7 | Die neue Entfremdung |
7.1 | Eigentum und Ausbeutung |
Die neuen Ungleichheiten bei Eigentum und Einkommen verstärken sich. Sie wurden in der Diskussion um Managergehälter1 und in der Finanzkrise ab 2007 drastisch sichtbar. Weltweit fühlt sich der Mittelstand von Schrumpfung und damit sozialem Abstieg bedroht. Die sozialökonomische Schichtung der Industriegesellschaft verschob sich immer mehr und tut dies bis heute.2 Ein Großteil des durch Produktivitätssteigerung durch Automatisierung, Rationalisierung, Internationalisierung und Digitalisierung erzielten Wirtschaftswachstums und der daraus resultierenden Gewinne geht mittlerweile fast ausschließlich an das reichste Zehntel der Bevölkerung,3 während sich in der Breite neue soziale Schichtungen ergeben:4
Superreiche: Sie erhalten ihr Einkommen durch Herkommen, besitzen hohe finanzielle Spielräume durch Verfügbarkeit über Kapital und verfügen über hohe Managergehälter.
Globalisierungsgewinner: Sie sind polyglott, mobil, auch international gut vernetzt, hoch kommunikativ, technisch aufgeschlossen, relativ bis sehr wohlhabend, sehr gut gebildet und progressiv bis wertekonservativ. Sie kommen meist aus der bisherigen höheren Bildungsschicht (oberer Mittelstand). Sie werden gelegentlich auch als everywheres bezeichnet.
Alte Mitte: Sie sind ortsgebunden, kulturell verwachsen und bescheidener. Sie zeichnen sich durch einen gefühlt oder real gefährdeten Wohlstand sowie das Gefühl des Abgehängt-Werdens aus und sind eher strukturkonservativ.5
Proletariat: In Deutschland spricht man eher von Arbeiterschaft und Lohnabhängigen, zuweilen auch von „kleinen Angestellten“. Früher eher vom Sozialismus oder dem rheinischen Kapitalismus in Form von überbordender Sozialstaatlichkeit verwöhnt, verschärft sich nun die Lage dieser Schicht durch entsprechende Arbeitsverhältnisse, wie den Zwang zu mehreren Jobs, und durch die Gefahr, vergleichsweise übergangslos in Arbeitslosigkeit und Hartz IV abzugleiten.
Prekariat:6 Dazu gehören Empfänger von niedrigen Renten und Sozialleistungen, selbstständig oder scheinselbstständig Arbeitende ohne Aussicht auf dauerndes ausreichendes Einkommen, Leiharbeiter, Künstler mit niedrig bezahlten Kettenverträgen, Obdachlose, und dergleichen. Die Aussichten, aus dieser Schichtung wieder aufzusteigen, sind im Allgemeinen recht gering.
„Obszöner“ Reichtum beginnt für diejenigen Menschen, die – vielleicht außer einem kleinen Erbe – nichts anderes als ihre Arbeitskraft an einem Arbeitsmarkt anbieten und verkaufen müssen, in der von außen wahrgenommenen gefühlten Anstrengungslosigkeit seines Zustandekommens.
Reichtum bietet ein kompliziertes Gefüge von Möglichkeiten, die Nicht-Reiche nicht haben. Wirtschaftliche Macht und diese wiederum über komplizierte Zusammenhänge hat eben auch politische Macht zur Folge. Die wirtschaftliche Macht des persönlichen Reichtums ergibt sich aus dem Gewicht, das Anteilseigner von Firmen bei der Mitsprache an Produktpolitik, Markt- und Personalentscheidungen haben. Firmen und ihre Inhaber haben gegenüber den Kommunen über den Hebel der Gewerbesteuer oftmals ein unkontrollierbares Erpressungspotenzial, wenn es um Ermessensspielräume bei kommunalen Entscheidungen z. B. über Grundstücke und Baugenehmigungen geht. Die Furcht vor Verlust von Arbeitsplätzen in der Region lässt Bürgermeister und Ministerpräsidenten oftmals als schwache Figuren gegenüber den Wünschen von Unternehmen aussehen. Schließlich setzt die Finanzierung von Lobbyisten auf allen politischen Ebenen zur unternehmerfreundlichen Gestaltung von Gesetzen7 ebenfalls einen gewissen privatwirtschaftlichen finanziellen Spielraum voraus.
So ist es für das amerikanische System der Rekrutierung politischen Personals bezeichnend, dass man die dort erforderlichen Wahlkämpfe nur dann führen und gewinnen kann, wenn man selbst über entsprechende finanzielle Mittel verfügt. Diese kommen zum großen Teil aus dem Privatvermögen der Kandidaten und aus Spenden, die wiederum in Höhe und Häufigkeit bevorzugt von reichen Anhängern des Kandidaten stammen. Allerdings muss man auch sehen, dass in Deutschland ein Wahlkampf zu einem nicht ehrenamtlichen Bürgermeisterposten bei 0,50 – 2 € pro Einwohner liegen kann, die vom Kandidaten aufgebracht werden müssen.8
Es geht beim Reichtum also nicht nur um die simple Möglichkeit, mehr zu haben und sich mehr leisten zu können – die Yacht als Symbol –, sondern um die Möglichkeiten von Einfluss, die Reichtum bietet.
Die in den Reichtums- respektive Armutsberichten geschilderten Verhältnisse lassen neben dem Aufkommen von Neid – einem ganz normalen menschlichen Affekt – den wesentlich wirksameren Ruf nach Verteilungsgerechtigkeit der Güter auf dieser Welt und einer gleichberechtigten Teilhabe an Einflussmöglichkeiten zur Gestaltung der Welt aufkommen. Doch wie ist eine gerechte Verteilung von Mühe und Erfolg, von Arbeit und Einkommen, von Teilhabe und Mitbestimmung zu erreichen? Die momentane Unlösbarkeit dieser Frage – wir haben in den Wirtschaftswissenschaften und ökonomischen Theorien wohl noch nicht die Stufe der Aufklärung erreicht9 – erzeugt eine erste Welle der Entfremdung von der eigenen Arbeit, deren Sinn und Nutzen.
Natürlich geht es um die Gehalts- und Belohnungsfragen, um die Sicherheit des Arbeitsplatzes, die Gestaltung des Arbeitsverhältnisses und um Anerkennung für Geleistetes. Beginnen wir mit dem lieben Geld.
7.2 | Zahltag10 |
7.2.1 | Im Weinberg geht es ungerecht zu |
In der als biblisches Gleichnis erzählten Geschichte11 wirbt ein Weinbergbesitzer Leute an und bittet sie, ihm bei der Ernte zu helfen. Es ist noch früh am Morgen, man einigt sich auf einen Denar pro Tag als Lohn.12 In der dritten, der sechsten und der neunten Stunde heuert der Weinbergbesitzer immer noch Leute an, er wird aber etwas vager bei den Lohnverhandlungen: „Ich werde Euch geben, was recht ist.“ Selbst in der elften Stunde sammelt er noch Leute ein, die den ganzen Tag offensichtlich nur untätig herumgestanden sind.13 Als es am Abend an die Auszahlung geht, kommt die Überraschung – jeder bekommt einen Denar, sowohl derjenige, der zwölf Stunden gearbeitet hat, als auch derjenige, der eben vor Toresschluss gerade mal eine Stunde tätig war. Die Arbeiter murren, weil sie von der Addierbarkeit der Arbeitszeit darauf schließen, dass man auch die Lohnhöhe durch Zusammenzählen ermitteln sollte. Genau diese Vorstellung verwehrt der Weinbergbesitzer den Arbeitern, er verweist auf die Vereinbarung über einen Denar, er pocht auf seine Souveränität, zu geben, was er für richtig hält, und wirft denen Neid vor, die meinen, die anderen hätten für ihre geringe Arbeitsdauer zu viel bekommen. Der klassische Spruch: „Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein“14 bekräftigt nochmals die Unmöglichkeit, irdische Gerechtigkeitsvorstellungen auf das Himmelreich anzuwenden. In der Bergpredigt15 löst sich der Ausgleichsgedanke, man könne Anstrengung durch Gegenleistung kompensieren, noch radikaler auf: Gutes tun denen, die einen hassen, auch die linke Wange darbieten, so einer auf die rechte Wange schlägt, bei Leihgeschäften nichts zurückfordern, also gute Dinge tun und dafür nicht erhoffen, etwas zurückzubekommen. Dafür wird der Lohn im Himmel groß sein.
7.2.2 | Lohn als Tausch für Arbeitszeit × Arbeitsintensität? |
Bei diesem ersten Blick fällt eine Unterscheidung auf, die eine Rolle spielen wird: Lohn und Belohnung sind zwei unterschiedliche Dinge und im Alltag bekommen wir das zu spüren. Der griechische Begriff misthós stand für Lohn wie für Belohnung, die griechische Antike machte diesen Unterschied noch nicht. Die lateinische Sprache kennt merces, die Entlohnung, im Gegensatz zu praemium, der Belohnung. Merces ist der Lohn, den man für geleistete und schuldige Arbeit erhält, praemium ist hingegen
„ein Gutes, das auf einen andern übertragen wird wegen einer in Tun oder Nichttun bestehenden Handlung von einem, der es zu übertragen nicht verpflichtet ist“.16
In einem funktionalen Sinne können wir heute den Lohn als eine verdinglichte Äquivalenzrelation zwischen Arbeit und Geld sehen. Tauschprozesse sind in arbeitsteiligen Gesellschaften nun einmal unabdingbar und die Aufgabe besteht darin, ein Äquivalent zwischen Hervorbringungen oder Leistungen, die sich zum Tauschen eignen, zu finden. Tauscht man Produkte oder Naturalien aus, so muss man angeben, welche Menge von einer Produktart oder Naturaliensorte äquivalent zu einer Menge anderer Arten ist: Wie viele Schrauben sind so viel wert wie ein Computer? Oder eher antik: Wie viele Kamele sind wie viele Sklaven und diese wiederum wie viele Fuder Getreide wert? Diese Äquivalenzrelation gestattet es schließlich, wenn man sie durch Zahlen präzisieren kann, gegenseitig Güter und Leistungen additiv zu verrechnen. Zu den Leistungen gehört nicht nur körperliche Arbeitsleistung, sondern auch die Möglichkeit von Wirkung. Andernfalls könnten Energie, Texte, Kunstwerke oder auch die Kampfleistung eines Soldaten keine Ware werden. Man kann nun alles mit allem kombinieren und untersuchen und wird neben den vielen Möglichkeiten des Tausches die heute Wichtigste finden: Entscheidend ist, wie Arbeit getauscht wird. Für den Arbeitenden wird zunächst das Produkt aus Arbeitszeit und Arbeitshöhe bzw. Arbeitsintensität17 wesentlich, für den Nutzer des Arbeitsergebnisses, sei es ein Produkt oder eine sonstige Leistung, der Wert, den der Nutzer davon erwartet. Der Tausch kommt nach gängiger Vorstellung dann zustande, wenn in einer freien Situation, d. h. ohne äußere Zwänge, der Wert des Arbeitsprozesses für den Arbeitenden und der Wert, den der Nutzer von der Verfügung über das Arbeitsergebnis erwartet, in einem Aushandlungsprozess zur Deckung gebracht werden kann.
Die in der Gleichsetzung
Ist der Wert von 4 Mengeneinheiten Getreide = Wert von 1 Kamel,
und beträgt der Wert von 1 Kamel = 400 Denar,
dann ist 1 Mengeneinheit Getreide 400/4 = 100 Denar wert
enthaltene Abstraktion setzt voraus, dass Geld den Tauschwert in einer linearen Skala quantifiziert. Geld steht für den akzeptierten Wert der Sache oder Leistung, ohne die Sache selbst zu sein. Von daher ist Geld eine verdinglichende Abstraktion.
Dies ist jedoch die klassische Sichtweise, nach der Geld aus sich heraus einen Wert haben müsste. Weder beim Gold als Währung noch beim Papiergeld und schon gar nicht beim Plastikgeld, den Kreditkarten, ist dies der Fall. Gerade die Kreditkarte zeigt den informatorischen Charakter des Geldes und damit auch des in Geld ausbezahlten Lohnes: Geld ist Träger einer Information über Werte, die bei einem Tausch durch Übereinkunft der Tauschenden eine Rolle spielen oder spielen werden.18 Damit ist Geld immer auch ein Leistungsversprechen, das, entsprechende Kontexte vorausgesetzt, eingefordert werden kann. Die Funktion des Geldes besteht deshalb primär darin, vergleichbar zu machen, was man zunächst im Hinblick auf den Tausch nicht vergleichen kann, diesen Vergleich vom Einzelfall zu abstrahieren und die Information darüber zuverlässig und fälschungssicher zu kommunizieren. Das Überreichen einer Münze oder eines Geldscheins bei Barzahlung kann nun ersetzt werden durch die Übermittlung eines Datensatzes, der die entsprechende Information transportiert – die bargeldlose Überweisung. Der institutionell festgelegte quantitative Wert des Leistungsversprechens, also was bezahlt wird, ist unabhängig von den Umständen des Zahlungstransfers, der Entstehung des Produkts oder der Leistung. Daher gilt der Spruch: „Pecunia non olet.“ – „Geld stinkt nicht.“19
Der Tauschwert ist eine institutionelle Tatsache, keine natürliche Tatsache.20 Der Wert einer Ware oder Dienstleistung ist für den Nutzer eben kein ontologischer, z. B. wie bei Karl Marx, der noch meinte, die im Produkt vergegenständlichte Arbeit müsse seinen Wert bestimmen. Im Alltagsverständnis ist das nachvollziehbar: „Da steckt viel Arbeit drin . . .“ Zudem sieht man dem Geld nicht an, in welchem Tauschhandel es gedient hat.21 Auch sieht man dem Geld nicht an, ob es „ehrlich“ verdient worden oder Diebesbeute ist, ob es einen Bezug zur Leistung hat oder „Geld vom Gelde“ ist, wie Aristoteles den Zins bezeichnete.22
In einer ersten oberflächlichen Sicht gibt die Höhe der Löhne eine proportionale Äquivalenz von Zeit und Intensität einer Arbeitsleistung und dem Wert des Arbeitsergebnisses wieder, sofern die Ergebnisse der Arbeitsleistungen weiter verwendbar sind. Von der Vorstellung, dass Arbeit als Prozess und seine Ergebnisse an sich, qua Arbeit, die „hineingesteckt“ worden ist, einen Wert hätten, sollte man sich daher rasch verabschieden.
7.2.3 | Faktoren für die Vergütung von Arbeit |
Wenn eine Entlohnung im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses ansteht, wird ihre Höhe zum einen vom Arbeitsverhältnis abhängen. Beim Werkvertrag wird die Nützlichkeit des Arbeitsergebnisses durch den Auftraggeber bewertet, mehr oder weniger unabhängig vom tatsächlichen Arbeitsaufwand des Auftragnehmers. Es zählt das Ergebnis. Beim tariflich gebundenen Arbeitsverhältnis oder Arbeitsvertrag zählt die Arbeitszeit und die Arbeitsintensität. Es zählt die Bemühung, gemessen in Zeit und Arbeitsintensität. Mögliche Faktoren, die den Preis der Arbeit in diesem materiellen Sinne sowohl für tarifliche wie für werkvertragliche Arbeitsverhältnisse bestimmen, sind in Tabelle 7.1 und Tabelle 7.2 zusammengestellt.
Tabelle 7.1 Faktoren für die Höhe der Entlohnung bei „regulären“ Arbeitsverhältnissen23
Angebotsseitige Faktoren seitens des Arbeitnehmers |
Nachfrageseitige Faktoren seitens des Arbeitgebers |
Nicht marktliche Faktoren |
erwartbare Leistungsbereitschaft:
|
Arbeitsmarkt – Arbeitslosenzahlen – Arbeitskräftemangel |
fiskalische, d. h. bestehende steuerliche Regelungen |
Kompetenzen, Qualifikation (zertifiziert) |
Angebotsüberschuss am Arbeitsmarkt oder Verknappung, jeweils fach- und branchenspezifisch |
arbeitsrechtliche Regelungen |
Altersstruktur der Beschäftigten in einer Branche |
ökonomische Situation des Unternehmens:
|
persönliche Attribute:
|
Spektrum der Qualifikationen der Beschäftigten in einer Branche (Verhältnis hoch gegen niedrig) |
Tarifverträge |
|
Sozialkapital, das ein Arbeitnehmer mobilisieren kann25, z. B. ein Netzwerk von Personen, die im selben fachlichen Gebiet arbeiten |
Digitalisierungsgrad |
Tabelle 7.2 Faktoren für die Höhe der Entlohnung bei werkvertraglichen Arbeitsverhältnissen
Angebotsseitige Faktoren seitens des Auftragnehmers |
Nachfrageseitige Faktoren seitens des Auftraggebers |
Nicht marktliche Faktoren |
erwartbare Leistungsbereitschaft
|
Anzahl der Angebote auf eine Ausschreibung |
fiskalische, d. h. bestehende steuerliche Regelungen |
bekannte Kompetenzen, Qualifikation (zertifiziert) |
Angebotsüberschuss am Bietermarkt oder Verknappung, jeweils fach- und branchenspezifisch |
|
Altersstruktur der Beschäftigten in einer Branche |
ökonomische Situation des Auftraggebers:
|
|
Spektrum der Qualifikationen der Beschäftigten in einer Branche (Verhältnis hoch gegen niedrig) |
Regelungen der Ausschreibungen |
|
Sozialkapital, Bekanntheitsgrad |
Digitalisierungsgrad |
Arbeitnehmervertretungen haben sich immer bemüht, „objektive“ Kriterien für die Lohnfindung zu entwickeln. So ist das Fünfeck der Lohngerechtigkeit entwickelt worden, dass die in Bild 7.1 gezeigten Dimensionen umfasst.
Bild 7.1 Fünfeck der Lohngerechtigkeit26
Im Einzelnen:
Soll der Lohn marktgerecht sein, dann müsste die Produktivität eines Sektors die Löhne bestimmen. Dies ist zum Teil der Fall, da die Flächentarifverträge sich nach Branchen ausdifferenzieren.
Will man leistungsgerecht im Sinne von Erfolg entlohnen, muss die Forderung lauten: Gleicher Lohn für gleiche Leistung. Der Lohn bemisst sich dann nach dem Wert, den das Ergebnis der Arbeit für den Abnehmer hat. Ein Werkvertrag ist ein Beispiel für eine rein ergebnisorientierte Entlohnung.
Weitere Ausdifferenzierungen würden die Forderung nach einer situationsgerechten Entlohnung nach sich ziehen, oder Lohn müsste sich nach den unterschiedlichen Lebenshaltungskosten ausrichten. Die Differenz zwischen den Tarifen Ost und West versuchte dieses Kriterium umzusetzen. Dieser Versuch stieß und stößt heute noch aber mit Recht zunehmend auf Grenzen der Akzeptanz.
Bei einer aufwandsgerechten Entlohnung, d. h. einem an den Anforderungen für die Arbeitsaufgabe orientierten Kriterium vergütet der Lohn aktuelle Anstrengungen (Arbeitskraft × Arbeitszeit) und die vorherige Anstrengung z. B. für die Ausbildung. Das schlägt sich bei uns in höheren Gehältern bei entsprechender Ausbildung und den altersabhängigen Besoldungsstufen nieder.
Das Kriterium der bedarfsgerechten, d. h. sozial gerechten Entlohnung berücksichtigt soziale Verpflichtungen wie Familie, speziell Kinder. Ansätze dazu wären Mutterschaftsversicherung, Familienzuschläge und über Steuern finanziertes Kindergeld.
Es ist fast selbstverständlich, dass die genauen Definitionen der genannten Kriterien in konkreten Situationen empfindlich davon abhängen, von welcher Interessenseite aus sie ins Feld geführt werden. So ist es ein naturgemäßes Interesse des Arbeitnehmers, seine Anstrengung möglichst hoch kompensiert zu bekommen, die sich aus Arbeitszeit und Arbeitsintensität ergibt. Dabei wird er versuchen, bei gleicher Arbeitszeit die Anstrengungen zu minimieren. Der Arbeitgeber ist bei gleichem Nutzen des Arbeitsergebnisses daran interessiert, den Aufwand zu seiner Erstellung zu minimieren und dazu gehören die Lohnkosten.
Das durchaus verständliche Interesse eines Auftragnehmers liegt in der Minimierung seiner Bemühungen und darin, für das Arbeitsergebnis einen guten Preis zu erzielen. Dazu kann er, wenn er die Kompetenz und Einrichtungen hat, vorteilhafte Technologie und die Wiederverwendung von schon erarbeiteten Ergebnissen nutzen, da sich der Preis vonseiten des Auftraggebers ja nicht nach der Arbeitszeit, sondern nach dem Ergebnis richtet. Das bedeutet, dass der Auftragnehmer, der die Erstellung seines Arbeitsergebnisses rationalisiert, z. B. durch Digitalisierung, bei gleichem Marktwert seines Ergebnisses zumindest so lange im Vorteil ist, bis die anderen Anbieter dieser Leistung ebenfalls über die Technologie verfügen.
Das Interesse des Auftraggebers liegt in der preisgünstigen Verfügbarkeit des Arbeitsergebnisses; von daher ist es gleichgültig, ob er das Ergebnis kauft, mietet oder weiterverkauft oder weitervermietet.
Darüber hinaus spannt sich das Konfliktfeld auf, das schon seit Aristoteles bekannt ist und das die von ihm diskutierte Dichotomie verschiedener Gerechtigkeitsbegriffe widerspiegelt:
jedem nach seiner Leistung und nach seinen Bedürfnissen (die iustitia distributiva bezieht sich auf Verdienst und Bedürfnis),
jedem nach dem, was ihm zukommt (die iustitia generalis et legalis bezieht sich auf das Verhältnis des Einzelnen zum Gemeinwohl, z. B. Steuergerechtigkeit), und
jedem nach der ausgleichenden Gerechtigkeit (die iustitia commutativa bezieht sich auf Tausch und Vertrag).27
Den gerechten Wert der geleisteten Arbeit mahnte Karl Marx mit der Formel: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“28 an, welche die Verteilung der im Sozialismus produzierten Güter und Wohltaten entsprechend der Arbeitsanstrengung regeln sollte. Es ging also primär nicht um das Arbeitsergebnis, sondern die Anstrengung und die Bedürftigkeit.
Die Marxsche Formulierung „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“29, die er mehr oder weniger von Aristoteles übernommen hat,30 bezog sich aber, wenn man die Blickrichtung umdreht, eben doch auf das Arbeitsergebnis und wer darüber verfügen sollte. Es ging darum, dass jeder in der kommunistischen Gesellschaft entsprechend nach seinen Bedürfnissen die verfügbaren Arbeitsleistungen würde konsumieren können, unabhängig von seiner persönlichen Leistung.
7.3 | Anerkennung als Währung |
„Unser Nachbar bekam einen Förderungspreis/
Damit andre auch einen woll’n.“
Georg Kreisler (1922 – 2011)31
7.3.1 | Faktoren der anderen Art |
Ein weiterer Faktor, der in der Arbeitsmarktdiskussion früher wenig, jetzt jedoch häufiger diskutiert wird, besteht darin, was die Arbeitssoziologie als den moralischen Anteil des Preises der Arbeit bezeichnet.32 Dieser moralische Anteil hat mehr mit Belohnung als mit Lohn bzw. Entlohnung zu tun. Man kann, grob gesprochen, die nichtmonetären, also moralischen Bestandteile der Entlohnung zunächst mit dem Begriff „Arbeitsbedingungen“ umschreiben. Wenn man die Arbeitswelt z. B. von Google betrachtet, haben sich die Anteile der monetären Entlohnung zugunsten des Anteils der Arbeitsbedingungen durch dessen beschäftigtenfreundliche Gestaltung massiv verschoben. Der Preis hierfür scheint allerdings die auf individueller Ebene kaum noch kontrollierbare zeitliche wie emotionale Bindung an die Firma Google und den Arbeitsort der Google-Zentralen zu sein.33
Tabelle 7.3 zeigt einige mögliche Realisierungen des nichtmateriellen respektive moralischen Anteils am Preis der Arbeit. Zu den moralischen Belohnungen gehören nach Nico Stehr auch Anstrengungen des Auftrag- oder Arbeitgebers, negative Begleiterscheinungen der Arbeit zu verringern oder gar zu vermeiden: Unlust, Totschlagen von Zeit, Arbeitsvermeidung, vulgo Drückebergerei, Langeweile, körperliche Anstrengung, Überarbeitung, Gefühle wie Unterdrückung, Sinnlosigkeit, Entfremdung oder gar das Gefühl, nur noch für Geld arbeiten zu müssen, sollten schon gar nicht aufkommen.34
Tabelle 7.3 Mögliche Realisierungen des nichtmateriellen respektive moralischen Anteils am Preis der Arbeit35
Gesellschaftlich bewertete Dispositive |
|
Gestaltung des Arbeitsverhältnisses |
|
Wertschätzung und Unterstützung des gesellschaftlichen Prestiges der Art der Arbeit |
|
Qualität der Arbeit selbst, Arbeitsbedingungen |
|
Gewährung zusätzlicher Freizeit |
|
Weiterbildungsmaßnahmen |
Gewährung, Unterstützung und Angebot |
soziale Angebote |
|
soziale Vereinigungen |
|
soziale Veranstaltungen |
|
7.3.2 | Die Idee der Äquivalenz gilt nur bei niedrigen Löhnen36 |
Die Arbeitszeit, die einem Menschen zur Verfügung steht, ist eine endliche Größe in einer individuellen Biographie und daher eine knappe Ressource. Eine kurze überschlägige Rechnung sei gestattet: Die durchschnittliche Arbeitsspanne im Leben eines Menschen in der Bundesrepublik Deutschland lag um 2010 bei 36,8 Jahren, um 2021 bei 38,8 Jahren.37 Damit ergeben sich, abzüglich des Urlaubs, im Schnitt 1602,5 Arbeitsstunden pro Jahr.38 Manager liegen vielleicht bei 60 Stunden in der Woche39 und machen wahrscheinlich keine oder sehr wenig Ferien, sodass ihre Arbeitszeit bei angenommenen heroischen 3120 Stunden pro Jahr liegen möge. Die Gesamtarbeitszeit im Leben eines Arbeiters mit rund 40 Arbeitsjahren kommt dann auf 62 177 Stunden, die eines Managers nach dieser Rechnung auf 121 056 Stunden, also rund das Doppelte.
Arbeitsleistung setzt sich, wie vorangehend ausgeführt, aus der Arbeitsintensität und der Arbeitsdauer zusammen. Das natürliche Interesse des Arbeitenden besteht darin, seine knappen „Güter“, hier Zeit und „Qualifikation“ als Fähigkeit zu hoher Arbeitsintensität so teuer wie möglich zu verkaufen.
Das durchschnittliche Einkommen eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers lag 2021 bei 3975 € pro Monat.40 In einem gesamten Leben kann ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer in 38,8 Jahren maximal (nicht inflationsbereinigt) etwa brutto 1,85 Mio. € erwirtschaften. Nehmen wir nun an, dass ein Jahreseinkommen eines Spitzenmanagers beispielsweise bei brutto 3,4 Mio. € liegen mag,41 und damit rund das etwa 71-Fache des Lohnes eines durchschnittlich Vollzeitbeschäftigten (47 700 €) beträgt.42 Die Jahresarbeitszeit des Managers mit 121 056 Stunden beträgt aber nur rund das Zweifache des durchschnittlich Vollzeitbeschäftigten mit 62 177 Stunden. Würde man den Lohn nach Arbeitskraft, also Arbeitsintensität × Arbeitszeit, bemessen, dann müsste die Arbeitsintensität eines Managers in diesem bescheidenen Fall das 36,6-Fache der Leistung eines Arbeiters betragen.43 Bei einem Salär von 10 Mio. € müsste dies dann schon das 107-Fache sein.
Nun kann man annehmen, dass die Arbeitsintensität von den Ausbildungszeiten und dem Niveau der Ausbildung (hinsichtlich der Aufgaben) abhängt und dass darüber hinaus die Erwartung honoriert wird, Verantwortung und Risiken zu übernehmen. Möglicherweise gehen die Schwere der zu bewältigenden Aufgabe sowie eine gewisse Honorierung des bisherigen Erfolgs mit ein. Trotz all dieser Komponenten ist ein solcher Faktor nicht mehr nachvollziehbar, zumal die Übernahme der Risiken sich erfahrungsgemäß gerade in der Managerbranche nach Beendigungen von Vertragsverhältnissen auch nach offenkundigem Scheitern in Grenzen zu halten pflegt.
Angesichts dieses Faktors darf man die Frage stellen, was denn ein gerechter Lohn sei. Die lapidare Antwort, dass dies eine subjektive Angelegenheit sei, wird wohl nicht befriedigen.44 Die Probe aufs Exempel bei den Managergehältern ist einfach: Die Gesamtvergütung setzt sich in der Regel zu 18 % aus sogenannten long term incentives, d. h. aktienbasierten Zahlungen wie Stock Options, verfügungsbeschränkten Aktien etc. und zu 82 % aus der Grundvergütung zusammen, die wiederum aus 26 % fixem Gehalt und 56 % variablem Anteil besteht. Dieser variable Anteil ist orientiert am Erfolg oder besser gesagt an den Erwartungen an den künftigen Erfolg nach Vertragsabschluss und enthält die berüchtigten Bonuszahlungen, Abfindungen, Pensionsansprüche und dergleichen.45
Man kann sich nun fragen, welche dieser Bestandteile in welcher Höhe die in Bild 7.1 über das Fünfeck des gerechten Lohns genannten fünf Kriterien erfüllen könnten. Das fixe Gehalt (26 %) könnte man als Anteil ansehen, der sich an der Bemühung orientiert, also dem Kriterium des Aufwands (einschließlich der erforderlichen Ausbildung) gerecht werden müsste. Hier wird man am wenigsten Probleme haben, denn auch das Kriterium, das eine marktgerechte Entlohnung fordert, kann man hier in Anschlag bringen. Dass Manager an den Erfolgen des eigenen Unternehmens beteiligt werden sollen (der Anteil zu 18 %), könnte man ebenfalls einsehen – indem man sie mit allen Chancen und Risiken proportional daran beteiligen würde. Dies würde dem Kriterium der leistungsgerechten, am Unternehmenserfolg orientierten Bezahlung entsprechen. Zuweilen wird jedoch auch das Kriterium der situationsgerechten Entlohnung ins Feld geführt: Man müsse auf Augenhöhe mit dem amerikanischen Management verhandeln können und diese Augenhöhe stelle sich nur über eine Angleichung an die dort üblichen Entlohnungssysteme her. Außerdem müsse man wegen drohender Abwerbung Leistungsträger für die eigene Wirtschaft mit entsprechender Höhe der Entlohnung gewinnen respektive halten. Dass dies geheuchelt ist, weiß auch schon die Tagespresse. Es sind bisher vergleichsweise wenige Abwerbungsversuche aus dem deutschen Management in den Wirtschaftsraum der USA zu amerikanischen Firmen bekannt geworden.
Der variable Anteil von 56 % schließlich, der die berüchtigten Bonuszahlungen enthält, ist weder mit dem Kriterium der Leistungsgerechtigkeit noch dem nach dem Bedarf orientierten Kriterium sinnvoll messbar. Wenn amerikanische Banken, die in der Finanzkrise durch Steuergelder vor der Insolvenz gerettet wurden, danach in Summe mehr Boni an ihre Manager auszahlen als sie an Gewinn nachweisen können, dann kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass sich hier ein Belohnungssystem verselbstständigt hat, das ein ganz bestimmtes wirtschaftliches Verhalten massiv bevorzugt.
Dass der Lohn als linear und additiv bemessenes Tauschäquivalent für das Produkt aus Arbeitszeit × Arbeitsintensität gelten kann, stimmt demnach höchstens für niedrige Löhne.
Nun waren gewisse Ungleichheiten wohl zu einem gewissen Umfang immer schon akzeptiert und so konnte der ordoliberale Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich von Hayek noch in den 50er-Jahren über seine Beobachtung im Westen Deutschlands berichten:
„Mir ist nicht bekannt, daß einfache Leute jemals dem Boxer oder dem Torero, dem Fußballhelden, dem Filmstar oder dem Jazz-Idol seine hohen Einnahmen geneidet hätten – oft erscheinen sie geradezu eine Ersatzbefriedigung darin zu finden, wenn solche Personen größten Luxus und Aufwand entfalten, dem gegenüber derjenige von Industriemagnaten oder Finanzbossen verblasst.“46
In jüngerer Zeit scheint sich das doch erheblich zu ändern – sowohl was die Haltung des Publikums als auch die Entwicklungsstruktur der hohen bis höchsten Einkommen betrifft. Die Schere zwischen dem Arbeitnehmerentgelt und dem Einkommen aus Unternehmen und Privatvermögen, die ja schon immer bestand, hat sich sichtbar weit aufgetan. Den Effekt kann man in der Vermögensverteilung in Bild 7.2 sehen.
Bild 7.2 Verteilung des Nettovermögens in Deutschland (Stand 2020)47
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat in einer Untersuchung48 mittels zusätzlicher Auswertungsverfahren sowie Reichenlisten die Vermögenskonzentration noch genauer als bisher erfasst. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt 35,3 % des Vermögens. So besitzt ein Superreicher ein Vermögen von rund 1,3 Mio. € (p99 = 1 %). Die vermögendsten 10 % (p90) kommen durchschnittlich auf etwa 280 000 €. Ein Viertel der Bevölkerung besitzt kein Vermögen oder hat Schulden.
Eine ganz ähnliche Schere kann man bei der Entwicklung der Managergehälter beobachten: Setzt man den durchschnittlichen Wert der deutschen Vorstandsbezüge pro Kopf für 1987 auf den fiktiven Ausgangswert 100, dann liegt der Wert der Vorstandsbezüge im Jahr 2005 relativ dazu bei rund 520, während die durchschnittlichen Personalkosten bei ungefähr 190 und die durchschnittlichen Aktienkurse nach einem Hoch um 2001 herum von 350 im Referenzjahr 2005 bei 290 liegen.49 Etwa ab 1998 ist selbst bei elastischer Interpretation der Zahlen keine Korrelation von Lebenshaltungskosten, Leistung (im Sinne der Wertsteigerung von Aktien) und dem Anstieg der Managervergütungen mehr erkennbar.50
Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei dieser Abkopplung nicht um eine Entlohnung für Leistung oder Erfolg, sondern um eine Art Apanage handelt, die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Eliteschicht – man könnte im Sinne von Dietmar Dath ruhig auch von Klasse sprechen51 – honoriert. Vom Adel unterscheidet sich diese Schicht jedoch dadurch, dass die Zugehörigkeit zu ihr gesetzlich nicht erblich ist, praktisch aber über verbesserte Startchancen doch in gewisser Weise – ein reiches Elternhaus ist meist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Die Zugehörigkeit zu dieser Klasse muss durch gewisse Leistung erworben werden und wenn es nur die ist, in einem guten Netzwerk die Beziehungen erhalten und ausgebaut zu haben. Die weltweite monetäre Abkopplung dieser Klasse (zu unterscheiden von den Kapitaleignern) ist sicher auch eine Folge der Globalisierung – aber es kommt noch etwas hinzu: Es handelt sich hier um eine Herrschaft von Experten des Flexiblen. Im Laufe seiner Karriere wechselt der Manager die Branchen und Produkte, und diese fachlich ökonomische Promiskuität ist nur möglich, weil es letztlich nicht auf Produkte und deren Funktionalität, sondern auf ihre Vermarktung, auf Marktanteile und die möglichst asymmetrische kurzfristige Gestaltung von weltweiten Tauschbeziehungen ankommt. Dies scheint der Kampf aller gegen alle, wie ihn Thomas Hobbes (1588 – 1679) beschrieben hat, in einer Weltbinnenwirtschaft zu sein. In dieser Form der Ökonomie lässt sich die Klasse, die diesen Kampf organisiert und führt, mit der finanziellen Garantie bezahlen, nie zu den Verlierern zu gehören. Das ist ihre Belohnung.
7.3.3 | Bemühung oder Ergebnis? |
Wir sprechen von Tausch und damit von Gegenleistung: Eine Leistung wird erbracht und dann, so meint man, müsste sie kompensiert werden. Kompensation meint Ausgleich – eine Leistung erzeuge beim Leistungsempfänger gegenüber dem Leistungserbringer so etwas wie eine Schuld, die ausgeglichen werden müsse. Dies hört sich nach dem antiken und mittelalterlichen Substratgedanken an, der dort sowohl quantitativ wie auch qualitativ gedacht wird. Die These ist, dass die herkömmliche Gestaltung von Ent-lohnung wie auch der Be-lohnung auf diesem, in den positiven Wissenschaften schon längst verabschiedeten Gedanken eines Substrats, also eines unveränderlichen Stoffes basiert, der den Dingen innewohnt. Spannend ist dabei, dass die eher normativen Disziplinen wie Jurisprudenz und Wirtschaftswissenschaften diesen Gedanken immer noch benutzen.
Was wird kompensiert, was wieder „gut“ gemacht, ausgeglichen? Die Idee, dass der bei der Entlohnung zu kompensierende „Schaden“ die eingesetzte und dadurch vergangene Lebenszeit und der durch die Arbeitszeit verlorene Genuss (oder negativ gesehen die mangelnde Erleichterung von Belastung) sei, findet sich bei Jeremy Bentham, Adam Smith, David Ricardo bis hin zu Karl Marx und hat entsprechend in das Theoriegebäude der Nationalökonomie Eingang gefunden. Dazu komme die Anstrengung, verbunden mit Arbeitsintensität, und eine womöglich ungehörige Ausbeutung, die gerechterweise kompensiert werden müssten. Vergangene Lebenszeit ist irreversibel, sie kann nicht wiedergutgemacht werden, deshalb könne sie nur kompensiert werden. Die Entlohnung wäre dann die Entschädigung für die aufgewandte Lebenszeit als Arbeitszeit.52
Ist Lohn wirklich nur Entschädigung für aufgewandte Arbeitszeit? Ist er nicht auch gekoppelt mit Anerkennung einer Leistung in dieser Zeit, einschließlich der Vorlaufzeiten, um sich die notwendigen Kompetenzen zu erwerben, die zu dieser Arbeitsleistung überhaupt erst befähigen? Und wie steht es dann mit den berühmten Reproduktionsbedingungen für Arbeitskraft und Nachwuchs? Wenn nun das Produkt:
Arbeitsleistung = aufgewandte Lebenszeit × Arbeitsintensität53
als wichtig angesehen wird – was ist dann die Lebenszeit eines Menschen wert, wovon hängt sie ab? Von Lebenserwartungen, von nationaler oder ethnischer Zugehörigkeit, von der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Wirtschaftsraum? Oder zu einer Klasse oder einem Stand? Und wovon hängt die Einschätzung der Arbeitsintensität ab? Mittlerweile sind wir in den westlichen Ländern wieder so weit, dass diese Entlohnung oder Entschädigung aus nur einem Arbeitsverhältnis zuweilen nicht zum Leben, sprich zur Erfüllung der Reproduktionsbedingung reicht. Dieser Entschädigungsgedanke hat also nichts mit mehr Erhaltung des Menschen aus eigener Kraft heraus, mit seiner Subsistenz, zu tun. Er negiert, dass die Reproduktion der Arbeitskraft sich nicht allein aus der Kompensation speisen kann, es sei denn, man würde als Korrektur hierfür die gemeinschaftlich organisierte Befriedigung notwendiger Minimalbedürfnisse zugrunde legen.
Der Widerspruch wird noch schärfer, wenn man sich nochmals den Unterschied zwischen Werkvertrag und Arbeitsvertrag ansieht. Geht man von einem Mindestlohn aus, der sich, unabhängig von der tatsächlichen Arbeitsleistung, nach einem Warenkorb der Bedürfnisse54 richtet, dann müsste ein durchschnittlicher Arbeitstag von acht Stunden bei diesem Mindestlohn genügen, zumindest diesen Warenkorb kaufen, seine Miete bezahlen und seinen sonstigen finanziellen Verpflichtungen nachkommen zu können. Wir könnten es auch nach Karl Marx formulieren: zumindest seine Arbeitskraft reproduzieren zu können. Der sozialpolitische Sprengstoff liegt in der Tatsache, dass bitterlich viele Löhne darunter liegen.
Die Forderung nach Mindestlohn ist eine Antwort darauf.55 Allerdings ist dies kein Allheilmittel. Denn der Arbeitsvertrag belohnt die Bemühung und nicht den Erfolg – hier wird nach „auf Arbeit“ verbrachten Stunden gerechnet. In seltenen und extremen Fällen ist dies die pure Anwesenheit, unabhängig von der messbaren Arbeitsleistung. Der Werkvertrag hingegen honoriert – man beachte den Begriffswechsel von Entlohnung zum Honorar – den Erfolg, das Ergebnis der Arbeit, das hergestellte Produkt oder die erbrachte Dienstleistung, unabhängig vom Aufwand und der damit verbrachten Lebenszeit. Der Clevere kann mit wenig Aufwand ein rasch angepasstes Produkt zweimal anbieten, der andere schuftet sich schier tot, weil sein Produkt mühsam zu erstellen ist und keinen Käufer findet. Künstler z. B. arbeiten meistens so, wenn sie auf Herstellung und Verkauf von Unikaten angewiesen sind.
Spätestens beim Werkvertrag hat der Kompensationsgedanke dem Tauschgedanken Platz gemacht.
Der gegenwärtig zu beobachtende Strukturwandel der Entlohnungsprinzipien geht von einem bisher mehr oder weniger gelungenen Mix aus Leistungsprinzip, einer gewissen Anforderungsgerechtigkeit, dem Gleichheitsprinzip und dem Prinzip der Tarifautonomie zu einem System über, das die bisherigen Gewichte zwischen den vorher genannten fünf Kriterien der Lohngerechtigkeit drastisch verschiebt. Mithilfe der Dezentralisierung der Tarifpolitik rückt das Marktprinzip an die erste Stelle – dies gilt nicht nur für den Erfolg des Produkts oder der Leistung am Markt, sondern auch für den Arbeitsmarkt, der in niedrigen bis mittleren Qualifikationsbereichen ein Anbietermarkt, in den höheren Qualifikationsbereichen seit geraumer Zeit ein Nachfragemarkt ist. Dabei reicht die Nachfrage mittlerweile in den mittleren Qualifikationsbereich. Dies verdrängt das Gleichheitsprinzip und beschleunigt die Entkopplung der individuellen Leistung von der Entlohnung. Die Kriterien der Bedarfsgerechtigkeit und des Auftrags eines Gemeinwesens, Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass auch ein sozial gerechtes Wirtschaften möglich ist, werden zweitrangig. Das mag auch der Grund sein, weshalb die Umsetzung der längst gewonnenen Einsichten über die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern in bessere Bedingungen so schleppend vorankommt.56
Gerechtigkeit ist schwer auszurechnen, wenn parallel einmal die Bemühung, ein andermal das Ergebnis einer Arbeit Grundlage der Entlohnung ist. Oberflächlich gesehen spielt noch ein gewisser Ausgleichsgedanke bei der Entlohnung eine Rolle, aber er erweist sich als unzureichend. Wie auch, wenn Löhne, wie Statistiker herausgefunden haben, zuweilen sogar von der Körpergröße abhängen?57
Sehen wir die Entlohnung deshalb vorläufig und als Arbeitshypothese nicht als eine Kompensation oder gar als einen Tausch an, sondern als einen interessegesteuerten, meist asymmetrischen Verteilungsprozess von Reproduktionsbedingungen – nicht nur der Arbeitskraft, sondern letztlich des Produktionssystems selbst. Das bedeutet, dass der Arbeitende oder Angestellte nicht seinen Lohn erhält, weil sein Arbeitgeber daran interessiert ist, seine Arbeitskraft zu erhalten, weil er sie braucht, sondern nur insofern die Arbeitskraft des Arbeitnehmers zur Erhaltung des Produktionssystems und zur Erweiterung oder Steigerung der Produktivität kurz- bis mittelfristig beiträgt. Dass man hierfür ganz besonders befähigt ist, wenn man zur Klasse des Managements gehört, gilt von vornherein als ausgemacht.58 Der Austauschgedanke führt zu falschen Erwartungen an Entlohnungssysteme und zu den verständlichen Empörungen über ungerechte Scheren zwischen verschiedenen Einkommensarten. Aber die Empörung läuft ins Leere.
7.3.4 | Ort und Zeit: 4 × 7 × 24 oder: „Nur ein Knecht ist immer erreichbar“59 |
In gewissen Branchen scheint Feierabend ein Fremdwort zu sein. Es gibt zwei Gründe dafür: Auf der persönlichen Seite spielt vielleicht eine gewisse Arbeitssucht eine Rolle, auf der institutionellen Seite gibt es Branchen, in denen erwartet und akzeptiert wird, dass man neben einem Arbeitstag von 12 bis 16 Stunden darüber hinaus in der Freizeit ständig für seinen Chef oder seine Mitarbeiter erreichbar ist und auch bereit ist, das Wochenende je nach Lage bei Bedarf als Arbeitszeit anzusehen.
Anekdotisch sei der tatsächliche Fall erzählt, dass der Chef einer Abteilung seinen Mitarbeiter anruft, der aber sein Handy nicht abgeschaltet hat, obwohl er sich gerade im Kreissaal zusammen mit seiner Frau bei deren Entbindung ihres ersten Kindes befindet. Dummerweise, eher reflexhaft, nimmt er den Anruf entgegen, führt das Gespräch, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Geburt gleich bevorstünde. Es ist nicht zu fassen: Der Chef ruft kurz danach nochmal an, weil er noch eine fachliche Frage habe, und der Mitarbeiter gibt bereitwillig die Antwort. Man sieht an der Anekdote zweierlei: Der Mitarbeiter ist nicht fähig, selbst in offenkundigen Situationen sein Handy abzuschalten oder dezidiert „Nein“ zu sagen, und der Chef ist nicht in der Lage, mit der Situation, in der sich der Mitarbeiter befindet, adäquat umzugehen und zumindest auf einen weiteren Anruf zu verzichten.
Beide Verhaltensauffälligkeiten haben aber einen gemeinsamen Grund: Er besteht in der Erwartungshaltung von Höchstleistung, zumindest in Form von Präsenz oder Erreichbarkeit, was letztlich einer schier unbeschränkten Verfügbarkeit über die Arbeitszeit und Arbeitskraft entspricht. In diesen Branchen scheint das Arbeitsrecht, das Arbeitszeiten und Erholungszeiten regelt, einen lediglich empfehlenden Charakter zu haben.60
Gier als Erklärung ist wohlfeil und ausführlich diskutiert, ausbeuterische Verhältnisse gibt es nach wie vor, eben auch im Bereich der Arbeitszeit und Verfügbarkeit, aber es interessiert der tiefere Grund: Wir finden Reste der vorangehend skizzierten protestantischen Arbeitsethik,61 allerdings im säkularen Gewand. Es geht nicht mehr um den Nachweis der göttlichen Gnadenwahl, sondern Mitarbeiter lassen sich die Ausbeutung gefallen oder bejahen sie sogar, weil sie darauf hoffen, zur Spitze, zur Leistungselite zu gehören und dies dann auch irgendwann einmal bestätigt zu bekommen – sei es durch Aufstieg auf der Karriereleiter, sei es durch Gehalt, branchenspezifische Anerkennung oder öffentliche Auftritte, Glamour und zumindest fachlichen Ruhm. Der sich dabei einstellende abnehmende Grenznutzen eines immer höheren Gehalts62 spielt dabei als rationale Überlegung keine Rolle, es geht um die Zugehörigkeit zu einer neuen Adelsklasse.
Wir haben in Abschnitt 7.2 vermutet, dass die exorbitant hohen Managementgehälter, die erstmals um 2008 in die Diskussion gerieten, keine Entlohnung für Leistung oder Leistungserwartungen seien, sondern Apanagen für die Zugehörigkeit zu einer neuen Adelsklasse darstellten.63 In diese Klasse kommt man durch einen Mix von notwendigen, aber noch nicht hinreichenden Faktoren wie exzellente Leistungen, gute Beziehungen respektive beste Startbedingungen bei den Bildungschancen und Herkunft,64 aber ganz ohne Leistung geht es nicht. Erwartet wird eine von persönlichen Umständen unabhängige Leistungsbereitschaft, am besten „rund um die Uhr“. Viele Menschen in diesen Branchen sind stolz, dass dies von ihnen erwartet wird, und dies zeigt ihnen, dass sie „dazu gehören“.
Es ist also nicht nur das Homeoffice, das diese Grenzen der Erreichbarkeit verschoben hat, auch wenn nach Abflauen der Pandemie das Homeoffice ausgetestet werden wird und vermutlich einen weitaus größeren Anteil an der Arbeitswelt haben wird als je zuvor. Technische Möglichkeiten und die sich anbahnenden Regelungen für die Arbeit im Homeoffice verändern die Grenzen zwischen Arbeitsort und Lebensort, zwischen Arbeitszeit und Freizeit, zwischen Eigentätigkeit und Fremdtätigkeit. Sie werden auch nochmals unser Kommunikationsverhalten neu formen, das sich aufgrund der technischen Möglichkeiten nicht nur im Privatleben, sondern im Arbeitsleben ohnehin seit den 90er-Jahren gewandelt hat. Aus der Möglichkeit, überall zu kommunizieren, wird die elektronische Fußfessel für den Mitarbeiter, aber auch für den Chef, oder neutraler formuliert, für die Teammitglieder eines Projekts.
Wenn man Privatheit definiert als die Möglichkeit, an einem Ort und zu einer bestimmten Zeitspanne einfach in Ruhe gelassen zu werden,65 dann kennt die moderne Arbeitswelt für diejenigen, die sich darauf einlassen, keine Privatheit in diesem Sinne mehr. Nimmt man Guy Almes ernst, der trocken bemerkte:
„Es gibt drei Arten von Tod: Den Herztod, den Hirntod und nicht im Netz zu sein.“66dann ist, im Rückschluss, Leben nur möglich, wenn man ständig im Netz ist, ständig kommuniziert und ständig erreichbar ist. Das ist die moderne Form von Knechtschaft. Die Anerkennung besteht dann nur noch in der Bestätigung, dass man noch im Netz ist, noch „lebt“ in diesem Sinne und in Abwesenheit von Sanktionen.
Man stelle sich nun die Dystopie vor, die dieser Gedanke mit den technischen und organisatorischen Möglichkeiten eines lernenden Scoring-Systems67 nach chinesischem Vorbild mit sich bringen könnte: Jede Nichterreichbarkeit wird mit einem Punkteabzug geahndet, das Kommunikationsverhalten eines Individuums wird nicht nur statistisch ausgewertet, was das chinesische Scoring-System68 ja schon zum Teil kann, sondern auch nach Mustern analysiert, wie dies die lernende KI tut. Damit ergeben sich Persönlichkeitsmerkmale, für die wir noch gar keine psychologischen oder anthropologischen Begriffe, geschweige denn Modelle haben. Werden nur formale Optimierungskriterien für diese Lernprozesse angelegt, d. h., geht es nur um Umsatzsteigerung oder Gewinnmaximierung und dergleichen, werden diejenigen psychologischen Verhaltensmuster der Individuen belohnt oder bestraft, die diesen neuen, aus der Analyse ermittelten Kriterien entsprechen. Wenn die Lernprozesse des Systems dann auch noch unüberwacht, also automatisiert ablaufen, kann diese Selbststeuerung der Gesellschaft in ein unkontrollierbares, irreversibles Fahrwasser geraten, das nicht einmal eine autoritäre Ein-Parteien-Herrschaft mehr zu überblicken und zu beherrschen vermag.
7.3.5 | Gemeinschaft: von Arbeitsnomaden, Belegschaften und Crowd-Workern |
„Arbeit ist ein tolles Medium für Freundschaft, sie schafft eine besondere Intensität, weil man die Persönlichkeit und Fähigkeit des andern hautnah erlebt.“69
Wir sagten, dass die Fabrik, der Betrieb, das lokale „auf Arbeit sein“ eben nicht nur der Ort der Leistungserbringung, der Arbeitsteiligkeit und damit der Ort der Kommunikation war, sondern auch der Ort der Konflikte, der Solidarisierung von Interessengruppen, die man meist bipolar in Arbeitnehmer und Arbeitgeber bzw. Unternehmer und abhängig Beschäftigte einteilte. Die soziale Schichtung in Unternehmer, Selbstständige, Beamte, Angestellte, tariflich abgesicherte Arbeiter und frühere Tagelöhner, was heute ungefähr den Leiharbeitern entspricht, löst sich aber ohnehin auf. Die gewerkschaftliche Bindung und damit tarifliche Bindungen nehmen ab und die Anteile an Selbstständigen (einschließlich der Kultur der Startup-Gründungen) und an Arbeitsverhältnissen, die sich als Werkverträge konstituieren (einschließlich Crowd-Workern), nehmen zu.
Die unterschiedlichen Bindungsgrade zu Familie, Ort und Betrieb haben wir in Abschnitt 3.6 mit der Geschichte der Telearbeit schon diskutiert, an dieser Stelle interessiert die Frage, was aus dem Ort der Solidarisierung bei Interessengegensätzen geworden ist und noch wird.
Die Zeiten der lebenslangen Arbeitsverhältnisse mit der Identifikation der eigenen Biographie durch Treue an eine Institution gehen wohl dem Ende entgegen. Man könnte nun füglich fragen, wie es mit der ursprünglichen Parole „Proletarier aller Länder, vereinigt Euch“70 nun mit der Solidarisierung der Auftragnehmer und der Auftraggeber aussieht und ob die Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuches und des Arbeitsrechts ausreichen, zumal gerade diese Regelungen nur national gelten, diese Arbeitswelt aber transnational geworden ist – und auch nach dem Ukrainekrieg wohl im Großen und Ganzen bleiben wird.
Arbeitsnomaden im örtlichen Sinne hat es immer gegeben. Handelsvertreter, die mit Warenproben und Lieferwagen eilig durch die junge Republik fuhren,71 bis hin zu den heutigen Montage- und Instandhaltungstrupps, die weltweit agieren. Gerade Letztere waren aber überwiegend an Firmen gebunden. Wenn wir aber von Arbeitsnomaden sprechen, die von Institution zu Institution wandern, sei es im Netz oder auch geografisch gesehen, dann sprechen wir von Arbeitsformen, wie sie zum Teil schon in der Wissenschaft, bei Beratungsunternehmen und Think Tanks, bei der weltweiten Verteilung der Softwareerstellung und in der Musik, den Medien oder der Schauspielerei vorkommen. Dieser Trend dürfte sich durch die Weiterentwicklung der Kommunikationstechnologien, der Rechenkapazitäten, die man mobil mit sich führen kann, sowie der technischen Möglichkeiten, die im mobilen Bereich mit den additiven Fertigungseinrichtungen (Fabber, 3D-Drucker etc.) angelegt sind, fortsetzen.
Auch hier wieder eine anekdotische Schilderung als Beispiel: Ein guter Freund ist von Hause aus Mathematiker und entwickelt Prozesssteuerungen für Fertigung, Industrie 4.0 wie auch für Beleuchtungen und Kulissenbewegung bei großen Theater- und Opernbühnen. Er wohnt in einer westdeutschen Großstadt, hat aber auch ein Haus in Südfrankreich. Seine Berufsbiographie besteht im Wechsel aus Anstellungen bei verschiedenen Firmen, als Freelancer mit Werkverträgen, als eigener Start-up-Unternehmer und jetzt wieder Freelancer. Für seine Arbeit benötigt er einen leistungsfähigen Laptop, einen Zugang zum Netz und ein Handy, gelegentlich einen Drucker. Er wechselt die Auftraggeber nach Marktlage und wechselt seinen Aufenthaltsort je nach Jahreszeiten, Aktivitäten und Events in den jeweiligen Freundeskreisen und Hobbys. Er kann es sich leisten, seine Erreichbarkeitszeiten selbst zu bestimmen, und er bestimmt auch selbst, für das Alter gut abgesichert, wann er aufhört zu „arbeiten“. Mit Fachkollegen oder – je nach Projekt – Teammitgliedern trifft er sich entweder auf Konferenzen oder an wechselnden Orten, je nach Reiseoptimierung der jeweiligen Teampartner. Es gibt also kein tägliches „Guten Morgen“ beim Kollegen, höchstens ein „Hallo“ per E-Mail.
Hier gibt es keine „Belegschaften“ mehr im engeren Sine, die auch eine soziale Funktion hätten, wie sie das Gefühl von „Familie“ und Zugehörigkeit signalisiert. Es gibt aber auch keine Institution mehr, die für „ihre“ Belegschaft soziale, aber geldwerte Vorteile bieten würde wie Arbeitersiedlungen, Firmenwohnung, verbilligte Kaufmöglichkeiten der eigenen Produkte,72 Erholungsmöglichkeiten etc. Die Belohnungssysteme sind auch hier anders als in der herkömmlichen Fabrik: Die Anerkennung besonderer Leistung geschah öffentlich, d. h. von der Belegschaft wahrnehmbar, das Ansehen in der Belegschaft war eine notwendige Bedingung für ein gutes Lebensgefühl; dazu gehörte auch das sogenannte „Betriebsklima“. Es entstanden Freundschaften, sogar Ehen. Die Anerkennung bei einem werkvertraglichen Verhältnis ist hingegen eher abstrakt und unalltäglich: das vereinbarte Honorar, die Erwähnung der Arbeit bei Kollegen oder in Fachkreisen, vielleicht Einladungen zu Vorträgen, wichtigen Meetings und Fachtagungen. Aber erst dort erntet man die anerkennenden Blicke, die Erwähnungen, die Fragen der Kollegen.
So ideal sich die Schilderung der Arbeitswelt, die eher eine Tätigkeitswelt ist, anhört, so birgt sie doch einige Risiken: Die Kollegen und Teammitglieder sind nicht mehr ein integraler Bestandteil des sozialen Lebens. Das sind eher der Freundeskreis, der sich in alle Welt erstrecken kann, und die Freunde und Nachbarn im jeweiligen Aufenthaltsort. Das muss nicht, aber kann zu einer fachlichen wie sozialen Isolation führen. Dies hängt vom so tätigen Individuum und seinen Bemühungen um fachliche und soziale Kontakte ab, die über das für die Tätigkeit Notwendige hinausführen. Dafür braucht man eine Menge Kraft. Das macht diese Form von Tätigkeit nicht weniger anstrengend.
7.3.6 | Lohn und Belohnung: Ein Grundeinkommen verschärft das Problem einer gerechten Belohnung |
Der Sturm der Entrüstung war vorprogrammiert: Der Bundestag verzichtete im Mai 2022 bei der Hartz-IV-Regelung (Arbeitslosengeld II) in Zukunft auf weitere Sanktionen, falls die Hartz-IV-Empfänger sich nicht regelmäßig rückmelden oder die Annahme eines zumutbaren Jobs oder eine Weiterbildungsmaßnahme verweigern würden. Das populäre Argument dagegen lautete, dass es kein Recht auf eine vom Steuerzahler alimentierte Faulheit gebe, dass die Unterstützung eines solchen Schlendrians die fleißig und pünktlich arbeitende Bevölkerung und deren Arbeitsmoral verhöhne und das Ganze eine unkontrollierte erste Näherung an ein Grundeinkommen ohne Bedingungen darstelle. Es gibt aber noch ein weiteres Argument: Da die Einkommen aus Arbeit höher besteuert werden als Einkommen aus Kapitalerträgen und der Anteil der Einkommen durch Arbeit am Volkseinkommen größer ist als der Einkommensanteil aus Unternehmen und Vermögen,73 muss es das Interesse sein, diesen Anteil zumindest zu halten, d. h. möglichst viele Menschen in Arbeit zu bringen und darin zu halten.
Dagegen steht die schon angedeutete Projektion vom „Ende der Arbeit“ durch Automatisierung, Digitalisierung und KI, die Jeremy Rifkin schon 1995 propagierte,74 und die schon vorangehend erwähnte Vision einer 20:80-Gesellschaft, bei der 80 % der Bevölkerung keine Arbeit mehr finden, weil sie nicht mehr oder nur noch als Konsumenten gebraucht werden, da die restlichen hochqualifizierten 20 % für die entsprechende Produktivität sorgen.
Schon früh klingt der euphemistische Ton der Befürworter an:
„. . . [die] Einführung eines Mindesteinkommens [wäre] keine revolutionäre Tat, nicht einmal eine besonders kostspielige Reform. Sie würde nur offiziell und positiv sanktionieren, was ohnehin schon der Fall ist: dass das Gemeinwesen für die aufzukommen hat, die im bisherigen System des Produzierens entbehrlich geworden sind“.75
Diese Vision als Ausgangspunkt, um die Einführung eines Grundeinkommens anzustreben, ist bereits schon früh umstritten. Die Pro-Argumente lassen sich so zusammenfassen:
Ein Grundeinkommen soll für jedes Individuum armutsfest, also existenzsichernd sein, und damit auch eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.
Dies bedeutet, den faktischen Arbeitszwang abzuschaffen. Ein Grundeinkommen ist eine bedingungslose Leistung, also ohne Gegenleistung, ein Leistungsmissbrauch wegen Arbeitsunwilligkeit fällt weg.
Wegfall der Administration aller anderen Sozialleistungen wie Arbeitslosenversicherung, BaföG, Rentenversicherung etc. soll die Finanzierung erleichtern.
Man kann das Grundeinkommen auch staffeln, sodass nicht jeder Bürger auch wirklich das volle Grundeinkommen erhalten würde, sondern je nach Steuersatz und Lohn einen bestimmten Teil. Gut Verdienende würden also zum Nettozahler, Arbeitslose oder gering Verdienende zum Nettoempfänger.76
Arbeit und Einkommen werden entkoppelt.
Durch die existenzsichernde Potenz ist keiner gezwungen, eine Arbeit um jeden Preis anzunehmen. Dies stärkt die Selbstbestimmung und die politische Mitbestimmung.
Zuweilen wird Johannes Ludovicus Vives (1492 – 1540) als der Vater eines garantierten Grundeinkommens gesehen. Er forderte in seiner Schrift „De Subventione Pauperum“ (1526) ein staatliches Grundeinkommen für alle, wobei allerdings Untätigkeit weder den Armen noch den Reichen zugestanden wird:
„Derjenige, der sich etwas von den Gaben der Natur angeeignet hat, ist daher, wenn er nicht den Bedürftigen hilft, nur ein Dieb, der vom Gesetz der Natur verurteilt wird, weil er das für sich in Anspruch nimmt und behält, was die Natur nicht ausschließlich für ihn geschaffen hat.“77
Die Form einer negativen Einkommenssteuer geht auf den Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und Vertreter der liberalen Schule, Milton Friedmann (1912 – 2006), zurück. Es gab aufgrund seiner Überlegungen eine Reihe von Experimenten, die die Auswirkungen einer solchen Steuer ermitteln sollten. Von Interesse war die Frage nach der Veränderung der Einstellung zur Arbeit bei den Menschen, die eine Zeit lang eine solche Bezahlung erhielten. Diese soll sich aber nicht sonderlich geändert haben. Die Experimente wurden 1971 eingestellt.78
Wir gehen im Folgenden weder auf die Geschichte des Grundeinkommens ein noch auf die diversen Varianten, die von Parteien, Verbänden und Tarifpartnern in der Diskussion sind, sondern wir fragen nach der Motivation, solche Überlegungen überhaupt anzustellen.
Die Motivation, dass die Arbeit ausgehe, ist angesichts der Automatisierungserfahrung gar nicht so neu, wie dies Jeremy Rifkin und andere glauben machen, denn die „Abschaffung der Arbeit“ ist auch schon eine Utopie des Fortschrittsgedankens im 19. Jahrhundert.
Eine andere Motivation darf unterstellt werden: Es wird nicht mehr befriedigende, also der Verteilung der Begabungen und der Qualifikationsangebote entsprechende Arbeit für alle geben, aber dafür sehr anspruchsvolle Tätigkeiten als Arbeit für Wenige geben. Um soziale Verwerfungen zu vermeiden, wird das Bürgergeld eingeführt, dass sich aus dem Surplus der hohen Einkommen aus den anspruchsvollen Tätigkeiten und dem Wegfall der Sozialbürokratie ergeben wird.
Den Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik fällt angesichts der projizierten Folgen der Digitalisierung nicht mehr ein, als die Ausgesteuerten dieses Prozesses „ruhigzustellen“.
Das Problem des bedingungslosen Grundeinkommens ist jedoch, je nach Modell, recht kompliziert. Wir versuchen an dieser Stelle die Voraussetzungen kritisch zu hinterfragen und kommen dann auf mögliche Folgen zu sprechen, die noch nicht so offen diskutiert werden.
Es gibt keine Garantie, dass die Produktivität immer weiter steigt, aus deren Surplus ein solches Grundeinkommen finanziert werden kann. Eine technologische Havarie globalen Ausmaßes wie Pandemien, kriegerische Ereignisse, Klimaveränderungen etc. könnten die Weltwirtschaft und damit die lokale Wirtschaft so stören, dass eine solche Finanzierung nicht mehr möglich ist. Es fehlen dann zur Rekrutierung auf einem explodierenden Nachfragemarkt nach Arbeitnehmern die Fachkräfte und die notwendigen Qualifikationen, da diese zu erwerben ja keine Notwendigkeit bestand.79
Da Arbeit nicht nur mit Verdienst (Notwendigkeit), sondern eben auch mit Anerkennung, Aufgabe, Sinnstiftung, Identitätsbildung und gesellschaftlicher Teilhabe zu tun hat, fällt für einen gewissen Teil der Bevölkerung der Aufforderungscharakter der Arbeit zugunsten der Erleichterung und „Erlösung“ von Arbeit weg. Das Recht auf Faulheit80 soll gar nicht bestritten werden, doch schon Goethe wusste: „Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.“81
Für Künstler und freischaffende Kreative, die an keinem Markt bestehen können oder wollen, ist ein solches Modell ideal,82 dies setzt aber Bildung oder zumindest einen Willen zur Bildung voraus. Dies ist nicht bei allen Bevölkerungsschichten eines Industriestaates gegeben, zum Teil auch deshalb, weil die Bildungsangebote für sie nicht erreichbar sind. Menschen ohne intrinsische Interessen dürfte es ohne den Aufforderungscharakter alltäglicher Arbeit schwer gelingen, eine Struktur und damit auch eine gewisse Sinnstiftung in ihrem Leben zu finden. Trivialerweise vermutet man dann, dass solche Leute schnell auf dumme Gedanken kommen.
Hier soll keineswegs dem puritanischen Arbeitsideal gehuldigt werden, wie es z. B. ein Vertreter der Industrie noch in den 80er-Jahren vertrat.83 Es geht vielmehr darum zuzugeben, dass wir für die soziale Funktion der Arbeit in Industriegesellschaften keinen Ersatz benennen können. Die herrschende, denkende und bewachende Elite der antiken Staaten war entsprechend beschäftigt, auch wenn sie nicht im körperlichen Sinne arbeitete und damit zu dem unproduktiven Bevölkerungsteil gerechnet werden musste.
Nun haben wir aber eine ganz andere Schichtung als in der Antike, denn es sind die technologischen und politischen Eliten, die noch Arbeit im Sinne einer erfüllenden Tätigkeit haben. Wenn nun der nicht zur Elite gehörende Teil keine sinnvollen, erfüllenden Tätigkeiten gegen Entlohnung mehr findet und sich dann mit gänzlich niederen Arbeiten wie mit körperlich oder physisch unumgänglichen Dienstleistungen beschäftigen muss, die noch nicht automatisiert sind oder die der Dienstleistungsnehmer selbst nicht bewerkstelligen kann, dann könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen zwei Effekte haben: Es findet sich niemand mehr, der genügend motiviert ist, die restliche und trotz aller Automatisierung verbleibende physische Arbeit zu leisten. Zu fragen wäre auch nach der Motivation, sich für höher qualifizierte Arbeit auszubilden. Diese Motivation wird empfindlich davon abhängen, ob zum Grundeinkommen unbegrenzt hinzuverdient werden darf und wie die Differenz zwischen Grundeinkommen und Einkommen ist, dass nach einer Ausbildung in einer entsprechenden Tätigkeit erreicht werden kann.
Nun könnte man – etwas moralisierend – voraussetzen, dass man doch einige Charaktereigenschaften brauche, wenn man bei permanenter Nichtbeschäftigung nicht beginnt, in den Tag hineinzuleben. Trotz ausreichender Mittel für den Lebensunterhalt müsste man seine Zeit ja doch sinnvoll nutzen. Gerade bei gering Qualifizierten bestehe, je nach Menschenbild, das in der Diskussion vertreten wird, die Gefahr, dass der bedingungslose Erhalt eines Grundeinkommens die Passivität fördern könnte. Ohne eine äußere zeitliche Struktur des Tagesablaufs, sei es durch den Gang zur Arbeit oder durch selbst festgelegte Stunden im Homeoffice, könne der Anreiz, etwas zu leisten und zu lernen, verloren gehen. Nun ist die Übernahme der Selbstverantwortung etwas, was in einer Gesellschaft durchaus gelernt werden muss. Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen diesen Lernvorgang fördert, ist fraglich. Man kann aber auch bei einem etwas anderen Menschenbild vermuten, dass die meisten Menschen versuchen werden, das Grundeinkommen als Startbasis für eine sinnvolle und dann auch additiv einkommensrelevante Tätigkeit zu nutzen, indem sie Interessen entwickeln und sich fortbilden oder indem sie gemeinnützige Projekte beginnen.
Die Trennung zwischen Freizeit- und Arbeitsbereich ist zunehmend fließender geworden. Wenn wir ganz einfach fragen: „Auf was freue ich mich heute?“, dann werden viele Leute eben nicht nur die Freizeit nach halb vier Uhr nachmittags nennen, sondern auch zuweilen sagen, dass sie sich auf ein bestimmtes Erlebnis oder auf eine Aufgabe im Betrieb – „auf Arbeit“ – freuen, vorausgesetzt freilich, dass die Arbeitsverhältnisse befriedigend sind.
Kommen wir noch mal zu dieser moralischen Entkopplung zurück, die ja ein Effekt des Grundeinkommens sein soll: Der, der arbeiten möchte, möge arbeiten! Derjenige, der nicht arbeiten möchte, den lasse man in Ruhe! Dann werden sich, so die Vermutung der Soziologen, immer genügend Leute finden, die arbeiten möchten. Und wenn die Produktivität unserer heutigen Technologie groß genug wäre, dass sie unter bestimmten Bedingungen eine Grundversorgung der Bevölkerung erreichen könnte, dann durch die Leute, die man ohnehin nicht dran hindern sollte zu arbeiten, wenn sie unbedingt arbeiten wollen.
Es müssten allerdings genügend Leute da sein, die noch ein gewisses Arbeitsethos haben oder denen das Arbeiten ganz einfach Spaß macht. Es könnte aber auch ganz anders laufen: Diejenigen, die Arbeit haben, weil sie diese Arbeit durchführen wollen, haben gewiss einen Grund hierfür, eine Motivation. Wenn die Entkopplung von Arbeit und der Pflicht zu arbeiten wirklich vollständig ist, dann könnte es vermutlich auch so sein, dass diejenigen, die arbeiten wollen, sich eine moralische Genugtuung dadurch verschaffen werden, dass sie dann nicht mehr sagen: „Wer zahlt, bestimmt“, sondern: „Wer arbeitet, bestimmt.“ Die Angehörigen der neuen arbeitenden Schicht werden argumentieren, dass sie freiwillig arbeiten, dass sie dafür sorgen, dass das Land mit Gütern, Produkten, Dienstleistungen usw. versorgt wird.
Nehmen wir an, dies sei eine Elite in Deutschland von rund 20 000 hochqualifizierten Leuten, die mittels ihrer Maschinen, ihres Wissens und ihrer Organisationsformen mit der notwendigen Produktivität all das erzeugen, was zum Leben eines Landes nötig ist. Dann wird man es aus Kenntnis der menschlichen Natur doch nicht als völlig abwegig bezeichnen wollen, dass diese 20 000 Leute versuchen werden zu bestimmen, was im gesellschaftlichen Leben des betreffenden Landes läuft und was nicht. Diese „Ponokraten“84 werden auch versuchen, die sozialen Kriterien für eine Zuteilungsgerechtigkeit zu definieren. Es müsste schon seltsam zugehen, wenn diese Schicht nicht versuchen würde, die üblichen Machtkämpfe zu spielen.
Nun könnte man fordern, auch noch die Entkopplung von Macht und Ansehen durchzusetzen: Wer Macht hat, soll nicht angesehen sein. Man kennt das aus der meines Erachtens falschen Moralisierung von Macht – wer sie hat, und sei es auf Zeit, gilt als moralisch gefährdet, wenn nicht gleich von vornherein als unmoralisch. Die Politikerverdrossenheit baut auf dieser Denkfigur auf. Eine solche Entkopplung würde jedoch eine Menge weiterer Voraussetzungen haben, damit die 20 000 Ponokraten nicht auf die Idee kommen, ihre Machtspiele zu spielen. Sie müssten fast Heilige sein. Und da sprechen einfach ein paar anthropologische Konstanten wohl dagegen. Die Utopie der Herrschaft durch Arbeit, in der nur wenige arbeiten können oder müssen oder wollen, kann man sich in vielen Szenarien selbst vorstellen. Radikal gäbe es in der Tat keine Grundlage mehr, Belohnungen nach Gerechtigkeitskriterien zu gestalten.
Nun kann man die Vermutung, dass Arbeit dem Leben einen Sinn verleihe85 und dass der Mensch durch Arbeit sein Verhältnis zu sich selbst und zur Welt ausbilde, mit einfachen Gegenbeispielen unterlaufen: Es gibt Jobs, die man nur um des Einkommens willen machen muss, und es gibt Freizeitaktivitäten, die erfüllen und Anerkennung bringen. Auch gibt es soziale Vereinsamung im Berufsleben und dagegen soziale Teilhabe z. B. in gemeinnützigen oder sozialen Engagements. Es gibt auch Arbeit, die die Struktur des alltäglichen Lebens und Miteinanders zerreißt wie z. B. Schichtarbeit oder exzessive Überstunden. Und nicht jede Arbeit ist existenzsichernd, wenn man im Prekariat mehre Jobs braucht, um überhaupt leben zu können.
All diese Einwände86 sind richtig und begründen weder die Pflicht noch das Recht auf Arbeit. Es ist auch richtig, dass das bedingungslose Grundeinkommen eine Pflicht zur Arbeit hinfällig werden lässt, aber wenn man bedenkt, dass eine sinnvolle Tätigkeit, sei sie nun im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses oder eines freien Engagements, sowohl Sinnstiftung, Identität, soziale Teilhabe und vielleicht auch zusätzliches Einkommen erzeugen kann, dann müsste zumindest ein Recht auf Tätigkeit zugebilligt werden. Wie man dies bei einem bedingungslosen Grundeinkommen realisieren kann, ist noch nicht ausgemacht.
7.3.7 | Kleiner ironischer Zwischenruf |
In der jugoslawischen Illustrierten „Osmica“ (1987) erschien folgende kleine ironische Analyse zu den sechs Wundern des Sozialismus:
1. Es gibt keine Arbeitslosigkeit, aber niemand arbeitet.
2. Keiner arbeitet, aber alle erhalten Lohn.
3. Alle erhalten Lohn, aber damit kann man nichts kaufen.
4. Man kann nichts kaufen, aber jeder besitzt alles.
5. Jeder besitzt alles, aber alle sind unzufrieden.
6. Alle sind unzufrieden, aber alle stimmen bei Wahlen für das System.
Dazu korrespondierend könnte man die vierzehn Wunder des Kapitalismus aufzählen:
1. Es gibt Konkurrenz und die Gewinner sind immer die anderen.
2. Es gibt keine Arbeit, aber alle arbeiten – schwarz.
3. Je angenehmer die Arbeit, umso höher das Entgelt.
4. Alle haben Geld, geben es aber nicht aus, sondern legen es an. Geiz ist geil.
5. Wenn es den Betrieben schlecht geht, werden Arbeiter entlassen. Wenn es den Betrieben gut geht, werden Arbeiter entlassen.
6. Viele besitzen wenig, Wenige besitzen viel und keinen stört das.
7. Alle reden vom Wachstum, aber keiner weiß eigentlich warum.
8. Alle kritisieren den Kapitalismus, aber keiner ändert etwas daran.
9. Alle könnten Anteilseigner sein, aber die wenigsten trauen sich.
10. Alle arbeiten wie die Verrückten, aber es reicht vorne und hinten nicht.
11. Alles kann man kaufen, aber das Geld reicht nicht. Es ist immer woanders.
12. Jeder ist für Gerechtigkeit, aber Vorteile nimmt jeder gern.
13. Alle sind unzufrieden, aber alle stimmen bei Wahlen für das System.
14. Und damit alles so bleibt, bezahlt der Kapitalismus seine Kritiker.
7.4 | Geld und Künstliche Intelligenz |
7.4.1 | Arbeit als Information? |
An dieser Stelle gilt es einen Zusammenhang zu diskutieren, der zunächst abstrakt erscheint, aber in seinen Auswirkungen vermutlich die Welt der Arbeit mehr als alles andere verändern wird. Zwei Stränge gilt es zu betrachten: Dem ersten Strang liegt eine Annahme zugrunde, mit der schon Karl Marx und vor ihm Adam Smith und David Ricardo gescheitert sind, nämlich dass ein Werkstück als Ergebnis der Arbeit sozusagen die zur Herstellung erforderliche „Arbeit“ beinhalte. Das ist ein typischer ontologischer Kurzschluss aus dem Denken des 19. Jahrhunderts: Anstrengungen der Arbeit und das Material sind so etwas wie Energie und Materie, die durch den Arbeitsprozess nun in dem Werkstück „drinstecken“ und dies objektiv, also für jeden erkennbar, mehr „wert“ werden lassen.
Das ist auf den ersten Blick recht suggestiv, da ein unbearbeitetes Stück Metall weniger wert zu sein scheint als ein aus diesem Metall gefertigter Schraubenzieher. Zum einen kann man mit einem Schraubenzieher mehr anfangen als mit einem bloßen Metallstück, zum anderen hat sich jemand die Mühe gemacht, den Schraubenzieher daraus herzustellen, da Schraubenzieher in der Natur bekanntlich nicht vorkommen.87 Klassisch gesprochen hat der Arbeitsprozess das besagte Metallstück in eine Form gebracht, die für einige Menschen zumindest nützlicher ist als das ungeformte Metallstück. Carl Friedrich von Weizsäcker (1916 – 2007) hat diese Suggestion weitergetrieben und daraus geschlossen, dass Arbeit als Prozess dem Arbeitsgegenstand eine andere als bisherige Form verleiht.88 Dies nennt er Information. Das gilt auch für komplexere Fälle wie den Bau eines Computers oder einer Straßenbrücke aus den entsprechenden Materialien.
Der Zusammenhang zum Informationsbegriff ist zunächst verblüffend, aber dennoch nachvollziehbar. „Informieren“ als Verb kann man mit der Vorstellung des In-Form-Bringens verknüpfen. Denn die in die Ware „gesteckte“ Arbeit, die sie „in Form bringt“, wird gemessen an der mittleren Arbeitszeit, die gesellschaftlich notwendig wäre, um einen Gegenstand herzustellen, also das Metallstück zum Schraubenzieher zu machen. Der Schraubenzieher hat eine andere Form als das unbearbeitete Metallstück. Diese Formmenge (Bearbeitungsgrad) nennt C. F. von Weizsäcker Information und sagt, dass menschliche Arbeit Erzeugung von Information sei. Wenn der zugeführte Informationsgehalt pro Zeit gleichmäßig ist, also gleicher Informationszufluss in gleicher Zeit, dann könne man die Arbeitsmenge proportional zum Informationsfluss und damit zur Arbeitszeit setzen.
7.4.2 | Mehr- oder Weniger-Wert der Arbeit |
Nun gibt es frappante Gegenbeispiele: Der Arbeitswert, der in einem Schrank steckt, mag, sagen wir 60 Arbeitsstunden betragen, der Tauschwert müsste dann in einem Preis seinen Ausdruck finden, der sich aus den Kosten für diese 60 Arbeitsstunden (Stundenlohn) plus Materialkosten plus allfällige Steuern und einem möglichen Gewinnzuschlag zusammensetzt. Nun gibt es aber Kunstgegenstände, z. B. eine Skizze von Pablo Picasso (1881 – 1973), die er vielleicht in fünf Minuten hergestellt hat und deren Tauschwert heute in die Millionen gehen kann. Weizsäcker nennt noch das Beispiel eines zufällig gefundenen Diamanten. Hier kann man nicht mehr von Mehrwert sprechen.89
Die Objektivierungsversuche des Wertes von Arbeit über die Veränderungen des Arbeitsgegenstandes mussten fehlschlagen, weil der dahintersteckende Substratbegriff (etwas, was unveränderlich, quasi stofflich in den Gegenstand gebracht werden kann) nicht mehr adäquat für eine wissenschaftliche Begriffsbildung taugt. Dieser Mehrwert hatte bei Karl Marx Mengencharakter (eine addierbare Substanz) und konnte von ihm daher auf den Mengencharakter des Geldes (damals noch additiv und material unterlegt durch die Goldbindung) abgebildet werden. Durch diese Abbildung eignete sich Geld nach Marx als Tauschmittel, weil es selbst einen (materialen) Wert hat. Dieser ergibt sich transitiv aus dem Wert der damit bezeichneten Goldmenge, der dann dem Geldwert äquivalent ist, und diese Goldmenge wiederum ist so viel wert, wie viel Mühe und Arbeit man zur Suche, Schürfung und reiner Darstellung dieser Goldmenge aufwenden musste.
Tausch bedeutet soziale Interaktion, und diese ist nicht mit den Gesetzen der natürlichen Tatsachen, sondern mit den erkennbaren, aber auch veränderbaren Regeln der institutionellen Tatsachen zu erfassen. Diese sind nicht objektiv in einem naturwissenschaftlichen Sinne von objektiv.90 Der Tauschwert ist für den anbietenden Partner subjektiv ein anderer als bei dem das Angebot prüfenden Partner: Der Anbieter hat seine eigene Einschätzung (Selbstbewertung) der notwendigen Arbeit (Zeit × Anstrengung = ich habe so viel Arbeit hineingesteckt), die von der Fremdeinschätzung dieser Arbeit differieren kann. Hier spielen Fragen eine Rolle wie: Zu was ist es mir nütze, sodass ich bereit bin, etwas zu tauschen, was für mich einen bestimmten Wert hat? Es geht also um das Begriffspaar Bedürfnis und Leistung. Weizsäcker argumentiert nun dahingehend, dass eine ein Bedürfnis erfüllende Leistung den Begriff definiert, unter dem man die Information des durch diese Leistung produzierten Gutes misst.91 Der theoretische Preis wäre dann ein Maß für die Information.
So ist beim Diamanten der Nutzwert sehr hoch für den potenziellen Käufer, der Anbieter kann wegen des bloßen Findens eines Diamanten aber keinen hohen Arbeitswert geltend machen. Das Finden war keine große Kunst. Die Nützlichkeit eines bearbeiteten Gegenstands besteht darin, wiederum in anderen Handlungszusammenhängen formend zu wirken: Der Schraubenzieher ist dazu entwickelt und hergestellt worden, um mit ihm schrauben zu können, man kann ihn aber auch als Flaschenöffner verwenden. Mit Diamanten schneidet man Glas oder verwendet sie in Schmuckstücken. Damit erzeugt man, in der Weizsäckerschen Lesart, bei künftigen Arbeitsprozessen wieder Information. Dies ist eine hohe Leistung, zu der der Gegenstand befähigt, und von daher wird der Preis, trotz des geringen Arbeitswerts, hoch sein.
Bei der Kunst kommt die konventionelle, also nicht objektive Seite und damit subjektive Seite des Tauschs voll zur Geltung: Der Arbeitswert kann schwanken (von monatelanger Bearbeitung eines Bildes, jahrelanger Arbeit an einer Komposition bis hin zur kurzen Skizze bei Picasso). Der Tauschwert hängt vom Markt ab, der den Kunstgegenstand erst zur Ware macht. Die Nützlichkeit im Sinne einer ästhetischen oder possessiven92 Befriedigung (wir sehen an dieser Stelle von Kunst als Spekulationsobjekt ab), die sich auch aus der Einmaligkeit oder Seltenheit des Kunstwerks speist, ist hier die entscheidende Größe. Auch hier wäre der Preis dann wieder eine Information über die erwartbare Nützlichkeit unter dem Begriff der Befriedigung des oben genannten Bedürfnisses.
7.4.3 | Geld als Information |
Wird nun Geld benutzt, um diesen Tausch zu vermitteln, sofern der Käufer nicht in „Naturalien“, also anderen Gegenständen kompensiert, sagt der Preis, der beim Tausch zustande kommt, etwas aus über die von den Tauschenden als für sie geltend angenommene Äquivalenz des Tauschwerts für den Gegenstand von beiden Seiten. Anbieter und Käufer sind sich „einig“.
Auf einem Geldschein stehen aber nicht nur Zahlen, sondern auch noch andere Informationen, die die „Echtheit“ des Geldscheines sichern sollen. Geld ist also eine Information über ein abgesichertes Leistungsversprechen und über dessen Absicherung, das durch einen Tausch zustande kommt. In dieser Sichtweise ist Geldwechsel lediglich eine Umcodierung von Information beim Wechsel von einer die Absicherung garantierenden Institution, z. B. der Nationalbank in der Schweiz zur Deutschen Bundesbank. Das bedeutet, dass Geld als Lohn und damit auch zumindest die materiellen Anteile der Vergütung der Arbeit (vulgo Lohn) ebenfalls eine Information über ein Leistungsversprechen und über dessen Absicherung sind.93 Der Lohn als Geld verspricht über die Größe der Kaufkraft eine materielle Gegenleistung in Dienstleistung, Produkten, die man kaufen kann, Nahrung, Wohnung etc. Da Geld eine extensionale Größe ist, kann jeder Lohnempfänger selbst bestimmen, wofür er das Geld verwendet. Das kann völlig bargeldlos geschehen und sich auch in Berechtigungen ausdrücken, bestimmte Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Diese Berechtigungen (Umfang, Absicherung) können über Informationen auf Münzen, auf Papier, Schecks, Gutscheinen oder eben über das Netz kommuniziert werden.
Als die Leitwährungen, in diesem Fall der Dollar, sich von der Goldbindung lösten94 und überdies zunehmend die bargeldlose Überweisung und die Kartenzahlung aufkam,95 wurde der informatorische Charakter des Geldes deutlich: Der materielle Wert des vermittelnden Tauschmittels (früher Goldstücke) musste nicht mehr äquivalent zum Tauschwert sein, sondern reduzierte sich auf die Herstellungskosten eines gesicherten, fälschungssicheren Informationsträgers (Münze aus Metall, dann Papiergeld, dann nur noch elektronisch als Informationsfluss). Der bisherige Höhepunkt der Entwicklung sind die Kryptowährungen, allen voran Bitcoin.
Man könnte sich vorstellen, dass diese Ansprüche nur für eine gewisse Zeit gültig sind und danach verfallen (ähnlich wie Gutscheine), dann wäre es nicht mehr möglich, Geld zu bevorraten, d. h., in diesem Sinne wäre eine Kapitalakkumulation allein durch Arbeit und deren Tausch gegen andere Leistungen nicht mehr möglich. Andere Formen der Kapitalbildung zum Beispiel durch Erwerb von Anteilseignerschaft (Aktien, Genossenschaft, Genussscheine etc.) wären aber immer noch denkbar.
Ich habe vorangehend gezeigt, welche Formen von Arbeit durch Maschinen, Computer, Roboter und KI ersetzbar sind.96 Es sind diejenigen Anteile, Formen und Strukturen, die sich in einem Modell formalisieren lassen, sodass Algorithmen die maschinellen Prozesse, die die Arbeit am Gegenstand übernehmen, steuern und zum Teil auch gestalten können.
Der digitale Zwilling,97 der die Maschinerie begleitet, um die Prozesse darin zu simulieren, zu steuern und zu gestalten, kann auch im Rahmen seiner Optimierungsalgorithmen die Faktoren der Produktivität und damit der Nützlichkeit der gesteuerten, von der Maschine übernommenen Prozesse ermitteln. Er „kennt“ damit einen der Faktoren in Tabelle 7.1, die die Entlohnung für diese von der Maschinerie verrichtete Arbeit bestimmen. Anders ausgedrückt: Wir könnten auch den Angebotspreis eines durch maschinelle Arbeit entstandenen Gegenstandes im Rahmen einer Lieferkette automatisch bestimmen, indem die Informationen zu Arbeitszeit, Maschinenanteil der Arbeitsleistung, Abschreibung der Gestehungskosten der Maschinen, erwartbare Nützlichkeit im Kontext einer Lieferkette und damit einer Wertschöpfungskette zusammengeführt werden.
Auf der anderen Seite kann der Käufer die Nützlichkeit und damit seinen Bieterpreis, also was er zu zahlen bereit wäre, aufgrund einer KI-Analyse der im Netz verfügbaren Informationen über die Qualität und Brauchbarkeit des Produkts bestimmen. Die Verhandlung, die dann zum Marktwert führt, könnten wir dann aufgrund von Kriterien, die sich aus dem Lernen über vorherige Daten über solche Prozesse gebildet haben, wiederum durch KI führen lassen und die Ergebnisse gleich übernehmen.
Im nächsten Schritt könnte dann bei „Einigkeit“ von Hersteller- und Käuferseite die Verrechnung gleich in gegenseitigen Verfügbarkeiten über weitere Wertschöpfungsketten und Dienstleistungen vorgenommen werden. Das würde dann letztlich auch die „Höhe“ der – dann geldlosen – Entlohnung der geleisteten Arbeit bestimmen. Sie besteht dann aus Berechtigungen des Herstellers, im System gewisse Leistungen, z. B. im Rahmen eines Punktesystems, in Anspruch zu nehmen. Damit hätte sich das Geld als Mittel endgültig in wirkende Datenströme aufgelöst.
7.4.4 | Totale Gerechtigkeit und laboristische Ökonomie |
Im Rahmen der Nutzung von Big Data kann ein Unternehmer durch Vernetzung mit der Personalabteilung alle Daten der Personen mit einbeziehen, die für die Lohnfindung relevant sind, also Anwesenheits- respektive Kontroll- und Bedienzeiten (auch vom Homeoffice aus), Performance des Personals sowie alle anderen Personaldaten, die hierfür von Interesse sind.98 Wir könnten uns nun ein Modell der Leistungsgerechtigkeit als gerechte „Kompensation“ von Leistungen vorstellen, welches das Bedienungspersonal der Maschinerie danach vergütet, welche Performancefaktoren (Effizienz, Energieverbrauch, Mengen, Zeiten etc.), aber auch welche Nützlichkeit der „Arbeitsprozess“, den die Maschinerie ausführt, berücksichtigt. Dies würde auf eine gemeinsame Bewertung von Mensch und Maschine als Einheit hinauslaufen.
Man könnte es auch so ausdrücken: Der Herr eines Roboters oder auch eines ein Werk „erschaffenden“ ChatGPT wird dafür bezahlt, welche Arbeitsleistung „sein“ Roboter erbringt. Darin kann man ja auch die Gestehungs-, Wartungs- und Entsorgungskosten, die der Herr aufbringen muss, mit einrechnen. Er muss diese Kosten allerdings zuerst investieren, wobei man sich Kauf, Leasing und andere Modelle einer nichtproprietären Überlassung vorstellen kann. Die Festlegung des Lohnes könnte dann im Zehn-Minuten-Takt variieren und die Information hierüber, also das Geld, wird einem Punktekonto gutgeschrieben, über das der Arbeit- respektive Auftragnehmer verfügen kann, einschließlich der gleich abzuziehenden Steuern und Sozialabgaben. Das heißt, dass von diesem „virtuellen“ Konto die Äquivalente der von ihm in Anspruch genommenen Leistungen (Kauf, Dienstleistung etc.) „abgebucht“ werden.
Dass man damit ein Muster für die Performance des Bedieners der Maschine erstellen kann, ist nach allem, was wir über KI gelernt haben, trivial. Damit kann man dann die Zuschläge oder Abschläge bestimmen. Addiert man noch die Möglichkeiten, die ein Social-Scoring-System nach chinesischem Muster bietet, dann kann man sich den Rest der Utopie selbst ausmalen. Das wäre eine – dann totalitäre – laboristische Ökonomie,99 die technisch möglich wäre und im Grunde genommen jedes Arbeitsverhältnis in Werkverträge mit der Dauer von 10 Minuten auflösen würde.100 Unter Umständen ist die schöne neue Arbeitswelt dann doch nicht so schön . . .
7.5 | Zusammenfassung |
Das Kapitel ist mit dem Begriff Entfremdung überschrieben, denn Karl Marx sah in der Entfremdung nicht den Umstand, dass sich der Arbeiter von seinem Arbeitsgegenstand entfremdet fühle, weil er von diesem seinem Arbeitsergebnis als Lohnarbeiter getrennt wird. Vielmehr war Entfremdung für ihn, dass der Eigner der Produktionsmittel sich den vom Arbeiter geschaffenen Mehrwert aneigne.101 Es geht in diesem Kapitel deshalb um das Verhältnis von Arbeit und Geld.
Dass es im biblischen Weinberg nach irdischen Vorstellungen ungerecht zugehe, ist zwar theologisch interessant, zerstört aber eine alte Vorstellung von Kompensation: Lohn als Tausch für Arbeitszeit und Arbeitsintensität ist selten gerecht. Dieser Lohn wird durch eine komplizierte Reihe von Faktoren bestimmt, die versuchen, die Dichotomie: „Jeder nach seiner Leistung, jedem nach seinen Bedürfnissen“ auszutarieren. Es gibt auch andere Möglichkeiten der Belohnung nicht monetärer Art wie diverse Formen der Anerkennung. Es zeigt sich aber, dass bei Managergehältern auch heute noch das Verhältnis von Leistung und Vergütung nicht äquivalent ist. Die Korrelation gilt leider nur für relativ niedrige Löhne.
Die Veränderungen der Arbeitszeit, der Arbeitsorte, der Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit führt auch zu Auswüchsen allzeitiger Erreichbarkeit. Wenn nur noch das Ergebnis der Arbeit zählt, nicht mehr die Bemühung, dann fallen viele durch das Qualifikationsraster wie in Abschnitt 5.5 beschrieben. Doch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, die als Lösung angepriesen wird, hat ihre Tücken und einige nicht selbstverständliche Voraussetzungen.
Das Kapitel nimmt am Ende nochmals die Frage nach dem Zusammenhang von Arbeit und Geld auf und zeigt, dass Geld lediglich eine abgesicherte Information über künftiges Leistungsversprechen darstellt und dass eine totale Gerechtigkeit bei der Entlohnung der Arbeit angesichts der technischen Möglichkeiten zu einem Gemeinwesen mit einer totalitär laboristischen Ökonomie führen würde, in der wir sicher nicht leben wollten.
1 Kornwachs (2009 GUT).
2 Zur Dynamik siehe Piketty (2014), insbesondere dritter Teil.
3 Über die bereits bestehende Ungleichheit siehe Milanović (2016): 1,76 Billionen US-Dollar beträgt das Vermögen der 62 wohlhabendsten Milliardäre der Welt. Das ist in etwa so viel wie das Vermögen, über das die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, geschätzt 3,6 Mrd. Menschen, verfügt. Eine neuere Studie von Ahmed et al./Oxfam (2022) hat mittlerweile noch drastischere Zahlenverhältnisse zu berichten.
4 In Anlehnung an Beust (2017).
5 Soziologen vermuten, dass in dieser Schicht die bevorzugte Rekrutierung für Anhänger autokratisch orientierter und rechtspopulistisch orientierter Bewegungen mehr oder weniger erfolgreich stattfindet.
6 Siehe auch Abschnitt 5.5.6.
7 Man nennt den Lobbyismus samt seinen bis in milde Formen von Bestechung reichenden Ausprägungen auch die „Pflege der politischen Landschaft“. Kritik zu Lobbyismus und seinen Formen siehe Lange et al. (2021). Dabei ist es selbstverständlich, dass der Gesetzgeber auf das Fachwissen von Industrie und Verbänden angewiesen ist, um Folgen von geplanten Gesetzen besser beurteilen zu können.
8 Der Kandidat kann aber diese Kosten als Werbekosten steuerlich absetzen.
9 Genaueres zu dieser These siehe Kornwachs (2017 REM), Kornwachs (2916 MVW).
10 Teile dieses Abschnitts sind gekürzt, aktualisiert und überarbeitet entnommen aus Kornwachs (2009 GUT).
11 Matthäus 20, 1 – 16.
12 Das entspricht einem doppelten bis einfachen Tagelohn für einfache Arbeiter. Für 1 Denar konnte man sich im Römischen Reich zu dieser Zeit ungefähr ein Kilogramm Rindfleisch oder einen Liter Wein kaufen. Ein Jahressold eines Arbeiters betrug ca. 200 Denar, der eines römischen Centurio bis zu 250 000 Denar. Vgl. Reiser (2000).
13 Der Arbeitstag dauert nach dem Protest der Arbeiter (Matthäus 20, 12) noch eine Stunde nach der elften Stunde, sodass im Weinberg danach ca. 12 Stunden lang gearbeitet wurde.
14 Matthäus 20, 16.
15 Matthäus 5, 38 – 8, Lukas 6, 27 – 36.
16 Christian Wolf: Philosophia practica universalis (1738), § 295. Zitiert nach Reiner (1971), Sp. 830.
17 Diese könnte man als ein zweidimensionales Maß bezeichnen, in das neben der aufgewendeten Arbeitszeit pro Person die notwendige Qualifikation, Kompetenz, Qualität der Arbeitsausführung, Flexibilität und Effizienz eingehen.
18 Diesen symbolischen, sprich informatorischen Charakter des Geldes hat Marx früh gesehen, auch wenn er noch mit einigen begrifflichen Unklarheiten ringt.: „. . . daß das Geld als Gold und Silber, soweit es nur als Circulations-Tauschmittel ist, durch jedes andre Zeichen . . . das ein bestimmtes Quantum seiner Einheit ausdrückt, ersetzt werden kann und so symbolisches Geld das reelle ersetzen kann, weil das materielle Geld als bloses Tauschmittel selbst symbolisch ist.“ Vgl. Marx (1976), S. 140, Zeile 9 – 23.
19 Dies soll der römische Kaiser Vespasian gesagt haben, als er für die Benutzung öffentlicher Bedürfnisanstalten einen Nutzungsbetrag (Urinsteuer) einführte. Vgl. Suetonius (2001): De vita Caesarum, Vespasian, 23, 3.
20 Allerdings ist das Akzeptieren von Geld und auch das Akzeptieren einer als zuverlässig geltenden Information eine institutionelle Tatsache im Gegensatz zu einer natürlichen Tatsache, z. B. wie ein Regelkreis funktioniert oder ein Hebelgesetz angewendet werden kann. Karl Popper hatte diesen Unterschied unvergleichlich so illustriert: Man kann nicht mehr Münzen oder Geldscheine aus seiner Geldbörse herausnehmen, als tatsächlich drin sind (eine natürliche, physikalische Tatsache), man kann aber, wenn man entsprechend verhandelt, sein Bankkonto überziehen (eine institutionelle Tatsache). Vgl. Popper (1977) Bd. I, S. 70 – 71.
21 Vgl. ein früher Theoretiker des Geldes: Simmel (1989).
22 Aristoteles: Politik 1258 b 5 – 10. In: Aristoteles (1995), S. 23.
23 Zusammengestellt nach Stehr/Voss (2019), S. 228, 234 f., weitere Literatur dazu siehe dort.
24 Man beachte das Kuriosum, dass Löhne zuweilen von der Körpergröße abhängen: „Der schweizerische Durchschnittsmann ist 1.77m gross, hat 11.5 Jahre Schulbildung, 23 Jahre Berufserfahrung und verdient im Jahr netto 74 000 Franken. Ist einer 10 cm grösser, bei gleich bleibenden andern Faktoren, verdient er 5235 Fr. mehr. Die Schweizer Durchschnittsfrau ist 1.65m gross, hat 10.5 Jahre Schulbildung, 7.5 Jahre Berufserfahrung und verdient 57 800 Fr. 10cm grösser bringen 3350 Fr. pro Jahr mehr. . . . Auf Grund der Grösse wird auf Führungsstärke und Intelligenz geschlossen. Mit leistungsgerechtem Lohn hat dies aber nichts zu tun.“ Vgl. Cash Nr. 20m vom 13. Mai 2004. S. 12 – 13. Zitiert nach: http://www.brainworker.ch/Arbeit/gerLohn.htm. Bezug siehe: Gautschi/Hangartner (2006).
25 Der Begriff Sozialkapital ist unterschiedlich belegt, wir beziehen uns hier auf den Begriff, wie ihn Bourdieu (1983) verwendet: Sozialkapital bezeichnet die Macht des Einzelnen, die aus seinen sozialen Beziehungen und seinem Status, je nach Gesellschaft auch aus seinem Herkommen resultiert.
26 Bild: eigene Darstellung in Anlehnung an Lengfeld 2007 und Aebischer 2002.
27 Diese Formen der Gerechtigkeit finden sich diskutiert unter Aristoteles: Nikomachische Ethik, Fünftes Buch 1129a–1131b. In: Aristoteles (1995), S. 100 – 109.
28 Karl Marx: Das Kapital. Bd. I. In: Marx (1966) MEW (Marx Engels Werke) 23, S. 92 f.
29 Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms. In: Marx (1978) 19, S. 21.
30 Aristoteles, ebd.
31 Kreisler (1969), S. 20 f.
32 Stehr/Voss (2019), S. 238 ff. Stehr weist darauf hin, dass der moralische Anteil der Entlohnung historisch gesehen vor der Monetarisierung der Arbeit als nützliche Tätigkeit in der Neuzeit liegt.
33 Eher euphemistisch Bock (2016), kritisch in literarischer Aufarbeitung Eggers (2014). Siehe auch Umfragen bei Kununu, einer Jobbewertungsplattform über Google, Standort Hamburg, in: https://www.kununu.com/de/google-germany1. Diese zeigen ein eher gemischtes Bild.
34 Vgl. auch nach Stehr/Voss (2019), S. 243.
35 Nach Stehr/Voss (2019), S. 243 ff. und ergänzt um eigene Einträge.
36 Aktualisierte und überarbeitete Übernahme aus Kornwachs (2009), Kapitel „Vom Lohn – Die Idee der Äquivalenz . . .“, S. 19 – 28.
37 Statista (diese Werte gelten insgesamt, sowohl für Frauen wie für Männer): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4047/umfrage/entwicklung-der-jaehrlichen-arbeitszeit-pro-erwerbstaetigen.
38 Statista (Werte ebenso für Männer wie für Frauen gemittelt): https://de.statista.com/statistik/daten/studie/827899/umfrage/lebensarbeitszeit-in-deutschland-nach-geschlecht.
39 Umfragen zu verschiedenen Zeiten geben unterschiedliche Durchschnittszahlen, z. B. Porter/Nohira (2018) geben bei einer Umfrage und Selbsterfassung mit 27 Managern über ein viertel Jahr lang durchschnittlich 62,7 Stunden/ Woche an.
40 Statista: https://de.statista.com/themen/293/durchschnittseinkommen. Das würde einem durchschnittlichen Stundenlohn für einen Vollzeitbeschäftigten brutto von etwa 3975 × 12/1602,5 = 29,76 €/Stunde entsprechen. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 12 €.
41 Wir nehmen hier bewusst einen „bescheideneren“ Wert. Zum Vergleich: Die Vergütung der Konzernchefs von einigen DAX-notierten Unternehmen waren um 2008 herum: J. Ackermann von der Deutschen Bank 14,0 Mio. €, D. Zetsche von Daimler 10,0 Mio. €, W. Reitzle von der Linde-Gruppe 8,1 Mio. €, K. Kleinfeld von der Siemens-AG 6,0 Mio. €, W. Bernotat von EON 5,3 Mio. €. Quelle: www.zeit.de/online/2008/34/artikel-bg-managergehalt. Die heutigen Managergehälter sind in Deutschland etwas bescheidener geworden, die oberen rangieren zwischen 14 und 5 Mio. €, die unteren zwischen 4 Mio. € und 250 000 €. Dagegen liegen die Gehälter in den USA in vergleichbaren Positionen um den Faktor 10 höher. Quelle: https://karrierebibel.de/manager-gehaelter.
42 Dies deckt sich auch mit der Abschätzung in Weckes (2018), Ann. 1, S. 3. Das Verhältnis von Managergehalt zu Arbeitslohn lag 2005 bei 42 und stieg 2017 auf den Wert von 71.
43 Die Lösung bekommt man, wenn man die Verhältnisgleichung LohnManager/LohnArbeiter = (KManager ∙ tManager)/(KArbeiter ∙ tArbeiter) nach dem gefragten Verhältnis KManager/KArbeiter auflöst. K steht für die Arbeitsintensität. Da es um die Verhältnisse geht, ist es vergleichsweise uninteressant, ob man jeweils Brutto- oder Nettowerte in die Gleichung eingibt.
44 Jürgen Schupp, im SZ-Interview zum Thema: Das rechte Gehalt (2005).
45 www.zeit.de/online/2008/34/artikel-bg-managergehalt?14.
46 Hayek (2003), S. 228. Das Zitat stammt allerdings schon aus einem Aufsatz, der schon in seiner Freiburger Periode 1962 – 1969 entstand.
47 Bild: bearbeitete Darstellung; Visualisierung aus Tabelle 1 im DIW Wochenbericht 29/2020, vgl. DIW (2020). Bildquelle: Verteilungsbericht, DGB (2021), dort Abbildung 7.3, S. 69. p95 steht für z. B. das 95. Perzentil und damit für den niedrigsten Vermögenswert in der Gruppe der fünf Prozent der Personen mit den höchsten Vermögen.
48 DIW (2020).
49 Schmidt/Schwalbach (2007), Abbildung 1, S. 119.
50 Wenn man das Jahreseinkommen eines Arbeiters im Römischen Reich von ca. 200 Denar ansetzt, das Gehalt eines Centurio jedoch bei 250 000 Denar gelegen haben soll (vgl. Anmerkungen in Kapitel 2), dann liegen die diskutierten Differenzen zwischen Arbeiter- und Managergehältern dagegen in eher bescheidenen Größenordnungen.
51 Dath (2008), S. 25 – 27.
52 Marx (1971): Lohn, Preis Profit. In: MEW (Marx Engels Werke), Bd. 16, S. 131.
53 Arbeitsintensität ist – zugegeben auch an dieser Stelle – ein schillernder Begriff – wir müssten ihn präzisieren: Härte des zu überwindenden Widerstandes, erforderliche Kompetenz, Übernahme von Risiko, Cleverness, Tatkraft, Effizienz, gemessen in bewältigbaren Arbeitsaufgaben pro Zeiteinheit. Auf der Nachfrageseite spricht Marx in diesem Zusammenhang von „. . . dichtere Ausfüllung der Poren der Arbeitszeit, d. h. Kondensation der Arbeit“. Vgl. Marx (1977): Kapital. Bd. I. In: MEW (Marx Engels Werke) Bd. 23, S. 432.
54 Die Anforderung an die Leistungen der sozialen Mindestsicherung sind im Sozialgesetzbuch II und XII festgeschrieben. Der Warenkorb wurde 1990 durch das „Statistikmodell“ abgelöst, das sich nur am faktischen Konsumverhalten unterer Schichten orientiert (EVS = Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes). Kritiker wie Stephan Leibfried (1995) wenden ein, dass Löhne als Maßstab für Mindestbedarfe ungeeignet seien.
55 Zur Größenordnung: der derzeitige Mindestlohn beträgt 12 €, bei 160 Arbeitsstunden wären dies 1920 € brutto. Nach Abzügen der Sozialabgaben und Steuern bleiben etwa 1400 € übrig.
56 Zu den Faktoren zählen nach Geisberger/Glaser (2017) die unterschiedlichen Anteile von Frauen und Männern an Voll- und Teilzeitbeschäftigung, unterschiedliche Ausbildungsniveaus und die „geschlechtsspezifische Segregation nach Branchen und Berufsgruppen“, z. B. Pflegeberufe versus technische Berufe.
57 Vgl. Abschnitt 7.2.3.
58 Vgl. Abschnitt 3.4.2 und der Hinweis, dass schon im Mittelalter die Leitung einer Arbeit in höherem Ansehen zu stehen hatte als die Ausführung einer Arbeit selbst.
59 Eine Äußerung von Rüdiger Safransky in der Talkshow „Das Philosophische Quartett“ auf die Frage, ob er ein Handy habe.
60 Aus rechtlichen Gründen verzichte ich hier auf die Nennung solcher Branchen. Diejenigen, die gemeint sind, wissen es ohnehin.
61 Siehe Abschnitt 3.4.3.
62 Der Volksmund ist da recht realistisch: „Da arbeitet einer so viel, dass er gar nicht die Zeit hat, das viele Geld auszugeben, das er verdient.“
63 Siehe auch Kornwachs (2009).
64 Kornwachs (2009), S. 24.
65 Schon Warren/Brandeis (1890).
66 Almes (2006). Arendt (1985) beschreibt in Kapitel 9 den Rückgang des Privaten gegenüber dem öffentlichen, d. h. auch ökonomischen Raum: „. . . daß die wenigen Restbestände des auch in unsrer Zivilisation unbedingt zu Verbergenden sich auf die nötigenden Notwendigkeiten beziehen, die aus der Natur des Körpers selbst stammen.“ (S. 70).
67 Strittmatter (2019). Siehe Abschnitt 2.2.3.
68 Siehe Abschnitt 2.2.3.
69 Ralf Hoppe in Pfannkuch (2022).
70 Karl Marx; Friedrich Engels: Kommunistisches Manifest (1977). In: MEW (Marx Engels Werke), Bd. 4, S. 493.
71 In den 50er-Jahren gern als „Reiseonkel“ bezeichnet.
72 Klassisches Beispiel – der-Jahreswagen.
73 Im Jahr 2021 lag der Anteil der Vermögens- und Unternehmenseinkommen (Inländer) bei 778 Mrd. €, beim Arbeitnehmerentgelt 1921 Mrd. €., d. h. ungefähr 29 % zu 71 %. Zahlen gerundet aus: https://www-genesis.destatis.de/genesis/online?operation=abruftabelleBearbeiten&levelindex=1&levelid=1658827872677&auswahloperation=abruftabelleAuspraegungAuswaehlen&
auswahlverzeichnis=ordnungsstruktur&auswahlziel=werteabruf&code=81000-0003&auswahltext=&werteabruf=starten abreadcrumb.
74 Rifkin (1995).
75 Schmid (1984), S. 12.
76 Götz (2018).
77 Vives (1999). Übersetzt aus der englischen Version. Den Hinweis verdanke ich einer Seminararbeit von Anne Liedke, BTU Cottbus, WS 2004/05.
78 Füllsack (2002), S. 115.
79 Siehe auch Bild 5.5 in Abschnitt 5.5.2.
80 So haben sich, gegen den Mainstream des Arbeitsdenkens der westlichen Welt, schon 1848 Karl Marx, vgl. Paul Lafargue (2004), 1935 der Philosoph Bertrand Russell (2002) und 1908 der spanische Schriftsteller Miguel Unamuno (1996) für das Recht auf Müßiggang und Faulheit eingesetzt.
81 Johann W. von Goethe: Sprichwörtliches (1814). In: Goethe (o. J.), Volksausgabe, Bd. 2, S. 236.
82 Für das klassische Zitat siehe Abschnitt 1.2.4. Vgl. Karl Marx; Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. In: MEW (Marx Engels Werke), Bd. 3, S. 33.
83 Vgl. nochmals Heinz Nixdorf (1986), S. 31: „Es ist gottgewollt, daß wir arbeiten und nicht im Sinne eines Fluches.“ Siehe auch Abschnitt 3.4.3.
84 Von griechisch πóνος: Arbeit, Werk, Mühe; κρατέω: herrschen.
85 Siehe auch Abschnitt 1.2.5.
86 Siehe Krebs (2002), S. 198 f.
87 In der Technikphilosophie ist dies das Problem der Artefakte: Wodurch ist ein Artefakt, also etwas Hergestelltes, von einem natürlichen Objekt unterscheidbar? Ist ein Spinnennetz, ein Termitenhügel, eine Biberburg, ein Vogelnest ein Artefakt? Vgl. Meier (2012).
88 Weizäcker (1971), S. 358. In Analogie kann dies auch die Umwandlung einer Beschreibung einer Situation in ein Modell, die Umwandlung des Modells in einen Algorithmus oder die Umwandlung eines Algorithmus in ein Computerprogramm sein. Dann wurde der Beschreibung des Gegenstandsbereichs in jedem dieser Schritte eine andere Form gegeben. Ein Gegenstand, der eine andere Form auf diese Weise erhalten hat, kann getauscht werden. C. F. von Weizäcker ist der Auffassung, dass das, was mühelos erreichbar ist, z. B. Luft oder Wasser, keinen Tauschwert habe. Das ist ein Irrtum, denn die Privatisierung öffentlicher Güter wie Wasser hat durchaus dazu geführt, dass Wasser zur Ware geworden ist. Dieser Einwand ändert aber nichts an der Argumentation.
89 Weizsäcker (1971), ebd.
90 „Der freie Markt ist eine Spielregel, kein Naturgesetz.“ Deshalb solle man ihn auch nicht der unsichtbaren Hand überlassen. Weizsäcker (1988), S. 123.
91 Weizsäcker (1971), S. 359.
92 Dies ist die Befriedigung, die z. B. ein Kunstsammler aus dem Wissen heraus empfindet, Eigentümer und Verfüger des Kunstwerkes zu sein. Bei Museen ist dies die Erfüllung eines öffentlichen Auftrags.
93 Vgl. Abschnitt 7.2.2.
94 Durch US-Präsident Richard Nixon, August 1971.
95 Die erste Kreditkarte wurde durch die Firma Diners Club 1950 ausgegeben.
96 Vgl. Abschnitt 5.4.
97 Vgl. Abschnitt 5.2.3.
98 Kornwachs (2018 GUT).
99 Unter einer laboristischen Ökonomie versteht Vogt (1986), dass sozusagen die Arbeit das Kapital unter Vertrag nimmt. Dieser Rettungsversuch marxistischen Denkens im Rahmen neoklassischer Ökonomietheorie geht davon aus, dass die Entscheidungen über Produktionsmittel, Wertschöpfung und deren Verteilung im Unternehmen nur die dort Arbeitenden treffen können und sollen. Eine totalitäre laboristische Ökonomie würde dann nur von denjenigen bestimmt, die tatsächlich zur Wertschöpfung beitragen. Ein Primat der Arbeit vor dem Kapital befürwortet auch die Encyclica Laborem exercens (Johannes Paul VI (1981), Artikel Nr. 14.5).
100 Man hat dem Crowd-Working derartige Modelle unterstellt – die Vision, die sich Anfang der 2010er-Jahre zu einem Markt verdichtete, hatte sich aber als durchgängiges Modell nicht durchgesetzt. In der gegenwärtigen Situation sind die Crowd-Worker gegenüber den Arbeitnehmern, die in Unternehmen arbeiten, benachteiligt, da die Plattformen für die Vermittlung keinerlei Verantwortung z. B. für Mindestentlohnung, Schutz im Krankheitsfall etc. übernehmen; vgl. Schulte et al. (2020). Die Frage, wie Crowd-Worker Solidarität organisieren könnten (Commons = gemeinsamer Ressourcenpool der an bestimmten Themenfeldern arbeitenden Crowd-Worker, Assemblies = temporäre, sich bildende Gruppen zum Protest oder anderen Formen der Durchsetzung von Forderungen, Swarms = spontane Entstehung von Zusammenschlüssen mit gemeinsamen Zielen, Mitteln, Emotionen und Erfolgsaussichten und Weak Networks = Aufbau von Informationsnetzwerken auf Basis von Social Media), ist weitgehend ungeklärt (Lee/Staples 2018).
101 Karl Marx: Ökonom.-Phil. Manuskripte XXII–XXVII. Kapitel: „Die entfremdete Arbeit“. In: Marx-Engels (1968), MWE (Marx Engels Werke), Erg. Bd. 40, S. 510 – 522.