SÜSS UND SANFT





Zum ersten Mal seit langem habe ich nicht das Gefühl, nach Hause zu kommen, als ich mit dem Wagen durch das große Einfahrtstor auf das Feuerried fahre.

Maik neben mir schweigt, aber er wirkt ruhiger als bisher. Immer wieder sehe ich ihn kurz an, habe während der Fahrt sogar zwischenzeitlich meine Hand auf seinen Oberschenkel gelegt – und er seine noch darauf.

Es geht ihm nicht gut, absolut nicht, was ich vollkommen nachvollziehen kann. Am liebsten würde ich ihn einfach an mich ziehen und festhalten, ihm immer wieder sagen, wie egal mir seine Vergangenheit, seine seltsamen Eltern sind. Dass für mich nur er zählt, aber noch muss ich uns sicher wieder nach Hause bringen.

Na ja, dorthin, wo wir derzeit eben immer schlafen.

Zu Hause, das ist für Maik wohl zweifellos Nordengland. Seine echte Heimat.

Ich würde das gern ausblenden, aber in etwa zweieinhalb Wochen ist seine Zeit hier vorbei. Zumindest sein Ferienjob.

Ich parke neben dem Haus ein und Timeon und Eric räumen sofort ihr Zeug in dessen Wagen um. Dann verabschieden sie sich und sind verschwunden.

Maik geht mit unseren Taschen in meine Wohnung. Wir sollten vielleicht sein restliches Zeug von oben aus der anderen Wohnung holen und ganz offiziell zusammen bei mir wohnen. Es scheinen ja sowieso schon genügend Leute Bescheid zu wissen …

„Bist du so lieb und machst uns einen Kaffee?“, bitte ich ihn und bringe die Tasche ins Schlafzimmer, um die Schmutzwäsche gleich auszusortieren und in den Wäschesammelkorb zu werfen.

Heute werde ich ganz sicher nicht mehr waschen. Der Tag war wohl für alle hart und die lange, konzentrierte Autofahrt hat mich doch ein wenig geschlaucht.

Mich streckend und gähnend kehre ich in die Küche zurück und umschlinge Maik sofort von hinten, als ich ihn an der Anrichte vor dem Kaffeeautomaten finde. Mein Kopf legt sich an seine Schulter und ich atme tief durch.

„Ich würde dir so gern helfen, Löwenherz.“

Maik lacht auf, es klingt falsch und viel zu hart. Er greift nach meinen Armen, löst sie und dreht sich zu mir um.

„Das tust du doch“, sagt er. „Ohne dich hätte ich mich vermutlich vorhin mit meinem dämlichen Erzeuger geprügelt …“

„Nein, hättest du nicht. Freust du dich schon drauf, dass Jers morgen herkommt?“

Er nickt und zieht mich an sich. „Fast so sehr, wie ich mich darauf freue, nachher mit dir im Bett zu landen.“

Ich reiße überrascht die Augen auf und sofort steht das Bild seiner zerkratzten Hüften wieder in meinem Kopf wie ein Mahnmal. Deshalb schüttle ich den Kopf. „Im Bett landen, ja, aber nicht so, wie du es dir gerade vorstellst.“

„Was meinst du damit?“

„Ich will nicht mit dir schlafen, Maik. Ich will dich gern festhalten und dir nah sein.“

Er sagt nichts mehr, macht sich von mir los und wendet sich um, um die Kaffeebecher zu nehmen und mir einen in die Hand zu drücken. So heftig, dass er überschwappt und mir die Hand verbrennt.

Mit einem Schmerzenslaut stelle ich den Becher ab und haste zum Spülbecken. Kaltes Wasser über die Hand, sofort!

Maiks Reaktion bemerke ich erst, als ich ihn über das Rauschen des Wasserhahns hinweg höre und seine Hände an meinen Seiten spüre, seine Brust an meinem Rücken.

„Es tut mir leid! Das wollte ich nicht!“

Ich wende den Kopf zu ihm und sehe den echten Schrecken in seinen Augen.

„Schon okay. Kann ja mal passieren“, murmele ich, auch wenn ich weiß, dass er nicht aus Versehen so heftig reagiert hat, als er mir den Becher gereicht hat.

„Nein, ich … war wütend. Es tut mir leid!“ Er streckt seine Rechte nach meiner aus und zieht sie unter dem Wasserstrahl hervor, um sie an seinen Mund zu heben und vorsichtig zu küssen. Ich schließe die Augen und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie gut das tut.

Seine Lippen an meiner Haut. Sofort erwacht mein Wunsch nach Nähe, danach, ihn besitzen zu wollen. Ich will das nicht. Ich meine, natürlich will ich, aber nicht … nicht noch einmal so!

Dann verzichte ich lieber.

Als Hilfe beschwöre ich das Bild seiner Verletzungen herauf. Zusätzlich noch die Gedanken an das, was er heute und gestern erlebt hat.

Es hilft und ich atme tief durch.

„Maik, ich liebe dich.“

„Ich dich auch“, erwidert er zwischen weiteren leichten Küssen, bevor er mich zu sich herumdreht. Ich schaffe es gerade noch, den Wasserhahn herunterzudrücken. Das Rauschen verstummt, aber ein neues erklingt in meinen Ohren.

Blut pumpt durch meine Adern, versetzt mich in einen Taumel, der nur durch seinen Kuss ausgelöst wird. Ich schlinge die Arme um seinen Hals und genieße das Spiel unserer Zungen.

Der Kaffee ist vergessen und Maik beginnt, mich gegen die Theke lehnend, mein Hemd aufzuknöpfen, meinen Gürtel zu lösen, seine Lippen über meine Haut gleiten zu lassen, bis er schließlich vor mir kniet und meine Hosen herabstreift.

Gut, dass die Rollläden bereits herabgelassen sind, obwohl … vermutlich wäre mir gerade scheißegal, wenn uns jemand beobachten könnte. Das hier ist …!

Ich bin sehr froh darüber, dass Maik so aktiv ist, denn es bedeutet, dass ich es nicht sein muss. Hoffentlich.

Seufzend ergebe ich mich, als seine Lippen meine Erektion umschließen. Ich lasse mir das gern gefallen, genieße es und stöhne laut, während er mich verwöhnt.

Ich komme in seinem Mund, halte mich krampfhaft an der Anrichte fest, um nicht in die Knie zu gehen, so sehr fordert er mich mit Lippen und Zunge. Als ich zitternd vor Erlösung dort lehne, richtet er sich wieder auf und lächelt mich wölfisch an, während er sich über die Lippen leckt.

Einen Augenblick später hebt er mich aus meinen hinabgeschobenen Hosen und trägt mich ins Schlafzimmer.

Unfassbar, dass ich das mit mir machen lassen kann. Aber offenbar hat er bemerkt, wie weich meine Knie seinetwegen sind.

„Ich …“, beginne ich und breche wieder ab. Er setzt mich auf der Bettkante ab und ich strecke sofort die Hände aus, um ihn endlich von seiner Kleidung zu befreien. Ich will ihn spüren, an mir, in mir.

Beste Voraussetzungen, angesichts der Tatsache, dass ich ihn gerade gar nicht nehmen könnte!

Ich ziehe ihn zu mir aufs Bett und hole die Gleitcreme aus meiner Nachttischlade, um sie ihm hinzuhalten.

„Ich will es, bitte, Maik.“

Er sieht mich zwischen zwei Küssen lange an und zögert, bevor er mir die Tube abnimmt.

Ein wenig Angst will sich in mir regen. Letzten Dienstag hat Ludwig mich vergewaltigt … Seitdem haben Maik und ich ungezählte Male Sex gehabt, aber immer habe ich ihn in Besitz genommen …

Ich will ihn in mir spüren, aber wird es gehen?

Seine sanften Hände, die Küsse und Streicheleinheiten, mit denen er mich eindeckt, lösen die leichte Anspannung und ich kann sein Eindringen ohne Schmerzen genießen. Es fühlt sich gut an. Vorsichtig und ohne Hast nimmt er mich, versetzt mich in diese faszinierende Vibration.



MONTAG, 29. JULI



STALLGASSENMAMBO





Der Montag startet mit Routine, die ich dankbar willkommen heiße. Ich will nicht nachdenken, zumindest nicht mehr als nötig. Das Einzige, worum ich mich gerade kümmern kann und will, sind die Pferde, die zu versorgen habe.

Na ja, so ganz stimmt das natürlich nicht. Immerhin ist und bleibt Kim der Mittelpunkt, aber die Pferde hier sind eben alle eng mit ihm verbunden.

Ich genieße diesen Alltag tatsächlich, weil er mich auf eine nach Pferden und Stall riechende Art erdet. Ich habe heute wieder deutlich mehr Pferde auf dem Plan stehen, den ausnahmsweise Tom erstellt und auf meinen Wunsch hin noch leicht verändert hat.

Dies liegt hauptsächlich daran, dass bereits heute Morgen um sieben Uhr mein Handy geklingelt hat. Jeremy wird noch vor zehn Uhr hier eintreffen und hat verlangt, dass wir ihm für heute nicht nur ein leckeres Mittagessen bei Theodora zu organisieren haben, sondern auch ein paar Springpferde und Reitschüler.

Timeon freut sich seit meiner fröhlichen Eröffnung mit einer Leidensbittermiene darauf, dass mein bester Freund sich ganz sicher höchstpersönlich um seine angehenden Springreiterfähigkeiten kümmern wird, und flucht ungehemmt durch die Stallgasse, als Kim sich weigert, Toms Plan noch weiter zu verändern, und unserem kleinen Blondschopf für heute bitteschön ausschließlich Dressurpferde zum Training zu überlassen.

Ich kichere ein wenig schadenfroh in mich hinein und ernte einen derben Rempler von ihm, als er in seiner Schimpftirade an mir vorbeigeht, während ich Hellygirl putze. Zum Dank dafür, dass ich mir nun die Seite reiben darf, werfe ich ihm die Kardätsche nach und treffe seinen kleinen, knackigen Hintern so zielsicher, dass er locker zwei Meter weit springt, bevor er noch wütender zu zetern beginnt und sich nun seinerseits ein schmerzendes Körperteil reiben darf.

„Das solltest du machen, wenn Jers hinter dir steht, Timmy. Wird ihn sicher davon abhalten, dir nachzusabbern!“, entfährt es Kim und er lacht sich schlapp, als er Zeuge dieses Intermezzos wird.

Ich weiß nicht, woher diese allgemeine Ausgelassenheit kommt, aber ich bremse die wütend von Timeon wieder in meine Richtung gekickte Kardätsche mit dem Fuß ab, bevor sie Helly treffen kann, und habe Mühe, meinen Lachanfall wieder zu beenden.

„Mann, werd gefälligst erwachsen, Kim!“, faucht Timeon und erinnert mich plötzlich an Rumpelstilzchen. „Ich habe Eric und der gelackte Blödmann hat doch jetzt seinen Scheichbruder zum Ficken!“

Okay, mein Lachen verebbt schlagartig, und ohne auf meine Uhr sehen zu müssen, weiß ich, wie spät es ist. Am Ende der Stallgasse steht eine schmale Gestalt im weit geöffneten Tor. Jeremy.

Er hat die Hände in die Seiten gestemmt. „Interessant, dass der Mehlsack sich neuerdings in meinem Privatleben auskennt!“, knallt sein schneidender Kasernenhofton, den er sich eigentlich für Tierquäler und absolute Volltrottel auf Pferden aufhebt, durch Kims Gelächter und beendet es so abrupt, dass er erschrocken nach Luft schnappt, während Timeon sich wie in Zeitlupe und mit eingezogenem Kopf wieder zum Tor umwendet.

Ich halte gebannt die Luft an und warte, was jetzt passiert. Irgendwie wird es gerade noch ruhiger im Stall. Nicht einmal mehr die noch hier verbliebenen Pferde, die sonst keine Gelegenheit auslassen, mit ihrer Einstreu herumzurascheln, rühren sich noch.

Was wird der Kleine nun sagen?

Zu meiner Überraschung geht Timeon mit festen, großen Schritten auf meinen besten Freund zu. „Wenn du glaubst, dass ich mich dafür entschuldige, hast du dich geschnitten, Windbeutel !“, brüllt der Kleine – der neben Jeremy wirklich schmal aussieht – und geht über den Hof davon.

Jeremy sieht ihm nach, das sehe ich an seiner Silhouette, aber seinen Gesichtsausdruck kann ich nicht erkennen.

Dafür rieselt mit erschreckender Langsamkeit nicht nur in meinen Kopf, wie Timeon einen der besten Springreiter der Welt gerade genannt hat.

„Windbeutel?“, haucht Jeremy und klingt wirklich fassungslos, als er sich wieder zu uns wendet und in den Stall kommt.

Ich weiß genau, ich darf jetzt nicht zu Kim sehen, aber die Versuchung ist – in mehrerlei Hinsicht – einfach zu groß. Bisher habe ich die Unterlippe komplett eingesogen und beiße darauf herum, um nicht loszulachen, aber als ich in Kims funkelnde, graue Augen sehe, ist es um mich und jegliches bisschen Fassung geschehen.

„Mann, reiß dich mal zusammen!“, fährt mein bester Freund mich auch prompt an, als er mich erreicht.

„Wieso sollte ich? Der Kleine hat doch recht!“, bringe ich mühsam zwischen meinen Lachsalven hervor und ich fürchte einen Augenblick lang, dass Jeremy mir gleich eine reinhaut.

„Beruhig dich, Jers. Dein Streit mit Timeon geht weder Maik noch mich etwas an und wir werden uns da nicht einmischen.“ Kim hat sich schneller wieder im Griff als ich, wofür ich ihm so dankbar bin, dass ich bestätigend nicke und mir zum zweiten Mal die Seiten halte.

„Windbeutel!“, wiederholt Jeremy diesmal fester und klingt noch immer nach fassungslosem Vorwurf. „Was bringt ihr dem Kleinen hier eigentlich bei?“

„Nicht solche Ausdrücke. Sei dir sicher, auf so was kommt Timeon ganz von allein. Und du hast ihn doch dazu herausgefordert.“

„Nein, wenn ich mich nicht irre, hat erst Kims Spruch über mein angebliches Gesabber das Ganze ausgelöst.“

„Moment mal!“ Nun bin ich vollkommen ruhig und schiebe mich, ohne lange darüber nachzudenken, zwischen Kim und meinen besten Freund. „Du vögelst doch mit Salih, ist das neuerdings ein Staatsgeheimnis? Falls ja, solltest du nicht so offensichtlich mit ihm flirten, wenn der Kleine dir dabei zusehen kann.“

„Der Kleine hat ’nen Freund! Was geht es ihn an, wen ich flachlege, hm? Ich frage ihn doch auch nicht danach?!“, echauffiert sich Jeremy weiter.

„Was regst du dich dann über ein wenig Stallgefrotzel auf? Du weißt doch genau, wie scharf er auf dich war, als du noch der weit entfernte Springstar warst. Den ersten Eindruck bei ihm hast du selbst versaut und du weißt doch: Du bekommst niemals eine zweite Chance für einen ersten Eindruck .“

Jeremy schnaubt und sieht an mir vorbei zu Kim. „Ja, schon gut. Nun sagt mir, welche Pferde ich bewegen soll und bitte sagt mir auch, dass ich heute nicht ausgerechnet Timeon trainieren soll, ja?“

„Doch, tut mir leid, ich wusste nicht, dass ihr euch nicht leiden könnt“, gibt Tom zu, der mit dem Klemmbrett in der Hand auf uns zu kommt. Er wirkt ein wenig zerknirscht, aber da muss Jeremy jetzt durch – Timeon wohl auch …

Jeremy nimmt Tom mit einer harten Bewegung den Plan ab und überfliegt ihn, währenddessen wird mir erst so richtig bewusst, dass er doch eigentlich zu Besuch hier ist.

„Sag mal, wieso hast du dich überhaupt eintragen lassen? Ich meine, was hast du mit dem Feuerried zu tun?“

Er sieht vom Klemmbrett auf und seine blauen Augen fangen meinen Blick auf so tiefgehende Art ein, dass schlagartig sämtliche eben noch vorhandene Albernheit mich ebenso verlässt, wie meine Schadenfreude bezüglich des Streits zwischen Timeon und ihm.

So ernst, so wissend.

Ich schlucke nervös, kann den Blick aber einfach nicht von seinem lösen.

„Weil ich dich kenne, Maik. Deshalb.“ Mehr sagt er nicht. Vielleicht wäre auch nicht einmal diese Aussage nötig gewesen, aber sie hinterlässt einen kalten, schweren Klumpen in meinem Magen.

Natürlich kennt er mich, wahnsinnig gut sogar, aber meine Gedanken kann er normalerweise nicht lesen. Und es geht mir doch … gut … also, zumindest so ungefähr …

Mein Blick huscht nun doch von ihm weg zu Kim, wieder zu Jeremy und ich schlucke erneut. Ein angedeutetes Nicken, dann reicht mein bester Freund den Plan zurück an Tom.

„Ist Galadriel schon geputzt?“, fragt er und klingt nun geschäftsmäßig neutral.

„Ja, hat Lukas gemacht, sie muss nur noch gesattelt werden.“ Tom nickt.

„Gut, dann sehen wir uns später.“ Er geht an uns vorbei durch den Sattelkammerflur und in den hinteren Teil des Stalls, wo die Stute natürlich noch immer in der Quarantäne steht.

Ich hebe endlich die Kardätsche auf und kümmere mich wieder um die mittlerweile ziemlich nervös herumtrippelnde Hellygirl. Kim tritt neben mich und legt seine Hand leicht auf meine Schulter.

„Ich habe das mit ihm abgesprochen, Maik. Er weiß doch, was passiert ist, und wollte uns hier gern helfen, damit … na ja, damit er mit dir reden kann …“

Ich sehe meinen Freund an und muss unwillkürlich lächeln, als ich die in Falten liegende Stirn über seinen schmalen Brauen sehe. Sofort streichele ich darüber, um sie zu glätten.

„Alles gut. Ich bin dir sehr dankbar dafür, weißt du? Vielleicht hilft es wirklich, wenn wir später in Ruhe reden.“

„Ihr, nicht wir“, gibt er zurück und nimmt meine Hand, um sie kurz zu drücken.

Ja, das sieht Kim ähnlich. Ich spüre die Welle von Wärme in mir aufwallen und schließe tief durchatmend die Augen. Dankbarkeit und Liebe für ihn und alles, was er ausmacht, erfüllen mich.

„Ich sollte hier fertig werden, damit wir heute pünktlich Feierabend machen können.“

Kim nickt und beugt sich zu einem schnellen Kuss zu mir, bevor er sich abwendet um sich wieder um Lupinia zu kümmern. Er wird ebenfalls auf den Springplatz gehen, ich dagegen habe mit Hellygirl den anderen Außenreitplatz für mich allein, bis Ferdinand mit seinen Reitschülern antanzt.



QUERELEN





Als wir zum Mittagessen gehen wollen, zieht Maik mich an sich und flüstert mir ins Ohr, dass er gänzlich andere Vorstellungen bezüglich unserer Pausenplanung hat.

„Komm, Jers und die anderen können allein zu Theodora gehen, ich habe uns nicht angemeldet …“ Seine raue Stimme lässt mich wohlig schaudern und ich habe keine Zweifel daran, was genau ihm stattdessen vorschwebt.

Er ergreift meine Hand und durch den Seiteneingang verlassen wir den Stall, um in meiner Wohnung zu verschwinden.

Natürlich habe ich jederzeit Lust auf Maik, so auch jetzt, aber ich weiß noch nicht so ganz, worauf das nun hinauslaufen soll. Trotzdem genieße ich die heißen Küsse und seine energische Art, mit der er mir schon auf dem Weg zum Bett die Kleider vom Leib zerrt, mich umarmt und sich an mich drängt.

Es tut eben gut, wenn er mir zeigt, wie sehr er mich begehrt, obwohl … diese Dinge passiert sind.

Ich lande rücklings auf dem Bett, wir sprechen nicht, zu atemlos machen uns die wilden, lustvollen Küsse. Keine Chance auf klare Gedanken, das hier sind Gier und Leidenschaft. Ungezähmt.

Maik ist über mir, sobald ich es geschafft habe, ihn von seinen Klamotten zu befreien, noch immer raubt seine Zunge mir mit verlangenden Schlägen den Verstand und ich ahne, dass das erst der Anfang ist.

Ich will die Beine öffnen und anwinkeln, doch er kniet sich über mich, sobald er nackt ist.

Ich schreie erschrocken auf, als er sich ohne jede Vorbereitung auf meinen harten, pochenden Schwanz setzt und mich reitet, als müsste er innerhalb von Sekunden kommen.

Sein Atem klingt ebenso abgehackt wie meiner, keuchend bewegen wir uns und natürlich fehlt mir bei dieser passiven Eroberung jegliche Kraft, ihn von irgendetwas abzuhalten.

Ich will ihm nicht weh tun, halte meine Hände deshalb über meinem Kopf und ergebe mich, schreie immer wieder gierig auf, schnappe nach seinem Mund und überlasse mich seinem Rhythmus voller Genuss.

Das hier ist ein animalischer, nahezu erbarmungsloser Fick, ganz sicher kein Liebesspiel. Ich weiß das, aber meine Hormone spülen mich genauso hinweg wie Maik, der irgendwann zuckend auf mir zusammenbricht und mich mit seinen unkontrollierten Kontraktionen kommen lässt.

Schweißnass kleben wir aneinander und nun traue ich mich auch, meine Arme um ihn zu schlingen.

„Das … war …!“, bringe ich japsend hervor und höre Maiks rasselnden Atem an meinem Ohr.

„Ja …“, erwidert er im gleichen Ton.

Wir bleiben nicht lange so liegen, er rollt sich von mir und ich rutsche aus ihm heraus. Ein Blick auf meinen Wecker lässt mich erstaunt aufkeuchen. „Nicht mal zehn Minuten?!“, entfährt es mir.

Maik grinst mich selig an. „So haben wir noch Zeit zum Essen.“

Auch eine Möglichkeit – wenn auch keine wirklich gute … Mein Blick fällt auf die noch sichtbaren Striemen an seinen Seiten.

„Maik?“

„Ja?“

Ich sehe ihn an und schlucke hart, aber die Frage, die ich jetzt stelle, muss ich einfach beantwortet bekommen. „Willst du, dass es weh tut?“

Er blinzelt und grinst, bevor er sich über mich beugt und mich zu einem Kuss an sich ziehen will.

„Antworte mir!“, verlange ich.

„Ich will dich spüren, was ist falsch daran? Du machst mich geil und ich will von dir gefickt werden.“

Ja, genau das war das eben auch. Ein harter, rücksichtsloser Fick. Nur bin ich mir noch nicht darüber im Klaren, ob er mich benutzt hat, um sich zu ficken oder … Ich seufze. Es macht keinen Unterschied. Es ist passiert.

„Okay, dann lass mich jetzt aufstehen und uns was zu essen machen.“ Ich haste in die Dusche, Minuten später stehe ich vorm Schrank und ziehe mich an, erst danach gehe ich in meine Küche und setze Wasser für Nudeln auf. Das wird schnell genug gehen, wenn uns schon Zeit dafür bleibt …

Ich höre, wie Maik sich ebenfalls ins Bad trollt, kurz darauf klopft jemand an der Tür.

„Komm rein, Jers“, sage ich, als ich die Tür öffne und wieder zur Anrichte gehe, um Gemüse kleinzuschneiden.

„Und ich dachte, ihr wolltet ’ne Runde vögeln und seid deshalb nicht mit zu Theodora …“, bemerkt er und tritt zu mir in die Küche.

„Kaffee?“, frage ich und gehe zum Kaffeeautomaten, als er einen Latte macchiato bestellt.

Als ich das hohe Glas vor ihm am Tisch abstelle, erscheint Maik in der Küche.

„Hey Jers, was machst du denn schon hier?“, fragt er erstaunt und ich sehe mit ziemlich gemischten Gefühlen, dass mein Freund gerade mal Pants trägt. Offensichtlich hat er uns sprechen hören, als er aus dem Badezimmer zum Kleiderschrank wechseln wollte, und einen kleinen Abstecher in die Küche gemacht. Die Striemen sind sichtbar, nur zum Teil, aber für mich ist das schon zu viel.

Ich wende mich ruckartig ab und kümmere mich wieder um das Gemüse.

„Mann, Maiky, geh dir was anziehen!“, brummt Jeremy und ich kann aus seinem Ton nicht heraushören, ob ihm die Verletzungen an Maik aufgefallen sind. Das erfahre ich aber schnell.

Kaum hat Maik den Raum verlassen, schiebt Jeremy seinen Stuhl geräuschvoll zurück und steht nur Augenblicke später neben mir.

„Sag mir, dass er die Striemen nicht von dir hat“, verlangt er mit mühsam unterdrückter Wut in der Stimme. Er zischt nur, will offenbar nicht, dass Maik ihn hört.

Ich sehe ihn an und schlucke hart. Der Blick seiner dunkelblauen Augen durchbohrt mich geradezu.

„Von wem denn sonst, Jers?“, murmele ich geknickt. „Ich habe das nicht gewollt …!“

Er schnaubt verächtlich. „Ach nein? Kannst du mir dann mal erklären, wieso mein bester Freund aussieht, als hätte er sich von einem Monster ficken lassen?!“

Noch immer wird er nicht lauter, dafür aber durchdringender.

Ich atme tief durch. „Tut mir leid, Jeremy, aber ich denke nicht, dass dich das was angeht.“

Er schnappt nach Luft und zerrt mich an der Schulter herum zu sich. Sein Gesichtsausdruck ist mörderisch. „Es geht mich nichts an?! Diese Scheiße werde ich nie wieder erlauben, Kim! Ganz egal, wie sehr das in eure Privatsphäre gehen sollte! Ich habe Monate gebraucht, um ihn von Sean wegzuholen und zweimal länger, bis er wieder wusste, wie schön Sex sein kann!“ Diesmal ist er lauter. Deutlich lauter.

Ich blinzle ihn verdattert an. „Sean? Was hat denn das …? Mann, ich wollte das nicht, okay?! Ich liebe Maik, falls es dir entfallen sein sollte!“

Das fiese Schnauben von Jeremy trifft mich hart. „Ja, sieht man. Deshalb quälst du ihn auch beim Sex, oder wie?“

Ich kapiere noch immer nicht ganz, wieso er mich mit Sean vergleicht! Immerhin hat Sean Maiks Liebe ausgenutzt, ihn sich untertan gemacht, ihn absichtlich gequält, um sich daran aufzugeilen, wie viel Macht er über meinen wunderbaren Freund hatte. Aber so bin ich doch nicht!

„Ich quäle ihn doch gar nicht! Wie kommst du nur auf die Idee, dass ich irgendeine Machtdemonstration nötig hätte?!“, frage ich und klinge selbst in meinem Ohren hilflos und verwirrt.

„Willst du mich verarschen?“, faucht Jeremy, und bevor ich es kapiere, trifft mich seine Faust in die Magengrube. Ich klappe zusammen und höre im gleichen Moment die Stimme von Maik.

„Jers!“, bellt er und ist bei mir, um mich an sich zu ziehen. „Was fällt dir ein?“

„Was mir einfällt? Glaubst du wirklich, dass ich dich noch mal aus den Klauen irgendeines Psychopathen befreien will? Seit wann lässt du dich misshandeln, hm?!“, blafft Jeremy zurück und ich sehe zwischen beiden hin und her, während der Schmerz in meinem Leib langsam nachlässt.

„Das war meine Schuld, wenn du es unbedingt wissen willst. Kim hat sich anschließend halbtot gekotzt! Wie kannst du es wagen, meinen Freund zu schlagen?!“

„Schon gut“, versuche ich zu sagen, aber es ist nur ein Krächzen. Trotzdem sehen beide mich an.

„Nichts ist gut, Kim“, murmelt Maik und zieht mich noch dichter an sich, legt seine Hand an meine Wange und küsst mich. „Niemand darf dir weh tun.“

„Aber Jers hat recht, dir auch nicht!“

„Ich wollte das am Samstag so und ich brauchte das. Und wenn du es unbedingt wissen willst, wir haben eben nicht weniger hart gefickt und diesmal hat Kim seine Hände hinterm Kopf verschränkt, weil er Angst hatte, mich zu verletzen!“

Okay, diese Ehrlichkeit hätte ja nun nicht sein müssen, oder? Beschämt wende ich das Gesicht ab und lehne meine Wange an Maiks Schulter. Gott, ist das peinlich!

Ich meine, was geht es Jeremy an, was wir wann tun und vor allem wie? Ja, sicher, auch mir ist diese harte Gangart ein wenig suspekt, aber es ist Maik, mit dem ich das teile!

„Es tut mir leid“, murmelt Jeremy und ich spüre eine fahrig an meine Schulter gleitende Hand.

„Das ist wohl auch das mindeste!“, bemerkt Maik hart. „Ehrlich, was glaubst denn du von Kim?! Er ist mein Anker in diesem ganzen Scheiß, und wenn ich auf die Art Dampf ablassen will, liebe ich ihn nur noch mehr dafür, dass er mir das nicht verweigert. Soll ich dir jetzt aufzählen, wie oft und wann wir reinen Kuschelsex hatten?“

„Nein, natürlich nicht“, gibt Jeremy zurück und klingt wirklich geknickt. Es tut ihm ehrlich leid.

Ich wende den Kopf. „Ist okay, Jers. Mach dir keine Sorgen mehr, ja? Ich liebe Maik und ich wollte und will ihm nicht weh tun, verstehst du?“

Er nickt und seine Hand drückt noch einmal meine Schulter. „Tut mir wirklich leid, Kim. Ich … habe nicht weniger Angst um Maik als du, weißt du? Ich bin ehrlich gesagt, sehr froh, dass du ihn damals nicht erleben musstest.“

„Ich auch“, sagen Maik und ich wie aus einem Mund und dies löst die Anspannung ein Stück weit.

Maik grinst und küsst meine Stirn, dann zieht er Jeremy zu uns heran und gibt auch ihm einen Kuss auf die noch in Falten liegende Stirn. „Ehrlich, Jers, der einzige Mann, dem du absolut vertrauen kannst, wenn es um meine Sicherheit geht, ist Kim.“

Wärme durchflutet mich, weil das wohl mit Abstand das tollste Kompliment von allen ist.

Jeremy nickt. „Ja, im Grunde weiß ich das ja, aber ich war gerade so … schockiert … Und … wenn du so drauf bist, dann möchte ich, dass du ernsthaft über eine Therapie nachdenkst, Maiky. Das kann jedenfalls kein Fehler sein. Allein schon wegen der anderen Sache …“

Ich nicke, bevor Maik es tut. Immerhin hatte ich die gleiche Idee. „Ich denke das auch, Maik. Wenn du willst, begleite ich dich auch dorthin.“

Maiks Blick trifft mich und es dauert, bis seine Jadeaugen Zustimmung widerspiegeln. Schließlich nickt er und küsst mich erneut.

Das Sprudeln des Nudelwassers reißt uns aus dieser seltsamen Umarmung und ich nehme Abstand, um mich endlich um das Mittagessen kümmern zu können.

„Fass ihn nie wieder so an, Jers, ich meine das ernst, für Kim würde ich unsere Freundschaft eiskalt beenden.“

Eine schockierte Gänsehaut bildet sich in meinem Nacken, als ich Maiks Worte höre und ich bin mir sicher, dass es Jeremy nicht anders ergeht.

Das ist eine Ansage, die keine Zweifel an Maiks Prioritäten lässt.

Eine knappe Viertelstunde später sitzen wir am Tisch und essen, danach geht es zurück in den Stall.

Ich bin irgendwie erleichtert, dass Maik sich noch einmal so deutlich zu den Verletzungen geäußert hat. Das nimmt mir doch etwas mehr von meiner Schuld und ich kann seinen Wunsch nach hartem Sex nun etwas besser einschätzen.

Was mich aber wirklich sehr freut, ist, dass er über eine Therapie nachdenken wird. Ich denke, die brauchen wir beide, jeder für sich, vielleicht auch zusammen. Ich muss noch ins Büro und beschließe, gleich mal ein paar Therapeuten in der Umgebung abzutelefonieren, um mich über mögliche Termine zu informieren. Ich bin, was das angeht ganz sicher kein Fachmann, aber ziemlich sicher, dass es enorme Wartelisten bei den vollkommen überlaufenen Psychologen gibt …



ENTSPANNUNG





Ich sitze auf Möhrchen und trainiere in aller Seelenruhe, wenn ich es schaffe, das um mich herum erklingende Gefrotzel zu ignorieren.

Was sich Jeremy dabei gedacht hat, Kim eine reinzuhauen, spukt noch immer durch meine Gedanken. Hat er recht? Habe ich das alte Verhaltensmuster wieder aufgenommen und mich quälen lassen?

Nein, absolut nicht. Kim hat mir nur das gegeben, was ich brauchte!

Allerdings muss ich zugeben, dass es auf meinen besten Freund anders gewirkt haben kann. Er hat die falschen Rückschlüsse gezogen und leider nicht nur mir, sondern ausgerechnet Kim gezeigt, wie loyal er mir gegenüber ist.

Hm, schon faszinierend, aber damit hat er mich auch dazu gezwungen, zum ersten Mal laut zu formulieren, wo meine Prioritäten liegen. Bin ich ihm damit in den Rücken gefallen?

Ich sehe über den Sandplatz hinweg zu Jeremy, der gerade kein Pferd mehr trainiert, sondern Timeon auf Hannibal über den Parcours scheucht. Seine Befehle sind klar und nicht zu laut, aber Timeon antwortet nur im Notfall, setzt die Anweisungen von Jeremy größtenteils schweigend um.

„Nun komm schon, Mehlsack, achte auf deine Körperhaltung, sonst hole ich dir gleich ein Glas voll Wasser!“

Oh, dabei sieht das, was ich von Timeon beobachte, überhaupt nicht so zappelig aus. Der Trick mit dem Wasser, das man nicht verschütten darf, wirkt in meinen Augen ein wenig übertrieben für den Kleinen. Andererseits ist mein bester Freund einer der Besten, wenn es darum geht, Springunterricht zu geben. Er weiß instinktiv, wie er seinen jeweiligen Schüler dazu bringt, nach einem Kursus wirklich formvollendet auf einem Pferd über die Hindernisse zu setzen.

Je nach Leistungsstufe natürlich. Auch Jeremy wird es nicht schaffen, Timeon innerhalb der kommenden zwei Tage fit für ein M-Springen zu machen. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Die Höhe und Weite der Sprünge wird im Laufe der Zeit ansteigen, jetzt ist erst die Sprungtechnik und der Sitz wichtig.

„Weißt du was, Jeremy? Wenn du den Kleinen magst, solltest du mal etwas netter sein“, raune ich ihm zu, als ich an ihm vorbeikomme.

„Ich bin nett genug“, bescheidet er mir mit einem Seitenblick, bevor er wieder über den Platz ruft: „Mann, Timeon! Reitest du auf Eric auch so gegen jeden Rhythmus herum?!“

Mir fällt die Kinnlade herab und ich verhalte Möhrchen, während ich erschrocken auf die Reaktion des Kleinen warte.

Die kommt, sogar schneller als erwartet. Timeon hält Hannibal auf meinen besten Freund zu und ist aus dem Sattel, bevor ich es richtig kapiere.

Eine halbe Sekunde später klatscht es und Jeremys Kopf fliegt zur Seite. Timeons Augen sind tiefblau und schmal. Er schluckt sichtbar und sein Kinn würde ganz sicher zittern, wenn er seine Lippen nicht so fest aufeinanderpresste.

Jeremy hat es übertrieben, eindeutig.

„Wage es nie wieder, so mit mir zu reden“, würgt der Kleine hervor. „Deine perversen Fantasien kannst du getrost für dich behalten! Woanders als in deinem Kopfkino wirst du mich jedenfalls nie haben, klar?!“

Timeon macht kehrt und verschwindet, ohne Hannibal mit sich zu nehmen. Ich schnappe ein paarmal nach Luft, bevor ich Worte finde.

„Jers, ich … denke, du solltest ihn wirklich in Ruhe lassen …“, sage ich leise und ernte ein Nicken.

Er seufzt. „Ich weiß. Ehrlich, ich hab keine Ahnung, wieso ich ihm gegenüber immer so bin …“

Ich schon, aber das behalte ich vorsichtshalber für mich. Immerhin haben sowohl Kim als auch ich ihm schon mehrfach gesagt, dass er sich in den Kleinen verguckt hat. Wenn er jetzt noch begreifen könnte, dass er mit seinem ewigen Konfrontationskurs vieles erreichen wird, nur eben nicht, dass Timeon auch nur so etwas wie Sympathie für ihn entwickelt, wäre vielleicht noch so etwas wie ein Happy End möglich.

Allerdings muss ich zugeben, dass mir das eher utopisch erscheint. Vielleicht, weil ich gern verdränge, wie kratzbürstig der Anfang meiner eigenen Beziehung zu Kim gewesen ist …

„Schnapp dir Hannibal und reite ihn trocken, ich muss Möhrchen noch ein wenig trainieren.“

Er nickt erneut und sitzt auf, nachdem er die Steigbügel ein wenig länger gemacht hat.

~*~

Der Nachmittag geht mit weiteren Springstunden und einem halbwegs gemütlichen Sit-in im Hof neben dem Turnierstall zu Ende. Alle Mitglieder des Stallteams sind dabei und sitzen auf den Strohballen herum. Wir lachen und haben Spaß.

Ich bin noch immer sehr froh, dass ich nicht mehr darauf achten muss, wann und wie ich Kim anfasse.

Mein Rücken ist an den Holm des Vordachs gelehnt und Kim sitzt zwischen meinen geöffneten Beinen, angeschmiegt an meine Brust und ich habe meine Arme um ihn geschlungen. Immer wieder drücke ich ihn kurz an mich und setze kleine, harmlose Küsse in seinen Nacken.

„Wir müssen noch reden“, flüstert er irgendwann und legt den Kopf in den Nacken auf meine Schulter, damit er mich ansehen kann.

„Ja, sollten wir.“ Ich sehe auf Kims Armbanduhr und staune, dass es schon so spät ist. „Hast du Hunger?“

Er lächelt mich strahlend an und dreht sich in meinem Arm um, damit er seine Hände um meinen Hals schieben kann. „Ja“, sagt er gedehnt und ich muss grinsen.

Was ihm neben der aktiven Nahrungsaufnahme noch vorschwebt, ist deutlich in seinem Blick abzulesen.

Wir verabschieden uns und natürlich begleitet Jeremy uns in Kims Wohnung. Heute koche ich für uns und wir essen gemütlich, bevor wir uns für einen Film ins Kino verziehen.

Jeremy darf den Film aussuchen und so beömmeln wir uns zu dritt bei einer großen Schüssel Popcorn und ein paar eiskalten Bieren über irgendeinen Klamaukfilm, dessen Titel ich bereits nach zwei Minuten Film verdrängt habe.

Albernheit tut so unsagbar gut, nach allem, was in den letzten Tagen passiert ist!

Ich halte Kim im Arm und bin tatsächlich zufrieden. Auch, als wir Stunden später in Schlaf- und Gästezimmer verschwinden.

Auch wenn Kim vorhin noch so hungrig gewirkt hat, haben wir in dieser Nacht keinen Sex. Gefällt mir, ehrlich gesagt.

Denn die Nähe, die wir auch ohne erleben können, birgt Wärme und Liebe in sich, die ich beide nur bei Kim finden kann.



DIENSTAG, 30. JULI



BÜROKRAM UND BESUCH





Die Büroarbeit nervt mich derzeit ein wenig, auch wenn ich weiß, dass Maik mit Jeremy, Timeon und allen anderen, die im Turnierstall arbeiten, ganz sicher genug gute Gesellschaft und vor allem Ablenkung hat.

Dennoch weiß ich, dass der Kram hier erledigt werden muss. Rechnungen, neue Verhandlungen mit Pferdekäufern und -besitzern, Geschäftskonten und die Decktaxen … ich habe keine Lust!

Natürlich steht mir meine Logik mitsamt meinem Pflichtbewusstsein dabei im Weg, jetzt einfach mein Büro zu verlassen und mich im Stall für ein paar Minuten an Maik zu klammern.

Verrückt, oder? Ich bin verliebt, klar, aber das, was momentan in meinem Inneren tobt, besonders seit dem für Maik so schrecklichen Wochenende, verhindert einfach, dass ich mich auch nur stundenweise außerhalb seiner direkten Reichweite aufhalten will.

  Das Telefon klingelt zum wahrscheinlich fünfzigsten Mal, ich drücke auf den Lautsprecherknopf und versuche, den genervten Unterton aus meiner Stimme zu verbannen, während ich die Mappe mit den von mir zu unterschreibenden Dokumenten aufklappe.

„Gestüt am Feuerried, Andreesen am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Kim? Hier ist Maik Christensen. Guten Morgen.“

Ich klappe die Mappe wieder zu und starre auf das Telefon. „Guten Morgen.“

„Ist mein Sohn in deiner Nähe?“

„Nein, ich bin im Büro und er dürfte auf den Reitplatz sein. Soll ich ihn holen?“

„Nein, nein!“, antwortet er hastig. „Bitte, Kim, ich möchte in Ruhe mit dir reden. Oder besser, ich möchte von dir wissen, wie es ihm geht.“

Ich höre die Sorge aus seiner Stimme heraus, dazu das Rascheln des Handys am Ohr. Er ruft von unterwegs an, zumindest zeigt mein Display eine amerikanische Mobilfunknummer.

„Nicht gut, aber ich arbeite daran.“ So viel Ehrlichkeit muss sein, oder nicht? Jedenfalls sehe ich Christensen als den Vernünftigsten von Maiks Eltern an. Wenn ich mit einem der drei über meinen Freund reden kann, dann mit ihm.

„Das dachte ich mir schon … Ich … würde ihm gern helfen.“

„Und wie? Vielleicht kommt dieser Wunsch nach Nähe zu deinem Sohn ein wenig zu spät, Maik! Ich weiß nicht, was du jetzt noch tun könntest.“

„Deshalb rufe ich an. Ich glaube, mein Sohn bräuchte jemanden, mit dem er unabhängig von dieser ganzen Angelegenheit sprechen kann.“

Ich runzle die Stirn und nehme den Hörer ans Ohr. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass mich hier jemand besuchen kommt, aber sicher ist sicher. „Du sprichst von Therapie.“

Christensen zögert kurz. „Nicht unbedingt Therapie, denn das ist etwas, das man selbst wollen muss. Ich dachte eher an ein unverbindliches Gespräch mit jemandem, der nicht nur zuhören, sondern auch unvoreingenommen Rat geben kann.“

„Du hast jemand bestimmten im Kopf?“, schieße ich ins Blaue.

„Ja, einen alten Freund, den ich selbst seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe. Ich … würde trotzdem gern zuerst mit dir und am besten auch mit Maik reden. Meinst du, du kannst das organisieren?“

„Ich weiß nicht … Denkst du, es ist gut, wenn er dich wiedersieht?“, frage ich zögerlich.

„Ich hatte den Eindruck, dass er mir gegenüber nicht die gleichen Vorbehalte hat, wie gegenüber Justin und Helen. Vielleicht ist das meine Chance, ihm einen gewissen Halt zu bieten.“

Das klingt allerdings gut. Christensen ist hoffnungsvoll und es geht ihm nicht um sein eigenes Wohlbefinden, zumindest wirken seine Worte und sein Ton so auf mich. Ich atme hörbar durch und nicke vor mich hin.

„Ja, vielleicht ist das möglich. Ich werde am Tor anrufen, dass man ausschließlich dich auf das Gelände lassen darf. Tut mir leid, Maik, aber ich will einfach auf Nummer sicher gehen …“

Christensen lacht leise auf. „Das ist vollkommen in Ordnung, Kim. Es zeigt mir doch nur, wie wichtig er dir ist und wie sehr du darum bemüht bist, ihm alles zu ersparen, das du ihm ersparen kannst … Wann denkst du, darf ich vorbeikommen?“

Mein Blick geht zur Uhr an der Wand, es ist erst neun Uhr. „Ich rufe jetzt sofort am Tor an, dann kannst du herkommen, wann immer du es zeitlich schaffst.“

„Danke!“ Dieses eine Wort klingt gleichzeitig erleichtert, ehrlich und ernst. Christensen ist mir wirklich dankbar dafür, dass ich ihm diese Möglichkeit gewähre.

„Ich möchte aber, dass du zuerst ins Büro kommst, wenn du hier bist. Park deinen Wagen rechts hinter dem Gutshaus, wenn du ankommst. Dort ist auch mein Büro.“

„Ist in Ordnung. Ich denke, ich kann sehr schnell da sein, bin zurzeit in einem Hotel ganz in der Nähe.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch vor Staunen. Aber wirklich wundern sollte mich das doch nicht. Maik Christensen ist eben besonnen und überlegt mit dem, was er tut. Es liegt auch nichts Aggressives in seinem Verhalten.

Wenn ich da an Justin denke, der sich aufgeführt hat, wie der Vater eines trotzigen 5-Jährigen …

„Bis später, Maik.“

Ich lege auf, wähle danach die Nummer der Wachstube am Tor an und informiere die Jungs dort, damit sie wirklich nur Christensen einlassen. Helen oder Justin würde ich hier auf dem Feuerried niemals erlauben!

~*~

Als Christensens Wagen an meinem Bürofenster vorbeifährt und er einparkt, habe ich von Theodora schon eine Dose frischer Kekse organisiert. Er klopft an und betritt mein Büro, setzt sich auf meine Bitte hin und mustert mich eine Weile schweigend.

Muss er wirklich so genau darüber nachdenken, was er mir sagen will?

„Nicht nur Maik hat dir gegenüber am wenigsten Vorbehalte, ich auch“, sage ich und lächle. „Darf ich dir einen Kaffee anbieten?“

Er lächelt und nickt. Auch heute trägt er ein kariertes Hemd und helle Jeans, die helle Wildleckerjacke hat er an die Garderobe neben der Tür gehängt.

Irgendwie wirkt er jung, viel jünger als jemand, der einen 26-jährigen Sohn haben könnte. Sein blondes Haar ist zu einer frechen, sehr jungen Frisur gekämmt, vermutlich auch gegelt.

Ich lächle ihn an und überlege, wie Maik wohl aussähe, wenn mein Gegenüber seine Gene an ihn verschenkt hätte. Ich bin nicht der große Genetik-Freak, aber irgendwie komme ich nicht umhin, mehr Ähnlichkeiten zwischen Maik und Maik als zwischen Justin und Maik zu finden.

Egal, es spielt gar keine Rolle! Mein Mann ist schließlich nicht die Summe irgendwelcher Chromosomen, sondern mein Leben.

„Ja, danke, ein Kaffee wäre toll. Mit Zucker, bitte.“

Ich erhebe mich und organisiere das Gewünschte vom Kaffeeautomaten neben meinem Schreibtisch, stelle den Becher wenig später vor ihm ab und deute auf die Kekse. „Bedien dich.“

Er ist nervöser als er eigentlich sein müsste, das fällt mir auf, weil er meiner Geste mit fahrigem Blick folgt und danach wieder in meine Augen sieht. „Du liebst ihn sehr, das sehe ich. Und ich bin sehr froh darüber.“

Ich nicke. „Es gibt keinen wichtigeren Menschen für mich“, bestätige ich lächelnd. „Na, dann erzähl mal, wieso du herkommen wolltest, also, wieso du zuerst mit mir und dann mit deinem Sohn reden willst, meine ich.“

Er rührt gedankenverloren in seinem Kaffee und nickt vor sich hin. „Ich hoffe, wenn ich dich davon überzeugen kann, dass ich Maik nichts Böses will, wird er es mir auch glauben.“

Wow, diese Ehrlichkeit gefällt mir. Christensen ist alt genug, um sehr erwachsen zu sein, sehr weise, aber er überrascht mich mit dieser Offenheit.

„Das ist möglich“, gebe ich zu. „Allerdings auch keine Garantie. Ich bin sein Partner, nicht sein zweites Ich.“

„Das weiß ich natürlich. Aber es gibt mir doch ein gewisses Maß an Rückhalt, dass du mich nicht am Telefon schon abgewiesen hast.“ Er seufzt leise und trinkt einen Schluck Kaffee. „Kim, ich habe Angst um ihn, verstehst du das? Ich meine, das muss sich für dich alles so weit hergeholt und falsch anhören … Immerhin habe ich mich augenscheinlich 26 Jahre lang für gar nichts interessiert, aber das ist nicht so, war auch nie so! Maik ist mein Sohn, vollkommen egal, ob er mein Erbgut trägt!“

Christensen klingt verzweifelt und weckt den Wunsch in mir, seine Hand, die verkrampft auf der Tischfläche liegt, mit meiner zu drücken. Ihn irgendwie zu trösten. Aber ich lasse es.

Körperlichkeiten tausche ich nur mit meinem Maik aus, hin und wieder mit Timeon oder Jeremy, wenn er mich nicht gerade schlagen will.

„Ich glaube dir das, keine Sorge. Du wirkst so viel ruhiger und … freundlicher als Justin, weißt du? Dabei hast du die deutlich ‚bedrohlichere‘ Gestalt, wenn man so will.“ Das stimmt, Maik Christensen ist groß und breitschultrig, von einem Mann mit seiner körperlichen Verfassung will man ganz sicher nicht angegriffen werden.

„Justin ist ein Heißsporn. Das war er schon immer. Wenn er jemanden oder etwas liebt, ist er so. Vielleicht fiel es ihm deshalb damals so schwer, einen klaren Schlussstrich zu ziehen bei Ludwig.“

„Hm, möglich. Aber wir wissen nicht wirklich etwas darüber, und wenn ich ehrlich bin, möchte ich das auch gar nicht wissen. Es ändert nichts an dem, was danach passiert ist.“

Ob er diese halbe Abfuhr versteht?

„Das wäre auch Justins Aufgabe, es zu erklären.“ Er atmet tief durch. „Sei mir nicht böse, Kim, aber … Ich würde meinen Sohn jetzt gern sehen. Meinst du, das geht?“

Ich nicke, ohne noch darüber nachzudenken. „Ja, ich denke, das sollte klargehen. Ich werde mitkommen. Er sollte auf dem Springplatz sein.“



AUSSPRACHE UND ANGEBOT





Nach dem Frühstück trainiere ich alle Pferde, die Jeremy heute nicht übernimmt. Timeon hat sich mit den Dressurpferden und einigen sehr bitterbösen Blicken in Richtung meines besten Freundes in die Reithalle verzogen und lässt sich nur blicken, wenn er die Pferde wechselt. Vor einer Viertelstunde ist auch Eric aufgetaucht. Er sitzt nun in der Reithalle auf der Tribüne und sieht seinem Schatz zu.

Ich dagegen bin wie fast immer auf dem Springplatz und habe Gesellschaft von Jeremy, der sich übrigens beharrlich weigert, bezüglich Timeon wieder normal zu werden oder auch nur mit mir über sein offensichtliches Problem zu sprechen.

Es tut mir weh, zu sehen, wie sehr er sich herumquält, auch wenn ich derzeit durchaus eigene Sorgen habe.

Bekanntlich ist es aber viel leichter, sich Gedanken über anderer Leute Probleme zu machen als über die eigenen. Dementsprechend beschäftigt mich das keineswegs freundliche Geplänkel zwischen Jeremy und Timeon sehr.

Bis genau zu dem Augenblick, in welchem ich von Finchens hohem Rücken aus in Richtung Hof sehe, über den gerade nicht nur mein heißgeliebter Kim, sondern auch ein blonder Mann, den ich am Wochenende nicht unter besten Voraussetzungen wiedergesehen habe, in unsere Richtung kommen.

Mein Herz schlägt plötzlich wild und ich spüre, wie meine Hände in den Handschuhen zu schwitzen beginnen. Was auch immer das zu bedeuten hat, es versetzt mich in Aufregung.

Ich verhalte Finchen in der Nähe des Tores und traue mich nicht, aus dem Sattel zu klettern. Meine Knie sind mit Sicherheit zu weich.

Bin ich erbärmlich? Ja! Aber ich kann gerade einfach nichts dagegen tun!

Das hier überfordert mich einmal mehr, aber ich bin heilfroh, dass Jeremy irgendwo hinter mir anhält und Kim neben meinem zweiten Vater hergeht.

Ich bin nicht allein, das muss ich mir nur immer wieder ganz deutlich in Erinnerung rufen.

Mein Koalabärchen würde niemals etwas tun, das mich verletzt. Und, wenn ich ehrlich bin, hat auch Maik sich bisher nicht aggressiv oder verletzend mir gegenüber gezeigt. Stattdessen hat er versucht, zu vermitteln, mir Verständnis entgegenzubringen.

Ich spüre, wie meine Unsicherheit durch sich leicht anhebende Mundwinkel ein wenig verdrängt wird. Trotzdem spielen meine Hände nervös mit den Zügeln und Finchen bleibt nur ruhig, weil sie abgebrüht genug ist, um auch in einem vollen Stadion cool zu bleiben.

Einfach abwarten, entkommen kann ich jetzt sowieso nicht mehr. Und davon abgesehen vertraue ich Kim doch! Wenn er das hier für nötig oder gut hält, dann kann ich das auch.

Also gut, tief durchatmen und …

„Hallo Maik.“ Die Stimme meines gleichnamigen Vaters klingt so freundlich und offen wie auf dem Turnier am Wochenende. Ich glaube wirklich, dass er mir nichts Böses wünscht.

„Hallo“, gebe ich zurück, und als Kim neben mich tritt, um mir Finchens Zügel mit einem nachsichtigen Lächeln abzunehmen, lasse ich mich aus dem Sattel und in seine Arme rutschen.

Er drückt mich an sich und flüstert: „Ich bin bei dir, keine Angst.“

Das verlangt nach einem innigen Kuss, den ich ihm auch sofort gebe, während ich mich kurzfristig an ihn klammere. Danach schiebt er mich leicht von sich und nickt zu Maik.

Ich trete von innen an den Zaun und mustere ihn. Seltsam, in meinem Bekanntenkreis gibt es nicht viele Personen, zu denen ich hochgucken muss, aber er gehört definitiv dazu. Fühlt sich trotzdem nicht so seltsam an, wie ich befürchtet habe.

„Wie geht es dir?“, erkundigt er sich und erntet ein Schulterzucken von mir.

„Ich weiß nicht … nicht gut, jedenfalls.“

Er nickt und wirkt sehr verständnisvoll, was ich ihm ohne jedes Misstrauen abkaufen kann.

„Ich würde gern mit dir sprechen“, beginnt er und bemerkt meinen hastigen Blick zu Kim, der noch immer mit der großen Oldenburger-Stute am Zügel neben mir steht. „Mit euch beiden, entschuldige. Würdest du mir diesen Wunsch erfüllen?“

Ich nicke und öffne das Gatter, damit Kim Finchen hinausführen kann. Er geht voraus, und während ich das Tor schließe, tritt mein zweiter Vater neben mich.

„Worüber willst du reden?“, frage ich und wir setzen uns nebeneinander in Bewegung. Ich wende mich kurz zu Jeremy um, der wieder über den Parcours reitet. „Jers, wir sind bei Kim!“

Mein bester Freund nickt und lächelt. Offenbar findet auch er es ganz gut, dass ich mit Maik sprechen will.

„Über dich. Ich mache mir große Sorgen.“ Auch das glaube ich ihm sofort. Wieso eigentlich?

Müsste ich ihm nicht genauso böse sein wie Mom und Dad? Aber das war ich am Wochenende schon nicht. Irgendetwas hat mein Namensgeber an sich, das mich ihm gegenüber versöhnlicher reagieren lässt.

„Nicht nötig, ich werde eine Therapie machen.“ Das zu sagen fällt mir erstaunlich leicht, ich will ihn anscheinend beruhigen, ihm seine Sorge nehmen.

„Das ist gut. Ich habe gehört, hier gibt es sehr lange Wartezeiten, wenn man nicht bereits in Behandlung ist.“

Ich tausche einen verwunderten Blick mit ihm und betrete Kims Wohnung. Während ich meine Reitstiefel ausziehe, hängt Maik seine Jacke an einen Haken und ich muss grinsen, als auch er seine geschnürten Kamelboots auszieht und mir auf Wollsocken folgt.

„Setz dich. Was möchtest du trinken?“

Er folgt meiner Aufforderung und sieht mich an. „Wenn es geht, einfach einen Kaffee mit Zucker.“

„Geht. Dann erzähl mal, woher weißt du, dass Therapeuten lange Wartezeiten haben?“

„Nun ja, ich bin nicht ganz so hinterwäldlerisch, wie du zu denken scheinst, nur weil ich seit einigen Jahren in den Staaten lebe.“

Ich grinse. „Habe ich dir den Eindruck vermittelt, dich für hinterwäldlerisch zu halten?“

„Nein, das nicht. Ich … will mich nicht in dein Leben und deine Entscheidungen einmischen, Maik. Das habe ich früher nicht gedurft und heute ist es dafür einfach zu spät, aber ich möchte dir sagen, dass du immer auf mich zählen kannst, wenn du Hilfe brauchst.“

Ich schalte den Kaffeeautomaten ein und drehe mich zu ihm um. Mein Hintern lehnt an der Anrichte und ich mustere meinen zweiten Vater intensiv. „Die brauche ich, Maik. Ich … tut mir leid, aber die Anrede ‚Dad‘ ist momentan sehr negativ belastet für mich. Ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel.“

„Nein, wieso sollte ich? Okay, du brauchst also Hilfe. Kann ich dir dabei irgendwie dienlich sein?“, greift er meine Äußerung wieder auf und ich zucke erneut die Schultern.

„Ich weiß, dass ich niemals verstehen werde, wieso ihr so lange geschwiegen habt, was das angeht, will ich also auch gar nichts mehr wissen. Aber … ich weiß nicht, ich … Oh Mann! Ich meine, ich kenne dich schon so lange, aber …! Irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass ich dich wirklich kenne, verstehst du?“ Zu meinem Erstaunen nickt er.

„Ja, das verstehe ich. Ich bin immer nur der Freund deines Vaters gewesen, dabei ist vollkommen untergegangen, dass ich eben auch dein Vater bin, also, irgendwie jedenfalls.“

„Das bist du“, plappere ich, auch wenn es sich gar nicht so anfühlt. „Also, ich meine, du könntest es sein. Irgendwann. Das wäre etwas, bei dem nur du mir helfen könntest.“

„Das würde ich gern, Maik. Sehr gern sogar. Aber ich denke, du wirst eine ganze Weile brauchen, bevor dieses ‚irgendwann‘ aktuell wird.“ Er klingt weniger traurig als verständnisvoll. Das gefällt mir sehr gut. Ich stelle ihm seinen Kaffeebecher hin, hole den Zuckertopf aus einem der Apothekerschränke und stelle ihn dazu, dann klopft es und ich sehe zur Tür.

Kim streckt seinen Kopf herein. „Alles okay bei euch? Darf ich reinkommen?“

Das reizt mich zu einem Lachen. „Das hier ist deine Wohnung, natürlich darfst du!“

Kim kommt herein, streift seine Stiefel ab und seufzt. „Das ist kein Grund. Wenn ihr allein reden möchtet, verziehe ich mich wieder.“

„Nein, bitte bleib. Ich denke, das Angebot, das ich zu machen habe, betrifft euch beide.“ Maik sieht uns nacheinander an, als Kim zu mir an die Theke tritt und sich einen Kaffee macht, bevor er mich mit meiner Tasse in Richtung Tisch schiebt.

Ich setze mich zu meinem zweiten Vater an den Tisch. „Was für ein Angebot meinst du?“

„Ich habe einen alten Bekannten, der nichts von unserer familiären Situation weiß, darum gebeten, sich, solltest du oder solltet ihr Interesse daran haben, Zeit für euch nimmt. Er ist Psychotherapeut und Neurologe.“

„Daher weißt du also, was für Wartezeiten wir hier haben!“, entfährt es mir und er nickt.

„Ja, Peter hat mir versichert, dass ihr bei jedem Therapeuten mit Wartezeiten von drei bis sechs Monaten rechnen müsst.“

„Aber bei deinem alten Freund ginge es schneller?“, hakt Kim nach und setzt sich mit seinem Kaffee neben mich.

„Ja, er wäre bereit, mit euch Termine nach Feierabend zu machen und sogar hierher zu kommen.“

Meine Augen werden groß. „Und das macht er, obwohl er nicht einmal weiß, wieso ich Hilfe brauche?“

„Er weiß nur, dass du Hilfe brauchst. Alles andere wollte ich dir überlassen, für den Fall, dass du überhaupt mit jemandem reden willst. Egal worüber. Ich glaube, manchmal ist es gut, wenn man jemanden, der in keiner Weise emotional beteiligt ist, mit seinen Sorgen, Ängsten und Problemen belasten kann.“

Das klingt super. Wirklich!

Ich habe durchaus begriffen, dass ich das in mir herrschende Chaos sonst nicht besänftigen oder gar sortieren kann. Es sind ja nicht nur Emotionen durcheinandergeraten, sondern irgendwie alles, an das ich geglaubt habe.

„Hast du eine Nummer für uns?“, frage ich und spüre Kims Hand auf meiner. Er drückt sie leicht und ich sehe ihn an.

„Ja, sicher. Hier“, er holt eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und schiebt sie uns hin.

„Danke.“

„Maik, wenn du Zeit mit mir verbringen willst, wirst du dich melden, oder? Ich verspreche, ich werde weder Helen noch Justin darüber informieren. Sie müssen das mit dir selbst wieder hinkriegen …“

Ich schlucke hart. „Ja, gern. Aber … wie willst du das vor ihnen geheim halten?“

Maik lächelt mich warm an. „Ich habe den beiden am Sonntag gesagt, dass sie erst einmal wieder mit sich selbst ins Reine kommen müssen, bevor sie sich wieder bei mir melden.“

Das lässt mich schockiert aufkeuchen. „Du hast … dich von ihnen getrennt? Wegen mir?!“

„Nicht wegen dir, sondern weil sie diese alten Sachen einfach ignoriert haben und nicht einsehen wollen, dass sie maßgeblichen Anteil an Ludwigs Problemen haben.“

„Hm, ich wüsste gern, wo der hin verschwunden ist“, murmelt Kim und ich ziehe ihn beinahe reflexartig an mich.

„Weit weg ist er, das ist auch gut so!“, sage ich.

Maik seufzt. „Was Ludwig getan hat, war natürlich sehr falsch, aber es war nur zum Teil seine Schuld, Maik.“

„Ich habe versucht, ihm eine SMS zu senden, aber er reagiert nicht. Das Handy ist an, die Nachricht ist auf jeden Fall bei ihm angekommen, aber …“ Kim bricht ab und seufzt ebenfalls.

„Er war hoffentlich so schlau, sich Hilfe zu suchen, nach dem, was er dir angetan hat, Kim. Sorgen um ihn sollten eher wir uns machen. Justin, Helen und ich.“

Wir reden noch eine Weile, dann verabschiedet Maik sich und ich bleibe mit Kim in der Küche zurück. Mein Freund wirkt tierisch nachdenklich, aber ich kann ihn ruhig nach den Gründen dafür fragen, er antwortet nicht. Ich beschließe, nicht weiter nachzuhaken. Wenn er es mir sagen will, wird er es tun.

Deshalb ziehe ich ihn einfach an mich und halte ihn fest.

„Danke, dass du ihm erlaubt hast, herzukommen.“

Er sieht mich an und ich versinke einen Augenblick lang in seinen grauen Augen. „Ich liebe dich.“

Ein langer Kuss ist meine Antwort.



HEISSKALTE SACHE





Ja, ich mag Maik. Also, Maik Christensen.

Maik Dexter mag ich nicht einfach nur, das dürfte so was von klar sein!

In der Umarmung meines Geliebten fühle ich mich so wohl, dass ich mich beinahe ungestüm an seine Brust lehne und ihn fest umschlinge. Von seinen Küssen werde ich wohl nie genug bekommen!

„Ich dich auch“, murmelt er zwischen weitere, leichten Küssen und wir trollen uns erst einige Zeit später wieder nach draußen und in den Stall.

Ich treffe Jeremy in der Sattelkammer, als ich Lemonboys Lederzeug holen will. Aber nicht nur ihn, wie ich erstaunt kapiere, um mitten im Schritt stehenzubleiben. Timeon ist ebenfalls dort und sortiert gerade die Zaumzeuge.

Irgendetwas fehlt, das immerhin nehme ich sofort wahr. Sie brüllen sich nicht an.

„Hallo Leute, seid ihr für heute durch mit euren Pferden?“, frage ich möglichst unverfänglich und ernte erstaunte Blicke.

„Hm-hm, ich fahre gleich. Abendessen mit Erics Eltern“, verkündet Timeon und erneut wundere ich mich, weil es weder gehässig noch wütend klingt.

„Ja, bin auch durch für heute. Ich wollte noch zum See raus, kommt ihr mit?“, fügt Jeremy hinzu und ich denke kurz darüber nach. Heiß genug ist es heute allemal dazu.

„Frag mal Maik, ja? Ich denke, das ist etwas, mit dem du ihn heute gut locken kannst.“

Jeremy grinst und wendet sich nach einem kurzen Blick auf Timeon ab, der so sehnsüchtig wirkt, dass ich einen kleinen Stich in der Brust spüre. Er leidet, eindeutig. Aber wieso haut er dann ständig so widerliche Sprüche raus, sobald er Timeon auf dem Springplatz trainieren soll?

Ich weiß, dass Jeremy auch Maik gegenüber nichts dazu gesagt hat, aber das Ganze kommt mir langsam aber sicher extrem verstörend vor.

Als hätten wir hier nicht schon genug andere Sorgen!

Ich schnappe mir endlich Lemonboys Sattel und Zaum, dann wende ich mich ab und lasse Timeon allein.

Als ich auf die Stallgasse trete, sehe ich Maik mit Jeremy im Gespräch. Mein Freund schüttelt den Kopf. „Ich weiß es noch nicht, Jers. Wenn ich den alten Freund von Maik angerufen habe, kann ich dir was dazu sagen, okay?“

Ich kann das breite Lächeln nicht unterdrücken, will ich auch gar nicht. Maik will diesen Peter also heute noch anrufen und ihn um ein Treffen bitten? Das ist toll, einfach toll!

„Ruf ihn doch jetzt schon an, Maik. Dann wissen wir Bescheid.“ Er sieht mich an und nickt.

„Ja, du hast recht. Jers, kannst du Möhrchen für mich satteln?“

Maik verschwindet wenig später wieder aus dem Stall und Jeremy macht sich auf den Rückweg zur Sattelkammer.

Instinktiv lausche ich beim Vorbereiten von Lemonboy wieder auf einen lautstarken Streit, denn noch ist Timeon nicht wieder herausgekommen.

Als das Gekeife auch diesmal ausbleibt, packt mich tatsächlich die Neugier und ich gehe unter einem wirklich blöden Vorwand noch einmal zur Sattelkammer. Ohne mich in der etwas verwinkelten Kammer umzusehen, trete ich an den Schrank und hole ein weiches Tuch heraus.

Nichts, keine Geräusche, keine Worte, kein leises Geklimper mehr von den Gebissen, die Timeon doch eigentlich gerade sortiert.

Ich recke den Hals vorsichtig um die Ecke und blinzle erstaunt. Jeremy steht stocksteif da, hat Möhrchens Sattel über den Armen, Timeon dicht hinter ihm. Die Hände des Kleinen liegen an Jeremys Schultern und er steht auf den Zehenspitzen.

„Du kannst ruhig zugeben, dass dir das gefällt“, flüstert Timeon und ich halte den Atem an. Das ist … doch nicht normal!

„Du hast einen Freund, Timeon.“ Jeremy klingt nicht so fest, wie ich erwartet hätte. Offensichtlich gefällt es ihm wirklich, von Timeons sanften Fingerspitzen am Nacken berührt zu werden.

„Ich weiß … Aber du weißt auch, wie heiß ich dich finde“, raunt der Kleine.

„Was ändert das?“ Na, immerhin hat Jeremy noch einen Rest Verstand behalten.

Anstatt zu antworten, legt Timeon seine Lippen auf Jeremys Nacken und ich starre einfach weiter zu ihnen herüber.

„Bitte lass das, Kleiner.“

„Wieso sollte ich?“, säuselt Timeon und selbst mir wird beim Klang seiner Stimme ein wenig warm.

„Weil ich nichts will, das ich teilen muss.“

„Müsstest du das denn?“ Timeons lockende Stimme weckt anscheinend auch Jeremy endgültig aus seiner Beherrschtheit.

„Ja, schließlich hast du einen Freund … Bitte, Timeon, hör auf, sonst …!“ Jeremy klingt schmerzerfüllt, ein bisschen leidend. Offenbar erfordert das hier wirklich seine gesamte Konzentration.

„Sonst was?“

„Sonst kann ich für nichts garantieren!“, keucht Jeremy, als Timeons Hände um ihn herumgleiten, sich offenbar, so ganz kann ich das nicht erkennen, auf Jeremys Schritt legen. Er stöhnt leise.

„Nicht? Wieso nicht?“, lockt Timeon ihn weiter.

„Weil …!“ Möhrchens Sattel fällt zu Boden und ich bin eindeutig der Einzige im Raum, der sich deshalb erschreckt. Jeremy dreht sich in Timeons Umarmung herum und sieht den Kleinen ernst an, während sich seine Hände an dessen Hintern legen. „Weil du Eric nicht hintergehen willst.“

Timeon streckt sich und murmelt gegen Jeremys Lippen, dass dieser erschaudert. „Stimmt, deshalb ist das hier alles, was du jemals von mir bekommen wirst. Viel Spaß mit deinem Kopfkino.“

Ich schnappe nach Luft und weiche hastig zurück. Wenn einer von beiden jetzt herausgerannt kommt, will ich ganz sicher nicht in der Nähe stehen.

Verdammt, was war denn das?!

Hat Timeon das offensichtliche Interesse von Jeremy gerade wirklich ausgenutzt, um ihn erst heißzumachen und dann eiskalt abzuservieren?!

Mit meinem Lappen in der Hand gehe ich zu Lemonboy und ich höre die leichten, federnden Schritte von Timeon, der mich kurze Zeit später überholt und ein diabolisches Grinsen im Gesicht trägt.

„Ich bin dann jetzt weg, Kim, bis morgen!“

Wahnsinn.

Kopfschüttelnd sehe ich ihm nach und schwinge mich wenig später in den Sattel.

Apropos Sattel, wo bleibt eigentlich Jeremy?

Ob ich mal nach ihm sehen sollte? Nein, das muss Maik tun, er ist nun mal sein bester Freund.

Als Maik in den Stall kommt, will er erst losmeckern, weil Möhrchen noch immer nicht gesattelt ist, aber ich schaffe es, ihn abzufangen und ihm in Kurzform von meiner Lauscherei zu erzählen.

Wie nicht anders zu erwarten ist Maik echt sauer auf Timeon und eilt in Richtung Sattelkammer davon.



BESTE FREUNDE





Ich erreiche die Sattelkammer und kann noch immer nicht ganz glauben, was Kim mir gerade erzählt hat. Dass er sich nicht eingemischt hat, um diese absurde Szene zu beenden, verstehe ich, immerhin wird auch Kim bis zu Timeons widerlicher Abfuhr nicht geahnt haben, was genau passieren würde.

Vielleicht war er zu romantisch veranlagt, jedenfalls hätte ich selbst wohl auch lieber schweigend den Rückweg angetreten …

„Jers? Hey, Jers?!“ Ich spreche nicht sonderlich laut, dennoch bin ich sicher, dass er mich gehört hat.

 Als ich um die Ecke in den Hauptraum trete, stockt meine Bewegung und ich brauche nicht mehr nach ihm zu suchen. Jeremy sitzt an einer der vertäfelten Holzwände herabgesunken mit an den Leib gezogenen Beinen am Boden.

„Jers!“, wiederhole ich und fühle mich augenblicklich so hilflos! Noch nie musste ich ihn in einer solchen Situation erleben. Jeremy ist kühl, beherrscht, besonnen und vor allem so erwachsen, dass er mich ständig aufgepasst und gerettet hat.

Ich mache ein paar letzte Schritte auf ihn zu und sinke übergangslos neben ihm auf die Knie. Meine Arme legen sich um seine Schultern und ich rücke so dicht an ihn heran, wie ich kann.

Sein Gesicht verbirgt er zwischen seinen Armen und Knien.

„Hey, komm mal her“, murmele ich und ziehe ihn noch näher an mich. „Ich weiß schon, was passiert ist, du musst nichts sagen.“

Jeremy hebt den Kopf und blickt mich einfach nur an. Seine Augen sind weit aufgerissen und das Dunkelblau darin ist klarer und durchdringender als ich es jemals gesehen habe.

Er räuspert sich und klingt ein wenig belegt, aber doch klar und verständlich. „Es ist meine eigene Schuld, Maik. Ich habe es mit dem ersten Satz, den er jemals von mir zu hören bekommen hat, schon vollkommen vergeigt.“ Er seufzt und blinzelt, seine Augen schwimmen trotzdem noch. „Ich wusste sofort, dass er mir zu gut gefällt und einfach nicht in meine Liste gehört, verstehst du? Ich … sollte gehen.“

Er macht Anstalten aufzustehen, aber ich halte ihn einfach fest.

„Du hast keine Liste und du weißt ganz genau, dass du ihm ein guter Partner sein könntest! Mensch, Jers, du bist tausendmal gut genug! Bitte hör auf, dir so einen Scheiß einzureden!“

Die Eindringlichkeit, mit der ich zu sprechen versuche, erreicht ihn hoffentlich. Ich habe wirklich Mühe, mir meinen Unmut nicht deutlicher anmerken zu lassen. „Ich will nicht, dass du deshalb gehst, Jers“, schiebe ich im Flüsterton nach.

Er lächelt, oder besser, seine Mundwinkel zucken leicht nach oben. Jeremy lehnt seine Stirn an eine Wange und seufzt erneut. „Ist wirklich lieb, dass du das so siehst, Sweetheart, aber der Zug ist abgefahren. Ich muss wirklich sehen, dass ich mir das alles in Ruhe aus dem Kopf schlage.“

„Und das könntest du nicht hier?“ Natürlich liegt eine gehörige Portion Egoismus in meiner Frage. Ich will nicht, dass mein bester Freund abhaut, wenn er schon mal ein turnierfreies Wochenende vor sich hat und wir es zusammen verbringen könnten!

Er gluckst ein wenig erstickt auf. „Nein, Maiky, tut mir leid. So erwachsen bin ich nämlich tatsächlich, weißt du? Ich muss hier weg.“

„Dann nimm meine Maschine und fahr ’ne Runde. Timeon ist am Wochenende nicht hier. Die Azubis haben nur im Notfall Wochenenddienst. Bitte, Jers, geh nicht!“

„Deine Maschine? Du würdest mich allein damit fahren lassen?“

„Wenn du den Motorradanzug anziehst, den ich Kim geholt habe, ja. Meiner ist dir zu weit.“

Er hebt den Kopf und sieht mich an. Seine Hand legt sich an meine Wange und er lächelt nun wirklich. So sehr, dass seine Augen schmal werden und die bislang ungeweinten Tränen ihren Weg über seine Wangen finden. „Du bist der beste Freund, den ich haben könnte, weißt du das? Ich werde dir zuliebe ausprobieren, ob das an Abstand genügt, okay?“

Ich nicke heftig und bin sehr erleichtert, dass er meiner Idee wenigstens eine Chance geben will.

„Na los, komm.“ Ich richte mich auf und ziehe ihn mit mir in den Stand. Sofort lehnt er sich noch einmal dicht an mich.

„Ist ein seltsames Gefühl, dass du mich nicht mehr brauchst, ich dich aber dafür …“

Fast entrüstet bringe ich ihn auf Abstand, um ihn anzusehen. „Wie bitte? Wer hat denn das behauptet?!“

„Du selbst, Maiky. Du hast gesagt, wenn du zwischen Kim und mir wählen müsstest, würdest du bei Kim bleiben …“

„Aber das bedeutet weder, dass ich wählen müssen will noch, dass ich dich nicht mehr brauche! Du hast zwar sehr schräg reagiert neulich, aber es zeigt doch letztlich auch nur, wie besorgt du immer um mich bist!“ Ich küsse seine Stirn. „Und ehrlich gesagt bin ich froh, dass ich dir mal ein wenig zurückgeben darf und kann.“

„Okay, dann lass mich jetzt abhauen. Ich muss hier wirklich weg.“

~*~

Ein seltsames Gefühl, dass mein Motorrad ohne mich vom Hof fährt, aber ich weiß, ich kann Jeremy vertrauen. Er wird weder sich noch meiner Süßen irgendeinen Schaden zufügen.

Ich sattle Möhrchen endlich und mache mich mit ihr auf den Weg zum Außenreitplatz, auf welchem Kim mit Galadriel trainiert. Natürlich bin ich bisher nicht dazu gekommen, ihm von meinem Telefonat mit dem Therapeuten zu sprechen. Das will ich nun nachholen und erzähle ihm, dass wir morgen Abend schon Besuch von Peter bekommen werden.

Er ist überrascht, aber sehr zufrieden damit und beugt sich zu einem Kuss zu mir.

„Ich bin sehr froh, dass du nicht abgeblockt hast, als es um diese Therapiesache ging, Maik.“

„Ich auch. Ganz kurz habe ich darüber nachgedacht. Aber Maik hat mich überzeugt. Ich kann nicht einmal genau sagen, womit.“ Das stimmt. Vielleicht liegt es daran, dass er nichts verlangt hat, dass er zu keinem Zeitpunkt versucht hat, mir seine Meinung aufzudrängen oder mir gar autoritär zu kommen.

Ja, die Kombination all dessen scheint es zu sein, die mich für meinen zweiten Vater so einnehmen kann. Ich mag ihn wirklich.

~*~

Als Jeremy spätabends zurückkehrt, hat er sich wieder ein wenig gefangen und Kim und ich kredenzen ihm ein Abendessen, bei dem sich mein bester Freund nicht traut, es einfach abzulehnen.

Ich bin Kim sehr dankbar dafür, dass er Jeremy genauso wenig allein lassen will wie ich.

Wir bleiben bis kurz vor Mitternacht in der gemütlichen Essecke der Küche, das Aufräumen haben wir neben unseren Gesprächen erledigt, und begeben uns danach in unsere Betten.

Ich liege neben Kim, ziehe ihn an mich und halte mich doch mehr an ihm fest, als dass ich ihm Halt gebe. Nun gut, vielleicht ist es – wie fast alles bei uns – etwas Gegenseitiges, aber es fühlt sich einfach nur gut an, wie es ist.

Sicher, warm und nah.

Meine Nase schiebt sich in Kims weiches, schwarzes Haar, als ich ihn dicht an mich gezogen habe. „Schlaf schön, Koalabärchen“, murmele ich und drücke ihm einen Kuss auf das Ohr.

„Du auch, Löwenherz“, murmelt er und dreht den Kopf ein wenig. Ich spüre es nur in der Dunkelheit. „Ich bin bei dir.“

Allein für diesen Satz ziehe ich ihn noch einmal dichter an mich und ein wohliges Brummen entkommt mir. So will ich jede Nacht einschlafen. Für immer.



MITTWOCH, 31. JULI



GESPRÄCHE





Der Mittwoch ist ausgesprochen anstrengend. Nicht nur, weil Timeon und Jeremy sich nun vollkommen aus dem Weg gehen.

Es fällt mir schwer, den Kleinen nicht beiseite zu nehmen und einmal kräftig anzuzählen für den Scheiß, den er mit dem Springreiter abgezogen hat, aber letztlich ist das eine Privatsache und hat mit seiner Arbeit hier nur bedingt zu tun.

Jeremy ist freiwillig hier und Timeon ist mein Auszubildender. Das ist auch der Grund, wieso ich Timeon am Vormittag zu mir ins Büro bestelle und mit ihm über seine Arbeitshaltung und das soziale Verhalten allgemein rede.

Sehr ausführlich, übrigens.

„Ich kann und will für diese Sache gestern keine Entschuldigung von dir verlangen, Timeon.“

Er ist sehr kleinlaut mittlerweile, immerhin sprechen wir seit einer guten Stunde über das Theater hier. Nicht nur über gestern. Timeon hat seine Hände zwischen die Knie geschoben und sitzt mit gesenktem Kopf mir gegenüber im Besucherstuhl meines Büros.

„Wieso nicht? Ich meine, wieso verlangst du es nicht einfach von mir?“

„Weil es nicht meine Entscheidung ist. Wenn du das Gefühl hast, einen Fehler begangen zu haben, wirst du hoffentlich selbst auf die Idee kommen, noch einmal mit Jeremy zu sprechen.“

Er schluckt sichtbar. „Ich wollte ihm doch nur einmal heimzahlen, was er seit Wochen mit mir macht!“

Ich stutze. „Was … macht er denn mit dir?“

„Na, bei jeder sich bietenden Gelegenheit kassiere ich blöde Sprüche von ihm! Ich meine, was soll das? Ich bin ein Mensch, ich habe Gefühle und ich will nicht, dass er so auf mir rumhackt!“

„Und wieso hast du das nicht einfach mal direkt in einem Gespräch mit ihm geklärt? Es muss doch einen Grund geben für seine Sprüche.“

Timeon mustert mich durchdringend. „Du kennst den Grund doch ganz sicher! Immerhin ist er der beste Freund deines Freundes!“

„Nein, ich kenne den Grund nicht, aber wenn ich daran denke, wie er gestern in der Sattelkammer auf dich reagiert hat, liegt die Vermutung nahe, dass er dich ziemlich gern mag, findest du nicht?“

„Hm, aber ich habe Eric! Ich will ihn doch gar nicht!“

Ich grinse. „Das hat ja auch niemand von dir verlangt. Ich vermute, Jeremy beißt dich mit diesen Sprüchen einfach weg. Er mag Eric nämlich, weißt du? Er würde sich – selbst wenn er eine Chance für sich sähe – niemals zwischen euch drängen wollen.“

„Das stimmt wohl … hat er ja gestern auch gesagt …“

„Ich will hier einfach nur keinen Terror, okay? Jeremy ist ein sehr wichtiger Gast und es ist einfach cool, dass er uns beim Springunterricht hilft. Ich werde nicht erlauben, dass er abhaut oder sich hier unwohl fühlt, verstanden?“

Timeon nickt.

„Na gut, dann sieh jetzt zu, dass du dich um deine Aufgaben kümmerst. Ich muss hier weitermachen. Bist du so lieb und sagst Maik, dass ich noch eine Weile hier festsitze?“

Er lächelt und nickt, bevor er sich erhebt und mich allein lässt.

Gedankenverloren blicke ich ihm nach. Ob er es hinbekommen wird, sich bei Jeremy zu entschuldigen?

~*~

Als es an meiner Bürotür klopft und ich mürrisch „Herein!“ gerufen habe, streckt Maik seinen Kopf durch den Spalt und lächelt mich an.

„Na? So schlimm heute?“ Er betritt den Raum und kommt um den Schreibtisch herum, um sich ganz dicht neben mich zu stellen und zu umarmen. Seufzend lehne ich den Kopf gegen seinen Bauch und schließe genießend die Augen.

„Schlimmer. Es ist, als hätten sich alle abgesprochen, mir heute mit den dämlichsten Anfragen auf den Keks zu gehen“, maule ich jammervoll und hoffe auf ein bisschen Mitleid.

Er grinst auf mich herab und streicht mir sanft durch das Haar. „Alles wird gut, Kim. Irgendwann.“

„Dann komm bitte mal näher und küss mich, damit ich das auch glauben kann!“, fordere ich ihn mit einem frechen Grinsen auf und spüre mein wild hüpfendes Herz, als er sich tatsächlich zu mir beugt und mich tief küsst. Er hockt sich neben mich und ich umarme ihn fest. Herrlich!

Gibt es etwas Schöneres, als Maik so nah bei mir zu haben?

„Was wollen wir heute essen?“, fragt Maik irgendwann und wir einigen uns darauf, Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade zu machen. Wie ich im Verlauf unserer Überlegungen erfahre, mag auch Jeremy diese süße Hauptspeise sehr gern.

„Wann kommt Peter?“, frage ich, nachdem wir mittagstechnisch alles geklärt haben.

„Gegen halb acht wollte er hier sein. Wir sollten sehen, dass wir dann bereits gegessen haben. Meinst du, wir kriegen das hin?“

Ich küsse ihn. „Klar, kriegen wir doch sonst auch. Gut, dann bin ich sehr gespannt, was er zu sagen hat und ob er mit uns beiden oder nur mit dir allein sprechen möchte.“

„Ich auch. Wenn ich ehrlich bin, wäre mir lieber, ich könnte zuerst mit ihm allein sprechen, dich dann aber dazuholen. Wärest du mir böse, wenn ich das so vorschlage?“

Ich blinzle ihn erstaunt an. „Nein! Natürlich nicht. Ich freue mich sogar, dass du dir das zutraust und nicht schon vorher nervös wirst. Immerhin kann er dir nichts tun, er will nur reden und dich kennenlernen. Finde echt super, dass er so schnell Zeit für dich hat.“

Maik stupst mit dem Finger gegen meine Nase und küsst mich erneut. „Er soll auch dir helfen, Kim. Immerhin warst du in letzter Zeit nicht weniger großen psychischen Schwierigkeiten ausgesetzt wie ich.“

Tja, Lu. Da hat er recht.

„Ich habe heute Morgen noch einmal eine SMS an sein Handy gesendet. Sie ist auch angekommen, zumindest laut Sendebericht. Bin gespannt, ob er vielleicht doch noch antwortet …“ Ich seufze vernehmlich und Maik zieht mich sofort dicht an sich, bettet meinen Kopf auf seiner Schulter.

„Alles wird gut, Kim. Sobald er wieder hier ist, können wir abhauen und neu anfangen.“

Seine Worte klingen so vielversprechend. Ich habe mittlerweile absolut keine Bedenken mehr, meine Sachen zu packen und mit ihm gemeinsam irgendwohin zu gehen. Einfach weg.

Auch wenn ich dieses Gestüt, alle Mitarbeiter und vor allem auch die Arbeit mit den Pferden vermissen werde.

Immerhin bin ich erst 26 und ich werde kaum so schnell eine neue Anstellung als Gestütsleiter bekommen. Vermutlich gar nicht. Ich freunde mich deshalb schon jetzt damit an, eher als Reitlehrer oder Pferdetrainer zu arbeiten. Aber das macht mir nichts, wenn ich dafür ein Teil von Maiks Leben sein kann. Er muss sich ja nun erst seine Praxis aufbauen.

Hm, will er das überhaupt? Und wenn ja, wo?

„Ich will so gern mit dir von hier weggehen, Maik. Jedenfalls will ich nicht allein hier bleiben.“

„Ich würde ohne dich nirgendwohin gehen. Ich habe nur keine Ahnung, ob es dir in England gefallen wird. Vielleicht sollten wir einmal ganz in Ruhe darüber nachdenken, wo wir uns vorstellen könnten, gemeinsam zu leben.“

Ich nicke. „Klingt toll. Aber jetzt, so leid es mir tut, muss ich hier weitermachen, damit ich zum Mittagessen kommen kann.“

Maiks Lächeln wärmt mich von innen. Er erhebt sich und nickt. „Ist in Ordnung. Sei am besten so gegen eins im Haus, ja?“

„Mache ich. Und wenn ich dafür alles stehen- und liegenlassen muss“, verspreche ich.

~*~

Auch den Rest des Tages verbringe ich im Büro und habe schon Angst, Schwielen an meinem Hintern zu bekommen, vom vielen Sitzen.

Zum Abendessen machen Maik und Jeremy einen leckeren, bunten Salat, den wir zu dritt auf der Dachterrasse essen. Als es klingelt, will Maik allein nach unten gehen.

Peter ist pünktlich und Maik drückt noch einmal meine Hand, bevor er die Wendeltreppe ins Erdgeschoss nimmt.

„Er schafft das“, murmelt Jeremy neben mir und ich mustere ihn interessiert.

„Hat sich der Kleine eigentlich bei dir entschuldigt?“

Jeremys Miene wird ernst, beinahe verkniffen. „Ich weiß gar nicht, ob er das muss, Kim. Ich habe ihm von Anfang an ziemliche Sprüche um die Ohren gehauen, auch wenn ich mich nach der Mehlsack-Sache direkt entschuldigt habe …“ Er seufzt tief und lehnt sich an, um in den langsam dunkler werdenden Himmel zu sehen. „Ich bin wirklich sehr verliebt in ihn, verstehst du? So sehr … Und doch weiß ich, dass es für ihn und mich niemals ein ‚Wir‘ geben wird. Selbst wenn er Eric nicht hätte – den ich im Übrigen viel zu lieb und passend für Timeon finde – würde ich nicht versuchen, ihn mir zu schnappen.“

„Aber wieso nicht?!“, entfährt es mir. „Wieso stehst du dir bei ihm selbst so sehr im Weg?“

„Wie soll ich dir das erklären? Ich bin nicht gut für ihn, weißt du? Ich meine, ich bin 27, mache seit so vielen Jahren mein eigenes Ding … Wenn ich Spaß will, dann hole ich ihn mir, egal wann, egal wo. Ich bin vermutlich gar nicht dazu in der Lage, treu zu sein und so.“

Ich kichere verblüfft. „Warte mal, wenn ich mich recht entsinne, hat mir Maik mal erklärt, dass ihr absolut treu wart, wenn ihr miteinander rumgevögelt habt …“

Er nickt und lächelt verklärt. „Maik würde ich auch nie betrügen, Kim. Er ist mein bester Freund und für ihn kann ich auf alles verzichten.“

„Und das könntest du für Timeon nicht?“

Er zuckt zusammen, als ich diese Frage stelle.

„Ich weiß es nicht. Aber ich würde es nie riskieren, das herauszufinden. Timeon ist …“ Er atmet tief durch und wendet mir sein schönes, schmales Gesicht zu. Jeremy Tinnard ist wirklich unglaublich gutaussehend. Kein Wunder, dass an den Turnierplätzen dieser Welt haufenweise Frauen und Mädchen anhimmelnd zu ihm aufsehen. „Ach Mann, Kim! Er ist so toll! Einfühlsam und ruhig, wenn es um die Pferde geht, unheimlich konzentriert, was auch immer er tut …“

„Ja, das ist er, wenn ihn nicht irgendetwas aus der Fassung bringt. Und ehrlich gesagt, bringt ihn momentan jede Kleinigkeit auf die Palme. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber ich habe meine Zweifel, dass seine Beziehung zu Eric wirklich für den nötigen Ausgleich sorgen kann.“

Jeremy mustert mich finster. „Sag so etwas nicht. Die zwei sind echt süß miteinander. Ich habe das oft genug beobachtet!“

Ich lächle. „Das willst du gern denken, nicht wahr? Ich kann es weder bestreiten noch bestätigen, Jers. Ich mag Eric auch, aber ich glaube langsam, dass zwischen den beiden nicht mehr alles stimmt.“

„Wenn das wirklich so ist, möchte ich es nicht wissen“, wehrt er ab und sieht wieder in den Himmel.

„Ist okay, Jers. Ich mag dich, weißt du? Irgendwie sehe ich dich mittlerweile auch als einen besten Freund an, auch wenn mich lange nicht so viel mit dir verbindet wie dich mit Maik.“ Meine Hand sucht seine und ich ergreife sie. „Wenn du über irgendwas reden willst, kannst du das auch jederzeit mit mir, okay?“

Er lächelt und schluckt sichtbar. „Das ist wirklich lieb, Kim. Ich verstehe schon, wieso Maik sich so Hals über Kopf und dabei so unauslöschbar tief in dich verlieben konnte.“

Das treibt mir eine unbestimmte Wärme in die Wangen. Ein echtes Kompliment von ihm. Hätte er ja nicht machen müssen.

Zufrieden lehne ich mich neben ihm an und wir sehen gemeinsam zu den langsam aufblinkenden Sternen hinauf.



REDEN HILFT WIRKLICH





„Wenn ich so drüber nachdenke, stellt sich für mich nicht länger die Frage, wessen Ziele im Leben die Besseren waren oder sind, denn meine sind es nicht.“ Ich seufze tief und sehe Peter Deinhart, den von meinem zweiten Vater empfohlenen Therapeuten an. „Eine kindische Rache, mit der ich dafür sorgen wollte, dass mein Vater bei meiner Mutter sein kann … und bei mir, natürlich! Ganz schön egoistisch, oder?“

Der schmale, beinahe schon zerbrechlich wirkende Psychologe sieht mich lange schweigend an. Offensichtlich überdenkt er meine These. Immerhin sprechen wir gerade über das, was meine von Kims Zielen unterschieden hat.

Mittlerweile, das weiß ich sehr genau, verfolgen wir das gleiche Ziel. Wir wollen zusammen sein. Zusammen glücklich sein.

Irgendwo. Unser Glück ist nicht von unserem Aufenthaltsort abhängig – zumindest hoffe ich das, denn es müsste schon ein echtes Wunder geschehen, damit wir hier bleiben können.

Wenn ich ehrlich bin, würde ich Kim wünschen, dass er sein bisheriges Werk hier weiter verfolgen kann, aber da werden alle guten Wünsche der Welt nichts nutzen. Soweit ich weiß, hat sich Ludwig noch nicht gemeldet …

Und selbst wenn, bedeutete das schließlich nicht, dass Kim hier bleiben kann und darf. Niemals werde ich erlauben, dass dieser – wenn auch nicht ganz freiwillige – Psychopath Ludwig van Keppelen mit Kim zusammen hier lebt!

„Nun, die Frage ist doch, welches Ziel dir jetzt wichtig erscheint“, unterbricht Peter meine Gedankengänge und ich schrecke regelrecht auf, um ihn wieder anzusehen. Die grünlichen Augen unter seinen dunkelbraunen Brauen mustern mich nachsichtig.

„Ich weiß es nicht“, erwidere ich. „Vielleicht ist mein jetziges Ziel auch egoistisch. Ich meine, ich will um jeden Preis mit Kim zusammenbleiben! Dafür würde ich ihn auch von hier fortbringen – vermutlich sogar gegen seinen Willen.“

„Wieso würdest du das tun?“

„Weil ich ihn liebe! Mehr als alles andere. Kim ist mehr als einfach nur mein Leben. Er ist Gegenwart und Zukunft.“

Peter nickt. „Das ist doch sehr schön, Maik. Und offensichtlich hilft er dir bereits jetzt über das hinweg, was deine Eltern dir am Wochenende aufgetischt haben.“

„Ja, das tut er. Einfach, indem er da ist, wann immer ich ihn brauche. Komisch, oder? Ich meine, als er mich brauchte, da war ich stark und tapfer, für ihn, weil er es einfach nicht mehr sein konnte. Und jetzt wo ich so eine Scheiße erlebe, wächst er über sich hinaus, glaube ich.“

„Das ist gut möglich. Es zeigt dir, wie er zu dir steht.“

„Ich … Also, wenn wir jetzt mehr über ihn reden, möchte ich, dass er dabei ist.“

Peter lächelt. „Klingt vernünftig. Magst du ihn herholen?“

„Klar. Möchtest du noch einen Kaffee?“

Ich stelle seine Tasse unter den Vollautomaten und drücke den richtigen Knopf, bevor ich die Treppe zur Dachterrasse nehme und in der Tür an ihrem oberen Ende erst einmal verdattert stehenbleibe.

Da liegen Kim und Jeremy nebeneinander, händchenhaltend wohlgemerkt, sehen in die Sterne und unterhalten sich leise. Ich trete hinter sie und stütze mich auf der Rückenlehne ab, um mich zu ihnen zu beugen.

„Die zwei Männer, die ich auf dieser Welt am meisten liebe …“, murmele ich und drücke beiden einen Kuss auf die Stirn.

„Wir haben nur geredet.“ Kim lächelt und umfasst meinen Hals, um mich zu einem innigeren Kuss an sich zu ziehen. Gar nicht so einfach, sich über Kopf zu küssen, aber es ist toll.

Hungrig erwidere ich seine Zungenschläge und erst Jeremys andächtiges Seufzen trennt uns.

„Ist Peter schon weg?“, fragt Kim.

„Nein, ich wollte dich holen. Ich möchte, dass du dabei bist, wenn wir über den Rest reden.“

Er erhebt sich auf die Knie und zieht mich an sich. „Gern! Ich möchte Peter ja auch kennenlernen und ihm sagen, wie ich die Sache sehe.“

Die Wärme in meiner Brust steigt schlagartig an. Kim ist einfach der Beste. Der beste Mann, der jemals in mein Leben treten konnte. Ich weiß nicht, wie ich ihm das jemals wirklich vermitteln soll. So wichtig, so allumfassend und entscheidend.

~*~

„Hallo Kim, ich freue mich, dich kennenzulernen.“ Peter reicht meinem Freund die Hand und wir alle lassen uns mit neuen Getränken wieder am Küchentisch nieder.

Nachdem Kim die Bedenken anspricht, die Jeremy sehr handfest geäußert hat, bittet Peter mich, auch ihn kurz zu holen, wenn ich damit einverstanden bin.

Ich bin es, denn natürlich weiß Jeremy sogar besser darüber Bescheid, was mir vor Jahren mit Sean passiert ist, als ich selbst.

Mein bester Freund setzt sich zu uns und berichtet, was auch für Kim noch sehr neu ist. Dessen Blick ruht kontinuierlich auf mir, während Jeremy spricht. Seine Hand umfasst meine und sein Daumen streichelt über ihren Rücken. Ich genieße seine Nähe, denn ich brauche sie.

„Das mit Sean fing eigentlich wirklich schön an. Die zwei waren zusammen und so, alles war gut, aber irgendwann wurde ihr Verhältnis angespannter, bis sich Sean trennte und Maik es nach ein paar Wochen geschafft hat, dass sie wieder zusammenkamen. Noch ein paar Wochen später habe ich zum ersten Mal miterlebt, wie beschissen sich der Mistkerl Maik gegenüber benahm. Dass er ihn nicht noch in der Öffentlichkeit geschlagen hat, grenzte für mich schon an ein Wunder. Aber wirklich schlimm wurde es, als ich herausfand, dass Sean ihn wirklich misshandelte.“ Jeremy seufzt tief.

„Was genau meinst du damit, Jeremy? Seelischer Missbrauch oder körperlicher?“

„Beides. Das Schwein hatte offenbar keine Ahnung von dem, was man BDSM nennt, denn die Verletzungen, die er Maik zugefügt hat, waren keineswegs oberflächlich oder schnell verheilt. Einige Narben sieht man auch heute noch …“

„Und das alles hast du ertragen, weil du dachtest, du liebst ihn?“, wendet Peter sich nun an mich.

Ich nicke und blicke fahrig zwischen allen dreien hin und her. „Ja, dachte ich. Ich war ihm hörig, aber es hat lange gebraucht, bis ich das verstanden habe …“

„Als Maiks Gesicht aussah, als wäre er einem miesgelaunten Schwergewichtsboxer in die Fäuste gerannt, habe ich Maik da weggeholt und Sean verdroschen … Ich hatte sogar eine Anzeige deshalb, aber die hat er schnell fallengelassen, als wir ihm einen Befund von Maiks Verletzungen zugeschickt haben.“ Jeremy schnaubt abfällig. „Sean war ein rückgratloses Arschloch und ich habe danach dafür gesorgt, dass Maik ihm nirgendwo mehr allein begegnen kann. Ich hatte große Angst, dass er sich noch einmal so benutzen lässt.“

Kim macht ein kieksendes Geräusch und drückt meine Hand so fest, dass es weh tut. Ich sehe ihn erschrocken an und versuche mich zu befreien. Keine Chance, er hält mich.

„Ich …!“, bringt er atemlos hervor. „Ich hab dir das auch angetan!“

Peters verwirrter Blick ruht auf mir, ich spüre es.

„Nein, hast du nicht. Du hast getan, was ich wollte“, stelle ich klar.

„Wenn Maik das sagt, kannst du ihm das glauben, Kim. Er würde dich nie anlügen. Und er weiß seit langem, dass das, was Sean ihm angetan hat, echter Missbrauch war.“ Jeremys ruhig gesprochene Worte lassen mich bestätigend nicken.

„Wovon sprecht ihr?“, erkundigt sich Peter.

Ich seufze tief. „Am Samstag, nachdem meine Mutter mir erzählt hat, dass sie eine glückliche Beziehung zu zwei Männern hat, musste ich da weg und wir sind ins Hotel … na ja, ich bat Kim, mich … ähm … ich verlangte, dass er unsanft mit mir schlief. Ich hatte Kratzspuren an den Seiten danach und Kim hat sich die Seele aus dem Leib gekotzt, als er es realisiert hat.“

„Verstehe. Aber das war … eine unbewusste Handlung?“, will Peter wissen.

Kim nickt und ich höre das trockene Schluchzen, das aus seiner Kehle kommt, bevor er sprechen kann. „Ja! Ich … war wie weggetreten währenddessen. Ich will ihm nie wieder weh tun! Deshalb …“, er schluckt sichtbar, „… deshalb will ich seitdem nicht mehr aktiv sein …“

„Hm“, macht Peter und lehnt sich zurück. „Bei euch liegt so viel im Argen, dass ich euch wirklich nur raten kann, eine ernsthafte und langfristige Therapie zu machen. Zusammen und einzeln.“

Ich nicke sofort und ziehe Kim an mich, ganz fest in meinen Arm. Er braucht noch immer Trost für das, was ich ihm am Samstag abverlangt habe. Mein Kim ist eben ein sanfter, vorsichtiger Mensch.

Der liebenswerteste Mann, den ich kenne. Kaum berührt sein Kopf meine Schulter, beginnt er leise zu schluchzen, diesmal nicht trocken, sondern begleitet von Tränen, die ich ihm so gern fortküssen und wegstreicheln möchte. Niemand darf Kim zum Weinen bringen!

Ich streiche ihm sanft über den Rücken und hoffe, dass meine Umarmung ihm wenigstens halbwegs ein Gefühl von Schutz vermitteln kann. Meine Lippen streifen seine Schläfe.

„Scht“, mache ich und drücke ihn fester an mich. Ich hebe den Blick zu Peter. „Wir werden eine Therapie machen. So schnell wie möglich. Aber ich habe dir bereits erklärt, wie unsicher unsere Zukunft derzeit ist. Solange wir noch hier auf dem Feuerried sind, ist eine psychologische Betreuung, abgesehen von diesen monströsen Wartezeiten, kein Problem, aber danach müssen wir neu anfangen. Im wahrsten Wortsinne.“

Peter nickt verstehend. „Ja, das ist klar. Wenn ihr wollt, würde ich mich bereit erklären, die ersten Sitzungen zu machen. Also die Zeit zu überbrücken, bis ihr wisst, wo ihr zukünftig wohnen werdet.“

„Das ist wirklich lieb, Peter. Vielen Dank!“ Ich freue mich sehr darüber, denn so ein Angebot ist nicht gerade selbstverständlich. Im Grunde sollte das hier doch auch nur ein Kennenlernen werden. Eine Möglichkeit, ausnahmsweise mit einem Mann zu sprechen, der nichts mit alldem zu tun hat, was in letzter Zeit an üblen Dingen auf mich – Kim und mich – eingeprasselt ist.

„Dann werde ich mich morgen melden, damit wir Termine absprechen können, in Ordnung?“ Peter erhebt sich und ich reiche ihm die Hand.

„Danke. Das ist gut.“

Kim an meiner Brust hebt den Kopf und schnieft, bevor er sich mit der Hand über die Wangen fährt und Peter ebenfalls ansieht. „Ja, das wäre toll. Es … tut mir leid, ich bin nicht in der besten Verfassung …“

Peter legt eine Hand auf Kims schmale Schulter. „Das zugeben zu können ist die halbe Miete, Kim. Ich rufe morgen in meiner Mittagspause an.“

Jeremy bringt Peter noch zur Tür. Ich höre sie reden, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist einmal mehr nur der Mann, der in meinem Arm liegt und eben bitterlich geweint hat, obwohl er sich nichts, absolut gar nichts hat zuschulden kommen lassen.

„Komm, Koalabärchen. Zeit fürs Bett. Ich will dich festhalten und dir tausendmal zeigen, wie sehr ich dich liebe und brauche. Mit Küssen und Streicheleinheiten.“



DONNERSTAG, 1. AUGUST



NACHRICHT





In Maiks Armen aufzuwachen ist so unheimlich tröstlich, dass ich gleich weiterweinen könnte, aber meine Augen brennen noch von den Tränen, die ich gestern Abend und heute Nacht vergossen habe. Ich weiß nicht einmal genau, wieso ich so schrecklich heulen musste, aber nun ist es vorbei. Die Traurigkeit jedenfalls.

Wenn ich jetzt noch weinen wollte, dann höchstens vor Glück.

Maiks Nähe ist so tröstlich und gut, dass ich mich sofort in seinen Armen umdrehe und strecke, um ihn zu küssen.

Er erwidert den Kuss sofort und zieht mich dichter an sich. „Guten Morgen, Koalabärchen. Wie geht es dir heute?“

Die Sorge liegt so tief im Jadegrün seiner Augen, dass ich scharf einatme und mein Herz erneut hart gegen mein Brustbein schlägt. „Besser. Und heute setze ich keinen Fuß ins Büro!“

Meine Verkündigung reizt ihn zu einem kleinen Lachen. „Na los, dann ab unter die Dusche mit dir. Heute kannst du ein wenig Springunterricht bei Jers nehmen. Ich gehe mit Timeon und Lukas auf den Dressurplatz.“

So machen wir es nach Maiks Joghurtfrühstück, Jeremys und meinem Kaffee und der ersten Putzorgie bei den Pferden.

Natürlich sprechen Jeremy und Timeon kein Wort miteinander. Da es die Stimmung im Stall jedoch nicht weiter belastet, versuche ich das eisige Schweigen zu ignorieren.

~*~

Mein Handy vibriert gegen Mittag in meiner Hosentasche und ich bin froh, gerade nicht auf einem Pferd zu sitzen. Eine SMS. Von Lu.

> Hallo Kim. Ich wollte mich eigentlich nicht so bald melden, aber man hielt es für eine gute Idee. Das Einzige, was ich dir sagen will, ist, dass ich nicht mehr auf das Feuerried zurückkehren werde. Alles Weitere erfährst du aus dem Brief, den der Firmenanwalt dir in Kürze zustellen lassen wird. Es tut mir alles so wahnsinnig leid! Lu

Ich lese den Text mehrmals, kann mir aber nicht wirklich einen Reim darauf machen.

„Du bist blass, was ist passiert?“ Maiks weiche Stimme erklingt direkt vor mir und erst jetzt bemerke ich, dass ich mitten in der Stallgasse stehe und bis eben auf das Display meines Smartphones gestarrt habe.

„Lu hat sich gemeldet“, bringe ich heraus und will an den wenigen Worten ersticken.

„Oh? Was schreibt er?“

Statt einer weiteren Erklärung halte ich ihm das Handy hin und er liest den Text.

„Das … er wird nicht mehr herkommen? Aber wie soll er dann deinen Nachfolger herbeischaffen?!“

Ich hebe kraftlos die Schultern. Was soll ich auch dazu sagen? Solange Lu nicht zurückkommt, kann ich hier nicht weg!

Maik lässt Hannibals Zügel los und umarmt mich sanft. „Wir kriegen das hin, ganz sicher. Du solltest ein Meeting mit allen Teamleitern der Ställe einberufen und mit ihnen gemeinsam überlegen, was zu tun ist.“

Ich nicke. Der große, starke Maik weiß eben immer Rat.

Die Idee mit dem Meeting ist gut. Ich muss so oder so noch alle darüber informieren, was hier in nächster Zeit auf sie zukommen wird.

„Aber vielleicht solltest du damit auch warten, bis dieser Brief vom Anwalt hier ist? Vielleicht hat er darin schon Nachfolger und Grundlegendes verfügt?“

„Ja, möglich.“

„Klingt jedenfalls so, als hätte er den Anwalt mit allen relevanten Fragen und Erklärungen an dich beauftragt.“ Maiks Hände reiben sacht über meinen Rücken. „Keine Sorge, ich lasse dich hier nicht allein, Kim. Das hier stehen wir gemeinsam durch und dann wird alles gut!“

Ich will mich in seinen Worten verstecken, in seine breite Brust hineinkriechen und mich dort auf ewig vor allem drücken, aber ich bin zu sehr von Logik durchsetzt, als dass ich das auch nur gedanklich weiterführen könnte.

Deshalb nicke ich und nehme ein wenig Abstand. „Ist okay. Ich denke, so lange können diese Unterlagen mit den Infos ja nicht auf sich warten lassen.“

Hannibal macht sich allein auf die Reise und drängelt unsanft an uns vorbei. Seine Nase schubst mich an der Schulter, als wolle er mir sagen, dass ich Maik nun lange genug für mich allein in Anspruch genommen habe. Ein Kichern rollt durch meine Kehle und ich bin einmal mehr irrsinnig froh, dass ich mit diesen wundervollen Tieren arbeiten kann.

Ich streichle seine Nüstern und rede mit ihm, während Maik die Zügel nimmt und mich noch einmal mustert. „Ich liebe dich, Kim. Egal, was passiert, daran wird sich nichts ändern, hörst du?“

Mein Blick huscht wieder zu ihm und ich schnappe überwältigt nach Luft. Ihm kann ich das glauben, einfach so. Das ist verrückt, zugleich tröstlich und wunderbar.

Ich strecke mich zu einem Kuss und folge ihm aus dem Stall hinaus.

~*~

Die SMS lässt mich den gesamten Tag nicht mehr los und ich verkrieche mich gegen alle guten Vorsätze noch einmal im Büro. Soll ich den Gestütsanwalt anrufen? Mal in der Kanzlei nachfragen, was genau es mit diesen Informationen an mich auf sich hat?

Ich entscheide mich letztlich dagegen und kümmere mich um die Neuzugänge und die Verkäufe von Galoppern. Natürlich läuft der Rennbetrieb ebenso weiter wie der Zuchtbetrieb. Das war immer so, unabhängig davon, ob Lu nun anwesend war oder nicht.

Die Anrufe halten sich heute in Grenzen, weshalb ich wirklich dazu komme, die letzten Ablagen zu erledigen und mit einem Stapel Papiere ins Schreibbüro im Laborgebäude gehe. Ich liefere alles ab, was noch auf meinem Schreibtisch herumlag und ernte dafür ein strahlendes Lächeln von Angie.

„Kim, du übertriffst dich ja selbst! Anscheinend tut der süße Maik dir so richtig gut, was?“

Ich nicke und kann mir ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen. Ich bin schließlich schon ein wenig stolz darauf, wenn mir jemand sagt, dass mein Freund süß ist. Wer wäre das nicht an meiner Stelle. Immerhin fand ich Maik auch schon, bevor ich mich in ihn verliebt habe, unsagbar sexy!

Nachdem ich die Büroräume in der Besamungsstation verlassen habe, suche ich nach meinem Freund und finde ihn nach einiger Zeit in Möhrchens Box. Sie steht noch immer im Quarantänestall, aber mittlerweile dürfen alle mit den anderen Pferden gemeinsam auf die Weide. Dort werden auch morgen alle Pferde sein, die nicht akut trainiert werden müssen.

Der Schmied kommt, wir müssen das Lederzeug putzen und ich freue mich sehr auf den ruhigen Tag im Stall.

„Na? Schmust du ersatzweise mit CD oder läufst du dich nur warm für später?“, erkundige ich mich und trete zu Maik und seiner Superstute in die Box.

„Hm“, brummt Maik. „Ich gehe davon aus, dass du diese Frage nicht ernst gemeint hast. Möhrchen ist keine Konkurrenz für dich, das weißt du auch sehr genau.“

Ich umschlinge ihn und atme seinen würzigen Geruchscocktail tief ein. Natürlich riecht er nach Schweiß, Arbeit und Pferd, aber eben auf diese unwiderstehliche Maik-Art. Ich schließe genießend die Augen und schnurre ein wenig, während ich meine Wange an sein Schulterblatt lege.



CRI AIGU, DIE ZWEITE





„Weißt du, wie sehr ich das genieße, Kim?“, murmele ich und lehne mich ein wenig an ihn, bevor ich mich umdrehe und ihn ebenso umarme wie er mich. „Wollen wir Feierabend machen und mit Jeremy in diesen Club gehen?“

Er starrt mich groß an. „Ins Cri aigu ? Aber was sollen wir denn da? Wir müssen morgen wieder früh raus!“

Ich kichere. „Soll das heißen, du hast keinerlei Ausdauer mehr, um mal ein wenig später schlafen zu gehen?“

„Das nicht, aber ich habe letzte Nacht nicht besonders gut geschlafen, wie du noch wissen dürftest.“

„Eben deshalb. Du wirst nach einem Cocktail sicher gut schlafen und die Ablenkung würde Jers sicher guttun.“

Kim schürzt abwägend die Lippen. „Hm, na gut, aber um Mitternacht möchte ich zurück, ja?“

„Klar, kriegen wir hin. Dann lass uns jetzt reingehen, uns umziehen und zuerst was essen gehen, okay?“

~*~

Im Cri aigu war ich bisher nie, aber es ist sehr amüsant zu sehen, wie Kim mit dem leicht tuckigen Garderobier Jens flirtet. Übrigens direkt nachdem er den Kassierer Michel mit der Vorstellung meiner Person als seinen festen Freund ziemlich hart getroffen hat.

Jeremy sieht sich deutlich weniger neugierig um als ich. Er weiß natürlich, weshalb wir ihn hierher geschleppt haben.

Zunächst gehen wir an die Theke, und da ich fahre, bestelle ich nur für Kim und Jeremy Cocktails, für mich eine Cola. Mit den Getränken gehen wir an eine Balustrade heran, die einen freien Blick auf die etwas tiefer gelegene Tanzfläche bietet.

Ich bin mir nicht sicher, wer ihn zuerst entdeckt, aber vermutlich spielt das keine Rolle.

Erics raspelkurzes, blondes Haar leuchtet im flackernden Licht der Diskostrahler. Erst bin ich nicht ganz sicher gewesen, weil der hübsche Riese seine Brille nicht trägt.

„Das ist Eric!“, höre ich Kim sagen und halte spontan Ausschau nach Timeon. Ich kann ihn nicht sehen. Kim hat die gleiche Entdeckung gemacht. „Aber der Kleine ist nicht dabei …“

Ich zucke die Schultern. „Vielleicht ist er grad auf dem Klo oder so?“

Bevor Jeremy sich noch dazu äußert, geht er um die Balustrade herum und zur Tanzfläche, um nur wenig später mit Eric zu tanzen. Wir beobachten die beiden, wie sie sich unterhalten und keineswegs scheu tanzen.

Kim lehnt sich in meinen Arm und ich ziehe ihn dichter, um ihn zu küssen. Jeremy wird schon wissen, was er tut, während ich nicht übel Lust habe, meine volle Aufmerksamkeit allein Kim zuzuwenden.

Wenn ich ehrlich bin, will ich das unter anderem deshalb, weil ich hier gerade einen Eifersuchtskrampf nach dem anderen haben könnte. Kim wird von vielen Jungs und Männern bemerkt, kein Wunder, er sieht schließlich rattenscharf aus, so ganz in Pechschwarz.

Unser wildes Geknutsche wird erst dadurch unterbrochen, dass Jeremy mitsamt Eric irgendwann mit neuen Getränken neben uns erscheint.

„Hey, Eric, wie kommt es, dass du hier bist?“

Der Blondschopf zuckt die Schultern und grinst breit. „Hat sich so ergeben. Und ihr? Ich hätte nicht gedacht, dass du dich von Kim einmal in sein altes Jagdrevier schleppen lassen würdest, Maik!“

Ich grinse breit. „Wieso nicht? Die giftigen Blicke, die ich bisher kassiert habe, entschädigen mich für alles!“, albere ich herum und ernte einen Rippenstoß von Kim.

„Hey! Wir sind hier, damit wir mal was richtig Wildes tun können: Sex im Darkroom mit der eigenen Beziehung!“

Eric und Jeremy lachen ebenso wie ich. „Der Laden ist echt cool, Kim, war ’ne gute Idee, ihn mir zu zeigen!“ Jeremy trinkt von seinem Cocktail, schnappt sich Erics Hand und beide verschwinden wieder.

Wohin? Keine Ahnung, sie sind erwachsen und werden schon wissen, was sie tun, nicht wahr?

Ich dagegen sehe mein Koalabärchen fragend an. „Sag mal, das war nicht dein Ernst vorhin, oder?“

Einen unschuldigen Augenaufschlag später küsst er mich hungrig und ich seufze ergeben in seinen Mund.

„Was meinst du?“

„Na, du und ich, Darkroom?“

Kim lacht fröhlich auf und nickt in Richtung Tanzfläche. „Mir ist nicht nach ’nem Schnellfick, lass uns das lieber auf später verschieben ja? Stattdessen könntest du mir mal zeigen, wie viel Rhythmus in deinen Muskeln liegt …“

Er ergreift meine Hand und zieht mich mit sich. Auf der Tanzfläche treffen wir eine Weile später auch Jeremy und Eric wieder, die sich anscheinend gut unterhalten. Ich vermute, unter anderem über das Reiten – in welcher Form auch immer.

Okay, meine Laune ist schon sehr locker und meine Gedanken nicht ganz so geradlinig wie sonst, aber ein paar schmutzige Gedanken sind schließlich kein Verbrechen.

Natürlich überlegen Kim und ich zwischenzeitlich, ob Timeon und Eric sich vielleicht getrennt haben könnten, aber das erfahren wir wohl noch früh genug.

Davon abgesehen ist es für mich viel wichtiger, dass Jeremy sich hier ablenken lassen kann. Der Abend ist insgesamt sehr unterhaltsam, witzig und durchaus anregend, denn, das muss ich schon sagen, mein Liebster hat es wirklich drauf, sich engumschlungen zur Musik zu bewegen, dass mein Blut innerhalb von Sekunden nicht mehr kocht, sondern verdampft.

Wohlgemerkt, ich bin nüchtern – also, zumindest, was den Alkoholgehalt in meinem Körper angeht. Regelrecht beschwipst bin ich dennoch. Von Kims Lachen, seinem Geruch, seinen Küssen, seinen Bewegungen …

~*~

„Das war toll, danke, dass du mich überredet hast“, murmelt Kim gegen meine Lippen, als wir um halb eins im Schlafzimmer ankommen und er sich dicht an mich drängt.

„Dann kannst du ja jetzt gut schlafen“, erwidere ich und muss mir das Grinsen verbeißen, als er mich kräftig in beide Seiten knufft.

„Denkst du wirklich, dass ich jetzt einschlafen kann?“, raunt er und zieht mir das Hemd aus dem Hosenbund, während er mich hungrig küsst.

Ich umschlinge ihn und lasse meine Finger unter seinem superengen Shirt an seiner Wirbelsäule hinaufgleiten, bis er in meinen Armen erschauert.

Natürlich weiß ich, dass er jetzt Sex will, und ich kann nicht gerade behaupten, dass es mir da anders erginge. Dementsprechend ziehen wir uns gegenseitig aus und landen auf dem Bett.

Streichelnd und küssend wechseln wir das Oben und Unten, genießen ganz in Ruhe unsere Lust aneinander und lassen uns viel Zeit.

Dass letztlich Kim in mich eindringt und nicht ich in ihn, ist wohl eher dem Zufall als irgendeiner Planung zu verdanken und ich winde mich keuchend unter ihm, weil mich seine hingebungsvollen Vibrationen, die mich von Anfang an so fasziniert haben, gnadenlos erobern.

Meine Hände liegen an seinen Seiten und bevor er kommt, zieht er sich zurück und legt sich auf mich. „Ich liebe dich“, flüstert er atemlos. „So sehr!“

Meine Antwort ist ein überwältigtes Blubbern, das ich nur mit Mühe in ein „Ich dich auch, Kim“ wandeln kann.

„Darf ich dich reiten?“, fragt er leise und ein erhitzter Schauder durchläuft mich allein bei der Vorstellung schon. Ich bringe ein Nicken zustande und helfe ihm, sich auf mich zu setzen.

Er lässt mich so langsam in sich gleiten, dass ich schon befürchte, jetzt und ohne weitere Reizungen zu kommen. Sobald mein Schwanz in ihm ist, legt er sich wieder auf meine Brust und küsst mich, ohne sich noch weiter zu bewegen.

„Koalabärchen“, murmelt er und wir genießen die Nähe, ohne dass ich in ihn stoße oder er sich auf und ab bewegt.

Die kleinen Muskelkontraktionen reichen vollkommen aus, um uns zum Höhepunkt zu bringen. Langsam und gemächlich. Mir ist vollkommen egal, wie viel oder wenig Schlaf wir noch bekommen werden, denn das hier ist durch nichts zu ersetzen oder zu überbieten.

Absolute Nähe, wie ich sie nur mit einem Mann teilen und erleben kann.

Als Kim sich mit einem langgezogenen Keuchen auf meinen Bauch ergießt, dauert es keine Sekunden mehr, bis ich ihm folge und mein Sperma tief in ihn spritze.

Keiner von uns denkt daran, diese Verbindung eher als nötig zu lösen. Kim kuschelt sich wohl seufzend an mich und macht seinem Kosenamen alle Ehre.

„Mein Löwenherz“, murmelt er und küsst mich erneut. „So stark und so sanft zugleich.“



FREITAG, 2. AUGUST



KLÄRUNGEN?





Wir sitzen auf dem hinteren Hof des Turnierstalls, verteilt auf Stühlen und Strohballen, die Luft riecht nach Lederseife und -fett, zusätzlich nach Sommer. Ich liebe das, wirklich.

Maik sitzt neben mir und poliert an einem Sattel herum, wir reden über alles und nichts, sobald kein anderer in der Nähe ist auch darüber, ob und wann Jeremy wieder auftauchen wird.

Immerhin ist es fast Mittag und von unserem Freund fehlt noch immer jede Spur.

Wir wissen zwar, dank einer SMS, die er um drei Uhr nachts an uns geschickt hat, dass er irgendwo bei irgendwem übernachtet, aber genauere Infos fehlen. Ich hoffe nur inständig, dass Jeremy nicht mit Eric abgestürzt ist. Das wäre wohl das mit Abstand Kontraproduktivste, was er tun könnte – zudem würde es Timeon sehr verletzen!

Denn, da bin ich mir ziemlich sicher, der Kleine ist durchaus noch mit Eric zusammen. Wieso er nicht mit im Cri aigu war, habe ich ihn bislang noch nicht gefragt, auch wenn er fleißig mit Schwamm und Seife auf diversem Lederzeug herumschrubbt, sobald er hier draußen bei uns sitzt.

„Vielleicht hatten sie einen kleinen Krach? War doch neulich auch schon mal so, als es um diese Tickets und Jers’ Einladung zum Turnier ging“, sinniert Maik leise vor sich hin. Ja, wir sind Tratschtanten. Jedenfalls manchmal.

„Aber wenn du dich erinnerst, denk auch dran, dass Eric gern hin wollte und Timeon nicht“, zischele ich zurück.

„Hm-hm, stimmt. Meinst du denn, die zwei haben schon wieder Stunk?“

„Wäre wohl eine Erklärung, aber vielleicht musste Timeon auch nur irgendwohin, wo er Eric nicht mitnehmen konnte?“, mutmaße ich.

„Kaum, die beiden gehen doch beieinander ein und aus, soweit ich das mitbekommen habe. Und wo sollte der Kleine denn donnerstags hin müssen, wo er Eric nicht mitnehmen könnte?“

„Auch wieder wahr“, ich seufze und beuge mich zu einem Kuss zu Maik.

„Mann, müsst ihr das eigentlich ständig tun?“, fährt uns Timeons Stimme an. Wir sehen hoch, er kommt gerade mit einem weiteren Zaumzeug aus dem Stall und ist wenige Meter vor uns stehengeblieben.

„Wir durften es lange genug nicht. Wirfst du uns jetzt vor, unsere Liebe auszuleben?“

„Ach, keine Ahnung, ein wenig mehr Zurückhaltung könnte euch jedenfalls nicht schaden.“ Timeon setzt sich. „Wo ist eigentlich der Windbeutel?“

Ich ziehe die Augenbrauen erstaunt hoch. „Dass du ihn so nennst, ist nicht besonders nett, Timeon“, weise ich ihn sanft zurecht.

Der Kleine grinst breit. „Du hast wenigstens sofort gewusst, wen ich meine“, verteidigt er sich. „Also? Wo ist er? Schon wieder weg?“

„Nein … er … hat nur woanders übernachtet, nachdem wir gestern im Cri waren“, erklärt Maik mit einem Seufzen.

„Oh? Ihr wart im Cri ? Dann habt ihr sicher auch Eric dort getroffen, oder?“

Wahnsinn, ich hätte nicht gedacht, dass mich eine Frage von Timeon mal so überraschen könnte. Ich nicke zögernd. „Haben ihn kurz gesprochen, ja.“

„Nur gesprochen?“, hakt der Kleine nach.

„Na denkst du, wir hätten ihn in den Darkroom geschleppt, oder was?“, versuche ich mich zu retten.

„War der tolle Salih auch da?“, fragt Timeon weiter und übergeht meine kleine Provokation. Offensichtlich hält er meinen Ausspruch für ebenso absurd wie ich.

„Der ist zum Geburtstag seiner Mutter heimgeflogen, aber wieso fragst du? Was hast du gegen ihn?“

Timeon grummelt vor sich hin, aber ich glaube ein „Jedenfalls nichts, was wirkt!“ herauszuhören und muss mir einmal mehr auf die Lippen beißen. Klingt doch echt nach Eifersucht!

„Nun nuschel doch nicht so!“, verlangt Maik, der sich eindeutig besser unter Kontrolle hat.

Timeon sieht uns wieder an und schüttelt leicht den Kopf, bevor er auf seinen Strohballen zurückkehrt und mit dem Auseinandernehmen des Zaumzeugs beginnt. „Ich nuschle nicht. Ich … na ja, ich glaube, dass Eric ziemlich auf den Scheich abfährt.“

„Wie bitte? Aber er ist doch mit dir zusammen!“, entfährt es mir.

„Ja …“

„Wieso warst du gestern nicht mit Eric im Cri aigu, Kleiner?“, fragt Maik nun noch einmal deutlicher nach.

„Wir wollten zusammen hin, aber mir ging’s nicht so gut, da hab ich gesagt, er soll allein hin.“

„Du schickst deinen Freund unbeaufsichtigt in den schwulsten Tanzclub des Landkreises? Wieso?!“ Ja, ich bin echt entgeistert und lasse das Gebiss, das ich eben ausgebaut habe, auf meinen Schoß sinken.

„Weiß nicht. War vielleicht nicht meine beste Idee …“

Nein, allerdings nicht, zumindest nicht, wenn ich Revue passieren lasse, wie gut sich Jeremy und Eric verstanden haben … Ich meine, sie sind – zumindest in unserem Beisein – nicht gemeinsam im Darkroom abgetaucht, aber aufgesucht hat mindestens Jeremy die abgedunkelten Räume jenseits der Tanzfläche mehrfach …

„Denkst du, dein Freund ist dir nicht treu?“, fragt Maik.

„Doch, eigentlich schon, aber er hat sich heute noch nicht gemeldet …“

~*~

Eine gute Stunde später kehrt ein zufrieden und recht ausgelastet grinsender Jeremy zum Hof zurück. Ich sehe als Einziger, wie er ankommt, und auch, mit wem.

Maiks bester Freund steigt tatsächlich aus Erics Wagen aus!

Das kann ich so nicht stehenlassen, auch wenn es mich im Grunde nichts anginge, wäre es schon wahnsinnig unfair von Jeremy, wenn er wirklich etwas mit Eric angefangen hätte, solange dieser noch mit Timeon zusammen ist.

Deshalb nehme ich ihn gleich beiseite, während Eric einparkt und danach im Stall abtaucht.

„Jers, hast du ’ne Minute?“

„Klar, was ist los?“

„Na ja, ich wollte nur fragen, ob du … Nein, eigentlich weiß ich, dass du nichts mit Eric angefangen hast, aber … Könntest du es mir bitte kurz bestätigen? Im Hof hockt nämlich ein sehr geknickter Timeon und ich habe keinen Bock auf die nächste Szene, wenn du verstehst.“ Ohne es sofort zu bemerken, habe ich wohl einen deutlich selbstbewussteren Ton angeschlagen, als Jeremy erwartet hätte.

Seine Augenbrauen rutschen in seine Stirn und er öffnet schockiert den Mund. „Natürlich nicht! Ich hab bei seinen Eltern im Gästezimmer gepennt! Er war so nett, mich mitzunehmen, damit ich kein Taxi hier raus nehmen muss.“

Ich nicke. „Okay, dann ist ja alles gut. Hat dich denn der Abend ein wenig ablenken können?“

„Oh ja, ich kann nicht klagen. Nettes Jagdrevier, das du da aufgegeben hast. Ich hab so viele neue Telefonnummern, das kannst du dir nicht vorstellen! Offenbar kommt mein britischer Akzent hier sehr gut an.“ Er kichert und klopft mir auf die Schulter. „Danke, Mann!“

„Dafür nich, Jers. Kommst du mit in den Hof oder hast du noch was anderes vor?“

„Hm, ausgeschlafen bin ich, also kann ich auch mitkommen. Seid ihr noch mit dem Lederzeug dran?“

Jeremy geht sich aber doch erst umziehen. In Stoffhose und Hemd mit Lederfett herumzuhantieren, ist auch keine besonders gute Idee.



SCHÜSSE UND TRÄNEN





Das Mittagessen bei Theodora gönnen wir uns heute, weil es eine Mannschaftsportion Kochfisch mit Salzkartoffeln gibt. Total lecker und ganz sicher ein Rezept, das ich mir von ihr geben lassen werde.

Selbst Timeon, Eric und Jeremy benehmen sich bei Tisch so pflegeleicht, dass ich schon staune.

Hin und wieder fange ich einen seltsam nachdenklichen Blick von Theodora auf, mit welchem sie Kim und mich mustert.

Ich rechne im Grunde schon damit, dass sie uns am Ende der Mahlzeit bittet, zu bleiben, um mit uns zu reden.

Was weiß sie über die Geschehnisse? Ahnt sie, was Ludwig getan hat? Wieso er jetzt so spurlos verschwunden ist?

Vielleicht hat er sich auch bei ihr gemeldet?

Sie bittet uns nicht um ein Gespräch, weshalb wir die Schrubberei ab den Geschirren und Sätteln fortsetzen.

Ein paarmal treffe ich Kim in der Sattelkammer, weil wir beide saubere Ledersachen wegbringen, um uns neue zu holen. Jedes Mal umarmen wir uns kurz und stehlen uns ein paar Küsse, die mich warm durchfluten und mich unweigerlich an diesen fantastischen Sex der vergangenen Nacht denken lassen.

„Was machen wir heute Abend?“, erkundige ich mich und mir schwebt eindeutig ausgiebiges Kuscheln im Heimkino vor. Gern mit anschließendem Sex, aber nicht zwangsläufig so geplant. In den letzten Tagen hat sich doch deutlich genug gezeigt, dass nicht die Bettakrobatik es ist, die uns verbindet, sondern die Nähe und der Halt, die wir uns gegenseitig immer wieder bereit sind zu schenken.

Verliebt sehe ich meinen Freund an und er küsst meine Nasenspitze. „Hm, das entscheidest du, solange zwischen uns nicht mehr als höchstens doppelter T-Shirt-Stoff liegt, kann ich mit allem leben!“

Wir lösen uns voneinander und ich schnappe mir einen Sattel von Epitaph – mittlerweile sind Kim und ich beim Lederzeug in der Sattelkammer des Quarantänestalls angekommen. Mein Freund ergreift die dazu gehörende Trense und wir gehen gemeinsam zurück in den Hof.

Ich sitze gerade erst mit dem Sattel über den Knien da, als sich eine vollkommen ungewöhnliche Unruhe erhebt.

Etwas knallt laut – weit entfernt und mit einem peitschenden Nachhall. Mehrmals.

Ich springe ebenso auf wie Kim und die anderen, denn nur Augenblicke später erklingt das donnernde Getrappel zahlreicher Hufe auf Weidenboden. Es dröhnt regelrecht.

„Die Weiden!“, bringt Kim hervor und schon sind alle im Laufschritt unterwegs dorthin.

Schrilles Wiehern mischt sich in die Geräuschkulisse und ich bin im Stillen sehr dankbar dafür, dass mein Möhrchen schussfest ist.

Nichts anderes waren die peitschend knallenden Geräusche, die das Chaos in Gang gesetzt haben. Gewehrschüsse möglicherweise.

„Es gibt hier keine Jäger!“, ruft Lukas und klingt genauso panisch, wie ich mich fühle. Was, wenn eines der Tiere getroffen wurde? Was, wenn eine Stampede ausgelöst wurde und sie durch einen Zaun gebrochen sind?

Vor meinem geistigen Augen taucht blutig aufgerissenes Pferdefell in unterschiedlichsten Schattierungen auf. Ich schlucke und schüttle sie aus meinem Kopf und bleibe abrupt stehen.

Stallapotheke, Notfallkoffer.

Ich mache kehrt und hole den Koffer, nur für den Fall der Fälle. Die anderen sind vielleicht fünfzig Meter vor mir, auch Kim.

Am Hauptweg zwischen den Weiden hindurch ist tatsächlich einer der Zäune niedergetrampelt, die dazugehörigen Pferde sehe ich aber nicht. Sie müssten uns doch eigentlich entgegengekommen sein?

Pferde flüchten nach Hause, wenn sie eines kennen, das ihnen Schutz bietet. So wie Lemonboy neulich in dem schweren Gewittersturm …

Ich sehe Lukas und Thomas weiter entfernt über eine Weide rennen, Kim aber geht gerade immer langsamer, und erst als er in die Knie geht, wird mir bewusst, dass direkt vor ihm ein halb zugewachsener Graben liegt und der Zaun davor durchbrochen ist.

Timeon und Jeremy sind auch irgendwo, ich verliere den Überblick, denn nun rutscht Kim ganz langsam in den Graben hinein und ich höre das mit Abstand schrillste und ängstlichste Wiehern, das ich jemals gehört habe.

Meine Knie werden ganz kurz weich, doch ich atme tief durch und zwinge mich zu mehr Professionalität. Schnelle, feste Schritte auf Kim zu, von dem ich nur noch den blauschwarzen Schopf und seine Schultern sehen kann. Das Schreien des Pferdes im Graben hört einfach nicht auf, und als ich auf Höhe des zerbrochenen Zaunes stehe, versagen mir die Knie und der Notfallkoffer fällt neben mir zu Boden.

Ich will mir die Hände über die Ohren legen, will ausblenden, wie kläglich mein Möhrchen im Graben liegend schreit.

Kim murmelt irgendetwas, ich glaube, er hat mich gar nicht bemerkt. Ist auch egal, denn in meinem Kopf ist plötzlich Leere.

Mein Magen, ach was, alles in mir zieht sich schmerzhaft zusammen, schrumpft zu kleinen, eiskalten Klumpen.

Ich sehe das schweißnasse Fell, sehe die blauschwarze Mähne und vor allem den Blick ihrer schreck- und schmerzgeweiteten Augen.

„Kim?“, bringe ich hervor.

„Ich kümmere mich um sie, Maik. Bitte ruf Doktor Becker-Willmann an. Die Nummer hängt am Stalltelefon.“

Ich nicke und recke nun doch ein wenig den Hals.

Sie blutet. Mein Möhrchen blutet! Aber sie schreit und schnappt nach Kim. Er ist viel ruhiger als ich, trotzdem strecke auch ich kurz die Hand aus. Als sie auch mich wegbeißt, weiß ich, dass ich Kim vertrauen muss.

Losgehen, nein, rennen. Die Tierärztin anrufen.

Was für ein Schwachsinn! Ich bin Tierarzt!

„Bitte Maik, ich weiß, dass du sie selbst behandeln könntest, aber das will ich dir nicht zumuten. Ich werde sie beruhigen. Ruf Becker-Willmann an!“ Kims Stimme ist fest, aber er sieht mich nicht an.

„Ja“, krächze ich. Das unnatürlich dick wirkende Röhrbein an der rechten Vorderhand will ich nicht sehen.

Sie hat ein gebrochenes Bein. Schon auf diesen einen Blick sehe ich, was ich nicht wahrhaben will. Möhrchen wird eingeschläfert werden.

Ich rappele mich endlich auf und wende mich ab. Meine Sicht verschwimmt, während ich über die Weiden stolpere, den Schotterweg zum Hof nehme und irgendwann, gefühlte Stunden später, nach dem Hörer des Stalltelefons greife.

„Doktor Becker? Maik Fallner hier, Feuerried. Sie müssen sofort herkommen.“

„Ich behandle den letzten Patienten, dann bin ich unterwegs. Was genau ist passiert?“ Die Stimme der Ärztin ist ruhig und wirkt sogar ein wenig beruhigend auf mich. Ich muss ganz schön panisch in den Hörer gebrüllt haben.

„Es gab einen Unfall und eine Massenflucht. Ich weiß nicht, wie viele Tiere verletzt sind.“

„In Ordnung, ich bin nah dran, rufen Sie trotzdem Doktor Kemmler dazu. Seine Nummer steht überall direkt unter meiner.“

Ich sehe zu dem großen Zettel und nicke. „Ja, in Ordnung. Danke.“

Der Anruf bei Doktor Kemmler geht schneller, er ist noch unterwegs und kann sofort herkommen.

Und was soll ich jetzt machen?

Hinter mir höre ich Hufgetrappel und wische mir hastig über die Augen, auch wenn das überhaupt nichts bringt. Die Tränen laufen kontinuierlich und ich will und kann nicht wieder zu Kim und Möhrchen gehen.

Ich drehe mich um und sehe, dass Timeon und Jeremy mit jeweils zwei Pferden an den Halftern in die Stallgasse kommen. Sie sprechen beruhigend auf die Tiere ein, die nassgeschwitzt sind und allesamt sofort Decken brauchen.

Ich stolpere wortlos in die Sattelkammer und schnappe mir einen Stapel der Decken, die dort lagern. Mir ist egal, ob jedes Pferd seine eigene bekommt.

Lemonboy, Zaphiras Dream und Hannibal, dann Hellygirl. Ich schließe die Boxen. Jeremy und Timeon sind schon wieder unterwegs zu den Weiden.

Ich mache kehrt und versuche, wieder etwas Vernunft und Leben in meinen Körper zu zwingen, aber ich schaffe es nicht.

Möhrchens Bein ist gebrochen. Sichtbar gebrochen. Sie ist schwer gestürzt, hat womöglich innere Blutungen.

Mein Kopf schüttelt sich vor Unwillen.

Ich kann an so etwas jetzt nicht denken!

Ich kann … gar nichts mehr.



BODENLOS





Wieso mein Instinkt mich dazu bewegt, Maik, der ja nun mal fertig studierter und durchaus fähiger Tierarzt ist, wegzuschicken, um eine Kollegin anzurufen, ist mir nicht ganz klar. Aber wer bin ich, ebendiesen untrüglichen Instinkt zu hinterfragen?

Ich will nicht, dass mein armer Maik das hier sehen muss.

Celebrity Darling, sein Möhrchen, schreiend und wild um sich beißend auf der Seite in einem Graben liegend.

Obwohl der Anblick grauenerregend ist, weil sie neben der furchtbar angeschwollenen rechten vorderen Mittelhand auch zahlreiche Schürfwunden hat, bin ich ruhig und reagiere einfach.

Hier ist kein Platz für Gedanken oder lange Überlegungen. Ich spüre Möhrchens Schmerz und versuche, mit meiner Ruhe auch bei ihr für eine gewisse Grundberuhigung zu sorgen.

Solange sie so um sich beißt, dass ich sie nicht vernünftig anfassen kann, wird auch Doktor Becker nichts für sie tun können.

Natürlich ist mir bewusst, wie schwer ihre Verletzungen sein müssen, wenn sie nicht einmal Anstalten macht, aufzustehen, aber ich habe dennoch die Hoffnung, dass sie nicht einfach eingeschläfert werden muss.

Möhrchen ist eine Kämpfernatur, wenn sie zu heilen ist, wenn auch nur die geringste Chance dazu besteht, dass sie weiterleben kann – natürlich auf dauer schmerzfrei – soll sie auch behandelt werden.

„Kim! Kim, was ist …?“, höre ich Jeremys Stimme irgendwann und wende ganz kurz den Kopf. Maik konnte ich vorhin nicht ansehen, ich glaube, wenn ich seinen entsetzten Blick hätte ertragen müssen, wäre ich einfach heulend in seine Arme gefallen und nichtsnutzig gewesen.

„Oh mein Gott!“, entfährt es Timeon, der offenbar auch entdeckt hat, dass ich hier im Graben hocke.

„Timmy, komm, wir müssen eine Trage und einen Kran organisieren.“ Jeremy hat solche verunfallten Pferde ganz sicher schon oft gesehen. Auch wenn eher die Stürze bei Galopprennen so etwas verursachen können, scheint er sich, was den technischen Teil einer möglichen Rettung betrifft, sehr gut auszukennen.

„Wir müssen zu Knut rüber, der kann den großen Traktor herfahren. Eine Rettungstrage für Pferde liegt draußen in dem Kasten an der Besamungsstation!“ Timeon hat im Rahmen seines Rundgangs und der ersten Sicherheitsschulungen offenbar sehr gut aufgepasst.

Ich nicke. „Wo bleibt Doktor Becker-Willmann?“

„Sie kommt später, aber ich werde sehen, was ich tun kann“, erklingt eine weitere Stimme.

„Doktor Kemmler!“, begrüße ich den älteren Mann erleichtert. Er ist der Vertretungsarzt von unserer eigentlichen Tierärztin und eigentlich schon kurz vor der Rente. Deshalb macht er auch nur noch aushilfsweise echten Dienst am Tier.

Er hampelt neben mir in den Graben hinein und schüttelt bei einem Blick auf Möhrchens Körper schon den Kopf.

Ich sehe zu ihm hoch. „Sie muss gerettet werden, koste es, was es wolle!“, bringe ich hervor.

Er mustert mich schweigend, hockt sich neben mich und murmelt, während er vorsichtig über Möhrchens Fell streicht: „Nur, wenn es ohne schlimme Quälerei geht, Herr Andreesen. Das Gleiche wird Ihnen auch Doktor Becker sagen.“

Ich nicke abgehackt. „Ich weiß, ich weiß! Aber wir müssen alles versuchen. Selbst wenn sie nie wieder springen kann, ich will, dass sie alles probieren.“

~*~

Jegliches Zeitgefühl ist weg. Schweratmend erreiche ich den Hof. Nicht die körperliche Anstrengung hat mir den Atem geraubt, sondern die seelische.

Ich sehe dem Spezialtransporter nach, mit welchem Möhrchen in einer beinentlastenden Aufhängung abfährt, und schlucke hart. Alles ist so ungewiss. Niemand weiß bislang, ob sie innere Verletzungen oder weitere Brüche hat. Beide Doktoren haben sofort einen möglicherweise sehr schweren Röhrbeinbruch diagnostiziert, den sie mittels Röntgenbild noch genauer abklären wollten.

Ich muss nach Maik sehen, der seitdem er Doktor Becker angerufen hat, wie vom Erdboden verschluckt zu sein scheint.

Mein erster Weg führt mich in Möhrchens Box. Ich habe wirklich erwartet, dass er dort in der Einstreu hockt und weint. Aber dort ist er nicht und ich bin augenblicklich versucht, mich selbst hineinzusetzen und einfach eine Runde zu heulen. Die Anspannung ist noch nicht ganz weg, aber immerhin ist Maiks Liebling nun in guten Händen.

Jeremy ist mit zur Pferdeklinik gefahren, ich glaube, Timeon hat mir vor ein paar Minuten versprochen, ihn dort später abzuholen. Ich kann mich jetzt also wirklich richtig und vollständig um Maik kümmern.

Dazu muss ich ihn nur erst einmal finden!

Ich trete aus dem Stall und gehe auf mein Haus zu. Vielleicht ist er dort irgendwo? Er steht ganz sicher unter Schock, da macht man doch die verrücktesten Sachen, nicht wahr?

Meine zielstrebigen Schritte brechen ab und ich blinzle zweimal, während ich realisiere, dass die Moto Guzzi fehlt.

Im selben Moment greift eine kalte, wirklich kräftige Faust nach meinem Brustkorb und drückt einfach zu. Mit einem Kieksen entkommt mir der Atem und mir wird schwindelig.

Der Boden unter meinen Füßen scheint sich aufzulösen, schickt mich in den freien Fall, in welchem Panik, Trauer und Hilflosigkeit auf mich lauern.

Ich muss Maik finden, sehr dringend! Etwas Kaltes an meinem Ohr, oh, ich habe bereits seine Nummer gewählt.

Keine Antwort, aber sein Handy ist an. Immerhin.

Trotzdem habe ich Visionen von zuckenden Blaulichtern in einer Allee, von den Überresten eines Motorrads und von den betroffenen Gesichtern der Polizisten, die mir sagen, dass wieder jemand gestorben ist, den ich über alles liebe.

Wie damals. Mein Vater. Ich war vier.





Table of Contents

Samstag, 20. Juli

Unwetter

Vom Regen in die Wanne

Suppenkoch?

Prioritäten

Gespräche

Worte sind zu viel

Sonntag, 21. Juli

Näher als nah

Theodora schweigt

Action im Kino

Montag, 22. Juli

Nähkästchen?

Anruf

Narben der Vergangenheit

Dienstag 23. Juli

Justin Fallner

Rückfall

Nervös

Mittwoch, 24. Juli

Übel

Hilflos

Beschützt

Donnerstag, 25. Juli

Schmerzhafte Fakten

Wildes Löwenherz

Koalaraubtier

Hormonfrühstück

Tapetenwechsel

Freitag, 26. Juli

Neue Normalität

Hitze des Augenblicks

Samstag, 27. Juli

Hunger

Wahrheiten

Selbsthass

Anker

Stark oder schwach?

Sonntag, 28. Juli

Einladung

In der Höhle der Löwen

Verhärtete Fronten

Süß und sanft

Montag, 29. Juli

Stallgassenmambo

Querelen

Entspannung

Dienstag, 30. Juli

Bürokram und Besuch

Aussprache und Angebot