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Frauen ohne Zyklus

In diesem Kapitel geht es nun um alle Frauen, die aktuell keinen natürlichen Zyklus haben. Dazu zählen beispielsweise Frauen während der Schwangerschaft, nach der Menopause, mit sekundärer Amenorrhoe und unter hormoneller Verhütung.

Eine Abbruchblutung durch die Pausierung der Einnahme der Pille stellt keine natürliche Periode dar.

Sekundäre Amenorrhoe und RED-S

Bei einem relativen Energiemangel ist die aufgenommene Kalorienmenge im Verhältnis zum Energieverbrauch des Körpers zu gering. Frauen, die viel Sport treiben, brauchen auch viel Energie. Das ist ein simpler Zusammenhang, der allerdings oft ignoriert wird. Es bedarf erst der Vorbereitung und dann der Umsetzung – oft bleibt das auf der Strecke, weil es als »nicht notwendig« abgetan wird. Wenn die Sportlerin die Versorgung nicht gewissenhaft in den Trainingsalltag integriert, kann es schnell passieren, dass der Körper in einen Energiemangel gerät. Passiert das ab und zu mal bei einem besonderen Anlass, wie einer ausnahmsweise längeren sportlichen Einheit, ist das halb so wild. Passiert es regelmäßig, wird es problematisch. Denn dann geht es um einen chronischen Energiemangel. Und der kann bei allen Frauen auftreten – bei Ausdauersportlerinnen im Leistungssport, aber auch bei Freizeitsportlerinnen.13 Chronischer Energiemangel macht sich durch eine Vielzahl an Symptomen bemerkbar: Er kann sich sowohl auf die sportliche Leistungsfähigkeit als auch auf die Psyche auswirken. Unter anderem zählen sekundäre Amenorrhoe, erhöhte Verletzungs- und Infektanfälligkeit, eine gestörte körperliche Entwicklung in der Pubertät, Depressionen oder Störungen im Magen-Darm-Trakt dazu.14

Schuld daran ist – mal wieder – die hormonelle Disbalance: Die Produktion des Taktgebers des weiblichen Zyklus, das Gonadotropin freisetzende Hormon (GnRH), wird gehemmt. Wenn das über einen langen Zeitraum der Fall ist, kann der Zyklus nicht mehr stattfinden und die Periode bleibt aus.15

Kommen zum Ausbleiben der Periode durch chronischen Energiemangel weitere Symptome hinzu, so spricht man von RED-S, dem Relativen Energie-Defizit-Syndrom im Sport. Das sind typische Symptome:

Tipp

Die meisten betroffenen Frauen, die ich kennenlernen durfte, sind nicht untergewichtig. Sie sind normalgewichtig oder sogar leicht übergewichtig, weil das Timing ihrer Nahrungsaufnahme einfach nicht gepasst hat. Es ist nicht nur eine Frage der täglichen oder wöchentlichen Energiebilanz, sondern vielmehr eine Frage des Timings und der Verteilung der Makronährstoffe. Der Clou ist, die Kohlenhydrate genau dann zuzuführen, wenn der Körper sie braucht. Ist er einmal in einer Mangelsituation, steigen die Stresshormone und die Kohlenhydrate werden vermehrt als Fett gespeichert, anstatt in den Glykogenspeichern für die nächste Belastung bereitzustehen.

RED-S ist ein ernstzunehmender Zustand, der nicht nur die sportliche Leistung beeinträchtigt, sondern auch langfristige gesundheitliche Auswirkungen hat. Wir begleiten viele Frauen in Kooperation mit deren Gynäkologinnen oder Gynäkologen, um in schweren Fällen durch eine vorübergehende Hormonersatztherapie die Kollateralschäden wie eine niedrige Knochendichte und ein damit einhergehendes erhöhtes Verletzungsrisiko in Grenzen zu halten. Ziel ist es dabei jedoch, durch die Lebensstilumstellung die Hormonersatztherapie bald zu beenden und die Frauen wieder zu einem natürlichen Zyklus zu begleiten. Mit Maria Woll ist uns dieser Weg das erste Mal erfolgreich geglückt. Ihre Geschichte findest du im nächsten Abschnitt.

Konsequenzen für Training und Alltag

Lass mich dir noch einmal genau aufzeigen, was passiert, wenn der weibliche Körper aus der Balance geraten ist, und was du tun kannst. Es ist mir wichtig, dass du diese Zusammenhänge so gut verstehst, dass du nach dem Lesen hier ganz selbstverständlich einen neuen, gesünderen Weg einschlägst.

Die Verpflegung im Training ist entscheidend

»Ich trainiere doch nie länger als eine Stunde, da muss ich ja nichts essen.« Oder: »Ich bin ja keine Leistungssportlerin, ich gehe nur drei- oder viermal pro Woche zum Sport. Da wäre es doch völlig übertrieben, die Verpflegung im Training zu optimieren.« Das sind Sätze, die wir von Freizeitsportlerinnen, die seit Jahren eine sekundäre Amenorrhoe haben, ständig hören.

Doch die größte Gefahr des Energiemangels besteht im Training. Der Verbrauch ist erhöht und gerade bei trainierenden Frauen kann bereits in einer halben Stunde sportlicher Aktivität ein massiver Energiemangel entstehen. Wenn das Training beispielsweise morgens vor dem Frühstück stattfindet, sind die Kohlenhydratspeicher in der Leber bereits relativ entleert, was bei Belastung direkt zu einer Ausschüttung von Stresshormonen führt, um den Blutzuckerspiegel für die Gehirnversorgung aufrechtzuerhalten. Auch wenn du später am Trainingstag vermehrt Kohlenhydrate isst, sind die Folgen des Energiemangels bereits verbucht. Je intensiver und länger die Trainingseinheiten sind, desto mehr Kohlenhydrate brauchst du im Training.

Intermittierendes Fasten: Fluch oder Segen?

Die Mehrheit unserer Klientinnen kam mit genau diesem Essverhalten zu uns – und ich habe eine klare Meinung dazu. Bei intermittierendem Fasten essen die meisten Menschen ihre erste Mahlzeit mittags und der Wecker klingelt trotzdem früh. Morgens ist unser Cortisolspiegel am höchsten. Fällt das Frühstück aus, läuft der Körper bis zur ersten Mahlzeit im Stressstoffwechsel, denn die Kohlenhydratspeicher der Leber sind nach der Nacht entleert worden und das Gehirn braucht einen ausreichend hohen Blutzuckerspiegel. Wie du hier bereits gelesen hast, ist das alles andere als wünschenswert.

Hinzu kommt, dass ein Großteil der Menschen morgens Kaffee trinkt. Koffein auf nüchternen Magen befeuert den Stressstoffwechsel regelrecht. Nüchterntraining am Morgen verstärkt die Stresshormonproduktion zusätzlich. Gegen intermittierendes Fasten in Ruhephasen ohne Alltag ist in meinen Augen nichts einzuwenden: Auszuschlafen, etwas später zu frühstücken und die letzte Mahlzeit am Nachmittag zu sich zu nehmen kann einem gesunden Körper erwiesenermaßen sehr guttun. Du solltest das Intervallfasten also nur leben, wenn du dir einen solchen Rhythmus gönnen kannst.

Die Regeneration optimieren

Neben der Verpflegung im Training ist es unabdingbar, dich im Alltag ausreichend zu ernähren. »Ausreichend« bezieht sich dabei nicht nur auf die gesamte Kalorienmenge, sondern auch auf die Verteilung der Makronährstoffe, denn: Fehlen dem Körper die nötigen Kohlenhydrate, um durch das Training entleerte Kohlenhydratspeicher wiederaufzufüllen, so hat dies einen negativen Effekt auf die nächste Trainingseinheit: Es kommt schneller zu einem Energiemangel.

Tipp

Der beste Zeitpunkt, um die entleerten Kohlenhydratspeicher wiederaufzufüllen, ist ungefähr eine Stunde nach der Trainingseinheit. Dann kommen die Kohlenhydrate direkt in den Glykogenspeichern deiner Muskulatur an. Steht am nächsten Tag eine intensive Trainingseinheit an, so empfiehlt es sich, auch abends ausreichend Kohlenhydrate zu essen, damit die Speicher am nächsten Tag vollgeladen sind.

Der Weg zurück zum natürlichen Zyklus

»Du musst zunehmen und darfst keinen Sport mehr machen.« Das ist der Rat, den betroffene Frauen oftmals erhalten. Das löst das Problem manchmal tatsächlich, wobei aus meiner Beobachtung häufig Kollateralschäden entstehen und das Ziel oft dennoch nicht erreicht wird. Die Frauen nehmen teilweise über 20 Kilogramm zu, fühlen sich unwohl und das wohl Schlimmste: Ihnen wird ihre liebste Freizeitbeschäftigung und dadurch ein wesentlicher Teil ihres Privatlebens genommen. An diesem Punkt sitzen viele Frauen völlig verzweifelt vor mir und sagen, dass ihr Leben seit dieser Veränderung in allen Lagen aus den Bahnen geraten ist. Sie sind beruflich nicht mehr leistungsfähig, kaum noch ausgeglichen, schneller reizbar und vieles mehr. Manche brechen sogar langjährige Freundschaften ab oder verlassen das Haus nur, wenn es nicht anders geht – aus Scham für ihren »neuen Körper«.

Meine Erfahrung

Ich möchte dir von Louise erzählen. Sie kam mit sekundärer Amenorrhoe zu uns, ihr Fall war relativ schnell klar: Sie machte regelmäßig Ausdauertraining in Kombination mit einer Low-Carb-Diät – der Endgegner eines ausgeglichenen weiblichen Körpers. Ärzte schickten sie in die Kinderwunschklinik zur Hormontherapie, verschrieben ihr Sportverbot und legten ihr eine Gewichtszunahme ans Herz. Alle Punkte führten zu einer massiven mentalen Belastung, die ihre Situation verschärfte. Mein Team und ich haben es geschafft, dass sie nach nur zwei Monaten ihre erste Periode seit zehn Jahren hatte, und das alles auf natürlichem Wege.

Viele Sportlerinnen holen sich ärztlichen Rat ein und erhalten die Antwort, dass sie keinen Sport mehr machen dürfen und zunehmen müssen. So ging es mir selbst. Für eine Leistungssportlerin mit 15 bis 20 Stunden Training pro Woche ist das ein ziemlicher Einschnitt. Es kann der richtige Weg sein. Ich beobachte jedoch, dass die Kollateralschäden enorm sind: Beim Wegfall des Sports, den insbesondere eine Leistungssportlerin über Jahre gewohnt ist, brechen die sportlichen Ziele weg und das soziale Umfeld im Sport noch dazu. Das führt häufig zu Depressionen. Und vor allem: Die Frauen nehmen zu und fühlen sich so unwohl in ihrem Körper, dass sie ihre Periode dennoch nicht zurückbekommen.

Ich selbst bin einen anderen Weg gegangen und konnte ihn seither schon mit vielen anderen Frauen erfolgreich gehen: mit Sport und ohne massive Gewichtszunahme. Dafür muss man sich mit dem Thema auseinandersetzen, ein Verständnis für die Ursache entwickeln und unglaublich diszipliniert in der Umsetzung sein. Bereits eine schlecht verpflegte Trainingseinheit kann eine Frau wieder zwei Wochen zurückwerfen. Dank neuer technischer Möglichkeiten kann man mittlerweile – wie beschrieben – kontinuierlich den Blutzuckerspiegel messen. Bei WAY TO WIN arbeiten wir mit Frauen in dieser Situation mit Blutzuckermonitoring und können sofort den Trainingsreiz reduzieren, wenn wir sehen, dass die Versorgung nicht sichergestellt ist. So hat es auch bei Louise funktioniert.

Es kann dir schwerfallen, die neuen Gewohnheiten zu etablieren und du musst immer und immer wieder dranbleiben. Deswegen will ich hier auch immer und immer wieder betonen, worauf es ankommt. Im Ausdauersport verbraucht der Körper primär Fette und Kohlenhydrate. Auch im sogenannten Fettstoffwechseltraining gewinnt der Körper bereits einen relevanten Anteil der Energie aus Kohlenhydraten. Wenn du morgens nichts isst und zuerst trainierst, ist dir das vielleicht schon zur Gewohnheit geworden. Wenn man das ab und zu mal macht, ist das kein Problem. Als Gewohnheit aber ist es höchst schädlich. Wie du schon weißt, sind die Kohlenhydratspeicher in der Leber morgens beim Aufstehen relativ leer. Das Gehirn kann jedoch nicht ohne Weiteres Fett verstoffwechseln und ist auf den Zucker im Blut angewiesen. Kurbelt man nun den Verbrauch durch etwaiges Nüchterntraining weiter an, muss der Körper die Freisetzung von Zucker ins Blut aus anderen Quellen, wie Proteinen, erwirken. Man nennt das Gluconeogenese, also »Zuckerproduktion«. Dieser Prozess wird allerdings durch das Stresshormon Cortisol angestoßen. Nun ist der Stresshormonspiegel morgens ohnehin schon auf dem natürlichen Höhepunkt und wird noch weiter gepusht.

Das Problem daran: Das System »weiblicher Zyklus« ist ein sehr fragiles Zusammenspiel verschiedener Hormone. Wird beispielsweise viel Cortisol benötigt, baut der Körper das Sexualhormon Progesteron in Cortisol um, da die beiden sich vom Aufbau her sehr ähnlich sind. In Folge sinkt Progesteron im Verhältnis zum Östrogen. Das bringt den Zyklus durcheinander und führt zum Ausbleiben der Periode.

Hormonelle Verhütung und der weibliche Zyklus

Bislang ging es hier vorrangig um Frauen, die einen natürlich Zyklus haben oder wieder anstreben. Das geht nur, wenn nicht hormonell verhütet wird, denn diese Eingriffe ins fragile System stabilisieren es künstlich. Was also ist dann in Alltag und Training zu beachten?

Hormonelle Verhütungsmittel, wie die Antibabypille, das Hormonpflaster, der Vaginalring oder hormonelle Intrauterinpessare, haben einen erheblichen Einfluss auf den Menstruationszyklus der Frau. Sie wirken, indem sie den Hormonhaushalt im Körper verändern und den Eisprung unterdrücken. Dadurch verhindern sie eine Schwangerschaft – entweder indem sie die Befruchtung der Eizelle durch Spermien oder die Einnistung einer befruchteten Eizelle in die Gebärmutterschleimhaut verunmöglichen. Oder sie verhindern den Eisprung, indem sie die Produktion von Hormonen wie Östrogen und Progesteron regulieren. Dadurch wird erst gar keine Eizelle freigesetzt, die befruchtet werden könnte. Manche hormonellen Verhütungsmittel können auch dazu führen, dass die Gebärmutterschleimhaut dünner wird. Dadurch wird es für eine befruchtete Eizelle schwieriger, sich in die Gebärmutterschleimhaut einzunisten, was eine Schwangerschaft verhindert.

Frauen, die hormonell verhüten, erleben oft Veränderungen in ihrem Blutungsmuster. Einige Hormonpräparate können zu leichteren, kürzeren und weniger schmerzhaften Perioden führen. Andere können die Monatsblutung ganz verhindern oder zu unregelmäßigen Blutungen führen. Wenn eine Lebensumstellung keine ausreichende Besserung bringt, können hormonelle Verhütungsmittel Menstruationsbeschwerden wie Regelschmerzen, PMS-Symptome und zu starke Blutungen lindern.

Es ist wichtig zu beachten, dass der Einfluss hormoneller Verhütungsmittel auf den Zyklus von Frau zu Frau unterschiedlich sein kann. Einige Frauen können eine gute Verträglichkeit erleben und von den positiven Effekten wie einer leichten Regelblutung profitieren. Andere Frauen erfahren Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Brustspannen, Gewichtszunahme oder Stimmungsschwankungen. Bevor eine Frau hormonelle Verhütungsmittel einnimmt, sollte sie mit einem Frauenarzt, einer Frauenärztin sprechen, um die geeignete Methode zu wählen und die individuellen Risiken und Vorteile zu klären. Auch der Sport kann dabei thematisiert werden.

Trainieren mit hormoneller Verhütung

Das Trainieren mit hormoneller Verhütung sollte in der Regel keine größeren Einschränkungen mit sich bringen. Viele Frauen, die hormonell verhüten, können ihr Training und ihre sportlichen Aktivitäten problemlos fortsetzen.

Hormonelle Verhütungsmittel können dazu beitragen, Zyklusbeschwerden wie PMS, Regelschmerzen und zu starke Blutungen zu reduzieren oder zu verhindern. Dein Training kann daher auch während deiner Periode ohne größere Unterbrechungen fortgesetzt werden. Die Methoden haben in der Regel keinen nachteiligen Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit.

Doch denke daran, auf deinen Körper zu hören und auf mögliche Veränderungen zu achten, um das Beste aus deinem Training – und deinem Leben – herauszuholen. Jede Frau sollte für sich selbst entscheiden, was für sie das richtige ist. Dazu möchte ich meine Erfahrung mit dir teilen.

Meine Erfahrung

Auch wenn es aufgrund der Nebenwirkungen der Pille fraglich ist, empfehlen einige Trainer Sportlerinnen, die Pille zu nehmen, damit die Frauen nicht den hormonellen Schwankungen unterliegen und das Training nicht an den Zyklus angepasst werden muss. Das erleichtert die Planung und gleicht das Training der Frauen an das Training der Männer an. Meine persönliche Einstellung dazu ist, dass das allein kein Grund sein sollte, die Pille zu nehmen. Im zyklusgesteuerten Training kann man sich auch die stark anabole Phase in der ersten Zyklushälfte für effiziente Trainingserfolge zunutze machen und bei einem geeigneten Lebensstil halten sich die Nachteile vor und während der Periode in Grenzen. Zudem hat eine Frau mit Zyklus ein deutlich besseres Körpergefühl und merkt sofort, wenn ihr Zyklus – und damit ihr Körper – aus der Balance kommt. Man kann das als praktisches Frühwarnsystem bezeichnen. Ich selbst habe damals die Pille genommen und schlichtweg nicht gemerkt, dass es meinem Körper nicht gut geht. Erst nachdem ich die Pille abgesetzt habe und mein Zyklus ausblieb, wurde mir wirklich bewusst, dass ich gegen meinen Körper gearbeitet habe.

Schwangerschaft und Stillzeit

Auch das sind Zeiten, in denen eine Frau ohne Periode lebt – und gegebenenfalls sportlich aktiv ist oder sein möchte. Hormonell ist in diesen Phasen viel in Bewegung, weswegen es sinnvoll und sogar wichtig ist, auf eine gute Balance zu achten.

Die hormonellen Veränderungen in Schwangerschaft und Stillzeit

Während Schwangerschaft und Stillzeit unterliegen die Sexualhormone im weiblichen Körper erheblichen Veränderungen, um die verschiedenen Bedürfnisse des sich entwickelnden und dann gestillten Babys zu erfüllen. Während der Schwangerschaft steigen bestimmte Hormonspiegel deutlich an, um die Schwangerschaft aufrechtzuerhalten und das Wachstum des Babys zu unterstützen. Wenn die folgenden Hormon ihren Job gut erledigen, ist schon einmal die Grundlage für eine positiv verlaufende Schwangerschaft gelegt:

Nach der Geburt des Babys ändert sich die Hormonzusammensetzung erneut, um die Milchproduktion und das Stillen zu unterstützen. Nach der Geburt sinken die Konzentrationen von Östrogen und Progesteron schnell ab, da die Plazenta den Körper verlassen hat. Dieser Rückgang ermöglicht den Start der Milchproduktion. Prolaktin ist nun noch aktiver, es ist das Schlüsselhormon für die Milchproduktion. Es wird von der Hypophyse im Gehirn freigesetzt und stimuliert die Milchdrüsen in den Brüsten, Milch zu produzieren. Oxytocin, auch als »Bindungshormon« bekannt, wird während des Stillens freigesetzt und löst Kontraktionen der Milchdrüsen aus, um die Milch für das Baby fließen zu lassen. Es ist das Hormon, um die Mutter-Kind-Bindung zu festigen.

Hormonelle Veränderungen während dieser Phasen sind vollkommen normal und helfen den Müttern, eine gesunde Schwangerschaft und Stillzeit zu erleben. Was aber heißt das für einen sportlichen Alltag?

Konsequenzen für Training und Alltag

Das Energiemanagement im Training während Schwangerschaft und Stillzeit ist von großer Bedeutung, da der Körper der Mutter in dieser Zeit logischerweise andere Prioritäten hat. Gerade in dieser Zeit empfehle ich, ab und zu eine kontinuierliche Blutzuckermessung durchzuführen, um sicherzustellen, dass durch das Training in Kombination mit dem erhöhten und ungewohnten Energieverbrauch durch Schwangerschaft oder Stillen keine Phasen der Unterversorgung entstehen. Jeder Körper funktioniert anders. Pauschalaussagen wie »500 Kalorien mehr pro Tag, an dem man stillt«, bieten vielleicht eine generelle Orientierung, aber das kann individuell stark abweichen. Am Ende beeinflusst auch dein Nachtschlaf, dein Stresslevel und vieles mehr deinen Kalorienverbrauch. Die langzeitliche Messung des Blutzuckerspiegels bringt hier individuelle Klarheit.

Bevor du mit einem Trainingsprogramm in der Schwangerschaft oder Stillzeit beginnst, solltest du immer zuerst deinen Arzt konsultieren. Er (oder sie) kann beurteilen, ob es sicher ist, dass du mit dem Training fortfährst, und dir möglicherweise spezifische Empfehlungen geben.

Während der Schwangerschaft verändert sich dein ganzer Körper, weil er mit einer komplett neuen Situation konfrontiert ist. Es ist wichtig, ihn zu unterstützen und nicht zusätzlich zu belasten. Im ersten Trimester musst du möglicherweise Rücksicht auf eventuelle Übelkeit und Erschöpfung nehmen. Später in der Schwangerschaft können das zusätzliche Gewicht und das veränderte Gleichgewicht die Art des Trainings beeinflussen. Es ist wichtig, diese Veränderungen zu akzeptieren und das Training anzupassen.

Während der fortgeschritteneren Schwangerschaftsmonate ist es wichtig, die Intensität des Trainings anzupassen und auf zu lange, intensive Belastungen, schnelle Bewegungen oder Übungen, welche die Bauchmuskulatur stark beanspruchen, zu verzichten. Besonders wichtig ist es, das Sturzrisiko zu minimieren. Eine gute Möglichkeit bieten Indoortrainer, auf denen viele schwangere Sportlerinnen bis kurz vor der Geburt ein lockeres Training durchführen.

Für Ausdauersportlerinnen: Es gibt eine Studie mit Olympia-Teilnehmerinnen, die zeigt, dass intensives Intervalltraining die Herzfrequenz des Babys kurzzeitig reduzieren kann.16 Es gab zwar keinen Nachweis für eine langfristige Schädigung der Babys, das Ergebnis zeigt jedoch deutlich, welcher Belastung das Baby beim intensiven Ausdauertraining der Mutter ausgesetzt ist. Für eine definitive Abschätzung der Folgen war die Anzahl der Teilnehmerinnen in dieser Studie zu gering. Training mit niedriger Intensität scheint jedoch einen positiven Einfluss auf Mutter und Kind zu haben, sofern der Trainingsumfang während der Schwangerschaft im Vergleich zu der Zeit davor nicht stark erhöht wird.

Während Schwangerschaft und Stillzeit ist natürlich auch eine ausgewogene und ausreichende Ernährung von großer Bedeutung, um den zusätzlichen Energiebedarf zu decken. Hier kann eine kontinuierliche Blutzuckermessung über 14 Tage helfen, um ein besseres Gefühl für den individuellen Energiebedarf zu bekommen.

Gerade bei Frauen, die vor und während der Schwangerschaft regelmäßig trainiert haben, verändert sich der Stoffwechsel durch die Pause um die Geburt herum dahingehend, dass sie bei gleicher Leistung mehr Kohlenhydrate und weniger Fette verbrauchen. Das hat zwei Gründe:

Nach der Geburt solltest du das Training langsam wiederaufnehmen und deinem Körper ausreichend Zeit geben, sich zu erholen. Der Einstieg ins Training nach der Geburt erfordert im Zweifel mehr Rücksichtnahme und Anpassungen an die veränderten Bedürfnisse des Körpers, als du bisher in deinem Leben erlebt hast. Gerade in den ersten Wochen solltest du dich sportlich schonen, da dein Körper damit beschäftigt ist, die Wunde in deiner Gebärmutter zu verheilen, Milch zu produzieren und sich an die unterbrochenen Nächte zu gewöhnen. Bevor du mit dem Training beginnst, solltest du deinen Arzt oder deine Ärztin konsultieren, um sicherzustellen, dass dein Körper für das Training nach der Geburt bereit ist. In der Regel wird empfohlen, mindestens sechs Wochen nach einer vaginalen Geburt und acht Wochen nach einem Kaiserschnitt mit dem Training zu beginnen, sofern es keine Komplikationen gegeben hat.

Beginne dein Training langsam und behutsam. Dein Körper hat sich während der Schwangerschaft und Geburt verändert, und es ist wichtig, darauf einzugehen. Starte mit leichten Aktivitäten wie Spaziergängen oder sanften Yogaübungen und steigere die Intensität allmählich. Vielen Frauen fällt es nach sechs bis acht Wochen auch wieder leicht, bei niedriger Intensität auf dem Rad zu trainieren.

Der Beckenboden ist während der Schwangerschaft und Geburt stark beansprucht worden. Beckenbodenübungen, auch Kegelübungen genannt, sind wichtig, um die Beckenbodenmuskulatur zu stärken und mögliche Probleme wie Inkontinenz zu verhindern.

Wenn du stillst, kann das Timing des Trainings in Bezug auf die Stillzeiten wichtig sein, um zu vermeiden, dass du während des Trainings zu hungrig wirst. Sport nach dem Abendessen ist unserer Erfahrung nach nicht zu empfehlen, weil viele Babys nachts mehrfach trinken und du wegen des durch Training und Stillen aufsummierten Kalorienverbrauchs schnell in den Unterzucker kommen kannst. Achte immer darauf, dass du genug Flüssigkeit und Nährstoffe zu dir nimmst.

Während des Trainings in der Stillzeit ist ein gut sitzender Still-BH wichtig (es gibt auch Sport-BH-Modelle), um Brustschmerzen zu vermeiden. Trage bequeme und atmungsaktive Kleidung! Deine Bewegungen sollen nicht eingeschränkt werden.

Wenn möglich, integriere dein Training in Spaziergänge mit dem Baby in Kinderwagen oder Babytrage. Das ermöglicht dir, Zeit an der frischen Luft zu verbringen und gleichzeitig das Baby bei dir zu haben. Auch wenn es nach keiner großen Anstrengung klingt: Lange Spaziergänge bereiten dich ideal auf deinen Trainingseinstieg vor.

In vielen Fitnessstudios oder Gemeinschaftszentren gibt es spezielle Kurse für Mütter nach der Geburt, wie zum Beispiel Postnatal-Yoga oder -Pilates. Diese Kurse bieten eine gute Möglichkeit, in einer unterstützenden Umgebung mit anderen Müttern zu trainieren und Übungen zu erhalten, die auf die spezielle körperliche Situation Rücksicht nehmen.

Tipp

Wir haben bereits viele Frauen beim Wiedereinstieg nach der Geburt begleitet. Die meisten von ihnen haben sich einen sogenannten Rollentrainer – ein Gerät, in das du dein Fahrrad einspannen kannst, um in der Wohnung damit auf der Stelle zu fahren – angeschafft, mit dem sie einfach trainieren können, solange ihr Baby schläft, und sofort da sind, wenn es etwas braucht. Die Trainer sind mittlerweile extrem leise, sodass man außer einem leisen Klacken der Fahrradkette nichts hört.

Es ist wichtig, dich nicht zu sehr zu stressen. Die Zeit nach der Geburt ist anstrengend genug – da darf der Fokus auch mal woanders liegen als beim Sport. Jeder Körper ist anders und es ist normal, dass es einige Zeit dauern kann, bis du dich wieder in Form fühlst. Gib dir selbst Zeit und sei geduldig mit dir. Wenn du unsicher bist, Schmerzen oder spezifische Bedenken hast, suche immer Rat bei einem qualifizierten Trainer oder deinem Arzt des Vertrauens.

Wechseljahre und Postmenopause

Die Wechseljahre sind das Ende der fruchtbaren Phase im Leben einer Frau. Es ist die Phase der hormonellen Umstellung des weiblichen Körpers, bedingt durch das langsame, stetige Erlöschen der Funktion der Eierstöcke. Die Keimzellen bzw. späteren Eizellen in den Eierstöcken sind um das 50. Lebensjahr allmählich aufgebraucht. Die Wechseljahre dauern ungefähr zehn Jahre und finden durchschnittlich zwischen dem 45. und dem 55. Lebensjahr statt.

In den Wechseljahren beginnt die sogenannte Menopause mit der letzten Menstruation im weiblichen Zyklus, auf die ein Jahr lang keine weitere Menstruation folgt. Danach gilt die Menopause als abgeschlossen. Die Zeit vor der Menopause, die Prämenopause, beschreibt eine Phase der unregelmäßigen Zyklen, die in der Regel vier bis fünf Jahre andauert. Die Perimenopause beschreibt die ein bis zwei Jahre vor und nach der Menopause und die Postmenopause die Zeit nach der Menopause.

Interessant ist, dass die Dauer der Wechseljahre geografische Unterschiede aufweist: Durchschnittliche Europäerinnen haben laut einer Studie sechseinhalb Jahre lang Symptome aufgrund der hormonellen Umstellung. Afrikanerinnen erleben die Symptome ihrer Wechseljahre wesentlich länger und Asiatinnen deutlich kürzer.17

Schauen wir uns die wichtigsten Hormone an, die während der Wechseljahre eine Rolle spielen und uns verstehen lassen, was im Körper passiert. Da ist wieder das Östrogen, die Hauptfigur der ersten Zyklushälfte. Es wird vor allem in den Eierstöcken gebildet, wobei im Verlauf der Wechseljahre die Produktion konstant abnimmt, bis dort irgendwann kein Östrogen mehr hergestellt wird. Was jedoch weiterhin bestehen bleibt, ist die Östrogenproduktion im Fettgewebe sowie die Östrogenzufuhr von außen über tierische Produkte, Trinkwasser (durch die Ausscheidungen der Frauen, die die üblichen Formen der Pille nehmen) und östrogenwirksame Substanzen wie Phytoöstrogene in bestimmten Pflanzen und Kräutern wie Salbei oder Frauenmantel.

Progesteron, die Hauptfigur der zweiten Zyklushälfte, wird nahezu vollständig in den Eierstöcken und hier im sogenannten Gelbkörper produziert. Der Gelbkörper entsteht nach dem Eisprung aus dem geplatzten Eibläschen. In den Wechseljahren finden nicht mehr in jedem Zyklus Eisprünge statt, wodurch die anschließende Progesteronproduktion im Gelbkörper ausbleibt. Zu Beginn der Wechseljahre nimmt der Progesteronspiegel deutlich schneller ab als die Östrogenproduktion.

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Die Hormone im Verlauf der Menopause

Prämenopause

Die hormonelle Dynamik bedingt in den Wechseljahren oftmals eine Östrogendominanz: Das Gleichgewicht der beiden Hormone verschiebt sich also zugunsten des Östrogens. Das hat zur Folge, dass einige der Wechseljahresbeschwerden in der Prämenopause denen des Prämenstruellen Syndroms ähneln: Wassereinlagerungen, Heißhunger, Stimmungsschwankungen, Hitzewallungen und Gewichtszunahme, um nur ein paar zu nennen. Da in dieser Zeit starke Hormonschwankungen auftreten, ist es umso wichtiger, den Blutzuckerspiegel konstant zu halten, weil dieser »Ruhe ins System« bringen kann. Hier die wichtigsten Tipps für einen konstanten Blutzuckerspiegel in den Wechseljahren:

Perimenopause

In der Perimenopause, der Zeit ein bis zwei Jahre vor und nach der Menopause, bleibt der Eisprung häufig aus und das Progesteron sinkt weiter ab. Nun erreicht aber auch das Östrogen niedrige Werte und die Symptome werden nicht mehr nur von einer Östrogendominanz, sondern auch zunehmend von einem Östrogenmangel geprägt. Klassische Symptome der Perimenopause sind:

Zudem werden die Schleimhäute im Genitalbereich trockener und dünner und es können Blasenschwäche sowie aufsteigende Harnwegsinfektionen hinzukommen, da sich auch die Schleimhaut der Harnwege langsam zurückbildet.

Postmenopause

Die Übergangsphase zwischen hormonell turbulenten Wechseljahren und dem ruhigeren Senium kann zu verschiedenen Symptomen führen, wie Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche, Schlaflosigkeit, Müdigkeit und Gedächtnisstörungen. Gleichzeitig lassen typische Beschwerden der Wechseljahre wie Hitzewallungen nach der letzten Monatsblutung nach. Symptome des Östrogenmangels wie beispielsweise trockene Schleimhäute, Verstopfung, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, depressive Verstimmung und Osteoporose können weiterhin bestehen.

Tipp

Vermutlich kann einem Großteil der Wechseljahresbeschwerden in der Prämenopause vorgebeugt werden, wenn der Lebensstil (wie für die zweite Zyklushälfte empfohlen) optimiert wird, um einer Östrogendominanz entgegenzuwirken. Wie das genau funktioniert, findest du auf Seite 28 unter »Progesteron: die Hauptfigur der zweiten Zyklushälfte«.

Um die Symptome eines postmenopausalen Östrogenmangels zu reduzieren, kannst du nach sorgfältiger ärztlicher Beratung mit einer Kosten-Nutzen-Abwägung eine Hormonersatztherapie in möglichst niedriger Dosierung in Erwägung ziehen. Es dürfte eine besonders effiziente Wirkung bei einem frühen Start der Hormoneinnahme geben. So kann möglicherweise die Dosis gering gehalten werden. Eine reine Östrogeneinnahme wird nicht empfohlen, da das Risiko für Krebs der Gebärmutterschleimhaut dadurch erhöht wird. Östrogen wird deshalb häufig in Kombination mit einem Gestagen gegeben. Nur bei Frauen, denen die Gebärmutter entfernt wurde, kommt auch eine reine Östrogeneinnahme infrage. Bei vorangegangenen Brustkrebserkrankungen sind Hormonersatztherapien generell nicht empfehlenswert. Aufgrund der Risiken einer Hormonbehandlung ist die Entscheidung sorgfältig abzuwägen. Für einzelne Symptome gibt es auch Möglichkeiten zur Lokalbehandlung mit Östrogen, wie beispielsweise bei vaginaler Trockenheit als Salbe. Außerdem können östrogenwirksame pflanzliche Präparate helfen. Gegen Osteoporose hilft Bewegung sowie ausreichend Kalzium- und Eiweißzufuhr. Außerdem kann es ratsam sein, den Vitamin-D-Spiegel testen zu lassen, um einen eventuellen Mangel gegebenenfalls ausgleichen zu können.

Konsequenzen für Training und Alltag

Insgesamt ist der Stoffwechsel ab der Menopause aufgrund des Östrogenmangels eher katabol, also abbauend, eingestellt. Sprich: Muskulatur wird schneller abgebaut. Um diesen Prozess zu verlangsamen oder aufzuhalten, sind drei Punkte entscheidend:

  1. Krafttraining und intensives Ausdauertraining: Der Fokus sollte statt auf Ausdauer vermehrt auf Muskelaufbau und einer Verbesserung der maximalen Sauerstoffaufnahme liegen. Geeignete Kräftigungszirkel und Trainingseinheiten findest du in Kapitel 5.
  2. Ausreichend hohe Proteinzufuhr pro Tag: Von der WHO werden 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht empfohlen. Mit steigendem Trainingsumfang erhöht sich der Bedarf.
  3. Gute Verpflegung im Ausdauertraining: Gehen deinem Körper die Kohlenhydrate aus, so baut er Muskeln ab – das kannst du vermeiden, indem du dich im Ausdauertraining ausreichend mit Kohlenhydraten versorgst.

Tipp

Um übermäßigem Muskelabbau vorzubeugen, empfehlen wir bei WAY TO WIN gerade Frauen, die einen aktiven Alltag haben und zwei bis drei Trainingseinheiten pro Woche absolvieren, die Menge der Proteine deutlich zu erhöhen. Ein Richtwert von 1,3 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht ist hier das Mindestmaß. Zudem empfehlen wir – auch hier – eine Verpflegung mit Kohlenhydraten im Training von 30 Gramm pro Stunde für lockeres Grundlagentraining und 50 bis 60 Gramm pro Stunde für intensives Intervalltraining.