du zurück.“84

Arbeit darf jedoch nicht zum Selbstzweck werden – sie ist Nachahmung der Schöpfertätigkeit Gottes. Deshalb ist der 7. Tag Ruhetag (Sabbat).85 Diese Ruhe ist nicht primär Erleichterung oder Erholung, sondern dient der Besinnung auf den Zweck der Arbeit, die letztlich Dienst an Gott sein soll. Der Sabbat ist eine korrigierende Ergänzung. Der Faulheit wird in drastischen Bildern der Kampf angesagt:

„Geh zur Ameise, du Fauler, betrachte ihr Verhalten, und werde weise!

Sie hat keinen Meister, keinen Aufseher und Gebieter,

und doch sorgt sie im Sommer für Futter, sammelt sich zur Erntezeit Vorrat.

Wie lang, du Fauler, willst du noch daliegen, wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?

Noch ein wenig schlafen, noch ein wenig schlummern, noch ein wenig die Arme verschränken, um auszuruhen.

Da kommt schon die Armut wie ein Strolch über dich, die Not wie ein zudringlicher Bettler.“86

Allerdings ist jede Arbeit vergebens, wenn nicht der Segen Gottes auf ihr ruht. Fast ambivalent wirkt die Stelle, in der Salomon in seinen Psalmen mahnt:

„Es ist umsonst, daß ihr früh aufsteht und euch spät erst niedersetzt, um das Brot der Mühsal zu essen; denn der Herr gibt es den Seinen im Schlaf.“87

Die Ergebnisse der Arbeit geben Anlass zu Ungleichheiten, damit zu Neid, Hass und Aggression: Der Bauer Kain ermordet seinen Bruder, den Hirten Abel, weil der Herr seine Opfer als Ackermann nicht so gnädig angenommen hat wie die Opfer von Abel.88 Abel kann womöglich als Schäfer leichter zu Erfolgen mit seiner Arbeit kommen als der schwer arbeitende Kain. Die Geschichte könnte ein Hinweis auf Konflikte zwischen nomadischen Hirten und sesshaften Bauern darstellen, eine am theologischen Hintergrund gebrochene Darstellung erster Ungleichheit und erster Verteilungsungerechtigkeiten im Zusammenhang mit Arbeit.

Die menschliche Tätigkeit, also auch die Arbeit, verlagert sich aus der Überschaubarkeit des Stammes, der Familie oder der nomadischen Horde in die größeren Gesellschaftsformen der Städte und in größere Gebiete (Weidegründe), die dann zu Ländern und zu Königreichen werden. Der Stamm wird normalerweise durch die Ältesten regiert, die soziale Hierarchie ist relativ flach. Bindeglied ist der Kampf ums tägliche Überleben (Feinde abwehren, Nahrung besorgen), die gemeinsame Sprache und gemeinsame Rituale, die Glaubensüberzeugungen ausdrücken. Die Überlieferung ist mündlich, erfahrungsgebunden, die Arbeitsteiligkeit ist relativ gering ausdifferenziert, wenn man diese modernen Kategorien hier schon bemühen darf. Städte, Länder, Königreiche differenzieren sich stärker aus und werden arbeitsteilig. Arbeitsteilung, die sich dauerhaft ausbildet und tradiert wird, bildet Berufe aus – mitsamt dem sich damit bildenden Selbstverständnis und dem Beginn der Identitätsbildung durch die berufliche Tätigkeit. Damit beginnt aber auch die Abhängigkeit der Menschen untereinander zu wachsen.

Bei der Erzeugung von Lebensmitteln wie auch im Bereich des Bauens von Behausungen, bei den Transportmitteln (meist Schiffe) und der Waffentechnik beginnt die frühe Technik eine Rolle zu spielen – ohne Rad, ohne Schwert und ohne Mauern kann sich kein Königreich lange halten gegen die Begehrlichkeit der Nachbarn, die weniger produktive Weidegründe oder Ackerflächen haben. Diese Erzeugung geschieht nur durch Arbeit, denn mit der steigenden Bevölkerungszahl muss eine größere Anzahl von Menschen pro Fläche ernährt werden.

Damit geht, metaphorisch gesprochen, die Zeit des Gartens Eden, in dem die Menschen von den Früchten der Natur leben konnten, ohne selbst hierfür arbeiten zu müssen, unwiderruflich zu Ende. Der Zwang zur gesteigerten Produktivität hat bereits früh einen grausamen Effekt: Allein durch Einsicht aller Beteiligten ist die Aufgabe nicht zu lösen. Den Königen jener Zeit stehen zwei Mittel zur Verfügung, damit die Menschen für sie, ihre Götter oder das Gemeinwesen über die alltägliche Notwendigkeit des Lebenserhalts hinaus mehr arbeiten. Der König kann zum einen sein Handeln als ein Handeln für seinen Gott erklären. Für die einfachen Menschen ist dies eine Begründung für die von ihnen abverlangte Mühe und Qual der Arbeit. Sie erzeugt die notwendige Einsicht, sofern der Wissensvorsprung der Priesterschaft über die Erscheinungen der Natur, ihre Deutungshoheit über die Zeichen der Natur und der Götter und ihr Kommunikationssystem ausreichen, die Befehle der Könige und ihrer Beamten, aber auch die der Priester als gottgewollt zu interpretieren und durchzusetzen. Damit verfügt der König bzw. die herrschende und entscheidende Schicht über den Mehrertrag, den die jeweils neuen Techniken und die Steigerung der Leistung der Untertanen erbringen. Dank dieser Verfügung wird es möglich, Paläste zu bauen, Beamte zu besolden, Heere auszurüsten, Eroberungen zu tätigen und Spiele zu organisieren.

Reicht diese Überzeugung nicht aus, erweist sich zum anderen die Einführung der Sklaverei als sehr effektiv. Eine Unterform hiervon wird König Salomon nachgesagt. Er soll die Fronarbeit bei den eignen Landleuten eingeführt haben. Jeder Bürger musste einen Monat im Jahr für die Regierung arbeiten. Diese Fronarbeit als extreme Form der Arbeit für den Staat war notwendig geworden, da Salomon in seiner Regierungszeit ergiebige Einnahmequellen für seine ungeheure Bauwut brauchte.89 Reichte das nicht aus, eroberte man ein Volk und führte es in die Versklavung oder versklavte einen Teil der eigenen Bevölkerung.90

Es genügte nicht mehr zu befehlen, die Edikte des Königs und die Verfügungen seiner Beamten wurden zunehmend schriftlich niedergelegt, was die Ausübung von Herrschaft abstrakter und anonymer werden ließ, gleichzeitig aber ein Mehr an Rechtsicherheit brachte und damit auch das Rechtsgefühl und ein Eintreten für die Gemeinschaft über Sippe, Stamm und Religion hinaus möglich werden ließ. Umgekehrt entstand zunehmend ein Bewusstsein für die Verantwortung des Gemeinwesens und des dieses Gemeinwesen repräsentierenden Herrschers für die Mitglieder dieser Gemeinschaft.

Deshalb müssen die Dinge dann doch geregelt sein. Und so findet sich an vielen Stellen der jüdischen Überlieferung das Gebot, den Lohn nicht zurückzuhalten und noch vor Sonnenuntergang auszubezahlen und den Mitmenschen nicht auszubeuten.91 Später wird in der Mischna im Einzelnen geregelt, wie man mit Arbeitsverhältnissen und Arbeitsverweigerung umgeht.92 Das harsche Urteil über den Faulen wie über den ungerechten Ausbeuter findet sich allerdings in allen kanonischen Texten der Weltreligion wieder.

Die neuen religiösen Systeme spiegeln auch die veränderten ökonomischen und sozialen Verhältnisse wider. Ein sich bildender neuer Wohlstand lässt die Macht des Marktplatzes und der Kaufleute zulasten der Könige und Priester größer werden.

Eine freie Rede einerseits, aber eine größere wirtschaftliche Ungleichheit andererseits ist die Folge – Zinswucher, Verarmung weiter Teile der Bevölkerung, Ausbeutung und Unterdrückung durch fremde Besatzung, Versklavung und Willkür. Davon berichten nicht nur die Tora und auch die Bibel im Neuen Testament, auch die Epen Homers und die Berichte späterer Geschichtsschreiber wie Josephus Flavius, Tacitus oder auch Thukydides sind voll von Schilderungen solcher Verhältnisse.93

3.3.4 Arbeit im islamischen Kulturkreis

Bestimmend für das Arbeitsverständnis in der vierten großen Weltreligion, dem Islam, ist der Koran, der 610 n. Chr. mit der Offenbarung auf dem Berg Hira entsteht: Der Erzengel Gabriel habe dort die Prophetenschaft Mohammeds verkündet. Auch hier finden sich die Reflexe auf den Übergang von einer nomadischen zu einer sesshaften Gesellschaft, die nach einer Ordnung und deren Begründung verlangt.

Im Koran wird die Biene als Symbol eines arbeitsamen Wesens geschildert, sie bringt sich und den Menschen Nutzen. Danach lehrte der Herr die Bienen, viel zu arbeiten, damit sie dem Menschen einen möglichst großen Nutzen bringen.94 Es finden sich Anklänge an die Aussage auch im Alten Testament,95 dass wenn Gott nicht mitwirkt, menschliches Mühen vergebens ist, und dass alles, was sich der Mensch erarbeitet, von Allah kommt und jederzeit wieder weggenommen werden kann. Der Mensch kann arbeiten und sich abmühen, so viel er will, er wird nichts ohne Allahs Willen zuwege bringen:96

„Das Wasser, das ihr trinkt, habt i h r es oder haben w i r es aus den Wolken, herabgeschickt? Wenn wir nur wollten, so könnten wir es ja salzig machen; und ihr solltet nicht dankbar sein? Was dünkt euch wohl von dem Feuer, welches ihr schlagt? Habt i h r den Baum, von welchem ihr dasselbe erhaltet, oder haben w i r ihn hervorgerufen?“97

„Sprich: Wer versorgt euch mit Nahrung vom Himmel und von der Erde? Antworte: Allah.“98

Es finden sich, ähnlich wie im Neuen Testament, Stellen, die den Reichtum als schädlich ansehen,99 der Verzicht auf Reichtum bringt den Lohn im Paradies.100 Das Paradies entkoppelt die Bedarfsdeckung und Versorgung mit Gütern von den Anstrengungen der Arbeit.101 Der Mensch soll dankbar sein für alles, was von Allah kommt, er soll es mit großer Freude für sich nutzen. Die Arbeit soll dem Menschen Freude bereiten und der Mensch sollte dankbar sein, arbeiten zu dürfen.102 Ohne Arbeiten soll es keinen Lohn geben103 und ohne Arbeit kann der Mensch nicht gleich mit dem arbeitenden Menschen sein, auch wenn er nichts dafür kann, dass er nicht gut arbeiten kann und „unverrichteter Dinge zurückkommt.104 Das heißt, dass Menschen, die aus irgendwelchen Gründen keiner Arbeit nachgehen können, niedriger bewertet werden als arbeitende Menschen.

Den wohl prägnantesten Ausdruck eines positiven Arbeitsethos hat der Schriftsteller Khalil Gibran (1883 – 1931) poetisch so formuliert:

„Sprich uns von der Arbeit . . .

Von jeher habt Ihr gehört, Arbeit sei ein Fluch und Mühsal ein Unglück.

Ich aber sage Euch: Wenn Ihr arbeitet, erfüllt Ihr einen Teil des kühnsten Traums der Erde, der Euch anvertraut wurde, als dieser Traum entstand,

Und indem Ihr Euch Mühsalen unterzieht, erweist Ihr dem Leben Eure Liebe,

Und das Leben durch die Arbeit lieben heißt, mit dessen innersten Geheimnis eins zu sein.

. . .

Und ich sage, dass das Leben in der Tat Finsternis ist, wenn ohne Verlangen,

Und alles Verlangen blind, wenn ohne Wissen,

Und alles Wissen eitel, wenn ohne Arbeit,

Und alle Arbeit leer, wenn ohne Liebe,

Und wenn Ihr mit Liebe arbeitet, verbindet Ihr Euch mit Euch selbst und einander und Gott . . .“105

3.4 Arbeit im Christentum
3.4.1 Die Quellen

Die christliche Überlieferung, sprich die kanonischen Schriften des Neuen Testaments, fügen der alttestamentarischen Arbeitspflicht nichts Neues hinzu. Sie ist und bleibt notwendig, dem Willen Gottes untergeordnet und unerlässlich.106 Der Rabbi Josuah, genannt Jesus, arbeitet selbst die meisten Jahre seines Lebens als Handwerker, seine Bilder aus seinen Predigten stammen aus dem arbeitsreichen Leben des Landmannes, des Hirten und des Weinbergarbeiters.

Die damaligen jüdischen Schriftgelehrten, mit denen sich Jesus auseinandersetzt, haben die Arbeit gelobt und pochten auf das Gesetz.107 Jesus billigt den Recht auf Arbeitslohn zu:108 Der Arbeiter ist seines Unterhalts wert. Über dem Lohnmotiv steht jedoch die Pflicht gegenüber Gott: Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit und dies alles wird Euch dazu gegeben werden.109 Die Sorge um den Arbeitsertrag muss verklärt werden durch den Glauben an die göttliche Vorsehung.110

Eine eher explizite arbeitsethische Position nimmt dann später der Missionar und Theologe Paulus ein mit dem geflügelten Wort: Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen111 und er fügt hinzu:

Setzt Eure Ehre darein, ruhig zu leben, euch um die eigenen Aufgaben zu kümmern, und mit Euern Händen zu arbeiten, wie wir euch aufgetragen haben. So sollt ihr von denen, die nicht zu euch gehören, ein rechtschaffenes Leben führen und auf niemanden angewiesen sein.“112

Diese Pflicht zur Arbeit, jenseits einer gewissen Notwendigkeit – unabhängig davon, ob diese eingesehen wird oder nicht – ist im Hinblick auf das antike Denken unerhört. Der Zusammenprall des hellenisch-römischen Denkens der ausgehenden Antike mit dem jüdischen Denken („Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen113), das dann nach der Zerstörung Jerusalems überwiegend mit neuem christlichen Gedankengut vermischt und assimiliert in den römischen Kosmos diffundiert, verändert auch die Haltung gegenüber der Arbeit.

Das geht so weit, eben nicht nur für sich, sondern auch für andere zu arbeiten. Der radikale Missionar Paulus bringt es auf den Punkt: „Der Dieb soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und sich mit seinen Händen etwas verdienen, damit er dem Notleidendem davon geben kann.114 In seiner Anweisung an die Gemeinde fordert Paulus zu einem ordentlichen Leben auf, um niemandem zur Last zu fallen, obwohl es einen Anspruch auf Unterhalt für diejenigen gibt, die der Gemeinde dienen: „. . . in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen und ihr selbstverdientes Brot zu essen.115

Pflichten sind nur zu begründen, wenn sie über die Einsicht in das unmittelbar Notwendige hinausgehen. Das heißt, Pflichten zu installieren erfordert einen gewissen Wertekanon und eine Institution, die sich darauf berufen kann und die letztlich in der Lage ist, diesem Wertekanon auch mit Sanktionen Geltung zu verschaffen. Im Lauf der Begründung zur Pflicht zur Arbeit wechseln in der Geschichte des Christentums die Begründungen, der Wertekanon und auch mögliche Sanktionen, die über die irdische Existenz hinausgehen, mehrmals.

Obwohl Arbeit im Neuen Testament fast selbstverständlich ist, gibt es gewisse Vorbehalte gegen eine – heute würde man sagen – Fetischisierung oder Idolisierung der Arbeit.116 Es müsse zuerst um das Reich Gottes gehen. Der irdische Broterwerb ist nachgeordnet. Gleichwohl wurde das Handwerk im frühen Christentum hoch geachtet, da es dem eigenen Lebensunterhalt und dem der Gemeinschaft dienlich war.117

3.4.2 Der Arbeitsbegriff der Scholastik

Der Zusammenbruch des römischen Reiches führte auch zum Zerbrechen der sozialen und gesellschaftlichen Systeme. Die Arbeitsteilung, die sich durch einen größeren Handel und gute Verkehrsverbindungen, insbesondere über Wasserwege, gebildet hatte, brach zusammen. Die Arbeitsteilung der einfallenden Stämme war beschränkt auf die Stammesebene. Die Verteilungs- und Befehlswege waren kurz.

Die gesellschaftliche Ordnung war aufgebaut auf die Verpflichtungen im Stamm, das Leben aller und die Kampffähigkeit zu sichern. Diese beiden Organisationsformen des Römischen Reiches und der Stammesstrukturen prallten zusammen und machten das Chaos perfekt.

In dieser wirren Situation gründete 520 n. Chr. Benedikt von Nursia (480 – 547 n. Chr.) das Benediktiner-Kloster in Monte Cassino in der Tradition römischer Disziplin und mönchischer Traditionen. Armut und Keuschheit, Gehorsam gegen den Abt, Betonung der Handarbeit (ora et labora),118 Gastfreundschaft, Armenpflege und die Pflege des Wissens durch das Betreiben von Klosterschulen waren diese tradierten Werte. Damit entwickelten die Benediktiner einen Kristallisationspunkt für eine neue Beziehung zur Arbeit und deren Früchten. Die Klöster wurden bei meist strenger Askese und Einfachheit des Lebens zu Kulturzentren, Sammlungen der Literatur und Geschichtsschreibungen. Daneben versorgten sie sich selbst durch wirtschaftliche Tätigkeiten wie Viehzucht, Ackerbau und Weinbau mit den Notwendigkeiten des täglichen Lebens.

Der Benediktinerorden unterschied sich vor allem von vielen anderen Mönchsorganisationen durch die besondere Christenpflicht, die Pflicht zur täglichen Arbeit. So wurde die Arbeit unter das Primat des geistlichen Lebens untergeordnet: Die Arbeit ist auch deshalb mühsam und anstrengend, damit die Gottesgemeinschaft nach dem „Arbeitsfluch“ wiederhergestellt werden kann. Deshalb kann es eine Erfüllung durch Arbeit nur geben, wenn sie mit den Erfordernissen der Gemeinschaft übereinstimmt. In den Mönchsregeln kommt dieser Zusammenhang von Arbeit und Gemeinschaft am klarsten zum Ausdruck.119

Manuelle Arbeit war für mindestens 5 Stunden am Tag vorgeschrieben, zehn Mönche unterstanden dabei der Aufsicht eines Dechanten. In einer Zeit des Zusammenbruchs der alten städtischen Wirtschaft wurde diese Selbsthilfe verbunden mit der landwirtschaftlichen Produktivität zur einzigen Alternative zu hilflosem Verhungern oder elender Unterwerfung unter Sklaverei und Leibeigenschaft. Mit dieser Maßnahme wurde versucht, die Arbeit, die nicht den ganzen Tag dauern durfte, in spirituelle Übungen, in Gebet und Chorgesang einzubinden. Durch den Aufbau und die Pflege der Gebäude und Gärten sowie durch geistige Beschäftigung wie Lesen und Schreiben bekam diese neue Lebensordnung auch eine gewisse ästhetische Qualität.

Ob die notwendige Disziplin im Klosterleben gleichzeitig auch eine Humanisierung des Arbeitslebens mit sich brachte, mag umstritten sein. Wenn, dann galt sie nur für die Mönche des Klosters, nicht für die verdingten Mägde und Knechte. Für die Mönche selbst verschwanden sowohl die rigorose Arbeitsteilung, die direkte materielle Ausbeutung wie auch die Sklaverei. Allerdings hatte jedes körperlich gesunde Mitglied des Klosters die gleiche Pflicht zu arbeiten, erhielt einen gewissen Anteil am Ertrag, auch ärztliche Hilfe und Pflege sowie besondere Vergünstigungen im hohen Alter. Der Überschuss war für allgemeine Aufgaben und Bedürfnisse bestimmt. An den Sonn- und Feiertagen soll der Mensch sich Wesentlicherem als der Arbeit zuwenden.

Diese, bei den Benediktinern entstandene Lebensform entwickelte auch eine neue Disziplin und Ethik der Arbeit. Die Arbeit als ein notwendiger Teil des Lebens bekam nach und nach durch diese theologische Überhöhung einen anderen Stellenwert in der Gesellschaft.

Auch weltlich gesehen liegt der Nutzen der Arbeit in der Erfüllung der von Gott im jeweiligen Stand gegebenen Aufgabe (Herrscher, Soldat, Kaufmann, Handwerker, Bauer etc.). Arbeit überwindet den Müßiggang, zähmt den Körper, ermöglicht es, den Lebensunterhalt zu gewinnen. Zunftgesetze regelten Löhne, Preise, Einsatz von Maschinen und Technik und Arbeitszeiten und Aufgaben. Der Preis eines Produkts soll durch das Gewissen geregelt werden, d. h. äquivalent der eigenen, in das Werk investierten Mühe sein,120 nicht durch einen Markt. Damit korrespondiert dann auch das Verbot des Gewinnstrebens und der Anhäufung von Reichtum. Die mittelalterliche Scholastik ordnete später die menschliche Arbeit in das theozentrische und universalistische Weltbild ein.

Mit dem Aufstieg des Mönchtums kann man eine allmähliche Legitimation der nichtkörperlichen Arbeit (geistliche Tätigkeit, Verwaltung etc.) beobachten. Nachdem die aristotelischen Schriften nach 1200 in den Klöstern und Universitäten zugänglich waren und rezipiert werden durften, zeichnet sich auch eine Tendenz ab, körperliche Arbeit geringer zu schätzen – eine sinnvolle Tätigkeit gehört zum geglückten Leben.

Man sieht hier schon ein gewisses Spannungsfeld, in dem die Konzeption der Arbeit sich im Mittelalter bewegt: Ist die Arbeit einerseits Buße für die Erbsünde im Paradies, da sie wegen des Fluchs, der auf dem Acker liegt, mit Mühsal und Not verbunden ist und die moralische Konnotation sich im Spektrum von Strafe, Selbstzucht und Pflicht bewegt (vita activa), so erlaubt die Relativierung der körperlichen Arbeit121 eine Rechtfertigung, ja sogar eine Pflicht zur beschaulichen Arbeit, der vita contemplativa.

Durch die Struktur der mittelalterlichen Gesellschaften, die im 9. bis 11. Jahrhundert eine ständische Ordnung herausbildeten, ergeben sich drei Tätigkeitsklassen: Die Freien oder Ritter, auch Krieger (bellatores), der Klerus (die Betenden oratores) und die Bauern und Handwerker (laboratores).

In der Spätscholastik thematisiert Thomas von Aquin (1225 – 1274) in seinem großen philosophisch-theologischen Syntheseversuch einen Arbeitsbegriff, der sowohl theologisch wie aristotelisch geprägt ist. Er versucht das kontemplative Leben mit dem tätigen Leben zu verbinden. Er übernimmt die aristotelische Trennung (siehe Abschnitt 3.2.3) von (griech.) poïesis und eupraxia: Poïesis, das hervorbringende Handeln, ist nun durch ein Produkt sichtbar. Die Entlohnung der von außen bestimmten Arbeit, der Prozess der Arbeit und sein Ergebnis, das Produkt, können getrennt werden. Bei der eupraxia liegt das Ziel des Handelns im Handeln selbst. Dazu gehörten die Tätigkeiten in Politik, Philosophie und Führung.

Nun bekommt die vita contemplativa – also die Betrachtung und Muße – Vorrang vor der arbeitenden Tätigkeit:122Das wirkige (tätige) Leben heißt Knechtschaft, das beschauende aber Freiheit.123 Bei der vita activa zwingt nur die Notwendigkeit zur Arbeit und bei den Armen „. . . ist das tätige Leben wegen der Not des gegenwärtigen Lebens vorzuziehen.124 Es gilt jedoch in beiden Fällen, dass sich der Tätige, gebunden an die Ordnung (ordo), im Tätigsein erfüllt. Das darf aber nicht mit dem modernen Begriff wie Selbstverwirklichung oder Selbst-Definition verwechselt werden.

„Gerade so wird auch durch die Tätigkeit die Verhabung erworben und durch die erworbene Verhabung ist einer vollkommen im Werktum . . .“125

Klerus und Adel stehen auf der gehobenen Seite der vita activa, denn man war überzeugt, dass die Leitung einer Arbeit in höherem Ansehen zu stehen hat als die Ausführung einer Arbeit.126 Selbst die aktive Tätigkeit steht höher, wenn sie aus der Beschauung heraus resultiert. Bischöfe und predigende Orden rangieren daher höher als nur kontemplative Mönche.127

Thomas von Aquin behält die Wertschätzung der Handarbeit als Befreiung von der antiken Missachtung bei:

„Daher gab die Natur dem Menschen Hände statt Waffen und Schutzkleid, die sie den anderen Lebewesen mitgab, auf dass er sich all dieses und alle notwendigen Dinge durch die Hände beschaffe. Daraus folgt, dass ganz allgemein sowohl die Ordens- wie die Weltleute an dieses naturrechtliche Gebot gebunden sind.“128

Trotzdem ist die Handarbeit aber nur insofern zu schätzen, sofern sie sich für die Gewinnung zum Lebensunterhalt als notwendig erweist. Der Satz von Paulus: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen129 wird für die unproduktiven Berufe bei Thomas dahingehend interpretiert:

„Wenn also ein Mensch sein Leben ohne Essen verbringen könnte, wäre er nicht verpflichtet, mit seinen Händen zu arbeiten. Und das gleiche gilt für diejenigen, die andere Mittel haben, von denen sie legal (licite) leben können.“130

Aus diesem Arbeitsbegriff resultiert dann auch die Selbstdefinition der Stände: Die vita activa soll aber nur um der Nächstenliebe willen ausgeführt werden. Diese ist aber notwendig. Die Tätigkeiten zur Lebensnotwendigkeit werden erst später (nach Thomas von Aquin) erwähnt:

„Die Arbeit hat einen vierfachen Zweck. Zuallererst soll sie das Lebensnotwendige beschaffen; zweitens die Ursachen vieler Laster, den Müßiggang vertreiben; drittens durch Kasteiung des Leibes die Fleischeslust zügeln; viertens ermöglicht sie, Almosen zu spenden.“131

Die Notwendigkeit des Lebensunterhalts wird zum göttlichen Gebot zur Arbeit, daraus ergibt sich wiederum die Pflicht zur Arbeit. Gleichwohl verschmelzen die Praktiken der vita activa und der vita contemplativa: Die niederen Stände teilen die vita contemplativa mit den höheren Ständen durch Gebete, Buße, religiöse Übungen. Die höheren Stände (als der Notwendigkeit enthoben) teilen die vita activa mit den niederen Ständen durch ihre herrschende, leitende Tätigkeit

3.4.3 Die Auflösung der ordo

Aus dieser ständischen Ordnung, die als Abbild der göttlichen Ordnung in Kosmos, Natur und Gesellschaft, aber auch als Hierarchie verstanden wurde,132 konnte man nicht einfach heraustreten. Einen Mönchsorden zu verlassen, bedeutete, sich in Lebensgefahr zu begeben. Doch man konnte nachdenken. Schließlich hatte Aristoteles das logische Handwerkszeug geliefert, das die scholastischen Gelehrten durchaus weiter fortentwickelten, auch wenn es ihnen dabei weniger um die Logik als solche, sondern meist um die scharfsinnige Wiederlegung von Ketzereien ging.133

Auch hinsichtlich der Arbeit stellten sich Fragen. Die Fragen, die in den unteren Ständen gestellt wurden, lauteten: Wie kommt es, dass jemand trotz allgemeiner Pflicht zur vita activa ohne Handarbeit leben kann und dabei auch noch Reichtümer aufhäufen kann? Womit lässt sich überhaupt rechtfertigen, dass es einen Adel gibt, wo alle Christen vor Gott gleich sind? In den Bauernkriegen wurde dann gesungen: „Als Adam grub und Eva spann, wo war damals der Edelmann?

Die Fragen, die sich der Adel stellte, waren wiederum von seinem Interesse geprägt: Wie können der feudale Adel und das Stadtpatriziertum, die gleichermaßen an einem Einkommen ohne Arbeit bzw. durch fremde Arbeit interessiert sind, die finanziellen Folgen der kurialen Forderungen nach Alimentierung abschwächen? Wie kann eine Abschwächung der kirchlichen Autorität bewerkstelligt werden, ohne dass sich die Auffassung, die Reichen würden von der Arbeit der Armen leben, im Volke ausbreitet? Das heißt, kann es eine Emanzipation von der kirchlichen Autorität geben, ohne die Frage nach der Gleichheit aller Stände stellen zu müssen?

Das, was wir heute als Epoche der Renaissance bezeichnen, ist nicht nur dem unverkennbaren Baustil geschuldet, sondern auch der Dichtung, den bildenden Künsten und der Philosophie. Verkürzt gesprochen: Die Renaissance entdeckte das Ich. Die Erfindung der Perspektive geschah in kürzester Zeit, sie ist die subjektive Wahrnehmung: Wenn ich als Beobachter meinen Standpunkt verändere, verändert sich die Wahrnehmung der Welt. In der Philosophie will man zurück zu den Quellen der alten Philosophen, die zunehmend verfügbar werden,134 der Befreiungsversuch der Philosophie von der Theologisierung durch das Christentum und durch die Kirchenväter beginnt zaghaft, auch wenn noch manche Scheiterhaufen brennen werden.

Und so macht sich denn auch der Arbeitsbegriff, trotz einiger reformatorisch calvinistischen Zwangsvorstellungen, vom religiösen Dogma frei.

3.4.4 Reformation

Vom Nachdenken bis zur Rebellion ist es dann nicht weit, wenn die wirtschaftliche Not entsprechend drückend wird. Überall da, wo der extraktiv wirtschaftende Adel den Bogen überspannte, brachen Aufstände aus. Endlich wurde die Gerechtigkeitsfrage gestellt:

„[Es] . . . wird in England nie gut werden, solang es keine Gütergemeinschaft und solange es leibeigene Bauern und Herren gibt. Mit welchem Recht sind Diejenigen, die wir Lords nennen, vornehmer als wir? Wodurch haben sie es verdient? Warum halten sie uns in Knechtschaft? Wenn wir alle von demselben Vater und derselben Mutter kommen, Adam und Eva abstammen, wie können sie sagen oder beweisen, dass sie besser sind als wir, wenn nicht dadurch, dass sie uns mit unserer Arbeit verdienen lassen, was sie in ihrem Stolze ausgeben? Sie sind in Samt gekleidet und warmen Pelzen und Hermeline gehüllt, während wir mit Lumpen bedeckt sind. Sie haben Wein und Gewürz und gutes Brot; und wir Haferkuchen, Stroh und Wasser. Sie haben freie Zeit und schöne Häuser; wir haben Mühe und Arbeit, sind den Unbilden der Witterung auf dem Felde ausgesetzt. Und doch verdanken diese Menschen uns und unserer Arbeit ihren Aufwand?“135

Die Abschaffung der Sklaverei, sei dies nun aus angeblich humanitären, sozialethischen, religiösen oder handfesten wirtschaftlichen Gründen, geschah in verschiedenen Kulturkreisen und politischen Verfassungen unterschiedlich spät. Während in Amerika die Sklaverei 1863 nominell unter Abraham Lincoln (1809 – 1865) verschwand, waren im Mittelalter bereits zumindest Modifikationen dieser Organisationsformen festzustellen: Im 14. Jahrhundert gab es die Leibeigenen – zumeist Bauern und Verrichter niedriger Arbeit wie Diener, Knechte usw. – und daneben die Handwerker, die sich in Zünften zu organisieren begannen und damit einen eigenen Stand bildeten.

In den Zünften wurden Richtlinien zur Ausbildung sowie für die Durchführung handwerklichen Arbeitens entwickelt. Die Trennung in Lehrling, Geselle, Meister geht auf diese Zeit zurück. Die Richtlinien umfassten Anleitungen für die Arbeitsverrichtung, über Arbeitstechniken und über Arbeitsteilung. Das Wissen wurde von den wandernden Handwerksburschen weitergetragen. Während die Leibeigenen ohne Erlaubnis den Ort nicht wechseln durften, waren die freien (wenngleich an die Zunft gebundenen) Handwerker Garant für einen relativ freien Informationsaustausch.136

So gesehen nimmt es nicht wunder, dass sich bereits Leonardo da Vinci (1452 – 1519) mit dem beschäftigte, was man heute Zeitstudien in den Arbeitswissenschaften nennt:

„Ein guter Arbeiter versetzt in einer Weise, die er regelmäßig durchhalten kann, 500 Schaufeln von lockerer Erde in der Stunde, wenn er sich in der Mitte der Entfernung zwischen der Stelle, wo er sie aufnimmt, und der Stelle, wo er sie abwirft, befindet; er wirft sie in einer Entfernung von sechs Armen ab, indem er sie vor sich aufnimmt und sie hinter seinen Schultern wieder abwirft. Die Zeit, die der Erdarbeiter benötigt, um mit zwei oder drei Stößen die Menge der Erde auf die Schaufel zu nehmen, um sich auf die Anstrengung zur Ausübung der Wurfbewegung und den Wurf vorzubereiten sowie um von hinten mit der Schaufel zurückzukehren, beträgt sechs harmonische Zeiteinheiten, das heißt: zwei Zeiteinheiten, um die Schaufel mit Hilfe von zwei oder drei Stößen zu beladen: eine Zeiteinheit, um die Schaufel anzuheben und um sich mit ihr in einer Richtung zu drehen, die dem Ort, wo er die Erde abwerfen soll, entgegengesetzt ist; eine Zeiteinheit, um die notwendige Bewegung zum Absenken der Schaufel zu machen, sie mit Schwung aufzuheben und die Bewegung zum Abwurf der Erde auszuführen; eine Zeiteinheit, um die Schaufel nach vorn zurückzubringen und sie in die Ausgangslage zurückzuversetzen.“137

Im 15. Jahrhundert führten die – technologisch und politisch bedingten – erweiterten Reise- und Transportmöglichkeiten zur Umstellung der Warenerzeugung von der unmittelbaren Bedarfsdeckung zu einer absatzorientierten Produktionsweise. Dies führte zu einem ersten Rationalisierungsdruck, der in einer erweiterten Arbeitsteilung und einer weiteren Mechanisierung sichtbar wurde. Die Institution der Manufaktur entstand, die Produktion wurde nun auch örtlich konzentriert.

Der Widerstand gegen solche neuen Bedingungen und ihre Auswirkungen im alltäglichen Arbeitsleben war bereits vorhanden, aber er wurde überlagert von dem prinzipiellen Spannungsverhältnis zwischen Meister und Geselle, Handwerker und Zunft, Gewerbetreibendem und Magistrat oder örtlicher Obrigkeit.

Die Bauernaufstände sind keine Erhebungen, die unmittelbar nur aus den Bedingungen der Arbeitswelt abgeleitet werden könnten, sondern resultieren überwiegend aus der ökonomischen Situation, der Ernährungslage und der politischen Unterdrückung (Bauern sind meist Leibeigene und damit im untersten Stand). Sie zeigen aber in den fünfzig Jahren vor dem Wirken Martin Luthers, dass theologische Reformen und institutionelle Veränderungen nicht zur Befriedung ausreichen.138 Die Sprengkraft kommt aus der Einsicht, dass Arbeit und Armut in dieser Zeit eng zusammenhängen.139

Die Reformation begann theologisch mit den bekannten Gründen, dem Thesenanschlag Martin Luthers 1517, aber sie wurde, von den Urhebern ungewollt, zu einem politischen Flächenbrand. Sie veränderte die politische Landkarte, sie löste Konfessionskriege in Europa aus und sie brachte philosophisch die Reste der mittelalterlichen ordo, die noch nicht von der Renaissance und dem Humanismus beseitigt wurden, zum Einsturz. Denn als der mittelalterliche ordo-Begriff als Rechtfertigung für die momentane Situation als Teil eben dieser Ordnung wegfiel, stellte sich die Frage nach der Gerechtigkeit in ganzer Schärfe. Das bedeutet, dass die berufliche Tätigkeit spätestens ab da einen innerweltlichen Sinn bekommen musste: Wäre Arbeit nur Notwendigkeit, warum sollte dann der Adlige nicht auch für seine notwendigen Bedürfnisse arbeiten? So musste auch Martin Luther zugeben:

„Man kann es täglich mit eigenen Augen sehen, dass viele [Menschen] [trotz] schwerer ständiger Arbeit kaum das liebe [alltägliche] Brot [sich] erwerben [können], und die anderen [Menschen] ohne sonderliche Arbeit ihren Besitz fein gefasst und geordnet haben, dass es ihnen gut vonstatten [von der Hand] geht und ihnen zufällt.“140

Ist die Arbeit jedoch Pflicht und Selbstverständlichkeit je nach Stand, dann kann sich die Rolle der Arbeit nach der Funktion des Standes ausdifferenzieren. Damit begann die „Verweltlichung“ des Berufs, deren Beginn Max Weber der Reformation zuschreibt.141

Die vita contemplativa ist nun kein privilegierter Zugang zur Seligkeit mehr, der nur den geistlichen Ständen vorbehalten wäre:

„. . . denn alle Christen sind wahrlich geistlichen Standes und es gibt zwischen ihnen keinen Unterschied, es sei denn der wegen eines Amtes allein.“142

Aus theologischen Gründen schaffte Luther das hervorgehobene Priestertum mit seinen Privilegien ab und ersetzte es durch das allgemeine Priestertum der Gemeinde. Das heißt, der Klerus sollte abgeschafft werden, nicht aber der Adel. Dies hing von einer Reihe von Gründen ab, die in der Person Luthers liegen mögen, vielleicht auch seinem doch noch mittelalterlich verhafteten Ordo-Bild geschuldet sind, aber auch in den politischen Umständen: Schließlich rettete Friedrich III (der Weise) von Sachsen (1463 – 1525) ihn vor dem sicheren Tod in Acht und Bann, den der Wormser Reichstag über ihn verhängt hatte. Die Obrigkeit anzugreifen, war also nicht seine Sache – konsequent hat Luther den sozialen Bewegungen und den Bauerkriegen seiner Zeit seine Unterstützung versagt. Luther blieb dabei: Die Menschen sind von Gott in unterschiedliche weltliche Stände bestellt (befohlen), in denen jeder gläubig seinen Aufgaben nachgehen soll.

„Siehe: Wenn jemand ohne Befehl und Beruf ist, dann ist er auch ohne Arbeit. Dass nun einer das Rechte tun will, ist bei einem jeglichen Menschen daran zu beobachten (zu merken), wenn er in seinem Stand bleibt, auf sich selbst achtet, seine Befehle wahrnimmt und darin Gott dient und sein Gebot hält.“143

Dabei gilt: Die Belohnung kann man bei Gott nicht erzwingen, der Mensch ist nur durch den Glauben (sola fide) gerechtfertigt, nicht durch seine guten Taten, die nur ein Zeichen für Gottes Gnade (sola gratia) sind. Arbeit und Reichtum stehen bei Luther deshalb auch nicht in einem ursächlichen Zusammenhang. Der Reichtum des einen ist nicht von der Arbeit des anderen verursacht, sondern Ausdruck göttlicher Zuteilung:

„Erbitten muss und soll man [von Gott], aber die Nahrung und die Fülle des Hauses ist nicht der Arbeit zuzuschreiben, sondern allein der Güte und dem Segen Gottes.“144

Gleichzeitig finden wir aber auch die Ablehnung der mönchischen Werkerei bei gleichzeitig beschaulichem Leben. Das bedeutet auch einen Angriff auf die vita contemplativa durch die radikale Entschränkung der Berufsarbeit.

In der Nachfolge Luthers bildeten sich dann Variationen aus, die theologisch vielleicht seltsam anmuten mögen, die aber einen enormen Einfluss auf das wirtschaftliche Leben und das Arbeitsethos der kommenden Jahrhunderte hatten.

Die Prädestinationslehre des Calvinismus ging davon aus, dass den Menschen alles in ihrem Leben von Gott vorbestimmt ist. Die Gnadenwahl, für die man noch nach Luther zu Gott bittend beten kann, stand für Johannes Calvin (1509 – 1564) schon immer fest. Deshalb könne man nur am wirtschaftsberuflichen Erfolg eines Menschen ablesen, ob er von Gott gnädig angenommen oder zur ewigen Verdammnis bestimmt worden ist. Damit wurden Erfolg und Tüchtigkeit in Wirtschaft und Beruf zu einem Indikator für Heilsgewissheit stilisiert. Calvin lehnte Muße und Kontemplation ab, und er induzierte einen gesellschaftlichen Kampf gegen Arbeitsscheu, Faulheit und Bettelei, der in entsprechend dominierten Landstrichen der westlichen Welt bis heute andauert.145 Es ist im Calvinismus und dem radikalen Protestantismus nicht erlaubt, sich auf seinem Reichtum auszuruhen, auch wenn er „rechtfertigt“. Wohlleben und Luxus gilt als Zeichen der Verdammung. Der Soziologe Max Weber (1864 – 1920) hat diese Suche nach den ökonomischen Indikatoren der Gnadenwahl so skizziert:

„Anstelle der demütigen Sünder, denen Luther, wenn sie in reuigen Glauben sich Gott anvertrauen, die Gnade verheißt, werden so jene selbstgewissen ‚Heiligen‘ gezüchtet, die wir in den stahlharten puritanischen Kaufleuten jenes heroischen Zeitalters des Kapitalismus und in einzelnen Exemplaren bis in die Gegenwart wiederfinden, und andererseits wurde, um jene Selbstgewißheit zu erlangen, als hervorragendstes Mittel rastlose Berufsarbeit eingeschärft“.146

Da der Reichtum nicht genossen werden darf, muss er neben Almosen in weitere ökonomische Unternehmungen investiert werden. Wir nennen das heute den Kreislauf der Kapitalakkumulation. Webers These war daher, dass die Summe des Wohls in der protestantischen Arbeitsethik in dem Erwerb von Geld unter strenger Vermeidung allen unbefangenen Genießens liege und daher der Calvinismus den Kapitalismus hervorgebracht und damit die Industrialisierung begünstigt habe.

Es ist in der Tat richtig, dass das puritanische England dem katholischen Frankreich und dem überwiegend protestantischen Deutschland um 100 Jahre in der industriellen Entwicklung voraus war. Die damals entstehenden Manufakturplätze kann man als Proto-Form heutiger Erwerbsarbeit ansehen.

Der Geist des Kapitalismus ist mit dem Geist methodischer Lebensführung gleichzusetzen. Was letzten Endes den Kapitalismus geschaffen hat, ist die rationale Dauerunternehmung, rationale Buchführung, rationale Technik, das rationale Recht, aber auch nicht sie allein; es mußte ergänzend hinzutreten die rationale Gesinnung, die Rationalisierung der Lebensführung, das rationale Wirtschaftsethos.“147

Während dieser theoretischen Überlegungen verschärfte sich die Auseinandersetzung um die Arbeit.

Im Mittelalter überwogen noch die Auseinandersetzungen zwischen der Gesellenbruderschaft der Handwerker und den Zünften der Handwerksmeister. Es ging um die Höhe der Entlohnung, um Arbeitsbedingungen, um die Preise, die Arbeitstechniken und die Entscheidung über die Aufnahme in die Zünfte sowie um den Einfluss innerhalb der Zünfte. Die örtlichen Bruderschaften hatten bereits Unterstützungskassen für kranke, in Not geratene oder invalide Mitglieder. 1490 wollten die Meister eine Kürzung der Feiertage durchsetzen. Der Kampf dauerte bis 1744 und endete für die Gesellen erfolgreich.148 Aufgrund häufiger Auseinandersetzung mit den Gesellen erwirkten die Handwerksmeister, die man im heutigen Sinn durchaus als Arbeitgeber bezeichnen könnte, dass durch das Reichsgewerbegesetz von 1731 die Bruderschaften der Handwerker verboten wurden.149 Versammlungen und Verbindungen waren mit der Todesstrafe bedroht. Gleichzeitig nahm das Gesetz den Zünften ihre bis dahin gewährte Sonderstellung und führte eine bedingte Gewerbefreiheit ein. Die vorhergehenden Auseinandersetzungen resultieren gerade im 17. und 18. Jahrhundert aus schlichter materieller Not.

3.5 Meiner Hände Arbeit gehört mir
3.5.1 Aufklärung

Es ist geistesgeschichtlich wirklich verblüffend, dass erst ein John Locke (1632 – 1704) als einer der ersten Philosophen den Zusammenhang zwischen Arbeit und Eigentum systematisch behandelt hat. Damit war den Aufklärern um Jean Jaques Rousseau (1712 – 1778) klar, dass Grund und Boden wohl nicht Resultat allein menschlicher Arbeit sein können.150 Für John Locke stiftete Arbeit ein exklusives Rechtsverhältnis der Person zu der von ihr erarbeiteten oder bearbeiteten Sache und über das Eigentum darf nach Locke nur mit Zustimmung der Eigentümer durch den Staat verfügt werden. Neben die Menschenrechte auf Gewissens- und Meinungsfreiheit trat nunmehr das Recht auf Privateigentum.151 Eigentum war nun nicht mehr durch göttliche Gnadenwahl gerechtfertigt, sondern wurde zu einem Naturrecht, das sich auf Arbeit begründete. Es lohnt sich, den entscheidenden Paragrafen zu lesen:

§ 27 Obwohl die Erde und alle niederen Lebewesen allen Menschen gemeinsam gehören, so hat doch jeder Mensch ein Eigentum an seiner eigenen Person. Auf diese hat niemand ein Recht als nur er allein. Die Arbeit seines Körpers und das Werk seiner Hände sind, so können wir sagen, im eigentlichen Sinne sein Eigentum. Was immer er also dem Zustand entrückt, den die Natur vorgegeben und in dem sie es belassen hat, hat er mit seiner Arbeit gemischt und ihm etwas Eigenes hinzugefügt. Er hat es somit zu seinem Eigentum gemacht.

Da er es dem gemeinsamen Zustand, in den es die Natur gesetzt hat, entzogen hat, ist ihm durch seine Arbeit etwas hinzugefügt worden, was das gemeinsame Recht des anderen Menschen ausschließt. Denn da diese Arbeit das unbestreitbare Eigentum des Arbeiters ist, kann niemand außer ihm das Recht auf etwas haben, was einmal mit seiner Arbeit entstanden ist. Zu mindestens nicht dort, wo genug und ebenso Gutes den anderen gemeinsam verbleibt.

§ 28 . . . Das Gras, das mein Pferd gefressen, der Torf, den mein Knecht gestochen, und das Erz, das ich an irgendeiner Stelle gegraben, wo ich mit anderen gemeinsam ein Recht dazu habe, werden ohne die Anweisungen und Zustimmung von irgendjemand mein Eigentum: Es war meine Arbeit, die sie dem gemeinsamen Zustand, in dem sie sich befanden, enthoben hat und die mein Eigentum an ihrem bestimmt hat.“152

Aus heutiger Sicht wäre das leicht zu kritisieren, denn wenn Eigentum auch die Verfügbarkeit nicht nur über Dinge, sondern auch über die Produktionsmittel einschließt, müsste dies auch die Herrschaft über Menschen implizieren. Solange es Menschen gibt, die noch kein Eigentum besitzen, müssen sie ihre Arbeitskraft verkaufen, um leben zu können. Selbst dann, wenn sie bescheidenes Eigentum durch ihren Lohn erwerben können, werden sie in der Regel abhängig bleiben. In diesen Fällen „folgt aus dem Privateigentum auch ein persönliches Abhängigkeitsverhältnis“.153

Man kann Locke durchaus vorwerfen, dass er die Herrschaft von Menschen gegenüber Menschen in der abstrakten Vernachlässigung der konkreten Arbeitsverhältnisse vor Ort eben noch nicht beendet, denn das Verhältnis von Herrschaft und Knecht verhindert unausgesprochen, dass die Arbeit des Knechtes seine und nicht die seines Herren sein sollte. Dazu kam noch seine Überzeugung, dass nur der Produktionsmittelbesitzer Subjekt politischer Vereinigung sein könne.154 So ist es wenig überraschend, dass der Vollender der Aufklärung, Immanuel Kant (1724 – 1804), an dem Punkt auch nicht weiterkommt.

„Derjenige . . ., welcher das Stimmrecht in dieser republikanischen Gesetzgebung hat, heißt ein Bürger (citoyen, d. i. Staatsbürger . . .). Die dazu erforderliche Qualität ist, außer der natürlichen, daß es kein Kind, kein Weib sei, . . .: daß er sein eigener Herr (sui iuris) sei, mithin irgend ein Eigentum habe.“155

3.5.2 Der Aufstieg der Technik

Die Strukturen der Arbeitswelt, die Rolle der Arbeit in der Biographie des einzelnen Menschen wurden bis zur Zeit der Aufklärung mehr oder weniger durch die Institutionen und ihre weltanschaulichen Grundüberzeugungen bestimmt: In der Antike waren es die vom Adel bestimmten Herrschaftsverhältnisse und deren Staatsphilosophie, nach dem Zerfall der griechischen Blütezeit und des Römischen Reiches war es die Kirche und ab der Renaissance waren es die Stände und Zünfte. Die Reformation griff die Herrschaftsverhältnisse im Wesentlichen nicht an, sondern nur die theologischen Begründungen. Die Begründungen für die Subordination der Armen, der Arbeiter, der Bauern, der niederen Stände wechselten, aber die Verhältnisse blieben: Oben und unten waren, wie immer auch ausdifferenziert, getrennt. Und so blieb es lange Zeit: „. . ., dass in einem freien Volke, wo die Sklaverei verboten ist, der sicherste Reichtum in einer großen Menge schwer arbeitender Armer besteht“.156

Natürlich erleichtert Technik die Arbeit. Auch Mathematik ist eine Technik, eine Kulturtechnik. Ohne die Sätze des Pythagoras wäre der Kanalbau (ein Durchstich durch einen 2 km breiten Berg mit der Treffsicherheit von ca. 1 – 2 m) nicht möglich gewesen.157 Auch die Schaufel ist ein Werkzeug und damit Technik. Hebel und Rolle, die Umlenkung von Kräften durch Stangen und Seile mussten ja irgendwann erfunden werden. Spinnrad und Webstuhl fallen in die Kategorie der mechanischen Vorrichtungen, die noch keine externe Energie außer der Anwendung der menschlichen Muskelkraft brauchen. Sie lenken diese Kräfte lediglich um, organisieren sie anders. Das Hebelgesetz formuliert diesen Zusammenhang: Die Größe Kraft × Weg bleibt beim Hebel, beim Flaschenzug und auch beim Spinnrad und Webstuhl gleich. Später wird sie physikalisch Arbeit genannt. Die Erfahrung mit dem Hebel kommt geschichtlich vor der theoretischen Formulierung. Generell gilt: Die Technik ist älter als die Wissenschaft.158

Es gab um das Zeitalter der Aufklärung unendlich viele Instrumente und mechanische Vorrichtungen, die das Leben und die Arbeit erleichtern. Denis Diderot (1713 – 1784) und seine Gelehrten sammelten und systematisierten sie in der Enzyklopädie,159 in welcher sie in Kupferstichen dargestellt ist (siehe Bild 3.4). Manche ihrer Funktionen können heute von noch so gewieften Technikhistorikern nicht mehr genau entschlüsselt werden.

Bild 3.4 Windmühle und landwirtschaftliche Geräte160

Damit nähern wir uns einer der Thesen in der Einleitung (siehe Abschnitt 1.1.3): Technik im Sinne nützlicher Gerätschaften spielt als Erleichterungsmoment der menschlichen Arbeit hinsichtlich der Effektivität und Effizienz des Arbeitsprozesses seit der Antike eine große Rolle. Doch bis zur Aufklärung und den bürgerlichen Revolutionen des 18. Jahrhunderts änderte sie die Rolle der Arbeit im Selbstverständnis des Menschen, die Strukturen der Abhängigkeit und die Herrschaftsverhältnisse nicht wesentlich.

Es war Johann Beckmann (1739 – 1811), der in seiner „Anleitung zur Technologie“ (1777)161 wohl als Erster162 eine „Wissenschaft“ forderte, „welche die Verarbeitung der Materialen oder die Kenntnisse der Handwercke“ lehrt. Diese Wissenschaft sollte so erweitert werden, dass sie „alle Arbeiten, ihre Folgen und ihre Gründe vollständig, ordentlich und deutlich erklärt“.163 Das Erkenntnisziel war theoretisch und pragmatisch. Sein „Entwurf der allgemeinen Technologie“ sollte

„die gemeinschaftlichen und besonderen Absichten der . . . Arbeiten und Mittel anzeigen, die Gründe erklären, worauf sie beruhen, und sonst noch dasjenige kurz lehren, was zum Verständnis und zu Beurtheilung der einzelnen Mittel, und zu ihrer Auswahl bey Übertragungen auf andere Gegenstände, als wozu sie bis jetzt gebraucht sind, dienen könnte.“164 165

Gleichwohl hatte Beckmann auch in seiner „Allgemeinen Technologie“ lediglich die Auswirkungen auf die menschliche Arbeit im Sinne der instrumentellen Erleichterung behandelt.

Der massive Veränderungsdruck, den die technischen Entwicklungen auf die Struktur der Arbeitswelt und das Selbstverständnis der Arbeit ausübten, begann mit dem möglich gewordenen Einsatz von Maschinen, die Kraftwirkungen mithilfe von externer Energie an den Orten ausüben konnten, an denen sie gebraucht wurden.

Natürlich nutzten Schmelzöfen schon in der Antike die Energie von Verbrennungsprozessen und Segelboote und Windmühlen nutzten schon früh die Kraftwirkung des Windes aus. Man spannte Pferde ein, um den Wagen zu ziehen, zu pflügen oder zu mahlen, und man nutzte das Gefälle des Wassers durch die Drehkraft des Wasserrades bei Mühlen aller Art. Auch dies waren schon energienutzende „Maschinen“ in diesem Sinne, dass sie nichtmenschliche Kraftwirkungen nutzen.

Die Dampfmaschine, die hauptsächlich von Denis Papin um 1690 entwickelt, erstmals von Thomas Savery gebaut und von Thomas Newcomen verbessert und dann erst von James Watt (1736 – 1819) weiterverbessert wurde,166 benutzte die Wärme der Verbrennung, um sie gezielt in steuerbare Kraftauswirkungen umzuwandeln. Der entscheidende Unterschied zum Pferd, zum Schmelzofen, zur Wasserkraft und zum Segelboot liegt in drei Momenten und diese werden sich – auch in der Folgezeit – als wesentliche Einflussfaktoren darauf erweisen, wie Technik die Struktur und die Begründung der menschlichen Arbeit über die bloße Erleichterung hinaus verändert:

Image       Die Dampfmaschine war zunächst stationär, später wurde sie beweglich und konnte an den Ort der Verwendung gebracht werden bzw. sie wurde selbst zur Bewegung genutzt (Motorisierung). Bei Wind war man auf die Zeit und bei Wasserkraft war man auf den Ort der Verfügbarkeit angewiesen.

Image       Durch den von James Watt hinzugefügten Fliehkraftregler (gewissermaßen der erste mechanisch realisierte Regelkreis) kann die Maschine auch ohne ständige Anwesenheit eines Arbeiters „laufen“, d. h., Bedienzeit und Maschinenlaufzeit werden entkoppelt. Dies ist der Beginn der Automatisierung.

Image       Die Dampfmaschine braucht konfektioniertes Brennmaterial. Im Gegensatz zu Wind (Segelboot), Futter (Pferd) und Feuer (Schmelzofen) ist die Zufuhr von Energie permanent und steuerbar. Der Wind weht nicht immer, das Pferd braucht Ruhepausen und der Schmelzofen allein erzeugt noch keine Kraftwirkung. Die arbeitsunterstützende Kraftwirkung wird zur arbeitsersetzenden Kraftwirkung, und diese braucht Energie.

Man sagt gerne, dass die erste Industrialisierung mit der Dampfmaschine begonnen habe. Wenn man sich nur die Umstellung der Produktionstechnik und das Entstehen der Fabrik ansieht, mag das stimmen.

Die andere Seite der Entwicklungen zeigt sich in den Streiks im 18. und 19. Jahrhundert. Sie sind Ausdruck bitterster wirtschaftlicher Not. Aber das soziale Elend reicht zu einer Erklärung dieser Bewegungen allein nicht aus, politisch im Sinne einer Programmatik sind diese Erhebungen in strengem Sinne noch nicht. Die Radikalität der Auseinandersetzung um die „Rationalisierung“ und den Einsatz von Maschinen speist sich aus der Existenzangst, und dies wird deutlich sichtbar an dem Umstand, dass 1811 in England die Zerstörung einer Maschine unter Todesstrafe gestellt wurde.

3.5.3 Das Nachdenken über Ökonomie

Diese erste Industrialisierung war aber auch begleitet von einem neuen Nachdenken über das Wirtschaften. Es ist wichtig zu wissen, dass die Theoretiker der Ökonomie in jener Zeit aus dem Gebiet der „Moralphilosophie“ kommen, eine Volkswirtschaft als wissenschaftliche Disziplin gibt es zu dieser Zeit noch nicht.167 So war auch Adam Smith (1723 – 1790), dem wir neben wesentlichen Einsichten auch bis heute sich hartnäckig haltende Irrtümer verdanken, Professor für Logik und Moralphilosophie. Er gilt als Begründer der Nationalökonomie, die man heute die Wissenschaft von der Volkswirtschaft (Economics) nennt. Ausgehend von moralphilosophischen Überlegungen betonte er die mitmenschliche Sympathie als Grundlage der sittlichen Beurteilung. Arbeit war für Adam Smith die Quelle des Wohlstandes schlechthin. Wenn man diesen steigern will, muss man die Effizienz der Produktion, also die Produktivität steigern. Nicht erst Frederick Taylor, sondern Adam Smith propagierte die Steigerung der Produktivität durch Arbeitsteilung.

Die treibende Kraft des wirtschaftlichen Geschehens ist das Selbstinteresse, das einen Ausdruck für den natürlichen Trieb des Menschen darstellt, seine eigene Lage zu verbessern. Die handwerklich bestimmten Ökonomien basierten darauf, so Smith, dass der Wert eines Gutes durch seinen Gebrauchswert bestimmt sei. Die Konzeption des Marktes zeigt aber, dass der Wert der Güter durch Tauschwert, nicht durch Gebrauchswert bestimmt wird. Kurzfristige Marktpreise pendeln daher langfristig um den natürlichen Preis, der sich nach den Kosten zur Herstellung eines Gutes bemisst. Ein freier Markt bedeutet bei Smith, dass das Handeln der Einzelnen frei von staatlichen Eingriffen in das Wirtschaftsgeschehen sein muss. Freier Wettbewerb führt langfristig zu mehr Wohlstand aller. Die Vorstellung einer unsichtbaren Hand (invisible hand) bedeutet, dass das Marktgeschehen sich dahingehend selbst reguliert, indem jeder letztlich seine eigenen Interessen verfolgt, also seine Lage zu optimieren versucht, und damit erreicht wird, dass dies dem Gesamtwohl dient.168

Da es unterschiedliche Einkunftsarten gibt, neben dem Lohn eben auch Kapitalgewinn und Grundrente, muss sich eine Nationalökonomie auch moraltheoretisch der Gerechtigkeitsfrage nach der Verteilung der erwirtschafteten Güter stellen:

„Im Hinblick auf die Produkte der Arbeit in einer großen Gesellschaft gibt es niemals etwas Ähnliches wie eine gerechte und gleiche Verteilung. In einer an hunderttausend Familien zählenden Gesellschaft werden vielleicht hundert sein, die überhaupt nicht arbeiten, und die doch entweder durch Gewalt oder mit Hilfe der planmäßigen Unterdrückung durch Gesetze, einen größeren Teil der gesellschaftlichen Arbeit verwenden als jener ihrer zehntausend anderen.

Auch die Teilung dessen, was nach dieser gewaltigen Unterschlagung übrig bleibt, erfolgt keineswegs zur Arbeit jedes einzelnen. Im Gegenteil; jene, die am meisten arbeiten, erhalten am wenigsten.

Der wohlhabende Großkaufmann, der einen großen Teil seiner Zeit für Wohlleben und Unterhaltung verwendet, besitzt einen weit größeren Teil der Erträge seiner Geschäfte als alle Angestellten und Buchhalter, die die Arbeit verrichten. Diese letzteren wieder, die sehr viel Muße genießen und außer der Einschränkung durch ihren Dienst wohl kaum Mühsal erdulden, erfreuen sich eines viel größeren Teils am Ertrag als eine dreimal so große Zahl von Handwerkern, die unter ihrer Leitung sehr viel ernsthafter und fleißiger arbeiten. Ebenso hat der Handwerker, obwohl er im Allgemeinen vor den Unbilden der Witterung geschützt unter festem Dach bequem und durch den Vorteil zahlreicher Maschinen unterstützt tätig ist, einen viel größeren Anteil als der arme Arbeiter, der mit der Erde und den Jahreszeiten kämpfen muss, und der – während er das Material liefert, das all die anderen Mitglieder des Gemeinwesens mit Luxus versorgt und auf seinen Schultern das ganze Gebäude der menschlichen Gesellschaft trägt – selbst durch dessen Gewicht zu Boden gedrückt und außer Sicht in den tiefsten Fundamenten des Gebäudes begraben zu werden scheint.“169

Smith glaubte, dass sich diese Gerechtigkeitsfrage durch die Marktmechanismen würde lösen können, und dieser Marktbegriff löste sich alsbald von seinem systemischen, modellartigen Kontext und wurde für viele Wirtschaftswissenschaftler zu einer Entität, der man mit naturwissenschaftlicher und mathematischer Begrifflichkeit zubilligte, dass sie sich gleichsam naturwissenschaftlich verhalte.

Die Übernahme seiner Lehren durch die Vorstellungen einer „freien Marktwirtschaft“, die dann zu einer „Sozialen Marktwirtschaft“ modifiziert wurden, hat sowohl in den Wirtschaftswissenschaften wie in der politischen Diskussion in der Folgezeit den Begriff des Marktes bis hin zur Ideologie dominant werden lassen. Die Diskussionen darüber, wie frei der Markt als beobachtbares System sein sollte, wie man ihn modellieren und seine Dynamik vorhersagen könnte und wie man wirtschaftspolitische Entscheidungen mit solchen Vorhersagen begründen könnte, ist immer noch in vollem Gange.

3.5.4 Die gesellschaftliche Bestimmtheit der Arbeit

Die Wissenschaft entwickelte im 19. Jahrhundert unter dem Eindruck des wissenschaftlichen Siegeszugs der klassischen Mechanik in der Physik einen (unausgesprochenen) Systembegriff, an dem sich fast alle wissenschaftlichen Disziplinen orientierten: Es ist die Trennung von beeinflussenden und beeinflussten Größen einerseits und die Beobachtung des Zustands eines Systems. Die theoretische Mechanik der damaligen Physik war ein Ergebnis der erfolgreichen Erfahrungen, die man mit dem Bau von Maschinen und der Wirkung machen konnte. Der Begriff der Kraft und der Energie wurde zunehmend präzisiert. Dynamik wurde als mathematisch beschreibbare Veränderung von Verhältnissen und Zuständen angesehen.170

Man begann zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Prozesse in der Gesellschaft und in der Geschichte ähnlich wie Prozesse in der Natur wissenschaftlich zu betrachten: Sind sie der Beobachtung zugänglich, so werden sie, so die Spekulation der Philosophen des Deutschen Idealismus, von Gesetzen regiert und sind daher auch prognostizierbar. So baute Georg Wilhelm Friedrich Hegel seine Geschichtsphilosophie 1806 auf der Vermutung auf, dass es eine innere Dynamik des Weltgeistes gebe, der durch eine dialektische Bewegung den Verlauf der Geschichte bestimme.171 Karl Marx ersetzte die Wirkung des Weltgeistes durch die Dynamik des Klassenkampfes und die Dynamik der politischen Ökonomie und baute – auch wenn mit heftiger Kritik – auf den Ideen von Adam Smiths Nationalökonomie auf.

Arbeit wurde nun zu einem breit diskutierten Begriff in unterschiedlichen Gegenstandsbereichen und Disziplinen. In der Produktionstechnik und der Arbeitsorganisation ging es um die Optimierung von Arbeitsabläufen. In den ökonomischen Modellen172 war sie ein Faktor. In der Produktionsfunktion, in den sozialen Theorien über Strukturen in der Gesellschaft und bei der Diskussion um die Rolle der Arbeit spielten sozialethische Überlegungen zu Arbeitsleistung, Lohn, Gerechtigkeit und Eigentum erneut eine Rolle.

Es war jedoch Karl Marx, der als Erster den Arbeitsbegriff in den Mittelpunkt seines Aufbaus einer Wirtschaftstheorie und seiner philosophischen Anthropologie stellte. Für ihn war

„. . . die ganze sogenannte Weltgeschichte nichts anderes . . . als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit, als das Werden der Natur für den Menschen . . .“173

Allerdings war Marx eben auch ein Kind seiner Zeit und er ging davon aus, was er beobachten konnte. Die Bestandteile seines Arbeitsbegriffs wie Arbeit als Kampf mit der Natur,174 die Zielbestimmtheit der menschlichen Tätigkeit, wenn dieser arbeitet,175 das dabei verwendete Werkzeug176 und die Kooperation der Arbeiter untereinander177 waren noch eher deskriptiv. Doch dass Arbeit schließlich den Menschen als Lebenstätigkeit konstituiere und er dadurch zu sich selbst komme, sowohl als Individuum wie auch der Mensch als Gattungsbegriff, war philosophisch neu.

Die ersten massiven Widerstände gegen Rationalisierung und technologische Neuerung in der Arbeitswelt sind bei der Mechanisierung der Webereien auszumachen. So musste der englische Erfinder der Spinning Jenny, James Hargreaves (1721 – 1778) vor wütenden Webern 1768 fliehen, nachdem er diese Spinnmaschine in einer benachbarten Fabrik eingeführt hatte. Man muss sich jedoch klarmachen, dass die Erfindung der Spinnmaschine, also ihre technischen Möglichkeiten, nur eine notwendige Voraussetzung ihrer Anwendung war. Hinreichende Voraussetzung für ihren tatsächlichen Einsatz war der Umstand, dass wirtschaftliche Überlegungen dem Fabrikanten signalisierten, dass die Investition und der Betrieb einer Maschine billiger als der Einsatz menschlicher Arbeitskraft sein würden.

Die dazu gehörenden ökonomischen Verhältnisse kann man für diese Zeit durch steigende Außenhandelsbilanzen, durch nationalen Konkurrenzdruck und verschärfte Bedingungen zur Verwertung der Kapitale charakterisieren. Hinzu kam, und dies galt zumindest in England für die infrage kommende Zeit, die Verknappung der menschlichen Arbeitskraft.

Die Stein-Hardenbergschen Reformen hatten die Bauern aus der Leibeigenschaft 1807 befreit. Die Zahl der ungelernten Arbeitskräfte auf einem sich umstrukturierenden Arbeitsmarkt stieg in Deutschland damit sprunghaft an.178 Die zunächst nur langsam voranschreitende Industrialisierung konnte sie nicht alle aufnehmen, und so entstand eine neue Unterschicht, aus denen sich später die Massen der Industriearbeiter rekrutierte: Tagelöhner, Gesinde, Dienstboten. Die Gründung von Gewerbevereinen als eine Art Abwehrmaßnahme der Handwerksmeister war in dieser Zeit wenig erfolgreich.

Deutschland blieb in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Agrarstaat. Die von James Watt verbesserte Niederdruckdampfmaschine (1765), die es ermöglichte, die nicht überall verfügbare Wasserkraft gegen eine autonome, bewegliche Wärmequelle auszutauschen, führte in England 1825 zur ersten Eisenbahnlinie, in Deutschland hingegen erst 10 Jahre später. Die demografische Entwicklung zeigt ebenfalls, dass es sich bei Deutschland um diese Zeit um einen Agrarstaat handelte: Von 16,6 Mio. preußischen Einwohnern waren nur rund 1,3 Millionen Industriearbeiter, Handwerker oder Gesellen.179 Trotzdem war die Industrialisierung nicht aufzuhalten. Man denke an Faktoren wie die Dampfmaschine (in verschiedenen technologischen Abwandlungen), die Organisationsform der Manufaktur, den Übergang der Determinanten der Kapitalverwertung an ein Bürgertum, d. h. den Übergang von einem geschlossenen System zu einem offenen mit den Merkmalen des Marktes, sowie eine entschlossene Förderung und auch Anwendung der neuen Technologien für militärische Zwecke.180

Was Marx beobachtete, waren also nicht die Verhältnisse in Deutschland, sondern in gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen des Wirtschaftens und des individuell elenden Arbeitens in England.