STRATEGIE IN SCHERBEN

BAND 3



~ Gay-Romance-Novel ~





VON

NATHAN JAEGER



Impressum

Text:

Nathan Jaeger

Turmstraße 22, 47119 Duisburg

Umschlaggestaltung:

Nathan Jaeger

Umschlagfotos:

Glasbruch-Scherben © WestPic – Fotolia.com

Landschaft © kaycco – Fotolia.com

Lektorat:

www.wort-waechter.net



© 2013 Nathan Jaeger

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung sind nicht gestattet.



Für Michy,

die mich mit schweizer Schokolade, tollen Fotos und wunderbaren Worten aufrecht hält.



SAMSTAG, 20. JULI

UNWETTER
VOM REGEN IN DIE WANNE
SUPPENKOCH?
PRIORITÄTEN
GESPRÄCHE
WORTE SIND ZU VIEL

SONNTAG, 21. JULI

NÄHER ALS NAH
THEODORA SCHWEIGT
ACTION IM KINO

MONTAG, 22. JULI

NÄHKÄSTCHEN?
ANRUF
NARBEN DER VERGANGENHEIT

DIENSTAG 23. JULI

JUSTIN FALLNER
RÜCKFALL
NERVÖS

MITTWOCH, 24. JULI

ÜBEL
HILFLOS
BESCHÜTZT

DONNERSTAG, 25. JULI

SCHMERZHAFTE FAKTEN
WILDES LÖWENHERZ
KOALARAUBTIER
HORMONFRÜHSTÜCK
TAPETENWECHSEL

FREITAG, 26. JULI

NEUE NORMALITÄT
HITZE DES AUGENBLICKS

SAMSTAG, 27. JULI

HUNGER
WAHRHEITEN
SELBSTHASS
ANKER
STARK ODER SCHWACH?

SONNTAG, 28. JULI

EINLADUNG
IN DER HÖHLE DER LÖWEN
VERHÄRTETE FRONTEN
SÜSS UND SANFT

MONTAG, 29. JULI

STALLGASSENMAMBO
QUERELEN
ENTSPANNUNG

DIENSTAG, 30. JULI

BÜROKRAM UND BESUCH
AUSSPRACHE UND ANGEBOT
HEISSKALTE SACHE
BESTE FREUNDE

MITTWOCH, 31. JULI

GESPRÄCHE
REDEN HILFT WIRKLICH

DONNERSTAG, 1. AUGUST

NACHRICHT
CRI AIGU, DIE ZWEITE

FREITAG, 2. AUGUST

KLÄRUNGEN?
SCHÜSSE UND TRÄNEN
BODENLOS


SAMSTAG, 20. JULI



UNWETTER





Ich liege an die dunkle Decke starrend auf dem Sofa im Wohnzimmer. Das einzige Licht kommt von den Blitzen, die hell aufflackern und ein wahrhaft monströses Donnern folgen lassen.

Ein lautes Wiehern durchdringt das Chaos in meinem Kopf. Nein, eigentlich sind es mehrere Pferdestimmen, aber die eine klingt anders, schriller. Ich seufze und raffe mich auf.

Ich schäme mich unendlich für das, was ich gesagt habe. Weiß noch immer nicht, woher das eigentlich kam.

Eifersucht und eigene Unsicherheit? Keine Ahnung, ehrlich! Ich will ihn nicht teilen und schon gar nicht dran denken, dass Ludwig oder irgendwer sonst ihn …!

Mir war nicht übel, weil ich wirklich glaube, dass Kim solche Dinge mit sich machen lassen würde, sondern weil ich so widerliche Gedanken über ihn haben konnte. Die ich ja, glorreich, auch noch laut herausbrüllen musste!

Die Übelkeit hat mich erst verlassen, nachdem ich eine Viertelstunde lang über dem Klo gehangen habe. Meine Zunge fühlt sich noch immer pelzig an, viel zu dick. Ich trinke einen Schluck Cola und gehe nach unten.

Möglicherweise hat noch keiner die Stalltüren geschlossen und die Tiere sind deshalb so unruhig …

Auf dem Hof erschallt Hufgetrappel, das selbst über den rauschenden Regen hinweg zu vernehmen ist. Die Stalltore sind allesamt geschlossen, woher kommt das Geräusch?

Ich gehe an meiner California vorbei zum Stall und sehe durch den dichten Regenschleier eines der Pferde. Schreck durchfährt mich und mir ist binnen Sekundenbruchteilen scheißegal, wie nasskalt der Regen auf mich herabprasselt.

Ich nähere mich dem großen Tier, das ich irgendwann als Lemonboy identifizieren kann, und spreche mit ihm.

Er trippelt nervös herum und ich habe Glück, dass ich einen der glitschig nassen Zügel zu fassen bekomme. Ich trete näher an den Wallach heran und schiebe eines der Tore auf, um ihn zunächst einmal ins Trockene zu bringen.

Erst als ich ihn unters Solarium bugsiere und ihm eine Decke überwerfe, wird mir klar, dass er Zügel und kein Halfter trägt.

Wieso?

Ich nehme ihm die Trense ab und hänge sie über einen Haken in der Nähe, hole ein Halfter und binde ihn an, bevor ich das Solarium anschalte.

„Tom?“, brülle ich durch die Stallgasse in Richtung Aufenthaltsraum, und wenig später öffnet sich die Tür.

„Ja?“

„Lemonboy rannte draußen herum, aufgezäumt. Hast du ’ne Ahnung, wieso?“

Tom schürzt die Lippen. „Nein, kein Plan. Wo ist denn Kim?“

Oh, Reizfrage. Als wenn mich das momentan interessieren würde …

Blödsinn, natürlich interessiert mich das! Immerhin ist es meine Schuld, wenn ihm etwas passiert ist. Was, wenn er bei dem ankommenden Gewitter weggeritten ist und Lemonboy ihn abgeworfen hat? Was, wenn er irgendwo mit gebrochenem Hals herumliegt und …

Ich schlucke hart. „Tom, ich glaube, Kim war mit dem Dicken unterwegs. Ich werde die California nehmen und die Feldwege absuchen. Bei dem Wetter kann man ja kein Pferd vor die Tür locken …“

Niemals hätte Kim sein Pferd so im Regen stehengelassen, nicht freiwillig, da muss etwas passiert sein!

„Aber das ist mordsgefährlich!“, entgegnet Tom.

„Ach was, das geht schon. Ich ziehe mir Ledersachen an. Bis später!“

Verdammt, immer mehr Bilder von einem leichenblassen, irgendwo im Gras liegenden Kim steigen vor mein inneres Auge und versetzen mich in Panik.

Ich muss ihn finden und herbringen!

In Windeseile pelle ich mich aus den vollkommen nassen Klamotten, trockne mich halbherzig ab und steige in eine Lederhose, einen dicken Sweater und meine Lederjacke. Handschuhe und Helm, dann stürze ich aus dem Haus und zu meinem Bike.

Kim, verdammt, wieso machst du so bescheuerte Sachen?

Oh, wundert mich das wirklich? Nach allem, was ich ihm vorhin an den Kopf geknallt habe? Ich kann froh sein, wenn er jemals im Leben wieder ein Wort mit mir wechselt, aber darum geht’s jetzt gar nicht!

Es ist keine zwei Tage her, da habe ich ihm erzählt, dass ich ihn sogar heiraten würde … Scheiße, das ist doch alles nicht wahr!

Ich fahre, so schnell es bei dem Wetter möglich ist, über die zum Teil sehr aufgeweichten Feldwege. Ohne Scheinwerfer würde ich gar nichts sehen und vermutlich im nächsten Graben landen. Wo kann er hin geritten sein?

Ob er versucht hat, einen Unterstand zu finden? Er ist ganz sicher nicht mitten in diesem Gewittersturm losgeritten, das Wetter muss ihn überrascht haben, als er schon eine Weile unterwegs war.

Oh Mann, Kim! Das kannst du doch nicht tun!

Anscheinend kann er doch. Ich spüre, wie die Angst sich in mir einnistet und meinen Atem hektisch beschleunigt. Ich muss das Visier hochklappen, damit ich was sehe, zu sehr beschlägt das Plexiglas. Sollte ich vielleicht nach ihm rufen?

Aber das Geknatter meiner Maschine und der heftige Wind würden alles übertönen. Nein, es macht keinen Sinn, nach ihm zu brüllen.

Ich fahre alle Strecken ab, die mir spontan einfallen, doch nirgendwo finde ich den Sattel oder einen anderen Hinweis auf Kim.

Irgendwann fällt mir nur noch die geheime Bucht ein. Ob er sich dorthin verkrümelt hat nach meinem wütenden Abgang?

Verdammt, wieso hab ich das alles gesagt?

Traue ich ihm denn wirklich zu, so etwas zu tun? Nein!

Aber die Unsicherheit und meine Angst … Ich will ihn nicht verlieren, niemals.

Tja, vielleicht solltest du dann aufhören, ihm so schreckliche Dinge zu sagen und ihn gegen eine Boxenwand zu schubsen!

Moment mal, wie bitte? Ich habe ihn … ja. Geschubst.

Gott, was bin ich für ein abscheuliches Arschloch?!

Egal, das kriegst du nie wieder hingebogen. Jetzt zählt nur, dass du Kim findest und ihn nach Hause bringst.

Wenn er verletzt ist, verzeihe ich mir das so oder so nie. Und wenn ich ihm jetzt nicht helfe, werde ich mich in diesem Leben nicht mehr im Spiegel ansehen können.

Ich stelle das Bike ab, lege den Helm auf die Sitzbank und gehe das letzte Stück zu Fuß.

Bevor ich es richtig kapiere, brülle ich doch nach ihm.

„Kim?! Bist du hier?!“

Ich klinge erbärmlich, selbst beim Schreien zittert meine Stimme noch, solche Angst habe ich um ihn.

Mein Herz setzt mehrere, sehr schmerzhafte Schläge lang aus, als ich seinen Umriss auf der Lichtung erkennen kann. Es gießt nicht mehr ganz so schlimm wie vorhin, aber trotzdem ist es schwer, in der herrschenden Dunkelheit etwas zu sehen.

Er liegt da wie tot.

Ich gehe mit wackeligen Beinen auf ihn zu, bemerke erst, als meine Hände sich auf seinen Körper legen, dass ich mich hingekniet habe, und rüttle sacht an ihm.

„Kim? Bist du vom Pferd gefallen? Kannst du dich bewegen?“, wispere ich und erschrecke mich über den wimmernden Ton.

Ja, eine Scheiß-Angst habe ich! Weil er sich nicht rührt!

„Kim, bitte, sag was!“ Ich drehe ihn vorsichtig auf den Rücken, sein Kopf kippt zur anderen Seite und ich sehe den kleinen Schnitt auf seinem Wangenknochen. Ist das vom Sturz oder habe ich ihm diese neue Wunde verpasst, als ich ihn weggeschubst habe?

„Lass mich“, höre ich. Es klingt belegt und abweisend, aber es ist momentan das Beste, was ich hören könnte.

Ich umfasse sein Gesicht zaghaft, nachdem ich endlich die Handschuhe ausgezogen habe. „Kleiner! Du kannst hier nicht einfach liegenbleiben.“

Ein Schreck durchfährt mich, als er sich ruckartig von mir weg bewegt und mich finster anstarrt.

„Was soll das werden? Der Ritter in schimmernder Rüstung rettet die dämliche, kleine Hure?“

Jedes seiner Worte trifft. Ich spüre, wie meine Schultern und mein Kopf herabsinken. Er hat ja recht! Was ich gesagt habe, war so falsch, so bösartig! Ich spüre, wie die Übelkeit über mein mieses Verhalten wieder zunimmt.

„Wag es ja nicht, jetzt ein ‚Es tut mir leid‘ rauszuhauen!“, faucht er weiter. „Darauf scheiß ich, kapierst du das?“

„Aber …!“, werfe ich ein und habe Mühe, die Fassung zu wahren. Meine Hände zittern, mir wird plötzlich von innen kalt.

„Verschwinde!“

Das kann ich nicht. Ich könnte mich nicht einmal bewegen, wenn ich es wollte. Wie angenagelt knie ich hier und sehe hilflos zu ihm herüber.

Du hast jedes Wort verdient.

Scheiße, das macht’s aber auch nicht besser!

„Mir tut nichts leid“, bringe ich endlich hervor.

Ein Schnauben aus seiner Richtung. „Gratuliere. Mir nämlich auch nicht!“

Er rappelt sich richtig auf und steht vor mir, ich muss den Kopf in den Nacken legen, um ihn ansehen zu können. Viel Mimik erkenne ich nicht, aber das lässt sich anhand seines Tonfalls leicht durch meine Fantasie ausgleichen …

Ich schlucke erneut. „Lemonboy rannte allein vorm Stall herum.“

„Wie geht es ihm?“

„Ich hab ihn im Solarium geparkt und Tom kümmert sich jetzt um ihn. Hat er dich abgeworfen?“

„Was geht’s dich an? Gehst du plötzlich dazu über, sinnvolle Fragen zu stellen, anstatt mir irgendwelche Scheiße an den Kopf zu knallen, wenn ich nichts anderes will, als von dir geliebt zu werden?!“ Seine Stimme kippt.

„Ich hab nicht gesagt, dass es mich was angeht … Ich hab mir nur Sorgen gemacht.“

Er lacht hart auf. „Sorgen! Echt mal, soll ich dir vor die Füße kotzen? Wo waren denn deine Sorgen, als du mich vorhin angebrüllt hast? Als du mir vorgeworfen hast, mich wahllos von jedem durchficken zu lassen?!“

„Mir tut nichts leid“, wiederhole ich stoisch.

„Weißt du was? Das glaube ich dir sogar.“ Er geht in Richtung Weg und wendet sich noch einmal um. „Ich habe am Dienstag den Deal mit Lu beendet. Ich wollte es dir nicht erzählen, weil ich nicht wollte, dass du denkst, du würdest mir was dafür schulden. Ich werde dieses verdammte Gestüt nicht erben und ich hab seit Montag keinen Schwanz mehr an mich herangelassen.“

Er verschwindet zwischen den Bäumen und ich habe Mühe, aufzustehen, um ihm zu folgen. Als ich es schließlich schaffe, ist er bereits einige Schritte an der California vorbei in Richtung Gestüt gegangen.

Während ich ihm hinterher stolpere, sickern seine Worte endlich in meinen Kopf. Er hat den Deal beendet? Er verliert buchstäblich alles, wofür er die letzten Jahre gearbeitet hat, alles, wofür er sich hat erniedrigen lassen?

Ich kann das nicht begreifen. Das ist einfach zu viel für meinen Kopf.

Meine Schritte werden schneller, bis ich ihn erreiche und meine Hand sich um seinen Oberarm legt. Mit einem nicht geplanten Ruck drehe ich ihn zu mir herum, sofort umfasst meine andere Hand den zweiten Oberarm.

„Was soll das werden?“

„Kim, ich …!“, beginne ich und weiß gar nicht, was ich eigentlich sagen will. Ich stelle seine Geduld offensichtlich auf eine harte Probe, denn er verzieht schon das Gesicht, bevor ich weiterspreche. „Ich … Du hast wirklich zu ihm gesagt, dass du nicht mehr willst? Du wirst dich nie wieder von ihm anfassen lassen?“

Er streift meine Hände nachdrücklich ab, bevor sein finsterer Blick mich wieder trifft und schrumpfen lässt. „Von dir auch nicht.“

„Kim!“

„Was?!“

„Mir tut nichts leid.“ Hab ich ’ne Schallplatte verschluckt? Eine mit Sprung, wie meine Märchenschallplatte von Rumpelstilzchen damals?

„Hätte mich auch gewundert. Ist doch deine Art, im unpassendsten Moment einfach loszubrüllen und die unglaublichsten Dinge vom Stapel zu lassen“, spottet er.

„Nein, ich meine … Wenn ich das alles nicht gesagt hätte, dann wüsste ich jetzt nicht, dass du … Na ja, dass du dich entschieden hast“, sage ich mit immer leiser werdender Stimme und füge ein „hattest“ hinzu.

„Du bist ein Idiot, Maik. Ein blöder, egomaner Idiot! Weißt du, wie schwer es für mich war, dir zu sagen, dass ich dich liebe? Wie abscheulich ich mich gefühlt habe, bis Montag noch getan zu haben, was ich für nötig hielt?“ Er atmet scharf ein. „Und hast du auch nur im entferntesten eine Ahnung davon, wie schwer du es mir gerade machst, dir nicht einfach eine reinzuhauen und dich für immer aus meinem Leben zu verbannen?!“

Sein Kiefer mahlt, seine Augen werden schmaler und seine Hände ballen sich zu hilflosen Fäusten.

„Du bist ein Arschloch, Maik!“, wimmert er und der Ton bricht mir das Herz. Einfach so. Kein lautes Scheppern in meiner Brust, kein Klirren wie splitterndes Glas. Trotzdem fühle ich, wie es in Scherben zerspringt und meine Gefühle ohne jeden Halt durch mich hindurchfluten.

Ich weiß nicht, was ich zuerst mache, aber plötzlich drücke ich ihn fest an mich, halte ihn, würde ihn am liebsten in mich hinein ziehen. Seine Schultern beben, er weint. Aber das tue ich auch.

„Jetzt weißt du, wieso ich solche Angst davor hatte, mich in dich zu verlieben … Ich wusste, ich würde dir weh tun, und das wollte ich nicht“, murmele ich dicht an seinem Ohr. Er zittert, mit Sicherheit ist er vollkommen durchgefroren vom Regen und Wind.

„Du wirst mir immer wieder weh tun, Maik“, nuschelt er an meinem Hals. „Solange du denkst, dass ich eine Hure bin, wirst du mir nicht vertrauen können.“

Ich schlucke hart. Das stimmt. „Ich will das gar nicht denken, Kleiner. Ehrlich nicht! Aber das ist wie … wenn ich dir jetzt sage, denk fünf Minuten lang nicht an dunkelrote, duftende Erdbeeren, dann wirst du fünf Minuten lang an nichts anderes denken können …“

Er lacht ganz leise und hebt den Kopf. „Ich mag Erdbeeren. Und ich liebe dich. Nur dich. Ich habe vorher nie jemanden geliebt, und auch wenn ich sozusagen ein Neuling auf dem Gebiet bin, weiß ich doch sehr genau, dass nichts anderes als echte Liebe gleichzeitig so schön und so schrecklich sein kann.“

„Ich hab dich nicht verdient. Ich weiß das ganz genau, verstehst du? Und trotzdem … Na ja, ich würde eher sterben wollen, als dich zu verlieren.“

„Dann“, sagt er und sieht mich fest an. „Wirst du nie wieder solche Dinge sagen.“



VOM REGEN IN DIE WANNE





Er nickt so zögernd, dass ich schon wieder Zweifel daran habe, wie sinnvoll es gewesen ist, nachzugeben.

Verziehen habe ich ihm deshalb noch nicht! „Ich meine das ernst, Maik. Niemals wieder.“

„Ich werde es versuchen, okay?“, murmelt er. „Du zitterst ganz schlimm.“

Bevor ich es kapiere, hat er mich losgelassen und seine Lederjacke ausgezogen. Einige Augenblicke später wirft er sie mir über die Schultern und ich spüre die Wärme seines Körpers, die noch darin festsitzt ebenso, wie ich seinen intensiven Geruch wahrnehme.

Ich schiebe meine nassen Arme in die Ärmel und er lächelt mich an, als er den Reißverschluss schließt. „Komm. Du musst ins Warme.“

Stimmt. Muss ich wirklich, wenn ich morgen nicht mit einer fetten Erkältung im Bett liegen will.

„Ich bringe dich nach Hause, okay?“ Er klingt so liebenswert und fürsorglich. Aber kann ich ihm vertrauen? Nein, unmöglich.

Ihn zu lieben reicht einfach nicht aus, um zu vergessen, was er mir vor ein paar Stunden an den Kopf geworfen hat.

Ich zische leise, als seine Fingerkuppen sacht über die Wunde an meiner Wange gleiten.

„Tut mir leid, ich … War ich das?“ Er hat ein schlechtes Gewissen, das höre ich genau.

Ich nicke nur und sehe auf sein Brustbein. Das dicke, blaue Sweatshirt, welches er trägt, wird an den Schultern bereits nass und dunkler.

„Hier, setz den Helm auf.“ Ich stocke mitten im Schritt und erst nach seiner nachdrücklichen Geste, mit der er mir den Helm hinhält, greife ich danach.

„Nun mach schon, sonst setze ich ihn dir auf!“, droht er und mir wird bewusst, wie groß seine Sorgen um mich wirklich sind. Ich schiebe den Helm auf mein nasses Haar und fummle am Kinngurt herum, bis er mir hilft.

„Ich weiß, dass du mir das nicht verzeihen wirst, Kim. Ich selbst werde es auch nicht tun. Mach dir keine Gedanken, ja? Ich weiß, dass es vorbei ist. Aber ich werde deshalb nicht zulassen, dass du wegen mir noch mehr in Gefahr gerätst.“

So süß, so typisch Maik. Ich schlucke hart und blinzle ein paarmal.

Vorbei …?

Hm, seltsam. Ist es das? Wird es das sein?

„Maik, ich …“, murmele ich und breche ab, weil ich überhaupt nicht weiß, was ich sagen soll.

Er mustert mich fragend, doch schließlich nickt er und deutet auf sein Motorrad. Maik steigt auf und ich nehme hinter ihm Platz. Meine zittrigen Hände an seinen Seiten. Er sieht über die Schulter. „Halt dich gut fest.“

Ich greife nach, lehne mich dicht an ihn, bis der Helm mich bremst. Dennoch sind meine Arme fest um seine Körpermitte geschlungen und er startet das Motorrad.

Angst kriecht spontan in meinen Nacken und ich halte mich noch dichter an ihm fest. „Maik?!“

Er bremst noch einmal ab und sieht mich wieder an. „Was ist?“

„Fahr … fahr vorsichtig, ja? Du trägst keinen Helm und …“ Ich seufze, weil er mich angrinst. Voll frech!

„Ich bin schon groß, Kim, keine Sorge.“ Er wendet sich wieder um und fährt an.

„Das war mein Vater auch …“, rutscht es mir heraus. Er schweigt diesmal, aber ich spüre unter meiner Umklammerung, dass er sich ganz kurz versteift.

Außerdem bemerke ich schon nach wenigen Minuten sein anhaltendes Zittern.

Er sitzt im Fahrtwind, klar, noch dazu mit nassem Sweatshirt und ohne Helm. Ich fühle mich plötzlich so mies, dass ich kurz davor bin, ihn zum Anhalten zu bringen, um lieber zum Hof zurückzulaufen, als seine Sicherheit und seine Gesundheit so leichtsinnig aufs Spiel zu setzen.

Ich habe eine Scheißangst um ihn. Auch wenn er mich sehr verletzt hat, sind meine Gefühle für ihn doch nicht plötzlich weg. Blöd, eigentlich. Wäre alles viel einfacher, oder nicht?

Ich meine, er vertraut mir nicht und hat mir das heute mehr als eindrucksvoll bewiesen. Na gut, gestern Abend.

Aber das macht kaum einen Unterschied, nicht wahr?

Schlicht und ergreifend hat er dafür gesorgt, dass ich ihm nicht mehr vertrauen kann. Was würde sein versuchtes Versprechen also bringen?

Hat er nicht dreimal gesagt, dass ihm keines seiner Worte leidtut?

Echt mal, wieso sitze ich eigentlich hier wie ein Blödmann und klammere mich an ihm fest, als hätte ich Angst davor, ihn zu verlieren?

In meiner Brust meldet sich ein kleines Pieksen. Es bohrt sich in mein Herz, da bin ich sicher. Raubt mir sogar den Atem. Schnappend hole ich Luft, nur damit der Schmerz sich vertiefen und ausweiten kann, bis mein ganzer Brustkorb in Flammen zu stehen scheint. Ich schlucke hart und meine Kehle schnürt sich zu.

Das hier ist nicht gut, gar nicht gut.

Sein Zittern wird stärker. Ein Wunder, dass ich das bei meinem eigenen Gebibber überhaupt noch merke, aber so ist es.

Nach einiger Zeit erreichen wir den Hof und ich habe Mühe, meine steifgefrorenen Finger voneinander zu lösen, um von ihm abzurücken. Ich stelle erstaunt fest, dass mir die Kraft fehlt, mein rechtes Bein über das Motorrad zu schwingen. Ich sitze wie doof da und hoffe, dass das Gefühl in meine kalten Glieder zurückkehrt.

Maiks Jadeaugen richten sich im Schein der Hoflampen auf mich.

„Es ist okay, Kim“, murmelt er und steigt selbst bereits ab. Wie er das schafft, wo er genauso durchgefroren sein dürfte wie ich, weiß ich nicht.

Aber als er sich zu mir wendet und ungefragt den Kinngurt des Helms löst, damit ich ihn vom Kopf schieben kann, bin ich ihm unendlich dankbar. Ich sitze noch immer blöd da, atme aber erleichtert auf, als ich das für mich doch sehr ungewohnte Gewicht des Helms los bin.

„Danke“, bringe ich mühsam hervor und er nimmt mir den Helm aus den Händen.

„Schon okay.“

Ich fühle mich so seltsam, irgendwie schwach und viel zu hilflos. Ja, verdammt, ich bin bis auf die Knochen durchgefroren, trotz seiner Lederjacke. Immerhin habe ich stundenlang im Regen herumgelegen. Es muss mitten in der Nacht sein.

„Wie spät ist es?“, frage ich und ernte einen erstaunten Blick.

„Nach zwei. Komm!“ Er streckt die Hände nach mir aus und schiebt sie unter meine Achseln, um mich mehr oder weniger elegant von der Sitzbank zu ziehen.

„Tut mir leid“, stoße ich hervor, als ich gegen ihn pralle und Mühe habe, auf meinen Beinen zu bleiben.

„Hey, schon gut, hab ich gesagt.“ Er zieht mich an seine kalte, nasse Brust und ich kann nicht sagen, ob mir das gefällt oder nicht. Jedenfalls gönne ich mir einige Augenblicke, bevor ich mich aufrichte und versuche, selbständig zu stehen.

„Du musst in die Wanne. Geh rein, Kim, na los!“

Ich nicke kraftlos und wanke zur Tür. Hinein in die Küche, ohne mir auch nur die Stiefel abzustreifen, weiter ins Schlafzimmer und dort diagonal aufs Bett.

Ich vergrabe mein Gesicht in den Kissen und mir ist scheißegal, wie nass ich alles mache. Erst Maiks missbilligendes Schnauben lässt mich kapieren, dass er mir gefolgt ist. Deshalb wende ich den Kopf und suche ihn, aber er ist ins Bad verschwunden, wie mir das nun laufende Wasser in der dreieckigen Badewanne verkündet. Sekunden später erscheint er wieder und sieht mich mit einer Mischung von Ungeduld und Sorge an.

Ich kann das sehen, er macht sich Vorwürfe. Zu Recht? Ich weiß es nicht …

„Nun komm schon, Kim, steh auf!“, mault er mich unerwartet heftig an und zieht mich in eine sitzende Position. Hey, so eine Lederjacke scheint sich gut dazu zu eignen, mich wie eine Marionette hochzuhieven. Voll krass!

Ich schiebe seine Hände widerwillig weg und fummle am Reißverschluss herum. Diesmal schaffe ich es, bevor er mir helfend zur Hand gehen kann und ich entwickle zwischen Bibbern und Zähneklappern tatsächlich so etwas wie Stolz über meine Leistung.

Jacke und meine Reitweste streife ich sofort ab, dann sehe ich auf meine Stiefel. Fuck! Bin ich mit den pottdreckigen Reitstiefeln wirklich bis hierher gelatscht?

Auch schon egal! Ich hebe den rechten Fuß und umfasse den Stiefel, um ihn abzustreifen. Ich weiß schon, wieso an der Haustür ein Stiefelknecht steht. Maiks unwilliges Seufzen lässt mich aufsehen.

„T-t-t-tut m-m-ir l-l-l-l-eid“, klappere ich und er ergreift meinen Fuß, stellt sich rittlings über mein nun ausgestrecktes Bein und ich weiß, jetzt muss ich ihm in den Hintern treten, so ähnlich zumindest.

Ein dämliches Kichern entkommt mir, welches er mit einem bitterbösen Blick quittiert, bevor er meinen anderen Fuß hochhebt und wir das Spiel wiederholen.

„In die Wanne – jetzt!“, mault er mich an und deutet mit ausgestrecktem Arm zur Badezimmertür.

Ich nicke. Vermutlich hat er recht. Hat er ja immer, der schlaue Maik …

Ha, von wegen! Ich bin keine dämliche, kleine Hure!

Ich war immer nur Lus Hure und hab für niemanden sonst gegen Bezahlung irgendeiner Form den Arsch hingehalten!

„Pffft!“, mache ich in seine Richtung, während ich aufstehe und mir das nasse Shirt über den Kopf ziehe. Sein scharfes Einatmen ignoriere ich nur äußerlich. In Wahrheit ist es mir ein geradezu diebisches Vergnügen, dass ihm mein zitternder, gänsehautbesetzter Oberkörper einen Laut der Erregung entlocken kann.

Tja, hier siehst du, was du nie wieder kriegen wirst.

Ich stocke mitten im Schritt, nestele derweil bereits an meinen Reithosen herum und starre ihn kurz an. Er steht noch neben meinem Bett.

Ehrlich? Ich meine, will ich wirklich, dass es aus ist? Hm, gute Frage, denn letztlich ist das gar keine klare Entscheidung, die ich unter Zuhilfenahme von Logik treffen könnte.

Ich wedele meinen Gedanken weg und gehe ins Bad.

Vor der Wanne streife ich Hose und Pants ab, die Socken folgen, dann klettere ich steifbeinig in das einlaufende Wasser und zische laut. „Scheiße, ist das heiß!“, fluche ich.

„Es ist gerade mal Körpertemperatur, Kim.“ Seine Worte klingen zu nah, ich sehe hoch und erkenne, dass er unter dem Türstock steht und mich mit unbewegter Miene beobachtet.

Ich bin splitternackt und er steht einfach da und starrt mich an?

Nur weil ich ihn stehenbleibend mustere, fällt mir wieder auf, wie sehr Maik selbst zittert. Er hat oben keine Wanne. Vielleicht sollte ich …?

„Du musst auch wieder warm werden“, flutschen die Worte aus meinem Mund. Sogar ohne Zähneklappern.

„Ja, ich gehe duschen, sobald du endlich deinen Hintern ins Wasser verfrachtet hast!“

Ah, okay. Na gut …

Ich nicke. „Ich werd schon nicht wieder rausspringen, keine Sorge.“ Mein Ton ist säuerlich und ich frage mich wieso. Immerhin sollte ich ihm doch dankbar sein, dass er sich kümmert, oder nicht?

Vorbei …

„Na gut. Ich … geh dann mal.“

Scheiße, ich will doch gar nicht, dass er geht. Oder doch?

In mir streiten so viele verschiedene Gefühle! Ich fluche ungehemmt und lasse mich endlich in das Wasser sinken. Das ist echt nur Körpertemperatur? Was bin ich dann? Ein Eiszapfen?

Nein, das ist Maik, der so kühl und beherrscht bleiben konnte, abgesehen von diesem einen Aufkeuchen.

Ich lehne mich zurück und atme tief durch. Ich liebe meine Badewanne, auch wenn ich sie nur selten wirklich nutze, weil mir oft gar keine Zeit für ein ausgiebiges Wannenbad bleibt.

Einsam fühle ich mich, sehr einsam sogar. Komisch, auf dem Boden im nassen Gras ging es mir besser, glaube ich. Da war alles noch in der Schwebe, unklar und alle Möglichkeiten gegeben.

Wirklich? Nein, ich sollte ehrlich zu mir sein. Ich war stinkwütend auf ihn, sehr enttäuscht von ihm und überhaupt!

Aber ich vermisse ihn jetzt schon, dabei ist er noch keine fünf Minuten lang weg. Ich verstehe das nicht. Dennoch weiß ich einfach, dass ich nicht allein sein will.

Ich setze mich auf und sehe auf den Boden vor der Wanne. Meine Reithose liegt natürlich noch so da, wie ich sie ausgezogen habe. Darin steckt mein Handy. Ich hangele danach und bekomme es zu fassen. Kaum lehne ich mich mit dem Mobiltelefon in der Hand wieder an, weiß ich nicht, was ich nun damit tun soll. Na gut, eine SMS schicke ich …

> Danke, dass du mich gefunden hast. Du solltest auch lieber baden zum richtig Warmwerden.

Super geht es noch nichtssagender? Aber irgendwie kann ich mich nicht zu einer eindeutigeren Nachricht hinreißen lassen. Verrückt!

Ein Teil von mir hätte viel lieber ‚komm zu mir, bitte, ich vermisse dich ganz schrecklich‘ hinterher geschickt.

Ich bin so müde. Irgendwann drehe ich das Wasser ab und lehne den Kopf gegen eines der Wannenkissen. Herrlich! Augen zu und schlafen. So schön!



SUPPENKOCH?





Was ich von der seltsamen Kurzmitteilung halten soll, ist mir schleierhaft, aber als ich sie nach dem Duschen lese, ziehe ich mich noch einmal komplett an. Jeans, dicke Socken, Longsleeve-Shirt und ein dicker schwarzer Kapuzenpullover verhüllen mich erfolgreich und bekämpfen auch den Rest der Kälte, die sich scheinbar in meinen Knochen eingenistet hat. Nicht nur da, auch in meiner Brust.

Seine Nachricht klingt nach einer Bitte, irgendwie, zumindest versucht ein Teil von mir sich das einzureden. Ich muss sowieso noch einmal nach unten. Wenn ich nach so kurzer Zeit, immerhin etwa zwei Stunden weniger lange als Kim, schon so durchgefroren bin, bleibt nicht viel Fantasie nötig, um mir auszumalen, wie es ihm gerade geht. Ich muss ihm was Warmes zu essen machen, am besten eine Suppe.

Ich kehre also in seine Wohnung zurück und lasse vorsichtshalber überall die Rollläden herab, damit niemand den nächtlichen Lichtschein oder gar mich hier sehen kann.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer sehe ich, dass im Bad noch Licht brennt. Seltsam, liegt Kim immer noch in der Wanne? Der muss ja mittlerweile total verschrumpelt sein …

Vorsichtig spähe ich um die Ecke durch die offenstehende Tür und spüre, wie mein Herz ein paar schmerzhafte Schläge lang aussetzt und die Kälte in mir einem heißen Schrecken weicht.

Mit zwei langen, schnellen Schritten bin ich bei ihm und schiebe meine Hände unter seine Achseln. Sein Kopf ist knallrot und seine Augen sind geschlossen. Der Blödmann ist in der Wanne eingepennt!

„Bist du bescheuert!“, fahr ich ihn wütend an und zerre ihn hoch. Gar nicht so einfach, immerhin ist er klatschnass und ganz nebenbei auch noch sehr entspannt im Schlaf. „Kim, du Trottel!“

Seine Augen springen endlich auf und er strampelt sofort los. Offensichtlich hat er sich erschreckt. Er rutscht aus meinem Griff und geht prompt unter. „Was?!“, prustet er und wischt sich hastig über das Gesicht, als er wieder hochkommt.

Seine Augen sind tellergroß und in mir streiten Wut über seine Unvernunft und Sorge um ihn. „Du Trottel bist eingeschlafen!“

„Ich …! Oh!“, macht er und setzt sich vernünftig hin. Der Schaum ist noch nicht ganz verschwunden, aber für meinen Geschmack sehe ich gerade deutlich zu viel von seiner nackten Haut durch die Wasseroberfläche blitzen.

Scheiße, wie soll ich denn …?

Ich schlucke trocken und schließe mit einem lautlosen Seufzen die Augen. Erst als ich ihn wieder ansehe, sage ich: „Nun komm da raus, Kim. Bevor du noch mal einschläfst und ersäufst …“

Er nickt und rührt sich trotzdem nicht, weshalb ich mich zur Wand umwende, seinen dicken Frotteebademantel nehme und ihn ihm hinhalte. So hoch, dass er nicht sieht, wie verkniffen ich meine Augen zusammenpresse.

Wenn ich ihn jetzt so zerbrechlich und nackt ansehen muss, mache ich vieles, aber ganz sicher nicht mehr in die Küche gehen, um ihm eine Suppe zu kochen!

Das Zupfen am Bademantel, der mit seinem seegrünen Stoff lediglich bis zur Mitte von Kims Oberschenkeln reicht, verkündet mir, dass ich loslassen und die Flucht ergreifen kann.

Das mache ich auch mit hastigen Schritten und ohne Kommentar, um den großen Side-by-Side-Kühlschrank zu durchforsten. Die linke Seite enthält neben einem Eiswürfelspender auch die halbe Tiefkühlabteilung eines Supermarkts.

Ich habe Glück. Nach einigem Wühlen finde ich einen Beutel Suppengemüse. Im Kühlschrank liegt, das weiß ich, weil ich es am Donnerstag gekauft habe, ein halbes Suppenhuhn.

Ich befreie das Tier aus den Tüten des Metzgers und überlege, woher ich wohl wusste, dass ich es so dringend brauchen würde …

Ein Topf mit kaltem Wasser steht schnell auf dem Herd, das Huhn landet gleich darin. Ich werkele noch eine Weile herum, bevor ich mitbekomme, dass Kim hinter mir steht. Näher am Durchgang zum hinteren Teil des Hauses als an den Anrichten, aber er beobachtet mich schweigend und noch immer nur in seinen Bademantel gekleidet.

„Du solltest ins Bett gehen.“ Mehr sage ich nicht, bevor ich mich wieder abwende. Ob er geht, überprüfe ich nicht, das Wasser beginnt zu kochen und ich muss den Ansatz abschäumen.

Das Geräusch des Kaffeevollautomaten reißt mich aus meiner Konzentration und ich fahre zu ihm herum. Natürlich steht Kim davor. Na gut, auf mich zu hören ist wohl gerade keine Option für ihn …

Vielleicht ist es ganz normal, dass er ein bisschen trotzig reagiert. Immerhin bin ich vermutlich das größte Arschloch, das er jemals kennenlernen wird.

Ich kann es nicht ändern, so gern ich das auch täte. Wann immer ich an die widerlichen Dinge denke, die ich ihm an den Kopf geschleudert habe, in einem Moment, in welchem ich nichts weiter wollte, als ihm zu zeigen, wirklich zu zeigen!, wie sehr ich ihn liebe, kriecht die Übelkeit wieder in mir herauf.

Finde ich schräg, weil ich nie einen nervösen Magen hatte. Andererseits habe ich auch nie so schreckliche Sachen gesagt.

Einige Augenblicke später schiebt sich neben mir auf der Anrichte eine volle Tasse mit heißer Schokolade mit Kims schmaler Hand in mein Blickfeld. Ich sehe darauf und folge dem Arm, bis ich in sein Gesicht sehe. Er wirkt blass und blickt mich schweigend an.

„Danke“, sage ich und er lächelt so zaghaft, dass ich das Messer hinlege und mich ihm ganz zuwende.

Noch immer sagt er kein Wort. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt, aber irgendwie kann ich nicht anders, ich muss ihn umarmen und an mich ziehen. „Ich hab mir solche Sorgen gemacht. Ich dachte, Lemonboy hätte dich abgeworfen und du lägst mit gebrochenem Hals irgendwo an einem Weg. Ich will nicht, dass dir wegen mir was passiert!“ Meine Hand schiebt sich an seinen Hinterkopf und ich drücke ihn fest an mich. Wieso ich schon wieder zittere, kann ich mir dieses Mal ganz einfach erklären: Ich habe auch im Nachhinein noch eine Scheißangst um ihn.

„Ich wollte einfach nur weg, nachdem du das alles gesagt hattest“, wispert er so leise, dass ich Mühe habe, ihn zu verstehen.

„Ich werde nicht sagen, dass es mir leidtut, Kim. Einfach, weil es dafür gar keine Entschuldigung gibt.“

„Du hast mich nicht einmal geküsst, obwohl du mich gefunden hast.“ Ein Vorwurf? Ich halte inne damit, ihn zu streicheln und überlege, was ich antworten soll.

„Vielleicht, weil ich weiß, dass ich dich gar nicht verdiene … Du solltest dich jetzt wirklich hinlegen, ich bringe dir nachher die Suppe, dann hast du wieder deine Ruhe.“

Er hebt den Kopf ruckartig und funkelt mich an wie noch nie zuvor. „Meine Ruhe? Sehe ich aus, als wollte ich meine Ruhe haben?!“, faucht er und fängt sich wieder. „Ich meine … Ich will nicht allein sein. Kannst du bei mir bleiben? Die ganze Nacht?“

Ist das sinnvoll? Werde ich das aushalten? Ihm so nah zu sein und dabei zu wissen, dass ich es so gründlich versaut habe?

„Ich weiß nicht …“, erwidere ich und schließe die Augen mit einem Seufzen.

„Liebst du mich nicht mehr?“ Seine Frage schockiert mich. Ich blinzle ihn an.

„Doch, natürlich!“ Meine Lippen legen sich gegen meinen Willen an seine Stirn. „Mehr als alles andere.“

„Und wieso hast du dann gesagt, dass es vorbei ist? Du meintest doch das mit uns.“

Ich nicke leicht. Genau das meinte ich. „Weil ich dir nur weh tue, egal ob ich es will oder nicht. Und das, wo du alles aufgegeben hast!“

Eine grausame Angst ergreift von mir Besitz. Wird Kim seinen Dealbruch nicht rückgängig machen, nachdem ich mich derartig schlecht benommen habe? Ein Schauder durchläuft mich.

„Das hatte nur bedingt mit dir zu tun.“ Er hebt seine Hände an meine Wangen und blickt mir einfach so in die Augen. „Bitte bleib bei mir. Wir … müssen ja nichts tun, aber … ich kann jetzt nicht allein sein, okay?“

Wieder nicke ich gegen meinen Willen.

Quatsch! Natürlich will ich gern bei ihm sein, immer! Aber ich verdiene ihn doch gar nicht! Ich kann nicht antworten, irgendwie ist alles in mir verdreht und verquer. Jedes Wort wäre zu viel, falsch oder unnütz!

„Maik?“ Er klingt unsicher.

„Ja?“

„Wirst du bleiben?“

„Ja“, meine Stimme ist total belegt, klingt kratzig, aber nicht vor Erregung, eher vor lauter Gefühlen, die sich irgendwie alle gleichzeitig durch meinen Hals nach draußen quetschen wollen.

„Ich ziehe mir etwas mehr an, dann helfe ich dir. Ich muss ja auch meine Schokolade noch trinken …“ Er lächelt wieder so zaghaft, aber bevor er sich von mir löst, streckt er das Kinn und küsst mich.



PRIORITÄTEN





Klasse, was war das denn jetzt? Ein Belohnungskuss für alle die Dinge, die er gesagt hat? Nein!

Er hat mich gerettet, glaube ich. Zweimal sogar.

Ich bin echt ein Trottel, wenn ich in der Wanne einpennen kann.

Ob er wegen meiner SMS nach unten gekommen ist? Ganz sicher ist er doch hundemüde! Ich nehme Abstand und wende mich um. Ich sollte wirklich etwas mehr anziehen, sonst sieht er am Ende trotz des Bademantels noch, wie ich auf ihn reagiere …

Komisch, das hat mich doch bislang nur ganz am Anfang gestört …

Vermutlich liegt es daran, dass ich den Eindruck habe, mit Maik reden zu müssen, ziemlich lange und ausdauernd. Wirklich reden. Ohne Geknutsche, ohne Kuscheln.

Ich gähne einmal ausgiebig und streife den Bademantel ab. Pants, eine kuschelige Trainingshose, dicke Socken, T-Shirt und eine Sweatjacke ziehe ich an, danach kehre ich zu ihm zurück und bleibe wieder am Durchgang zur Küche stehen, um seine Rückansicht zu beobachten.

Er ist nicht stark, nicht auf Dauer zumindest. Ich meine, klar, er hat gut sichtbare Muskeln und er vermittelt mir mit einer simplen Umarmung schon das Gefühl, mich immer an ihn anlehnen zu können, aber tief innen drin ist er es nicht.

Er hat Charakter, sicher, er war bislang auch ziemlich oft einfach nur für mich da, doch so langsam begreife ich, dass Dinge wie dieser Komplettaussetzer im Quarantänestall nur Ausdruck seiner inneren Aufgewühltheit sind.

Ich meine, Maik ist nun echt kein Weichei oder so, aber er leidet unter so vielen Dingen, die er mir nicht zeigt.

„Du brauchst nicht ständig für mich stark sein, Maik. Das ist nicht der Grund, wieso ich dich liebe.“

Er fährt herum, als ich zu sprechen beginne, und starrt mich groß an. Meine Füße haben sich in Bewegung gesetzt und er legt die Schaumkelle beiseite, als ich ihn erreiche.

„Ich weiß, dass du dich schlecht fühlst wegen der Dinge, die du gesagt hast.“ Diese Mitteilung muss ich ihm doch machen, oder?

Maik seufzt. „Schlecht fühlen beschreibt es nicht wirklich, Kim.“

Das weiß ich doch. Meine Hände gleiten über seine Schlüsselbeine nach oben, legen sich auf seine Schultern. „Ich meine das ernst. Ich liebe dich. Das ändert sich auch nicht, wenn du solche schwachen Momente hast.“

„Aber sie tun dir weh, diese Momente.“ Er seufzt leise und schließt die Augen. Ich sehe, dass seine Hände zucken, bevor er sich dazu durchringen kann, sie um mich gleiten zu lassen.

„Ja, das tun sie, deshalb müssen wir auch reden. Über alles. Keine Geheimnisse mehr, keine Unklarheiten, okay?“ Ich sehe ihn bittend an und er braucht einen Moment, bis er meinen Blick erwidern kann.

„Ich liebe dich, Kim. Ich weiß wirklich nicht, ob und wie ich das wiedergutmachen kann. Jetzt erst recht nicht mehr.“ Wieder seufzt er tief und lehnt seine Stirn an meine.

„Hey, vielleicht kommt es mir gar nicht darauf an?“ Ich lächle. „Niemand kann rückgängig machen, was passiert ist. Und ehrlich gesagt gehöre ich nicht zu den Menschen, die anderen ihre Fehler ständig vorhalten. Ich denke, das liegt daran, dass ich selbst – gerade in den letzten Tagen – viel zu viele Fehler gemacht habe.“

Er sieht mich erschrocken an. „Was meinst du?!“

„Dass ich überhaupt noch mal erlaubt habe, dass Lu mich anfasst … Die Negation, sie ist weg, weißt du? Also, seit Montag …“

Ich habe Mühe, noch Luft zu bekommen, so fest zieht er mich plötzlich an sich. Ich gebe ein dumpfes, ziemlich atemloses Geräusch von mir und er lockert den Griff ein wenig.

„Wenn er dich noch mal anfasst, bringe ich ihn um!“, zischt er tonlos und irgendwie habe ich den Eindruck, dass er das vollkommen ernst meint.

„Keine Sorge, der Deal ist wirklich beendet. Ich habe mich ganz allein und ohne jeden Zweifel entschieden.“

Er zittert. „Du hattest.“

Ich schüttle den Kopf und lächle. „Nein, ich habe . Ich meinte das ernst, du brauchst nicht immer stark zu sein. Ich kann auch ganz gut auf mich selbst aufpassen.“

Maik schnaubt unwillig. „Das habe ich gesehen …“

„Na ja“, beginne ich. „Ich gebe zu, ich habe einen Schwachpunkt, den nur du treffen kannst, aber wenn ich ehrlich bin, ist es einer, auf den ich gar nicht verzichten möchte. Ich meine, klar, ich möchte nicht, dass du ihn ausnutzt oder mir weh tust, aber die Tatsache, dass ich überhaupt so verletzbar bin, liegt doch in meinen Gefühlen für dich begründet. Und wie du dir vielleicht vorstellen kannst, will ich darauf ganz sicher nicht verzichten!“

„Mir machen so viele Dinge Angst, Kim. Nicht nur das mit uns, auch diese ungeklärte Vergangenheit … Die Sache mit meinem Vater und Lu … Ich will unbedingt wissen, was damals wirklich war, aber ich fürchte mich halb zu Tode vor der Wahrheit.“

Ich drücke ihn an mich. „Das verstehe ich. Aber ich werde bei dir sein und dir helfen, egal was wir am Ende herausfinden.“

„Ich sag’s ja: Ich habe dich nicht verdient.“

Das entlockt mir ein kleines Auflachen. „Oh doch, hast du, jede meiner Macken, jede meiner Anwandlungen und Launen. Du wirst schon sehen!“

Er lacht leider nicht mit, mustert mich stattdessen ernst und lässt seine Hände um mein Gesicht wandern, um mich fest anzusehen. Ich glaube, zwei Sekunden später küssen wir uns, hungrig und doch zärtlich, keine Ahnung, wie das geht. In meinem Magen erhebt sich ein ganzer Schwarm Schmetterlinge und gibt mir das Gefühl, vom Boden abzuheben.

Das hier ist etwas, das ich mir nicht kaputtmachen lassen werde, von niemandem! Maik gehört zu mir und ich bin nicht bereit, ihn aufzugeben. Aber das werde ich ihm später sagen, wenn wir … mal sehen, gemütlich irgendwo rumliegen. Ausgeschlafen und fit.

Heute haben wir nämlich einen freien Tag, auch wenn Maik das noch nicht weiß. Ja, es hat eindeutig seine Vorteile, der Chef zu sein!

„Müssen wir uns jetzt weiter um die Suppe kümmern?“

Er nickt und lässt mich nur widerwillig los, das spüre ich genau.



GESPRÄCHE





Ich bin froh, dass die Hühnersuppe endlich fertig ist und wir uns mit ihrer Hilfe noch einmal von innen aufwärmen können.

Viel von meiner inneren Starre und der damit verbundenen Eiseskälte hat Kim allerdings schon vor dem Essen von mir genommen. Ich frage mich noch immer, wie er das schafft. Ich kann mir echt nicht verzeihen, was ich ihm an den Kopf geknallt habe, und er sagt einfach, dass man so was sowieso nicht rückgängig machen kann, und geht halbwegs zur Tagesordnung über.

Ich lege meinen Löffel beiseite, nachdem mein Teller geleert ist, und mustere Kim verstohlen. Natürlich bemerkt er es und beendet seine Mahlzeit trotzdem, bevor er reagiert.

„Was hast du?“ Simple Frage, gibt’s darauf auch eine simple Antwort? Innerlich schüttle ich den Kopf und es dauert noch einige Sekunden, bis ich begreife, dass ich diese Geste auch sichtbar mache.

Seine grauen, so wunderschönen Augen bohren sich mit einem noch fragenderen Blick tief in mich, bringen mich dazu, trocken zu schlucken. Was sage ich denn jetzt? Soll ich noch einmal wiederholen, wie hundsmiserabel ich mich fühle? Dass ich an diesen Aussprüchen aus dem Quarantänestall ersticken will? Vielleicht hätte ich danach wenigstens den Anstand besitzen können, an meiner eigenen Kotze zu ersticken, anstatt wie das Leiden Christi auf dem Sofa herumzulungern, während Kim bei dem Gewittersturm draußen herumgeirrt ist.

Ein heftiger Stich voller Angst durchfährt mich bei dem Gedanken an seine schmale, am Boden liegende Gestalt.

Kim entgeht auch diese Regung meinerseits nicht, und bevor ich meine Zunge endlich zu einer – vorzugsweise abwiegelnden – Antwort lockern kann, legt sich Kims schmale Hand auf meine, die zusammengekrampft auf der Tischplatte liegt. Ich sehe darauf, wieder hoch in seine Augen.

„Hey, rede mit mir!“, fordert er mich auf und ich atme tief durch.

„Was soll ich denn sagen?“, frage ich mit jämmerlichem Ton und seine Finger umfassen meine fester, bis sein Daumen über meinen Handrücken streichelt.

„Keine Ahnung, Maik. Vielleicht sollten wir uns jetzt wirklich erstmal hinlegen und sehen, dass wir Schlaf nachholen.“

Erstaunt sehe ich auf die Küchenuhr. „Aber es ist schon nach fünf! In einer Stunde müssen wir in den Stall!“

Er lächelt so milde, dass ich ein paarmal blinzeln muss. „Nein, müssen wir nicht. Du hast heute frei und wirst dich gefälligst ausschlafen.“

Oh, klare Ansage. Da ist er wieder, der Boss dieses Gestüts. Ich mustere ihn schweigend, bevor ich zögerlich nicke. Zu großartigen Denkleistungen bin ich echt nicht mehr in der Lage.

Kim steht auf und räumt unsere Teller weg, bevor ich mich aufraffen und ihm helfen kann, indem ich die Gläser und die Tassen von der heißen Schokolade ebenfalls zur Spülmaschine bringe. Er nimmt sie mir ab, räumt sie ein und richtet sich wieder auf, nachdem er das Gerät geschlossen hat. Dicht vor mir stehend blickt er mich an.

„Na, komm“, sagt er und ergreift meine Hand.

In mir kämpfen noch immer verschiedenste Gefühle, aber ich füge mich und lasse mich hinter ihm her ins Schlafzimmer ziehen. Vielleicht fehlt mir einfach der Elan, jetzt wo die Suppe in meinem Magen für warme Entspannung sorgt.

Mechanisch ziehe ich mich aus, behalte nur das Longsleeve und meine Pants an, bevor ich auf ‚meiner‘ Betthälfte unter die Decke krieche und mehr aus Gewohnheit zur Bettmitte rücke.

Kim schlüpft ebenfalls ins Bett und rückt zu mir. Seine Arme schlingen sich um mich, bevor ich es richtig kapiere, und mir bleibt nicht viel, als es ihm gleich zu tun. Dann löschen wir das Licht und ich habe ebenso Mühe, meine Augen noch länger offenzuhalten wie Kim.

~*~

Erst gegen vierzehn Uhr wache ich wieder auf und strecke mich wohlig, weil mir endlich wieder warm ist und ich den Eindruck habe, ausgeschlafen zu sein.

Kim liegt nicht mehr neben mir, aber er kann noch nicht lange aufgestanden sein – die Matratze noch warm. Ich lausche auf Geräusche innerhalb der Wohnung und reibe mir noch einmal die Augen. Bevor ich mich aus dem Bett schwinge und mich auf die Suche nach ihm begebe. Die Enttäuschung darüber, dass er bereits aufgestanden ist, schlucke ich schnell herunter, was nicht besonders schwer fällt, angesichts der Tatsache, dass mein schlechtes Gewissen sich gerade wieder mit meiner Scham verbrüdert, um mich daran zu erinnern, was für ein Arschloch ich bin.

Ich ziehe meine Jeans über und tapse in Richtung Küche. Die Rollläden dort sind hochgezogen und Kim werkelt an der Anrichte.

Auf dem hellen Holztisch steht alles für ein verspätetes Frühstück herum, inklusive zweier Gedecke. Ich betrete den großen Raum und gähne noch einmal.

„Guten Morgen …“

Kim fährt zu mir herum und mit einem ‚das hast du gar nicht verdient‘-Stich in meiner Brust sehe ich das strahlende Lächeln, das er mir schenkt, während er auf mich zu kommt. „Guten Morgen! Bist du ausgeschlafen?“

Ich schaffe ein Nicken, denn natürlich bleibt er so dicht vor mir stehen, dass ich sofort seinen wunderbaren Geruch in der Nase habe. Mit einem Seufzen schließe ich die Augen.

„Rührei und Bacon muss ich noch machen, aber dann können wir frühstücken … oder so.“ Kim grinst und mir wird bewusst, was an der Situation mich stört, obwohl es das nicht sollte: Wir umarmen uns nicht. Er steht zwar dicht vor mir, aber seine Arme hängen genauso herab wie meine. Es ist, als hätten wir eine stumme Absprache getroffen.

Klar, ich würde ihn gern einfach an mich ziehen, aber jetzt, wo ich endlich wach genug bin, meine größte Sorge um seine Sicherheit verflogen ist, wird mir erst richtig bewusst, was ich gestern getan habe.

Ein Würgen kriecht in meine Kehle, hebt meinen Magen mit an und ich habe Mühe, den damit einhergehenden Schüttelfrost zu unterdrücken. Tief durchatmen, nur nicht loskotzen, jetzt!

„Was hast du?“, fragt er und sofort sind seine Hände da. Legen sich um mein Gesicht und verwehren es mir, den Kopf zu senken oder abzuwenden. Verdammt, wieso kann ich jetzt nicht einfach gehen, mich meinem schlechten Gewissen ergeben und …?

Tja, was denn?

„Mir ist schlecht“, bringe ich hervor und er blickt mich besorgt an.

„Wovon?“

Diese Frage entlockt mir einen Laut, der irgendwo zwischen Lachen und Schnauben liegt. „Ist das dein Ernst?! Ich habe mich benommen wie … dafür gibt’s gar kein Wort!“

„Aha?“ Seine Stimme bleibt ruhig und unbeirrbar liegen seine Hände noch immer an den Seiten meines Kopfes.

Ich schließe die Augen und schüttle angedeutet den Kopf. „Bitte nicht“, murmele ich.

„Bitte was nicht?“, hakt er sofort nach und zwingt mich damit, ihn wieder anzusehen.

Ich muss hart schlucken, weil seine Augen so vieles widerspiegeln, aber eben weder Wut noch Vorwurf.

„Hör auf, mich so mitleidig anzusehen, Kim. Ich habe Scheiße gebaut und daran wird sich auch nichts mehr ändern.“

Er seufzt tief und seine Daumen streichen über meine Wangen. „Das weiß ich. Wer sollte das besser wissen als ich? Aber darauf kommt es doch gar nicht an. Komm, setz dich an den Tisch, und wenn wir gegessen haben, reden wir.“

Ich kann nicht nicken. Seine Hände bleiben, wo sie sind, trotz seiner Aufforderung. Deshalb sehe ich ihn fragend an.

„Du fürchtest dich vor diesem Gespräch“, stellt er fest und ich spare es mir, daraufhin zu nicken oder zu antworten. Er weiß es, weiß viel zu gut, wie miserabel ich mich fühle.

Kim aber lächelt, ganz leicht nur. „Ich fürchte mich auch, Maik, aber dadurch wird es nicht weniger wichtig. Wir müssen reden. In Ruhe, wach und am besten sogar weit weg vom Feuerried. Da Letzteres aber schlecht geht, werden wir das hier tun müssen.“

„Ich weiß“, seufze ich und wieder schließen sich meine Augen. Ich kann diesem freundlichen, eigentlich schon liebevollen Blick nicht standhalten. Zu genau weiß ich, was ich da verbockt habe.

„Dann setz dich, ja?“ Seine Hände sinken herab, streichen dabei aber noch über meine Brust und er nimmt danach erst Abstand.

Ich atme tief durch und folge ihm. Mich einfach nur an den Tisch zu setzen widerstrebt mir dennoch. Ich trete neben ihn an den Herd und kümmere mich um den Bacon, während er das Rührei übernimmt. Wir sprechen nicht, vielleicht ist es diese stumme Eintracht, die meinen Magen ein wenig beruhigt und mir die Möglichkeit gibt, runterzukommen.

Endlich sitzen wir am Tisch und frühstücken, na ja, wir essen. Frühstück kann man das um halb drei nachmittags wohl nicht mehr nennen.

Ich hole noch einmal Kaffee für uns und setze mich wieder, als Kim sein Kinn auf seine angewinkelten Arme stützt und mich mustert.

„Wie geht es dir?“

Ich starre ihn ein paar Sekunden lang perplex an. „Beschissen.“

Kim nickt. „Mir auch. Und weißt du auch, wieso?“

Was ist denn das für eine blöde Frage?! Glaubt er denn, dass ich vergessen habe, was für eine Scheiße ich gestern abgezogen habe?

„Natürlich!“, entfährt es mir.

„Glaubst du. Aber wissen tust du es nicht.“

Ich atme tief durch. „Doch, Kim. Ich habe mich abscheulich benommen, anstatt dir zu vertrauen. Ich habe Dinge gesagt, die man zu niemandem sagen darf, egal in welcher Situation und völlig unabhängig davon, ob sie der Wahrheit entsprechen oder nicht.“

„Das hast du.“ Wieder nickt er. „Aber das ist nicht der Grund, wieso es mir schlechtgeht.“

Sondern? Nun bin ich aber gespannt! Irgendwo tief in mir regt sich etwas, eine dumme, kindische Hoffnung, dass gegen alle Widrigkeiten doch noch irgendwas wieder gut werden kann. Aber die will ich nicht! Hoffnung ist was für Träumer und Trottel – ich ziehe es vor, mich weder als das eine noch als das andere anzusehen. Ein tiefes Seufzen grummelt aus meiner Kehle hervor.

Kim fährt sich durchs Haar und meine Augen folgen dieser Geste, die so sexy und natürlich ist. „Mir geht es schlecht, weil du gestern gesagt hast, dass es aus ist. Vorbei.“

Oh. Aber haben wir da gestern nicht noch ausführlich drüber gesprochen? Fragend sehe ich ihn an.

„Hast du das nicht gesagt?“

„Doch“, bringe ich hervor, nachdem ich mich geräuspert habe.

„Und?“, bohrt er nach.

„Und was? Kim, ich weiß, dass das, was ich gesagt habe, unverzeihlich ist. Dass du mir nie wieder vertrauen kannst, weil du ständig fürchten wirst, dass ich so was noch mal sage.“

Anstatt zu nicken, zieht er seine Augenbrauen zusammen, was ihm einen strengen Gesichtsausdruck verleiht, unter welchem ich einmal mehr im Erdboden versinken will.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich wiederholen muss“, beginnt er schließlich. „Aber du bist wirklich ein Idiot, wenn du denkst, dass diese Sache mit uns für mich Geschichte ist. Vielleicht bin ich auch einer, weil ich uns nicht aufgeben will oder kann …“ Er seufzt wieder tief.

„Ich liebe dich“, rutscht es mir heraus, deshalb schiebe ich schnell nach: „Aber das ist nicht der Punkt. Oder warte, vielleicht ist er es doch … Weißt du, wenn ich eines ganz sicher nicht will, dann ist es, dem Mann weh zu tun, der mir etwas bedeutet … so viel bedeutet wie du …“

Kim schweigt. Er scheint zu wissen, dass meine Rede noch nicht beendet ist.

„Ich verstehe nicht, wieso du das auf dich nehmen willst … meine Launen, meine Ausbrüche, meine unkontrollierbaren Reaktionen …“ Noch ein Seufzen, diesmal von mir. „Du verdienst jemanden, der dich beschützt und nicht verletzt.“

„Und du nicht?“

Seine simple Frage verwirrt mich. Meine Augenbrauen kräuseln sich und ich starre ihn perplex an. Ein ungläubiges Schnauben entfährt mir. „Was ich nicht?“

„Du verdienst nicht, dass jemand auf dich aufpasst, dich liebt und sich um dich sorgt?“ Seine Stimme ist so ruhig, da wackelt kein Ton. Wie schafft er das bloß, so abgeklärt zu sein?!

„Nein. Verdiene ich nicht.“ Ha, endlich mal ’ne einfache Antwort!

„Wieso denkst du das?“

Hallo? Hatten wir das nicht grade noch?

„Weil ich ein Arschloch bin, vielleicht? Kim, was willst du denn hören?!“ Ich klinge erbärmlich, aber das spielt jetzt wohl auch keine Rolle mehr.

„Jeder verdient das, Maik. Und für den Mann, den ich liebe, wünsche ich mir das umso mehr. Vielleicht hast du aber auch recht, vielleicht ist es falsch, dich jetzt so in die Enge zu treiben … aber kannst du nicht verstehen, dass ich nicht ohne dich sein will?“

Ehrlich gesagt könnte ich mir vieles vorstellen, aber das sicher nicht! Ich schüttle den Kopf und merke, dass eine gewisse Portion Trotz dabei mitschwingt.

„Ich werde das Feuerried verlassen“, sagt er fest und mein Kopf ruckt zu ihm hoch.

„Wann?“

„Sobald Lu einen Nachfolger gefunden hat.“

„Wohin wirst du gehen?“, wage ich zu fragen, auch wenn die Antwort mich aus verschiedenen Gründen schon vorab in Panik versetzen will.

„Das weiß ich nicht.“

„Aber …! Du kannst doch hier nicht weggehen, ohne zu wissen, wohin!“, entfährt es mir und ich bin mir sicher, dass er den Schrecken in meinen Worten hören kann.

Er lächelt. Verdammt, wieso lächelt er denn jetzt?!

„Vielleicht ist es gar nicht von mir abhängig, wohin ich gehe.“

„Wovon denn dann?“

„Davon, wo derjenige ist, mit dem ich mein Leben verbringen möchte.“

Ich sinke schockiert gegen die Rückenlehne und mir bleibt im wahrsten Sinne die Spucke weg. Mein Mund klappt auf und zu wie der eines Fisches. Will er wirklich und wahrhaftig seine Zukunft davon abhängig machen, wohin ich gehe?!

Ich atme ein paarmal tief durch und richte mich wieder auf. „Kim, niemand, absolut niemand ist es wert, dass du deine Träume und deine Zukunft nach ihm ausrichtest. Egal wie viele Gefühle du mit demjenigen verbindest! Man gibt nicht einfach alles auf, weil man verliebt ist!“

Scheiße, wieso sage ich das denn? Müsste ich mich nicht tierisch freuen, dass er sich so offensichtlich für mich entschieden hat?

„Ich weiß.“ Okay, jetzt kapiere ich gar nichts mehr, was er mir wohl auch ansehen kann, denn er spricht weiter: „Ich gebe auch nichts ‚einfach‘ auf. Glaub nicht, dass mir diese Entscheidung leicht gefallen ist, Maik. Den Deal zu beenden war eine Sache, den Job als Gestütsleiter auch zu kündigen eine vollkommen andere.“

„Dann waren Deal und Job nicht gekoppelt?“ Das ist neu für mich! Mit großen Augen sehe ich ihn an.

Er schüttelt leicht den Kopf und lässt seine Hände sinken. „Nein, waren sie nicht.“

Krass. Aber er kann doch nicht …!

„Kim?“

„Ja?“

„Glaubst du wirklich, dass du mir irgendwann wieder vertrauen können wirst?“ Ja, verdammt, diese Frage fällt mir unsagbar schwer, auch wenn ich die Antwort aus meiner Sicht schon seit meiner Kotzerei gestern Abend kenne. Ich würge sie hervor und habe das Gefühl, die letzten Buchstaben krallen sich mit Widerhaken in meine Stimmbänder, um nur ja nicht herauszukommen. Trotzdem sind sie nun draußen. Und sie schweben wie ein Schwert über mir, bereit, im nächsten Augenblick mit Kims Antwort auf mich herunterzukrachen und mir alles zu nehmen.

Scheiße, im Grunde können sie mir doch gar nichts mehr nehmen … zumindest nicht gemessen an meiner Einschätzung der Situation! Ich hab’s komplett vergeigt und fertig. Aber diese Hoffnung, sie ist da und sie nimmt mehr und mehr Raum in mir ein, beginnt schon damit, meine Wut auf mich selbst zu überlagern, das schlechte Gewissen zu besänftigen und die Scham mit kecken Sprüchen zum Lachen zu bringen.

„Irgendwann ganz sicher.“ Da ist sie, die Antwort. Im selben Moment übernimmt diese bescheuerte, widersinnige Hoffnung einfach alles in mir. Sie ist da, groß und übermächtig, ruiniert mir meine Selbstkasteiung und kostet mich ein paar Herzschläge.

Ich scheine zu lange nicht darauf zu reagieren, denn Kim sieht mich unsicher an. „Maik?“

„Ja?“, krächze ich.

„Hast du mich verstanden?“ Er klingt jetzt unsicher und seine Hände spielen nervös mit ein paar Brötchenkrümeln auf seinem Teller.

„Ja, habe ich.“ Noch immer betäubt mich dieser Überschwang an Hoffnung in mir, malt Bilder von glücklichen Zeiten mit Kim in meinem Kopf und gibt mir das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen. Das Problem ist nur, ich traue mich nicht.

Dafür traut Kim sich und ich glaube, ich bin ihm ziemlich dankbar dafür.

Er wischt sich die Krümel von den Fingerspitzen, schiebt seinen Stuhl zurück und steht auf. Ich sitze da wie ein hypnotisiertes Kaninchen und warte einfach ab, was passiert. Viel mehr könnte ich eh nicht tun. Er tritt hinter mich und ich wende den Kopf, als sich seine Hände leicht auf meine Schultern legen und seine Daumen an den Seiten meines Nackens hinabstreicheln.

Die Berührung durchrieselt mich warm und voller Gefühl. Sehnsucht, da ist plötzlich diese Sehnsucht nach seiner Berührung. Ich lehne mich unwillkürlich in seine Hände und lege den Kopf in den Nacken, um zu ihm hochzusehen.

Seine Augen ruhen auf mir, lassen mich in seinem Blick abtauchen und wieder kann ich nichts weiter tun, als ihn anzusehen.

Kim beugt sich über mich und küsst meine Stirn. Ich schließe die Augen und höre ein tiefes, erleichtertes Seufzen, das wohl aus meiner Kehle kommt. Danach fällt sie Starre von mir ab und ich kann mich endlich bewegen. Mein Blick verfängt sich wieder in Kims und ich erhebe mich, ohne den Kontakt zu unterbrechen, bis ich vor ihm stehe und meine Arme sich wieder so fest um ihn schlingen, wie sie es in den letzten Wochen getan haben.

Eine halbe Sekunde später reckt er das Kinn und küsst mich. Noch immer sehen wir uns an, dieser Kuss gewinnt allein durch unsere Blicke an Tiefe, als ich ihn zärtlich erwidere.

Wir öffnen die Lippen, aber die Berührungen bleiben sanft und oberflächlich. Dennoch habe ich das Gefühl, dass sich dieser Kuss mit einer jeden Selbstzweifel hinwegfegenden Tiefe in mein Herz brennt.

Ich will aufschluchzen vor Glück und registriere, dass ich genau das auch mache. Der Laut klingt so unmännlich, dass ich mich in jeder anderen Situation vermutlich furchtbar dafür geschämt hätte, aber nicht jetzt, nicht hier.

Kims weiche, warme Lippen an meinen, sein Blick, der mich auf eine so liebevolle und angenehme Art durchleuchtet, bis in die letzten Winkel meiner Seele abzutauchen scheint, das ist unfassbar!

Kim seufzt gegen meine Lippen und ich ziehe ihn noch dichter an mich, nicht dazu bereit, ihn in nächster Zeit loszulassen oder den Kuss zu unterbrechen. Darin liegt viel zu viel von allem, was ich brauche, dringender als Luft.

Hm, erschreckend. Ich brauche Kim wirklich mehr als alles andere.

Aber das geht ihm anscheinend genauso, denn seine Arme umschlingen meine Körpermitte mit einer unnachgiebigen Festigkeit, die ich von ihm nur selten erlebt habe.

Er ist es, der den Kuss schließlich beendet und den Kopf ein wenig zurücknimmt. „Ich glaube, du wirst mehr Zeit brauchen, dir selbst wieder zu vertrauen.“

Das stimmt wohl. Trotzdem kann ich nicht nicken oder antworten.

„Nichts wird meine Liebe für dich zerstören, Maik. Aber Liebe allein reicht nicht immer.“

Auch das stimmt. Einmal mehr begreife ich, dass Kim deutlich überlegter und erwachsener ist als ich. Er hat die ganze Sache bereits analysiert und sich überlegt, was er will.

Gut, was ich will, weiß ich auch sehr genau. Ich halte das Objekt meiner einzigen, echten Begierde schließlich gerade in meinen Armen und fürchte doch, dass Kim mir entgleitet.

„Ich will dich nicht verlieren“, bringe ich atemlos hervor. „Niemals! Aber ich weiß, dass ich auf dem besten Weg bin, genau das zu tun.“



WORTE SIND ZU VIEL





Ich sehe Maik an und überlege, ob er damit recht hat. Im Grunde habe ich mir genau diese Fragestellung sehr ausführlich durch den Kopf gehenlassen, während ich da draußen im Regen gelegen habe.

Er hat recht, genau darauf hat er zugesteuert und ich weiß nicht, ob ich eine weitere solche Entgleisung hinnehmen könnte.

Ich meine das wirklich so. Liebe allein reicht nicht, schon gar nicht, wenn sie als Waffe verwendet wird.

„Weißt du, das alles hier ist nicht nur neu für mich, Maik, es zeigt mir auch, wieso ich all die Jahre nichts damit zu tun haben wollte. Ich meine, der Deal mit Lu … da gab’s nie Gefühle. Es gab eine klare Vereinbarung mit Vorteilen für beide Seiten. Keine Verletzungen, keine Abhängigkeiten.“

Er zuckt zusammen, während ich das sage.

„Ich war nie zuvor emotional abhängig, verstehst du das?“, setze ich leise hinzu. „Nie zuvor hat mich ein Satz so verletzen können.“

Seine Umarmung wird fester und er schaudert. Ich bin mir sicher, dass er wirklich darunter leidet, diese Dinge zu mir gesagt zu haben. Sehr sogar. Möglicherweise mehr als ich.

Es ist verrückt, denn seine Worte haben mir den Boden unter den Füßen weggezogen, als ich auf Wolken schweben wollte. Der Aufprall war hart und schmerzhaft, meine Verwirrung so schlimm, dass ich eines meiner über alles geliebten Pferde in große Gefahr gebracht habe! Mich selbst natürlich auch, aber das ist eben meine eigene Verantwortung …

„Keine Entschuldigung kann das wieder gut machen“, murmelt er und lässt den Kopf sinken. Sofort schiebe ich meine Hand nach oben, unter sein Kinn und hebe es an, bis er mich wieder ansehen muss.

„Das stimmt, Maik, aber vielleicht erwarte ich auch gar nicht, dass du um Verzeihung bittest? Ich möchte doch nur, dass du lernst, nicht auf deine Ängste zu hören, wenn sie dir einreden wollen, dass ich aufgrund meiner Vergangenheit nichts weiter als eine Schlampe sein kann.“

„Das bist du nicht und das weiß ich auch!“ Maiks Stimme kippt und er schließt seine Jadeaugen, als sie sich mit Tränen füllen. Es versetzt mir einen heftigen Stich, ihn weinen zu sehen.

Bislang war doch immer er derjenige, der Stärke bewiesen hat. Zumindest meistens. Gestern Abend hat er mir erneut deutlich gezeigt, wie wenig Selbstvertrauen er hat, wenn es darum geht, mir vertrauen zu können.

Aber daran bin ich wohl genauso gut schuld. Immerhin habe ich mich weiterhin von Lu flachlegen lassen …

Er hatte ja bis Montag durchaus jedes Recht, mir das vorzuwerfen. Nur danach nicht mehr. Mein Schweigen über das Ende des Deals war wirklich nicht meine beste Idee.

Die Tränen verfangen sich in seinen langen Wimpern und erst danach finden sie einen Weg über seine Wangen hinab. Ich lasse sein Kinn los und streiche sie weg. Er soll nicht weinen. Nicht wegen mir.

„Scht“, mache ich und versuche, beruhigend zu klingen. „Nicht weinen, Liebling. Nur weil du nicht glaubst, dass du toll genug bist, um mich zu verdienen, muss ich das nicht genauso sehen.“ Meine Lippen legen sich an seine und ich küsse ihn erneut ganz leicht.

Er behält die Augen geschlossen, während mein Daumen über seine noch feuchte Wange streicht. Natürlich kann er nicht einfach so aufhören zu weinen. Wer kann das schon?

„Ich liebe dich. So wie du bist. Auch noch, wenn du so bist wie gestern Abend.“ Ich lächle, als er mir einen Blick ins eine erstaunt aufgerissenen Jadeaugen gewährt. „Das hab ich von meiner Mutter. Sie hat mir damals einen ganz tollen Spruch an die Wand meines Kinderzimmers gemalt: Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten.“

Er blinzelt und scheint über diesen Ausspruch nachzudenken. Dann runzelt er die Stirn und flüstert: „Ich wollte nie wieder jemanden so sehr brauchen, Kim. Nie wieder so abhängig sein von der Liebe eines anderen Menschen.“

„Aber du bist es“, stelle ich fest. „Hast du Angst, dass ich das ausnutzen werde, um dir weh zu tun?“

Er schüttelt hastig den Kopf. „Nein, so was würdest du nie tun.“

Mir wird trotzdem klar, dass er da gerade etwas sehr Schmerzhaftes angedeutet hat, das offenbar in seiner Vergangenheit liegt. Ich wüsste wirklich gern, was es ist, aber jetzt und hier ist nicht der richtige Zeitpunkt, um danach zu fragen.

Aber wenn er denkt, dass ich ihm niemals absichtlich weh tun würde, bestätigt sich meine Befürchtung bezüglich seines angeschlagenen Selbstbewusstseins enorm.

Wer hat ihn so verletzt, ihm so deutlich gezeigt, dass er so etwas wie Gegenliebe nicht verdient hat?

Instinktiv ziehe ich ihn wieder in eine feste Umarmung. „Nein, würde ich nicht. Und ich werde nicht erlauben, dass du dir selbst jetzt weh tust. Ich weiß, dass du nicht darüber reden willst, was passiert ist, aber ich möchte dir sagen, wie ich das sehe.“

Er blinzelt die neuen Tränen weg und zieht seine Unterlippe ein. Die Farbe seiner Iriden hat sich verändert, ist tiefer und dunkler geworden. Der Jadeschimmer liegt noch darin, aber der Anblick raubt mir einen Augenblick lang den Atem.

„Nein, ich hab’s mir überlegt, sagen reicht nicht. Worte sind nicht passend für das, was ich dir erklären möchte.“ Tja, so schnell kann eine zündende Idee entstehen. Man muss dazu nur so eine abgöttische Liebe für einen anderen entwickeln, wie ich es in den letzten Wochen getan habe.

 Maik sieht mich verständnislos an, deshalb löse ich die Umarmung, lasse den Frühstückstisch einen unordentlichen Frühstückstisch sein und ergreife seine Hand.

Ich nehme ihn mit mir zur Treppe, hinauf zur Dachterrasse und schiebe ihn, weil er noch immer etwas teilnahmslos ist, auf das Sofa und lasse seine Hand los, um das große Sonnensegel aufzuspannen.

„Warte hier“, murmele ich, als ich mich über ihn beuge und ihn kurz auf die Stirn küsse. „Ich bin gleich wieder da.“

Ich renne die Treppen hinab, hole kalte Getränke und Eiswürfel, dann geht’s wieder hinauf zu dem einzigen Mann auf dieser Welt, für den ich sogar in den Knast wandern würde. Klingt blöd, oder? Aber nichts ist mir so wichtig wie meine Freiheit, deshalb drückt das wohl aus, wie wichtig er mir wirklich ist.

Oben angekommen stelle ich alles ab und setze mich neben ihn. Mit dem Rücken an der Lehne strecke ich die Beine aus und öffne die Arme. „Komm her, Liebling.“

Er sieht mich erneut erstaunt an und braucht noch einige Atemzüge lang, um meiner Aufforderung Folge zu leisten, doch dann lehnt er sich an mich, schlingt seine Arme um meine Mitte und legt seinen Kopf auf meiner Schulter ab. Ich drücke ihn fest an mich und küsse seinen Haaransatz, bevor ich meine Wange darauf ablege.

Es ist verdammt warm hier oben, aber ich glaube, das liegt gar nicht so sehr an der herabbrennenden Sonne, sondern eher daran, dass ich meiner Brust ein Feuer lodert, das sich nicht löschen lassen wird. Zumindest nicht von bösen, hilflosen Worten.

„Heute passe ich auf dich auf“, sage ich leise und hebe sein Kinn an, um ihn erneut zu küssen. Leicht und federnd treffen meine Lippen auf seine, spüren mit einem sachten Prickeln, wie er die Berührungen erwidert. Vorsichtig und zaghaft. Er schluckt sichtbar, weiß offensichtlich nicht, ob er sich das hier erlauben kann.

Meine Hand gleitet in seinen Nacken, zieht ihn dichter an mich, während ich mit der Zunge über seine Oberlippe gleite und den Kuss vertiefe.

So ist das eben manchmal. Worte sind zu viel, vielleicht auch zu wenig. Jedenfalls können sie nicht exakt das ausdrücken, was ich ihm gerade sagen will und muss.

Ich werde schlichtweg verhungern und verdursten ohne seine Nähe, ohne seine Liebe. Er gehört zu mir, ganz einfach so!

Und weil er das ganz offensichtlich vergessen hat, werde ich jedes mir zur Verfügung stehende Mittel nutzen, um ihn daran zu erinnern …



SONNTAG, 21. JULI



NÄHER ALS NAH





Es ist ein seltsames Gefühl, das mich momentan vollkommen ausfüllt. Geborgenheit, ultimative Nähe, Liebe. Eine ganze Menge, oder?

Ich verdanke es Kim, denn niemand anderes als er dürfte jemals tun, was er gerade tut. Ein Lächeln gleitet über mein Gesicht, während ich in die Dunkelheit des Zimmers lausche. Sein Atem streicht tief und ruhig über meine nackte Haut – er liegt auf meinem Rücken. Aber nicht allein die Verbindung, die er mit seiner langsam abklingenden Erektion in mir schafft, lässt mich schweben. Es ist mehr das, was er mir – ausgerechnet mir! – nach diesem schrecklichen Verbalausrutscher geschenkt hat.

Liebe. Fühlbare, nein, eigentlich sogar sichtbare Liebe.

Mein Lächeln wird breiter und ich schiebe meine Hände unter meine Brust, lege sie um Kims, der sich wie ein Koalabärchen an mich klammert.

Mein Koalabärchen.

Er hat mir in den vergangenen Stunden gezeigt, wie sehr ich ihn bislang unterschätzt habe. Ich weiß gar nicht, wieso mir das passiert ist. Vielleicht hielt ich ihn für zu unerfahren oder so?

Egal, er hat es geschafft, mir zumindest einen Teil meiner Zweifel zu nehmen. Er hat sie einfach weggestreichelt und weggeküsst.

Ja, er hat auch mit mir geschlafen, war aktiv, absolut aktiv, möchte ich erwähnen. Zu keinem Zeitpunkt ist in mir das Bedürfnis erwacht, aus meiner Passivität aufzutauchen.

Vielleicht brauchte ich das einfach. Dieses Gefühl, mich fallenlassen zu können, weil er bei mir war und ist. Es geht!

Ich habe niemals jemandem so sehr vertraut wie ihm. Das ist nämlich gar nicht mein Problem.

Dieses hat er ganz richtig erkannt … Mein Problem ist in meiner Vergangenheit begründet. In einer ‚alten Geschichte‘, wie man so schön sagt. Ich glaube nicht, dass ich Kim jemals davon erzählen werde. Es spielt auch keine Rolle. Nicht für das Hier und Jetzt.

Ein wohliger Schauer durchläuft mich, weil Kim sich leise murmelnd auf und in mir bewegt.

Ja, es ist total schräg, was wir hier tun, aber es ist perfekt. Es geht nicht um Geilheit oder Befriedigung. Das hier ist Nähe.

Möglicherweise ist genau das der Grund, wieso ich so unsicher werden kann. Denn, da hat Kim vollkommen recht, ich bin unsicher, wenn es um ihn geht. Ich meine, ja, ich vertraue ihm, ich glaube ihm, dass er mich liebt, aber ich traue mir nicht zu, ihn halten zu können. Also an meiner Seite zu halten.

Nicht nur wegen meiner fiesen Sprüche, die sind eher die Auswüchse, nicht der Grund für mein mangelndes Selbstbewusstsein.

Oh, ich hab jede Menge davon, wenn es um den Alltag geht, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Meines Könnens als Tierarzt und Reiter, meines Benehmens als netter junger Mann ebenso. Aber sobald echte Gefühle ins Spiel kommen …

Ich seufze leise und spüre die Gänsehaut über meinen Körper rollen, als Kim sich anspannt, mich fester in seinen Körper hüllt, tiefer in mich dringt.

Niemals habe ich so viel für jemanden empfunden. Ich bin abhängig von ihm, absolut und in jeder nur denkbaren Weise. Er ist keine Droge, die ich brauche, damit es mir besser geht.

Er ist eher mein Atem, mein Blut, mein Leben. Der Grund, wieso es mir überhaupt irgendwie gehen kann!

Kim ist alles.

Und ich bin nichts. Da haben wir den Kern der Sache. Sieht doch ganz hübsch aus, so auf das Einfachste heruntergebrochen.

Ich möchte am liebsten für immer hier unter ihm liegen, ihn für immer in mir haben. Von ihm erobert, beschützt, geliebt und festgehalten.

Kim mag schmaler sein als ich, aber er ist der Starke von uns beiden. Weil er die Gefühle, die in ihm erwacht sind, so bedingungslos annimmt, und ohne Rücksicht auf Verluste ausleben kann. Trotz Steffen.

Ich beneide ihn ein wenig darum, das muss ich schon zugeben. Es ist ja nicht so, als hätte ich irgendwelche echten Bedenken bezüglich Kim oder meiner Liebe zu ihm. Wirklich nicht!

Wie ich aber mit dem umgehen soll, was ich vorgestern Abend getan habe, weiß ich einfach nicht.

Ich möchte darüber hinwegkommen. Vielleicht bin ich das zu einem Teil schon. Dank Kim.

Wieder seufze ich so tief, dass Kim sich murrend auf mir bewegt. Ich verharre still, will ihn nicht wecken, doch als ich spüre, wie er seine Wange von meinem Schulterblatt nimmt und seine Lippen sich stattdessen darauflegen, begreife ich, dass es zu spät ist zum Ruhigbleiben.

„Hallo, Liebling, kannst du nicht schlafen?“, wispert er und räuspert sich verschlafen.

Seine Hände drehen sich, bis sie unter uns vergraben in meine Hände greifen können.

Mit dieser einen Geste schickt er eine Wärme durch meine Brust, die mich einnimmt und nach Luft schnappen lässt. Vielleicht auch, weil seine Erektion sich spontan wieder aufbaut und mich deutlicher, spürbarer ausfüllt. Ich stöhne leicht, bevor ich es verhindern kann, und ernte einen weiteren Kuss auf meine Schulter.

„Ich liebe dich, Maik. Hast du das jetzt verstanden?“

„Daran habe ich nie gezweifelt, ich zweifle nur …“, seufzend breche ich ab und spüre, wie er sich sanft in mir zu bewegen beginnt. Mir bleibt die Luft weg, so intensiv und liebevoll nimmt er mich. Seine Zunge gleitet über meine warme Haut, seine Zähne knabbern sanft an mir. Ich könnte schreien vor Glück.

Das hier ist … vollkommene Liebe.

Kim pustet über meine feuchte Haut und lässt mich schaudern.

„Kim!“, stöhne ich laut und meine Hände verkrallen sich in seine, noch immer liege ich wie ein Paket in seinen Armen eingewickelt. Das mit dem Koalabärchen ist eine nette Umschreibung für das, was ich fühle, wenn er mich auf diese Art in Besitz nimmt.

Nicht niedlich und klein wie besagtes Beuteltierchen, sondern so mächtig und kraftvoll, so stark, wie nur ein Mann sein kann. Mein Mann.

„Ja, Liebling?“, haucht er und hält inne.

„Du … kann … ich …“, stammele ich atemlos vor Lust und Liebe. Ich schlucke und setze neu an. „Würdest du …? Ich möchte dich ansehen.“

„Liebend gern!“

Ich kann sein Lächeln quasi sehen, als er seine Hände aus meinen löst und sich neben mir aufstützt. Nach wenigen weiteren Stößen, die ebenso sanft sind wie alle vorher, zieht er sich aus mir zurück und kniet über mir. Ich drehe mich um und seufze tief, weil meine Erregung endlich wieder mehr Platz hat, doch im nächsten Augenblick taste ich am Kopfende nach dem Lichtschalter für die Kerzenlichtlampen und sehe ihn an. Kim, mein Kim.

Der mir heute Nacht schon mehrfach gezeigt hat, dass er mich will und niemanden sonst, unabhängig davon, was ich mache oder sage. Das schlechte Gewissen ist wirklich weg.

Ich strecke die Hände nach ihm aus und ziehe ihn auf meine Brust, genieße das Gefühl unserer sich berührenden Erektionen.

„So besser?“, fragt er und grinst schief, bevor er mich küsst und mich dabei nicht aus den Augen lässt.

„Nicht besser, nur anders.“



THEODORA SCHWEIGT





Ich glaube, ich habe Maik die ganze Nacht lang geliebt, körperlich, meine ich. Ansonsten tue ich ja sowieso nichts anderes.

Das ist so … einfach!

Ja, Maik Dexter, diesen großen, liebevollen, wunderbaren Mann zu lieben ist das Einfachste, das ich jemals getan habe. Also, es ist mir nicht schwergefallen.

Schwierig ist es durchaus hin und wieder, das habe ich ja zuletzt vorgestern Abend gesehen …

 Jetzt liegt Maik in meinem Arm und kuschelt sich murrend noch einmal an mich. Eigentlich müssten wir bereits im Stall sein, auch wenn heute nur wenige Pferde zu bewegen sind, weil einige Stallruhe haben und morgen von André und anderen Turnierreitern eingesammelt werden, müssen doch alle geputzt und gemistet werden.

Durch unseren akuten Ausfall am gestrigen Tag ist es mir besonders wichtig, dass wir heute wieder ganz regulär im Stall auftauchen.

Auch wenn meine Turnierstallbelegschaft gestern keinen Großputz, sondern lediglich das Nötigste machen musste, will ich die Gutmütigkeit von Timo, Pascal, Lukas und Tom nicht überstrapazieren.

Ich weiß genau, sie würden niemals etwas sagen, weil sie wissen, dass ich auch bei Sonderwünschen ihrerseits immer ein umgänglicher Teamleiter bin, aber heute sind nur zwei von ihnen da. Pascal und Lukas.

Ich überlege, ob ich Maik einfach schlafen lasse. Er ist noch immer sehr erschöpft, nicht nur von unserem langanhaltenden Liebesspiel in der Nacht.

Dieses angedeutete Etwas, ein scheinbar gar nicht so namenloses Grauen belastet ihn. Ich werde herausfinden müssen, was es damit auf sich hat. Noch kann ich mich nicht dazu überwinden, meine Arme von ihm gleiten zu lassen und aus dem Bett zu schlüpfen.

Er sieht ruhig aus, entspannt. Dennoch habe ich das Gefühl, dass ein Schatten auf seinem Gesicht liegt. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, sehe Gespenster, aber darauf lasse ich es ankommen.

Lieber einmal zu viel gefragt als einmal zu wenig.

Ich ziehe ihn noch einmal dichter an mich und genieße still und leise, dass ich jegliches Exklusivrecht an diesem Mann besitze. Von ihm persönlich ausgehändigt, mit Küssen, Seufzern und Lustschreien ebenso wie mit seinen Händen und seinen Worten.

Mein Mann.

Wahnsinn, vor ein paar Wochen hätte ich jeden ohne mit der Wimper zu zucken einweisen lassen, der mir erklärt hätte, dass ich, ausgerechnet ich!, mich so unsterblich verlieben würde. Dabei ist das hier längst mehr als Verliebtheit. Viel tiefer und näher.

Im Reflex oder Überschwang meiner eigenen Gefühle beuge ich mich über ihn, lasse kleine, leichte Küsse auf sein Gesicht herabregnen und wecke ihn so sanft, wie ich kann. Ich will in seine Augen sehen, will den Schatten von seinem Gesicht wegstreicheln, fortküssen, egal, Hauptsache weg damit!

„Guten Morgen“, hauche ich, als er sich regt.

Seine Augenlidern flattern kurz, dann sieht er mich erschrocken an. „Hab ich verschlafen?!“

„Beruhig dich, alles in Ordnung. Ich wollte nur so gern in deinen Augen ertrinken, dass ich es einfach nicht fertiggebracht habe, dich ausschlafen zu lassen.“

Er lächelt und seine Arme umschlingen mich fester. „Ich kann nicht ausschlafen, Kim, ich habe hier einen Job zu erledigen.“

Ich nicke. „Ja, und wenn du brav bist, darfst du nebenbei noch Pferde putzen oder reiten!“

Er sieht mich verständnislos an. „Wie bitte?“

„Na ja“, setze ich an und grinse breit. „Wenn es nach mir ginge, bestünde dein einziger Job darin, in meiner Nähe zu sein, aber weil das sicher langweilig wird, darfst du dich auch um die Pferde kümmern!“

Bevor ich es kapiere, liege ich unter ihm und werde fürchterlich ausgekitzelt. Der Schatten ist weg, einfach so, aber ich bin mir sicher, er wird zurückkehren.

Nicht jetzt, soviel kriege ich neben quietschendem Lachen und Gebettel um Gnade noch mit.

„Bitte, Maiky! Lass mich leben!“, jammere ich und ernte ein fröhliches Lachen von ihm, bevor er ernst wird und mich so fest an sich zieht, dass mir Luft und Spucke gleichzeitig wegbleiben. Ein erschrockenes Keuchen ist alles, was noch aus meiner Kehle dringt.

„Entschuldige!“, haspelt er hervor, „ich wollte dich nicht erschrecken, ich bin nur so wahnsinnig froh, dass du bist, wie du bist, Kim! Danke für alles!“

Ich lausche seinen Worten und muss hart schlucken. Mein Maik ist eben doch ein toller Mann.

„Hey, schon gut, Liebling!“, erwidere ich und streiche durch sein Haar. „Ich bin ja hier und ich werde den Teufel tun, dich wegzuschicken oder allein zu lassen!“

Noch einmal drückt er mich an sich. „Du willst wissen, was ich gestern gemeint habe – oder besser wen , nicht wahr?“

Ich blinzle und richte mich auf, als er sich von mir löst. „Wenn du meinst, dass ich gern wüsste, wer es gewagt hat, dir dein Selbstvertrauen zu nehmen, ja.“

Er seufzt tief und nickt, danach zieht er die Lippen nach innen und streckt seine Hand nach meinem Gesicht aus, um mit den Fingerkuppen sacht über meine Schläfe und meine Wange zu fahren. „Gib mir etwas Zeit, ja? Ich … kann das nicht einfach so erzählen, verstehst du? Ich … brauche da ein wenig Vorlauf.“

Mein Nicken kommt prompt und ich greife nach seiner Hand, um jede Fingerkuppe einzeln zu küssen. „Komm, Liebling. Du hast so viel Zeit, wie du brauchst.“

~*~

Es geht Maik nicht gut, das sehe ich, wann immer ich ihn beobachte, während wir die Pferde putzen und versorgen. Trotzdem weiß ich, dass ich ihm die Zeit lassen muss, die er braucht.

Deshalb versuche ich, mich abzulenken, gehe zwischendurch den neuen Schichtplan schreiben und kontrolliere die Pläne, die ich von den Teamleitern der anderen Ställe bekommen habe.

Alles sieht soweit gut aus, weshalb ich nach einer knappen Stunde wieder aus dem Büro flüchten kann. Ich bin unruhig, sobald ich aus Maiks Nähe gehe, woran das liegt, weiß ich nicht.

Seit letzter Nacht dürfte er mehr als genau wissen, wie ich zu ihm stehe, was er mir bedeutet und wie sehr ich seine Nähe genieße.

Das muss er doch verstanden haben, oder? Ich glaube, ich sollte jetzt besser nicht in irgendwelche Grübeleien oder Zweifel verfallen. Das hier mit Maik ist mir zu wichtig, als dass ich herumspekulieren oder mir was kaputtdenken will. Ich muss einfach dafür sorgen, dass er kapiert, also wirklich bis zur allerletzten Konsequenz kapiert, dass ich nichts anderes auf der Welt will als ihn, bei mir, immer.

Und da wären wir wieder im Land des unbegrenzten Kitsches …

Ehrlich, ist mir egal! Ich liebe ihn und ich werde nicht erlauben, dass seine Vergangenheit uns trennt!

~*~

Wir essen heute bei Theodora, weil wir sie anschließend dringend ausfragen wollen. Lu ist auch heute noch mit Hilal und seinem Gefolge auf der Rennbahn, also haben wir eventuell noch eine Chance, mehr zu erfahren und seine privaten Zimmer erneut zu durchforsten.

Ein wenig fürchte ich mich davor. Maik ist derzeit angeschlagen genug, ich weiß nicht, wie er reagieren wird, wenn er einen handfesten Beweis für seine große Befürchtung erhält.

Was, wenn es irgendwo noch Fotos gibt, die deutlicher und unmissverständlicher zeigen, wie Lu und Justin zueinander gestanden haben?

Ohne Frage, ich werde für Maik da sein, was auch immer passiert, aber ob das ausreichen wird, gerade weil er schon in solche Zweifel verstrickt ist, weiß ich nicht.

Ich kann das nicht abschätzen und für logische Schlüsse fehlt es mir schlicht an Informationen.

Als wir nach dem Essen so lange herumtrödeln, dass Theodora uns schon misstrauisch beäugt, setze ich mein charmantestes Lächeln auf und nicke Maik zu. Aus meinen letztlichen Versuchen weiß ich, wie sinnlos es wäre, wenn ich die Hauswirtschafterin ausfrage. Das muss einfach Maik machen, aber er soll wissen, dass ich hinter ihm stehe. In Wahrheit sogar neben ihm, und ich spüre erstaunt, dass er nach meiner herabhängenden Hand tastet, während er Theodora ansieht.

„Ich muss dich noch mal was fragen, Theodora …“, beginnt er und sie kommt von der Anrichte näher zu uns.

„Was ist denn, mein Junge?“ Ha, ihr Ton ist gleich ein ganz anderer als neulich bei mir!

Ganz sicher ist ihr nicht entgangen, dass meine Finger mit Maiks verschränkt sind, sie dagegen verschränkt nun ihre Arme vor der Brust und mustert uns mit geschürzten Lippen.

„Ich muss wissen, was damals war, verstehst du? Ich meine, mit meinem Vater.“

Theodoras Lächeln verschwindet und sie schüttelt den Kopf. „Maik, so leid es mir tut, ich kann und werde meine Loyalität gegenüber Ludwig nicht noch weiter ignorieren, um dich auf eine Fährte zu führen, die dir … euch beiden … nicht guttun wird.“ Sie sagt das fest und so kategorisch, dass ich enttäuscht schnauben muss.

„Du hast Angst um Kim“, sagt Maik im selben Ton und ihr Blick huscht erneut zu mir, bevor sie zögerlich nickt.

„Um euch beide. Ich meine das vollkommen ernst, Jungs. Lasst die Vergangenheit ruhen, solange es geht! Bringt Ludwig nicht auf den Trichter, euch schaden zu wollen! Und hört um Himmels willen auf, Händchen zu halten!“

Ich will reflexartig meine Finger von Maiks lösen, doch er fasst nach und sieht mich mit einem Lächeln, die Hauswirtschafterin sehr ernst an.

„Kim ist mit mir zusammen, Theodora, daran wird sich auch nichts ändern, solange er es sein will. Das, was er mit Ludwig hatte, ist vorbei. Einvernehmlich. Ludwig denkt nach wie vor, dass Jeremy mein Freund ist. Es besteht keine Gefahr für uns!“

Diesmal schnaubt sie und es klingt wie ein hartes, bellendes Lachen.

„Ihr habt ja keine Ahnung!“, fährt sie uns an und löst ihre Arme. „Ihr wollt den größten Ärger eures Lebens? Mal ein wenig was riskieren? Bitte! Legt euch mit dem in meinen Augen skrupellosesten Mann an, den ich kenne. Er wird, das garantiere ich euch, nicht zögern, selbst diejenigen, die er liebt, über die Klinge springen zu lassen! Du denkst wirklich, dass Kim nur ein Spielzeug für Ludwig ist?“

Maik nickt zögernd, aber er sagt: „War. Kim wird nicht hier bleiben.“

Theodoras Augen sprühen Funken. Erschrocken schnappe ich nach Luft.

„Lasst mich raten“, sagt sie mit schneidender Stimme, „Kim wird das Feuerried verlassen und mit dir nach England gehen. Ihr wollt euch da gemeinsam was aufbauen, so ganz in Ruhe … und dann wollt ihr bis an euer seliges Ende zusammen glücklich sein.“

Hohn und Spott, aber auch ganz klarer Schmerz liegen in ihren Worten. Sie versteckt etwas hinter diesem Sarkasmus, aber was?

Angst?

„Wovor hast du Angst, Theodora?“, frage ich leise und mustere sie ernst. Ihr Blick fährt zu mir.

„Ich will nicht, dass euch beiden was passiert, das ist alles. Und jetzt lasst mich allein, ich habe zu arbeiten!“



ACTION IM KINO





Nachdem Theodora uns rausgeschmissen hat, kehren wir in den Turnierstall zurück und ich sehe nach Möhrchen. Der Schnitt an ihrem Bein ist weit genug verheilt, ich will sie noch longieren.

Vielleicht bin ich übervorsichtig mit ihr, aber sie ist nun mal mein Liebling! Ich wüsste nicht, was ich machen würde, wenn ihr etwas passiert.

Ganz kurz denke ich an Theodoras Worte und die deutliche Warnung darin. Mal wieder hat sie mich vor Ludwig gewarnt, aber diesmal nehme ich sie ernster. Muss ich wohl, wenn ich bedenke, dass sie nicht ganz unrecht hat.

Selbst wenn mein Vater ‚nur‘ Ludwigs bester Freund war, bevor er von hier weggegangen ist, bleibt noch die Tatsache, dass er ihn ruiniert hat. Einfach so. Nicht nur ihn, das muss ich dabei wohl auch bedenken, denn Maik Christensen, der Besitzer des Rennstalls, bei dem meine Mutter ihre Ausbildung gemacht hat und mein Vater seine Karriere fortsetzen wollte, hat damals auch alles verloren. Das Gestüt gibt es nicht mehr und mein Namenspate, dem ich die unenglische Schreibweise meines Vornamens verdanke, lebt genauso irgendwo in den Vereinigten Staaten wie mein Vater.

Über ihn weiß ich nur sehr wenig. Im Grunde nur seinen Namen und dass er der Chef und Ausbilder meiner Mutter gewesen ist. Ich kenne ihn zwar, hatte aber nie viel mit ihm zu tun.

Ich hab nicht mal eine Ahnung, wie alt er genau ist. Aber meine Mutter weiß es. Sie weiß alles, auch alles von damals.

Manchmal denke ich, ich hätte mir diese ganze Rachesache sparen sollen. Aber das kann ich irgendwie gar nicht zu Ende denken.

Ich lege großen Wert auf Gerechtigkeit, immer.

Nun ja, es gab schon einige echte Entgleisungen meinerseits Kims gegenüber, die alles andere als gerecht oder auch nur gerechtfertigt waren, aber ich bin ja auch ein nichtswürdiger Trottel, wenn es um ihn geht …

Ich starre ein bisschen vor mich hin, während ich Möhrchen longiere und vergesse, mich weiter mit ihr zu bewegen, bis ich die sich um meinen Körper straffziehende Longe spüre und irritiert den Kopf schüttle. Ich schnalze mit der Zunge und Möhrchen bleibt brav stehen, während ich versuche, mich aus der Einwickelung zu befreien.

Kims fröhliches Lachen vom Gatter des Außenreitplatzes her lässt mich aufsehen und meine Flüche unterbrechen. Ich sehe ihm entgegen, als er auf mich zukommt.

„Na, du lässt dich wirklich von deinem Liebling einwickeln, was?“, fragt er und kichert noch immer. Ich kann nicht anders, ich starre ihn wie hypnotisiert an und überlege einmal mehr, womit ich diesen schönen Mann verdient haben soll.

Selbst die noch sehr gut sichtbare Verletzung auf seinem Wangenknochen wirkt schön an ihm. So absurd das ja sein mag, sie verleiht seinem ebenmäßigen, schmalen Gesicht ebenso Charakter wie sein leichter Bartschatten es tut. Mein Herz beschleunigt seinen Takt und ich vergesse das Atmen.

Verdammt, wie macht er das bloß immer? Ich meine, ja, er ist Mister Perfect, zumindest in meinen Augen und das reicht mir ja auch vollkommen, aber sollte ich angesichts der Tatsache, dass er mir mehr als deutlich bewiesen hat, wie sehr er mich liebt, nicht langsam etwas lockerer werden?

Hm, bin ich eigentlich doch auch … nur jetzt gerade, wo er quasi auf Tuchfühlung vor mir stehenbleibt und mich so durchdringend mustert, kann ich einfach nicht mehr klar denken.

„Bisher dachte ich, nur ich dürfte dich so einwickeln …“ Er grinst mich keck an.

„Äh … ja …“ Ich schlucke und bete, dass meine Hirnfunktionen wieder einsetzen. Wie kann er mich denn so eiskalt erwischen? „Du darfst noch ganz andere Sachen, Kim, das weißt du. Aber Möhrchen kann gar nichts dafür, ich war abgelenkt.“

„Aha? Wovon denn?“

Nun muss ich grinsen. „Ich hab über dich nachgedacht und du dürftest am besten wissen, wohin mein Blut sich dann gern bewegt …“

„Gott, du bist so unglaublich, Maiky!“, entfährt es ihm und darin liegt kein Spott, dafür etwas, das ich wohl am ehesten offene Bewunderung nennen müsste. Er lächelt, dann wird er ernst. „Rumschnüffeln wird heute nichts mehr, Lu ist in ein paar Stunden wieder da und tagsüber durch seine Räume zu schleichen ist unmöglich. Die Dienstboten sind da alle ständig unterwegs.“

Ich nicke. „Ist okay. Was machen wir dann heute Abend?“

„Ich denke, wir könnten das Heimkino testen. Ich will dringend wissen, ob die neue Leinwand hält, was sie verspricht. Außerdem ist der Raum klimatisiert …“

„Klingt gut!“

~*~

Herrlich, die riesige Liegewiese, von mir aus auch Spielwiese, im Heimkino ist prima dazu geeignet, sich lang auszustrecken und von den sommerlich erhitzenden Strapazen des hinter uns liegenden Tages zu erholen.

Zarte 20 Grad zeigt das Thermometer der Klimaanlage, die seitlich hinter der Tür versteckt liegt und laut Kim einen direkten Luftabzug nach oben hat. Es ist angenehm hier, so angenehm, dass ich erst wieder richtig spüre, welche andere, innere Hitze mich in Kims Gegenwart immer wieder befällt. Genau wie ein Fieber, nur weniger krankhaft … obwohl …?

Ich grinse vor mich hin, während Kim neben mir kniend den Projektor in Gang bringt. Wir tragen nicht gerade viel Kleidung, sehr bequeme noch dazu. Halblange Shorts und ärmellose Shirts, das war’s auch schon.

„Soll ich dir auch schon was einschenken?“, frage ich und hangle nach der Flasche und unseren Gläsern.

„Gern.“

Kim sinkt neben mich und hat die neue Fernbedienung in der Hand. Ähnlich einer Wii-Konsole ist die neue Leinwand quasi interaktiv und verfügt über kleine Sensorfelder, die Kim mit der Fernbedienung ansteuern und auswählen kann. Das Hauptmenü von Footloose erscheint und er schaltet den Originalton ein. Wir mögen Kevin Bacon beide ganz gern und ich habe diesen Film noch nie gesehen. Zumindest glaube ich das. Ich verlasse mich aber ganz auf Kims Urteil, wieso auch nicht?

Ich reiche ihm sein Glas, wenig später stellen wir beide unsere Getränke weg und wieder ist es Kim, der mir deutlich zeigt, was er will.

Aktiv und voller Verlangen, fordernd und sogar ein wenig ungestüm, beginnen wir ein heißes Liebesspiel in unserer fensterlosen Lasterhöhle. Kims Zunge fordert meine heraus, sie tanzen nicht, sie fechten.

Ich stöhne laut und unbeherrscht in seinen Mund und gebe mich ihm hin, willig und ohne Gegenwehr. Ich mache das gern und ohne jede Sorge um mein eigenes Wohl.

Mein Koalabärchen, wild und krallenbewährt, wird immer vorsichtig sein, wenn er mich nimmt.

Ich liege nicht lange nach dem ersten Kuss bereits vollkommen nackt in den Kissen und genieße seine neckenden Bisse, seine Zunge, seine Lippen, die abwechselnd über meine Haut fahren, zupfen, lecken, necken. Ich seufze und streichle ihn, schiebe meine Finger in sein Haar, während er den Kopf tiefer wandern lässt, meinen Schwanz tief in seinen heißen Mund nimmt und mein hochstoßendes Becken mit seinen Händen unerwartet kraftvoll niederdrückt.

„Kim!“, zische ich atemlos und er hält inne, entlässt meine Erektion aus seinem Mund und pustet über die feuchte Haut, um mich zu provozieren.

Klappt natürlich. Ich spanne die Bauchmuskeln an und richte mich auf, um ihn zu umfassen und zu einem langen, tiefen Kuss an mich zu ziehen.

Vielleicht ist es nach der gestrigen Nacht, in der Kim mir so unsagbar viel gegeben hat, Aufmerksamkeit, Bewusstsein, Liebe, an der Zeit, wieder aktiver zu werden. Nicht nur zu genießen, genossen zu werden, sondern auch andersherum.

Meine Hände machen sich selbständig und ich begrabe Kim mit einer schnellen Drehung unter mir. Er seufzt auf und seine noch anwachsende Erektion teilt mir fest an mein Becken gepresst mit, wie sehr es ihn anmacht, dass ich nach meiner Passivität wieder das Ruder übernehme.

„Da bist du ja wieder“, bringt er keuchend hervor und ich küsse ihn deutlich sanfter. Das hier will ich genießen, will ihn genießen lassen, will ihm alles geben, was ich zu bieten habe. Nur ihm.



MONTAG, 22. JULI



NÄHKÄSTCHEN?





Wow, was für ein Abend, was für eine Nacht! Ich blinzle in das Halbdunkel eines Montagmorgens, als der Wecker uns unbarmherzig aus dem Schlaf reißt.

Das Erste, was ich mache, ist, mich in Maiks Armen zu ihm umzudrehen, nachdem ich den Störenfried abgeschaltet habe. Er zieht mich dichter an sich und ich blicke in seine Augen. Die Rollläden sind nicht komplett herabgelassen, sondern lassen durch kleine Spalten noch das Licht des frühen Morgens einfallen.

Ich kann nichts weiter tun, als ihn anzulächeln. Ob er eine Ahnung hat, wie zärtlich und erfüllend das war, was er gestern Nacht im Heimkino mit mir getan hat? Wie viele Gefühle er mir damit von sich preisgegeben hat?

Meine Lippen finden seine und ich küsse ihn leicht und federnd. Sofort erwidert er meine Zärtlichkeiten und nimmt danach Abstand, um mich ebenso anzusehen wie ich ihn.

Verträumt, irgendwie, vielleicht auch verzückt.

Oh Mann, ich himmle Maik gerade an! Herrliches Gefühl.

„Wir müssen aufstehen, dabei würden mir grad tausend Sachen einfallen, die ich lieber mit dir täte“, murmele ich und höre selbst, wie wehmütig das klingt.

Maik knurrt leise auf. „Tausend Sachen? Was denn zum Beispiel?“ Er ist über mir, bevor ich ‚piep‘ sagen kann und küsst sich an meinem Hals entlang, den ich ihm nur zu gern dafür anbiete und meinen Kopf weit in den Nacken strecke, während meine Hände sich in seinen Seiten verkrallen. Er knurrt erneut und knabbert an den vortretenden Sehnen meines Halses, während mir nur zu deutlich wird, wie erregt wir beide schon wieder sind.

Alles, wofür wir jetzt Zeit hätten, wäre ein schneller, harter Quickie, aber bei aller Geilheit kann ich mich dafür nicht erwärmen. Was wir im Moment brauchen, ist liebevoller, sanfter Sex, der vor allem Maik immer wieder daran erinnert, wie wichtig er mir ist und wie wenig mich interessiert, was dieses bislang ungenannte Arschloch in seiner Vergangenheit mit ihm angestellt hat.

Ich staune, habe einige Augenblicke lang den Eindruck, er habe meine Gedanken gelesen, denn Maik stützt sich zu meinen Seiten ab und lächelt.

„Ich glaube, 999 davon hebe ich mir für heute Abend auf, Koalabärchen!“

Ich blinzle einmal, zweimal, dann beginnt er zu kichern und rollt sich von mir weg, um sich über meine Erektion zu beugen und mit einem schnellen Zungenschlag den glitzernden Tropfen von meiner Eichel zu lecken.

Ich atme scharf ein und traue meinen Augen nicht, als er danach Abstand nimmt, den Tropfen sichtlich genießend auf seiner Zunge zergehen lässt und nahtlos aufsteht.

Nichts wie hinterher! Unter der Dusche habe ich immerhin eine kleine Chance auf eine Revanche!

~*~

So einen normalen Tag hatten wir seit längerem nicht und ich bin froh darüber, einfach nur zwischen den Pferden, der Sattelkammer und den Außenreitplätzen hin und her zu gehen, die Tiere zu bewegen, deren Anmut mich seit frühester Kindheit fasziniert hat, Maik zu beobachten und hin und wieder sogar ein paar unverfängliche Worte mit ihm zu wechseln.

Ich muss mich sehr beherrschen, immerhin ist Lu wieder auf dem Feuerried und ich will einfach nicht, dass er hinter unsere Beziehung kommt.

Zu deutlich ist mir noch in den Ohren geblieben, was Theodora gesagt hat. Und es bestätigt eine meiner Befürchtungen, die ich in Maiks Nähe lieber nicht laut ausspreche.

Nach dem Mittagessen, wir kommen gerade in einer Gruppe von mehreren Personen aus der Gesindeküche zurück, hält Lu mich auf und bittet mich, ihm in sein Büro im Erdgeschoss zu folgen. Den Grund für diese Unterredung nennt er nicht, aber ich kann es mir denken. Viele Möglichkeiten stehen ja auch nicht zur Auswahl. Er könnte wegen meines Nachfolgers mit mir sprechen oder die Vereinbarung unseres Deals nun offizieller aufheben wollen.

Letzteres ist nicht einmal nötig. Es gibt keinen schriftlichen Vertrag über den Deal, weil wir beide immer gewusst haben, dass ein solcher aufgrund des klaren Verstoßes gegen die sogenannten ‚guten Sitten‘ so oder so in jedem einzelnen Punkt anfechtbar oder gar nichtig gewesen wäre.

Maiks Blick bohrt sich in meinen Rücken, während ich hinter Lu her gehe. Ich würde ihm gern noch etwas sagen, ihm irgendwie die Angst nehmen, mir könnte jetzt noch etwas passieren, aber wie soll ich das? Erstens würde Lu es hören und zweitens bin ich mir gar nicht so sicher, dass nichts passieren wird!

Ich schließe die Tür hinter mir und folge ihm zum Schreibtisch, hinter welchem er sich sofort niederlässt und mir mit einem Nicken bedeutet, ebenfalls Platz zu nehmen. Das tue ich auch und mustere ihn fragend.

„Worum geht’s?“

Lus Blick fixiert mich schweigend, während er sich zurücklehnt, seine Ellenbogen aufstützt und die Lippen schürzt.

„Willst du das Feuerried wirklich verlassen?“

Ich nicke und ziehe die Brauen kraus. Was für eine Frage! „Ja.“

„Hm.“

Er schweigt lange, so dass ich schon aufseufzen will.

„Wie viel Zeit gibst du mir, um einen Nachfolger zu finden?“

Okay, das ist echt eine schwierige Frage! Immerhin wird Maik das Gestüt in etwa dreieinhalb Wochen verlassen müssen. Einfach, weil seine ‚Semesterferien‘ dann um sind. Aber kann ich dann mit ihm gehen? Ich muss so oder so warten, mindestens so lange, bis Lu keinen Verdacht schöpft …

Wobei … da ist noch etwas. Maik und ich haben nie wirklich besprochen, dass ich mit ihm gehen kann, zu ihm. Zweifel überkommen mich für ein paar schmerzhafte Herzschläge. Ich will es, ja, sicher!

Aber das ist eben nichts, was ich allein entscheiden könnte!

„Ich denke, du weißt, wie wichtig mir dein Gestüt ist und dass ich nicht vorhabe, hier fluchtartig zu verschwinden, solange du es nicht ausdrücklich sagst. Wenn du also … sagen wir … drei Monate brauchst, werde ich drei Monate warten.“

Lus aufmerksamer Blick hätte mich warnen sollen. Nun werden seine Augen schmal. „Du hast also noch nichts Neues?“

Super, was sag ich denn jetzt?

„Ich bin flexibel“, versetze ich.

Lus anzügliches Grinsen spricht Bände und jagt mir eine leichte Gänsehaut über den Rücken. Nur mit Mühe unterdrücke ich ein sichtbares Schaudern. Diese Genugtuung will ich ihm nicht gönnen.

„Was müsste ich dir geben, um dich ein letztes Mal flachlegen zu dürfen?“, fragt er schließlich und sieht mich ernst, aber durchaus offen und freundlich an.

„Du besitzt nichts, was du mir dafür geben könntest“, antworte ich mit kalter Stimme. Woher ich diese Festigkeit, diese Stärke nehme, wird mir im nächsten Augenblick klar.

Von Maik. Aus seiner Liebe.

Nie im Leben werde ich mich von jemand anderem als ihm anfassen oder gar flachlegen lassen. Dieses Vorrecht hat allein er. Der Mann, mit dem ich alles teilen und alles sein will – und kann!

Das weiß ich einfach. Unumstößlich.

„Hm“, macht er wieder. „An wem liegt es, Kim?“

„An mir.“ Klar, was soll ich wohl auch sonst sagen?

„Das ist wahr, du hast dich verändert.“

Ich nicke. „Ja, ich habe gemerkt, dass es Dinge gibt, die ich nicht mehr tun will, egal, was ich am Ende dafür bekäme.“

Lu schürzt erneut die Lippen, sagt aber nichts.

„Wieso hast du deinen Geburtstag zum Stichtag gemacht?“, frage ich, ohne noch lange darüber nachzudenken. Ich muss das wissen. Es scheint ja einen Grund zu geben, und wenn ich ihn jetzt nicht frage, entgeht mir vielleicht eine passende Gelegenheit dazu.

„Ich hasse das Feuerried, Kim. Aber ich liebe dich.“ Ein schon wehmütiges Lächeln kräuselt ganz kurz seine Mundwinkel und ich bin mir sicher, hätte ich geblinzelt, wäre es mir nicht aufgefallen.

„Tust du? Hm, wieso hast du mich dann in all den Jahren betteln und winseln lassen? Nie wolltest du, dass ich dich anfeuere oder auch nur geil werde von dem, was du getan hast. Wie passt das zusammen mit deiner Liebe?“

„Vor 25 Jahren ist etwas passiert, das an meinem Geburtstag eine Art … Jubiläum hat. Ich habe den Termin für … passend gehalten, um mit all dem hier abzuschließen. Auch mit dir.“

Mit mir? Was muss er denn mit mir abschließen?

„Du bist mir verfallen, Lu, glaubst du, ich wusste das nicht? Ich brauchte doch bloß zur richtigen Zeit auftauchen und du wolltest nichts weiter, als mich ficken.“

Er nickt und wirkt weniger provoziert, als ich erwartet hätte. Trotzdem schweigt er mich eine Weile an, bevor er reagiert. „Etwas an dir macht mich abhängig, das ist wahr. Etwas, das man vermutlich weder greifen noch benennen kann.“

Mein schwarzes Haar? Meine grauen Augen? Ich würde gern fragen, aber diese Provokation verkneife ich mir besser. Er könnte Verdacht schöpfen, dass ich geschnüffelt habe, dass ich Dinge weiß, von denen er denkt, sie seien ein gut gehütetes Geheimnis.

Ich bin ein Faksimile von Justin Fallner, daran gibt es nichts zu rütteln!

Trotzdem sollte ich ihn nicht auf diese Fährte bringen.

„Aha“, sage ich deshalb nur. „Und das verschwindet an deinem Geburtstag?“

„Nein, aber ich wollte dann verschwinden.“

„Okay“, ich atme tief durch und mache Anstalten, mich zu erheben, „dann kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen oder hattest du noch eine andere Frage?“

„Nein, ich werde jetzt, so ungern ich es auch tun mag, daranmachen, meine Kontakte in Gang zu bekommen, um einen neuen Gestütsleiter zu finden.“

Ich erhebe mich und sehe ihn an. „Wenn ich heute meine Koffer packen würde, würdest du dann hier auf dem Feuerried bleiben?“

„Nein“, kommt es pfeilschnell zurück. „Ich werde gehen. Aber mit deinem Weggang, so oder so, werde ich niemandem mein Vermögen vererben, sondern Besitzer bleiben.“

Seltsame Antwort. Hat er nicht gesagt, er hasst dieses Gestüt?!

„Es tut mir leid, Lu“, gebe ich zurück und meine es wirklich so. Ganz sicher nicht wegen des Deals, sondern weil er nun niemanden mehr hat, dem er anvertrauen will, was er mir anvertrauen wollte.

Ich gehe zur Tür und verlasse nach einem letzten Nicken den Raum.

Keine zehn Schritte mache ich durch den Flur, dann höre ich Maik neben mir sprechen. „Bist du okay?“

Er ist bei mir, bevor ich reagieren kann, zieht mich in eine Nische des Flures und umarmt mich zitternd. Verdammt, hat er sich solche Sorgen gemacht?

Blöde Frage, natürlich hat er!

Ich lächle ihn an und erwidere nach einem Schulterblick die Umarmung, bevor ich mich nachdrücklich von ihm losmache.

„Ja, bin ich! Was tust du hier?“

„Na, auf dich aufpassen“, gibt er zurück und ich schüttle mit einem gutmütigen Lächeln den Kopf.

„Verrückter Kerl!“, sage ich viel zu zärtlich. Ich sollte böse mit ihm sein, weil er sich in Gefahr bringt und vor allem verdächtig macht!

„Verrückt nach dir.“

Ich seufze und nicke den Gang hinab. „Komm, lass uns hier verschwinden, bevor er aus seinem Büro kommt.“



ANRUF





Ja, ich weiß, wie unvernünftig es gewesen ist, nicht gleich wieder zum Stall zu gehen, sondern stattdessen hier auf Kim zu warten, angestrengt darauf zu lauschen, ob ich auch nur den leisesten Schrei von ihm höre, während er in Ludwigs Büro ist.

Aber was soll ich denn machen? Ich werde nicht riskieren, dass Kim noch einmal so erbärmlich zitternd und verletzt – körperlich, wie seelisch – in meinen Armen liegen muss wie vor einer Woche!

Dennoch hat er recht, in gehörigem Sicherheitsabstand folge ich ihm hinaus und gehe zum Stall zurück. Wir machen uns wieder an die Arbeit, die ich nur sehr ungern unterbreche, als mein Handy in der Hosentasche zu vibrieren beginnt. Ich sitze glücklicherweise gerade nicht auf einem Pferd, sondern stehe auf dem Außenputzplatz jenseits des Turnierstalls.

„Jers? Was ist los?“, frage ich leicht genervt in das Gerät und ernte promptes Schweigen. „Sorry, ich bin grad dabei, eine etwas kapriziöse Stute zu satteln …“

„Ah, ich verstehe. Und hallo, Süßer!“ Jeremy klingt versöhnt mit meiner rüden Begrüßung.

„Hallo, wie geht es dir?“

„Oh, mir gut, aber … Maik, ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll, aber ich … Ist mir etwas peinlich, aber ich hab deine Mutter beim Telefonieren belauscht …“

„Aha?“ Das klingt nicht wirklich spannend, andererseits stammelt Jeremy nun wirklich selten so vor sich hin. Muss wohl doch was Ernstes sein.

„Ja, sie … hat deinen Vater angerufen und nach Deutschland zitiert. Ich hab nicht alles verstanden, aber … ich denke, er wird bald bei euch auftauchen und dich rundlutschen, weil du ausgerechnet dort bist …“

„Hm“, mache ich und überlege schon, was genau das zu bedeuten hat. Klar, mein Vater wird hochgradig angepisst sein, dass ich einfach auf eigene Faust hierher gegangen bin, um … na ja, zu tun, was ich tun will.

„Maik, hast du mich verstanden? Er wird ganz sicher bei dir aufschlagen und dir den Einlauf deines Lebens verpassen!“ Jeremy klingt besorgt und mitfühlend. Auch er kennt meinen energischen Vater nur zu genau von früher. Was meinem Dad an Körpergröße fehlen mag, macht er durch eine unfassbare Präsenz wieder wett. Justin Fallner sieht man nicht von oben herab an, nur weil er knappe einssechzig groß ist. Mir gegenüber hat er sich zwar nie wahnsinnig autoritär benommen, aber bislang habe ich auch nie so klar gegen eine seiner Anweisungen verstoßen.

„Na, was soll er schon tun? Denkst du wirklich, dass er zum Feuerried kommen und mich von hier wegschleifen wird? Ich bin erwachsen!“

Jeremy lacht auf, aber es klingt gepresst. „Keine Ahnung, was er tun wird, aber Helen hat ihm die Hölle heißgemacht!“

„Okay, ich … danke für die Warnung. Mal sehen, ob er wirklich herkommen wird.“ Dann fällt mir etwas ein. „Hast du eine Ahnung, wieso sie den Deal mit mir gebrochen hat?“

Klar, Jeremy weiß sehr genau, dass die acht Wochen, die ich mit meiner Mutter vereinbart habe, noch nicht um sind.

„Sie ist seit einer guten Woche komisch drauf … Ich glaube, das fing an, als sie Kim gesehen hat. Frag mich aber bloß nicht, was das mit ihm zu tun haben soll!“

„Vielleicht damit, dass mein Vater auch mal schwarzes Haar und graue Augen hatte“, zische ich verächtlich und ernte ein erstauntes Schnauben von meinem besten Freund.

„Wie bitte?!“

„Hab ich dir das noch nicht erzählt? Ach, egal, müssen wir mal in Ruhe drüber sprechen, jetzt ist grad echt schlecht. Jazira trippelt schon ungeduldig neben mir herum.“

„Okay, dann meldest du dich?“

„Ja, in den nächsten Tagen, will ja wissen, was du zu Salih sagst …“

„Helen kommt zurück, ich muss auflegen. Ich wünsch euch was!“

Klick. Ich atme tief durch, bevor ich das Handy wieder in meine Hosentasche schiebe und Jazira endlich den Sattel auflege.

„Ist ja gut, mein Mädchen. Geht gleich los!“, sage ich zu ihr und klopfe auf ihren Hals.

Ich sitze wenig später auf und reite mit ihr zum Außenplatz. Die Sonne brennt heute nicht weniger stark vom Himmel herab wie gestern, und ich freue mich schon auf das geplante Bad im See heute Abend. Noch habe ich zwei Pferde zu bewegen und Kim begrüßt mich von Catos Rücken aus, als ich bei ihm angelange.

„Hey, was meinst du, wollen wir nachher was zu Essen mit zum See nehmen?“

„Klingt gut. Mir würden etwas Obst und ein paar Brote reichen. Heiß wird mir dort sowieso wieder genug“, sage ich grinsend und weiß, dass er mich versteht.

„Klar, mir doch auch. Die anderen wollen nachher zum Grillpavillon. Wusstest du, dass Nils und Sandra zusammen sind?“

„Ja, hab sie neulich mal am See getroffen. Fand das echt süß, vor allem, weil sie sich ja nun wirklich nichts gefallen lässt!“ Ich lache.

Wir machen unsere Trainingseinheiten, bringen die Pferde weg und bereiten die nächsten vor, dabei erzähle ich Kim, dass Jeremy angerufen hat und richte auch die Grüße aus. Was mein bester Freund mir erzählt hat, muss warten, bis wir wirklich allein in der geheimen Bucht sind.

Davon abgesehen wird Kim mir dann wohl auch endlich sagen können, was Ludwig vorhin von ihm wollte.



NARBEN DER VERGANGENHEIT





Wir liegen auf unserer Decke in unserer Bucht, also, am Ufer natürlich … Es ist wunderschön hier, durch die Bäume rundum ist es nicht so heiß wie auf offenem Gelände, aber noch immer warm genug, dass sich ein kontinuierlicher Schweißfilm auf unserer Haut bildet.

Ich habe Maik alles gesagt, was ich von Lu gehört habe, und wir haben eine Weile über dieses Geburtstags-Jubiläum spekuliert, bevor er mir von Jeremys Anruf und der Möglichkeit berichtet hat, dass sein Vater bald hier auftauchen könnte.

Ich weiß nicht so ganz, was ich davon halten soll, aber ich spiele mit dem Gedanken, unten am Tor anzurufen, damit man mich sofort informiert, wenn Justin Fallner aufkreuzt. Ich will einfach Bescheid wissen, damit ich in der Nähe bin, wenn er seinem Sohn den Marsch blasen will.

„Ich werde am Tor die Anweisung geben, dass ich sofort angerufen werde, wenn er ankommt.“

Maiks erstaunter Blick trifft mich. „Wieso das?“

Ich lehne mich gegen ihn und küsse seine nackte Schulter. „Weil ich dich nicht mit einem wütenden Typen allein lassen werde, egal ob er dein Vater ist oder nicht!“

Maiks Hände gleiten um mich, er lacht leise. „Mein Held!“

Ich mustere ihn noch einmal forschend. Nimmt er mir das wirklich nicht übel? Ich muss wohl fragen, was ich auch prompt mache.

„Wieso sollte ich deshalb sauer sein, Kim? Du bist, das hast du in den letzten Tagen eindrucksvoll bewiesen, der Erwachsenere von uns beiden. Und das Feuerried untersteht dir. Ich vertraue deinem Urteil und ehrlich gesagt, freue ich mich, dass du so zu mir stehen willst. Auch wenn es nicht ganz so funktionieren wird, wenn du verhindern willst, dass Ludwig etwas mitkriegt …“

Guter Einwand. Das stimmt tatsächlich. „Aber die Wachen werden mich und nicht Lu informieren. Außerdem muss dein Vater ja den Grund seines Besuches angeben.“ Ich grinse und küsse seine Nasenspitze. „Und der Gestütsleiter darf überall dabei sein, immerhin unterliegt hier – zumindest noch – alles meiner Verantwortung.“

„Hm, meintest du das neulich ernst, dass du mit mir woanders neu anfangen wollen würdest?“ Seine Stimme klingt unsicher.

„Ja, also, vorausgesetzt, du willst das auch. Ich will mich nicht aufdrängen und dich auch nicht in deinen eigenen Zukunftsplanungen einschränken oder stören.“

Er zieht mich dichter an sich, bis ich auf ihm liege und seine Arme mich erneut umfangen. Er lässt seine Fingerspitzen über meine Haut gleiten, bis er an meinem Gesicht ankommt. Sein Gesicht wird so bitterernst, dass sich in meinem Magen ein dicker, kalter Klumpen bildet, während er vorsichtig über den Schnitt in meiner Wange streicht.

„Ich habe dir weh getan. Es macht mir Angst, dass ich zu so etwas in der Lage war, Kim.“

Was sage ich denn jetzt? Alles nicht so schlimm? Ich lebe ja noch? Im Grunde hat er recht, mich schockiert diese Wunde jeden Morgen, wenn ich mich rasiere und mir die Zähne putze. Ich frage mich dann doch auch jedes Mal, ob sich so etwas wiederholen kann und vielleicht auch wird.

„Wieso hast du mich weggeschubst?“, frage ich leise.

„Weil …!“, beginnt er energisch und bricht mit einem Ausatmen ab. „Keine Ahnung … ich … Vielleicht aus Hilflosigkeit? Ich fühlte mich in dem Moment so … so … ohnmächtig. Es war, als wäre es vollkommen egal, was ich möchte und mir wünsche. Als würdest du einfach weitermachen wie bisher …“

„Und das wolltest du nicht?“, frage ich leise und streiche über seine Schläfen.

Er schnaubt missmutig auf. „Nein. Natürlich nicht! Ich meine, klar, du sollst doch immer und gern deine eigenen Entscheidungen treffen, immerhin ist es dein Leben! Aber …“ Er bricht wieder ab und sieht mich so hilflos an, dass ich nicht anders kann, als ihn einfach zu küssen.

„Ich liebe dich und es tut mir sehr leid, dass ich dich wegen des Deals zuerst betrogen und dann im Unklaren gelassen habe. Ich glaube, nur deshalb bist du so ausgeflippt.“

Maik seufzt und zieht meinen Kopf an seinen, bis unsere Stirnen sich berühren. Er schließt die Augen, ich sehe seine langen, dichten Wimpern dunkel auf seinen Wangen aufliegen. Gott, dieser Mann sieht einfach traumhaft aus!

„Nicht nur deshalb“, murmelt er schließlich. Ein schmerzhaftes Kieksen dringt aus seiner Kehle, obwohl er die Lippen fest aufeinanderpresst.

Sofort vergrößert sich der Klumpen in meinem Magen und ich stütze mich ab, um ihn genauer zu betrachten. Er ist komplett angespannt, regelrecht verkrampft!

„Maik? Hey, Maiky, was ist passiert?“, frage ich ebenso leise und lasse mich neben ihn rutschen, um ihn an mich zu ziehen. Seinen Kopf an meine Brust, beschützend und irgendwie doch so hilflos. Ja, verdammt, seine Haltung macht mir Angst! Ich weiß nicht, wie ich ihm helfen soll oder kann!

Er bleibt so starr, verkrampft, und ich habe Mühe, ruhig genug zu bleiben. In mir tobt ein Orkan. Ich will ihm doch helfen!

Vor ein paar Wochen habe ich ihm hier von Steffen erzählt, aber ich bin mir jetzt schon sicher, dass meine harmlosen Erfahrungen nicht mit dem mithalten können, was er erlebt haben muss. Umso erstaunlicher ist, dass er mit mir noch einmal riskiert hat, sich auf Gefühle einzulassen.

Heiße Tränen rinnen über meine nackte Haut und seine Hände vergraben sich fast schmerzhaft in meine Seiten.

„Scht, Liebling. Ich bin ja bei dir …“

„Ich …! Kim, ich hab das so lange verdrängt! Ich …!“ Sein Schluchzen wird hörbar, sein Griff fester. Ich beiße die Zähne aufeinander und werde den Teufel tun, ihn jetzt irgendwie zu stören. Trotzdem greife ich nach seinen Händen und nehme sie in meine. Ich richte mich auf und ziehe ihn wieder an mich.

„Du musst es nicht sagen, Maiky. Ich sehe doch, dass du unter irgendwas leidest.“

Er schnieft und hebt den Kopf, um mich anzusehen. „Ich habe dich nicht verdient.“

„Rede keinen Unsinn!“, fahre ich ihn an, lächle aber sofort beschwichtigend. „Hey, ich bin hier, ich liebe dich und ich will, dass es dir gutgeht. Wenn irgendwas, das ich getan habe, dich nun an etwas Schlimmes erinnert, dann werde ich dir zuhören, wann immer du reden möchtest.“

„Sag ich doch.“ Er mustert mich und schnieft noch einmal, dann richtet er sich etwas auf und lächelt schief. In seinen Augen liegt Liebe, das weiß ich genau. Jadeschimmernde, tränenschwimmende Liebe.

Mein Herz dehnt sich in meinem Brustkorb fast schmerzhaft aus. Ich streichle seine Wangen, wische die Tränen fort und küsse ihn.

„Hör auf, bitte. Mir ist egal, was andere denken oder gedacht haben mögen, für mich bist du der wichtigste Mensch auf der Welt.“

Er umarmt mich heftig, was mich zum Lachen reizt.

„Hey, Großer, das weißt du doch!“, setze ich hinzu.

„Er war ein paar Jahre älter als ich, Kim. Und er war … keine Ahnung, ich hielt ihn für einen Halbgott, was angesichts der Tatsache, dass du tausendmal toller bist, reichlich albern ist, so im Nachhinein betrachtet …“ Er schüttelt über sich selbst den Kopf und schließt die Augen wieder. „Sein Name war Sean, er war an der gleichen Uni und im ersten Semester mein Tutor. Keine Ahnung, ich hab mich am Anfang gar nicht für ihn interessiert. Ich war grade erst von Evan getrennt, hatte ein paar nette One-Night-Stands und mehr wollte ich gar nicht. Aber er wollte mich.“

Ich sehe Maik aufmerksam an, streichle noch immer seine Wange, lehne mich dicht an ihn oder ziehe ihn an mich, so ganz klar ist das nicht mehr, aber das macht nichts.

„Er sah gut aus, dunkles Haar, blaue Augen, ein Wahnsinnskörper, sportlich, muskulös, trainiert eben. Er war sexy und ich … na ja, irgendwann hatte er mich so weit.“ Er seufzt tief.

„Steter Tropfen höhlt den Stein, wie man so schön sagt. Er hat mich eingeladen, immer wieder angebaggert und irgendwann hab ich angebissen. Immerhin war er beliebt, sah toll aus und vom Charakter her hielt ich ihn für passend, irgendwie. Ich hab mich ziemlich in ihn verliebt.“

Wir schweigen eine Weile, in der wir einander nur nah sind. Dann sieht er mich wieder an.

„Wir waren ein paar Monate zusammen, ungefähr so lange, bis er wusste, dass ich ihm vollkommen verfallen war. Dann fing der Terror an.“ Er klammert sich plötzlich an mich, so fest, dass es schmerzt und ich ein entsprechendes Zischen nicht verhindern kann.

„Entschuldige!“, haspelt er und lockert den Griff wieder.

„Terror?“, frage ich erstaunt und spüre, wie eine unbestimmbare Wut in mir aufwallt. Niemand darf Maik terrorisieren!

„Er … na ja, er hat mir weh getan. Nicht nur körperlich, sondern besonders seelisch. Sean hat sich von mir getrennt, ohne auch nur einen Grund zu nennen, aber ich konnte das natürlich nicht hinnehmen und bin ihm nachgerannt … Er ließ sich so weit darauf ein, dass er wieder mit mir schlief … Okay, so sollte man das wohl nicht nennen … er fickte mich rücksichtslos durch, wann immer er Lust dazu hatte. Mir war das egal, ich war so verliebt, dass ich das positiv gewertet habe.“

Er atmet tief durch und zittert. „Er hat mich … zu seiner Hure gemacht.“

Maiks Stimme kippt und erstirbt. Ich ziehe ihn wie in einem Reflex dichter an mich. „Ich bin hier!“, murmele ich eindringlich.

„Ja, ich weiß, sonst … wäre ich schon ausgeflippt vor Angst. Weißt du, diese Erinnerungen machen mir höllische Angst! Ich habe mich aufgegeben für ihn, habe mich benutzen lassen und das für Liebe gehalten. Für Liebesbeweise. Dabei hat er mich nur … Ich war wie eine wandelnde Sexpuppe für ihn. Er wurde immer brutaler und … na ja, letztlich war es Jers, der mich von Sean weggeholt hat. Er hat ihn sogar verprügelt und dafür eine Anzeige bekommen, weil er niemandem den Grund für die Schlägerei nennen wollte …“

„Jeremy ist dein bester Freund …“, erinnere ich ihn und auch gleich mich.

Er nickt. „Ja, das ist er … Seitdem … Also, nach Sean, war er der Einzige, der mich … ich war sonst immer aktiv.“

Das verstehe ich vollkommen. „Ist nur logisch“, sage ich.

„Weißt du, für Logik war ich damals nicht zugänglich. Ich sah die blauen Flecken, die Wunden und Striemen beim Duschen, aber ich hielt sie für Liebesbeweise … Ich weiß, dass das pervers ist, also heute weiß ich es, aber damals erschienen mir die Verletzungen wie sichtbare Zeichen der Liebe, die Sean noch immer für mich hatte. Und mehr wollte ich doch gar nicht!“

Er sieht mich hilflos an und ich lasse diese Bemerkung über Logik auf meiner Zunge zergehen, rolle sie in meinem Kopf hin und her.

Denn darin liegt eine neue Dimension des Verstehens für mich. Endlich wird mir begreiflich, wieso Maik meinen Status als Lus Hure so verabscheut hat, wieso er so dagegen war, so abfällig darüber gesprochen hat. All das hat ihn an Sean und das offensichtliche Martyrium erinnert, das er während des Studiums erlebt hat.

Mein Blick gleitet nun mit ganz anderem Fokus über seinen Körper, seine Haut. Er hat ein paar helle Stellen am Rücken, die durchaus Narben von damals sein könnten. Man fühlt sie nicht beim Darüberstreicheln, aber sie sind da und gewinnen eine neue Dimension. Nein, sie schaffen eine weitere Dimension in Maik. Für mich nun verständlich und sichtbar.

„Ich liebe dich.“ Mehr kann ich nicht sagen. Sagen ist sowieso schon übertrieben, ich wispere es, dicht an seinem Ohr, registriere, dass er den Kopf ruckartig hebt und mich anstarrt.

„Wie kannst du das, nachdem ich dir so was angetan habe“, er deutet auf meine Wange, „und dir so viel Verachtung entgegengebracht habe? Noch dazu für etwas, das ich selbst auf viel schlimmere Art mit mir habe machen lassen?“

Er schluchzt auf und … nein, das bin ich!

Ich werfe mich mehr oder weniger kräftig gegen ihn und schluchze laut los. Mein Blick verschwimmt und ich bringe von vielen Pausen unterbrochenes Gestammel über die Lippen, das hoffentlich, hoffentlich trotzdem alles sagt, was in mir ist, was raus muss, jetzt und hier.

„Ich versteh das! … bist doch … mein Ein und … Alles! … Maik! … will dir … helfen! … nur helfen! … da sein … für dich …“

Er ist durch meinen Anprall natürlich umgekippt und hat mich mit sich genommen. Nun liege ich halb auf ihm und er umklammert mich auf eine so süßlich schmerzhafte Art, dass mir schlichtweg egal ist, ob ich im nächsten Moment ersticke. Ich bin bei ihm und er ist bei mir, so nah, so traurig, so voller Liebe.

„Ich liebe dich, Kim.“

Ich höre es und sehe nach einigem Geblinzel, dass er mich anlächelt und den Griff wieder lockert. Er hebt den Kopf und küsst mich, streicht die Tränen von meinen Wangen.

„Ich … pass auf dich … auf, Maik!“, würge ich neben den Schluchzern hervor und erwidere den Kuss voller Liebe.



















DIENSTAG 23. JULI



JUSTIN FALLNER





Okay, ich gebe es auf, von Kim oder Begebenheiten, die ich mit ihm erlebe und verbinde, noch in Superlativen zu reden. Es bringt nämlich gar nichts, weil mir irgendwann keine mehr einfallen werden.

Was bleiben wird, ist meine beharrliche Behauptung, nein, mein unumstößliches Wissen, dass Kim Andreesen der Mann ist, der als Einziger auf dieser Welt jemals das Prädikat ‚perfekt‘ von mir bekommen wird.

Denn das ist er!

Einfach so, mit einer Umarmung, einem Schweigen zur richtigen Zeit, einem Kuss, einem Wort, seiner bloßen Anwesenheit in einem Moment, in welchem ich lieber sterben als weiteratmen will.

Gestern Abend am See, da hat er mich gerettet, irgendwie. Aus einer Erinnerung, die ich so lange Zeit verdrängt hatte, aus einer Szenerie, die mich in ein ungerechtes, selbstherrliches und dabei so nichtswürdiges männliches Wesen verwandelt hat.

Sean ging mir lange Zeit sehr nah. Jeremy hat Monate, ehrlich gesagt waren es ganze drei Jahre!, gebraucht, um die Angst und die schlimmsten Minderwertigkeitskomplexe von meiner Seele zu streicheln. Kim hat das Gleiche – oder etwas sehr Ähnliches – in wenigen Minuten geschafft. Na gut, wenn ich die Zeit seit meinem Ausraster am Freitagabend mitrechne, hat er exakt 48 Stunden gebraucht.

Ich habe dennoch Angst. Weil ich nicht weiß, ob ich nun ein gewalttätiger Mistkerl bin, traumatisiert durch eine kranke Liebe.

„Was hast du?“, erkundigt sich der beste Mann der Welt mit aufmerksamem Blick über den Frühstückstisch hinweg. Wir sitzen in seiner Wohnküche, es ist kurz nach neun Uhr morgens.

Ich stelle meine Kaffeetasse ab und erwidere sein Lächeln. „Ich habe Angst, dass ich mich in Zukunft wieder nicht beherrschen kann und so etwas wie das hier passiert“, murmele ich und strecke die Hand aus, um mit meinen Fingerspitzen sanft über die Wunde an seiner Wange zu streichen.

Er greift nach meiner Hand und zieht sie an seine Lippen, küsst die Fingerkuppen und jagt Elektroschocks hindurch. Prickelnd und sanft. Ich schließe mit einem Seufzen die Augen.

„Du hast das nicht mit Absicht getan, Maiky. Du wolltest schnell von mir weg und ich bin gegen die Gitter geknallt. Hör auf, dir so was einzureden.“

Seine Stimme klingt so sanft, so weich, dass ich mich am liebsten hineinkuscheln würde.

„Aber ich habe dir schon mal eine reingehauen …“, beharre ich.

„Ja, hast du. Und wenn du das noch mal wagen solltest, wirst du mit dem Echo leben müssen. Ganz einfach.“ Er lacht und setzt einen weiteren Kuss auf meine Handinnenfläche. Es kitzelt leicht und ich schaudere.

„Versprochen?“, hake ich nach.

„Oh ja. Cross my heart and hope to die.“ Kim nickt gewichtig und reizt mich zu einem kleinen Auflachen.

„Du bist so viel mehr, als ich jemals finden wollte, Kim“, sage ich leise und muss mich am Ende räuspern. Er schafft es immer wieder, mich in Staunen oder simple Verlegenheit zu bringen.

~*~

Heute trainiere ich insgesamt sieben Pferde, allesamt sehr intensiv. Mehrere davon hat André gestern erst zurückgebracht, so dass es für mich zu einem kleinen Abenteuer wird, mich auf diese für mich neuen Tiere einzustellen und mit ihnen zu arbeiten.

Es macht Spaß, sicher, aber es ist auch unheimlich anstrengend, weil ich die ganzen kleinen Macken der Damen und Herren erst entdecken und ausloten muss.

Kim sieht mir nur während einer Trainingseinheit zu, danach kümmert er sich um Bürokram und kehrt erst kurz vor dem Mittagessen mit kalkweißem Gesicht zurück. Er hat das Mobilteil seines Bürotelefons noch am Ohr und rennt im Laufschritt auf mich zu.

Ich verhalte Möhrchen, die Letzte für heute Vormittag, direkt vor ihm und lasse mich vom Rücken meiner Stute rutschen.

Kim lässt das Telefon sinken und sagt: „Er ist hier.“

Ein tiefes Durchatmen, ganz so, als könnte ich mich auf diese Art dagegen wappnen, dass mein Vater mir gleich die Hölle heißmachen wird. Nun ja, er wird es jedenfalls wollen, denke ich. Letzten Endes kann er mir gar nichts mehr vorschreiben.

„Keine Sorge, was soll schon passieren?“

Er sieht mich strafend an, was mich zuerst ein wenig schrumpfen und dann grinsen lässt. „Süß, wenn du dir Sorgen machst und den Boss raushängen lässt!“

Er schüttelt genervt den Kopf, verstaut das Mobilteil und wendet sich zum Tor um. „Na los, komm! Und bitte denk dran, was ich dir gesagt habe.“

Ich folge ihm und Möhren mir. Kim hilft mir, sie zu versorgen und während ich den Sattel und das Zaumzeug wegbringe, höre ich einen Wagen durch die Einfahrt kommen. Ich beeile mich und bleibe, wie Kim es von mir erbeten hat, im Stall stehen. Nur auf die Entfernung kann ich beobachten, wie mein Vater aus einem Jeep steigt und sich sofort zur Treppe des Gutshauses wenden will.

„Guten Tag, Andreesen“, höre ich Kim in seiner arrogantesten Tonart sagen und grinse im Schlagschatten des Stalltores vor mich hin.

„Fallner. Ich will zu van Keppelen.“ Der deutlich hörbare Akzent meines Vaters erinnert mich daran, dass ich lange nicht mit ihm gesprochen habe. Zuletzt etwa sechs Wochen vor meinem Dienstantritt hier.

Ich schlucke. Seit über sieben Jahren habe ich ihn nicht mehr live gesehen und jetzt versucht mein Gehirn, seine Erscheinung mit den alten Fotos in Einklang zu bringen. Das gelingt sogar, vielleicht, weil Kim, der deutlich größer und geschmeidiger wirkt, so dicht neben ihm steht.

„Hätten Sie die Güte, mir zu sagen, was Sie von ihm wollen?“

Ich sehe, wie mein Vater das Kinn reckt und Kim von oben bis unten mustert, zum wiederholten Mal übrigens. „Du bist also der Ersatz, ja? Interessant … Wo ist Ludwig?“

Mir bleibt die Spucke weg. Was für ein widerwärtiger Ton, Kim gegenüber! Ja, ich weiß, ich sollte lieber die Klappe halten, wenn es um widerliche Aussprüche geht, aber … mein Vater kennt Kim doch gar nicht! Ich habe ganz kurz den Eindruck, dass er die gleiche Reaktion zeigt wie meine Mutter neulich beim Turnier. Nur, dass mein Vater längst Bescheid wissen dürfte. Er weiß, wer Kim ist, dass er hier das Sagen hat.

Was mich aber fast noch mehr wundert, ist die Tatsache, dass mein Vater gar nicht zu mir, sondern zu Ludwig will!

Kim seufzt vernehmlich und deutet zum Gutshaus. „Sie kennen sich doch hier bestens aus, Herr Fallner.“

Kim klingt gefährlich ruhig und ich sehe die kleine Geste, mit der er mich zu sich winkt. Kaum dass mein Vater sich abgewandt hat, stehe ich neben Kim und höre mich sagen: „Grüß ihn schön von Mom, Dad.“

Mein Vater bleibt wie angewurzelt auf dem oberen Treppenabsatz stehen und starrt mich an. „Wir beide sprechen uns später!“

Und schwupps, ist er im Haus verschwunden. Kim und ich sehen uns irritiert an, ziehen die Schultern hoch und gehe in die Gesindeküche. Was auch immer jetzt passiert, wir werden es wohl nicht erfahren … Es sei denn, wir schleichen hinterher!

„Wollen wir lauschen gehen?“

Kim grinst. „Du bist unmöglich, Maik! Wir gehen jetzt was essen und dann schauen wir mal, wann dein Vater geruht, dir eine Gardinenpredigt zu halten.“

„Wie kannst du so ruhig bleiben? Bist du denn nicht neugierig, was die beiden reden? Ich kann mir nicht vorstellen, dass da nette Worte fallen werden!“ Natürlich nicht, wie auch nach 25 Jahren Wut und Hass?

Wirklich auf das Essen konzentrieren kann ich mich nicht, aber ich zwinge mir unter Kims wachsamen und Theodoras durchlöchernden Blicken dann doch genug in den Magen.

Karl erkundigt sich bei Kim, wer der Besucher ist, den er auf dem Hof gesehen haben muss und Kim antwortet wahrheitsgemäß, was ausschließlich Theodora reagieren lässt. Ihr Besteck knallt klirrend auf ihren Teller und sie starrt Kim groß an.

„Justin Fallner ist hier? Hier auf dem Feuerried?!“

Kim nickt. „Ist eben zu Lu gegangen.“

Sie fragt nicht weiter nach und ignoriert alle irritierten Blicke. So hat wohl noch keiner von uns die resolute und stets ziemlich beherrschte Theodora erlebt!

Scheiße, meine Nerven liegen seit Tagen blank, auch wenn ich mir gestern in Kims Armen so wahnsinnig viel von der Seele reden durfte. Es ist deshalb nicht verschwunden.

Ich kann das erleichterte Aufatmen nicht unterdrücken, als die Mahlzeit endlich beendet ist und ich mit den anderen wieder hinaufgehen kann. Nicht einmal auf Theodoras Ruf höre ich. Ich will nicht ausgerechnet jetzt mit ihr reden!

Natürlich ist Kim in meiner Nähe, aber ebenso natürlich achten wir peinlichst genau darauf, uns nicht zu nahe zu kommen. Zwischendurch gehen wir sogar nebeneinander her, eben alles ganz normal und schön unauffällig.



RÜCKFALL





Maik macht mir noch mehr Sorgen als sonst. Vielleicht ist das unsinnig oder gar albern, immerhin ist die momentan schlimmste ‚Bedrohung‘ für ihn doch lediglich die Tatsache, dass sein Vater ihn anmeckern könnte. Wirklich etwas dagegen tun, dass Maik hier ist, kann Justin doch sowieso nicht.

Dennoch bin ich unruhig und weiche während der kommenden Stunden nie weiter als zehn Schritte aus Maiks Nähe.

Er quittiert mein Verhalten mit dankbaren Blicken und hin und wieder einem kleinen Lächeln. Ich bin sehr froh, dass er mir dieses übervorsichtige Benehmen nicht negativ auslegt. Ich weiß, dass er sich wehren kann, wenn er angemault wird.

Seit Stunden ist Maiks Vater nun schon bei Lu. Keine Ahnung, was die zu reden haben, aber vielleicht knallen sie sich wirklich noch mal all ihre gegenseitigen Verfehlungen vor den Latz?

Als mein Telefon klingelt und ich den Anruf annehme, höre ich zeitgleich, wie ein Fahrzeug vom Hof rauscht, und trete irritiert an das Seitentor. Stirnrunzelnd verfolge ich Justin Fallners Jeep mit meinen Blicken und wende mich zu dem neben mich getretenen Maik um.

„Er ist weg?“, fragt er und ich nicke.

Am Telefon höre ich die genervt klingende Stimme eines Pferdebesitzers, den ich am liebsten jetzt sofort wieder aus der Leitung werfen würde, aber das kann ich ja schlecht bringen.

Deshalb höre ich mir die Probleme an und versuche eine Lösung zu finden. Das Gespräch dauert nicht allzu lange und ich habe kaum aufgelegt, als ich Maik anspreche, der noch immer verwirrt neben mir steht.

„Ich habe keine Ahnung, wieso er abgehauen ist, ohne mit dir zu reden.“

Ja, logisch, das weiß er auch selbst! Fällt mir denn nichts Schlaueres ein?

„Ja, schon klar. Aber … hm, vielleicht gibt es da gar nichts zu verstehen? Vielleicht hat er sich überlegt, dass ich selbst am besten weiß, was ich tun will?“, mutmaßt er und hebt doch wieder unschlüssig die Schultern.

„Wir haben gleich Feierabend, willst du was Bestimmtes tun?“, erkundige ich mich, um ihn ein wenig abzulenken. Neue Spekulationen sind kaum der richtige Weg.

Gleichzeitig wundere ich mich mit einem Blick auf das Gutshaus, wieso Lu noch nicht aufgetaucht ist. Diese Begegnung mit seiner Vergangenheit wird wohl kaum ohne Spuren an ihm vorbeigegangen sein.

Mich würde jedenfalls nicht überraschen, wenn er hier am Stall ankäme und mit Maik sprechen wollte.

~*~

Bis zwanzig Uhr bleibt alles ruhig. Maik und ich machen uns Abendessen, liegen gammelnd auf der Dachterrasse und ich kriege es irgendwie hin, dass er sich wieder mehr entspannt. Es ist schön lau heute, nicht mehr so heiß, nachdem die Sonne sich absenkt und nur noch ihre letzten Strahlen über die Erde schickt.

Maik hält mich im Arm und ich habe den Eindruck, dass er mich festhält, um nicht den Halt zu verlieren. Ist das irgendwie logisch? Egal, es fühlt sich jedenfalls toll an. Wie so ziemlich alles, was er mir an Nähe und Wärme schenkt.

Mein Handy vibriert und ich ziehe es genervt aus der Hosentasche meiner Shorts hervor. Ein Blick aufs Display verrät mir, dass Lu irgendwas will. Ich nehme das Gespräch mit einem Seufzen an.

„Lu? Was gibt’s?“, frage ich und habe nun auch Maik darüber informiert, wer unseren beschaulichen Abend stört.

„Kim! Hast du eine Stunde? Ich … wegen heute …“, stammelt er und ich nehme stirnrunzelnd Abstand von Maik, indem ich zur Kante des Sofas rutsche und aufstehe.

„Wegen …? Hm, ja, denke schon … soll ich rüberkommen?“ Vollkommen normale Fragen für mich und ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Maik darauf reagiert. Er ist alles andere als begeistert davon, dass ich zu Lu gehen will, aber er hört ja aus dem Telefon auch nicht, was ich höre: klägliches Gewimmer. Was auch immer da heute Nachmittag zwischen ihm und Justin vorgefallen ist, es hat Lu tierisch aus der Bahn geworfen!

Mitleid erwacht in mir. Ich meine, er ist ja wirklich kein schlechter Kerl, nur weil wir diesen Deal hatten! Im Gegenteil, ich halte ihn nach wie vor für so etwas Ähnliches wie einen Freund.

Maik formuliert gut ablesbar ein ‚Nein!‘ mit seinen Lippen, schüttelt dazu noch den Kopf auf eine nachdrückliche Art, aber ich muss einfach nach Lu sehen.

„Ist okay, ich bin in ein paar Minuten bei dir.“ Ich lege auf und sehe Maik entschuldigend an. „Es geht ihm scheiße. Ich muss nach ihm sehen. Hab keine Angst, er wird mir schon nichts tun. Ich habe doch gestern noch ganz vernünftig mit ihm geredet und da hätte er doch auch sonst was tun können.“

Maik schnaubt ungläubig auf. „Wieso willst du das tun? Hat er dich getröstet, als du vor Schmerzen weinend in deinem Bett gelegen hast?!“

Ich knie mich noch einmal halb auf das Sofa und küsse Maik kurz, aber tief. Ich weiß, dass er das nicht so vorwurfsvoll meint, wie es gerade klingt.

„Ich liebe dich. Nur dich. Wartest du hier auf mich?“

Er nickt zögerlich, aber die Gewitterwolken, die seine Stirn umgeben, lichten sich noch nicht.

„Beeil dich“, bittet er nun in deutlich sanfterem Ton. „Ich hab nämlich trotzdem Angst um dich.“

Das entlockt mir ein Lächeln und ich streichle noch einmal über seine Wange, bevor ich mich wieder aufrichte und ins Gutshaus hinübergehe.

Dort angekommen steige ich die Treppen zum ersten Stock hinauf und gehe ohne zu Zögern in den Privatbereich von Lu. Irgendwo dort wird er sein. Ich lausche in die hohen Flure und rufe nach ihm. In seinem Wohnzimmer entdecke ich ihn schließlich, einerseits, weil etwas Schweres zu Boden fällt und andererseits, weil flackernder Lichtschein, wie man ihn von einem Fernseher kennt, aus der offenstehenden Tür auf die Holzbohlen des Flures fällt.

„Lu, was ist mit dir?“, frage ich und betrete den Raum.

„Da bist du ja!“ Lu klingt ehrlich erfreut und kommt auf mich zu. Er reicht mir ein Glas Cola und deutet mir, mich auf das Sofa zu setzen. Der Fernseher spielt ohne Ton irgendeinen Film ab, schwarzweiß, keine Ahnung, ich sehe nicht lange genug hin, um den Streifen identifizieren zu können.

Lu setzt sich in einen Sessel und prostet mir zu, dann deutet er zum flackernden Fernseher. „Ist das Leben nicht schön?“

Ich kapiere. Das ist dieser typische Weihnachtsfilm, in dem ein Mann sich wünscht, nie geboren worden zu sein … Ein Film mit Happy End. Für so ziemlich alle Beteiligten.

„Ja, ich kenne den Film. Bist du deshalb in dieser … Stimmung?“, erkundige ich mich und er nickt, nur um gleich darauf den Kopf zu schütteln.

Woran es nun stattdessen liegt, verrät er mir nicht und ich trinke einen Schluck von meiner Cola, um nicht noch einmal nachzufragen. Wenn er reden will, wird er es tun, da bin ich sicher.

„Du hast mich angelogen“, sagt er irgendwann und ich verschlucke mich beinahe.

Mein Blick huscht zu ihm. „Was?“

„Belogen hast du mich. Du gehst nicht weg, weil du dir plötzlich überlegt hast, dass dir das Feuerried nicht genug ist.“

„Wie kommst du darauf?“

„Es liegt an Maik.“

Jetzt nur nichts anmerken lassen. „Aha? Weil ich drauf stehe, einen Kerl zu wollen, den ich nicht haben kann?“ Ich versuche, spöttisch zu klingen, aber unter Lus durchdringendem Blick will mir das nicht so ganz gelingen.

Er schnaubt leise und nimmt die Fernbedienung, doch bevor er damit irgendetwas tut, sagt er: „Ich hätte dir das fast abgekauft, weißt du? Aber dann …“

Lu wendet sich zum Fernseher und hebt die Fernbedienung. Diesmal wechselt er das Programm und ich spüre, wie auf einen Schlag jegliches Blut aus meinen Wangen verschwindet. Auf dem großen Flachbildschirm erscheint ein Standbild von Maik und mir. Von Sonntagabend. Im Heimkino. Maik und ich beim Sex.

Ich schlucke hart und überlege, wie ich dafür eine Erklärung finden soll. Doch ein anderer Aspekt schiebt sich in den Vordergrund. „Woher hast du das?“

Er lacht leise. „Die neue Leinwand hat ein paar Extras. Soll ich den Film starten?“

„Wozu? Ich weiß, was dort passiert ist und kein Film könnte das Gefühl zurückbringen.“ Meine Stimme ist nun kalt. Wenn er mich provozieren will, muss er schon andere Geschütze auffahren!

„Du lässt dich von ihm ficken“, sagt Lu und ich schweige dazu. Es stimmt ja schließlich und er hat den Beweis in Farbe und bewegten Bildern da auf einem Bildschirm mit 130 Zentimetern Bilddiagonale.

„Wie lange geht das schon so?“

„Seit dem Ende des Deals etwa. Wieso?“

„Also ist er doch der Grund. Maik Fallner ist der Grund, wieso du das Feuerried nicht mehr willst.“ Seine Stimme verändert sich, nimmt wieder diesen jammervollen Ton an, den ich vorhin am Telefon schon gehört habe.

„Spielt das eine Rolle?“

Er sieht mich ungläubig an, fast so, als habe ich gefragt, ob er die Erde wirklich für einen runden Himmelskörper hielte.

Bevor ich es richtig kapiere, ist er neben mir, nein, vor mir. Seine Hände an meinen Schultern, stößt er mich gegen die Rückenlehne und bringt sein Gesicht sehr dicht vor meines. „Ob das eine Rolle spielt?!“

Ich nicke, während mein Herz zu rasen beginnt, und ich mich frage, ob und wie ich hier ganz schnell verschwinden kann. Doch eine Antwort finde ich nicht, stattdessen spüre ich Atemnot, japse und registriere irgendwo in meinem Kopf, dass die Panik mich in eine schreckliche Starre versetzt.

Panik vor Lu, der mich ansieht, anfasst. Das wilde Feuer in seinem Blick setzt jede meiner Reaktionen außer Kraft. Hilflos.

Ich bin hilflos.

Noch einmal schnappe ich laut nach Luft, danach setzt mein Gehirn aus und ich drifte … weg von hier.

Einfach weg.

Dunkel, schwarz.

Keine Luft, kein Gedanke. Mein Körper ist außen starr und innen in vollem Aufruhr. Ich kann nichts tun, dabei will ich schreien, betteln, flehen, um mich schlagen, mich befreien.

Die Hände abwehren, die mich mit ruckartigen Bewegungen von meinen Hosen befreien, mir den letzten Schutz rauben, ohne mich um Erlaubnis zu fragen.

Ein gurgelnder Laut. Habe ich den gemacht? Ich weiß es nicht, ich will nur hier weg, so weit es geht.

Maik!

Zu Maik!

Keine Ahnung, was ich hier eigentlich mache … Wieso stehe ich nicht auf und gehe?

Ah, genau, ich kann nicht.

Die Angst vor dem, was gleich passieren wird, lähmt mich.

Was würde jetzt wohl ausreichen, um mich zu wecken? Mich zu Abwehrreaktionen und Stärke herausfordern?

„… nicht noch einmal … niemand verlässt mich zweimal …!“, höre ich zwischen seltsamen Geräuschen. Schluchzen! Wer heult denn hier?

Bin ich das? Nein, nicht einmal das schafft mein Körper. Ich liege hier und kann nichts tun.

Ich sehe Lus Gesicht über mir, dann dreht er mich auf den Bauch, wie eine Puppe.

Was mache ich denn hier?!

„… darfst nicht noch einmal weggehen, Justin!“ Seine Stimme bricht. Wer ist Justin?

„So schönes, schwarzes Haar …“ Eine Hand gleitet über meinen Hinterkopf. „… wie Rabenfedern …“

Die Finger wandern über meine Wirbelsäule, ergreifen meinen Hintern, öffnen wenig später meine Beine.

Ich will schreien, wieso kann ich denn verdammt noch mal nicht schreien und wegrennen?

Er paralysiert mich, mit seinem wirren Gerede, seinen ruckartigen Bewegungen. Die Hände legen sich um meine Taille, ziehen mich nach hinten, bis ich knie.

Mein Kopf und meine Arme bleiben auf dem Polster des Sofas. Leder, es riecht alt und ist warm, sehr glatt. Meine Wange liegt darauf, mein leerer Blick geht in den Raum und dadurch hindurch.

„Ich wollte dich nie gehenlassen“, sagt er und ich nehme wie aus der Ferne wahr, was er tut.

Seine Hände krallen sich in meine Seiten, halten mich. Muss er wohl auch, ich glaube, sonst bräche ich einfach kraftlos wieder zusammen.

Mit einem Keuchen dringt er ein, reißt an mir, in mir. Ich schnappe nach Luft, davon habe ich zu wenig. Noch immer.

Im selben Moment explodiert das Ziehen und rast als Welle weißer Glut durch mein Rückgrat in meinen Kopf.

„Nicht!“, wispert jemand. Das bin ich! Meine Stimme ist wieder da.

„Scht, Justin, nur … noch … dieses … eine Mal … Du sollst … mir gehören!“ Keuchen begleitet das Schluchzen und beides kommt nicht aus meiner Kehle.

Meine Arme versuchen, sich durchzudrücken, meinen Kopf vom Lederpolster zu heben. Zwecklos, keine Kraft, keine Energie.

Er nagelt mich fest auf dem Sofa, während Stoß auf Stoß in mich hineinfährt. Ein gequälter Schrei dringt durch den Raum, hallt unnatürlich in meinen Ohren wider.

„Mir hat es auch weh getan! Damals, als du gegangen bist!“, keucht er. „Wieso hast du mich verlassen?!“

„Ich bin Kim!“, quietsche ich, kann vor Schreck und Schmerz nicht mal mehr klar sprechen. Panik und Schock sitzen zu tief.

„Ich habe dich geliebt, Just!“

„Lu! … bitte, Lu!“, jammere ich weiter. Irgendwie muss ich ihn dazu bringen, mir zuzuhören!

„Du wirst mich nicht noch einmal für Maik verlassen! Nie wieder!“

Was soll ich machen? Tränen rinnen über meine Wangen, die nichts mit dem zu tun haben, was er meinem Körper gerade antut. Nur damit, wie sehr es Maik verletzen wird.

„Ich wollte dich verlassen, Justin! An meinem Geburtstag!“

Niemand außer Maik darf mich ficken!

„Lu, hör auf! Ich bin Kim! Ich bin Kim!“, wimmere ich mit überschnappender Stimme.

„Ich wollte die Oberhand behalten …“ Seine Stimme klingt verzweifelt, noch immer weint er zum Gotterbarmen.

„Lu! Hörst du mich? Bitte hör auf … du tust mir weh … so weh …“ Meine Worte sterben ab wie Motten, die in einer Kerzenflamme vergehen. Flammen überall, sie verbrennen meine Haut unter den harten Griffen, mein Inneres unter den erbarmungslosen Stößen.

„… nur dieses eine Mal …“

Seine Bewegungen werden sanfter, seine Finger lösen sich aus meinen Seiten, er hört nicht auf, aber er … verändert sich. Seine Hände gleiten streichelnd über meinen Leib, fahren durch mein Haar. Ein Kuss trifft zwischen meine Schulterblätter. Der Schmerz lässt trotzdem nicht nach, verbrennt mich zu einem Häufchen Asche. Ich bekomme keine Luft mehr, schnappe hilflos danach und will einfach nur noch, dass es vorbei geht.

„Nur dieses … eine Mal, Justin.“

Plötzlich verändert sich alles, ich weiß gar nicht, was es ist, bis ich hochgezogen werde, vorsichtig umgedreht.

Ich höre ein Würgen und bin zu kraftlos, um die Augen zu öffnen. Alles, was ich noch kann, ist mich zusammenrollen. Scheißegal, wo ich hier bin, ich muss mich klein machen, weil man mich klein gemacht hat.

„Kim! Oh Gott, Kim!“, höre ich. „Das …! Ich wollte das nicht!“

Die Stimme klingt vertraut, kommt mir bekannt vor. Nein, egal, ich sehe nicht hin. Wenn ich nicht hinsehe, sieht er vielleicht auch nicht hin. Dann bemerkt er nicht, wie schmutzig ich bin, wie benutzt und weggeworfen ich mich fühle. Ein kleines Aufschluchzen drängt sich in meine enge Kehle.

„Bitte Kim, sag was! Ich … Es tut mir so leid!“ Direkt danach wieder ein Würgen, diesmal gefolgt von dem eindeutigen Geräusch, auf den Boden klatschenden Erbrochenens.

Das will ich erst recht nicht sehen!

Ich kneife die Augen fest zusammen, die Arme um meine Knie geschlungen.

Ich bin klein, klein und schmutzig.

Eine Berührung an meiner Schulter. Dann legt sich eine Decke über mich.

„Ich … rufe einen Arzt …“ Schritte, die sich entfernen, eilig, hastig.

„Keinen Arzt“, quietscht eine Stimme, die ich nicht kenne, die aber genau weiß, was ich jetzt will: gar nichts.

Die Schritte verharren, kehren zurück, wieder eine sachte Berührung an meiner Schulter.

„Kannst du dich anziehen?“

Keine Ahnung, muss ich? Wozu? Ich liege hier doch ganz prima zum Sterben.

Mein Kopf hilft mir endlich, das alles hier zu vergessen. Wie gnädig diese Schwärze ist, weiß ich nicht, aber sie gönnt mir eine Pause.



NERVÖS





Ich beglückwünsche mich gedanklich dazu, immerhin fünf Minuten auf der Dachterrasse ausgehalten zu haben, bevor ich aufgesprungen und nach unten gegangen bin. Natürlich hab ich überlegt, gleich ins Gutshaus zu stürmen und mich dort irgendwo zu verstecken, um mitzukriegen, was Ludwig von Kim will, aber das habe ich mir dann doch verboten.

Ich vertraue Kim! Wenn er sagt, dass ich mir keine Sorgen machen und hier auf ihn warten soll, wer bin ich dann, seinen Worten zu misstrauen?

Nur, wenn ich ehrlich bin, vertraue ich zwar Kim, aber ganz sicher nicht Ludwig!

Immerhin hat der Typ eine Verbindung zu meinem eigenen Vater, die so weit gegangen zu sein scheint, dass mein Vater ‚vergisst‘ nach einem Streit mit Ludwig wenigstens noch ein paar Worte mit mir zu wechseln!

Ich habe noch immer nicht kapiert, wieso er einfach abgehauen ist. Mit Vollgas durch die Einfahrt!

Aber das kann mir gerade auch vollkommen egal sein. Wichtig ist nur, dass Kim bald wieder herkommt.

Um ihn sehen zu können, wenn er das Gutshaus verlässt, habe ich mich an der Anrichte in seiner dunkel daliegenden Wohnküche postiert und starre aus dem Fenster über den Hof.

Zu meinem Erstaunen kommt nach einer schieren Endlosigkeit von exakt 27 Minuten nicht Kim, sondern Ludwig aus dem Gutshaus gerannt. Ich richte mich auf und verstehe nicht, was das zu bedeuten hat.

Wo ist Kim?!

Wieso kommt er nicht heraus?!

Meine Knie werden in einem Anflug von Angst um meinen Mann weich und ich habe Mühe, um die Theke herum zur Haustür zu gehen.

Ludwig ist auf direkten Weg hierher. Ich reiße die Tür auf und starre ihn an.

„Maik! Du musst … zu Kim! Ich …“, stammelt er und ich bin schon an ihm vorbei aus der Tür heraus.

„Was ist mit ihm?!“, fauche ich ihn an und habe Mühe, meine Atmung unter Kontrolle zu halten.

„Er … Ich habe …! Geh zu ihm!“

Stirnrunzelnd wende ich mich ab. So fahrig und aufgelöst wie der Gestütsbesitzer, der ach so kalte und skrupellose Ludwig van Keppelen, gerade aussieht, kann er mir offensichtlich nicht weiterhelfen.

Die Stufen zu Ludwigs Wohnbereich nehme ich ebenso im Laufschritt wie den Rest der Strecke, die sich besonders im großen Flur von Ludwigs Wohnung in die Unendlichkeit zu dehnen scheint.

„Kim!“, brülle ich. „Kim?!“

Ich lausche auf irgendwelche Lebenszeichen und stürze in den einzigen Raum, dessen Tür offensteht, nur um meine Schritte bei dem, was ich sehe, abrupt abzubremsen.

„Kim!“

Ich sehe nur einen schwarzglänzenden Haarschopf unter einer gemusterten Kuscheldecke hervorlugen und bin mit zwei weiteren Schritten bei ihm. Auf den Knien vor dem Sofa hockend, ziehe ich die Decke ein wenig hinab und nehme verschiedene Gerüche wahr, während mein Herz nicht nur für einen wirklich schmerzhaften Schlag aussetzt.

Es riecht nach Erbrochenem und ich taste sofort nach Kims von mir abgewandtem Gesicht, beuge mich über ihn und bin schon mal halbwegs froh, dass er nicht gekotzt zu haben scheint. Dann kann er wenigstens nicht dran ersticken …

Alles andere aber erleichtert mich leider überhaupt nicht. Er liegt zusammengerollt – und nackt! – unter der Decke und zittert erbärmlich. Ohne weiter darüber nachzudenken, lasse ich meine Arme um seinen schmalen Körper gleiten und ziehe ihn vom Sofa auf meinen Schoß.

Er wehrt sich nicht, als ich ihn mitsamt der Decke in meinen Armen drehe und an mich presse wie ein verletztes Kleinkind.

„Kim!“, wispere ich und taste nach seinem Puls. Bescheuert, er zittert doch, natürlich hat er Puls! „Koalabärchen, ich bin hier!“

Er regt sich nicht, gibt keinerlei Geräusch von sich. Ich bin mir plötzlich sicher, dass das hier eine Wiederholung von letzter Woche war. Dass Ludwig Kim vergewaltigt hat.

Ich verstehe nicht wieso und es ist mir auch furchtbar egal!

„Kim, hey, Kleiner!“ Ich hauche kleine Küsse auf seine tränennassen Wangen. Noch immer sind seine Augen geschlossen, seine schwarzen Wimpern liegen wie ein Trauerflor auf seinen Wangen und ich kann ein Aufschluchzen nicht mehr unterdrücken.

„Bitte, Kim, komm zu dir! Ich weiß, es wird dir weh tun und du fühlst dich sicher furchtbar … ganz sicher hast du auch Angst! Aber bitte, ich bin hier, komm zu mir zurück!“, jammere ich und presse ihn dichter an mich, um ihn in einer beschützenden Weise auf meinem Schoß zu wiegen.

Meine Tränen tropfen haltlos über sein schmales, so schrecklich blasses Gesicht und ich schreie erschrocken auf, als sich seine Augen mit einem Schlag öffnen.

Er sieht durch mich hindurch, das begreife ich sofort. „Kim! Ich bin’s, Maik! Scht! Alles wird gut, Kleiner. Ich bin ja jetzt hier …“

Er gibt ein quietschendes, wildes Geräusch von sich, macht aber keinerlei Anstalten, sich aus meiner Umklammerung zu befreien.

„Justin … er dachte, ich sei Justin“, stößt er hervor und ringt um Luft. Drücke ich ihn so sehr an mich? Ich lockere den Griff etwas und küsse erneut seine Wangen. Was er sagt, ergibt für mich keinen Sinn, aber das ist jetzt auch völlig egal!

„Ich … Kim, hat er dich angefasst?“ Super, wieso frage ich denn so eine Scheiße? Er zuckt sofort zusammen und zittert wieder stärker.

„Brauchst du einen Arzt?“

„Keinen Arzt!“, fährt er mich an und klingt plötzlich ungeduldig. Ich schlucke hart.

„Ist okay, Kim. Ich … ich setz dich jetzt kurz ab, damit ich dich anziehen kann, ja?“, erkläre ich und behalte das bei, während ich ihm Pants, Shorts und Shirt überstreife. Bei jedem Handgriff erläutere ich, was ich mache, damit er sich nicht erschreckt und panisch wird.

Als ich ihn fertig angezogen habe, beuge ich mich noch einmal zu ihm herab und flüstere, seine Handgelenke ergreifend: „Komm, leg mir deine Arme um den Hals, ich bringe dich jetzt von hier weg.“ Gleichzeitig schlinge ich sie mir selbst um den Hals, doch plötzlich kommt Spannung in seine Muskeln und ich spüre, wie er den Griff verstärkt. Mein rechter Arm schiebt sich unter seine Knie und der linke um seinen Rücken. Er ist nicht besonders schwer, aber jetzt wirkt er federleicht. Vielleicht, weil so wahnsinnig viel Adrenalin in meinem Kreislauf unterwegs ist? Da kann man doch angeblich auch Dinge, zu denen man sonst nicht in der Lage wäre …

Ich meine, ich könnte meinen süßen Kim immer hochheben, aber ob ich einen Weg wie die bevorstehende Strecke zu seinem Schlafzimmer unter normalen Umständen schaffen könnte?

Was für verrückte Gedanken!

Ich presse ihn an mich und verlasse den Raum, den Flur hinab, die Treppen, quer über den Hof, in seine Wohnung und weiter bis ins Schlafzimmer.

Während des Weges ist mehr Leben in ihn zurückgekehrt. Er hat seinen Kopf, der angelehnt an meiner Schulter lag, angehoben und mich angesehen. Als ich seinen Blick erwidert habe, bin ich beinahe gestolpert und mit ihm gestürzt, aber ich konnte uns noch fangen.

Vorsichtig lege ich ihn nun auf dem Bett ab und schiebe seine Beine unter die Decke.

„Nein, nicht! Duschen!“, bringt er in kurzen, abgehackten Worten hervor und ich knie mich neben ihn, streiche sanft über sein Gesicht.

„Du kannst morgen duschen, jetzt solltest du schlafen.“

„Nein!“ Er schiebt die Beine vom Bett neben mich auf den Fußboden und richtet sich zeitgleich auf. „Ich bin dreckig! Versteh das doch!“, murmelt er und geht zum Badezimmer.

Innerhalb von Sekunden höre ich das Rauschen der Dusche, gehe zu seinem Kleiderschrank und hole ihm Pants, Jogginghose und Shirt heraus. Ich bringe ihm alles ins Bad und bleibe kurz vor der Dusche stehen, in der er sich wie ein Berserker abschrubbt.

„Soll ich draußen warten?“, erkundige ich mich.

Ich kann mir vorstellen, dass er seine Nacktheit derzeit auch mir gegenüber nicht besonders erstrebenswert findet. Doch zu meiner Verwunderung sagt er leise: „Kannst du mich festhalten?“

Seine Stimme zittert, als habe er Angst davor, dass ich seine Bitte ablehne!

„Wenn du das möchtest, sicher!“ Ich ziehe mich bereits aus und stehe wenig später bei ihm, ziehe ihn in meine Arme und bette seinen Kopf an meiner Schulter. „Du bist nicht schmutzig, Kleiner. Du bist mein Ein und Alles.“

Seine Schultern zucken und ich denke im ersten Moment, dass er wieder weint, doch als er seinen Kopf hebt, lacht er.

Blinzelnd mustere ich ihn. „Was ist los?“

„Ich … hätte nicht gedacht, dass du mich auch nur angucken würdest, weil er mich schon wieder gefickt hat …“ Da ist nichts Fröhliches in seinem Ton. Im Gegenteil, die Kälte seiner Worte lässt mich innerlich zurückprallen. Trotzdem reiße ich mich zusammen und ziehe ihn noch dichter an mich.

„Er hat dich vergewaltigt, Kim. Du hattest doch keine Wahl!“

„Nicht? Woher willst du das wissen?“ Er provoziert mich, das weiß ich genau. Also, er will mich auf die Palme treiben, aber das werde ich nicht zulassen!

„Das muss ich nicht wissen, verstehst du? Ich muss nur spüren, dass du mich liebst, dann ist vollkommen klar, was da drüben passiert ist.“ Meine Worte kommen aus tiefster Überzeugung und ich ernte ein erstauntes Augenaufreißen dafür.

„Das denkst du?“, fragt er leise und seine Kälte verlässt ihn. Stattdessen sinkt er in sich zusammen und haltlos gegen meine Brust. „Er hat nicht mir weh tun wollen.“

Das verstehe ich nicht, aber ich weiß auch gar nicht, wie sinnvoll ein solches Gespräch jetzt ist. Ich küsse seine Schläfe und lächle ihn leicht an. „Das sollten wir morgen besprechen, okay? Jetzt gehört mein Koalabärchen ohne jede Widerrede ins Bett!“

Dort liegen wir wenig später im Dunkeln, mit bloßen Oberkörpern, aber beide in Pants. Kim rollt sich in meinen Armen zusammen und das Gefühl eines schrecklichen und tatsächlichen Déjà-vus sucht mich heim, während ich ihn festhalte und versuche, ihm Sicherheit zu geben.

Dass ebendiese eine reine Illusion ist und ich bei seiner nächsten Versicherung, ihm könne ja gar nichts passieren, einfach dafür sorgen werde, dass er sich keine fünfzig Zentimeter aus meinem Radius entfernen wird, ist für mich sonnenklar!

Das mag verrückt oder übervorsichtig klingen, aber ich sehe ja jetzt an seinem zitternden, missbrauchten Leib, seiner zerbrechlichen und ganz sicher schwerverletzten Seele, dass ich gut daran tun werde!

„Ich liebe dich, Maiky. Das weißt du doch, oder?“, wispert er und ich drücke ihn sanft enger an mich.

„Ja.“ Ich muss mich räuspern, so belegt ist meine Stimme plötzlich. „Genauso wie ich dich liebe. Egal was passiert.“



MITTWOCH, 24. JULI



ÜBEL





Was für ein Tag ist heute? Mittwoch? Ich versuche, mich zu bewegen, als der Wecker bimmelt, und überlege es mir spontan anders, als ich das heftige Ziehen durch meinen Leib zischen spüre. Mein Körper steht innerlich in unguten und so quälenden Flammen, dass ich mich wundere, wie Maik es schafft, seine Arme um mich geschlungen zu halten. Er muss sich doch verbrennen!

Klar, ich weiß, wer mich hier festhält, und ich bin ihm unendlich dankbar dafür. Er hat mir deutlich genug gezeigt, dass er für mich da ist, wenn ich ihn brauche.

Gestern Abend, heute Nacht. Er wird es auch jetzt zeigen, wenn ich es ihm erlaube – nein, wenn ich mir anmerken lasse, wie es mir geht, wohl eher.

Und das habe ich nicht vor. Todesmutig strecke ich mich und bringe es fertig, den akuten Schmerzensschrei zu unterdrücken. Natürlich nicht, ohne mir meine kurzen, aber sehr harten Fingernägel in die Handflächen zu hacken, als wollte ich dort in Zukunft Kartoffeln pflanzen …

Maik ist wach, da bin ich mir sicher. Ich habe ihm noch nicht ins Gesicht gesehen, aber ich kenne ihn. Er hat kein Auge zugetan in der vergangenen Nacht.

Noch ein wenig drehen, immer schön die Nägel in die Handflächen, dann geht das schon. „Guten Morgen“, sage ich bemüht gutgelaunt und strecke das Kinn, um ihm einen Kuss aufzudrücken.

Seine Arme umschlingen mich fester und er erwidert den Kuss, bleibt aber oberflächlich.

„Wie hast du das gemeint, dass Ludwig dachte, du wärest mein Vater?“, fragt er, ohne meinen Morgengruß verbal zurückzugeben. Stört mich das? Nein. Ganz offensichtlich habe ich gestern noch genug gesagt, um ihm eine durchgrübelte und von Fragen begleitete Nacht geschenkt zu haben – von den Sorgen um mich mal ganz abgesehen.

Die macht er sich ja schon so ständig.

„Es geht mir gut“, lüge ich dreist und staune, dass ich das so fest sagen kann. „Lu nannte mich die ganze Zeit Justin. Aber ich brauche jetzt Frühstück und Kaffee, bevor ich darüber reden will.“

Er nickt, wirkt aber sehr nachdenklich. Glaubt er mir nicht?

„Du gehst heute zum Arzt.“ Keine Bitte, kein freundlicher Hinweis, nein, das ist ein klarer Befehl – und der duldet keinen Widerspruch. Ich suche in Maiks Augen nach einem Hinweis, nach Weichheit und Verständnis, aber da ist nichts.

Trotzdem kann ich nicht einfach ergeben nicken. „Dazu besteht kein Anlass. Es geht mir gut!“

Er schnaubt abfällig und ich unterdrücke einen Schmerzlaut, als er seine Umarmung ruckartig löst und aufsteht.

„Maik?“, frage ich mit zittriger Stimme, weil mir seine fehlende Nähe mehr Schmerz bereitet als das, was Lu gestern getan hat.

Lu …

„Was?“, blafft er mich an und ich erstarre unter seinem kalten Blick. Was ist denn los mit ihm?!

„Ich … Hey, es geht mir gut, weil ich bei dir bin … Na ja, bis vor ein paar Sekunden war …“, jammere ich und ärgere mich darüber. Ich wollte klar und ruhig klingen, stattdessen quetschen sich die Worte in weinerlichem Ton aus meiner Kehle.

Sofort ist er bei mir, das sehe ich noch durch die Tränen, die meinen Blick verschwimmen lassen.

„Es geht dir überhaupt nicht gut, Kleiner. Und ich will, dass du dich untersuchen lässt.“

„Wieso?“, wage ich zu fragen.

„Wieso?“, echot er und klingt doch sanfter, als ich befürchtet habe. „Weil du geblutet hast, Kim. Er hat dich aufgerissen, und wenn ich nicht auf dich aufpassen wollte, läge er schon erwürgt in seinem Bett oder sonst wo!“

Seine letzten Worte kommen gezischt und mit mühsam unterdrückter Wut von seinen Lippen. Er hat vermutlich recht, aber ich kann ja schlecht zum Doc gehen, wenn ich weiterhin darauf beharre, dass es mir gutgeht.

„Er hat gekotzt, als er kapiert hat, was er getan hat.“

Wieder schnaubt er. „Er hat mich auch geholt, um dir zu helfen, aber das entschuldigt ja wohl gar nichts!“, fährt er mich an, ohne mich zu meinen. Zumindest hoffe ich das … Meinen blöden Tränen ist das egal, sie laufen einfach weiter aus meinen Augen und ich würde am liebsten in Maik hineinsickern, um nicht allein zu sein.

„Ich hab doch Salbe draufgemacht …“, versuche ich abzuwiegeln, gestehe damit aber doch wohl auch ein, dass meine bisherigen Behauptungen blanker Unsinn waren.

„Du gehst zum Arzt, keine Widerrede!“

„Hör auf, Maik!“, bringe ich heulend hervor und rolle mich im Reflex zusammen. Diese harschen Worte von ihm tun mir weh, auch wenn sie sicher nicht dazu gedacht sind!

„Hey, es tut mir leid …“, beginnt er und streichelt mich sacht. „Ich möchte nur sichergehen, dass du wieder ganz in Ordnung kommen kannst – also körperlich. Am Rest werden wir wohl verdammt lange zu arbeiten haben, wenn du nicht einmal mir gegenüber zugeben kannst, wie schlimm dich diese Vergewaltigung getroffen hat …“

Ich höre ihm zu, spüre seinen warmen Atem auf meinen nassen Wangen wie einen angenehm kühlenden Luftzug.

„Aber ich muss arbeiten!“, wende ich ein und höre selbst, wie erbärmlich ich klinge.

„Das kannst du, sobald du beim Arzt warst.“

Plötzlich fällt mir etwas wieder ein: „Er hat uns gefilmt“, wispere ich und zittere noch mehr.

„Was?“

„Im Heimkino, als du mich … geliebt hast. Er hat das alles gesehen, Maik! Dich, mich, unseren Sex …!“

Seine Umarmung verstärkt sich und ich schnappe nach Luft. „Deshalb hat er mich geholt …“, murmelt er und lockert den Griff ein wenig. „Aber das bedeutet, dass wir uns nicht mehr verstecken müssen, und es jeder wissen darf.“ Er klingt bitter und so schmecken seine Worte sicher auch.

Niemals werde ich ihm sagen, was Lu über ihn, Maik, gesagt hat. Dass Justin ihn nicht ‚noch einmal‘ wegen Maik verlassen darf …

Ich weiß genau, er würde sich die Schuld geben, auch wenn sein Vater Schuld hat. Irgendwas richtig Schlimmes muss der ehemalige Jockey in Lu geweckt haben.

Ein Schaudern durchläuft mich. Ist das nicht irre? In mir ist so was wie Mitleid für den verwirrten Geist meines Vergewaltigers!

Sofort hebt sich mein Magen und ich schaffe nur noch ein gurgelndes Geräusch, bevor ich mich übergeben muss. Keine Chance, noch vom Bett zu kommen, nicht mal aus Maiks Umarmung, obwohl ich es versuche.

Immer wieder treiben die Krämpfe das, was in meinem Magen ist, mit heftigen Schüben nach oben und gegen Maiks Brust. Er hält mich trotzdem fest und ich ekele mich nur noch mehr vor mir. Scham und Abscheu schnüren mir die Kehle zu und die wimmernden Geräusche, die ich von mir gebe, machen es auch nicht besser.

„Scht“, macht er und hat den Nerv, meine schweißnasse Stirn zu küssen, anstatt mich endlich loszulassen. Er muss echt hart im Nehmen sein. Ich schließe die Augen, um die gallegrüne Suppe nicht sehen zu müssen, die von seiner nackten Brust zwischen uns auf die Laken sickert.

Wie widerlich!

„Ich …! Bad!“, bringe ich hervor und endlich lässt er mich los, jedoch nur, um aufzustehen, um das Bett herumzugehen und mich wie gestern Abend auf die Arme zu heben. Woher weiß er, dass mir die Kraft fehlt, mich auf meinen eigenen Beinen ins Badezimmer zu begeben?

Er setzt mich wie ich bin in der Wanne ab und kniet sich davor. Im Regal hinter ihm liegen Waschlappen und Handtücher. Einen der Waschhandschuhe nimmt er nun heraus und öffnet den Wasserhahn, um ihn zu befeuchten und damit über meine Stirn zu wischen.

„Es ist alles gut, Kim, mach dir keine Gedanken, ja? Ich mache dich jetzt sauber und dann bringe ich dich zum Arzt. Wenn alle Bescheid wissen dürfen, muss ich nicht hierbleiben …“

Seine Stimme klingt so sanft, so zärtlich, dass ich mich wie ein kleines Kind fühle. Aber an diesem Gefühl ist seltsamerweise nichts Schlechtes. Er zeigt mir, wie sehr er mich liebt und wie wichtig ich ihm bin. Wer bin ich, deshalb auf meinem sowieso kaum noch vorhandenen Stolz herumzureiten?

„Du …! Ich hab dich angekotzt“, sage ich leise und schäme mich noch mehr. Ich sehe wie hypnotisiert auf seine Hand, die mit dem Waschlappen über meine Brust fährt und mich säubert. Die Pants werden langsam nass davon, weshalb ich Anstalten mache, sie abzustreifen.

„Lass, ich mach“, sagt Maik und lächelt mich aufmunternd an. „Es muss dir nicht peinlich sein, hörst du? Ich bin Tierarzt, was glaubst du, was ich da alles zu sehen kriege!“

Okay, das reizt mich zu einem kleinen Grinsen. „Tut mir trotzdem leid, Maik. Immer bist du der Fels in der Brandung, wenn ich gerade dabei bin, zu ertrinken und nicht mal mehr weiß, wo das nächste Ufer liegt …“

Seine freie Hand legt sich an meine Wange, sein Daumen streicht darüber. „Das sagt der, der mich am vergangenen Wochenende so lange gestreichelt und festgehalten hat, dass ich nicht nur spüren, sondern sehen konnte, wie sehr du mich liebst?“ Er sagt das so ernst und klingt so ehrlich, dass ich tief einatme und schief lächeln muss. Ganz kurz kommt mir der Gedanke, dass er jetzt genau deshalb so lieb ist, aus Dankbarkeit.

„Aber das ist nicht der Grund, wieso ich jetzt hier bin, Kim. Der Grund ist, dass ich dich nie allein lassen wollte. Ich habe dir versprochen, auf dich aufzupassen und ich habe es gründlich versaut. So gründlich, dass Ludwig dich verletzen konnte.“

„Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben“, versichere ich ihm automatisch.

„Das lässt sich nicht abschalten, Kim. Aber das ist es irgendwie auch nicht … Ich bin für dich da, weil ich es möchte. Immer. Vielleicht sind wir einfach gegenseitig so was wie ein Fels in der Brandung?“

Diese Idee gefällt mir, auch wenn ich mich derzeit nicht danach fühle.