Die Jagd Auf Den Täter

Aus den Aufzeichnungen des Täters

 

Dann das Problem mit den Reisetaschen, also Schultern einschließlich Hände sind 50 Zentimeter breit und schlimmstenfalls ohne Hände 35 Zentimeter. Die Messung hat gezeigt, dass es möglich ist, eine Person in einer 75 x 55 x 35 Zentimeter großen Reisetasche aufzubewahren, bei Verwendung eines Atemaggregats und bei minimalem Sauerstoffverbrauch bei künstlicher Bewusstlosigkeit. Das Gefahrenmoment ist Urin, erhöhte Körpertemperatur, Stöße verschiedener Art, Ausbuchtungen an der Reisetasche

 

Durch intensive Weiterbearbeitung können auch die schwierigsten Probleme mit minimalem Risiko verringert werden. So ist auch eine wesentliche Verbesserung bei dem hier so wichtigen Lager- und Transportproblem möglich. Der in Frage kommende Körper ist klein und schlank, sein geschätztes Gewicht beträgt ungefähr 50–55 Kilo, die Größe liegt zwischen 1,60 und 1,65. Um leichter eine Kontrolle des gemieteten Zimmers zu verhindern, kann das Objekt auch unter dem eigenen Bett aufbewahrt werden. Auch Koffertransport, also der Transport in einer Reisetasche, ist möglich. Versuche mit Steinen, mit exakter Gewichtskontrolle, Benutzung

 

Das Problem mit den Koffern […] Ausbuchtungen sind sichtbar, das kann mit Stahlblech und einem besseren Seil außen herum verhindert werden, dann kann auch der Tragegriff kaputt gehen, dagegen könnte ein Trageriemen helfen. Außerdem könnte die Tasche umfallen, wenn sie nicht ordentlich verstaut wäre, vor allem wäre zu merken, dass sie einen außergewöhnlichen Inhalt haben, wenn man die Taschen horizontal legen würde. Dann wäre noch mit hohem Gewicht zu rechnen, außerdem mit Geruch durch Urin und Exkremente, Erbrechen, Transpiration, verbrauchte Luft, eventuell Blut und Weiteres […] der Atem wäre also möglicherweise durch ein Loch in der Tasche sichtbar, besonders nachts und bei kaltem Wetter

 

Dann hätte die eigentliche Aktion damit begonnen, zu versuchen, auf irgendeine Weise in die Wohnung hineinzukommen und sie wehrlos zu machen […]

 

Verletzungen durch Schläge, Verletzungen durch Fallen. Betäubung nicht schnell genug, Betäubung zu tief. Schreie, andere Geräusche oder Schatten könnten von einem Außenstehenden bemerkt werden. Hinfallen könnte von einem Außenstehenden bemerkt werden […] Unpräzise Schläge, dabei eventuell Bewegung. Zu leichter Schlag, zu harter Schlag. Verletzung der eigenen Hand. Zu langsame Schlagfolge […] Zuhilfenahme der Knebel

 

Dann kommt die eigentliche Aktion, dazu zählt also Vergewaltigung […] Das Ganze soll gefilmt werden und alle Wertsachen sollen mit wissenschaftlicher Präzision und Schnelligkeit aus der Wohnung entfernt werden

 

Danach hätte ich versucht, sie so tief zu betäuben, dass sie einen längeren Transport überstehen könnten, sie also in zwei Koffern zu verpacken und ein Taxi gerufen und dann hätte ich sie beide als Gepäck auf dem Südbahnhof aufgegeben, wäre ins Hotel zurückgefahren, hätte mich umgezogen und wäre zum Westbahnhof gefahren und dort hätte ich einen Zug genommen, wo ich irgendwo an einem kleineren Bahnhof ausgestiegen wäre und mich maskiert hätte, eventuell auch, indem ich eines dieser Schönheitsinstitute aufgesucht hätte, wo man alle möglichen kleineren Operationen und dergleichen macht, dann wäre ich weitergefahren zu dem Bahnhof auf dem Land, an dem Silvia als Gepäck angeliefert worden wäre, und hätte sie abgeholt und sie zur ersten Pension geschafft, nachdem ich dort die Miete bezahlt hätte, und die erste Behandlung mit Gehirnwäsche begonnen. Danach hätte ich sie wieder betäubt und in den Koffer gepackt, sie sozusagen konserviert abgestellt, und wäre zum Mittagessen gegangen […] Dann wäre ich unmittelbar danach zur ersten Pension zurückgereist und hätte ihre Behandlung fortgesetzt und das alles hätte ich mehrmals wiederholt

 

 

Es wäre sicher darauf angekommen, wie sich das Ganze entwickelt hätte, und hiermit sind wir schon beim vierten Tag und am vierten Tag hoffte ich zumindest schon so weit zu sein, dass ich es riskieren konnte, sie wieder in einen normalen Zustand zu versetzen, sodass ich sie aufwecken und dem Besitzer der Pension als eine Bekannte hätte vorstellen und mit ihr in den Bergen hätte spazieren gehen können

Das Ganze als eine Operation zu bezeichnen ist keine Übertreibung. Gleich von Beginn an waren die Ermittlungen sehr umfangreich. Es handelte sich hier um einen klassischen Mord mit unbekanntem Täter, der außerdem besondere Merkmale aufwies – junge, unschuldige Frau zu Hause überfallen und in ihrem eigenen Bett ermordet –, die ihm sofort höchste Priorität zuwiesen. Auch das Personalaufgebot beruhte auf Erfahrungswerten. Die ersten

Ein Team erhielt am Mittwoch den Auftrag, das Wohngebiet zu durchkämmen und an allen Türen zu klingeln, um Zeugen ausfindig zu machen. Eine weitere Gruppe aus Kriminaltechnikern sicherte währenddessen am Tatort, im Haus, die Spuren. Gleichzeitig begann ein drittes Team damit, alle Personen aus Kickans engstem Bekanntenkreis zu vernehmen: selbstverständlich ihren Verlobten, dazu Familienangehörige, Freunde. Das ist das übliche Prozedere. Zum einen wollte man auf diese Weise das Opfer analysieren, sich ein Bild davon machen, wer sie gewesen war, womit sie sich beschäftigt, wen sie gekannt hatte und so weiter. Zum anderen wählte man diese Vorgehensweise, weil in drei Viertel aller Mordfälle Opfer und Täter einander kennen. Wenn das Mordopfer eine Frau ist, ist außerdem die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass sie von ihrem Ehemann, Geliebten oder Freund – dem jetzigen oder dem Ex-Freund – umgebracht wurde. Bemerkenswert ist darüber hinaus, zumindest rein statistisch betrachtet, dass es sich beim Täter und bei demjenigen, der das Opfer gefunden hat, nicht selten um ein und dieselbe Person handelt.

Es war daher nicht überraschend, dass Kickans Verlobter, Jan Olov Svensson, einer der Ersten war, die an diesem Tag befragt wurden. Wenn in diesem frühen Stadium der Ermittlungen jemand als verdächtig gelten konnte, dann war er es. Fast schon zwangsläufig.

 

Der Mord war an sich schon eine Sensation. «Junge Frau in ihrem eigenen Bett tot aufgefunden» etc. Doch auch dem Ort, an dem die Tat stattgefunden hatte, kam eine gewisse Bedeutung zu.

Trotz seiner idyllischen Anmutung hatte Hökarängen einen erstaunlich schlechten Ruf. Nicht nur Schwedens ökonomische Statistik wies nach oben, sondern auch die Kurven, die die zur Anzeige gebrachten Verbrechen darstellten[3] – eine Tatsache, die Politiker und andere Besserwisser nicht begreifen konnten. Müsste angesichts eines derart phantastischen Wohlstandes nicht die Kriminalität die gleichen erfreulichen Anzeichen für einen Rückgang aufweisen wie zum Beispiel die Zahl der Alkoholiker und Sozialhilfeempfänger? Draußen in Hökarängen hatten Sachbeschädigungen, Kleinkriminalität, Bandenkriege und andere Probleme derartige Ausmaße angenommen, dass sich die Behörden zeitweise gezwungen sahen, dort dauerhaft Polizei zu stationieren. Andere wiederum reagierten mit heftigen Ausbrüchen sprachlicher Kosmetik: Das Viertel sollte umbenannt werden!

Dass bestimmte Bereiche der Innenstadt zwielichtig,

In dem Bereich rund um den Stureplan, in der Brunnsgatan und der David Bagares gata, hielt sich eine andere Elendsnische, genannt «Der Sumpf», der aus leer stehenden alten Häusern ohne Elektrizität und Heizung bestand, die nur noch geduldig und schweigend auf die Abrissbagger warteten. Bis es so weit wäre, hatten dort Obdachlose, Junkies, Alkoholiker und in Schwierigkeiten geratene verarmte Rentner eine Heimstatt gefunden. Aus der Sicht des wohlfahrtsstaatlichen Utopismus war es bedauerlich, wenn auch logisch, dass die Probleme im alten Stockholm fortlebten, zumindest für gewisse Zeit. (Reißt den Dreck doch einfach ab!) Doch Probleme auch in und mit den ganz neu errichteten Vororten? Das passte irgendwie nicht ins Bild. Sie waren schließlich Orte ohne Erinnerungen, unbelastet von jener Bürde der Vergangenheit, wie man sie im Zentrum begutachten konnte.

Ein beträchtlicher Teil von Hökarängens Aura eines Problemviertels entstand bereits in den späten 40er Jahren, als die Wohnungen in den Mehrfamilienhäusern in einem der ersten Abschnitte des neuen Stadtteils zu einfachen Einzimmerwohnungen mit gemeinsamer Toilette im Keller und ohne Zentralheizung verdichtet wurden, um als Übergangsquartiere für wohnungslose Problemfamilien zu dienen.[5] Mit absehbaren Folgen. Was als Provisorium

Es verlief wie gesagt eine tatsächliche wie symbolische Grenze aus Wald und Felsen zwischen der wohlhabenden Reihenhaussiedlung im südlichen Hökarängen und den einfacheren Mietshäusern im Norden. Und obwohl die Kinder aus den zwei Gegenden in dieselbe Schule gingen und einander leicht erkennen konnten – die aus der Reihenhaussiedlung waren immer ein wenig besser gekleidet –, mieden Letztere sorgsam die nördlichen Bereiche von Hökarängen, die als gefährlich galten, als Unterschlupf von Morlocks in kurzen Hosen, die wie bei H. G. Wells jederzeit herabstoßen und sich einen der kleinen Eloi von Skönstaholm greifen konnten. Im Söndagsvägen kursierte das Gerücht, dass eine Jungenbande aus dem Saltvägen in Farsta Gefangene mache, um sie dann zu foltern: ihnen Schnittwunden zuzufügen, die sie mit Salz einrieben.

Wir, die wir in jener Zeit aufwuchsen und Mütter hatten, die immer zu Hause waren, lebten in einer offenen und gleichzeitig merkwürdig umgrenzten Welt. Wir waren frei und bewegten uns, wie, wann und wohin wir wollten, wobei allerdings zwischen den einzelnen Vierteln unsichtbare Grenzen verliefen, die man so gut wie nie überschritt. Dabei wurde man geographisch weniger von der Überwachung durch die eigenen Eltern (sprich: die Mutter) eingeschränkt als durch die Angst vor den anderen Kindern, die ihre eigenen Bereiche hatten, ihr Barrio, in dem sie spielten und patrouillierten. In Hökarängen blieb man innerhalb seiner Grenzen, außer, wie gesagt, in der Schule, wo dieses System plötzlich nicht mehr galt und

Hökarängen bedeutete schlechte Nachrichten. Hökarängen, das waren soziale Probleme. Hökarängen war ein gefährlicher Ort, den man nach Möglichkeit mied.

Vorstellung und Wirklichkeit vermischten sich. Als die Schlagzeilentexter der Boulevardpresse erst einmal auf die Problematik aufmerksam geworden waren, trugen sie gern das Ihre dazu bei, das Bild zu verstärken. Positive Nachrichten aus der Gegend verortete man in Farsta, schlechte in Hökarängen, selbst wenn es in beiden Fällen um dieselbe Straße ging.[7] Und wie so oft erschuf die Fiktion ihre eigene Wirklichkeit: Kleinkriminelle und andere Personen mit unlauteren Absichten wurden angelockt.

Wo also sollte ein solcher Mord geschehen, wenn nicht in Hökarängen?

 

Die Vernehmung des Verlobten durch das Dezernat für Gewaltdelikte im großen Polizeigebäude auf Kungsholmen begann um fünf vor zwölf. Der Vernehmungsleiter, der Erste Kriminalassistent Ernst Ahlbäck, bat Svensson zu beschreiben, was geschehen war, beginnend mit der Rückkehr aus dem Spanienurlaub am vergangenen Sonntag bis zu dem Augenblick am vorigen Tag, an dem er seine Verlobte tot aufgefunden hatte.

 

Wir landeten Samstagnacht halb vier oder eigentlich Sonntagmorgen halb vier in Bromma, und meine Eltern holten uns am Flughafen ab, dann fuhren wir direkt zu unserem Sommerhaus auf Ekerö, und wir gingen um ungefähr fünf Uhr ins Bett, und dann schliefen wir bis halb zwei – glaube ich. Dann kam mein Bruder, und wir erzählten von unserem Urlaub, und dann haben wir gegessen, und gegen Abend wollte Kickan nach Hause fahren, um nachzusehen, ob sie bei Bar-Lock angenommen worden war, sie hatte wohl eine Mitteilung bekommen, oder ob sie Montag am Karolinska zu arbeiten anfangen sollte. Dann wollte sie nach Hause und auspacken, und sie wollte ihre Sachen waschen, und mein Bruder […] – sie haben sie ungefähr gegen halb acht nach Hause gefahren, glaube ich, und ich wollte sie abends anrufen, ob sie bei Bar-Lock angenommen war. Ich habe sie so um neun Uhr angerufen, und da war sie nicht angenommen worden, und sie wusste nicht, ob sie am Montag am Karolinska anfangen sollte oder nicht. Sie wollte Montagmorgen am Karolinska anrufen. Wir hatten mit meinem Vater verabredet, dass sie am Montagmorgen mit in unser Sommerhaus kommen sollte. Er wollte sie um zehn anrufen – gegen zehn Uhr am Montag. Dann war er Montag zu Hause in der Stadt, und er rief sie gegen elf Uhr an, aber sie ging nicht dran. Er versuchte es ein paarmal, und dann fuhr er hin und klopfte an, aber keiner machte auf, und da dachte er, dass sie doch zur Arbeit gefahren war. Sie hatte davon gesprochen, dass sie das

Der Vernehmungsleiter versuchte zunächst den zeitlichen Ablauf zu rekonstruieren, ab dem Moment, an dem das Paar in Bromma landete, bis zu dem Augenblick, an dem Kickan am Dienstagabend tot aufgefunden wurde. Er erkundigte sich auch danach, ob sie traurig oder

Die Polizisten fragten Kickans Freund, wo er während der letzten Tage gewesen war. Er schien ein Alibi zu haben.

Von Sonntag bis Dienstag war er nach seiner Aussage im Sommerhaus seiner Eltern auf Ekerö gewesen, die ganze Zeit im Beisein eines Elternteils. Seine Chance, sich während der Nacht zu Montag ungesehen von dort zu entfernen, wurde als minimal eingeschätzt, teils weil er in einem Zimmer über dem der Eltern schlief und das kleine Sommerhaus kaum hätte verlassen können, ohne dass sie es bemerkt hätten, teils weil er nicht Auto fahren konnte und keine Nachtbusse verkehrten. In Svenssons Angaben schien außerdem alles zusammenzupassen, sie veränderten sich nicht und enthielten keinerlei Widersprüche oder Ungereimtheiten. Eine erste rasche Überprüfung seiner Vorgeschichte hatte ebenfalls keine alarmierenden Resultate ergeben: Er war weder durch Gewalttätigkeit noch durch hitziges Temperament oder übertriebene Eifersucht aufgefallen. Er schien im Gegenteil ein ruhiger und friedlicher Charakter zu sein. Soweit die Polizisten es beurteilen konnten, frönte er auch keinen exzentrischen sexuellen Neigungen. Das alles musste natürlich noch überprüft werden.

Gab es andere Männer, ehemalige Freunde? Nein, nicht

Diese Verbindungen waren mittlerweile beendet. Zumindest soweit er wusste.

Svensson konnte jedoch berichten, dass Kickan manchmal auf dem Heimweg von der U-Bahn durch den Wald, der die einzelnen Bereiche von Hökarängen voneinander trennte, verfolgt worden war, und bei einer Gelegenheit im vergangenen Herbst war sie dort einem Exhibitionisten begegnet. Außerdem gab es dort viele Voyeure. Das bewusste Waldgebiet mit seinen Fuß- und Radwegen endete in einem Streifen mit dichtem Bewuchs genau hinter dem Haus Söndagsvägen Nr. 88. Das Gelände fiel an dieser Stelle steil ab: Eine Person, die ein wenig weiter oben an dem steilen Abhang stand, konnte mühelos in die Fenster im oberen Stockwerk des Reihenhauses hineinschauen. Und dass Kickan im Bett ihrer Eltern schlief, mit dem Telefon an ihrer Seite, könnte nach Ansicht ihres Verlobten daran gelegen haben, dass sie Angst gehabt hatte. Vor etwas oder vor jemandem.

 

Doch wovor hätte sie Angst haben sollen? Der nördliche Teil von Hökarängen wurde zwar wie gesagt als Problembereich wahrgenommen, doch Skönstaholm bildete eine Art Gegenpol dazu, einen ruhigen und sicheren Ort, wo

Im ersten Jahrzehnt seit der Erbauung des Viertels hatte

Einer der Menschen, mit denen ich sprach, sagte mir, dass das Leben dort «nicht wie ‹Die Kinder aus Bullerbü› war, aber fast». Diese Assoziation ist interessant und leicht nachzuvollziehen: die dicht zusammenstehenden Häuser, die Nähe zur Natur, die Horden von Kindern, alle in ungefähr demselben Alter, die den ganzen Tag draußen herumtollten. Die Äußerung sagt auch etwas über die damalige Zeit aus. Astrid Lindgren war äußerst populär – 1965 erschien ein weiteres ihrer Bullerbü-Bücher[9], und im Jahr davor war «Vi på Saltkråkan» (Ferien auf Saltkrokan) mit riesigem Erfolg im Fernsehen gelaufen. Ihre geschickt und mit viel Gefühl gestalteten ländlichen Idyllen waren für Stadtmenschen gedacht, nicht obwohl, sondern gerade weil diese in einem immer weiter urbanisierten, säkularisierten, durchrationalisierten, anonymisierten und modernisierten Land lebten. Lindgren zeichnete das Bild

Zu dieser Zeit, also Mitte der 60er Jahre, war in Skönstaholm und auch in Schweden etwas in Gang gekommen: ein großer, nicht geplanter Umbruch, der die alten Lebensgewohnheiten auf unvorhergesehene und einschneidende Weise veränderte. Viele der oben erwähnten regen Hobby-Gruppen im Viertel, die sich in den Kellern und den Wohnzimmern der Bewohner getroffen hatten, verkümmerten oder hatten sich bereits aufgelöst. Immer weniger Menschen nahmen an den gemeinsamen Festen teil, gerade auch an der größten Veranstaltung, der Mittsommerfeier unten auf der Wiese, die vier, fünf Jahre später ganz abgeschafft werden sollte. Das war nicht auf irgendein obskures Ereignis zurückzuführen, sondern schlicht und einfach auf den Wohlstand: das Fernsehen, das Auto, das Sommerhaus. Jeder saß bei sich zu Hause und schaute Hylands hörna, fuhr im eigenen Auto zu jemandem zu Besuch oder irgendwohin, wo es etwas noch Interessanteres gab und was auf einmal leicht erreichbar war, oder verschwand in das neu erworbene kleine Sommerhaus und blieb dort. Als zwölf, dreizehn Jahre vorher die ersten Einwohner in die neue Siedlung gezogen waren, gab es im ganzen Söndagsvägen ungefähr zehn Autos. 1965 hatte sich diese Zahl beinahe verzehnfacht. Die Parkplätze reichten nicht mehr aus. Die Wohlstandskritiker hatten befürchtet, dass ein neuer, entindividualisierter Massenmensch entstehen könnte, doch das Gegenteil geschah – alte Zugehörigkeiten zerfielen allmählich in einer Art Atomisierung.

Ein Idyll ist kein absoluter Zustand. Es entsteht erst im

 

Die üppig begrünten Flächen rund um die Reihenhauszeile wurden von fünfundzwanzig uniformierten Polizisten mit sechs Hunden durchkämmt. Nach GW Larssons Anweisungen gingen sie als Menschenkette durch die hügeligen Park- und Waldbereiche am Söndagsvägen. Sie trugen die 1965 bei Polizisten übliche Dienstkleidung mit Schirmmütze, dunkelblauer Uniform mit blanken Knöpfen, weißem Koppel, weißen Knüppeln, weißem Hemd, schwarzem Schlips und weißen Handschuhen. Pistolen wurden nur nach 18 Uhr getragen, oder in besonderen Situationen. Nur ein halbes Jahr davor hatten alle diese Männer noch Säbel getragen, doch waren diese im Zuge der Verstaatlichung der Polizei am 1. Januar abgeschafft worden. Einige trugen trotzdem weiterhin Säbel. (Die Reform war in den Reihen der Polizei umstritten.) Auf den Fotografien sind Kriminalbeamte in Zivil zu sehen, die dünne Mäntel angezogen haben, um sich gegen den Nieselregen und den kühlen Wind zu schützen. Andere haben die Hände in den Taschen. Die Suchaktion wurde von einem kahlköpfigen Mann mittleren Alters in hellem Trenchcoat geleitet, Kommissar Torsten Lindberg von der Wache in Farsta.

 

Polizisten und Hunde durchsuchten Gebüsche, Hecken und die freien Rasenflächen zwischen den Häusern sowie die zur Tennisbahn hin abfallenden Wiesen. Das meiste, was sie fanden, war Abfall, doch wurde zur Sicherheit und der Form halber alles mitgenommen, obwohl nichts

In der Theorie war das durchaus richtig. Die Menschenketten übersahen jedoch etwas, das während der ganzen Zeit in einem Gebüsch lag und vielleicht auch auf den ersten Blick als Müll hätte durchgehen können, das sich aber, als es schließlich gefunden wurde, als wichtiges Beweisstück entpuppte.

 

Am späten Nachmittag mussten auch diejenigen Polizisten, die von Tür zu Tür gegangen waren, erkennen, dass ihre Bemühungen nur magere Ergebnisse gezeitigt hatten. Die Leute hatten bestätigt, dass man – über die in Hökarängen häufigen Fälle von Sachbeschädigungen, nicht zuletzt von Straßenlaternen, hinaus – ein Problem mit Voyeuren und Exhibitionisten hatte. Viele Frauen hatten Angst, nach Einbruch der Dämmerung allein von der U-Bahn durch den Wald zu gehen. Trotzdem verschloss man selten die Türen oder zog die Gardinen vor – schließlich war man ja in Skönstaholm. Niemand hatte etwas Auffälliges beobachtet, niemand hatte etwas bzw. eine oder auch mehrere Personen gesehen, die man mit dem Todesfall in Nummer 88 in Verbindung hätte bringen können.

Es war allerdings Ende Juli, kurz vor Ende der landesweiten Werksferien, und ein großer Teil der Einwohner war verreist. Der gleiche Umstand, der dafür gesorgt hatte, dass so viele der gemeinschaftlichen Sommeraktivitäten

Während die Polizisten in weißen Handschuhen mit ihren Hunden unterwegs waren, bewachten zwei weitere die Nummer 88: Einer stand vor der Haustür, der andere an der Terrasse. In der ganzen Zeit gingen die fünf Mitarbeiter der Spurensicherung ein und aus; sie hatten ihren VW-Bus direkt vor dem Haus geparkt. Ihre Aufgabe war nicht einfach. Wegen der Fehler, die die ersten Polizisten vor Ort gemacht hatten, war der Tatort nicht gesichert worden, man hatte die Leiche abtransportiert, und insgesamt neun Personen waren durch das kleine Reihenhaus getrampelt.

Die fünf Kriminaltechniker ignorierten die Fotografen und gingen mit ihren kleinen, weichen Pinseln und ihrem Pulver durchs Haus und suchten auf herkömmliche Weise nach Fingerabdrücken. Sie untersuchten das Schlafzimmer, wo das Opfer gefunden worden war, sie fotografierten alles – sowohl in Schwarz-Weiß als auch als Farbdia –, sie packten Bettwäsche, Kleidung, Unterwäsche, das Telefon und so weiter für den Abtransport und zur Analyse ein, sie saugten alle Böden ab und wechselten in jedem Zimmer die Staubbeutel, die sie in besonders gekennzeichneten Umschlägen verpackten, sie zeichneten Skizzen und machten sich Notizen. Sie untersuchten beide Eingangstüren, die Kellertür im Haus und die Tür außen am Beginn der Häuserzeile, die ebenfalls in den Keller führte.

Die erste und einfachste Vermutung schien also richtig zu sein: Der Täter war höchstwahrscheinlich durch die nichtverschlossene Terrassentür ins Haus gelangt. Die Kellertür konnte man wohl ausschließen: teils hatte sie ein besseres Schloss, teils hätte sich der Berg an Post und alten Dagens Nyheter davor unweigerlich verschoben, wenn jemand über die Kellertreppe eingestiegen wäre.

Allerdings hatte man eine Beobachtung gemacht, die die Frage nach dem Zeitpunkt des Überfalls betraf. Auf dem Nachttisch lagen, wie bereits gesagt, mehrere Gegenstände, die darauf hindeuteten, dass Kickan auf dem Weg ins Bett gewesen war, als der Mord geschah – wie die aufgeschlagene Zeitschrift und die Handcreme mit dem geöffneten Deckel –, während andererseits ein wichtiges Detail fehlte: das Glas Wasser, mit dem sie jeden Abend vor dem Einschlafen die Anti-Baby-Pille hinunterspülte. Sie war nicht im Schlaf angegriffen worden.

 

Der Mord wäre demnach eine spontane Tat von jemandem gewesen, der zufällig vorbeigekommen war. Die falsche Person am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt.

Ein Täter, der derart impulsiv handelte, war einerseits sehr gefährlich, sollte jedoch andererseits verhältnismäßig leicht ausfindig zu machen sein. Aufgrund des zufälligen und unorganisierten Charakters des Verbrechens müsste es fast zwangsläufig zahlreiche Spuren und wahrscheinlich auch Zeugen geben. Man hatte bereits eine Beschreibung des möglichen Täters.

 

Gösta William Larsson war innerhalb der Polizei einen langen Weg gegangen. Geboren in einem kleinen Dorf in Österlen, bewarb er sich nach einer längeren Zeit als Assistent des Landpolizeikommissars in Höör um eine Stelle als Wachtmeister mit besonderen Aufgaben bei der Schutzpolizei in Stockholm, die er auch bekam. Das war 1931, und Larsson war fünfundzwanzig Jahre alt. Mit Kriegsbeginn erhielt er erste Aufgaben als Kriminalpolizist, und dazu gehörte auch die Suche nach Tätern von Raubüberfällen. Seinen ersten Fall löste Larsson blitzschnell: Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hatte er den Schuldigen identifiziert und festgenommen, die Beute gefunden und dem Eigentümer zurückgegeben sowie Sachbeweise gesichert – Fingerabdrücke auf einer Schnapsflasche, die man in einem Holzstapel in einem Hinterhof in Gamla Stan gefunden hatte. Seine Vorgesetzten waren beeindruckt.

Larsson erhielt immer nur die besten Arbeitszeugnisse. Er hatte «außerordentliche Kompetenz, außerordentliches Leistungsvermögen, außerordentliche Urteilsfähigkeit, außerordentliche Zuverlässigkeit» unter Beweis gestellt. Es wäre dennoch falsch, in diesem großgewachsenen, aber

Er war ausdauernd und engagiert, gab praktisch nie auf. Seine Beharrlichkeit grenzte schon manchmal an Besessenheit. Wenn ein Fall ihn wirklich gepackt hatte, arbeitete er Abende und Nächte hindurch und auch in seiner Freizeit. Als nach dem Mörder eines zehnjährigen Mädchens namens Kerstin Blom gefahndet wurde, verbrachte er zwei Monate lang jede Mittagspause auf Spielplätzen in der Gegend, in der das Mädchen verschwunden war, um hinter einer Zeitung versteckt nach Männern Ausschau zu halten, die Kontakt zu den Kindern suchten. Und vor den Weihnachtsfeiertagen füllte er meist als Letztes seine Tasche mit Unterlagen zu aktuellen Fällen.

Seine Ruhe und Intelligenz, sein methodisches Vorgehen und sein scharfes Auge für Details machten ihn zu einem fähigen Ermittler. Dank seines ausgeprägten Interesses an Menschen und seines starken psychologischen Einfühlungsvermögens war er außerdem ein geschickter Vernehmer. Viele hielten ihn sogar für den besten in Schweden. Mit seinem vertrauenerweckenden schonischen Akzent konnte er auch noch den Hartgesottensten Geständnisse entlocken.

Einmal sollte er den Mord an einer siebenundzwanzig Jahre alten Prostituierten aufklären, die man in ihrer kleinen Wohnung erdrosselt und mit ihrem Slip im Mund aufgefunden hatte. Nach schwierigen Ermittlungen, in deren Zuge Larsson immer wieder nachts unterwegs gewesen

GW Larsson hatte etwas zutiefst Menschliches, das verhinderte, dass er der häufigsten Gefahr seines Berufs erlag: sich zu verhärten, um all das, womit er konfrontiert wurde, zu überleben. Vielleicht gelang ihm das mit Hilfe einer besonderen Gabe, nämlich der des Vergessens? Im Laufe der Jahre ermittelte er in dreihundertsechzig Mordfällen, doch durch die schiere Masse scheinen die

Auch privat wirkte GW Larsson zurückhaltend. Sonntags pusselte er gern in seinem Garten, war dabei allerdings immer bereit, alles fallen zu lassen, wenn ihn wieder einmal ein Anruf zum Dienst holte. Er war belesen und hatte seit seiner Kindheit ein Faible für Archäologie, doch vor allem interessierte er sich für Kunst. In seinem Haus in Enebyberg hatte er mit der Zeit – und gegen Ratenzahlung – eine sehr schöne kleine Sammlung modernistischer Malerei zusammengetragen, darunter einige surrealistische Bilder von Künstlern aus der Halmstadgruppe. Ich habe nirgends einen Hinweis gefunden, dass Larsson je seine Dienstwaffe gezogen, geschweige denn benutzt hätte. Er trug fast immer Fliege.

Es kommt mir eigenartig vor, ihn auf diese Weise zusammengefasst zu sehen. Denn wirkt er dadurch nicht ein wenig wie ein literarisches Klischee? Der erfahrene und nachdenkliche Kommissar, kulturell interessiert und mit exzentrischen Charakterzügen, erfolgreich, doch mittlerweile etwas müde, geradezu desillusioniert, und von seinen eigenen Dämonen gepeinigt. Fakten und Fiktion

1965 wusste jeder in Schweden, wer GW Larsson war. Unter seiner Leitung hatte sich das Erste Dezernat den Ruf als das beste im Land, ja sogar als eines der besten in Europa erworben. Es löste 80 bis 85 Prozent aller seiner Fälle. Unaufgeklärte Mordfälle waren damals in Stockholm eine Seltenheit. Heute ist Larsson in Vergessenheit geraten. Eine Google-Suche ergab eine Handvoll Treffer, alle mit magerem Informationsgehalt. Ein guter Freund von mir, der neugierig wurde, als ich ihm von Larsson erzählte, fand im Internet nicht ein einziges Bild von ihm.

 

Als Kickan am Dienstagabend tot aufgefunden wurde, war auch die junge Frau dabei, die im Haus nebenan wohnte, Anna Margareta Sundin – von allen nur Lillan genannt. Sie waren seit vier oder fünf Jahren Nachbarinnen und befreundet. Sie waren zwar nicht auf die gleiche Schule gegangen, fuhren aber oft gemeinsam mit der U-Bahn in die Stadt. Lillan war eine von Kickans wenigen Freundinnen. Kickan schien sich mit ihren ehemaligen Schulkameraden nur selten zu treffen, und während der letzten Jahre

In der Vernehmung konnte Lillan bestätigen, dass sie gesehen hatte, dass der große Bruder von Kickans Verlobtem sie am Sonntagabend nach Hause gefahren hatte. Ihr eigener Freund war da gerade zu Besuch, weshalb sie nicht nach draußen gegangen war, um Kickan zu begrüßen, doch nach einer Weile war Kickan herübergekommen, in Plauderstimmung und weil sie sich etwas zu essen borgen wollte. Als Lillans Verlobter schließlich gefahren war, war es Viertel nach neun, und sie war zum Nachbarhaus hinübergegangen. Die beiden hatten im Wohnzimmer gesessen und geraucht, die aus Spanien mitgebrachte Schokolade gegessen und sich unterhalten. Es war ein wenig stickig im Zimmer, deshalb war Kickan irgendwann während des Gesprächs aufgestanden und hatte die Terrassentür geöffnet, um zu lüften.

Danach wollte sie zwei Briefe verschicken – einen an ihre Eltern im Ausland und einen mit fünfzehn Kronen darin, die sie sich auf der Heimreise von einem Paar geliehen hatte –, weshalb sie zu Lillan hinübergegangen waren, um Umschläge und Briefmarken zu holen.[10] Und weil Kickan wollte, dass die Briefe mit der ersten Post abgingen, war sie zum nächstgelegenen Briefkasten, neben dem Laden, gegangen, der nur gut einhundertfünfzig Meter entfernt war. Lillan ging mit. Es war jetzt halb zehn. Auf dem Weg blieben sie für rund zehn Minuten stehen, um mit Nachbarn aus einem der Reihenhäuser zu sprechen.

Als sie wieder zurück waren, ging Kickan mit zu Lillan, unter anderem, um sich etwas Waschmittel zu borgen, damit sie ihre Unterwäsche waschen konnte. Bei dieser Gelegenheit erzählte Lillan ihr, was ihr vor einigen Tagen zugestoßen war.

Anfang der Woche hatte sie sich in der City mit einer Freundin getroffen, es war spät geworden, und sie hatte einen Zubringerbus genommen. Wie den meisten Frauen war es auch ihr nicht geheuer, im Dunkeln allein durch den Wald und an dem hohen Felsbuckel vorbeizugehen, und wie immer hatte sie sich gründlich umgeschaut, aber niemanden gesehen. Nach ungefähr fünfhundert Metern hatte sie Schritte hinter sich gehört. Dort ging ein Mann. Ängstlich beschleunigte Lillan ihre Schritte, doch der Mann ging ebenfalls schneller. Schließlich hatte er sie eingeholt und angefangen, sich mit ihr zu unterhalten. Er hatte sie gefragt, wo sie gewesen war, was sie gemacht hatte, kurz: Er versuchte, sie anzumachen. Lillan war immer schneller gegangen. Voller Panik hatte sie versucht, seine Annäherungsversuche abzuwehren, und hatte mit ihm gesprochen, um ihn zu beschwichtigen. Als sie ihr Haus gesehen hatte, war sie losgerannt, hineingestürzt und hatte sofort hinter sich abgeschlossen. Vom oberen Stockwerk aus hatte sie gehört, wie der Mann da unten in der Dunkelheit um das Haus herumlief und an eins der Fenster klopfte.

 

Sie fragt mich, ganz offensichtlich ein bisschen unangenehm berührt, warum ich über den in Vergessenheit geratenen Fall schreiben will. Ich erkläre ihr, dass es mir dabei zum Teil um meinen alten Traum geht, an einem Thema zu arbeiten, das noch in der Erinnerung der Menschen gegenwärtig ist. Als Historiker kommt man unweigerlich zu spät an den Ort des Geschehens. Man ist auf Quellen und Dokumente angewiesen, und zwar unabhängig davon, ob man wie ich über das 17. oder über das frühe 20. Jahrhundert schreibt.[12] Man kann niemanden fragen, der dabei war. Das kann man jedoch, wenn es um die 1960er Jahre geht – eine Zeit, an die ich mich selbst noch erinnere, weil ich in ihr aufgewachsen bin.

Als ich mit der Arbeit begann, tat ich das, wie

Doch obwohl die Arbeit in vieler Hinsicht tatsächlich einfacher war als mit historischen Dokumenten, hatte sich, als ich Lillan jetzt traf, bereits eine gewisse Frustration eingestellt. Zeitzeugen aufzutreiben war schwieriger gewesen, als ich gedacht hatte. Und als es mir doch geglückt war, mit einigen Personen in Kontakt zu kommen, lautete die häufigste Antwort auf meine Fragen: «Daran kann ich mich nicht erinnern.» Dabei fiel mir ein, wie mein Vater, als die Demenz ihn allmählich umfing, auf meine Fragen zu seinem Leben oder zu meiner Kindheit immer häufiger antwortete «Ich kann mich nicht erinnern», und zwar in einem Ton ständig wachsender Verzweiflung, sodass ich schließlich zu fragen aufhörte.[13] Es ist natürlich, dass so vieles in Vergessenheit gerät. Erinnerungen verblassen, verwittern oder werden durch etwas ersetzt, das Freud Deckerinnerung nannte, Dinge, an die wir uns erinnern, um uns nicht an andere Dinge erinnern zu müssen. Um solche Deckerinnerungen handelt es sich wohl bei einigem, was Zeugen mir erzählt haben, aber sicher kann ich mir nicht sein.

Sowohl die Vernunft als auch die Hirnforschung sagt uns, dass der Zerfallsprozess beim Vergessen keineswegs linear verläuft. Einiges geht recht schnell verloren. Das muss so sein. Anderes bleibt hängen, abhängig von seiner

Außerdem befinde ich mich natürlich – unfreiwillig – in einer überlegenen Position, wenn ich Menschen frage, woran sie sich aus dem Sommer 1965 erinnern. Ich habe alle Akten des Amtsgerichts und des Oberlandesgerichts durchgearbeitet. Ich habe alle Vernehmungsprotokolle gelesen, einige davon fünf- oder sechsmal. Ich habe den Bodensatz des Polizeiarchivs auch nach nebensächlichen Informationen durchsiebt, die vielleicht irgendetwas zum Verständnis beitragen könnten. Ich glaube daher, dass ich erkennen kann, ob jemand sich erinnert oder ob er nur glaubt, sich zu erinnern. Offenkundig gibt es aber auch Dinge, die man nicht vergisst, die sich ins Gedächtnis brennen. Für immer.

 

Unser Mittagessen neigt sich dem Ende zu. Die Beleuchtung wird gedimmt, und die Reihen von Leuten auf Kick-off-Veranstaltungen oder Konferenzen oder was auch immer lichten sich. Das Personal beginnt die Tische abzuräumen. Bald sind wir die Einzigen hier. Lillan hat mir von ihrem Leben erzählt, von ihrem Vater, ihrer Jugend in Hökarängen, jenen Tagen Ende Juli 1965, sie hat mir beschrieben, wie es war, als sie die Leiche fanden, wie sie in die Schlafzimmertür trat und Kickan dort im Bett liegen sah und begriff, dass sie tot war. «Es kam mir vor, als würde ich ewig dort stehen, ich sah den schwarzen Hals, aber dann hat mein Onkel mich gepackt und mich weggerissen.» Lillans Bericht stimmt bis ins kleinste Detail.

Genauso, als sie von dem Zwischenfall erzählt, der sich einige Tage vor dem Mord zugetragen hatte. Ihre

Nachdem sie ihr das erzählt hatte, hatte Lillan deshalb Kickan geraten, gut abzuschließen und sich das Telefon neben das Bett zu stellen. Kickan, die keine Angst im Dunkeln hatte, sondern im Gegenteil als ziemlich forsch galt, war ja ein halbes Jahr davor selbst einem aufdringlichen Exhibitionisten begegnet und fand Lillans Bericht beunruhigend. Deshalb beschloss sie, im Zimmer der Eltern zu schlafen – denn nur dort gab es eine Telefonbuchse.

Mit am interessantesten und verstörendsten an Lillans Bericht war die Tatsache, dass der Mann sich offenbar in dem Reihenhaus auskannte. Er wusste von dem gemeinsamen Keller, der unter der gesamten Gebäudezeile verlief und von dem aus man direkt in die einzelnen Wohnungen gelangen konnte. Die Kellertür am Beginn der Häuserzeile stand häufig offen, und es war schon vorgekommen, dass «zweifelhafte Individuen» und Unbefugte dort unten gewesen waren – meistens Jugendliche, die «allein sein» wollten. (In den von Wohnungsnot geprägten 60er Jahren kam Sex außerhalb der Wohnung oder in Autos oder halböffentlichen Bereichen sehr viel häufiger vor als heute.) Wenn die Mieter bemerkten, dass die Kellertür offen stand – sie wurde dann oft mit einem Stein offen gehalten –,

Lillan lieferte eine gute Beschreibung des Mannes: circa dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, einen Meter achtzig groß, breitschultrig, kräftig gebaut, mit gerader Nase und braunem Haar mit Pony. Sie wusste noch, dass er ein am Hals offenes Hemd über einem Shirt mit V-Ausschnitt getragen hatte. Vor allem war ihr aber etwas anderes aufgefallen: «Er hatte so unheimliche Augen, fand ich. Er sah aus, als ob er mich gleich schlagen würde.»

Man hatte Lillan verschiedene Fotos gezeigt, auf denen bekannte Sexualstraftäter zu sehen waren.

 

Noch am Freitag wusste man nicht, woran Kickan eigentlich gestorben war. Man war zwar überzeugt, dass ein Unbekannter sie ums Leben gebracht hatte: Der sicherste Hinweis darauf waren die Erstickungsblutungen an der Bindehaut der Augen. Gleichzeitig wusste man aber, dass sie nicht erwürgt worden war. Das passte nicht zusammen.

Natürliche Todesursachen waren ebenfalls ausgeschlossen. Alle Personen, mit denen man bisher gesprochen hatte, hatten das Ergebnis der Obduktion, dass Kickan keine gesundheitlichen Probleme gehabt hatte, bestätigt. In ihrem Blut hatten sich keine Spuren von Alkohol oder Schlafmitteln oder Schmerztabletten befunden, auch nicht von der zu dieser Zeit immer beliebter werdenden Droge Preludin oder von einem anderen Amphetaminpräparat oder sonst irgendeinem Narkotikum. Sie war clean. Das einzige Alkaloid, das in ihrem Blut gefunden wurde, war Koffein, allerdings in sehr geringen Mengen, 0,5 Milligramm pro 100 Gramm. Im Klartext bedeutet das, dass

Die Analyse ihres Mageninhalts ergab ebenfalls nichts Auffälliges oder Ungewöhnliches. Es fanden sich Spuren von Erdbeeren, Petersilie, Kartoffeln, Dill und Kohl, Erbsen, Fleisch und «nicht verkleisterte Getreidestärke» – also verdautes Brot – sowie schließlich «Steinzellen des Kakaos». Diese letzte Mahlzeit hatte sie «höchstens 3 Stunden vor Eintritt des Todes» zu sich genommen. Auch das alles stimmte mit den Erzählungen der Zeugen überein – bis hin zu den letzten dünnen «Noblesse»-Täfelchen, die sie gegessen hatte, als sie mit Lillan unten auf dem Sofa gesessen, geraucht und geredet hatte.

 

An den Ermittlungen war auch ein Kriminaltechniker namens Bo Johansson beteiligt. Er erinnerte sich an einen bemerkenswerten Fall, den er fast genau einen Monat vorher bearbeitet hatte. Sie waren zu einem kleinen Einfamilienhaus im Kulstötarvägen 65 im Stadtteil Tallkrogen gerufen worden – weniger als einen Kilometer vom Söndagsvägen entfernt. (In Tallkrogen wohnten übrigens auch Kickans Verlobter und dessen Familie.) Angeblich hatte ein Unbekannter gegen halb zwei in der Nacht die siebzehnjährige Tochter der Familie, Anne-Lie Olsson, überfallen, die im Partykeller schlief. Das Mädchen war wach geworden und hatte einen intensiven süßlichen Geruch wahrgenommen, sie konnte nicht klar sehen, hatte aber trotzdem bemerkt, dass ein fremder Mann im Zimmer war, der ihr ein Stück Stoff aufs Gesicht drückte. Sie schrie, machte das Licht an und rannte die Treppe hinauf, wobei sie in Panik schrie: «Da ist ein Mann in meinem Zimmer!» Ihre Eltern liefen

Sie riefen die Polizei. Da ein Portemonnaie fehlte, ging man von einem gewöhnlichen Einbruch aus. Bo Johannson wurde beauftragt, sich den Partykeller anzusehen. Er fand keine Spuren des Eindringlings, außer einem intensiv riechenden Fleck auf dem Kopfkissen, dem Beweis, dass es sich nicht um eine dunkle, nächtliche Phantasie handelte. Johannson nahm Proben vom Kissen.

Die chemische Analyse ergab, dass es sich bei der Flüssigkeit um Chloroform handelte.

 

Chloroform ist eine chemische Verbindung, die in den 1830er Jahren quasi zufällig entdeckt wurde, als ein exzentrischer amerikanischer Chemiker aus Versehen Whisky mit einem Desinfektionsmittel vermischte, das er zur Reinigung seines Hühnerstalls benutzte, und dabei feststellte, dass die Mischung eine betäubende Wirkung hatte: Die Dämpfe führten beim Einatmen schnell zu Bewusstlosigkeit. Anfangs nutzten gelangweilte Menschen der viktorianischen Epoche das Mittel als Freizeitdroge. Man konnte spezielle Apparate mit angeschlossenen Masken kaufen, mit denen man Chloroform in sicheren und völlig legalen Formen zu Hause konsumieren konnte. Den großen medizinischen Durchbruch erlebte der Wirkstoff in den 1850er Jahren, nicht zuletzt, nachdem bekanntgeworden war, dass Königin Viktoria ihn während ihrer

Bald zeichnete sich jedoch ab, dass es auch eine Schattenseite hatte. Selbst gesunde Patienten konnten sterben, plötzlich und anscheinend zufällig, nachdem sie mit Chloroform betäubt worden waren. Mit der Zeit erkannte man, dass eine nur minimal überhöhte Dosis zu Herzversagen führen konnte und dass eine starke Adrenalinausschüttung des Körpers – weil der Patient große Angst bekam oder weil die Atemwege nicht richtig arbeiteten – im Verein mit Chloroform akutes Herzflimmern auslösen konnte. Leberschäden kamen ebenfalls häufig vor. Trotzdem hielten Ärzte an «diesen gefährlichen, doch gesegneten Dämpfen», wie sie genannt wurden, noch bis in die 1930er Jahre fest, als eine eindeutige Todesstatistik und die gleichzeitige Entdeckung neuer Narkosemittel dazu führten, dass man sich vom Chloroform abkehrte. Im Jahr 1965 wurde es in schwedischen Kliniken, außer den veterinärmedizinischen, nicht mehr benutzt. Es war jedoch weiterhin rezeptfrei in der Apotheke erhältlich, für sieben Kronen und fünfunddreißig Öre pro Liter. Hausfrauen benutzten es als Fleckentferner, in der Industrie wurde es zum Reinigen der Maschinen eingesetzt, Schmetterlingssammler töteten damit ihren Fang.

 

Als zählebiges populärkulturelles Klischee behielt Chloroform jedoch seinen festen Platz im kollektiven Bewusstsein. Im Fernsehen, in Filmen, Detektivromanen und Radiosendungen begegnetem einem – und begegnen einem bis heute – Szenen, in denen der Schurke sich von hinten

Denn es spielt dabei offenbar kaum eine Rolle, dass Chloroform eine unberechenbare und unzuverlässige Methode darstellt, um jemanden zu betäuben, dass das Mittel nur schwer zu dosieren ist und potenziell tödlich wirkt, dass es mehrere Minuten dauern kann, bis die Bewusstlosigkeit eintritt, und dass man sich unmöglich mit so einem Lappen in der Hand auf die Lauer legen kann – Chloroform ist flüchtig und gibt schnell Dämpfe ab. Deshalb sollte man den Lappen erst unmittelbar vor der Anwendung damit tränken, weil sonst das Risiko besteht, dass der Täter sich selbst narkotisiert.

Realität und Fiktion sind zentrale Kategorien alles Menschlichen. Sie sind so lange sinnvoll, wie wir sie auseinanderhalten und alles tun, um die zwischen ihnen verlaufenden Grenzen zu respektieren; nur weil es uns hin und wieder schwerfällt, die beiden auseinanderzuhalten, bedeutet das nicht, dass man den Unterschied ignorieren oder missachten dürfte. Einer der Gründe dafür, und auch dafür, dass wir die Trennlinie manchmal nur schwer erkennen können, ist, dass diese zwei Größen in ständiger Kommunikation miteinander stehen. Menschliche Handlungen werden nicht von der Realität bestimmt, sondern von dem Bild, das wir uns von der Realität machen. Menschliche Erzählungen entspringen manchmal der

 

Bo Johansson war Kriminaltechniker, Experte für diverse physische Spuren, aber nicht für Chemie, doch als er am Freitag zur Mittagszeit aus anderen Gründen im Kriminaltechnischen Institut war, nutzte er die Gelegenheit, um mit einem der Angestellten dort über den Tallkrogenfall zu sprechen. Der bestätigte ihm, dass Chloroform durchaus auch bei Kickan Granell zum Einsatz gekommen sein und in der Tat tödlich wirken könne. Johansson rief Lidholm an, den zuständigen Rechtsmediziner.

Der ließ alles fallen, was er gerade in Händen hielt, und kontaktierte Professor Roger Bonnichsen am Kriminaltechnischen Institut, der das eingeschickte Material sofort analysierte.

Er untersuchte das Gehirn, den Magen samt Inhalt, Teile der Leber, die eine Niere sowie Blut und Urin der Toten. Chloroform ist wie gesagt in reiner, flüssiger Form leicht

Gegen vier Uhr am Freitagnachmittag rief Bonnichsen GW Larsson an. Kickan Granell war mit Chloroform betäubt worden. Der Mörder musste ihr einen intensiv getränkten Lappen auf Mund und Nase gedrückt haben. Was auch die kleinen Kratzer erklären würde, die der Rechtsmediziner in ihrem Gesicht bemerkt hatte. Es handelte sich dabei um eine hohe und höchstwahrscheinlich tödliche Dosis Chloroform, vielleicht an die zwei Deziliter.

 

Dass Kickan Granell mit Chloroform getötet worden war, bedeutete nichts weniger, als dass man die Theorien, an denen man bislang die Ermittlungen ausgerichtet hatte, aufgeben musste. Hier handelte es sich nicht um eine Impulstat. Man suchte nicht nach einem labilen, herumstreifenden Voyeur, sondern es lag eine geplante Tat vor, die von einem kontrollierten und genau kalkulierenden Täter ausgeführt worden war.

Genau das hatten die Kriminaltechniker auch bereits vermutet. Denn falls der Söndagsvägen ein Tatort war, war er der sauberste, den sie je gesehen hatten. Es gab keine Unordnung, keine Fußspuren, keine unerklärlichen Spuren oder Flecken – abgesehen von dem seltsamen braungelben Farbklecks auf dem Kopfkissenbezug – und keine

Eine wichtige Entdeckung hatte man jedoch gemacht. Auf dem unteren Teil des glattgemangelten Lakens fanden sich jede Menge Verschmutzungen, überwiegend kurzer Grasschnitt, aber auch Pflanzennadeln, kleine Pflanzenteile und etwas, das dunkle Haare zu sein schienen. Dennoch war der Fußboden unter dem Bett glänzend sauber – fleckenlos. Genau wie überall sonst im Haus. Den Kriminaltechnikern war außerdem aufgefallen, dass in dem Sessel, der dem Sofa im unteren Stockwerk gegenüber stand, der Bürstenaufsatz eines Staubsaugers lag. In diesem Sessel hatte Lillan Sundin während ihrer Unterhaltung mit Kickan gesessen; und Lillan war sich sicher, dass sie die Bürste nicht gesehen hatte. In Versuchen stellte sich außerdem heraus, dass es, unabhängig davon, wo der Bürstenaufsatz lag, physisch unmöglich war, dort zu sitzen, ohne ihn zu bemerken. Außerdem stand das Rohr, zu dem der Aufsatz gehörte, jetzt falsch herum und am falschen Platz im Putzschrank. Und es hatte eine neue Beule, eine Beule, die vorher nicht da gewesen war. Am rätselhaftesten war jedoch etwas anderes: Auf dem Rohr gab es keine Fingerabdrücke. Eine unbekannte Person musste den Staubsauger benutzt und danach sorgfältig abgewischt haben.[16]

Derjenige, der Kickan ermordet hatte, hatte danach noch das Haus wieder in Ordnung gebracht.

 

Der Mord hatte gleich von Beginn an großes Aufsehen erregt, das keineswegs nachließ, als die Zeitungen mit fetten Überschriften und Ausrufezeichen über die neuesten «sensationellen» Ereignisse berichteten: dass Kickan mit

Jetzt ging eine wahre Flut an Hinweisen ein. «Der große Detektiv Öffentlichkeit» meldete sich zum Dienst. Dieser Begriff wurde mit Vorliebe von Journalisten benutzt, von Polizisten aber eher ironisch. Er entstammte den während des Krieges gewachsenen Erwartungen, dass in einer Notsituation alle Bürger das Ihre zum Besten des Landes und zur Sicherheit des Reiches beizutragen hätten. Erwartungen, die durch die Tatsache, dass aus dem Krieg ein kalter Krieg geworden war, nicht gedämpft wurden. Im Gegenteil. Ich glaube, dass die schwedische 60er-Jahre-Mentalität ohne den Kalten Krieg nicht umfassend zu verstehen ist. Der war gerade durch eine seiner definitiv gefährlichsten Phasen gegangen, mit der Berlin-Krise 1961 und der Kubakrise 1962. Und in gleichem Maße, wie die Entspannung Fortschritte machte, war sie aus schwedischer Perspektive von der großes Aufsehen erregenden Spionageaffäre um den Oberst Stig Wennerström überschattet worden, die erst im vorangegangenen Jahr ihr juristisches Nachspiel gehabt hatte, während es gleichzeitig immer noch zu politischen Nachbeben kam.

Es herrschte zweifellos das durchaus berechtigte

Ältere Polizisten wussten aus bitterer Erfahrung, dass das meiste, was der «große Detektiv» anschleppte, völlig uninteressant sein würde; sie wussten aber auch, dass sie es sich nicht leisten konnten, diese Informationsquelle zu ignorieren. Irgendwo zwischen diesen mehr oder weniger relevanten Beobachtungen würde vermutlich etwas sein, klein oder groß, oder vielleicht auch winzig, das sie schließlich zum Mörder führen könnte.

Da man jetzt wusste, wie Kickan getötet worden war, legten die ermittelnden Beamten die meisten der Hinweise zu mysteriösen Männern und Ähnlichem beiseite, um sich stattdessen auf die Sache mit dem Chloroform

 

Die Ermittlungen konzentrierten sich jetzt auf drei Bereiche.

Einige Mitarbeiter durchforsteten die Kartei nach Sexualstraftätern und ähnlichen Straffälligen, die ihre Opfer betäubt hatten. Andere fahndeten nach dem Mann mit den unheimlichen Augen, der Lillan Sundin belästigt hatte. Die Ermittlungsabteilung hatte aus ihrer Kartei Schwarzweißfotos von Männern herausgesucht, die hinsichtlich Alter und Körpergröße der Beschreibung aus Lillans erster Aussage entsprachen. Sie sah sie sich alle an. Dabei stieß sie auf einen Mann, dessen «Nase und Haar eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gesuchten aufwiesen». Er war ein finnischer Gelegenheitsdieb namens Lasse Olavi Toivonen.

Toivonen war 1963 wegen schweren Diebstahls festgenommen und verurteilt worden, und nach sechs Monaten im Gefängnis hatte man seine Ausweisung beschlossen. Man versuchte, mit Hilfe der sogenannten Schreibtischfahndung – eine vornehme Bezeichnung dafür, vom Schreibtisch aus alle erdenklichen Melderegister durchzutelefonieren – herauszufinden, ob er womöglich nach Schweden zurückgekehrt war. Außerdem schickte man Toivonens Fingerabdrücke in die Kriminaltechnik, für den Fall, dass im Söndagsvägen etwas gefunden würde, womit man sie abgleichen könnte.

Aber noch ehe man in der Suche nach dem Mann, der Lillan bedrängt hatte, besonders weit gekommen war,

Ein drittes Team war nämlich damit beauftragt worden, alle Apotheken in Stockholm anzurufen, um herauszufinden, ob es einen Kauf von Chloroform gab, der mit dem Mord in Zusammenhang stehen könnte. Es eilte, weil bald Wochenende war, und da es außerdem der letzte Arbeitstag im Juli war, bestand die Gefahr, dass einige der Apothekenangestellten sich in den Urlaub verabschiedeten.

Das Team wurde sofort fündig.

 

Die rund um die Uhr geöffnete Apotheke C. W. Scheele lag damals im Eckhaus Vasagatan und Vattugatan in Vasastan, hübsche Räumlichkeiten in einem schönen Haus – die Einrichtung war aus dunklem und hellem Mahagoni mit Intarsien von Carl Malmsten. (Das Gebäude fiel zwei Jahre später dem unaufhaltsamen Abrisswahn in Stockholm zum Opfer, worauf die Apotheke – aber nicht ihre geschmackvolle Einrichtung – an ihre heutige Adresse am Klarabergsviadukt umzog.) Dort arbeitete eine Apothekenhelferin, die sich erinnerte, dass am vergangenen Sonntag, dem Mordsonntag, gegen zwölf Uhr ein Mann dreihundert Gramm Chloroform gekauft hatte. Er war zwar von einem anderen Mitarbeiter bedient worden, der mittlerweile in den Urlaub gefahren war, aber die Angestellte konnte sich, obwohl sie sich in den hinteren Räumen aufgehalten hatte, trotzdem gut daran erinnern, da sie gebeten worden war, die Flüssigkeit abzufüllen. Der Mann war noch keine dreißig und ein guter Kunde der Apotheke Scheele.

Das Beste war, dass sie sogar seinen Namen wusste: Ragnar Sundén.

Der Mann kannte also die Gegend. Alles passte zusammen.

 

Vielleicht würde sich das Ganze also doch noch als leicht zu lösender Mordfall erweisen. Am späten Freitagabend erging der Befehl zur Ergreifung Sundéns. Die Polizisten, die bei seiner Privatadresse anklopften, konnten nur feststellen, dass er nicht zu Hause war. Vielleicht war er auf der Flucht? Der Fall hatte schließlich großes Aufsehen erregt und war unter anderem in den Siebenuhrnachrichten des landesweiten Radiosenders erwähnt worden. Vielleicht war ihm da klar geworden, was auf ihn zukam?

Eine Beschreibung Sundéns wurde herausgegeben und alle verfügbaren Kräfte in Stockholm mobilisiert. Polizeiwagen fuhren mit blinkendem Rotlicht durch die Stadt, Gruppen von Schutzpolizisten mit weißen Handschuhen kontrollierten alle Adressen von Personen, die irgendwelche Verbindungen zu Sundén hatten, auch seine alte Adresse im Söndagsvägen. Doch stellte sich heraus, dass das Gebäude wegen Umbauten geräumt worden war. Ein aufgeregter Reporter, der Zeuge dieser Aktivitäten wurde, sprach von dem «größten und schnellsten Polizeiaufgebot in der Geschichte der Kriminalpolizei». Erfahrene Polizisten konnten über diese Übertreibung nur müde lächeln.

Der Leitende Polizeidirektor Otto Holm hatte die Verantwortung für die Ermittlungen und verbrachte die ganze Nacht am Telefon in Erwartung des Gesprächs, das ihm

Am Samstagvormittag, den 31. Juli, konnte die Suche nach zwölf Stunden abgeblasen werden. Sundén war gefasst worden. Die Festnahme verlief, wie es zu heißen pflegt, ohne Zwischenfälle.

Die Freude bei der Polizei und die Erleichterung bei den Bürgern waren groß. Und von kurzer Dauer.

 

Eine an Hysterie grenzende Angst hatte während der letzten Tage die Hauptstadt im Griff gehabt. Die Stockholmer waren von einer in vieler Hinsicht neuen Form von Narrativ gepackt: dem von einem gesichtslosen und raffinierten Mörder, der womöglich noch einmal zuschlagen würde, und dann noch einmal. Bisher kannte man so etwas nur aus Spielfilmen sowie natürlich aus dem klassischen Detektivroman, in einer verfeinerten, kitzelnden und unterhaltenden Form. So etwas war nicht beängstigend, da es sich nur in eingeschneiten Pensionen oder auf isolierten Flussschiffen oder entlegenen Inseln oder Ähnlichem zutrug – Lokalitäten mit einem Hauch von Exotik. Dort waren dann mehrere Menschen ohne größere Versorgungsprobleme und unter unrealistischen Prämissen zusammengekommen, alle mit den entsprechenden Mitteln, Motiven

Das Phänomen «Serienmörder» – damals hatte das Schwedische noch nicht einmal ein Wort dafür – war zu ebenjenem Zeitpunkt gerade von einer spannenden Fiktion zu einer Realität geworden, die vor allem die Boulevardpresse ausschlachtete. Zum einen hatten Schweden und Stockholm mit den Morden an zwei kleinen Mädchen im Spätsommer 1963 soeben den ersten Fall mit einem echten Serienmörder erlebt, ein Fall, an dem auch GW Larsson gearbeitet und der ihn stark geprägt hatte. (Ich komme gleich noch darauf zurück.) Zum anderen war dem sogenannten «Würger von Boston»[17] in Schweden so viel Aufmerksamkeit zuteil geworden, wie man sie Kriminalfällen in den USA normalerweise nicht schenkte, wobei selbst die seriösen Tageszeitungen nicht der Versuchung widerstehen konnten, andächtig zu vermelden, wenn «Ein Weiteres Opfer Gefunden» wurde.

Viele sonst beliebte Parks und Grünanlagen im

 

Als Ragnar Sundén erfuhr, dass er des Mordes an Kickan Granell verdächtigt wurde, reagierte er mit Erstaunen und entschiedenem Leugnen. Er hätte nichts damit zu tun und außerdem ein Alibi. Am Sonntagabend war er mit seiner Frau im Kino gewesen, und als sie gegen zehn Uhr nach Hause gekommen waren, hatten sie noch eine Weile ferngesehen – es lief ein Konzert der Göteborger Symphoniker, Bogo Leskoviv dirigierte Werke von Borodin und Ravel; die Sendung endete um 22.10 Uhr, und danach war Sendeschluss – wie jeden Tag ungefähr um diese Zeit. Daraufhin waren sie ins Bett gegangen. Zusammen. Die Ehefrau bestätigte diese Angaben.

Während beide vernommen wurden, nahm man eine rasche Durchsuchung ihrer Wohnung vor. Gleichzeitig wurde die Apothekenhelferin, die am vergangenen Samstag bei Scheele gearbeitet hatte, für eine Gegenüberstellung ins Polizeipräsidium auf Kungsholmen bestellt. Das dauerte ein wenig, weil sie sich auf dem Land aufhielt, doch gegen vier Uhr am Samstagnachmittag traf

Das zwang die Polizei, ihren Jagdeifer zu dämpfen und die Angelegenheit noch einmal genauer zu überprüfen – und es stellte sich heraus, dass es sich um eine Namensverwechslung handelte. Die Apothekenhelferin hatte mit ihrer Schwester über den Fall gesprochen, und die Schwester glaubte sich zu erinnern, der Name des Stammkunden sei Ragnar Sundén. Dann wollte es ein eher unwahrscheinlicher Zufall, dass es in der Kartei der Polizei tatsächlich einen Ragnar Sundén gab – mit kriminellem Vorleben –, der früher einmal im Söndagsvägen gewohnt hatte. Da die Hausdurchsuchung darüber hinaus nichts ergeben hatte, war für GW Larsson klar, dass sie einen Missgriff getan hatten. Gegen fünf Uhr am Samstagnachmittag konnte Sundén das Präsidium als freier und entlasteter Mann verlassen.

 

Diejenigen Kriminalpolizisten, die seit Dienstag hart und intensiv gearbeitet und auf einen schnellen Abschluss des Falls gehofft hatten, fühlten sich ausgelaugt. Alle wussten, wenn man einen Mordfall nicht rasch, innerhalb von zwei, drei Tagen löst, besteht die Gefahr, dass die Aufklärung sich hinzieht. Zu allem Überfluss war auch noch ein

Die meisten fuhren nun nach Hause, um den Samstagabend gemeinsam mit ihren Familien zu verbringen, Frau und Kinder zu sehen, die man seit Anfang der Woche kaum zu Gesicht bekommen hatte; einige, um schon am nächsten Tag wiederzukommen, andere, um neue Energien für den kommenden Montag zu tanken. GW Larsson – wie immer untadelig in Sakko, weißem Hemd und Fliege – spürte die Enttäuschung, wies aber auf seine zurückhaltende Art darauf hin: «Unsere Aufgabe besteht genauso darin, Unschuldige zu entlasten, wie Schuldige aufzuspüren und zu überführen.»

 

Der neue Mordfall, ja. Der achtundfünfzigjährige Uno Ellström besaß eine kleine Kellerwerkstatt im Slätbaksvägen in Årsta. Um über die Runden zu kommen, arbeitete er doppelt: zum einen in seiner eigenen kleinen Firma, zum anderen als Angestellter einer anderen Werkstatt in einem der südlichen Vororte. Er galt als tüchtiger Handwerker, hatte aber ein Alkoholproblem. Mitte Juli war er einmal nach Hause geschickt worden, nachdem er wieder einmal sturzbetrunken an seinem Arbeitsplatz gelegen hatte. Seitdem hatte ihn niemand mehr gesehen.

Ellström war alkoholisiert, depressiv, lebensmüde und hatte finanzielle Probleme. Momentan verbrachte er seine Zeit meist zusammen mit ähnlichen Existenzen in einer von Stockholms zahlreichen kleinen, verrauchten Bierstuben, die überall verstreut lagen, nicht zuletzt in Stadtteilen mit weniger gutem Ruf wie Söder und Gamla Stan,

Dort fand ihn seine Freundin.

Ellström saß vollständig angezogen im Bett, doch sie wusste sofort, dass er nicht mehr lebte. Es hätte ein natürlicher Tod sein können, oder auch Selbstmord, doch als man den übel riechenden Leichnam näher untersuchte, stellte sich heraus, dass unter seinem Hemdkragen und Schlips ein weiterer Schlips fest um seinen Hals gewickelt war, so fest, dass er das unmöglich selbst getan haben konnte.

In den ersten aufgeregten Theorien war die Rede von Raub, oder möglicherweise davon, dass eine der Personen, mit denen der ein wenig rechthaberische Ellström auf Kriegsfuß stand, auf diese Weise eine Meinungsverschiedenheit beendet hatte. Es zeigte sich aber, dass die Realität, wie fast immer, viel farbloser war.

So sahen (und sehen) die meisten Morde aus: grausame, dumme, unüberlegte, sinnlose Taten, begangen in einer Mischung aus Alkoholnebel und plötzlich aufsteigender Wut, keine spannenden Geheimnisse, sondern Niedertracht, die in ihrer Banalität genauso leicht ausgelöst zu werden scheint wie sie aufzuklären ist, wobei Opfer und Täter alte Bekannte sind, lädiert und verbraucht, Brüder in Zufall, Unglück und Niederlage. Und waren es keine Säufer, die einander wegen Kleinigkeiten umbrachten, dann waren es mehr oder weniger betrunkene Männer, die ihre Frauen und Freundinnen erschlugen, aktuelle oder ehemalige. Manchmal töteten sie auch ihre Kinder und zum Schluss sich selbst. Das nannte sich dann euphemistisch «Familientragödie».

Während der folgenden Wochen arbeiteten die Mordermittler gleichzeitig an mehreren Fronten an dem Mord im Söndagsvägen. Die meisten Beamten kümmerten sich um die bis dahin gut einhundertfünfundsiebzig Hinweise aus der Bevölkerung.

Man war also wieder bei Berichten von Exhibitionisten angelangt, oder von mysteriösen Autos oder ebenso mysteriösen Männern mit unheimlichen Augen oder Männern mit krimineller Vergangenheit, die sich Chloroform verschafft haben konnten, oder Männern mit außergewöhnlichen Angewohnheiten, die sich Chloroform verschafft haben konnten, oder Männern mit auffälligem Verhalten oder Männern, die ganz allgemein einfach nur irgendwie seltsam waren. Oft waren die Hinweise so vage, dass sie keinen Sinn ergaben. So meldete sich zum Beispiel eine Frau Vilhelmson und berichtete, dass sie «in der U-Bahn einen unbekannten Mann» gesehen hatte, oder eine Frau Witt, die einige Tage nach dem Mord einen unbekannten Mann mit «mysteriösem Aussehen» im Hauptbahnhof beobachtet hatte.

Die Ermittler überprüften auch bislang nicht

Die Annahme, dass es sich bei dem Täter um einen bereits verurteilten Sexualstraftäter handeln könnte, war keine allzu gewagte Spekulation. Man stellte Listen mit bekannten Sexualstraftätern auf, besonders mit solchen, die man als «Vergewaltiger mit Würgetendenz» bezeichnete. Man zeigte Zeugen mehrfach Fotos von verurteilten Vergewaltigern. Sicherheitshalber kontrollierte man auch die Ausgangslisten von Psychiatrischen Kliniken und Gefängnissen, für den Fall, dass jemand, der bereits einsaß, an dem bewussten Wochenende Ausgang gehabt hatte. Dabei stieß man tatsächlich auf mehrere alte Bekannte, die an diesen Tagen nicht im Gefängnis gewesen waren, und überprüfte sie. Frühere Überfälle auf Frauen wurden noch einmal einzeln aufgerollt. Man schaute sich auch ungeklärte Fälle ähnlicher Art an, unter anderem einen Mord an einer Frau auf Mallorca im Jahr 1962.

Es war nicht auszuschließen, dass der Täter jemand war, der in der Gegend gearbeitet und sich auf die Weise Kenntnisse über die Anwohner und Zutritt zu den Häusern verschafft hatte. Man kontrollierte daher auch Hausmeister, Elektriker und Müllmänner, Gärtner und Ableser. Jeden einzelnen Namen überprüfte man anhand der Verbrecherkartei. Dahinter stand die übliche Vermutung, dass Menschen selten als Mörder debütieren, sondern in der Regel

Von der schnellen Aufklärung des Årsta-Falls inspiriert, wurden andere Mitglieder des Ermittlungsteams damit beauftragt, die Taxifahrten in den oder aus dem Stadtteil, in dem der Mord geschehen war, zu überprüfen, außerdem allen Hinweisen auf Autos nachzugehen, die an dem bewussten Tag in der Gegend gesehen worden waren. Denn es war nicht sicher, dass der Täter in der Gegend wohnte, auch wenn viel dafür sprach, dass er sich dort zumindest etwas auskannte. Außerdem führte man in Hökarängen weitere Befragungen in der Nachbarschaft durch, jetzt mit besseren Erfolgsaussichten, da viele der Anwohner mittlerweile aus dem Sommerurlaub zurückgekehrt waren. Dasselbe galt übrigens auch für die Gruppe der Ermittler, die Verstärkung durch erholte Kollegen erhielten, die im Urlaub gewesen waren, sowie von Leuten aus anderen Abteilungen. Mehr als fünfzig Polizisten und Kriminaltechniker hatten seit der Entdeckung des Mordes in Vollzeit an dem Fall gearbeitet, und das Team wuchs, je mehr Personen überprüft oder befragt wurden.

 

War der Mörder ein Fremder oder jemand, den Kickan Granell gekannt hatte? Durch seine anfängliche sichere Überzeugung ein wenig gebranntes Kind, wollte GW Larsson nun niemanden mehr ausschließen. Bei Morden dieser Art tendieren dem Opfer nahestehende Täter dazu, die Leiche zu entfernen oder sich ihrer zu entledigen in dem Versuch, die Verbindung zwischen sich und dem Opfer zu verschleiern: Fremde hingegen haben durch das Eingehen

Auf der Suche nach bislang übersehenen Details vernahm man erneut Personen aus Kickan Granells direktem Umfeld. Ein paar Polizisten sichteten ihre zahlreichen Briefe, die die Kriminaltechniker in ihrem Zimmer gefunden hatten, im Sekretär, auf dem Nachttisch und im Schrank. Sie wurden nach Absender sortiert und gelesen, in der Hoffnung, darin auf etwas Wichtiges zu stoßen oder zumindest auf eine Person, die man bislang übersehen hatte. Alle Namen, bekannte und unbekannte, wurden sorgfältig erfasst.

GW Larsson ging persönlich alle einlaufenden Berichte, Pressemitteilungen, Hinweise und Vernehmungsprotokolle durch. Alle Informationen, die er für vernachlässigbar hielt, bekam auch noch sein direkter Vorgesetzter, Otto Holm, zur Ansicht. Keine Schlamperei. Nicht dieses Mal. Die beiden saßen meistens von acht Uhr morgens bis zum späten Abend zusammen in Larssons Büro in der Dienststelle auf Kungsholmen. Jeder Arbeitstag endete auf die gleiche Weise: Um 22 Uhr drängten sich die Mitglieder der einzelnen Teams im Büro des Kommissars oder in der Bibliothek des Dezernats für Gewaltdelikte zusammen und erstatteten Bericht über die Ergebnisse der

Der Druck, den Mord aufzuklären, war groß. Nicht nur, weil die Zeitungen die hysterische Stimmung in Stockholm schürten, sondern weil auch die Ermittler ernsthaft besorgt waren, dass der Mann noch einmal zuschlagen könnte.

 

Wie bereits erwähnt, quälten GW Larsson Erinnerungen an Geschehnisse, die zwei Jahre zurücklagen. Damals hatte er die Ermittlungen geleitet, nachdem zwei kleine Mädchen, die sechsjährige Berit Glesing und die vierjährige Ann-Kristin Svensson, im Abstand von nur einem Monat vergewaltigt und ermordet worden waren – die Sechsjährige am 6. August 1963 im Vitabergspark auf Södermalm und die Vierjährige am 2. September 1963 in einem Wäldchen hinter einem Spielplatz in Aspudden. Man hatte den Mörder schnell dingfest gemacht, allerdings mit Hilfe eines derartig seltenen Zufalls, dass er nicht einmal in einem Roman glaubwürdig gewesen wäre: Ein Polizist geht in seiner Freizeit in der betreffenden Gegend spazieren und sieht einen Mann mit aufgeknöpfter Hose und einem merkwürdigen Gang aus einem Wäldchen kommen, doch da er nicht weiß, was sich hier kürzlich abgespielt hat, denkt er sich nichts dabei. Am folgenden Tag ist derselbe Polizist an einer Befragung der Anwohner in Aspudden und Gröndal beteiligt, und im Ekenbergsvägen 32 öffnet derselbe Mann die Tür, den er zum Zeitpunkt des Mordes aus dem Wald hat kommen sehen. Noch im Auto auf dem Weg zum Kommissariat macht der Mann Andeutungen, dass er der Gesuchte ist.

Bald stellte sich heraus, dass dies nicht die ersten Morde waren, die Lövgren verübt hatte. GW Larsson war ein Verdacht gekommen, nicht zuletzt, was einen Fall im August des vorangegangenen Jahres betraf, bei dem eine ältere Frau erschlagen und erstickt in der kleinen Einzimmerwohnung in der Fleminggatan 83 auf Kungsholmen aufgefunden worden war, die sie mit ihrem Mann bewohnte. Sobald er sich die Zeit nehmen konnte, schloss er sich daher in seinem Büro ein und ging alle Aktenordner mit den Unterlagen zu diesem Fall durch und nahm auch Kontakt zu einigen der Zeugen auf. Einer der Zeugen hatte Lövgrens Bild in der Zeitung gesehen und ihn als den Mann wiedererkannt, den er gesehen hatte, wie er die Fleminggatan 83 ohne Hemd verließ. (Der Mörder hatte sein Hemd, das voller Blut war, in der Wohnung zurückgelassen.) Auch diesen Mord gestand Lövgren[19] und sprach in den Vernehmungen darüber hinaus von einem weiteren, der sich als Vergewaltigung und Mord an einer sechsundzwanzigjährigen Frau im Sommer 1958 in einem dunklen Kellerflur in einem Mietshaus draußen in Fruängen herausstellte. Lövgren wurde für den Mord in der Fleminggatan verurteilt, aber trotz aller Indizien – und zu GW Larssons Frustration – beschloss der Staatsanwalt, im Mordfall von Fruängen keine Anklage zu erheben, da er die

Diese Erfahrung hatte Larsson zutiefst erschüttert. Nicht nur, weil er mit zwei abscheulichen und im Grunde unverständlichen Morden an kleinen Kindern konfrontiert gewesen war. Er bezeichnete den Fall als «eine besonders harte und lehrreiche Lektion». Mehrere überkommene Wahrheiten, von denen sie sich in der Arbeit hatten leiten lassen, wurden daraufhin in Frage gestellt, vor allem die, dass ein bestimmter Typus Sexualverbrecher, wie eben Exhibitionisten, ungefährlich sei. Diesem Irrtum waren übrigens nicht nur die ermittelnden Beamten aufgesessen: Im gleichen Jahr, in dem Lövgren die Mädchen ermordete, hatte ein erfahrener Psychiater ihn untersucht und bescheinigt, er sei zwar «labil und emotional gestört», aber ebenfalls vermerkt, nichts deute darauf hin, dass er «eine Gefahr für die allgemeine Sicherheit» darstelle. Lövgren konnte deshalb sein zielloses Vagabundenleben in den südlichen Stadtteilen Stockholms fortsetzen.[20]

Was Larsson sich im Nachhinein nicht eingestehen wollte, war, dass es bei der harten Lektion nicht wirklich um das Gutachten des Psychologen ging. Der Fall war und blieb eine schwere persönliche Niederlage für ihn und die anderen im Dezernat für Gewaltdelikte, obwohl der Schuldige gefasst worden war.

Es stellte sich nämlich heraus, dass unmittelbar nach dem ersten Mord an dem einen Mädchen von mehreren Personen Hinweise auf Lövgren eingegangen waren, man diese Hinweise aber verschlampt hatte. Papiere wurden verlegt, Informationen blieben auf einem Schreibtisch

Nach der Sache mit Lövgren schwebte die Bedrohung über GW Larssons Haupt, noch einmal mit einem Fall konfrontiert zu werden, der sich zu einer Serie unbegreiflicher Morde auswachsen könnte. Vor allem aber, eine Chance zu verpassen, einen Mörder daran zu hindern, noch einmal zuzuschlagen. Während dieser Ermittlungen fühlte er den schlimmsten Druck, dem er je ausgesetzt gewesen war, und es war offensichtlich, dass er fürchtete, noch einmal zu versagen. Daher rührte seine systematische und penible Vorgehensweise im Fall Granell. Erst viel später räumte Larsson ein, dass er zu jener Zeit mit dem Gedanken gespielt hatte, sich aus der Polizeiarbeit zurückzuziehen.

Einige der Ermittler folgten weiter der Chloroformspur. Der zugrunde liegende einfache und logische Gedanke lautete wie gesagt, dass man den Täter ermitteln würde, wenn man herausfinden könnte, wo, wann und wie er sich das Chloroform beschafft hatte – mit ähnlichen Vorgehensweisen hatte man oft bei Giftmorden Erfolg gehabt. Und auch wenn der vielversprechende Hinweis von Scheele ein Blindgänger gewesen war, hatte man nach dem Rundruf bei den Apotheken der Stadt eine Liste erstellen können, die Käufe von Chloroform durch unbekannte

– Beckasinen, Storforsgränd 2 in Farsta Centrum: ein Verkauf circa vierzehn Tage vor dem Mord

– Fasanen, Högdalsgången in Högdalen: eine kleine Flasche, verkauft zwischen dem 19. und 24. Juli

– Uttern, Hjälmarsvägen 26 in Årsta: ein Verkauf vor dem 18. Juli

– Duvan, Brommaplan: mehrere Verkäufe von insgesamt circa einem halben Liter an nicht identifizierte Kunden nach dem 18. Juni

– Ängeln, Triewaldsgränd 2 in Gamla Stan: Verkauf einer Flasche zwischen dem 10. und 24. Juli an einen unbekannten Mann

– Fenix, Götgatan im Stadtteil Söder: Verkauf einer Flasche vor circa 14 Tagen an eine unbekannte Person

– Lokatten, Långholmsgatan 24 auf Söder: Verkauf einer Flasche mit 25–30 Gramm an einen «Mann mit Hunden»

– sowie Ekorren in Älvsjö: ein Verkauf von 200  Gramm zwischen dem 19. und 24. Juli an einen «mysteriösen Kunden», einen Mann im Alter von 40 bis 45 Jahren, 170 bis 175 Zentimeter groß, der auf die Frage, wozu er das Chloroform benutzen wolle, ausweichend geantwortet, dann aber angegeben hatte, er benötige es, «um Tiere zu töten».

Der Hinweis von der Apotheke Scheele konnte übrigens ad acta gelegt werden, da die Person, die den Kauf am

Die Chloroformkäufe konnten Schritt für Schritt von der Liste gestrichen werden, aber das nützte wenig, da ständig neue Hinweise eingingen. Allmählich ging den Polizisten auf, dass die Chloroformspur eine Sackgasse war.

Der Kauf in einer Apotheke war zwar die einfachste Art, sich das Mittel zu beschaffen, aber keineswegs die einzige, da Chloroform auch im industriellen Bereich Verwendung fand sowie in Labors und in Schulen. Außerdem meldeten sich zahlreiche hilfsbereite und «legale» Chloroformkäufer auf den Aufruf der Polizei, um mitzuteilen, dass sie durchaus einen Rest des Mittels in ihrem Sommerhaus hätten und so fort, und als die Listen mit diesen Hinweisen verglichen wurden, zeigte sich, was ziemlich frustrierend war, dass die Apotheken mehr Chloroform verkauft hatten, als sie selbst zunächst angegeben bzw. geglaubt hatten. Und da es sich bei Chloroform ja nicht um verderbliche Ware handelte, sondern es überall in der Stadt in Putzschränken und Waschküchen lagerte, konnte es sich der Täter ohne große Mühen selbst beschafft haben. Als einer der ermittelnden Polizisten sich mit der Bitte an die Stockholmer Hausfrauen wandte, den Inhalt ihrer Chloroformflaschen zu kontrollieren, geschah das mit einem Unterton der Verzweiflung. War das Chloroform in letzter Zeit plötzlich und auf unerklärliche Weise weniger geworden? Und als sich eine Schule in Gubbängen meldete und berichtete, dass eine Flasche Chloroform entfernt worden war, fuhr

 

Am Donnerstag, den 5. August, trafen sich fünf Männer in der rechtspsychiatrischen Abteilung des Gefängnisses auf Långholmen. Das Zimmer, in dem sie saßen, gehörte dem Professor in Rechtspsychiatrie Gösta Rylander. Außer ihm waren anwesend GW Larsson, Larssons Vorgesetzter, der Leitende Polizeidirektor Axel Danielson, Sven Olof Lidholm, der Kickans Leiche obduziert hatte, sowie der erfahrene Oberarzt Yngve Holmstedt, der erste und damals einzige Sachverständige für Vergewaltiger in Schweden. (Holmstedt hatte viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit der Polizei: Er hatte unter anderem die forensisch-psychiatrische Untersuchung des Täters in jenem lange Zeit unaufgeklärten Mord an Kerstin Blom vorgenommen, den GW Larsson wider Erwarten im vorangegangenen Jahr hatte aufklären können. Diese Leistung hatte seinen Ruhm noch gemehrt.) Die Initiative zu diesem Treffen war von Larsson ausgegangen. Er fürchtete eine Wiederholungstat, falls der Polizei nicht bald ein Durchbruch gelang, und der Fall gab ihm immer mehr Rätsel auf. Es schien, als hätten die überkommenen Wahrheiten über Vergewaltiger ihre Gültigkeit verloren – auch hier scheinen sich seine Erfahrungen aus den Mädchenmorden vor zwei Jahren geltend gemacht und ihn dazu gebracht zu haben, neu zu denken.

Das Treffen war einzigartig: Es war das erste Mal, dass die schwedische Polizei bereits bei der Suche nach einem Mörder auf psychologische Expertise zurückgriff – also noch bevor ein Verdächtiger festgenommen worden war.

Ein weiterer Grund, warum Larsson so ein erfolgreicher Mordermittler geworden war, lag darin, dass er nicht nur ein Auge für Menschen hatte, sondern auch echtes Interesse an ihnen. Seine Geduld, sein gesunder Menschenverstand und ruhiges Einfühlungsvermögen ermöglichten es ihm, ein Verbrechen aus der Perspektive des Täters zu sehen und zu verstehen – verstehen nicht im Sinne von entschuldigen, sondern von begreifen –, was viele gern möchten, aber nur wenige schaffen. Es war jedoch offensichtlich, dass Larsson in diesem Fall Schwierigkeiten hatte, zu verstehen, wie der Täter tickte, und dass ebendies ihn antrieb.

Holmstedt teilte seine Auffassung, dass der Mörder von Kickan Granell sich nicht wie ein typischer Vergewaltiger verhalten hatte. Für den ist die Gewalt in der Regel nicht nur ein Mittel, sondern ein Ziel, «vor allem während des Vorspiels». Und selbstverständlich hatte man es hier nicht mit einem Exhibitionisten oder Voyeur zu tun, der plötzlich Amok lief. Dafür war der Mord viel zu gut vorbereitet und geplant gewesen – bis hin zur gründlichen Reinigung des Tatorts mit dem Staubsauger. Nein, dies war kein gewöhnlicher Vergewaltiger. «Suchen Sie nach einem Sonderling», lautete die Antwort, «nach einem wahrscheinlich Geisteskranken mit großen Kontaktproblemen und abnormen sexuellen Zwangsvorstellungen.»

Eine Reihe weiterer, nicht leicht zu interpretierender Umstände deutete ebenfalls darauf hin, dass die gesuchte

 

Ich kenne Frauen, die vergewaltigt worden sind. Alle Männer tun das, ob sie es wissen oder nicht. Und angesichts der Tatsache, wie häufig dieses Verbrechen vorkommt, bin ich sicher im Laufe der Jahre einer Reihe Vergewaltiger begegnet, ohne es zu wissen. Es handelt sich dabei ja nicht um etwas, mit dem sich die Täter brüsten, und es ist auch niemandem anzusehen, ob er solche Taten begangen hat. Ich weiß nichts über das Phänomen, außer dass man ziemlich dumm sein muss, um zu glauben, dass es bei einer Vergewaltigung um Sex geht, außer in oberflächlichem Sinne. Es geht um Macht.

Was Kickan Granell widerfahren war, war eine Vergewaltigung in Kombination mit Mord, und um so etwas zu verstehen, benötigt man besondere Kenntnisse. Ich lese also zwei amerikanische Fallanalytiker, die sich beide mit dem Phänomen befasst haben, aber in vielerlei Hinsicht im Gegensatz zueinander stehen.

Der andere ist der korrekte, trockene Wissenschaftler Brent Turvey, der eines der wenigen richtigen Lehrbücher[21] geschrieben hat, die es zu diesem medial dankbaren Thema gibt, in dem sich Sensationslust und Scharlatanerie häufig vereinen und wirkliche oder selbsternannte Experten nie müde werden, miteinander zu streiten. Turvey hat unter anderem Douglas hart angegriffen wegen des Täterprofils, das Letzterer auf Anforderung der Eltern in dem berüchtigten Fall JonBenét Ramsey erstellen ließ.

 

Was sagen also diese zwei so unterschiedlichen und miteinander konkurrierenden Fallanalytiker über Männer, die Vergewaltigungen begehen?

Solche Männer sind demnach erfolglose Versager, sie sind ihrer Männlichkeit nicht sicher und vergewaltigen,

 

Das unpräzise Bild des Mörders, das die Psychologen auf Långholmen entwarfen, vermittelte Larsson und seinen Kollegen eine grobe Vorstellung davon, nach welcher Art Mann sie suchten. Mehr aber auch nicht.

Larsson hatte seine Leute auch gebeten, sämtliche schwedischen Fälle aus den letzten zehn Jahren zu

Es waren elf Stück.

1. 31. Mai 1956: Ein Fünfzehnjähriger wird festgenommen und gesteht, dass er einige Wochen zuvor eine Frau in der Nähe von Gröndal in Stockholm überfallen hat, die sich am Trekanten-See gesonnt hat, und zwar mit Hilfe eines in Äther getränkten Stücks Stoff, das er ihr auf das Gesicht drückte.

2. 16. Juli 1956: Eine Frau um die dreißig wird in ihrer Wohnung im Bränningevägen in Årsta von zwei durch ein Fenster eingestiegenen, unbekannten, circa zwanzigjährigen Männern mit einem Handtuch angegriffen, das in «Betäubungsflüssigkeit» getränkt ist. Der Angriff misslingt, und die beiden fliehen. Die Täter sind unbekannt.

3. 10. Juni 1959: Eine außerhalb von Älmhult wohnende Siebzehnjährige ist allein zu Hause, als sie von einem jungen Mann um die zwanzig angegriffen wird, der dabei ein Taschentuch benutzt, das

4. 25. Januar 1961: In Huddinge wird ein siebzehnjähriges Mädchen auf dem Heimweg von einem jungen Mann, circa zwanzig Jahre alt, verfolgt und überfallen. Der Mann benutzt zum einen ein «Äthertuch», zum anderen ein Spray. Auch dieser Überfall missglückt. Täter unbekannt.

5. Sommer 1962: Ein Paar um die zwanzig zeltet in Lomma in Schonen. Jemand wirft einen großen, mit Chloroform getränkten Wattebausch in ihr Zelt, stiehlt die Brieftasche des Mannes, schleift die Frau aus dem Zelt und misshandelt sie. Täter unbekannt.

6. 31. Dezember 1962: Ein junger Mann um die zwanzig aus Gävle bricht in die Wohnung seiner ehemaligen Freundin ein und versucht sie mit Hilfe von Äther zu betäuben.

7. Sommer 1963: Der Mann von Lomma schlägt wieder zu. Diesmal ist das Opfer eine zeltende Familie. Er schneidet ein Loch in das Zelttuch und zieht die zehnjährige Tochter des Paars heraus. Doch die Eltern wachen auf, und der Mann flieht. Täter unbekannt.

8. 7. November 1963: Eine fünfundsiebzigjährige Frau wird in ihrer Wohnung von drei Männern überfallen und mit Äther betäubt. Das Motiv ist Raub. Zwei der Täter werden festgenommen und gestehen, der dritte flieht außer Landes. Alle drei waren ausländischer Herkunft.

9. Herbst 1963: Ein Mann aus Schonen narkotisiert seine Frau mit Chloroform, in der Absicht, Sex mit

10. 25. April 1964: Ein Mann zerrt ein elfjähriges Mädchen in den Keller der Polizeidienststelle Strängnäs, wo er sie betäubt und sich an ihr vergeht. Er wird einige Wochen später festgenommen.

11. 4. Mai 1965: Der Überfall in Tallkrogen. Unbekannter Täter.

Daraus lassen sich folgende vorsichtige Schlüsse ziehen:

Der Täter hat in den meisten Fällen vor, einen sexuellen Übergriff zu begehen.

Der Täter ist in den meisten Fällen jung, manchmal sogar sehr jung.

Der Täter ist «verschlagen», plant seine Taten und scheut sich nicht, sie im Haus, häufig in der Wohnung des Opfers, auszuführen.

Der Täter vermeidet in der Regel direkte Gewalt, «wenn die Betäubung misslingt, flieht er vom Tatort».

Damit hatte die Polizei einige weitere Puzzlestücke in der Hand. Als der Mörder schließlich gefasst wurde, stellte sich heraus, dass die meisten der hier genannten Annahmen zutrafen. Und die oben gestellten Fragen wurden damit beantwortet.

Weder das Profiling der Psychologen noch die Auswertung bekannter Fälle führte jedoch zu unmittelbaren

Eine ganze Reihe an Hypothesen war bis jetzt schon aufgegeben worden.

Die Chloroformspur schien zu erkalten.

Die Überprüfung von Personen, die in der Gegend arbeiteten, hatte keine Resultate erbracht.

Auch die von bekannten Sexualstraftätern war ergebnislos geblieben.

Dasselbe galt für die Überprüfung von Kickan Granells Kontakten zu Männern in dem Krankenhaus, in dem sie gearbeitet hatte.

Als sich herausstellte, dass der französische Brieffreund Ostern 1964 in Hökarängen zu Besuch gewesen war, die Gegend und das Haus also kannte, hatte man ihn genauer unter die Lupe genommen. Aus Briefen, die in Kickans Zimmer gefunden worden waren, wusste man, dass sie diejenige gewesen war, die die Beziehung im Herbst 1964 beendet hatte, und dass das den jungen Mann sehr getroffen hatte. Der Franzose war in Paris von der dortigen Polizei vernommen worden, hatte danach aber von der Liste der Verdächtigen gestrichen werden können.

 

Auf der Suche nach bisher übersehenen Details vernahmen die Ermittler alte Zeugen noch einmal und fragten auch noch einmal in der Nachbarschaft herum. Man beschloss, auch ehemalige Klassenkameraden und entferntere Freunde der Familie zu überprüfen. Was war zum Beispiel mit dem Italiener, der im vergangenen Sommer eine kurze Krise in der Beziehung von Kickan und Jan ausgelöst hatte?

In dem Maße, wie Hypothesen sich als falsch herausstellten und die Ermittlungen ausgeweitet wurden, wuchs sowohl die Zahl der beteiligten Polizisten als auch die Frustration. Es wurde viel über die anfänglichen Irrtümer gemurrt, die dazu geführt hatten, dass der Tatort von den vielen Personen, die dort herumliefen, mehr oder weniger zerstört worden war und dass man dem Mörder darüber hinaus einen Vorsprung von mehr als zwei Tagen geschenkt hatte. Jemand wies darauf hin, dass «auch ein noch so großes Personalaufgebot keine zufriedenstellende Arbeit leisten kann, wenn das Material nicht intakt ist».

 

Die technische Untersuchung hatte in der Tat bislang erstaunlich wenig erbracht: weder Fingerabdrücke noch Fußabdrücke. Vor dem Haus hatte man einen Schuhabdruck gesichert, doch es war nicht sicher, ob er mit dem Fall in Zusammenhang stand. Außerdem handelte es sich

Das Bett und vor allem das Laken waren dort minutiös untersucht worden. Von den zehn kurzen hellbraunen Haaren, die auf dem unteren Teil des Lakens gefunden worden waren, waren sechs Schamhaare, die höchstwahrscheinlich von Kickan selbst stammten, während die vier anderen Kopfhaare waren, die entweder von Kickan oder möglicherweise vom Täter stammten. Aber solange man keinen Verdächtigen für einen Abgleich hatte, waren diese Haare keine große Hilfe. In den Krümeln und dem Grasschnitt vom unteren Teil des Lakens hatte man Nadeln und eine Samenkapsel gefunden und an das Kriminaltechnische Institut geschickt, das sie wiederum an einen Sachverständigen im Naturhistorischen Reichsmuseum weitergeleitet hatte – vielleicht gehörten sie einer seltenen Art an, die nicht überall wuchs?

Die Analyse des getrockneten Spermaflecks war abgeschlossen. Vielleicht hatten die Kriminalpolizisten gehofft, dass der Mörder eine seltenere Blutgruppe hätte, wie AB oder B, aber es stellte sich heraus, dass er Blutgruppe A hatte, die häufigste Blutgruppe in Schweden[24] – und auch das waren Daten, die erst dann von Nutzen sein würden, wenn man einen Verdächtigen hatte, mit dem man sie abgleichen konnte.

 

Die Antwort aus dem Museum kam rasch: Die Nadeln stammten von der Gemeinen Fichte – waren also nichts

Man wollte prüfen, wo in der Nähe Fichten wuchsen. Vielleicht hatte sogar jemand Fichten auf seinem eigenen Grundstück? Und vor allem: Wo wuchs Nelkenwurz?

Polizeipatrouillen wurde ausgeschickt, um nach Fichten und Nelkenwurz zu suchen. Diese Aufgabe war bei den Beamten nicht gerade populär, weshalb sie neugierige Kinder einspannten, die Lust zum Suchen hatten.

Im Polizeibericht werden diese Helfer übrigens «Blomkvister» genannt, nach dem von Astrid Lindgren erfundenen jungen Meisterdetektiv Kalle Blomkvist, einer fiktiven Figur, die zu jener Zeit mindestens genauso populär war wie ihre Pippi Langstrumpf.[25] Geschichten von Kindern, die der Polizei bei der Aufklärung von Verbrechen helfen, verkauften sich damals tatsächlich gut. Die berühmteste Autorin auf diesem Gebiet war natürlich die schon fast hysterisch produktive Enid Blyton, die mehr als sechshundert Bücher geschrieben hat, deren erfolgreichste die Reihe «Fünf Freunde» war, während der innerhalb Schwedens bekannteste Name, außer Astrid Lindgren, das Pseudonym Sivar Ahlrud mit seinen rothaarigen Detektivzwillingen war, und da gab es noch viele andere.

 

Auch hier sehen wir, wie Fiktion und Wirklichkeit einander bedingen. Kinder, die Hinweise lieferten oder in einiger Entfernung herumstromerten, während Polizisten Personen observierten oder Nachbarn befragten, waren

 

Die Untersuchung von am Tatort gefundenen Gegenständen wurde fortgesetzt. Der Kriminaltechniker Wincent Lange hatte die Bettwäsche sowie einige andere Gegenstände aus dem Söndagsvägen abgesaugt und die Ausbeute unter seinem Labormikroskop begutachtet. Eine langweilige und zähe Tätigkeit, zunächst ohne greifbare Ergebnisse, weshalb Lange nach einer Weile ein Mikroskop in sein eigenes Büro gestellt und die Proben bei Gelegenheit in Pausen zwischen anderen Aufgaben untersucht hatte.

Nachdem er beinahe zwei Wochen lang auf zweihundertfach vergrößerten Staub gestarrt hatte, war er nahe daran aufzugeben, als er eines Tages, schon im Aufbruch zur Kantine des Präsidiums, einen Blick auf eine weitere Probe warf und ihm etwas Neues auffiel. Kleine platte

Lange betrachtete das Material aus dem Schlafzimmer, in dem der Mord geschehen war, genauer. Nach langer und mühsamer Zählarbeit per Mikroskop stand fest, dass sich eine ungewöhnlich große Menge an Stärkekörnern in dem Teppich befand, der vor dem Bett gelegen hatte. Außergewöhnlich viele auch im Staubsauger der Familie Granell, auf einigen von Kickans Kleidungsstücken und auf dem Sofa und dem Rya-Teppich aus dem Wohnzimmer. Was jedoch besonders ins Auge sprang, war das Laken: Darauf wurden rund dreihundertsiebzig Körner pro Milligramm Staub gezählt, was hundertmal so viel war wie auf der Strickjacke des Opfers und mehr als dreimal so viel wie auf dem Schlafzimmerteppich – dem am zweitstärksten verschmutzten Gegenstand.

Das Ergebnis war so verblüffend, dass Lange es zunächst für einen Messfehler hielt.

Vielleicht waren die Proben irgendwie während der Untersuchung kontaminiert worden? Lange wusste, dass das leichte Pulver, das man bei der Suche nach Fingerabdrücken verwendete, zu fünfzig Prozent aus Kartoffelstärke bestand. Zur anderen Hälfte bestand es aus Aktivkohle. Sah man sich die Stärkekörner im Fingerabdruckpulver an, waren sie zwar mit Kohle vermischt, während die, die man am Tatort gefunden hatte, auffallend weiß waren, aber vielleicht waren die Körner beim Staubsaugen von der Kohle getrennt worden? Man erkundigte sich bei

Eine andere Möglichkeit war, dass die Kartoffelstärkekörner von den Laborkitteln der Kriminaltechniker stammten. Beim Waschen der Kittel benutzte man ein Stärkemittel, das Kartoffelmehl enthielt. Auch diese Theorie konnte der Chemieingenieur aus Lyckeby entkräften: Beim Waschen verkleistert die Stärke, wobei sie sich im Stoff so festsetzt, dass sie durch Kontakt nicht mehr übertragen werden kann. Das bestätigte sich in praktischen Versuchen. Auch dass die Kartoffelstärke aus dem Haushalt der Granells stammen könnte, konnte ausgeschlossen werden. Frau Granell stellte der Polizei ein Laken zur Verfügung, das zusammen mit dem Laken aus dem Mordfall gewaschen worden war. Auf diesem zweiten Laken fanden sich keine Spuren von Kartoffelstärke.

Große Mengen Kartoffelmehl auf dem Laken sowie in unterschiedlichen Mengen auf dem Kopfkissenbezug, auf dem Teppich vor dem Bett, auf einigen der Kleidungsstücke von Kickan (besonders auf ihrer Strickjacke, auch auf ihrem BH, aber merkwürdigerweise nicht auf ihrem Slip), Kartoffelmehl im Staubsaugerbeutel, auf dem Sofa und dem Rya-Teppich im unteren Stockwerk.[26]

Was ließ sich daraus schließen?

 

Mittlerweile hatte man die «Operation Nelkenwurz» in Hökarängen abgebrochen, ohne dass etwas Interessantes

Was die Beamten stutzig machte, waren Reste hell-schokoladenbrauner Farbe auf dem Handtuch. Ähnelte die Farbnuance nicht der des Flecks, den man auf dem Kissen in Kickans Bett gefunden hatte?

Das war mit dem bloßen Auge unmöglich zu entscheiden, da das Handtuch fast einen Monat lang draußen gelegen hatte und sehr schmutzig war. Und weder die Kriminaltechniker selbst noch das Kriminaltechnische Institut in Solna konnten feststellen, ob es sich dabei wirklich um dieselbe Farbe handelte. Nach einigem Suchen nahm man Kontakt zur Abteilung für Medizinische Physik am Karolinska Institutet auf. Dort glaubte man herausfinden zu können, ob es sich bei Kissen und Handtuch um dieselbe Farbe handelte. Die Methode, die dabei zur Anwendung kommen sollte, war die Röntgendiffraktion.

Lange ließ ein 10 × 3 Zentimeter großes, aus dem Handtuch herausgeschnittenes Stück Stoff und einen

 

Die Leiche von Kickan Granell hatte die ganze Zeit über in der Rechtsmedizin in Solna gelegen, da sie immer noch als Beweismaterial galt. Zusammen mit dem Bett, dem Laken, dem Kopfkissenbezug und dem Handtuch. Eine solche Entpersonalisierung und Objektifizierung, die Verwandlung von einer Person zu einer Sache ist vielleicht unvermeidbar, aber dennoch immer wieder gleich traurig, nicht zuletzt, weil es zeigt, was der Tod macht und ist. Dennoch kann ein Körper nie in gleichem Maße zur Sache werden wie eben ein Bett, Laken, Kissenbezug oder Handtuch. Wincent Lange beschreibt in einem unveröffentlichten Text über diesen Fall, wie die Kriminaltechniker die Rechtsmedizin aufsuchen, um Kickans Leiche zu begutachten, und als sie sie dann erblicken, plötzlich still und behutsam werden:

Warum ist man so behutsam, wenn man sich einem Toten nähert? Ich hatte meine Kollegen aus der Technik genauso ehrfürchtig auftreten sehen, wie ich es tat. Es ist, als glaubte man, dass der Tote plötzlich die Augen öffnen und einen anstarren könnte. Genauso ist es draußen am Tatort. Schlechte Witze und Gelächter in Anwesenheit des Toten? Nein, das passt nicht zusammen. Alle verspüren offenbar Ehrfurcht im Angesicht dessen, was irgendwann jeden von uns treffen wird. Unbewusst schleicht man auf leisen Sohlen heran. Man möchte nicht stören. Und beim Diktieren des Protokolls dämpft man seine Stimme.

Bei Kickan Granell spüre ich das deutlich. Mit Leuten zu sprechen, die sie kannten, und das ganze archivierte Material durchzulesen, auch das, was als uninteressant klassifiziert wurde und daher nie Eingang in den Vorermittlungsbericht gefunden hat, vermittelt ein, wie ich meine, glaubwürdiges Bild von ihr, wer sie war, was sie war. Jenseits von «lebhaft und fröhlich». Doch ihre eigenen Worte fehlen. Deshalb werde ich aufmerksam, als ich in einem der Archivkartons im Polizeiarchiv Kopien einiger Briefe finde, die sie an eine Freundin, genannt «Gugge», geschrieben hat, die zu der Zeit als Au Pair bei einem Anwalt in Hampstead im Norden Londons gearbeitet hat.[27]

GW Larsson hatte persönlich die Rechtsabteilung des Außenministeriums angeschrieben und um Hilfe dabei gebeten, den Kontakt mit der Freundin herzustellen. Er hatte einige einfache Fragen bezüglich des Falls, aber er wollte auch herausfinden, ob sie noch Briefe von Kickan aufbewahrte. Sie hatte tatsächlich noch Briefe von Ende 1964. Einen davon zitiere ich in voller Länge, nicht weil sein Inhalt so bemerkenswert wäre, sondern einfach, weil ich der Auffassung bin, dass man hier ausnahmsweise einmal die eigene Stimme der Achtzehnjährigen hören kann:

Vielen Dank für Deinen Brief, den ich jetzt endlich einmal beantworte. Es ist auch wirklich Zeit, oder?

Ehrlich gesagt hatte ich ziemlich viel zu tun. An zwei Abenden in der Woche gehe ich zu Kursen, einem in Maschinenschreiben und einem in Stenographie. An den anderen Abenden muss ich lernen und irgendwann auch einmal schlafen. Tagsüber arbeite ich als Bürohilfe im Serafimerlasarett. (Macht Spaß.) Ich brauche die praktische Erfahrung aus dem Krankenhaus, damit ich nächstes Jahr bei Bar-Lock angenommen werde. Hoffentlich bist Du nicht böse, dass ich nicht eher geschrieben habe und dass Du einen maschinengeschriebenen Brief bekommst, aber so geht das wirklich schneller, und ich bekomme keinen Schreibkrampf.

Wie geht/[28] es Dir da drüben in London? Wie Du siehst, bin ich noch nicht perfekt auf der Schreibmaschine. Wenn Du wiederkommst, müssen wir uns unbedingt treffen. An meinem Geburtstag bin ich abends wahrscheinlich nicht zu Hause, aber Du kannst ja anrufen, wenn Du wieder zu Hause im guten alten Schweden bist. Silvester wollen Janne und ich uns verloben. Da staunst Du, was? Wie sieht es bei Dir mit der Liebe und der Gesundheit aus? Aus Deinem Brief geht hervor, dass alles gut ist, immer noch???

Letzte Woche hatten wir hier den ersten Schnee, aber der lag nur ein paar Tage, und danach war alles wieder wie immer, also nur Matsch.

Vor zwei Wochen habe ich im Fernsehen «Drop-In»

Ich habe oft abends gedacht, jetzt muss ich aber mal an Gugge schreiben, aber dann war ich so müde, dass ich es einfach nicht geschafft habe, mich hinzusetzen und Dir zu schreiben.

Wusstest Du, dass ich letzten Sommer in Italien war, natürlich mit meinen Eltern? In der ersten Woche haben wir in einer riesigen Wohnung in einem kleinen Bergort gewohnt, der Montecatini heißt und dreißig Kilometer von Florenz entfernt ist. Mein Vater hatte die Wohnung von einem guten Freund bei seiner Arbeit bekommen. Ich kann gar nicht beschreiben, wie hübsch die Wohnung war, aber ich zeige Dir Fotos, wenn wir uns sehen. Die anderen Wochen waren wir in Bellaria, zehn Kilometer von Rimini. Phantastisch! Da habe ich einen soo süßen Jungen kennengelernt, ich dachte zuerst, er wäre ein Schwede oder Deutscher, aber er war Italiener, aber richtig nett. Er war wahnsinnig groß, mit blauen Augen und aschblonden Haaren. Klar, dass ich mich in ihn verliebt habe. Obwohl er eigentlich zu alt für mich war, aber egal, er war toll. Aber wir schreiben uns nicht mehr, ist vielleicht besser so. Es kann ja sowieso nichts werden mit uns.

Du kennst doch den französischen Jungen, der im letzten Jahr hier war, Alain. Er war zur gleichen Zeit in Bellaria wie ich, aber das wusste ich nicht, und Gott sei Dank bin ich ihm nicht begegnet. Aber er schreibt mir immer noch und hat mich gebeten, zu ihm zu

Wie lange bleibst Du hier? Fährst Du danach wieder zurück nach England?

Ansonsten ist hier alles wie immer. Maggan Lundberg hat sich mit Myran verlobt, diesem rothaarigen Jungen, Du weißt schon. Und Janne muss bald zum Wehrdienst, aber er kommt wenigstens zum «Ing1» nach Solna.

Jetzt mache ich Schluss für heute, und hoffentlich bist Du nicht allzu böse auf mich. Meine Eltern lassen Dich ganz lieb grüßen und hoffen, dass es Dir gutgeht und es Dir gefällt und dass sie Dich bald wiedersehen. Janne grüßt auch und lässt Dir sagen, dass Du Dich vor den Jungs in Acht nehmen sollst.

Grüße und Küsse[31]

Kickan

PS: Vergiss nicht anzurufen, wenn Du hier bist.

Die Farbanalyse im Karolinska Institutet wurde von einem als kompetent geltenden Dozenten namens Diego Carlström[32] durchgeführt, und er machte seine Sache gründlich. Er konnte bestätigen, dass die Farbe auf dem Handtuch dieselbe war wie die auf dem Kissen. Das Ergebnis war eindeutig, weil es diese Mischung interessanterweise nirgends fertig zu kaufen gab. Es handelte sich um eine selbst aus Chromgelb, Englischrot und Bleiweiß[33]

Als die Kriminaltechniker und Polizisten mit diesen Resultaten konfrontiert wurden, waren sie zunächst überrascht. Aber eine Schlussfolgerung drängte sich auf, auch wenn alle zunächst noch etwas skeptisch waren:

Der Täter hatte die Farbmischung benutzt, um vor der Tat sein Gesicht damit zu bemalen. Irgendwann während der Vergewaltigung war sein Gesicht dann mit dem Kissen in Berührung gekommen und hatte auf dem Bezug die kleinen verwischten Flecken hinterlassen. Als er danach das Haus verließ, wollte er die Farbe loswerden, darum hatte er sich aus dem Schrank im oberen Flur ein Handtuch gegriffen – und dabei einen Lappen mitgerissen, der im unteren Teil der Tür steckengeblieben war – und sich damit das Gesicht abgewischt, während er fluchtartig den Tatort verließ. Als er das meiste der Farbe entfernt hatte, warf er das beschmierte Handtuch ins Gestrüpp.

Der Mörder war geschminkt zum Söndagsvägen 88 gekommen. Warum?

 

Damit noch nicht genug, hatte man außerdem Hinweise erhalten, die darauf hindeuteten, dass der Täter nicht zum ersten Mal in dem Reihenhaus gewesen war. In einer der späteren Vernehmungen erinnerte sich Kickans Freundin und Nachbarin Lillan Sundin an etwas Bemerkenswertes. Eines späten Abends, nach dem Sendeschluss im Fernsehen (unter anderem war «Prärie» gelaufen, mit dem neuen Star Clint Eastwood in einer der Hauptrollen, danach kam die schwedische Nachrichtensendung Aktuellt, die über Studentenunruhen in Athen berichtet hatte und

Sie erinnerte sich, dass es der Donnerstag in der Woche vom 19. bis 25. Juli gewesen war, mit anderen Worten der 22. Juli. Da war die ganze Familie Granell noch verreist, Herr und Frau Granell in Frankreich, Kickan in Spanien. Die Polizei hatte keine Hinweise auf etwas so Banales wie einen spontanen Einbruch – schließlich war man hier in Hökarängen. Daher blieb nur die Schlussfolgerung, dass der Täter frühzeitig vor dem Mord einen Weg gefunden hatte, sich Zutritt zum Söndagsvägen 88 zu verschaffen.[34] Das hieß:

Der Mörder hatte seine Tat vorbereitet, indem er sich vorher im Reihenhaus umsah.

 

Nein, dieser Mord war kein Impulsverbrechen. Hier sah man sich mit etwas konfrontiert, was immer wieder in der Unterhaltungsliteratur und in Fernsehkrimis beschrieben wird, in der Realität aber nur selten vorkommt: einem

– gute Kenntnis des Opfers

– Erkundungen vor der Tat

– Beschaffung von Tatmitteln (Chloroform)

– Beschaffung und Anmischung von Schminke

Daraus ergab sich aber ein neues Problem.

Die Polizei hatte bisher angenommen, dass der Täter von außerhalb stammte und in keiner Beziehung zu Kickan stand. Die mehrfachen Vernehmungen der Familie, der Verwandtschaft und enger Freunde hatten keinerlei Belege dafür geliefert, dass eine dieser Personen in den Mord verwickelt wäre. Und der Verlobte schied als Verdächtiger wie gesagt völlig aus.

Angesichts einer so gründlichen Vorbereitung des Mordes, von der man jetzt ausgehen musste, war es jedoch auffallend, dass der Täter das Verbrechen nur wenige Stunden nachdem Kickan von ihrer langen Auslandsreise nach Hause gekommen war ausgeführt hatte. Sprach das nicht dafür, dass der Mörder trotz allem im Kreis von Freunden und Bekannten zu suchen war? Denn wer sonst konnte wissen, wann sie aus Spanien zurückkommen wollte? Wer wusste, dass sie nach der einen Nacht auf Ekerö am Sonntagabend wieder im Reihenhaus schlafen würde? Und wer wusste, dass sie allein war?[35]

 

Am Mittwoch, dem 11. August, wurde Kickan Granell auf dem Skogskyrkogården beerdigt. (Der Friedhof liegt nur fünf Autominuten vom Söndagsvägen entfernt.) Der

Die Stimmung war finster und gedrückt, aber beherrscht. Lillan Sundin weinte zunächst hemmungslos. Kickans Verlobter Jan Olov saß während der ganzen Zeremonie mit gesenktem Kopf neben seinem Bruder, schluckte immer wieder und fuhr sich mit einem Taschentuch über das Gesicht. Er schaute nicht ein einziges Mal auf. Die Beerdigung war weder in der Zeitung noch am schwarzen Brett der Kapelle angekündigt worden. Nur Angehörige waren anwesend. Lediglich eine Person gehörte nicht zum inneren Kreis der Trauernden: der bekannte Musiker Lasse Lönndahl, der sang. (Er war mit dem Bruder von Kickans Mutter befreundet und betrachtete es als einen Freundschaftsdienst.)

Fünf Polizisten in Zivil beobachteten diskret die Zeremonie. War der Mörder womöglich unter den Gästen? Ein Polizist hatte versteckt in einem Gebüsch neben einer Mauer gestanden und alle fotografiert, die die Kapelle betraten. Hinterher notierte ein Beamter penibel, wer die einzelnen Kränze und Blumen geschickt hatte.

Da war der Sarg mit Kickans Leiche schon auf dem Weg ins Krematorium.

 

Der Mangel an Fortschritten zehrte jedoch an den Nerven aller Beteiligten. GW Larsson sagte in einem Interview, das am 17. August im Aftonbladet veröffentlicht wurde: «Dieser Fall ist sehr kompliziert. Vielleicht einer der schwierigsten, mit denen wir bisher zu tun gehabt haben.» Die Zeitungsschlagzeile war alles andere als ermutigend: «Die Polizei über den Mord in Hökarängen: Wir haben keinerlei Spuren.»

Seltsamerweise nahm der Fall schon am folgenden Tag, Mittwoch, den 18. August 1965, eine neue Wendung.