3.5.5 Die soziale Frage

Im Laufe der Revolution von 1848 erfolgte beim Deutschen Handwerkerkongress in Augsburg eine Abspaltung der Gesellenvereinigungen von der sozialistischen Arbeiterbewegung. Trotzdem hatte die Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung ein Zentralkomitee und in 26 Bezirken 170 Ortsvereine. Die 1849 von Franz Hermann Schulze-Delitzsch (1808 – 1883) gegründeten Handwerkereinkaufsvereine und der 1846 von Adolf Kolping (1813 – 1865) gegründete Gesellenverein waren keine Gegengründungen, sondern eher zusätzliche, spezifischere Maßnahmen für eine bestimmte Gruppe von Arbeitnehmern, die nicht im aufkommenden industriellen Sektor beschäftigt waren, aber ebenso unter prekären Verhältnissen litten.

Von 1850 bis 1854 bestand ein Verbot aller Arbeiterverbrüderungen, das man durch die Arbeiterbildungsvereine zu umgehen suchte. Nach der Verbotsaufhebung 1860 in Sachsen gründete Ferdinand Lassalle (1825 – 1864) den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. 1868 nahm innerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbands die gewerkschaftliche Berufsorganisation durch die Gründung von 12 Arbeiterschaften erste Gestalt an. 1868 wurde der Hirsch-Dunckersche Gewerbeverein gegründet. 1869 war eine Koalition zwischen Fabrikarbeitern und Handwerkern nach der Verbotsaufhebung möglich. Im selben Jahre gründeten August Bebel (1840 – 1913) und Karl Liebknecht (1871 – 1919) in Eisenach die Sozialdemokratische Deutsche Arbeiterpartei. Aus dieser und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein entstand 1875 die SPD.181

Die politischen und ideengeschichtlichen Triebkräfte dieser Gründungen sind klar in der Aufklärung und den bürgerlichen Revolutionen in Amerika und Frankreich zu suchen. Die „materiellen“ Triebkräfte dürften neben den ausbeuterischen Verhältnissen im Aufkommen von Industriemaschinen zu suchen sein, die als Erste erkennbar eine große Masse von menschlichen Arbeitskräften ersetzen konnten. Der Weberaufstand in Schlesien 1844 war jedoch weniger durch Maschinenstürmerei, sondern durch Verelendung und Hunger motiviert.182

Die Geschichte der Verbote und Gründungen dieser Zeit macht auch deutlich, dass die Interessengegensätze zwischen Kapital und Arbeit nicht nur zu Auseinandersetzungen innerhalb der jeweiligen berufsspezifischen Arbeitswelten führten, sondern zu einem politischen Faktor geworden waren. Das waren sie mutatis mutandis natürlich schon im alten Ägypten der Pyramidenbauer, doch die institutionalisierte Interessenvertretung mit einem dezidierten Klassenstandpunkt ist erst eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts.

Die staatliche, monarchisch verfasste Ordnung war naturgemäß an solchen Gründungen wenig interessiert und versuchte sie durch ordnungspolitische Maßnahmen zu unterbinden. Doch erst die Gründung von Ferdinand Lassalle dürfte der eigentliche Auslöser für außerstaatliche privat organisierte Zusammenschlüsse von Arbeitgebern gewesen sein: So wurde 1874 als „Antwort“ der Verein Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller gegründet.183

Die Sozialistengesetze184 führten zu einer teilweisen Selbstauslöschung der Gewerkschaften. Die SPD umging diese Schwierigkeiten mit der Gründung von Sportvereinen, Fachverbänden und dergleichen, während die christlichen Gewerkschaften und der Hirsch-Dunkersche Gewerbeverein vergleichsweise ungeschoren davonkamen. 1876 war dann die Gründung des Zentralverbandes Deutscher Industrieller zu verzeichnen.

Die Auseinandersetzung um die sozialen Fragen der Arbeitswelt führt in den Jahren 1878 – 1884 zu einer Reihe gesetzlicher Regelungen, die als grundlegend für den heutigen Sozialstaat und das Subsidiaritätsprinzip sind: Mutterschutzgesetz, Gewerbeaufsicht, Verbot der Naturalentlohnung, das Krankenversicherungsgesetz sowie das Unfallversicherungsgesetz. Tabelle 3.1 zeigt die Daten einiger wesentlicher Gesetzgebungen von Regelungen, die für uns heute selbstverständlich sind.

Tabelle 3.1 Daten der Sozialgesetzgebung

Jahr der Einführung

Gesetzgebung

ab 1883

Sozialversicherungsgesetze

1883

Krankenversicherung für Arbeiter

1884

Unfallversicherung

1889

Alters- und Invalidenversicherung

1891

Sonntagsruhe und Lohnschutz

1890

Einrichtung von Gewerbegerichten

1891

Arbeitsschutzgesetz

1903

Verbesserungen im Kinder- und Mutterschutz185

Die Kriegsreparationen aus dem Krieg 1870/71 ergaben einen erneuten Schub für die industrielle Entwicklung, war doch im vorigen Jahrzehnt die Anzahl der im Maschinenbau Beschäftigten von 51 000 auf 356 000 gestiegen.186 Freilich ist festzuhalten, dass neue Technologien und bestimmte Verfahren schon damals „durchgesetzt“ wurden, obwohl möglicherweise alternative Verfahren zur Verfügung standen; diese Durchsetzung ist nicht durch technologische Optimalitätsüberlegung, sondern aus Monopolisierungsbestrebungen heraus verstehbar. Solche Bestrebungen waren dann zwischen den Kriegen 1879 und 1914 natürlich auch militärischer Provenienz.

Der Internationale Arbeiterkongress 1889 in Paris wurde zur Plattform für die Forderungen nach einem Kinderarbeitsverbot, nach einer Beschränkung der Arbeitszeit auf 8 Stunden für Jugendliche, nach dem Verbot der Nachtarbeit sowie nach mindestens 36 Stunden Ruhepause pro Woche.187 Zur Durchsetzung der Forderungen wurde auf dem Kongress vorgeschlagen, jedes Jahr am ersten Mai die Arbeit niederzulegen und dafür zu demonstrieren.

Nach der Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 fanden erstmals am ersten Mai des Jahres in aller Welt Veranstaltungen der Gewerkschaften statt. Die Arbeitnehmer sperrten die Arbeiter, die sich daran beteiligt hatten, bis zu 16 Wochen lang aus. Diese Vorgehensweise bestärkte die Gewerkschaften in ihren Absichten, sich zu größeren Organisationen zusammenzuschließen. So erfolgte noch im gleichen Jahre die Gründung der „Generalkommissionen der Gewerkschaften Deutschlands“, die mit dem Namen Carl Legien (1861 – 1920) als erstem Vorsitzenden verbunden ist. Man einigte sich auf den Zusammenschluss lokaler Berufsverbände zu Zentralverbänden, die wiederum in einem Dachverband vereinigt werden sollten. Nach diesem Beschluss kam für die „freie“ Gewerkschaft „eine Zeit erheblichen Aufschwungs, der organisatorischen Festigung und politischer Emanzipation“.188 1891 wurde dann der Deutsche Metallarbeiterverband gegründet; die in der Folgezeit durchgeführten Streiks wurden erfolgreicher: 1884 waren es noch 27,8 % der Streiks, die zum Erfolg führten, 1896 waren es schon 48 %.

In etwa diese Zeit fielen auch die Neugründungen von 29 Arbeitgebervereinigungen, so auch ein „Ausstandsversicherungsverband“ in Dortmund als Versuch, den Arbeitnehmerforderungen begegnen zu können. 1904 wurde die Hauptstelle der Deutschen Arbeitgeberverbände und 1905 der Kartellverband gegründet. Der Versuch, 1906 eine eigene, wirtschaftsfreundliche Arbeitnehmerorganisation (sogenannte gelbe Gewerkschaften) aufzubauen, um die Gewerkschaftsbewegung zu schwächen, blieb wegen der niedrigen Beteiligung der Arbeiter erfolglos.

3.5.6 Vor und nach dem Ersten Weltkrieg

Nach der Jahrhundertwende kam es zu einem Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt, der eindeutig auf Rüstungsanstrengungen zurückzuführen ist. Der abnehmenden Beschäftigungsanzahl im Handwerk stand eine Zunahme der Beschäftigtenzahl im Bergbau und im Hüttenwesen gegenüber, die Rohstoffgewinnung nahm an Bedeutung zu. Die Wirtschaftskonzentration gewann Gestalt, die Zunahme des Einflusses der Banken auf das Wirtschaftsleben, die sich in Aufsichtsratsmandaten in Industrieunternehmen ausdrückte, zeigte die Wichtigkeit der Kapitalverwaltung in diesem System an.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs brachte in Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebervereinigungen zum einen die erste offizielle Anerkennung der Gewerkschaften als legitime Interessenvertretung der Arbeiter, andererseits aber einen für die Dauer des Krieges ausgesprochenen Streikverzicht, der den Beinamen „Burgfrieden“ erhielt. Als bei anhaltender wirtschaftlicher Not noch die Brotrationen gekürzt wurden, kam es trotz „Burgfrieden“ 1917 zu wilden Streiks, die sich schnell zu breiten sozialen Unruhen steigerten. Die Gewerkschaften hatten keine Kontrolle mehr über diese Bewegung. Die Streikenden hatten sich durch die Wahl von Arbeiterräten selbst organisiert. Die lokalen Unruhen wurden mit grober Gewalt niedergeschlagen.

Der Erste Weltkrieg brachte Rohstoffbeschlagnahme, Höchstpreisgrenzen, Lohnstopp, Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und beschleunigte inflationäre Entwicklungen. Am Ende des Ersten Weltkriegs stürzte die Monarchie. Die finanziellen und gesellschaftlichen Privilegien des Adels fielen. Arbeiter- und Soldatenräte wählten am 10. November 1918 eine neue Regierung, die den 8-Stunden-Tag und die Arbeitslosenfürsorge gesetzlich regelte. 1919 trat dann in Weimar die verfassungsgebende Versammlung zusammen, 83 von 225 Abgeordneten waren Gewerkschaftsmitglieder. Das freie Koalitionsrecht war nach Artikel 152 der Verfassung wiedergewährt worden. Dies führte in der Folgezeit zu einem weiteren raschen Ausbau der Gewerkschaftsbewegung. Kursorisch sei noch die Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) 1922 genannt, der die christlichen Gewerkschaften integrierte.189

Die Oktoberrevolution 1917 brachte nach der Gründung der Sowjetunion eine veränderte Wirtschaftsordnung. Der erzwungene Übergang von einem feudalistisch orientierten Agrarstaat zu einem sozialistischen Staat mit planwirtschaftlicher Organisation wurde unter großen Opfern erkauft. Die bis nach dem Zweiten Weltkrieg andauernde internationale Isolierung sorgte dafür, dass die wirtschaftlichen Erfolge nur sehr langsam vorankamen.190 Die Abhängigkeit des einzelnen Arbeiters von Arbeitsvorgaben seines Vorgesetzten, sei dies nun ein Beauftragter des Besitzers der Manufaktur oder ein Deputierter aus einem planwirtschaftlichen Komitee, blieb jedoch nach wie vor erhalten.

Der Börsenkrach um 1923 zeigt die Verwundbarkeit der damaligen Weltwirtschaftsordnung gegenüber den periodischen Krisenerscheinungen der westlichen Wirtschaftssysteme, er zeigt aber auch die Instabilität der dadurch tangierten Lebensumstände in der Arbeitswelt – es kam zur Massenarbeitslosigkeit in der Weimarer Republik.

3.5.7 Zwangs- und Kriegswirtschaft

Nach der sogenannten Machtergreifung 1933 folgten die Zwangsmaßnahmen der nationalsozialistischen Steuerungsversuche der Wirtschaft. Hier ist auch das teilweise Verbot von Maschinenarbeit zu nennen, wenn dieselbe Arbeit unterhalb eines bestimmten Belastungsgrads auch von Menschen verrichtet werden kann.191 Der „Aufschwung“ war wiederum implizit und vorauslaufend kriegsbedingt; Rüstungsindustrie, Autobahnbau, Kanal- und Entwässerungsbau sowie Einrichtung von Kasernen und Flugplätzen signalisierten denen, die es wissen wollten, die Richtung der ökonomischen Anstrengung. Die Zahl der Arbeitslosen schrumpfte von 6 Millionen 1933 auf 800 000 im Jahre 1937.192 1938 wurde das Volkswagen-Werk in Wolfsburg als Retortenunternehmen aus dem Boden gestampft – nicht gewachsen aus konkurrierenden Manufakturen, sondern als Ausdruck eines auf Kriegsziele gerichteten Produktionswillens der staatlichen Führung. Bald wurden die Arbeitskräfte knapp. 1939 wurde die Arbeitsdienstpflicht eingeführt und längst war die Sklavenhalterwirtschaft durch die Hintertüre in Form der Arbeitslager und Konzentrationslager wieder eingeführt worden.

Die Auflösung des DGB und aller Einzelgewerkschaften durch die SA und SS bereits 1933 und ihre Ersetzung durch die „Arbeiterfront“ und den Reichsarbeitsdienst zeigt, dass die totalitäre Staatsführung in erster Linie eine freie organisierte Arbeiterschaft fürchtete. Die damaligen Gewerkschaften hatten allerdings mangels einer einheitlichen Durchorganisation und mangels eines ausgebildeten politischen Selbstverständnisses dieser Auflösung nur wenig Widerstand entgegengesetzt. Dies gilt ebenfalls auch für die später verbotenen bürgerlichen Parteien.

Die Vorbereitung des Krieges brachte 1938 eine allgemeine Arbeitspflicht. Sämtliche erworbenen Rechte der Arbeiter gegenüber den Arbeitgebern wurden hinfällig. Die ideologische Ausrichtung forderte die Arbeitsleistung bis an die Grenze des physisch Leistbaren. Die gleichfalls aufgelösten bisherigen Arbeitgeberzusammenschlüsse wurden jedoch – zumindest personell unverändert – in der Reichsarbeitskammer integriert, um die Betriebe bei der Rüstungsproduktion arbeitsteilig besser koordinieren und gleichschalten zu können. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass ein nicht unerheblicher Teil der Kriegsproduktion von zwangsweise rekrutierten Arbeitskräften geleistet wurde, für die es weder eine Entlohnung noch ein Recht auf Erholung oder körperliche Unversehrtheit gab und deren physische Vernichtung durch Arbeitseinsatz bewusst in Kauf genommen oder sogar angestrengt wurde (Strafgefangene, Arbeitslager, Konzentrationslager, später zusätzlich Kriegsgefangenenlager).193 Diese Arbeit wurde nicht nur in den Lagern geleistet, sondern eben auch in den Rüstungsbetrieben unter der gemeinsamen Aufsicht von nationalsozialistisch kontrollierten staatlichen Stellen und den jeweiligen Unternehmensleitungen.194

Die Bedingungen, unter denen Arbeit während des Nationalsozialismus verrichtet wurde (das gilt für die anderen faschistischen Staaten auch), machten zum ersten Male klar, wie im Kontext einer totalitären Herrschaft das im Lauf der Geschichte gewandelte Verhältnis zur menschlichen Arbeit wieder in den Zustand der puren Sklaverei zurückfallen kann. Jedes Arbeitslager, jede Zwangsarbeit, wann immer sie im Laufe der Geschichte auftreten mag, verdeutlichen, dass es bei der Arbeit auch immer um Machtverhältnisse geht: Denn das Verhältnis der Macht, unter dessen Regime menschliche Arbeit verrichtet wird, zur Freiheit des Menschen, eine Arbeit ausführen oder nicht ausführen zu können oder zu müssen, ist entscheidend dafür, ob Arbeit als Bestrafung, als Zuchtmittel, als Ausbeutung, als Kampf des Menschen gegen seine Umwelt oder als eine befriedigende Tätigkeit empfunden werden kann.

Somit sind die geschichtlich gewordenen politischen Verhältnisse, die aufs engste mit den wirtschaftlichen Verhältnissen verknüpft sind, eine entscheidende Determinante für die Bedingungen der Arbeit. Daraus folgt, dass sich die wirtschaftlichen und politischen Interessenskonflikte am frühesten und am signifikantesten in der Arbeitswelt und den Arbeitsbedingungen zeigen. Deshalb erscheint es nicht unangemessen, auf diese Weise auf den geschichtlichen Hintergrund einzugehen.

3.5.8 Nachkriegszeit: die politische und wirtschaftliche Teilung

Der Zweite Weltkrieg brachte neben dem weltweiten militärischen Elend in Deutschland Lohnstopp, Steuererhöhungen und eine sprunghaft angestiegene Staatsverschuldung. 1942 übernahm die staatliche Führung die zentrale wirtschaftliche Planung. Auch waren die Eroberungsziele des Dritten Reiches eindeutig ökonomischer Natur: Es ging nicht nur um den von den Nationalsozialisten beanspruchten „Lebensraum“ für eine „Herrenrasse“, sondern vor allem um den Zugang zu den Rohstoffvorräten der Sowjetunion und Osteuropas.195

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 führten die alliierten Siegermächte Demontagen unterschiedlichen Ausmaßes durch, übernahmen in ihren jeweiligen Besatzungszonen den Know-how-Transfer durch die Beschlagnahme der Patente und durch die Internierung der Know-how-Träger. Die Westalliierten entflochten in ihren Besatzungsgebieten bestehende Konzerne. In der östlichen Besatzungszone wurden die meisten Unternehmen und landwirtschaftlichen Betriebe verstaatlicht. Die Siegermächte prägten ihren jeweiligen Einflussgebieten neue politische Ordnungen auf und die Teilung Deutschlands wurde auch eine Aufteilung in unterschiedliche Wirtschaftssysteme mit unterschiedlichen Arbeitsorganisationen und -bedingungen.

Nach dem Zusammenbruch und der Befreiung im Mai 1945 fand in Hamburg die erste Gewerkschaftsversammlung statt. Der Alliierte Kontrollrat schuf danach neue Gesetze wie die Arbeitsgerichtsbarkeit, das Betriebsratsgesetz sowie erste Versionen der Mitbestimmung. Das beispielgebende Montan-Modell der Mitbestimmung hat die Arbeitsgesetzgebung bis zum heutigen Tage beeinflusst.196

Die Inflation und Währungsreform 1948 begünstigte eindeutig Sachwertbesitzer, die Demontagen trugen im Westteil zur Modernisierung der Produktionstechnologie bei, in der damaligen sowjetisch besetzten Zone wurden sie, zusammen mit anderen Reparationsleistungen wie der direkten Entnahme von Produkten aus der laufenden Produktion, hingegen zum Aderlass der Produktivität auf lange Zeit.197 1950 befand sich im Westen die Industrieproduktion wieder auf demselben Stand wie 1930. Die Arbeitslosenrate lag zwar bei ca. 10 %, sank aber auf 5 % in zwei Jahren.

Die erste Rezession 1967/68 sowie die beiden Ölpreiskrisen 1973 und 1979 mit einer teilweisen Verteuerung um das Dreifache lösten Nachdenken aus. Offensichtlich begannen sich die wirtschaftlichen Verhältnisse aus den Determinanten der Wiederaufbauphase zu lösen und es machten sich Anzeichen von strukturellen Anpassungsschwierigkeiten bemerkbar. Seit 1974 kann man den bis heute zu beobachtenden Anstieg der Langzeit-Arbeitslosigkeit feststellen, die in allen höher entwickelten Industrienationen beobachtet werden kann.198 Die von den Wirtschaftswissenschaften damals für gültig gehaltene Dichotomie zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit erwies sich seit der Erfahrung der „Stagflation“199 Anfang der 70er-Jahre als kein geeigneter Begriff der wirtschaftlichen Steuerung mehr. Die weltwirtschaftlich bedingten Marktverschiebungen zwischen Hochlohn- und Billiglohnländern führten zu Rationalisierungsmaßnahmen, die eine bis dahin nicht gekannte Auswirkung auf das Arbeitsleben zur Folge hatten. Durch die in dieser Zeit aufkommende neue Informationstechnologie (im Wesentlichen Großcomputer in Rechenzentren) wurde eine Entwicklung in Gang gesetzt, die schon damals von den Experten in den 60er-Jahren mit dem Ausmaß der Umwälzungen der Arbeitswelt durch die Mechanisierung und Automatisierung vergleichbar eingeschätzt wurde.200

Die politische Teilung Deutschlands in die jeweils den beiden Großmächten USA und UdSSR zugehörigen und ideologisch beeinflussten Staaten BRD und DDR teilte auch die Geschichte der Interessen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in zwei unterschiedliche Verlaufsstränge. In der Bundesrepublik formierten sich in der Folge nach 1947 und angeregt durch die sogenannte Dritte Interzonen­konferenz201 die Gewerkschaften neu und dabei entstanden gewerkschaftseigene Unternehmungen, Versicherungen, Fürsorgeeinrichtungen und Bildungswerke. Im „Gegenzug“ konstituierte sich die Arbeitgeberseite durch die Gründung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände im Jahre 1950 neu.

Zu dieser Zeit bildete sich in der Deutschen Demokratischen Republik unter der Regie der Sozialistischen Einheitspartei der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund FDGB. Die Sozialistische Einheitspartei nahm für sich das Erbe der Geschichte der Arbeiterbewegung seit den Gründungstagen von August Bebel und Karl Liebknecht in Anspruch. Bei der staatlich gelenkten Planwirtschaft fiel sozusagen der Part der Arbeitgeber der staatlichen Planung und Exekutive zu. Der Konflikt zwischen Lohnforderungen und Leistungsnormen wurde von der politischen Vertretung der Arbeiterklasse, d. h. der Einheitspartei, geregelt. Dabei entwickelte sich im Lauf des Wiederaufbaus nicht nur in der Bundesrepublik eine Form der Mitbestimmung, sondern auch in der DDR, die jedoch im Westen relativ unbekannt blieb und auch andere Kompetenzbereiche hatte als in den nach westlichem Muster organisierten Wirtschaftsbetrieben.202

In der Bundesrepublik bildete sich die sogenannte Tarifhoheit heraus, das heißt, dass die Tarifverträge durch Einzel-Fachverbände – also Teilgewerkschaften und Arbeitgeberverbände – für bestimmte Branchen als regional gültige befristete Tarifverträge ausgehandelt werden konnten. Diese Regelung führte dann zu einer festgelegten Ritualisierung der Arbeitskämpfe, die sich auch gesetzlich im Mitbestimmungsrecht, dem Streikrecht, der Friedenspflicht und dem Verbot von politischen Streiks niederschlug. Die Zusammenarbeit der Tarifpartner war und ist auch heute noch auf einer Bejahung des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit und der daraus resultierenden Konflikte angelegt, die mit friedlichen und gesetzlich festgelegten Mitteln in regelmäßigen Abständen geregelt werden müssen. Die zeitweilig praktizierte Konzertierte Aktion,203 die die beiden Tarifpartner als politische Kräfte auch außerhalb von Tarifkonflikten in die politische Verantwortung für das Gesamtwohl einzubinden versuchte, war der bisher stärkste Versuch, den Interessenskonflikt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern im Rahmen staatlicher Maßnahmen zu entschärfen. Die Verfassungsklage der Arbeitnehmerseite 1976 gegen ein neues Mitbestimmungsgesetz ließ diese Konzertierte Aktion gegen Ende der Siebzigerjahre zerbrechen, obwohl die Verfassungsklage zurückgewiesen wurde.204

Es bleibt der interessante Fakt zu vermerken, dass zum Zeitpunkt der inhaltlichen Fertigstellung dieses Buches angesichts des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, der steigenden Energiepreise, der Inflation, des Arbeitskräftemangels einerseits und der drohenden Arbeitslosigkeit wegen der Gas-Krise und der noch nicht zu Ende gegangenen Pandemie andererseits im Herbst 2022 wieder von einer Konzertierten Aktion die Rede war.

3.5.9 1989 und danach . . .

Eine schlagartige Veränderung der Interessensverhältnisse ergab sich nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der weltweiten Blockstruktur 1989. Die Bundesrepublik übertrug ihr Wirtschaftssystem fast eins zu eins auf die DDR und damit auch das ritualisierte Tarifsystem. Drei politische Entscheidungen waren dabei maßgebend:

1.      Die frühzeitige Einführung der einheitlichen Währung DM führte letztlich zum Zusammenbruch der DDR-Industrie, da die Produkte für die Märkte in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion zu teuer wurden. Daraus resultierte eine Arbeitslosigkeit, mit der die neuen Bundesländer bis heute zu kämpfen haben.

2.      Die Entscheidung für einen Ausgleich von Ansprüchen nach dem Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“ führte zu einer großen Verunsicherung und trug zu einem bis heute nicht ganz überwundenen Gefühl der Gerechtigkeitslücke bei.

3.      Mit zu dieser Gerechtigkeitslücke trug auch die Entscheidung bei, die Entlohnung in den neuen Bundesländern entsprechend der geringeren Produktivität und Lebenshaltungskosten abzusenken und erst langsam an die Höhe des westlichen Entlohnungsniveaus anzugleichen.

Neben diesen politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen ist für die Veränderung der Sicht auf die Arbeit und deren Bedingungen die Zeit ab etwa 1980 entscheidend: Durch die neuen technischen Möglichkeiten (in den 80er-Jahren schon als neue Technologien apostrophiert) verändern sich nicht nur die Rahmenbedingungen für die Arbeit, sondern nochmals die Arbeitsinhalte und die Arbeitsorganisation in gravierender Weise. Das Erste, was ab dieser Zeit ins Auge springt, ist die Veränderung der Produktion, sprich das Ende der bisherigen Fabrik. Das Zweite, was ab dieser Zeit diskutiert wird, ist die Telearbeit.

3.6 Telearbeit – vom Fernschreiber zum Netz

Die offenkundigste Form der Arbeit fern der klassischen Fabrik, die nicht für sich selbst, sondern für ein Unternehmen geleistet wurde, war in den 80er-Jahren die Telearbeit, die heute durch das Schlagwort Homeoffice im Rahmen der Pandemie seit 2020 in einen neuen Fokus gerückt wurde. Heute hat dies zwei Gründe: zum einen, weil es sich als notwendig erweist, Arbeit auch außerhalb des Betriebs mit seinen Ansteckungsgefahren zu organisieren, zum andern, weil durch neue technische Möglichkeiten die Machbarkeit des Homeoffice keine technische, sondern lediglich eine organisatorische und arbeitsregulatorische Frage geworden ist.

Man konnte bei den ersten Versuchen zur Einführung von Telearbeit sicher einige ehrenwerte Motive unterstellen: Sie versprach, richtig organisiert, mehr individuelle Entfaltung und Lebensqualität, eine Verringerung von Pendlerströmen, bessere Integrationsmöglichkeiten von benachteiligten Beschäftigungsgruppen und durch die Überwindung von Entfernungen auch eine Entwicklung strukturschwacher Regionen. Ob die bis heute praktizierte Auslagerung von Programmierarbeiten nach Indien in den späten 80er-Jahren auch solche Effekte zeitigte, wäre sicher einer eigenen Nachforschung wert.205

3.6.1 Vorgeschichte

Der Begriff Telearbeit und die nun dafür verwendete Formel des Homeoffice und die zugrunde liegenden Arbeitsformen haben eine längere Vorgeschichte. Im Bereich der Textilherstellung, der Kleiderfabrikation und der Lederbearbeitung gab es im 18. und 19. Jahrhundert durchaus Heimarbeit, die allerdings starker Sozialkritik ausgesetzt war:

„Das Haus der Hausindustriellen . . . ist durchwegs eine enge, niedere, sanitätswidrige, überfüllte Spelunke . . . Und in diesen Hütten vegetirt [sic!] eine physisch, oft moralisch degenerierte Population, bei Hunger und Elend preisgegeben jeder Willkür der sogenannten Arbeitgeber oder Brodherrn [sic!].“206

Heimarbeit wurde mit meist niedrig qualifizierter und schlecht bezahlter Arbeit in ländlichen Regionen in Verbindung gebracht, die man notgedrungen annehmen musste. Man war ohne Absicherung durch Sozial- oder Krankenversicherung und dem Auftraggeber schutzlos ausgeliefert.207 In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die bezahlte und auch unbezahlte häusliche Familienwirtschaft (Heimarbeit bzw. Hausindustrie) sowohl in Westeuropa als auch in Zentraleuropa gegenüber der Lohnarbeit, die sozial und vor allem gesetzlich abgesichert war, immer stärker ab.208 Eine Ursache hierfür kann in der Verlagerung der unbezahlten und unterbezahlten Arbeit in die damaligen eroberten Kolonien gesehen werden, in denen die Gesellschaft der Produzenten nicht gleichzeitig auch die Gesellschaft der Konsumenten der hergestellten Produkte war.209 Die in diesen Ländern hergestellten Vorprodukte wurden in die Industrieländer exportiert und sorgten für eine steigende Nachfrage nach Lohnarbeitern in den Industriezentren, die diese in Massen und billig hergestellten Vorprodukte in den Fabriken zu Zwischen- bzw. Endprodukten verarbeiten konnten.210 Damit wurden sie zum Wachstumsmotor der dort ansässigen Industrien. Eine Folge dieser Entwicklung war eine Deindustrialisierung des ländlichen Bereichs, sofern man Heimarbeit als Teil der Industrie ansehen möchte. Für eine gewisse Zeit war ein Rückzug in die agrarische Selbstversorgung zu beobachten.211

Was als Teleheimarbeit Mitte der 80er-Jahre zum ersten Mal thematisiert wurde, war im handwerklichen Bereich schon immer gegeben: Werkstatt und Wohnung lagen zumeist nebeneinander, bei den Läden des Einzelhandels war das genauso. Die vieldiskutierte Auflösung der Grenzen zwischen Freizeit und Arbeitszeit oder gar von Lebensort und Arbeitsort war für diese Branchen kein Thema.

Eine neue Entwicklung ergab sich erst im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. In den USA wurde sie geprägt durch das Konzept des Telependelns (sogenanntes Telecommuting). Anfang der 1970er-Jahre wurde es diskutiert und erprobt. Eine erste Einführung von solchen Projekten gab es bereits 1962 in Großbritannien durch die Beratungs- und Softwareentwicklungsgesellschaft FI Group. Qualifizierte Frauen sollten neben der Familie auch die Möglichkeiten auf Arbeit haben und diese dann in der Fabrik abliefern können. Telearbeitsprojekte nannte sich auch der Vorschlag von Jack Nilles (geboren 1932). Er hatte die Idee Mitte der 70er-Jahre während der Ölkrise und Energieknappheit weiterentwickelt. Der Auslöser war ein langer Arbeitsweg, der wegen der Energiekosten zum Problem wurde. Nilles strebte an „die Arbeit zu den Menschen, anstatt die Menschen zur Arbeit zu bringen.212 Die Diskussion wurde durch Zukunftsforscher wie Alvin Toffler (1928 – 2016)213 popularisiert – und sie war vor dem Hintergrund der damaligen Ölkrise nicht nur durch Überlegungen getriggert, wie man Energie einsparen könnte, sondern auch darüber, wie man die Verkehrsprobleme in den Mega-Cities wie Los Angeles vermindern könnte.

Es bleibt anzumerken, dass wir 2022 und 2023 aufgrund der Krisensituation (Klimawandel, hohe Energie- und damit Mobilitätskosten, Verletzlichkeit der Lieferketten etc.) eine vergleichbare Diskussionslage haben.

Ein weiterer Faktor ergab sich aus der Forderung der Erwerbstätigen nach flexiblen Arbeitsbedingungen. Diese Forderung ging insbesondere von den Frauen aus, wurde dann aber mehr und mehr auch von Männern vertreten. Mit zunehmender Frauenerwerbstätigkeit stieg auch der Bedarf nach Arbeitsformen, die es erlauben, berufliche Arbeit mit häuslichen und familiären Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Schon in den 60er-Jahren wurden solche Anliegen von einer der Pionierfirmen auf diesem Gebiet, dem britischen Softwareunternehmen FI Group, zum Anlass genommen, Telearbeit auszuprobieren.214

Ein dritter Entwicklungsstrang findet sich durch die Telehaus-Idee, die ihre Ursprünge in Nordeuropa hatte. Mit dem Ziel, die Anwendung der Telematik auch in den ländlichen Regionen zu beschleunigen, wurden in den skandinavischen Ländern seit den frühen 80er-Jahren sogenannte Telehäuser eingerichtet. Diese Häuser stellten die erforderliche IuK-Infrastruktur215 bereit, die Ausbildung der ansässigen Bevölkerung für die Anwendung und Einsatzmöglichkeiten dieser Technik sowie das Angebot von Serviceleistungen und Telearbeitsplätzen für lokale Unternehmen.216

Trotz anfänglicher Euphorie entwickelte sich die Telearbeit – auch weltweit – nur langsam. Vorreiter waren die USA, die aufgrund der Telekommunikationsentwicklung und des Bedarfs an verkehrsreduzierenden Arbeitsformen und auch aufgrund der kulturell bedingten Innovationsfreude diese Entwicklung zuerst aufgriffen.217 In Europa waren Mitte der 90er-Jahre vor allem die britischen Telearbeitsplätze in der Mehrzahl, gefolgt von Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien. Die unterschiedliche Entwicklung der Telearbeit in diesen Ländern geht auf bestimmte Faktoren zurück, die in einigen Ländern vorliegen und in anderen nicht.218 Diese Faktoren waren und sind, so darf man vermuten, überwiegend ökonomischer Art: Die Gestaltung solcher Arbeitsplätze hängt nicht nur von den technischen Möglichkeiten ab, die heute kein wirkliches Thema mehr sind, sondern von den tariflichen, arbeitsrechtlichen, betrieblichen, organisatorischen und aufgabenspezifischen Bedingungen.

Die schon früh diskutierte Telearbeit als Teleheimarbeit scheiterte in der ersten Phase, in der sie Anfang der 80er-Jahre propagiert wurde, an der unzulänglichen, weil auch damals zu teuren technischen Einrichtung und an dem Defizit, geeignete Organisationsformen für diese Art von Arbeit zu finden oder finden zu wollen. Die Bedenken wurden sowohl von Arbeitgeberseite wie von Arbeitnehmerseite massiv vorgetragen.

Die heute verfügbare Netztechnologie hat schon vor der Pandemie 2020 dazu geführt, neue Formen der Telekooperation zu entwickeln. Viele der alten Einwände sind schon seit den 90er-Jahren entweder technisch überholt oder haben einem neuen Denken über die Gestaltung der Organisationsformen von Arbeit schlechthin Platz gemacht. Vor diesem Hintergrund zeichnete sich damals schon eine Neubestimmung der Rolle der (Erwerbs-)Arbeit für Gesellschaft und Individuum ab. Diese Neubestimmung äußerte sich vermutlich zuerst in den Metropolen in Form von Experimenten. Das Thema hatte auch dadurch, dass nun auch im Zusammenhang mit der Diskussion um Industrie 4.0 und Arbeit 4.0 die technischen und organisatorischen Möglichkeiten außerhalb der engeren Fachwelt sichtbar wurden, die öffentliche Debatte ab Mitte der 10er-Jahre erreicht.

Das Leitmotiv der Auftragnehmer bei solchen Arbeitsformen war in den 90er-Jahren noch die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die eigene Produktivitätssteigerung durch effizientere Arbeitsbedingungen zu Hause. Bei Frauen überwogen die Interessen, Familie und Beruf zu vereinbaren, eine Brückenfunktion beim Wiedereinstieg in den Beruf nutzen zu können und die Aufrechterhaltung des betriebsgebundenen Spezialwissens, um einer Dequalifizierung vorzubeugen.219

Die Interessen der Betriebe als Auftraggeber haben sich jedoch nicht sonderlich gewandelt, seit die Telearbeit zur Netzarbeit wurde: individuelle Leistungssteigerung des Auftragnehmers, störungsfreiere Arbeitsatmosphäre, funktionale Flexibilisierung, mehr Möglichkeiten der Arbeitsorganisation und eine flexiblere betriebliche Sozialpolitik mit entsprechender Mitarbeiterbindung. Bei hoch qualifizierten Kräften werden hohe Anforderungen an Selbstdisziplin gestellt, denn Betrieb und Auftraggeber sollen ja wissen, dass man als Auftragnehmer schwer zu ersetzen sei.

3.6.2 Formen der Telearbeit

Sieht man sich die Formen der Telearbeit an, dann kann man eine Anordnung wie in Bild 3.5 durchführen, die mehr systematisch entworfen als empirisch abgesichert ist. Die vertikale y-Achse stellt die Bindung des individuellen Arbeitnehmers an Personen, Familie oder Region220 oder an den Ort (Grad der persönlichen Bindung) und die horizontale x-Achse stellt den Grad der Bindung an die Arbeit respektive an die auftraggebende Institution (als freier Mitarbeiter oder in einem arbeitsvertragsähnlichen Verhältnis) dar. Man erhält dann eine Typologie, die die einzelnen Formen charakterisiert. Hier schaffen die Delokalisierung von Arbeitsplatz und -zeit, die De-Identifikation von Arbeit/-Auftragnehmer und -geber und die zu erwartende zunehmende Volatilität von Arbeitsteiligkeit und Arbeitsintegration in der Tat neue Formen.

Bild 3.5 Formen der Telearbeit nach Graden der Bindung221

Ein Beispiel wäre der klassische Pendler. Pendler entstehen meist da, wo Lebenswelt und Arbeitswelt aus irgendeinem Grunde nicht zusammenpassen. Ob Telepräsenz und Telearbeit das Problem des Pendelns lösen, hängt natürlich sehr stark davon ab, ob die von Pendlern angebotene Arbeitsleistung auch so organisiert und geteilt werden kann, dass sie sich für Telearbeit eignet. Dabei ist immer der Zusammenhang mit der geforderten und der angebotenen qualifikatorischen Kompetenz mit zu berücksichtigen.

Die Bindung des Pendlers an die arbeitgebende Institution ist sehr hoch, denn er kehrt tagtäglich oder wöchentlich zu ihr zurück. Ob er „Arbeit mit nach Hause nehmen“ kann, hängt stark davon ab, was er tut – Schreibtischarbeit ist so weit teilbar, dass Teile der Aufgaben auch zu Hause bearbeitet werden könnten. Bei Branchen mit starker Dezentralisierung von Teilen der Produktion ist sogar eine Auslagerung durch einfache, auch häuslich betreibbare Bearbeitungsmaschinen oder 3D-Drucker (subtraktive und additive Fertigung gleichermaßen) denkbar. Die Bindung an die Familie oder den Ort, wo der Pendler wohnt, ist wahrscheinlich nicht zu niedrig anzusetzen, sonst würde er sich den Zwang und die Unannehmlichkeiten, die mit Pendeln verbunden sind (Zeit und Kosten), nicht auferlegen. Der klassische Pendler ist kein Teleheimarbeiter, oder besser gesagt, er ist es noch nicht.

Nachbarschaftsbüros oder früher Telehäuser stellen so etwas wie eine Auslagerung einer Arbeitsgruppe oder einer Abteilung aus dem Betrieb dar. Ihre Bindung zur arbeitgebenden oder auftraggebenden Institution ist schon schwächer als die des Pendlers, durch die räumliche Nähe der dort Beschäftigten zu ihrem Lebensort kann der Grad der persönlichen Bindung höher angesetzt werden.

Lässt die Bindung an den Arbeit- oder Auftraggeber weiter nach und erhöht sich die persönliche Bindung, findet man die Form der temporären Anwesenheit, d. h. des Pendlers, der nur zeitweilig am betrieblichen Geschehen teilnimmt.222 Eine weitere Lockerung der institutionellen Bindung findet sich dann beim sogenannten Heimwerker, dessen Status oftmals vertraglich schlecht abgesichert ist, wenn er die Rolle eines Mini-Zulieferers spielt. In diesem Schema rangiert er nur als ein spezieller Fall unter anderen Formen. Durch telekommunikative Anbindung kann dieser Status sicher in eine engere Bindung an den Betrieb überführt werden.

Ist die Bindung von der arbeitgebenden Institution völlig gelockert, erreicht man den Status des freien Mitarbeiters (z. B. auf Werksvertragsbasis) oder des Kleinunternehmers, der an einem separaten Markt agiert, bis hin zum Abenteurer, der – häufig im Softwarebereich anzutreffen – gelegentlich Entwicklungsarbeiten übernimmt und seine Arbeitsdichte, d. h., wie oft und wie lange er arbeitet, selbst bestimmt. Da z. B. die Erstellung von Software nicht unbedingt eine örtliche Anbindung benötigt, finden sich hier auch Formen des Aussteigertums und der zeitlich begrenzten Arbeitsbereitschaft. Hier sind erfahrungsgemäß auch die persönlichen Bindungen sehr gering. Die neueren Formen des Crowd-Working sind meist durch niedrige Bindungen auf beiden Achsen gekennzeichnet – „hire und fire in 10 Minuten“ lautet hier das Schlagwort. Der Betreffende arbeitet an einem hoch volatilen Auftragsmarkt, kennt seine Auftraggeber in der Regel nur über das Netz und ist meist von persönlichen oder regionalen Bindungen frei. Es ist aber auch denkbar, dass Crowd-Working sich in einem Bereich durchsetzt, der durch eine stärkere persönliche oder regionale Bindung gekennzeichnet ist.

Bleibt man bei den geringen persönlichen Bindungen, findet man mit zunehmendem Grad der Anbindung an die arbeitgebende Institution die Formen des Rahmenvertrags (z. B. für einen Ein-Personen-Betrieb), und die Formen des höchst mobilen Außendienstarbeiters (Mobile Computing) mit seinem mit allen Kommunikationsmöglichkeiten versehenen Außendienstfahrzeug. Man findet auch den Mitarbeiter, der oft unterwegs ist, z. B. für Montage, der aber auf eine informationstechnische Anbindung (z. B. bei Wartung und Instandhaltung) mit seinem Betrieb angewiesen ist, bis hin zu dem mehr in den Betrieb eingebundenen Yuppie, der bei geringer persönlicher Bindung auch Arbeitspakete in Freizeit, Ferien und seinem persönlichen Mobilitätsverhalten unterbringt.

Als erste Phänomenologie mag dies genügen – sicher sind auch andere Formen in diesem Schema aufzufinden.

3.6.3 Substitutionseffekte

Zunächst bestand die Hoffnung, dass die Möglichkeit der Telekommunikation einen bestimmten Anteil unseres Reisebedarfs würde reduzieren können. Telekonferenzen würden langwierige, kostenträchtige und zeitraubende Geschäftsreisen ersetzen –, so glaubte man. Diese Hoffnung trog – der Verkehr nahm mit der Zunahme der Kommunikationsleistung nicht ab, sondern er stieg mit ihr an.223 Das bedeutet allerdings noch nicht, dass die Steigerung der Kommunikationsleistung die Ursache für die Steigerung der Verkehrsleistung oder umgekehrt darstellen würde. Trotzdem scheint die wirtschaftliche Dynamik für die Steigerung beider zu sorgen. Ein darüber gelagerter Ersetzungseffekt ist bisher nicht klar erkennbar.

Anwesenheitszeit im Betrieb, d. h. im Betrieb anwesend zu sein, muss nicht unbedingt heißen, dass in dieser Zeit auch – im Sinne des Ziels des Unternehmens – effizient gearbeitet würde. Durch Telearbeit wird die Verantwortung für die Effizienz der Tätigkeit auf den Auftragnehmer verlagert und die Divergenz von Arbeitszeit und Anwesenheitszeit224 wird substituiert in Richtung auf eine Ergebniskontrolle. Diese ist wohl heute noch ein schwieriges Thema. So scheint die Angst konservativer Arbeitgeber vor dem Kontrollverlust bezüglich der nicht in ihrem Sichtbereich agierenden Mitarbeiter immer noch ungebrochen zu sein.225

Die Qualifikationsforscher und Berufsbildner haben ab den 80er-Jahren auf die sogenannte Sozialkompetenz großen Wert gelegt, da diese Kompetenz auch dazu befähigt, überfachliche, organisatorische, politische wie menschliche Konflikte zu lösen.226 Man begann den Betrieb auch als eine soziale Veranstaltung und nicht nur als technisches oder ökonomisches Gebilde zu sehen. Diese Sozialkompetenz hat an Telearbeitsplätzen und bei dezentralisiert strukturierter Arbeit an Bedeutung verloren. Sie ist durch eine überbetriebliche Funktionalkompetenz ersetzt worden – der einzelne Auftragnehmer muss nun akquisitorische, minimal unternehmerische und betriebswirtschaftliche Kompetenzen erwerben und aufweisen, wenn er an solchen Arbeitsformen teilnehmen will. Der Arbeitsort ist nun das Netz.

Man könnte die Diskussion über Interessen der Beteiligten durchaus weiter ausdifferenzieren. Diese Übung würde an dieser Stelle jedoch zu weit führen.227 Jedenfalls kann man durch die zunehmende Vernetzung seit der Einführung des Computers in die produzierenden wie später Dienstleistungsbetriebe und -bereiche feststellen, dass das fordistische Normalitätsmodell fast vollständig abgelöst wurde. Das bedeutet, dass konstante, sozial und tariflich abgesicherte, abhängige Beschäftigung in einem hierarchisch und bürokratisch organisierten Betrieb zunehmend durch Leiharbeit, prekäre Arbeitsverhältnisse wie praktikanten- oder volontariatsähnliche Beschäftigungen und durch Werkverträge (Freelancer) ersetzt werden. Die Grundlage eines Arbeitsverhältnisses ist heute zwar immer noch eine qualifizierte Ausbildung, dennoch nehmen im Hinblick auf Unternehmensgründungen, gerade im IT-Bereich, Self-made-Qualifikationen zu. Dass Arbeit außerhalb der Privatwohnung mit klarer, betrieblicher Funktion und geregelten Zuständigkeiten im betrieblichen Sozialzusammenhang mit festen, formalen Regeln geleistet wird, wird zunehmend weniger häufiger sein.

Deshalb war auch zu erwarten, dass die Zukunft der Telearbeit weniger durch hierarchische Momente, sondern durch neuartige Strukturen gekennzeichnet sein würde, nämlich hohe Variabilität der Aufgabe bei gleichzeitig hoher Spezifität.

Im Rahmen von Industrie 4.0 kennt man heute das Schlagwort: Losgröße 1. Das bedeutet, dass man bei der Herstellung eines Produkts die Massenfertigung verlässt und es durch geschickte Steuerung eines hochvernetzten Produktionsprozesses möglich ist, statt vieles vom Gleichen kostengünstig zu produzieren, eine hohe Variabilität mit hoher Qualität, sprich Unikate, ebenso kostengünstig in erforderlicher Menge zu produzieren. Dies scheint sich auch mutatis mutandis auf die Arbeitsleistung in solchen dezentralisierten Arbeitsverhältnissen zu übertragen.

3.7 Vom Ende der alten Fabrik – Arbeit und Solidarität228
3.7.1 Die Gründe für eine Fabrik fallen weg

Nun löst sich zum einen die klassische Fabrik alten industriellen Zuschnitts zunehmend auf, weil die Vorbedingungen für ihre Entstehung, wie sie zu Beginn des 18. Jahrhunderts herrschten, durch die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien im Verbund mit der enormen Verbilligung von Transportkosten und andere ökonomische wie organisatorische Bedingungen zunehmend wegfallen oder schon weggefallen sind. Eine Fabrik entstand da, wo Energie für die Ersetzung von Arbeitsleistung durch Maschinen bereitgestellt werden konnte, wo Personal verfügbar war oder schnell angesiedelt werden konnte. Arbeitersiedlungen zeugen heute noch davon. Mit entscheidend war eine günstige Verkehrsanbindung. Meistens waren Flusswege und Kreuzungen mit Straßen, später waren es die Eisenbahn und Kreuzungen von Eisenbahnlinien. Die Fabrik, wie sie aus der Manufaktur entstand, war der Ort der Arbeit, der sozialen wie individuellen Kontrolle, der Konzentration von Information und Kommunikation und des daraus gewinnbaren Wissens zur Anwendung. In ihr entstanden die Produkte, von hier aus wurden sie verteilt. Maschinen, Arbeitskraft, Kapital, Informationen und Grund und Boden waren räumlich eng konzentriert. Sie war aber auch der Ort der Auseinandersetzung um Produktivität und Lohn.

Blicken wir auf die organisatorischen wie technischen Möglichkeiten – von der damals computerintegrierten Fabrik (CIM) der 80er-Jahre bis hin zu Industrie 4.0 –, dann sehen wir, wie diese alte Fabrik ursprünglichen Zuschnitts verschwinden wird. Sie spaltet sich nicht nur in Fraktale auf,229 sondern sie beginnt sich in der Tat in ihrer Grundstruktur aufzulösen: Die Konzentration von Informationen im Sinne der drei großen C (Command, Control, Communication) löst sich auf in das Netz. Die Arbeitsleistungen werden, außer in den Fällen, in denen Maschinen beschickt, gewartet und entsorgt werden müssen, von der räumlichen Distanz zum Arbeitsprozess selbst unabhängig. Die Automatisierung entkoppelt zudem schon seit langem die Arbeitszeit und die Maschinenzeit.230

Arbeitsteiligkeit wird zur Verhandlungssache zwischen den Komponenten eines räumlich verteilten Betriebs, den darin Beschäftigten und mit ihnen frei Arbeitenden, die sich alle weltweit verteilt befinden können: Rein technisch gesehen sind die Materialflüsse, also die Transporte der Rohteile, Güter und Produkte, die einzige Grenze der Dezentralisierung. Ginge man dazu über, den Transport zu verteuern – sei es aus ökologischen wie aus ordnungspolitischen Gründen231 –, würde die Produktion noch dezentralisierter, aber lokaler. Dies ist kein Widerspruch. Man könnte dann lokal verteilte, hoch flexible Produktions- und Dienstleistungseinheiten aufbauen, die ihr Rohmaterial und Einzelteile aus der unmittelbaren Umgehung beziehen und durch Kommunikation im Netz von einer dezentralen Arbeitsvorbereitung und Produktionssteuerung synchronisiert werden. Die seit einigen Jahren sich abzeichnenden Möglichkeiten mit 3D-Druckern (Fabbern) würden diese Entwicklung vermutlich beschleunigen.

Die wirtschaftliche Organisationsform hierfür gab es schon früher: Die einzelnen betrieblichen Bereiche eines Betriebs treten gegeneinander in eine ökonomische Austauschbeziehung. Sie bilden Profit Centers und sie rechnen untereinander ab, wie wenn sie eigenständige Firmen wären. Sie beliefern sich just-in-time, sei es mit Informationen oder mit Material. So können zwischen zwei Bearbeitungsstationen einer Fertigung durchaus Hunderte von Kilometern liegen. Die Grenzen liegen in den Kosten des Materialtransports.

Der Ort der Arbeit in der Produktion war noch im 19. bis in das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts paradigmatisch für die philosophische Auseinandersetzung mit der Arbeit. Wenn Karl Marx über Arbeit sprach, hatte er überwiegend das Industrieproletariat vor Augen, weniger die Beamten einer Behörde, die möglicherweise auch noch nach 16.30 Uhr arbeiten, auch die Bauern oder gar die Mitglieder der Dienerschaft waren nicht im Fokus. Dieser paradigmatische Ort der Arbeit war auch ein Ort der Solidarisierung gegen Ausbeutung und Unterdrückung durch den Eigner der Produktionsmittel, also der Geburtsort der Arbeiterbewegung, und dies sieht man den teilweise immer noch eingeschliffenen Verhaltensweisen der Gewerkschaften bis heute an.

Fällt nun dieser fast mythologisch aufgeladene Ort der Arbeit weg – und man soll ja nicht so tun, als ob andernorts nicht auch seit jeher gearbeitet worden wäre –, so fallen natürlich auch die Solidarisierungsrituale weg bzw. müssen durch andere ersetzt werden. Es fallen aber auch die Bedingungen weg, unter denen Arbeitsteiligkeit theoretisch zu verstehen und zu kritisieren versucht worden ist. Dies waren Bedingungen, unter denen sich neben einer schon bestehenden protestantischen Arbeitsethik232 eine katholische Soziallehre233 und eine Arbeiterbewegung mit verschiedenen politischen Verzweigungen und Ausdifferenzierungen entwickeln konnten. Hinzu kamen neuartige Entlohnungssysteme wie Tarife, Arbeitszeitregelungen und Sozialversicherungssysteme. Dass nun gerade versucht wird, in vielen Ländern und Nationalökonomien diese Sozialversicherungssysteme in der politischen Diskussion zu schwächen, hat mit dem Wegfall eben dieser Bedingungen zu tun.

3.7.2 Flexibilisierung und Entgrenzung

Man könnte die ganze Entwicklung auch die zweite Phase der Flexibilisierung nennen. Die erste Phase hat der amerikanische Soziologe Richard S. Sennett beschrieben: Die Tätigkeiten, von denen und zu denen man immer häufiger wechseln muss, ähneln sich, weil die Oberfläche und die äußerliche Gestaltung des Arbeitsplatzes (Schalttafeln, Bildschirme etc.) verwechselbar gleich aussehen, aber die inhaltliche Tätigkeit ist unterschiedlich: Es ist auf diesem Niveau fast gleichgültig, ob man Schrauben entgratet, Brötchen in Serie bäckt oder Kleinteile montiert. Man steuert eben eine Maschine, die dies tut, und das geschieht meist über einen Bildschirm und eine Tastatur.234

Die zweite Phase der Flexibilisierung wäre dann durch den Übergang vom Verhältnis Arbeitgeber zu Arbeitnehmer hin zum Verhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer gekennzeichnet: Der Auftragnehmer arbeitet ohne feste oder manchmal wechselnde betriebliche Bindung als Subunternehmer seiner selbst. Er arbeitet zeitlich auftrags- und nicht präsenzorientiert. Für seinen Qualifikationserwerb und -erhalt ist er selbst zuständig und in dieser Hinsicht muss er sich flexibel dem Auftragsmarkt, der den Arbeitsmarkt ersetzt, anpassen.

Das Interessante an der Telekooperation lag darin, dass sie alte Grenzen beseitigen würde – ob sie neue aufrichten würde, war noch bis in die 90er-Jahre unklar.

Die Delokalisation der herkömmlichen Fabrik hat nun weitere Entgrenzungen zur Folge. Die Grenze zwischen Arbeitsort und Lebensort, Letzterer bisher deckungsgleich mit dem Gefühl der Freizeit, hebt sich zunehmend ebenfalls auf. Zu Hause arbeiten nicht nur Freiberufler, Kreative, Journalisten etc., sondern nun auch Leute aus den produzierenden und technischen Bereichen. Aus dem früheren Privileg ist fast ein Muss geworden. Die räumliche Trennung von Arbeitsort und Freizeitort wie die zeitliche Trennung zwischen Arbeitszeit und Freizeit korrelieren nicht mehr. Vielmehr werden je nach Bedarf und Verhandlungsgeschick zeitliche wie räumliche Bereiche definiert, in denen man als Auftragnehmer für den Auftraggeber erreichbar ist oder nicht. Wir könnten hier eine Grenze einziehen zwischen Kommunikationsort und -zeit und dem Ort der Nichtkommunikation in Bezug auf gewerbliche oder Fremdarbeit. Entsprechend haben sich die zeitlichen Strukturen, wie schon angedeutet, verändert.

Der Ort der Leistungskontrolle, der Ergebniskontrolle und der Verhaltenskontrolle für geleistete Arbeit war bisher in Betrieb, Behörde oder Werkstatt – wie auch immer – angesiedelt. Dieses Zusammenfallen wird nun durch die Formen der Arbeit im Netz aufgehoben. Es gibt nunmehr

Image       einen Leistungsbereich, der bestimmt, wann und wo gearbeitet wird,

Image       einen Ergebnisbereich, der sich aus dem Kontakt mit dem Abnehmer des Arbeitsergebnisses bestimmt – ob durch vernetze Anbindung, oder persönlich temporäre Präsenz ist hier unerheblich, und

Image       einen Verhaltensbereich, der durch die stärkste Zurücknahme an Kontrollmöglichkeiten gekennzeichnet ist. Dieses könnte man dann die Privatsphäre nennen.

Die klassischen Trennungen zwischen dem Betrieb und seinen Filialen, dem Außendienst, den Zulieferern, den freien Mitarbeitern und den Gelegenheitsanbietern235 von Arbeits- und Produktleistungen haben schon früher die Diskussion entfacht, wo der Betrieb aufhört und wo er anfängt, insbesondere im Zusammenhang mit dem Management des Just-in-time und den Zuliefererstrukturen. Diese Grenzen sind mittlerweile ziemlich verschwommen – oder anders ausgedrückt: Immer mehr der ursprünglich privilegierten Form von kreativer, selbstständig bestimmter Arbeit im eigenen Lebens- und Verfügungsbereich findet sich nun im Produktionsbereich wieder und bleibt nicht mehr allein dem kulturellen, künstlerischen oder politischen Bereich vorbehalten. Das heißt, man kannte diese Probleme im Prinzip bereits in den genannten Bereichen und anhand der ersten Erfahrungen mit Telearbeit und man begann sie nun für die Produktionsarbeit zu lösen.

Die Grenze zwischen Eigenarbeit und Fremdarbeit236 ist ebenfalls fließend geworden. Versteht man unter Fremdarbeit die herkömmliche, eben von Dritten in Inhalt, Form, Ort und Zeit bestimmte Erwerbsarbeit, also eine Arbeit, die für und in Institutionen (Unternehmen, Behörden, Firmen etc.) geleistet wird, so kann man unter Eigenarbeit all die Leistungen verstehen, die aufgrund gegenseitiger Obligationen ohne monetäre Quantifizierung erbracht werden. Dazu gehören Nachbarschaftshilfe, Bürgerinitiativen, Nachhilfestunden, Netzwerkkooperation bis hin zum Eigenbau. Lockert man die Bindung zu arbeitgebenden oder Arbeitsergebnisse verwertenden Institutionen zugunsten eines vertraglichen, zuweilen auch wechselnden Auftraggebers auf, dann wird auch die Grenze zwischen Eigenarbeit und Fremdarbeit aufgelockert. Die Telearbeit war bereits eine Mischform zwischen beiden, die durch das Netz vermittelte Arbeitsform ist das erst recht.

Letzten Endes wird man sich aufgrund dieser Entwicklungen darüber Gedanken machen müssen, ob Arbeit ein teilbares Gut ist, ob dieses Gut erschöpfbar ist und ob es einer gewissen Zuteilungs- oder Verteilungsgerechtigkeit unterliegt, sofern man Teilhabe an der Sozialveranstaltung Arbeit mit der Entlohnung koppelt. Ob diese Kopplung eines Tages aufgehoben wird und ob diese Aufhebung durch Homeoffice und die Arbeit im Netz beschleunigt wird, ist Gegenstand von Kapitel 7.

3.8 Zusammenfassung und Übergang

Der Blick auf die Geschichte der Arbeit und der Veränderung des Arbeitsbegriffs zeigt eine komplexe wechselseitige Abhängigkeit von Arbeitsinhalten, Technikentwicklung, ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen sowie von philosophischen, theologischen und ideologischen Begründungen.

Es wird verständlich, dass das, was als Arbeit empfunden wird, entscheidend davon abhängt, wer die Macht hat, die Arbeitsbedingungen festzulegen. Dazu gehört auch immer die Verfügungsmacht über die verwendete und notwendige Technologie und ihre Organisationsformen. Karl Marx würde von den Produktionsmitteln sprechen.

Von der Verachtung der Arbeit in der Antike bis zur religiös motivierten Pflicht ist es ein weiter Weg und der weitere Gang durch die Geschichte zeigt, dass Technik die Arbeit immer mehr erleichtert, dadurch verändert und zum Teil ersetzt hat. Die Frage nach der gerechten Verteilung der aus dem Arbeitsergebnis gewonnenen Güter und Leistungen wurde aber erst mit der Aufklärung nach und nach gestellt. Von der sozialen Frage über die gerechten und gleichen Verhältnisse spannt sich der Bogen ins 20. Jahrhundert hinein zum Problem, welchen Stellenwert Arbeit für die Gesellschaft und Individuen haben kann oder haben wird, wenn die technischen Möglichkeiten die bisherige Organisationsform der Arbeit drastisch und vor allem beschleunigt verändern.

Die Auseinandersetzungen um die Verteilung der Güter und Leistungen, die durch Arbeit erwirtschaftet werden, konstituierten die Geschichte der Interessenvertretungen, und dies waren letztlich Machtkämpfe. Die Technik spielte dabei eine wesentliche Rolle. Wer über ihre Entwicklung und über die Gestaltung ihres Einsatzes bestimmte, bestimmte damit letztlich über die Arbeitsorganisation. Die moderne Technik hat mit Maschinen und Informationsflüssen diese Arbeitsformen mitbestimmt. Ihre Gestaltung schmiegte sich die Machtverhältnisse an. Und es wird deutlich werden, dass sie dies heute noch tut, also auch bei der Künstlichen Intelligenz.

Anmerkungen

1 Für diesen geschichtlichen Überblick hat mich eine Semesterarbeit von Horst Biczkowski (1997) zu weiteren Recherchen angeregt.

2 Letzteres als berühmtes Beispiel bei Karl Marx: Kapital (1966), Abschnitt 5.1, S. 192 f.

3 Joachim Kersten, Sozialforscher. Aus einem Interview vom 05. 04. 2002, 1.00 Uhr (RTL).

4 Siehe auch Bild 3.3 in Abschnitt 3.3.

5 Mittellateinisch sclavus, ursprünglich eine der Eigenbezeichnungen slawischer Völker, im Griechischen. ο δούλος meint im antiken Sprachgebrauch die arbeitsorientierte Form menschlicher Knechtschaft. Arbeit und die Abläufe wie Formen der Arbeitsprozesse der Sklaven sind erzwungen, das Ergebnis der Arbeit gehört dem Besitzer des Sklaven. Sklaven werden wie Sachen behandelt, die gekauft und verkauft werden können und Eigentum des Sklavenhalters sind. Ihre Rechte sind beschränkt und sie sind der Willkür ihres Besitzers ausgeliefert.

6 Delacampagne (2004) zeigt, dass auch das 21. Jahrhundert die Sklaverei nicht überwunden hat und „wie schwer eine angeblich so ferne Vergangenheit auf unserer jüngsten Gegenwart lastet“ (S. 12). Den Ursprung der Sklaverei sieht der Autor in den antiken Kulturen des Vorderen Orients. Hier hätten zuerst die Produktivkräfte eine Entwicklungsstufe erreicht, auf welcher ein Staat möglich wurde, den Delacampagne als Bedingung der Institution Sklaverei betrachtet. Auch in Indien, China und Japan entstand, sobald Staatlichkeit sich etabliert hatte, die Sklaverei. In Griechenland korrespondiert sie mit einem gewissen Rassismus, Aristoteles kennt den „Sklaven von Natur“ aus (Politik 1253b14, in: Aristoteles 1995, Bd. 4, S. 8). „Denn im Gegensatz zu Griechenland hatte man es in republikanischer Zeit in Rom häufig mit Sklavenunruhen zu tun, da die Sklaven – im Gegensatz zur Meinung zahlreicher zeitgenössischer Historiker – ihr Schicksal scheinbar keineswegs als ‚natürlich‘ empfanden“ (Delacampagne 2004, S. 83).

7 So wie die Erzählung im Alten Testament, bei der Joseph von seinen Brüdern verkauft wird. Vgl. Genesis 37, 27 – 28.

8 Aristoteles: Ökonomik I 1344b14 ff., siehe auch Baruzzi (1970).

9 Hausmaninger (2001), S. 280.

10 Platon: Politeia. Buch I–IV. Sklaven gehören dem untersten Stand an und sind nicht Teil der Polis.

11 Die Stelle im Hippokratischen Eid lautet: „In welche Häuser ich auch gehe, die werde ich nur zum Heil der Kranken betreten, unter Meidung jedes wissentlichen Unrechts und Verbrechens und insbesondere jeder geschlechtlichen Handlung gegenüber weiblichen Personen wie auch gegenüber Männern, Freien und Sklaven.“ Hippokrates (460 – 370 v Chr.) in Hippokrates (1959).

12 Bazuin (2022) berichtet über den Alltag eines Zwangsarbeiters im nationalsozialistischen Deutschland.

13 Oder auch Sohn Ailos, König von Thessalonien – es gibt auch andere Vaterschaften in den unterschiedlichen Varianten. Er gilt als der Erbauer von Ephira, dem späteren Korinth. Er ist mit Merope, der Tochter des Atlas, verheiratet und hat mit ihr einen Sohn, Glaucus.

14 Es gibt mehrere Varianten dieses Mythos, siehe auch: Vollmer (1874), WdM, S. 415 ff. Digitale Bibliothek, Band 17: Wörterbuch der Mythologie, S. 7071 ff.

15 Albert Camus hat dies ausführlich in seinem „Mythos des Sisyphos“ behandelt. Er gipfelt in der Bemerkung, man müsse sich Sisyphos, nachdem er die Absurdität der Situation verstanden habe, als glücklichen Menschen vorstellen. Vgl. Camus (1966).

16 Bild: eigene Darstellung.

17Neither slavery nor involuntary servitude, except as a punishment for crime whereof the party shall have been duly convicted, shall exist within the United States, or any place subject to their jurisdiction.“ Constitution of the United States of America, Thirteenth Amendment, Section 1, https://constitution.congress.gov/constitution.

18Etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung leben in den Vereinigten Staaten, wo mit über zwei Millionen Menschen ein Viertel aller Häftlinge weltweit in Gefängnissen gehalten wird. Gute vierzig Prozent von ihnen sind afroamerikanische Männer, deren Anteil an der nationalen Bevölkerung unter sieben Prozent liegt.“ Gumbrecht (2020).

19 Bild: eigenes Foto eines Ausschnitts aus der Schwäbischen Zeitung vom 26. 04. 2022, S. 2.

20 Nach Cicero (106 – 43 v. Chr.). In: Cicero (1874), De officiis (Von den Pflichten) 1, 150, 13 – 24.

21 D. h. die Entstehungsgeschichte der Götter und der Welt.

22 In diesem Abschnitt greife ich auf Ergebnisse einer Magisterarbeit zurück, vgl. die Zitate auch dort (Keller 1989).

23 Horkheimer/Adorno (1979), S. 17.

24 Die von mir kursiv hervorgehobene „Wenn-dann“-Struktur dieser Argumentation zeigt sich im Mythos bereits als innere logische Struktur.

25 Horkheimer/Adorno (1979), S. 32.

26 Horkheimer/Adorno (1979), S. 11.

27 Entsprechend ihres hermeneutischen Charakters sind Mythologien mit der Zeit großen Wandlungen unterworfen. Die Vielzahl von Varianten und Querentsprechungen ist ein Zeichen für die zeitgenössische Kontextgebundenheit der Mythen.

28 Im Griechischen Herakles, im lateinischen Herkules.

29 Diese frühen Erzählungen sind Prototypen der Geschichten von „Mission Impossible“. Die folgende Wiedergabe der mythologischen Erzählungen orientiert sich an Kompilationen aus Vollmer (1874), WdM, und Bauer (1960), S. 7 – 32.

30 Vielleicht hat dieser Mythos Alfred Hitchcock zu seinem berühmten Film „Die Vögel“ inspiriert.

31 Die Namen in Klammern sind die Bezeichnungen der entsprechenden Göttergestalten in der römischen Mythologie, die in vielen Grundzügen die griechische Mythologie übernommen und umbenannt hat.

32 Die Götternamen in Klammern sind die jeweils römischen Pendants.

33 Welskopf (1962), S. 120, zitiert nach Hund (1990) S. 167.

34 Hesiod: Werke und Tage (WT) 363, zitiert nach Hund (1990), S. 168.

35 Hesiod, WT 312 f., zitiert nach Hund (1990).

36 Hesiod, WT 289 und 303 ff., zitiert nach Hund (1990).

37 Agamemnon ist der Anführer der griechischen Flotte gegen Troja. Vgl. Homer: Illiade 1, 231, in: Homer (1986).

38 Homer: Odyssee 14, 222 ff., zitiert nach Hund (1990). In: Homer (1962).

39 Wird Aristophanes (455 – 385 v. Chr.) zugeschrieben, ist aber nicht verifizierbar.

40 Sokrates (470 – 399 v. Chr.). Der Satz wird in der Literatur häufig zitiert, zuweilen auch Aristoteles zugeschrieben, es findet sich jedoch weder bei Platon noch bei Aristoteles eine entsprechende Textstelle. Es konnte auch kein zuverlässiger Quellennachweis gefunden werden. Es scheint sich um ein „Wanderzitat“ zu handeln. Vgl. auch Grießer-Birnmeyer (2020), S. 224.

41 Platon: Politeia. Der Staat. 2. Buch, 369b–d. Zitiert nach Platon (1940), Bd. 2, S. 60 – 61. Siehe auch Platon: Politeia (1990a), S. 127 ff.

42 Platon hält – und mit ihm der literarische Sokrates der platonischen mittleren Dialoge – das Erschaffen von Kunst ebenfalls für Arbeit, es geht aber auch um die Kunst der Rhetorik, die Arbeit unnötig machen kann. Vgl. Platon: Der Staat (1940), Bd. 2, S. 91.

43Wiederum andere gibt es unter den Künsten, welche alle durch Rede vollbringen und Tat, dass ich es gerade sage, ganz und gar nicht, oder doch nur wenig bedürfen, wie da Zählen und Rechnen und die Meßkunst und die Kunst des Brettspiels und viele andere Künste.“ Vgl. Platon: Gorgias, 450d. In: Platon (1990c), S. 283.

44 Platon: Der Staat. Buch II–IV.

45 Platon: Apologie. 22d. In: Platon (1990d), Bd. 2.

46 Platon: Politeia. 601c – 602b. In Platon (1990a), S. 815 – 819.

47 Platon: Politeia. 2. Buch, 369e – 370a. Vgl. Politeia (1940), S. 61. Vgl. dazu die „klassische“ Schleiermacherübersetzung von Platon: Politeia (1990a), S. 129, die sich mit der Stelle etwas schwerer tut.

48 Zitiert nach Meier (1988), Merkur, Heft 3, 52 (1998), S. 202 – 214. Der Bezug ist Aristoteles: Politik 1337b10. In: Aristoteles (1995), Bd. 4, S. 284.

49 Ebd.

50 Hund (1990), S. 168.

51 Aristoteles: Nikomachische Ethik, 1140a–1140b 7.

52 Snow (1967).

53 Aristoteles: Nikomachische Ethik 1140a 1 – 19, zitiert nach Aristoteles (1995), S. 134.

54 Aristoteles: Nikomachische Ethik 1160a 9 - 15, zitiert nach Aristoteles (1940), S. 182.

55 Aristoteles: Politik 1329 a 35, zitiert nach Aristoteles (1990), S. 256.

56 Rössler (1981, S. 226, zitiert nach Hund (1990), S. 168 f.

57 Aristoteles: Nikomachische Ethik 1177b 5. In: Aristoteles (1990), Bd. 3, S. 249.

58 Cicero: Fünf Bücher über das höchste Gut und Übel, 1. Buch § 33, zitiert nach Cicero (1874), S. 33 – 34.

59 Ebd., Cicero (1874), 1. Buch, Kap II, § 3, S. 13.

60 Ebd., Cicero (1874), 2. Buch, Kap. XXXIV, § 111, S. 133.

61 Jaspers (1949, 1955, 2017), Erster Teil, 1. Die Achsenzeit, S. 17 ff. Jaspers setzt die Achsenzeit breiter an, von Konfuzius bis Archimedes. Der späteren griechischen Aufklärung in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts entsprechen aber keine vergleichbaren Entwicklungen in den anderen Kulturen.

62 Bild: eigene Darstellung.

63 Kon Fu Tse: Das große Lernen (Da Xue). Dt. Übersetzung in: Konfuzius (2003), S. 8 – 9.

64 Bauer (2018), Kapitel VI, S. 97 ff.

65 Siehe Abschnitt 2.2.3 und Abschnitt 7.3.4. Vgl. Strittmatter (2019).

66 Dieses Zitat wird Lao Tse zugeschrieben, ist aber in Tao Te King nicht auffindbar.

67 Lao Tse: Tao Te King, ibid., Kapitel XI. Übersetzt von V. von Strauss. Manesse, Zürich 1968; S. 68. Chinesischenglische Ausgabe in Lao (1993), S. 23.

68 Es gibt in der buddhistischen Lehre fünf verwerfliche Berufe: „Fünf Arten des Handels, ihr Mönche, sollte der Laienjünger nicht ausüben. Welche fünf? Handel mit Waffen, Handel mit Lebewesen, Handel mit Fleisch, Handel mit Rauschmitteln und Handel mit Giften. . . .“ Buddha, in: Anguttara Nikaya (Angereihte Sammlung) A V. Buch, 177.

69 Diese und folgende Buddha-Zitate sind der deutschen Version des Tipitaka aus dem Palikanon entnommen, überwiegend übersetzt von Karl Eugen Neumann (1995), herausgegeben von Wolfgang Greger (www.palikanon.com). Siehe auch Buddha (1996, 2001, 1997, 1993). Siehe Majjhima Nikaya (Mittlere Sammlung) 141, 23.

70 Sogenannte Vyagghapajja-Sutta in: Anguttara Nikaya, 8. Buch A VIII, 54.

71 Erklärung Buddhas an den Brahmanen Canki in: Majjhima Nikaya 95, 22. Die Übersetzung Bemühen kann auch mit Arbeiten übersetzt werden.

72Was ist wohl, o Herr, die Ursache, was der Grund, daß das Weib weder zu Gericht sitzt, noch einem Berufe nachgeht, noch in die Fremde zieht? Leicht reizbar, Ananda, ist das Weib; eifersüchtig, Ananda, ist das Weib,- geizig, Ananda, ist das Weib; unverständig, Ananda, ist das Weib. Das, Ananda, ist die Ursache, das ist der Grund, daß das Weib weder zu Gericht sitzt, noch einem Berufe nachgeht, noch in die Fremde zieht“. In: Anguttara Nikaya IV, 80.

73 In: Anguttara Nikaya IX, 5.

74 In: Anguttara Nikaya VI, 45.

75Und Vater und Mutter, Weib und Kind, Diener und Knechte macht er glücklich und zufrieden und bewahrt ihnen ein vollkommenes Wohlsein. Dies ist die erste Verwendungsart des Besitzes. Ferner, o Hausvater, macht der edle Jünger mit diesem Besitze Freunde und Genossen glücklich und zufrieden und bewahrt ihnen ein vollkommenes Wohlsein. Das ist die zweite Verwendungsart des Besitzes. Ferner, o Hausvater: mit diesem Besitz wendet der edle Jünger Mißgeschick ab, das ihm durch Feuer oder Wasser, durch Fürsten, Diebe oder gehässige Erben entstehen möchte, und schützt so seine eigene Person. Dies ist die dritte Verwendungsart des Besitzes. Ferner, o Hausvater: mit diesem Besitze leistet der edle Jünger fünferlei Abgaben: Spenden für Verwandte, Spenden für Gäste, Spenden für Verstorbene, Abgaben an den Fürsten, Spenden für die Gottheiten. Dies ist die vierte Verwendungsart des Besitzes.“ In: Anguttara Nikaya V, 41.

76 Siehe Bild 3.3 zu den Lebensdaten einiger Philosophen und Religionsgründer in der sogenannten Achsenzeit.

77 Zitiert wird nach der Einheitsübersetzung (Bibel 2005).

78 Der Talmud (1955) entstand in der Diaspora nach 500 n. Chr. Darin enthalten sind die Mischna, die in 63 Traktaten geordnete Rechtssammlung und Kodex beinhaltet, und die Gemara, die Kommentare hierzu umfasst.

79 Exodus 20, 1 – 17.

80 Die Verheißung findet sich in Exodus 3, 17; 13, 5. Der Zusammenhang mit den Früchten der Arbeit findet sich in Prediger (Kohelet) 2, 24.

81 Genesis 2, 2.

82 Genesis 2, 5; 2, 15.

83 Genesis 3, 17. Bemerkenswert: Nicht die Arbeit, der Acker wird verflucht.

84 Genesis 3, 19. Diese Deutung ist das Ergebnis späterer Niederschriften in und nach der Babylonischen Gefangenschaft, also auch der Niederschlag, die Erfahrung der Fremde, des Verlusts der ökonomischen Basis und der Notwendigkeit des Wiederaufbaus nach der Rückkehr aus Babylon. Zur gleichen Zeit geißeln die alttestamentarischen Propheten Müßiggang und Faulheit.

85 Exodus 2, 8 – 11.

86 Sprüche 6, 6 – 11.

87 Psalmen 127:1 – 2. Ähnliche Stellen finden sich auch im Islam, vgl. Koran, die Suren 14,33; 16,11; 34,35; 56,64.

88 Genesis 4, 1 – 13

89 So weiß das Alte Testament zu berichten, wie der König Salomon durch Frondienst seinen Tempel erbauen ließ. Er „ließ Leute aus ganz Israel zum Frondienst ausheben. Dieser umfaßte 30 000 Fronpflichtige. Von ihnen schickte er abwechselnd jeden Monat 10 000 Mann auf den Libanon. Einen Monat waren sie auf dem Libanon und zwei Monate zu Hause. Adoniram leitete den Frondienst. Ferner hatte Salomo 70 000 Lastträger und 80 000 Steinhauer im Gebirge, nicht eingerechnet die 3600 Werkführer unter dem Befehl der Statthalter, denen die Leitung der Arbeit oblag. Sie führten die Aufsicht über die Arbeiter. Der König ließ mächtige, kostbare Steine brechen, um mit Quadern das Fundament des Tempels zu legen“. Vgl. 1 Könige 5, 28 – 5, 31. Die Frondienstleistenden waren keine Israelis, sondern Eingewanderte, vgl. 2 Chronik 8 – 9.

90 Siehe Abschnitt 3.2.1.

91 Deuteronomium 24:14 – 15 und Levitikus 19:13. Geregelt dann in der Mischna, IV. Ordnung (Seder): Schäden (Nezikin), 2. Traktat: Baba meßia (Mittlere Pforte des Zivilrechts, J. Lohnzahlung, Kapitel IX 11 – 12; 1. Termin der Lohnzahlung. Vgl. Beer et al. (1933). S. 71 ff. und S. 103 ff.

92 Mischna, IV. Ordnung (Seder): Schäden (Nezikin), 2. Traktat: Baba meßia (Mittlere Pforte des Zivilrechts), E. Mietrecht, Kap. VI, 1.1. Miete von Arbeitern, a) Unverbindlichkeit des Arbeitsvertrages, b) Haftpflicht der Arbeiter bei dringlichen Arbeiten, c) Rücktritt vom Vertrage und Abänderung des Vertrages. Vgl. Beer et al. (1933).

93 Römische und griechische Geschichtsschreiber der Antike.

94 Koran, 16. Sure, 69. zitiert nach Koran (1959).

95 Psalmen 127, 1 – 2.

96 Vgl. einige Stellen hierzu im Koran, Suren 14,33; 16,11; 34,35; 56,64.

97 Vgl. Koran, Koran, 56. Sure (Abschnitt 69 – 74). Sperrung in der vorliegenden Übersetzung.

98 Koran, 34. Sure, 25.

99 Koran, Suren 89, 18; 58, 10; 10, 89.

100 Koran, Sure 38, 50.

101 Koran, Sure 52, 20.

102 Koran Sure 36, 34.

103 Koran, Sure 13, 15.

104 Koran, Sure 16, 77.

105 Gibran (2002), Arbeit, S. 35 ff.

106 Genesis 1 und 2.

107 Krauss (1911), Bd. 2, Kapitel V.C, S. 83 ff.

108 Matthäus 10,10.

109 Matthäus 6,33.

110 Matthäus 6,25 ff.

111 2 Thessalonischer 3, 10.

112 1 Thessalonischer 4, 11 f.

113 Genesis. 3,19.

114 Epheser. 4,28.

115 2 Thessalonischer 3.12.

116 Matthäus 6:25 Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, daß ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, daß ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Generell: Markus 6: 25 – 34.

117 Vgl. Kramer (1982), S. 47 ff.

118 Die geläufige Losung „ora et labora“ (bete und arbeite) ist jedoch explizit in den Mönchregeln selbst nicht enthalten. Vgl. Benedikt von Nursia (1990).

119 Der Tagesablauf wird gegliedert in Arbeit, Lesungen und Gebet. Vgl. Benedikt von Nursia (1990).

120 Wir werden diese Vorstellung bei Karl Marx wiederfinden (vgl. Abschnitt 7.4).

121Betrachtet die Vögel des Himmels . . . sie säen nicht, sie ernten nicht . . .“, Matthäus 6,26.

122 Bernath (1969), S. 67.

123 Zitiert nach Thomas von Aquin: Summa Theologiae (ST) II, 2, questio 182, 1, ad 2. In: von Aquin (1985), Bd. 3, S. 579.

124 Ebd., ST II, 2, question 182, 1. In: von Aquin (1985), Bd. 3, S. 578.

125 ST II, 2, questio 182, art. 4. In: von Aquin (1985), Bd. 3, S. 581. Verhabung ist ein Übersetzungsversuch für habitus = Gewohnheit, aber auch im Sinne von erworbener Fertigkeit. Thomas von Aquin bezieht sich dabei auf Aristoteles: Nikomachische Ethik. 1. Buch, Kapitel 1 (1130 b 21), vgl. Aristoteles (1995), Bd. 3, S. 27.

126 Aegidus Romanus: Über die Fürstenherrschaft (De regimine principum). Buch I, I, 9. In: Aegidus (2019), S. 55 ff.

127 ST II, 2, questio 182, art. 4, ad 2. In: von Aquin (1985), Bd. 3, S. 581.

128 ST II, 2, questio 187, art. 3, ad 1. In: Thomas von Aquin: Summa Theologiae. In: Corpus Thomisticum (lat.). https://www.corpusthomisticum.org/sth3183.html. Übersetzt von mir.

129 2 Thessalonischer 3,10.

130 ST II,2, questio 187, art. 3, co. In: Thomas von Aquin: Summa Theologiae. In: Corpus Thomisticum (lat.). https://www.corpusthomisticum.org/sth3183.html. Übersetzt von mir.

131 Das zusammenfassende Zitat bezieht sich auf ST II, 2, questio 187, art. 3, co. Vgl. Kühnel (1984), S. 189.

132 Lat. ordo, dt. Rang, Ordnung, Reihenfolge.

133 Inciarte (1973).

134 Das eigentliche Ziel des Programms der Humanisten lag darin, die menschliche Natur durch die Lektüre der ursprünglichen, d. h. griechischen und römischen Philosophie zu zähmen; deshalb wurde die Pflege der alten Sprachen wie Latein, Griechisch und Hebräisch wichtig. Das sogenannte humanistische Gymnasium hat von daher seinen Namen.

135 John Ball: Rede an die aufständischen Bauern (von 1381). In: Brentano (1927), S. 335, zitiert nach Hund (1990), S. 173 f.

136 Sennett (2008).

137 Leonardo Da Vinci. In: Franchio (1961), S. 33, übersetzt von Hackstein (1978), S. 130.

138 Hund (1990), S. 172.

139 Herbig (1980).

140man teglich kann fur augen sehen, das viel sind bey schwerer stetter erbeit kaum das liebe brod erwerben, und andere on sonderliche erbeit jr ding fein gefasselt und geordnet haben, das es wohl von stat gehet und jn zufellt.“ Martin Luther, Wochenpredigt über Matthäus 5 – 7, in Luther (1906), Bd. 32, S. 471, 16 ff.; zitiert nach Hund (1990), S. 173. Diese und folgende Zitate Luthers aus Hund (1990) sind Übersetzungen von mir.

141 Beim Beantwortungsversuch dieser Fragen habe Martin Luther den Beruf „verweltlicht“, so die These Max Webers. Vgl. Weber (1973), Band I, S. 68, zitiert nach Hund (1990), S. 173.

142dan alle Christen sein wahrhaftig geystlichs stande, unnd ist unter yhn kein unterscheyd, denn des amptes halben allein“. Martin Luther: An den Adel Deutscher Nation . . . (1520). In: Luther (1888), B.6, S. 407, 10 ff.; zitiert nach Hund (1990), S. 173.

143Sihe, wie nu niemand on befehl und beruff ist, ßo ist auch niemand on werk, ßo er recht thun will, ist nu eynem iglichen drauff tzu mercken, das er ynn seynem stand bleybe, auff sich selb sehe, synis befehls warnhem unnd darynnen gott diene und seyn gepott hallte“. Martin Luther: Kirchenpostille (1522). In: Luther (1910), B. 10/1, S. 309, 14 ff.; zitiert nach Hund (1990), S. 173.

144Erbeytten mus und soll man, aber die narung und des hauses fülle ja nicht der arbeyt zu schryben, sondren alleyn der guete und dem segen Gottes.Martin Luther: Allen lieben freunden in chrysto . . . In: Luther (1899), Bd. 15, S. 366, 15 ff. zitiert nach Hund (1990), S. 173.

145 Als Beispiel sei eine Aussage von Heinz Nixdorf (1986), Unternehmer und Computerpionier, in einem Interview der WELT zitiert: „Arbeit ist etwas Wunderbares und ich kann mir nicht vorstellen ohne Arbeit zu leben und der Herrgott hat halt den Grünen nicht die Gnade gegeben, hart und tüchtig zu arbeiten, deshalb haben die auch kein richtiges Verhältnis dazu.

146 Weber (1976), Bd. I, S. 105.

147 Weber, 1922/23, S. 30 ff.

148 Herbig (1980).

149 Herbig (1980).

150 Jean Jacques Rousseau (1750), 2. Discours. In: Rousseau (1997).

151 Zum Zusammenhang von Arbeit und Eigentum bei Locke siehe Brocker (1992), Abschnitt 4.2.3, S. 162 – 167.

152 Locke (1967), S. 216 f.

153 Fetscher (1981), S. 53.

154 Interpretation durch Fetscher (1981), S. 53.

155 Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. In: Kant (1993), A 246, Bd. XI, S. 151.

156 Mandeville (1998), S. 333.

157 Bezug: Antiker Tunnelbau des Baumeisters Eupalinos um 550 v. Chr. auf der Insel Samos von einem Kilometer Länge, siehe auch Kornwachs (2018 ING), S. 57.

158 Siehe hierzu ausführlich Kornwachs (2013 PT), S. 88 ff.

159 Die Enzyklopädie der Wissenschaften, Künste und der Berufe, zusammengestellt von einer Gelehrtengesellschaft, mit 17 Bänden Text und 11 Bänden mit grafischen Darstellungen, herausgegeben von Denis Diderot in den Jahren 1751 – 1772, enthielt Beiträge namhafter Gelehrter jener Zeit wie Voltaire, Rousseau, D’Alembert, Marmontel, d’Holbach und anderer. Ihr Ziel war, in klaren, verständlichen Texten und Bildern das gesammelte Wissen dieser Zeit zugänglich zu machen, und sie war damit das Nachschlagewerk ihrer Zeit. Gleichzeitig war sie auch ein Propagandainstrument für die Ideen der Aufklärung. Siehe Diderot/D’Alembert (1968 ff.), 1751 ff.

160 Bild (Quellen): Diderot et al.: Enyclopédie. Vol. I, Agriculture, Moulin á Vent, Pl IV und V. In: Diderot et al. (1751 ff.). https://pages.uoregon.edu/dluebke/301ModernEurope/Enc-Moulin0001.jpg.

161 Erschienen 1789 in Wien, abgedruckt in Beckmann (1806).

162 Zwar bezeichnete schon vor ihm Denis Diderot in seinem Artikel über Kunst in seiner Encyclopädie (1751), Art. 713, die Wissenschaft oder die Kunst als eine „. . . Aufstellung dessen, was man von gemachten Beobachtungen berichtet hat, um daraus ein System oder Regeln oder Instrumente zu formen, wobei die Regeln zu einem gleichen Ziel hinführen . . .“ („. . . point de réunion auquel on a rapporté les observations qu’on avoit faites, pour en former un système ou de regles ou d’instrumens, & de regles tendant à un même but; . . .“). Doch Regeln allein machen wohl noch keine Wissenschaft.

163 Beckmann (1806, 1990), S. 129.

164 Beckmann (1806), S. 480 bzw. Beckmann (1990), S. 154. Dieser Hinweis ist entnommen aus Banse (1998), S. 11.

165 Vgl. Wolff (1728, 1996), § 12, zitiert nach Seibicke (1968), S. 127. Die Passagen dieses Abschnitts sind zitiert nach Hubig (2006), Bd. I, S 69.

166 Zur Geschichte siehe Matschoss (1901).

167 Pribram (1992), Bd. 1, S. 243 ff.

168 Ebd.

169 Smith (1978), Bd. 4, S. 4 f. Zitiert und übersetzt von Hund (1990), S. 176.

170 Simonyi (1995), Teil 4, S. 275 ff.

171 Hegel: Vorlesungen über Phil. der Weltgeschichte (1986), Hegel: Grundlinien des Rechts (1999).

172 Diese waren schon früh stark mathematisiert.

173 Vgl. Marx (1968): Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844), 3. Manuskript: Privateigentum und Arbeit. MEW (Marx Engels Werke). Erg. Band 1, (1968), S. 546.

174. . . ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert“ MEW (Marx Engels Werke) 23, Das Kapital I, S. 192.

175 Im Unterschied zur instinktgesteuerten Spinne, vgl. Das Kapital, I 5. Kapitel: Arbeitsprozess und Verwertungsprozess. MEW (Marx Engels Werke) 23, S. 193.

176 MEW (Marx Engels Werke) 23, Das Kapital I 5. S. 194 und MEW (Marx Engels Werke) 23, Das Kapital I, S. 57.

177Um zu produzieren, treten sie (die Menschen) in bestimmte Beziehungen und Verhältnisse zueinander und nur innerhalb dieser gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnisse findet ihre Einwirkung auf die Natur, findet Produktion statt.“ In: MEW (Marx Engels Werke) 6, Lohnarbeit und Kapital (1968), S. 407.

178 Herbig (1980).

179 Ebd. Siehe auch Bullinger/Korndörfer (1978).

180 Tennstedt (1983), Kap. A 1.

181 Herbig (1980).

182 Hodenberg (1997).

183 Herbig (1980), S. 144.

184 Eingeführt durch Reichskanzler Otto von Bismarck; sie galten von 1878 bis 1890.

185 Ebd.

186 Bullinger/Korndörfer (1978).

187 Herbig (1980), S. 145.

188 Limmer (1981), S. 30.

189 Es kann nicht Aufgabe dieser kurzen Darstellung sein, die neuere Gewerkschaftsgeschichte im Detail zu rekonstruieren. Wir beschränken uns daher auf die weiteren historisch herausragenden Ereignisse, soweit sie für die gesamte vorliegende Themenstellung relevant sind.

190 Eggebrecht et al. (1980).

191 Aleff (1976), S. 37.

192 Reichskredit-Gesellschaft (1936), S. 60.

193 Siehe Bemerkungen zur Sklavenarbeit in Abschnitt 3.2.1.

194 Zum Arbeitslager Dora-Mittelbau siehe Baranowski (2000).

195 Fest (1974), S. 886.

196 Erste gesetzliche Grundlage für den Bergbau, die Eisen- und Stahlindustrie 1951 (sogenannte Montan-Mitbestimmung).

197 Die Demontagen dauerten in der DDR bis 1953 an. Siehe Steiner (2007).

198 Siehe dazu Abschnitt 5.5 zu den Qualifikationsanforderungen.

199 Diese Dichotomie besagte, dass man entweder eine hohe Arbeitslosigkeit bei niedriger Inflation oder umkehrt haben würde. Stagflation bedeutet, dass das Wirtschaftswachstum sinkt und die Arbeitslosigkeit und die Inflation steigt. Auslöser sind meist exorbitant steigende Preise wichtiger Güter durch weltwirtschaftliche Verwerfungen (Kriege und anderes). Siehe auch Hardes/Uhly (2007), S. 535 f.

200 Kahn/Wiener (1968), Toffler (1983).

201 Vom 10.–12. Februar 1947. Bundesvorstand des DGB (o. J.). S. 166 f., S. 170, 173 f., S. 199.

202Das Recht der betrieblichen Interessenvertretung wird den verfassungsmäßigen Inhalten des Grundrechts auf Mitgestaltung und Mitbestimmung unmittelbar hierarchisch nachgeordnet. Es gilt das Rangprinzip einer normativ hierarchischen Struktur zwischen Verfassungsrecht und Arbeitsrecht. . . . Mitbestimmung im Betrieb und Interessenvertretungsrecht, vor allem durch die Gewerkschaften, realisieren nicht betriebliche Interessen oder Interessen der Belegschaft, sondern sind verfassungsmäßig auf die Mitgestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens der sozialistischen Gemeinschaft und des sozialistischen Staates festgelegt. Jede betriebliche Interessenvertretung, entweder an den Zielen der sozialistischen Gemeinschaft oder des sozialistischen Staates vorbei oder auch nuraußerhalbvon Staat und Gesellschaft, wäre damit strenggenommen eine Interessenvertretung praeter legem oder sogar contra legem.“ Sander (1997), S. 14.

203 Die Konzertierte Aktion der 70er-Jahre bestand in Absprachen zwischen Bundesregierung, Bundesbank, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden zur einvernehmlichen Beeinflussung der Tarifdynamik.

204 Bundesverfassungsgericht BVerfGe 50, 290 von 1979.

205 Dazu muss man sich nur die Websites einschlägiger Vermittlungsfirmen ansehen, z. B. https://india4it.de.

206 So schreibt Karl von Vogelsang, ein österreichischer Politiker und Sozialreformer: Vgl. Vogelsang (1883), zitiert nach Komlosy (1997), S. 78. Siehe auch Kornwachs (1994 TELE).

207 Vgl. Komlosy (1997), S. 78.

208 Vgl. Komlosy (1997), S. 83.

209 Vgl. Komlosy (1997), S. 84.

210 Vgl. Komlosy (1997), S. 84.

211 Vgl. Komlosy (1997), S. 84. Die Hauptaufgabenbereiche der Hausarbeit (als Arbeit zu Hause) in den modernen und somit kapitalistisch entwickelten Gesellschaften verlagerten sich nach Komlosy (1997) von der existenziellen Sicherung der Familie hin zur Sicherung der sozialen Integration durch die „Liebes-, Beziehungs- und Erziehungsarbeit“, und eigene materielle Grundbedürfnisse wurden nun verstärkt durch den Konsum gestillt, je nach den Möglichkeiten der Entlohnung durch Tätigkeiten in der aufsteigenden Industrie (vgl. Komlosy 1997).

212 Zitiert nach Hummel, Schmeisser et al. (2003). Den Hinweis verdanke ich der Seminarteilnehmerin Asuman Yoleri-Elgümüs (2012).

213 Toffler (1974), insbesondere S. 55 ff.

214 Komlosy (1997), ibid.

215 IuK ist die damalige Abkürzung für Information und Kommunikation.

216 Reichwald (2000).

217 Diese Diskussion begann, als man über einen Fernschreiber hinaus Datenleitungen von Computer zu Computer legen konnte und die Vorstellungen von einem weltweiten Netz zu einem realistischen Thema wurden. Erste Überlegungen finden sich bei Norbert Wiener: Statt einen Architekten nach New York zu fliegen, einfach nur dessen Pläne zu „telegraphieren“. Wiener (1963).

218 Vgl. Bremer (1998).

219 Vgl. Kleemann (2005).

220 Wohnort ist hier nicht hinreichend, die regionale Bindung, neuerdings mit dem Heimatbegriff verknüpft, ist in einer unübersichtlich gewordenen Welt als emotionaler Faktor nicht zu unterschätzen.

221 Bild: eigene Darstellung.

222 Dazu gehören auch die sogenannten Spagatprofessoren, die, einem unausrottbaren Vorurteil zufolge, lediglich Dienstag, Mittwoch und Donnerstag anwesend sind und ansonsten angeblich ihrem Privatleben nachgehen.

223 Die Effekte sind differenziert zu betrachten. Online-Buchungen erhöhen die Reiseaktivitäten, alltägliche Verrichtungen wie Banking oder Behördengänge erfordern keine körperliche Präsenz mehr. Die Forschung spricht von Komplementarität zwischen onlinebedingtem Zuwachs und Reduktion des Verkehrsaufkommens. Vgl. Institut für Mobilitätsforschung (2004).

224 Diese Divergenz tritt erfahrungsgemäß häufiger im indirekten Bereich und bei Dienstleistungen auf als in direkten, also produzierenden Bereichen.

225 Landes et al. (2020).

226 Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (1991). Dazu gehören Verhandlungsgeschick, Durchsetzungsvermögen, Systemverstehen etc., was nur durch Erfahrung und nicht in curricularen Strukturen gelernt werden kann.

227 Vgl. Untersuchungen wie z. B. Seger (2005). Zudem tobt die Debatte über das Für und Wider seit der Pandemie im Netz.

228 Dieser Abschnitt ist modifiziert und überarbeitet übernommen aus Kornwachs (2016 NETZ), Abschnitt 2.5.2.

229 Wie noch in den 90er-Jahren angenommen, vgl. Warnecke (1996).

230 Eine wichtige Änderung hat sich in den letzten Jahren im Bereich der Arbeitszeit ergeben. Die bekannte Verkürzung der Arbeitszeit seit Beginn des Jahrhunderts etwa auf die Hälfte der Lebens- wie der Jahresarbeitszeit, die Flexibilisierung im Hinblick auf die Lage der Arbeitszeit in Tag und Woche, im Hinblick auf Gleitzeit, im Hinblick auf Lebensalter sowie im Hinblick auf veränderte Arbeitszeitmodelle bei Schichtbetrieb und Dienstleistungen haben zu einer neuen Bewirtschaftung der Arbeitszeit geführt. Zur Arbeitszeitflexibilisierung vgl. Kohl et al. (1985) und Böckle (1979). Inwieweit sich die Arbeitszeit für wen und in welchen Branchen durch weitere Automatisierung und die absehbar zunehmende Einführung von Robotern weiter verkürzen wird, ist Gegenstand aktueller Debatten und kann hier nicht weiter ausgeführt werden.

231 Nach der Forderung, wonach die Transportpreise die „ökologische Wahrheit“ sagen sollten. Diese Forderung von E. U. von Weizsäcker (1989), S. 143 ff. geht allerdings davon aus, dass man Preise für ein Gut nach objektiven Maßstäben bestimmen könnte. Diese Ontologisierung wirtschaftlichen Handelns, die auch in der Behauptung steckt, das Nachfrage-Preis-Modell sei ein quasi naturwissenschaftliches, wirtschaftliches Gesetz, erweist sich jedoch immer mehr als Grundirrtum der Wirtschaftswissenschaften. Siehe auch Brodbeck (1998).

232 Vgl. Weber (1976) und siehe Abschnitt 3.4.3.

233 Stiefvater (1947). Moderne Darstellung in Nell-Breuning (1985, 2002), eine Übersicht bietet Nell-Breuning (1975).

234 Sennett (2000/2006).

235 Diese Form ist zum Beispiel bei den Printmedien oder bei Funk und Fernsehen schon lange geläufig – der freie Mitarbeiter, der gelegentlich (und heute selbstverständlich über Leitung) Beiträge anbietet.

236 Eigenarbeit ist die Arbeit, die unabhängig von Weisungen durchgeführt wird und nicht an eine Institution gebunden ist – von der nachbarschaftlichen Hilfe über Kooperativen oder Bürgerinitiativen bis hin zu Formen der Schwarzarbeit. Fremdarbeit: Arbeit, die für eine Institution geleistet wird, die weisungsabhängig durchgeführt wird und deren Entlohnung durch Tarifvertrag oder Gesetz formal geregelt ist. Vgl. Brun (1985).