Original

Autor: Ian Fleming Titel: Goldfinger Jahr: 1959 Sprache: englisch

Vorlage

Übersetzung: Willy ^aler & Friedrich Polakovics aus dem Englischen, 1964 Verlag: Scherz Verlag Bern - München - Wien ISBN: —

eBook

Version: 1.00 Testversion ID2 Korrekturen sind immer willkommen.

Erster Teil

1

James Bond saß in der Halle von Miami Airport und wartete auf den Abflug seiner Maschine. Er trank einen doppelten Bourbon und sann über Leben und Tod nach.

Töten gehörte zu seinem Beruf. Er hatte es nie gemocht, doch wenn es sein mußte, tat er’s, so gut er konnte - und dachte nicht mehr daran. Als Geheimagent mit der seltenen 007-Anfangsnummer - der Secret-Service-Tötungslizenz - hatte er den Tod so kühl zu nehmen wie ein Chirurg.

Dennoch - der Tod dieses Mexikaners . . . Gewiß, er war fällig gewesen. Aber als Bond ihn vor kaum vierundzwanzig Stunden erledigt hatte, war dieses Leben so rasch, so gründlich aus dem Körper gewichen, daß Bond zu sehen meinte, wie es dem Mund entflog, als Vogel, wie in den Märchen auf Haiti. Bonds rechte Handkante, jetzt noch rot und geschwollen, würde bald blau werden. Er massierte sie mit der Linken, wie er das auf dem Herflug schon getan hatte. Vielleicht würde er diese Waffe sehr bald wieder brauchen.

»Durchsage: National Airlines Flug 106 nach La Guardia New York fliegt ab. Bitte, alle Passagiere Ausgang sieben!«

Ein Knacks, und der Lautsprecher schwieg. Bond sah auf die Uhr. Da es noch gut zehn Minuten bis zum Ausruf von Transamerican dauern würde, bestellte er noch einen doppelten Whisky mit Eis. Er trank die Hälfte, drückte seine Zigarette aus, stützte das Kinn in die Linke und sah über die flimmernde Rollbahn, hinter der die Sonne eben ins Meer glitt.

Das Ende des Mexikaners war auch das eines scheußlichen Auftrags, eines der ärgsten bisher, schmutzig und gefährlich. Gut war daran nur gewesen, so weit vom Headquarter zu sein.

Irgendein reicher Mexikaner besaß da ein paar Mohnfelder, deren Mohn nicht nur zur Zierde diente. Das Opium daraus wurde rasch und relativ billig in Mexico City an den Mann gebracht, im Madre de Cacao, einem kleinen Café. Man bestellte es einfach mit dem Drink beim Kellner, und an der Kasse hängte dann der Kassierer die entsprechende Nullenzahl an den Getränkepreis: ein glattes Geschäft, das außerhalb Mexikos niemanden etwas anging. Aber dann, im Zuge der Anti-Rauschgift-Kampagne der Vereinten Nationen, erließ die englische Regierung ihr Heroinverbot. Nicht nur in Soho war man bestürzt, auch angesehene Ärzte waren es, die ihren Patienten die Schmerzen ersparen wollten. Die üblichen Schmuggelkanäle aus China, der Türkei und Italien waren sehr bald durch die illegale Hortung in England trockengelegt. Nun saß da in Mexico City ein Import-Export-Kaufmann namens Blackwell, der eine heroinsüchtige Schwester in England hatte. Als diese ihm schrieb, sie müsse ohne seine Hilfe sterben, nahm er das für bare Münze und begann, sich für den Rauschgifthandel zu interessieren. Über Freunde von Freunden kam er schließlich auf die Madre de Cacao und von dort zu dem mexikanischen Großproduzenten. Bald erkannte er die wirtschaftlichen Möglichkeiten eines solchen Handels und meinte allen Ernstes, die ideale Lösung gefunden zu haben, ein Vermögen zu verdienen und gleichzeitig der leidenden Menschheit zu helfen. Da er als Düngemittelhändler über ein Lagerhaus und einen kleinen Betrieb mit drei Leuten für Bodenanalyse und Pflanzenforschung verfügte, war der Mexikaner leicht zu überzeugen, wie gut hinter solcher Fassade sich aus Opium Heroin gewinnen ließe. Die Transportfrage war rasch gelöst, denn für tausend Pfund pro Reise nahm ein diplomatischer Kurier monatlich einen zusätzlichen Koffer nach London mit. Dieser Preis war durchaus angemessen, denn der Inhalt des Koffers, den der Kurier jedesmal in der Gepäckaufbewahrung des Victoria-Bahnhofs unter der Adresse eines Mr. Schwab hinterlegte, belief sich auf zwanzigtausend Pfund. Unglücklicherweise hegte Schwab keinerlei Gefühle für die leidende Menschheit. Er überlegte anders: Wenn Amerikas Halbstarke jährlich Heroin für Millionen Dollar konsumierten, warum sollten das Englands Teddyboys und -girls nicht auch können? Deshalb mischten seine Leute irgendwo in Pimlico das Heroin mit Speisepulver und vertrieben diese Mischung in Tanzlokalen und Vergnügungsstätten.

Als die CID-»Geisterbrigade« ihm auf die Schliche kam, hatte Schwab bereits ein Vermögen verdient, doch Scotland Yard beschloß, ihn vorläufig weiterverdienen zu lassen, um die Bezugsquelle zu ermitteln. So kam man über den VictoriaBahnhof auf den mexikanischen Kurier, und damit mußte der Geheimdienst eingreifen, der Bond beauftragte, die Bezugsquelle des Kuriers aufzuspüren und zu vernichten.

Auftragsgemäß flog Bond nach Mexiko und begab sich als Londoner Aufkäufer in die Madre de Cacao. Dort nahm er Kontakt mit dem mexikanischen Großproduzenten auf, der ihn freundlich aufnahm und an Blackwell weiterverwies. Von diesem war Bond eher eingenommen. Zwar wußte er nichts von dessen Schwester, doch schien die Verbitterung dieses offensichtlichen Amateurs über das Londoner Verbot echt zu sein. In einer der folgenden Nächte brach Bond in Blackwells Lagerhaus ein und hinterließ Eine Bombe. Dann betrachtete er aus einem Café, zwei Kilometer vom Tatort, den Feuerschein am Himmel und lauschte dem Gebimmel der Löschzüge. Am nächsten Morgen rief er Blackwell an.

»Zu dumm, daß Sie Ihren Betrieb verloren haben! Ich fürchte nur, die Versicherung wird Ihr Lager nicht decken.«

»Wer ist dort? Wer spricht?«

»Ach, ich komme aus England, wo Ihr Zeug schweren Schaden angerichtet hat. Santos wird mit seinen Diplomatenkoffern nicht mehr bei uns einreisen, und Schwab sitzt hinter Schloß und Riegel. Auch dieser Bond, Sie kennen ihn ja, geht uns nicht durch die Lappen, wir sind schon hinter ihm her.« Damit hängte Bond auf.

Blackwell hätte das Spiel nicht durchschaut. Es war der Mexikaner; denn obwohl Bond das Hotel gewechselt hatte, trat ihm auf dem Heimweg am Abend ein Mann in schmutzigweißem Leinenzeug in den Weg. Unter einer zu großen Chauffeurkappe blitzte ein Paar nadelscharfer Marihuana-Augen; die Backenknochen zeigten blauschwarze Schatten.

»Mögen Frau? Machen hopphopp?«

»Nein.«

»Farbiges Mädchen? Feine Urwaldkatze?«

»Nein.«

»Vielleicht pikante Foto?«

Der Griff zur Rocktasche war Bond so altbekannt, daß ihn der blitzende Messerstoß gegen seine Kehle nicht überraschte.

Ganz mechanisch konterte er mit der »Parry-Abwehr gegen heimtückischen Dolchstoß«: Sein rechter Arm fing den Stoß auf, schlug die Messerhand des Mexikaners aus ihrer Zielrichtung und beraubte diesen für den Moment eines krachenden, kurzen Kinnhakens seiner Deckung. Der Schlag warf den Mann beinahe vom Gehsteig. Als er zurücktaumelte, sauste Bonds tödlicher Handkantenschlag gegen den Adamsapfel - die letzte Waffe aller Kommandotruppen. Der Mexikaner schlug als Toter auf dem Boden auf.

Sekundenlang sah Bond schwer atmend auf den Knäuel Staub und billige Kleider nieder. Dann blickte er die Straße entlang. Autos fuhren vorbei. Der Kampf hatte sich im Schatten abgespielt. Bond kniete neben dem Körper nieder: kein Puls; die eben noch blitzenden Augen schon glasig; das Haus, aus dem der Mexikaner gekommen war, leer. Bond zerrte die Leiche zur Mauer im tieferen Schatten, klopfte sich den Staub vom Anzug und setzte den Weg zum Hotel fort.

Früh am Morgen hatte er sich rasiert und war zum Flugplatz gefahren, um mit der erstbesten Maschine das Land zu verlassen. Da sie Caracas anflog, hatte er im Transit-Wartesaal von Caracas auf den Start der Transamerican Constellation nach Miami gewartet, die ihn noch diesen Abend nach New York bringen würde.

Wieder summte es im Lautsprecher. »Transamerican bedauert wegen Maschinenschadens die Verschiebung ihres Fluges TR 618 nach New York. Neue Abflugzeit morgen, acht Uhr früh. Alle Passagiere wollen bitte zum Kartenschalter von Transamerican kommen, um die Übernachtungsarrangements zu treffen. Vielen Dank.«

Auch das noch! Was tun? Umbuchen oder die Nacht in Miami verbringen? Bond griff nach dem vergessenen Drink und stürzte den Rest hinunter. Auch gut! So würde er die Nacht in Miami bleiben und sich besaufen, so sehr, daß das Luder, das er sich anlachte, ihn würde ins Bett schleppen müssen! Diese zusätzliche Nacht, er würde sie nützen, würde sich endlich einmal gehenlassen. Teufel auch, warum brütete er über den Tod dieses Mexikaners? Töten oder getötet werden, das war die Losung, immer und überall. Das letzte Tageslicht war geschwunden. Unter dem nachtblauen Himmel spiegelten sich die grün-gelben Blinklichter auf der öligen Betonfläche. Mit Donnergetöse brauste eben eine DC 7 die grüne Hauptbahn entlang. Die Fenster des Wartesaals erklirrten leise.

Bonds Mund verzog sich. Nach so viel Tod braucht der Mensch ein bißchen Leben, leicht, angenehm. Er sah auf, als jemand neben ihm stehenblieb: Da stand ein gepflegter, nach Geld aussehender Mann mittleren Alters, leicht verlegen. »Verzeihung, aber Sie sind doch Mr. Bond, Mr. James Bond?«

2

Bond liebte es, anonym zu bleiben. Sein Ja klang abweisend. Der Fremde streckte ihm die Hand hin: »So ein Zufall!«

Bond erhob sich und ergriff die Hand flüchtig. Sie war fleischig und wirkte wie ein aufgeblasener Gummihandschuh.

»Du Pont. Junius Du Pont. Wir kennen uns von früher. Darf ich mich setzen?«

Wohin mit dem Mann? Irgendwie harte er ihn kennengelernt, aber das mußte lange her sein. Nicht in Amerika. Etwa fünfzig Jahre alt, rosiger Teint, glatt rasiert, in der üblichen Aufmachung von Brooks Brothers, dem Herrenausstatter der amerikanischen Millionäre - dunkelbrauner, einreihiger Tropical, weißes Seidenhemd, Manschettenvorstoß mit Kristallknöpfen, gestreifte Krawatte, anthrazitgraue Socken, mahagonibraune Schuhe. Dazu ein schmalkrempiger Stroh-Homburger mit bordeauxrotem Band.

Mr. Du Pont nahm Platz und zog Zigaretten sowie ein massivgoldenes Feuerzeug heraus. Offensichtlich war er das, was er schien: ein schwerreicher, leicht verlegener Amerikaner.

»Zigarette?«

»Danke.« Bond übersah das angebotene Feuerzeug und nahm sein eigenes.

»Frankreich, 1951, Royale-les-Eaux.« Mr. Du Pont sah Bond erwartungsvoll

an. »Im Kasino. Meine Frau und ich saßen neben Ihnen, als Sie den Franzosen fertigmachten.«

Natürlich! Die Du Ponts waren Nummer vier und fünf am Baccarat-Tisch gewesen, als er Le Chiffre zur Strecke brachte. Bond sah alles vor sich. War das eine Nacht gewesen! Lächelnd blickte er Mr. Du Pont an: »Ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Aber ich dachte damals nur an die Karten.«

Mr. Du Pont grinste erleichtert: »Das kann ich verstehen, bei Gott! Aber ich hoffe wirklich, Sie entschuldigen, daß ich mich hier so aufdränge. Sehen Sie . . .« Er schnalzte mit den Fingern, um sich bei der Kellnerin bemerkbar zu machen. »Aber zuerst begießen wir das. Was darf es denn sein?«

»Danke, Bourbon auf Eis.«

»Und einen Haig mit Wasser.« Die Kellnerin ging. Mr. Du Pont beugte sich vor. »Ich erkannte Sie gleich, aber ich dachte mir, Junius, wir wollen sichergehen! Ich wollte nämlich heute mit Transamerican fliegen, und als die Verschiebung ausgerufen wurde, sah ich Ihnen an, daß auch Sie auf Transamerican warteten.« Bond nickte, und Mr. Du Pont sprach weiter. »Ich lief also zum Kartenschalter, warf einen Blick in die Passagierliste, und richtig, da stand >J. Bond<.« Zufrieden mit seinem Scharfsinn, lehnte Mr. Du Pont sich zurück. Die Drinks kamen, er hob sein Glas. »Auf Ihr Wohl! Heute hab’ ich Glück!«

Bond trank mit unverbindlichem Lächeln.

Abermals beugte Mr. Du Pont sich vor und sah sich um. An dem Nachbartisch saß niemand, dennoch senkte er die Stimme: »Also, ich hoffe, Sie werden mir verzeihen, Mr. Bond. Es ist sonst nicht meine Art, mich in die Angelegenheiten anderer einzumischen, aber damals in Royale, nach diesem Spiel, hörte ich, daß Sie nicht nur ein Meister im Kartenspiel seien, sondern auch - wie soll ich sagen

- eine Art - also, im Geheimdienst gewissermaßen.« Feuerrot wegen seiner Indiskretion lehnte Mr. Du Pont sich zurück und trocknete die Stirn.

Bond hob die Schultern. Seine graublauen Augen zeigten Offenheit, während Du Ponts Blick bei aller Verlegenheit hart und wachsam geworden war. »Ja, so nebenbei. Ein Überbleibsel aus dem Krieg, wissen Sie! So eine Art Indianerspiel. Aber jetzt im Frieden hat das keine Zukunft.«

»Zweifellos!« Mr. Du Pont machte eine wegwerfende Geste. Als er seine nächste Frage stellte, die nächste Lüge erwartete, wich er Bonds Blicken aus. »Darf man fragen, was für eine Tätigkeit Sie gewählt haben?«

»Import-Export. Universal, falls Sie die Firma kennen.«

Du Pont spielte mit. »Universal - lassen Sie mich nachdenken. Ja, sicher, von der habe ich gehört. Ob ich je mit ihr in Geschäftsverbindung war, kann ich nicht sagen, aber dazu ist es ja nie zu spät.« Er lachte.

Bond sagte nichts, sondern blickte auf die Uhr, damit Mr. Du Pont sein Blatt rascher aufdeckte. Mit seinen eigenen Karten würde er vorsichtiger sein. Er ließ sich durch Mr. Du Ponts zur Schau getragene Harmlosigkeit nicht täuschen.

Auch Du Pont blickte auf die Uhr. »O weh, sieben Uhr schon, und ich rede daher, ohne zur Sache zu kommen! Sehen Sie, Mr. Bond, ich habe da ein Problem, das ich Ihnen gerne anvertraut hätte. Ich würde Sie bitten, für diese Nacht mein Gast zu sein.« Du Pont hob die Hand. »Sie würden sich wohl fühlen. Zufällig bin ich am Floridiana beteiligt, zu Weihnachten haben wir eröffnet. Es geht alles bestens, muß ich sagen. Was meinen Sie, Mr. Bond? Sie sollen das beste Appartement haben, und wenn ich dafür zahlende Gäste an die Luft setzen muß. Sie würden mir den größten Gefallen tun!«

Bond war entschlossen anzunehmen. Was konnte es denn sein: Erpressung, Gangster, Frauen, jedenfalls typische Reicheleutesorgen. Gleichviel, da war ja jenes angenehme Leben, das er sich gewünscht hatte. Bond begann also mit höflicher Ablehnung, die Mr. Du Pont sofort unterbrach: »Bitte, bitte, Mr. Bond! Und, glauben Sie, ich wäre Ihnen wirklich dankbar!« Er winkte der Kellnerin und wandte sich, während er die Rechnung beglich, von Bond ab. Wie viele reiche Leute hielt er das Zeigen von Geld und Trinkgeld für ungehörig. Danach faßte er Bond am Arm, ließ aber sofort los, als er Widerstand spürte. Sie gingen die Treppe zur Haupthalle hinunter.

»Zuerst wollen wir noch Ihre Reservierung erledigen.« Mr. Du Pont trat an den Kartenschalter von Transamerican und bewies in wenigen Sätzen, was er hier in Amerika galt.

»Jawohl, Mr. Du Pont.« - »Aber sicher, Mr. Du Pont.« - »Wird erledigt, Mr. Du Pont!«

Draußen fuhr ein blitzender Chrysler Imperial vor. Ein drahtiger Chauffeur in hellbrauner Uniform riß den Wagenschlag auf. Bond stieg ein und ließ sich in die weichen Polster sinken. Das Wageninnere war wundervoll kühl, fast kalt. Ein Transamerican-Angestellter hastete mit Bonds Koffer herbei und übergab ihn dem Fahrer. »Bill’s on the Beach«, befahl Mr. Du Pont, und schon glitt der große Wagen durch die Menge parkender Autos auf die Promenade hinaus.

Mr. Du Pont lehnte sich zurück: »Hoffentlich mögen Sie Steinkrabben, Mr. Bond! Schon versucht?«

Mr. Du Pont sprach über Bill’s on the Beach und wog die Vorzüge von Steinkrabben- und Alaskakrabbenfleisch gegeneinander ab, während sie rasch durch die Innenstadt, den Biscayne Boulevard entlang und über die Biscayne-Bucht zur Douglas-MacArthur-Dammstraße fuhren. Bond machte passende Einwürfe und ließ sich’s in der angenehmen Atmosphäre von Komfort und müßigem Geplauder wohl sein. Sie hielten vor »Bill’s on the Beach«. Während des

Aussteigens hörte Bond Mr. Du Pont sagen: »Das Aloha-Appartement. Wenn’s Schwierigkeiten gibt, soll Mr. Fairlie mich anrufen, ja?«

Der Saal war ganz in Weiß gehalten, die Fenster mit rosa Musselin drapiert. Auch die Tischlampen waren rosa. Es war voll, lauter sonnengebräunte Gäste in teurer Tropenaufmachung, schimmernden Hemden, mit blitzenden Armreifen, juwelenbesetzten Sonnenbrillen, modischen Strohhüten. Und über allem der Duft von Speisen und Badestrand.

Bill, ein rundlicher Italiener, eilte herbei. »Nein, Mr. Du Pont, das freut mich aber! Ein bißchen voll heute, gleich werde ich etwas für Sie finden. Hier entlang, bitte!« Die ledergebundene Speisekarte über sich schwenkend, wand er sich durch bis zum besten Tisch im Saal, rückte zwei Stühle zurecht, winkte den Maître d’hôtel und den Weinkellner heran und wechselte noch einige höfliche Worte mit Mr. Du Pont, ehe er ging.

Mr. Du Pont schlug die Karte zu. »Wollen Sie das nicht mir überlassen? Was Ihnen nicht schmeckt, schicken Sie zurück.« Und zum Oberkellner: »Steinkrabben, aber frische, in zerlassener Butter, mit dickem Toast, ja?«

»Sehr wohl, Mr. Du Pont.« Händereibend trat der Weinkellner heran. »Zwei Halbe, rosa Champagner, Pommery 50, in Silberkannen, ja?«

»Sofort, Mr. Du Pont. Einen Cocktail vorher?«

Lächelnd wandte Du Pont sich an Bond.

»Wodka Martini, bitte, mit einem Stück Zitronenschale«, sagte Bond.

»Also dann zwei«, sagte Mr. Du Pont. »Doppelte!« Der Weinkellner eilte davon. Du Pont nahm, den Saal überschauend und einige Grüße austauschend, Zigaretten und Feuerzeug heraus und rückte näher. »Nichts zu machen gegen den Lärm. Ich komme nur wegen der Krabben hierher, sie sind himmlisch. Hoffentlich sind Sie nicht allergisch dagegen, wie damals das Mädchen, dem hinterher die Lippen anschwollen wie Radreifen!«

Bond amüsierte dieser ausgewechselte Mr. Du Pont. Jetzt, da er dachte, ihn am Haken zu haben, gab er sich ganz anders als jener scheue, verlegene Bittsteller, der er noch am Flugplatz gewesen war. Was aber wollte er eigentlich? Jedenfalls erwiderte Bond, er sei nicht allergisch.

»Na, dann ist’s ja gut.«

In der nun folgenden Pause betätigte Du Pont ein paarmal sein Feuerzeug, legte es aber weg, sobald er merkte, daß das störte. Nach einigem Überlegen begann er zu sprechen, indem er seine auf dem Tisch liegenden Hände betrachtete.

»Haben Sie je Canasta gespielt, Mr. Bond?«

»Ja, ein nettes Spiel. Ich spiele es gern.«

»Auch zu zweit?«

»Auch das. Ist aber nicht so unterhaltend. Wenn jeder richtig aufpaßt, steht es am Ende gewöhnlich für beide gleich. Man kann da nicht viel herausholen.«

Du Pont nickte nachdrücklich. »Das hab’ ich mir auch gesagt. Nach hundert Spielen müssen zwei gleichwertige Spieler immer noch gleich sein. Nicht so wie beim Gin-Rummy oder beim Oklahoma. Irgendwie gefällt mir gerade das daran. Man schlägt die Zeit tot, hat eine Menge Karten, ist einmal oben, einmal unten, und keinem schadet es. Finden Sie nicht?«

Die Martinis kamen, Du Pont bestellte gleich noch einmal zwei. Sie tranken.

»Was würden Sie sagen . . . also, ich habe beim Canasta zu zweit in einer Woche fünfundzwanzigtausend Dollar verloren. Dabei kenne ich mich am Kartentisch aus!«

»Immer mit demselben Partner? Dann hat er Sie angeschmiert!«

»Genau!« Mr. Du Pont schlug aufs Tischtuch und lehnte sich zurück. »Genau dasselbe hab’ ich mir auch gesagt, nachdem ich vier Tage lang verloren hatte. Ich sagte mir, dieser Schuft schmiert mich an, aber ich werd’ ihm auf die Schliche kommen und ihn aus Miami hinausjagen lassen! Zweimal verdoppelte ich den Einsatz. Ihm war’s ganz recht. Ich paßte auf jede Karte auf, die er spielte, auf jede Bewegung! Nichts! Nicht die Spur eines Zeichens, und ein neues Kartenpaket, wann immer ich wollte. Und er gewann wieder und wieder, auch heute noch. Schließlich wurde es mir zu dumm! Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, sondern habe höflich bezahlt. Dann habe ich gepackt, bin zum Flugplatz gefahren und habe für die erste Maschine nach New York gebucht.« Du Pont hob die Hände. »Ausgerissen bin ich! Aber fünfundzwanzig Tausender sind fünfundzwanzig Tausender. Ich sah schon fünfzig und hundert daraus werden, ohne den Kerl erwischt zu haben! Was sagen Sie jetzt?«

Bond brummelte mitfühlend. Karten interessierten ihn immer. Er sagte: »Fünfundzwanzigtausend sind eine Menge Geld. Wie hoch haben Sie gespielt?«

»Einen Vierteldollar den Punkt, schließlich einen Dollar: Bei dauerndem Verlieren ist das der Ruin.«

»Aber manchmal müssen Sie doch gewonnen haben.«

»Ja, sicher, aber jedesmal, wenn’s darauf ankam, legte er nieder. Sie wissen ja, beim Canasta muß man richtig abwerfen. Er schien telepathisch veranlagt zu sein. Es war, als wüßte er jede Karte in meinem Blatt.«

»Waren Spiegel im Zimmer?«

»Aber nein, wir spielten immer im Freien! Er wollte braun werden, spielte nur vor- und nachmittags. Spiele er abends, dann könne er nicht schlafen, sagte er.«

»Wer ist es eigentlich? Wie heißt er?«

»Goldfinger. Auric Goldfinger. Auric - das heißt doch >golden<, nicht? Und das

ist er, mit seinem feuerroten Haar.«

»Was für ein Landsmann?«

»Sie werden’s nicht glauben bei dem Namen, aber er ist Brite. Lebt in Nassau, nach seinem Paß. Zweiundvierzig, ledig, von Beruf Makler. Der Hausdetektiv hat den Paß eingesehen, als ich mit ihm zu spielen begann.«

»Welche Art Makler?«

Mr. Du Pont lächelte grimmig. »Hab’ ich ihn auch gefragt. Er sagte: >Oh, alles, was sich gerade ergibt.< Der Kerl ist schwer zu fassen; bei jeder direkten Frage weicht er aus. Aber sonst ein angenehmer Plauderer.«

»Vermögen?«

»Ha! Das ist das Tollste! Steinreich! Ich ließ durch meine Bank Erkundigungen einziehen. In Nassau wimmelt es ja von Millionären, aber er ist dort einer der reichsten. Hat sein Geld in Goldbarren angelegt, die er überall herumschickt, um an den Differenzen des Goldkurses zu verdienen. Muß was dran sein an diesem System. Wenn er so reich ist, weshalb will er mir lumpige fünfundzwanzig Tausender abnehmen?«

Die Geschäftigkeit der Kellner ersparte Bond eine Antwort. Zeremoniös wurde eine große Silberplatte mit Krabben, deren Schalen und Scheren gebrochen waren, auf den Tisch gesetzt. Ihr folgten eine Silbersauciere mit der zerlassenen Butter, zwei lange Toastständer und die Champagnerkannen, in denen es rosig schäumte. Mit verbindlichem Schmunzeln trat der Oberkellner hinter ihre Stühle und band Mr. Du Pont und Mr. Bond lange, weißseidene Servietten um . . .

Mit sanftem Rülpsen wischte sich Mr. Du Pont die Butter vom Kinn und lehnte sich behaglich zurück. Dann sagte er: »Mr. Bond, ich weiß nicht, ob irgend jemand in der Welt heute so gut zu Abend gegessen hat. Was meinen Sie?«

Was sage ich nun? dachte Bond. Da habe ich nach dem angenehmen Leben verlangt, und mein Wunsch ist mir mehr als erfüllt worden. Gefällt es mir wirklich, mich voll zu essen und dann solche Bemerkungen mit anzuhören? Aber er sagte nur: »Das weiß ich nicht, aber es war bestimmt ausgezeichnet.«

Mr. Du Pont war’s zufrieden und bestellte Kaffee. Zigarre und Likör lehnte Bond ab. Er nahm eine Zigarette und harrte interessiert des Kommenden. Denn daß bisher alles nur Vorspiel gewesen war, wußte er.

Mr. Du Pont räusperte sich. »Und jetzt, Mr. Bond, möchte ich Ihnen einen Vorschlag machen.«

»Ja?«

»Es war gewiß Fügung, Sie so auf dem Flugplatz zu treffen.« Du Ponts Stimme klang ernst und aufrichtig. »Unsere erste Begegnung damals in Royale-les-Eaux, Ihre Kaltblütigkeit, Ihr Wagemut, Ihre Geschicklichkeit . . . kurz, Mr. Bond, ich zahle Ihnen zehntausend Dollar, wenn Sie als mein Gast diesem Goldfinger auf die Schliche kommen!«

Bond blickte Mr. Du Pont in die Augen. »Das ist ein großzügiges Angebot, aber ich muß nach London. In achtundvierzig Stunden muß ich von New York abfliegen. Wenn Sie morgen vor- und nachmittag Ihre normalen Partien spielen, sollte das für mich genügen. Morgen abend muß ich hier weg, ob ich Ihnen geholfen habe oder nicht. Abgemacht?«

»Abgemacht!« sagte Mr. Du Pont.

3

Das Flattern der Vorhänge weckte Bond. Er schlug das Bettuch zurück, trat auf dem dicken Veloursteppich an das Aussichtsfenster und hinaus auf den sonnenbeschienenen Balkon. Obwohl es noch nicht acht Uhr sein konnte, fühlten die Fliesen in der Sonne sich schon fast heiß an. Eine frische Brise von See her straffte die Nationalflaggen auf dem Privatjachtenpier. Die Luft war feucht und roch stark nach Meer. Zwölf Etagen tiefer erstreckte sich die fade Pracht der Gartenanlagen. Auf den Wegen zwischen Palmen und freundlichen Blumenbeeten harkten Gärtner den Kies, säuberten ihn von Laub. Zwei mähten das Gras, zwei besprengten den Rasen.

Gerade unterhalb von Bonds Standpunkt schwang in elegantem Bogen das Flachdach des Cabana Clubs uferwärts, mit Stühlen, Tischen und gelegentlich einem rot-weiß gestreiften Sonnenschirm besetzt. Innerhalb dieses Bogens lag das smaragdgrüne Schwimmbassin, dessen Rand von Deckstühlen umsäumt War, auf deren Matratzen die Benutzer in Kürze ihre tägliche Fünfzigdollarbräune erwerben würden. Noch ordneten weißbejackte Männer die Stuhlreihen, wendeten Matratzen und entfernten Zigarettenreste vom Vortag. Auch der Badestrand wurde eben gesäubert und mit Matratzen und Sonnenschirmen versehen. Kein Wunder, daß das Aloha-Appartement zweihundert Dollar den Tag kostete. Rasch überschlug Bond, daß sein Jahresgehalt für drei Wochen reichen würde. Gut gelaunt ging er ans Telefon und bestellte ein ausgiebiges Frühstück, eine Stange Chesterfields und Zeitungen.

Um acht Uhr hatte er geduscht, war rasiert und angezogen. Nebenan in dem eleganten Salon trug ein blau-goldener Kellner das Frühstück auf. Die Titelseite des bereitliegenden Miami Herald befaßte sich mit dem gestrigen Fehlstart einer Interkontinentalrakete auf dem nahen Cap Canaveral sowie mit einem bösen Sturz beim Rennen in Hialeah. Bond ließ die Zeitung zu Boden gleiten und begann, während er frühstückte, über Mr. Du Pont und Mr. Goldfinger nachzudenken. Er war sich nicht schlüssig. Entweder war Du Pont ein viel schlechterer Spieler, als er vorgab - was unwahrscheinlich schien -, oder Goldfinger betrog. Spielte dieser aber ohne Not falsch, so beruhte sein Reichtum gewiß auf noch größerer Gaunerei. Da derlei Burschen Bond besonders interessierten, brannte er nachgerade darauf, Mr. Goldfinger und seine geheimnisvolle Erfolgsmethode näher kennenzulernen. Es stand also ein unterhaltsamer Tag bevor.

Laut Plan würde er Mr. Du Pont um zehn im Garten treffen, um ihm den englischen Aktienanteil an einem kanadischen Erdgasvorkommen zu verkaufen. Er wäre dazu eigens von New York gekommen. Die Vertraulichkeit solchen Handels würde Goldfinger keine näheren Fragen erlauben. Man würde sich dann aufs Dach des Cabana Clubs begeben, um dort zu spielen, und Bond würde dabei seine Zeitung lesen und zusehen. Nach dem Essen, bei dem Bond und Mr. Du Pont das »Geschäftliche« zu besprechen hätten, würde man weitermachen. Bond hatte sich von Du Pont Goldfingers Zimmernummer geben lassen und einen Hauptschlüssel verlangt, den er im Garten erhalten sollte. Entspannt blickte Bond aufs Meer hinaus. Das war genau die Art Auftrag, die er brauchte, um diesen mexikanischen Nachgeschmack loszuwerden.

Um halb zehn verließ Bond seine Zimmer, schlenderte durch die Korridore und prägte sich, scheinbar den Lift suchend, den Hotelgrundriß ein. Unten sah er sich unauffällig um und trat dann, wie verabredet, in den Garten hinaus. Mr. Du Pont, jetzt in Strandaufmachung von Abercrombie & Fitch, dem Geschäft für exklusive Sportartikel, steckte ihm den Schlüssel zu, wonach beide zum Cabana Club hinüberpromenierten und die zwei kurzen Treppen zum Flachdach hinaufstiegen.

Der Anblick, den Mr. Goldfinger bot, machte Bond staunen. Ganz hinten auf dem Dach, gerade unter dem Hotelmassiv, lag, die Beine auf einem Deckstuhl, ein nur mit gelbem Satinslip bekleideter Mann mit Sonnenbrille und einem Paar großer Blechflügel unterm Kinn. Diese ragten in Form einer Halskrause über die Schultern hinaus und waren an ihren runden Enden leicht aufgebogen.

»Was hat denn der um den Hals?« fragte Bond.

»Noch nie gesehen?« Mr. Du Pont war überrascht. »Es hilft beim Braunwerden. Das Blech reflektiert die Sonne unters Kinn und hinter die Ohren, wo man sonst nie braun wird.«

Sobald sie bis auf wenige Meter heran waren, rief Mr. Du Pont fröhlich und mit überlauter Stimme: »Hallo, Sie da!«

Aber Mr. Goldfinger regte sich nicht.

»Er ist schwerhörig«, sagte Du Pont erklärend. Sie standen nun direkt vor ihm, und Du Pont wiederholte seinen Ruf.

Goldfinger fuhr in die Höhe und riß die Sonnenbrille vom Kopf: »Was ist? Ach,

Sie sind’s!« Er nahm die Flügel ab, legte sie vorsichtig hin und stand schwerfällig auf. Dann blickte er Bond prüfend an.

»Ich möchte Ihnen hier Mr. James Bond vorstellen, einen Freund aus New York und Landsmann von Ihnen. Ist extra hergekommen, um mir ein Geschäftchen einzureden.«

Mr. Goldfinger streckte die Hand aus: »Freut mich, Sie zu sehen, Mr. Bond.« Die Hand war hart und trocken und wurde sofort wieder zurückgezogen. Für einen Moment weiteten sich die hellblauen Augen zu einem so harten Blick, daß er durch das Gesicht in Bonds Hinterkopf einzudringen schien. Gleich darauf schirmten die Lider diesen Röntgenblick wieder ab.

»Dann spielen wir heute nicht.« Die Summe war flach und ausdruckslos, der Satz eher Feststellung als Frage.

»Was heißt das?« protestierte Mr. Du Pont. »Glauben Sie, ich verzichte so leicht auf mein Geld? Wie soll ich denn sonst fortkommen aus diesem verdammten Hotel!« Er lachte. »Sam wird den Tisch gleich aufstellen, und überdies möchte James das Spiel erlernen, er versteht nicht viel von Karten, nicht wahr, James? Ihnen genügen ja die Zeitung und die Sonne!«

»Nur zu gern«, sagte Bond. »Nach dieser Reise -«

Wieder der bohrende Blick, der sich aber gleich wieder senkte: »Ich will nur etwas anziehen. Hatte eigentlich vor, heute nachmittag im Boca Raton bei Mr. Armour eine Golfstunde zu nehmen, aber die Karten sind mir lieber. Meine Unart, die Handgelenke beim Gebrauch der leichten Schläger zu früh zu entspannen, wird sich gedulden.« Dann, mit einem gleichgültigen Blick auf Bond: »Spielen Sie Golf, Mr. Bomb?«

»Gelegentlich, in England.«

»Und wo?«

»Huntercombe.«

»Ah - kenn’ ich. Hübsch dort. Ich bin neulich dem Royal St. Marks beigetreten. Bin unweit von Sandwich an einem Unternehmen beteiligt. Kennen Sie den Klub?«

»Hab’ schon dort gespielt.«

»Nein, so was! Wir müssen mal spielen.« Mr. Goldfinger bückte sich nach seinen Blechflügeln. »In fünf Minuten bin ich wieder da«, sagte er und ging langsam auf die Treppe zu.

Ein Steward in weißer Jacke nahm Mr. Du Ponts Anweisungen entgegen, zwei weitere waren dabei, den Kartentisch aufzuschlagen. Bond blickte in den Garten und überlegte. Der Mann hatte ihn beeindruckt. Das war einer der ausgeglichensten Menschen, die er je getroffen hatte. Maßvoll in den

Bewegungen, in der Sprache, im Ausdruck. Keinerlei Vergeudung von Energie. Und doch: Als Goldfinger sich erhoben hatte, war Bond sogleich aufgefallen, wie an diesem Mann nichts zueinander paßte. Er war höchstens einssechzig. Auf dem dicken Rumpf mit den plumpen, bäurischen Beinen saß nahezu halslos ein übergroßer, kugelrunder Kopf. Als hätten die einzelnen Körperpartien früher verschiedenen Männern gehört, so wenig fügte sich eine zur anderen. Ob der Mann seine Häßlichkeit unter einem Übermaß an Sonnenbräune zu verbergen hoffte? Das Gesicht unter dem karottenfarbenen Bürstenhaarschnitt, nicht so häßlich, aber ebenso auffallend wie der Körper, wirkte mondförmig. Im ganzen wohl das Gesicht eines Denkers, eines Wissenschaftlers. Rücksichtslos, sinnlich und hart in einem: eine seltsame Mischung.

Und sonst? Im allgemeinen mißtraute Bond kleinen Menschen. Das waren doch nur personifizierte Minderwertigkeitskomplexe! Stets wollten sie groß sein, größer als die anderen, wie Napoleon oder Hitler. Von wem kam denn die Unruhe in der Welt? Auf welche Weise Goldfinger wohl zu einem der reichsten Männer geworden war?

Doch das würde erst später von Interesse sein. Jetzt galt es, seine Spielmethode zu durchschauen.

»Fertig?« rief Mr. Du Pont dem sich nähernden Goldfinger entgegen. Im bequemen, dunkelblauen Anzug mit offenem Hemd machte er beinahe eine gute Figur. Aber der große, rotbraune Kugelkopf blieb, und der fleischfarbene Hörapparat im Ohr machte ihn auch nicht schöner. Du Pont saß mit dem Rücken zum Hotel. Goldfinger setzte sich ihm gegenüber und hob ab. Du Pont schob die Karten Goldfinger hin, schlug drauf, und Goldfinger begann zu geben. Nun erst schlenderte Bond heran, zog einen Stuhl an Du Ponts Seite, ließ sich darauffallen, entfaltete umständlich die Sportseite seiner Zeitung und sah beim Geben zu. Fast hatte er es erwartet: Das war kein Falschspieler. Goldfinger gab rasch und gut, aber mit keinerlei Anzeichen eines berufsmäßigen Handgriffs. Nichts von der gewissen Fingerhaltung, die es ermöglicht, nach Belieben vom unteren oder vom zweiten Paket zu geben. Auch kein Siegelring am Finger, um die Karten zu zinken, kein Pflaster, um sie zu markieren.

Du Pont wandte sich Bond zu:

»Man gibt fünfzehn Karten«, erklärte er. »Dann kauft man zwei und wirft eine dafür ab. Ansonsten strenge Regeln. Keine europäischen Mätzchen.«

Du Pont nahm seine Karten auf. Er steckte sie fachmännisch, reihte sie nicht nach ihrem Wert, teilte auch die Joker, von denen er zwei hatte, nicht links ein, weil alles Schablonenhafte einem wachsamen Gegner hilft. Er hielt vielmehr die guten Karten in der Mitte seines Blattes und steckte die Einzelkarten und Paare rechts und links.

Das Spiel begann. Du Pont kaufte zuerst und hatte Glück: zwei Joker. Mit undurchdringlicher Miene warf er ab. Noch zwei passende Karten, und er konnte glatt auslegen. Allerdings erhöhte das Kaufen von zwei Karten auch die Gefahr, nutzlose zu bekommen. Goldfinger spielte betont überlegt, ja aufreizend langsam. Immer wieder ordnete er seine Karten neu, ehe er sich entschied, abzuwerfen.

Nach dem dritten Kauf brauchte Du Pont nur mehr eine von fünf Karten, um auszumachen und seinen Gegner mit dem gesamten Blatt sitzenzulassen. Doch als ob dieser es gespürt hätte, kam er Du Pont zuvor, legte mit fünfzig heraus und machte ein Canasta mit drei Jokern und vier Fünfern. Dann kamen noch etliche Drillinge, so daß Goldfinger nur vier Karten im Blatt blieben. Normalerweise wäre das herzlich schlecht gespielt gewesen, so aber machte das vierhundert Pluspunkte statt eines Verlustes von über hundert, denn beim nächsten Kauf hatte Du Pont, was er brauchte, und machte mit den nötigen zwei Canastas glatt aus.

»Donnerwetter, diesmal hätt’ ich Sie beinahe erwischt!« Du Ponts Stimme klang ärgerlich. »Was, zum Teufel, hat Sie bewogen, so rasch auszukneifen?«

»Ich rieche die Gefahr.« Unbewegt addierte Goldfinger seine Punkte, sagte sie an, notierte sie und wartete, daß Du Pont das gleiche tat. Dann hob er ab, lehnte sich zurück und blickte Bond mit höflichem Interesse an.

»Bleiben Sie längere Zeit, Mr. Bomb?«

Bond lächelte. »Ich heiße Bond, B - O - N - D. Nein, ich muß noch heute abend nach New York zurück.«

»Schade.« Mit höflichem Bedauern wandte Goldfinger sich wieder den Karten zu. Bond nahm die Zeitung zur Hand und starrte, ohne zu lesen, auf die BaseballResultate, während er dem Spielablauf zuhörte. Goldfinger gewann dieses Blatt und die beiden nächsten auch. Er gewann die Partie. Fünfzehnhundert Punkte

- fünfzehnhundert Dollar für Mr. Goldfinger.

»Jetzt geht es schon wieder los!«

Bond ließ seine Zeitung sinken. »Gewinnt er für gewöhnlich?«

»Was heißt >gewöhnlich<!« schnaubte Du Pont zurück. Wieder hoben sie ab. Goldfinger machte sich ans Geben.

»Warum wechseln Sie nicht die Sitze? Oft hilft das, man zeigt sozusagen dem Unglück die Kehrseite.«

Goldfinger hielt inne und blickte Bond ernst an. »Das geht leider nicht, Mr. Bond. Ich könnte dann nicht spielen. Wie ich Mr. Du Pont schon sagte, leide ich an Platzangst. Agoraphobie, Angst vor weiten Räumen. Ich ertrage den leeren Horizont nicht, ich muß das Hotel vor Augen haben.« Er gab weiter.

»Oh, wie bedauerlich.« Bonds Stimme war voll ernsten Interesses. »Eine höchst seltene Veranlagung. Klaustrophobie, das kann ich verstehen, aber das Gegenteil? Woher kommt so etwas?«

Goldfinger nahm seine Karten auf und ordnete sie. »Keine Ahnung«, sagte er gleichmütig.

Bond erhob sich. »Nun, ich glaube, ich werde mir ein wenig die Beine vertreten. Mal sehen, was am Bassin los ist.«

»Tun Sie das nur«, sagte Mr. Du Pont aufgeräumt. »Wir können das Geschäftliche immer noch beim Essen besprechen. Ich möchte doch sehen, ob ich Freund Goldfinger nicht diesmal kriegen kann. Also, bis nachher!«

Goldfinger blickte nicht von den Karten auf. Bond begab sich an das andere Ende des Daches und sah in das Schwimmbecken hinab. Eine Zeitlang folgte er dem Betrieb da unten. Rosa, braune und weiße Körper in den Deckstühlen, Geruch von Sonnenöl, im Wasser ein paar Kinder und junge Leute, auf dem Sprungturm ein Springer, vielleicht der Schwimmlehrer. Jetzt sprang er, schlug auf - und schwamm langsam das Bassin hinunter. Da und dort klang Händeklatschen auf.

Bond blickte zurück auf die beiden Canastaspieler unter dem Hotelmassiv. Dieser Goldfinger mußte also das Hotel vor Augen haben. Oder - sollte Mr. Du Pont das Hotel im Rücken haben? Und wenn, aus welchem Grund? Wie war doch gleich die Nummer von Goldfingers Appartement? Nr. 200, das HawaiiAppartement! Er, Bond, hatte Nr. 1 200. Da mußten ja Goldfingers Räume genau unter den seinen liegen, nur zehn Etagen tiefer, keine zwanzig Meter über dem Dach des Cabana Clubs - keine zwanzig Meter über dem Kartentisch! Bond zählte die Fensterreihen der Fassade von oben nach unten ab und musterte eingehend die Fensterfront, die zu Goldfingers Zimmern gehören mußten. Nichts. Nur ein leerer Sonnenbalkon und eine offene Tür in das dunkle Innere der Zimmersuite. Bond schätzte die Entfernung und die möglichen Blickwinkel ab.

4

Während der Siesta bestätigte Du Pont, der inzwischen um weitere zehntausend Dollar erleichtert worden war, daß Goldfinger eine Sekretärin mitgebracht habe. »Sie läßt sich nie sehen, bleibt auf dem Zimmer. Wahrscheinlich so ein Flittchen für den täglichen Ritt.« Er lachte schmutzig. »Warum? Haben Sie einen Verdacht?«

Bond wollte sich nicht festlegen. »Ich weiß noch nicht. Möglicherweise komm’ ich heute nachmittag gar nicht hinunter. Sagen Sie dann einfach, ich hätte genug vom Zusehen und sei in die Stadt gegangen.« Er überlegte. »Was auch geschieht,

Sie dürfen nicht überrascht sein. Bleiben Sie ruhig, auch wenn er sich komisch benimmt! Behalten Sie ihn im Auge. Ich kann nichts versprechen, aber ich glaube, ich hab’ ihn.«

Mr. Du Pont war begeistert. »Großartig, alter Junge!« rief er überschwenglich. »Hätt’ ich den Schuft nur schon im Visier: ab, und zur Hölle mit ihm!«

Bond fuhr zu seiner Suite hinauf. Dort entnahm er seinem Koffer eine Leica, Belichtungsmesser, Filter und Blitz. Er schraubte eine Lampe in den Halter und machte die Kamera schußfertig. Wo würde die Sonne um halb vier stehen? Neben der offenen Balkontür stellte er den Belichtungsmesser ein: Belichtung eine Hundertstelsekunde. Jetzt noch Blende 11, Distanz vier Meter, Probeaufnahme. In Ordnung. Er steckte den Blitzlichthalter an und legte die Kamera weg.

Nochmals ging er zum Koffer, entnahm ihm ein dickes Buch, Die Bibel, einmal anders, schlug es auf und zog den Berns-Martin-Halfter mit der Walther-PPK heraus. Er schob den Halfter links unter den Hosenbund, prüfte jede Einzelheit seines Appartements, in der Annahme, es gleiche dem unteren. Er überzeugte sich, daß der Hauptschlüssel in jedes Schloß paßte, übte mehrmals lautloses Türöffnen und setzte sich schließlich mit einem bequemen Stuhl vor die offene Balkontür, um sein weiteres Vorgehen zu überdenken.

Spielbeginn war drei Uhr. Um drei Uhr fünfzehn trat Bond an die Brüstung und spähte hinab auf die zwei kleinen Gestalten an dem grünen Filzquadrat. Dann ging er ins Zimmer zurück, schlüpfte in seine dunkelblaue TropenKammgarnjacke, rückte die Krawatte zurecht, hängte sich die Leica um den Hals, trat auf den Korridor und begab sich zum Lift. Er fuhr bis zum Erdgeschoß und betrachtete dort die Auslagen im Foyer. Als der Lift wieder oben war, ging er zur Treppe und stieg langsam zur zweiten Etage hinauf. Sie entsprach in allem der zwölften, auch T ür Nr. 200 entsprach seiner eigenen. Er nahm den Hauptschlüssel heraus, öffnete, trat ein und schloß die Tür geräuschlos hinter sich. Ein kleiner Vorraum, zwei Mäntel und ein Hut an der Hakenwand. Die Leica eng ans Gesicht gehoben, probierte Bond, die Zimmertür zu öffnen. Sie gab nach. Noch bevor er sah, was er schon wußte, hörte er die tiefe, angenehme Frauenstimme. ». . . kauft Fünf und Vier . . . komplettiert Fünfercanasta mit zwei Zweiern . . . wirft die Vier ab . . . hat an Einzelkarten: König, Buben, Neuner, Siebener.«

Bond glitt ins Zimmer.

Das Mädchen saß auf dem Tisch innerhalb des Zimmers, einen Meter von der geöffneten Balkontür entfernt. Zwei Kissen gaben ihr die nötige Augenhöhe. Wegen der großen Hitze trug sie nur Büstenhalter und Schlüpfer, beide schwarz. Sie ließ gelangweilt die Beine baumeln, während sie ihre Fingernägel lackierte. Vor sich hatte sie ein Stativ mit Feldstecher und Mikrophon, von dem ein Kabel zu einem plattenspielergroßen Kasten unterm Tisch lief. Von dort führten weitere Kabel zur Innenantenne auf einem Wandregal.

Der Schlüpfer spannte sich, als sie sich vorbeugte, um durch den Feldstecher zu blicken: »Kauft Dame und König . . . Damendrilling . . . Kann Könige mit Joker verbinden . . . wirft Siebener ab.« Sie schaltete das Mikrophon aus.

Während sie weiter konzentriert durch das Glas blickte, trat Bond lautlos hinter sie. Jetzt hatte er alles im Sucher: ihren Kopf, den Feldstecher, das Mikrophon - und zwanzig Meter tiefer den Tisch mit beiden Spielern und Mr. Du Ponts Kartenblatt, Rot und Schwarz gut unterscheidbar. Er drückte ab. Ein knallender Blitz - ein Aufschrei. Sie wirbelte herum.

»Wer sind - was wollen Sie?« Ihre Hand war am Mund.

»Was ich will, hab’ ich. Keine Sorge, alles schon vorbei. Bond mein Name, James Bond.«

Behutsam legte er die Kamera auf den Stuhl und trat in den Bereich ihres Parfüms. Sie war sehr schön mit ihrem blonden, auf die Schultern fallenden Haar, tiefblauen Augen in dem leichtgebräunten Gesicht und dem kecken Mund.

Jetzt glitt sie vom Tisch, nahm die Hand vom Mund. Die Brust straffte den Halter.

»Was haben Sie vor?« Die Stimme klang fest, in den Augen war keine Angst mehr.

»Mit Ihnen gar nichts. Ich will nur Goldfinger ein wenig ärgern. Bitte, lassen Sie mich sehen!«

Bond trat an ihre Stelle und blickte durchs Glas. Das Spiel war im Gang, Goldfinger war nichts anzumerken.

»Hört er auf, wenn er keine Anweisungen bekommt?«

Sie zögerte. »Manchmal fällt ein Stecker heraus. Dann wartet er ab, bis ich mich wieder melde.«

Bond lächelte ihr zu. »Dann lassen wir ihn jetzt ein bißchen schmoren. Da!« Er streckte ihr die Chesterfieldpackung hin. »Außerdem sind Ihre Fingernägel noch nicht fertiglackiert.«

Sie lächelte flüchtig, nahm eine Zigarette: »Wie lange sind Sie schon hier drin? Das war vielleicht ein Schock!«

»Goldfinger versetzt dem armen Mr. Du Pont seit einer Woche Schock um Schock.«

»Ja«, meinte sie unsicher. »Das ist wohl ziemlich gemein! Aber Du Pont ist doch furchtbar reich, nicht?«

»Das schon, seinetwegen mach’ ich mir auch keine Sorgen. Aber wenn Goldfinger einen Ärmeren erwischt? Warum tut er das überhaupt? Er ist doch selbst ein vielfacher Millionär?«

Ihr Gesicht belebte sich. »Ich versteh’ das auch nicht. Einfach eine Manie von ihm. Er sagt immer, ein Narr, wer nicht Geld macht, wenn die Chancen günstig sind. Und er ist nur darauf aus, günstige Chancen zu schaffen. Als er mich hierzu überredete« - sie wies auf das Fernglas - »und ich ihm das Risiko vorhielt, meinte er nur: >Merken Sie sich eines: sind die Chancen nicht günstig, dann macht man sie günstig.<«

»Sein Glück, daß ich nicht von der Polizei bin!«

Sie hob die Schultern. »Ach, da würde er sich schon loskaufen! Der kauft sich jeden. Dem Gold widersteht keiner.«

»Gold?«

»Ja, er führt immer eine Million in Gold mit sich, außer beim Zoll natürlich, da hat er nur den Gürtel voll Goldmünzen. Aber sonst ist es in dünnen Platten in den Kofferwänden. Eigentlich sind es lederüberzogene Goldkoffer.«

»Die müssen ja furchtbar schwer sein!«

»Sein Wagen hat Spezialfederung, und sein Chauffeur ist ein Athlet. Ein anderer darf nicht an die Koffer heran.«

»Und warum schleppt er das Zeug mit sich herum?«

»Für den Notfall, sagt er. Es könnte ihm alles erkaufen. Außerdem liebt er das Gold um des Goldes willen, wie andere Juwelen oder Briefmarken oder Frauen.« Sie lächelte.

Bond lächelte zurück. »Liebt er Sie?«

Sie wurde rot und sagte entrüstet: »Aber nein!« Dann, überlegter: »Denken Sie, was Sie wollen, aber er tut’s wirklich nicht. Das heißt - er möchte schon, daß die Leute glauben, daß es eine Liebesbeziehung ist, wissen Sie. Er ist nicht sehr anziehend. Ich vermute, es ist eher Eitelkeit.«

»Verstehe. Sie sind also nur eine Art Sekretärin?«

»Begleiterin. Ich muß nicht maschineschreiben.« Sie fuhr sich an den Mund. »Aber Sie werden ihm doch nichts erzählen? Er entläßt mich fristlos oder tut sonst etwas!«

»Nein, nein, ich sage nichts. Aber das ist doch kein Leben! Warum tun Sie das?«

Ihr Ton wurde bitter. »Hundert Pfund die Woche und all dies« - sie wies auf das Zimmer -, »das kommt nicht von nichts. Wenn ich genug gespart habe, werde ich gehen.«

Gehen? Würde Goldfinger das zulassen? Wußte sie nicht zuviel? Forschend blickte Bond ihr ins Gesicht. War ihr bewußt, wie gefährlich Goldfinger ihr werden konnte?

Verlegen lachend sagte sie: »Mir scheint, ich bin nicht sehr passend angezogen. Darf ich mir etwas umnehmen?«

Bond traute der Sache nicht recht. Schließlich zahlte nicht er ihr hundert Pfund pro Woche. So meinte er nur leichthin: »Sie sehen so korrekt aus wie die unten am Strand. Aber jetzt wollen wir Mr. Goldfinger aufs Korn nehmen!«

Während der Unterhaltung hatte Bond immer wieder durch das Glas gesehen. Alles hatte normal geschienen. Als er aber jetzt hinunterblickte, schien Du Pont völlig verändert, lebhaft, überschwenglich. Eben legte er eine ganze Handvoll Karten auf ein Königscanasta aus. Jetzt einen Zoll höher: Goldfingers rotbraunes Mondgesicht. Es war ungerührt, wartete geduldig. Eben drückte die Hand das Hörgerät fester ins Ohr.

Bond trat zurück. »Hübscher kleiner Apparat! Auf welcher Frequenz senden Sie?«

Sie verdrehte die Augen. »Einhundertsiebzig Mega . . .«

»Megahertz? Möglich. Würde mich wundern, wenn er nicht eine Menge Taxi- und Polizeirufe draufhätte. Muß sich unerhört konzentrieren können!« Er grinste. »Fertig? Dann wollen wir ihm kurz den Sessel wegziehen!«

Eine Hand lag plötzlich auf seinem Ärmel: »Muß das sein? Können Sie ihn nicht in Ruhe lassen?« Ihre Stimme vibrierte. »Bitte!« Sie zögerte, wurde rot. »Ich . . . ich würde alles tun, alles, was Sie wollen . . .« Sie blickte zu Boden.

Lächelnd löste Bond ihre Hand von seinem Arm und drückte sie. »Tut mir leid, aber ich werde dafür bezahlt. Ich muß es tun, und ich tu es auch! Höchste Zeit, daß man diesen Mr. Goldfinger staucht. Kann’s losgehen?«

Ohne die Antwort abzuwarten, sah er wieder durch das Glas in Goldfingers Gesicht. Dann drückte er den Schalter.

Goldfinger mußte es gehört haben. Zwar blieb sein Ausdruck derselbe, doch der Kopf hob und senkte sich langsam.

Leise sprach Bond ins Mikrophon. »Hören Sie mir jetzt gut zu, Goldfinger.«

Pause. Kein Mienenspiel, nur eine leichte Kopfneigung, als studierte er eifrig die Karten.

»Hier spricht James Bond. Sie wissen, Ihr Spiel ist aus, jetzt bezahlen Sie. Ich habe hier ein Foto mit allem drauf, Blondine, Feldstecher, Mikrophon und Sie mit Ihrem Hörgerät. Dieses Foto wird weder dem FBI noch Scotland Yard vorgelegt, wenn Sie jetzt tun, was ich sage. Nicken Sie!«

Unbewegten Gesichts beugte der Kopf sich vor.

»Legen Sie die Karten offen auf den Tisch!« Es geschah.

»Ziehen Sie Ihr Scheckbuch. Stellen Sie einen Barscheck auf fünfzigtausend aus: fünfunddreißig für Mr. Du Pont, zehn für mein Honorar, fünf für die kostbare Zeit, die Sie Mr. Du Pont gestohlen haben.«

Bond sah, wie sein Befehl ausgeführt wurde. Er stellte auf Mr. Du Pont ein. Der schien nach Luft zu schnappen.

Langsam trennte Goldfinger den Scheck ab und unterschrieb auf der Rückseite.

»In Ordnung. Drehen Sie jetzt Ihr Scheckbuch um und notieren Sie: Sie reservieren mir für heute abend ein Abteil im Silver Meteor nach New York. Sie lassen eine Flasche erstklassigen Champagner einkühlen und mit ausreichend Kaviar-Sandwiches ins Abteil stellen. Und Sie bleiben mir vom Leib! Das Foto geht jetzt mit genauem Bericht zur Post. Bin ich morgen nicht wohlbehalten in New York, wird der Brief geöffnet und sein Inhalt behandelt. Nicken Sie!«

Abermals neigte der große Kopf sich langsam. Die Stirn war jetzt schweißnaß.

»Schön. Jetzt reichen Sie den Scheck Mr. Du Pont. Sagen Sie: >Bitte vielmals um Entschuldigung, ich habe Sie betrogenen.< Dann können Sie gehen.«

Bond beobachtete die Übergabe. Der Mund öffnete sich, sprach. Goldfinger hatte sich in der Hand. Es war nur Geld, mit dem er seinen Abgang erkaufte.

»Moment, wir sind noch nicht fertig!« Bond blickte auf das Mädchen. Sie sah ihn an in einer Mischung aus Angst, Schmerz, Unterwerfung und Verlangen. »Wie heißen Sie?«

»Jill Masterton.«

Goldfinger hatte sich erhoben, wandte sich zum Gehen.

»Halt!«

Er stand still, sah jetzt zum Balkon hinauf. Das bleibt unvergessen, Mr. Bond, schien dieser Blick zu sagen.

Bond sagte leise: »Eines hatte ich vergessen, Mr. Goldfinger: Für die Reise nach New York nehme ich als Geisel Miss Masterton mit. Sehen Sie zu, daß sie im Zug ist. Ach, und natürlich ein Salonabteil! Das ist alles.«

5

Eine Woche später stand Bond im siebenten Stock des Secret Service Headquarters in Regent’s Park am offenen Fenster seines Dienstraums. Der Vollmond schien über dem schlafenden London dahinzujagen. Vom Big Ben schlug es drei. Drinnen begann ein Telefon zu läuten. Bond trat an den Schreibtisch und hob den Hörer des schwarzen Apparats ab.

»Beamter vom Dienst.«

»Anruf von Station H, Sir.«

»Verbinden Sie!«

Man hörte die Nebengeräusche der schlechten Funkverbindung mit Hongkong. Immer diese Sonnenflecken über China! Eine singende Stimme fragte: »Universal Export?«

Ganz nah und tief sprach jemand dazwischen: »Hongkong meldet sich, bitte, sprechen.«

»Gehen Sie aus der Leitung!« sagte Bond ungeduldig.

Wieder die singende Stimme von vorhin: »London ist da, bitte, sprechen!«

»Hallo! Hallo! Universal Export?«

»Jawohl«, sagte Bond.

»Hier spricht Dickson. Es ist wegen des Telegramms über den MangoTransport. Obst. Sie wissen davon?«

»Ja, ich hab’s hier.« Bond griff nach dem Ordner. Er wußte Bescheid. Das Obst waren Haftminen für Station H. Sie wollten damit drei Dschunken des rotchinesischen Spionagedienstes versenken, die vor Macao britische Frachter anhielten und nach Flüchtlingen durchsuchten.

»Bis zum zehnten muß die Zahlung erfolgt sein!«

Also würden nach diesem Datum die Dschunken abgezogen oder ihre Wachen verdoppelt sein. Irgend etwas Ernstes jedenfalls.

»Wird erledigt«, sagte Bond kurz.

»Danke! Und auf Wiederhören!«

Bond legte auf und nahm den grünen Hörer. Er wählte Abteilung Q und sprach mit dem Diensthabenden. Morgen ging eine BOAC Britannia ab. Das Obst würde zur Stelle sein.

Bond lehnte sich zurück. Zigarette. Er dachte an das kleine heiße Büro am Kai von Hongkong. Nr. 279, der sich eben Dickson genannt hatte, würde nicht schlecht schwitzen. Vielleicht sagte er soeben zu seinem Kollegen: »Alles okay, London macht es. Gehen wir jetzt den Einsatzplan nochmals durch.«

Als M ihn vor drei Tagen zum Nachtdienst beordert hatte, war Bond nicht entzückt gewesen. Er hatte geltend gemacht, daß sechs Jahre oo-Außendienst ihn der verantwortungsvollen Büroroutine entfremdet hätten.

»Ach, Sie sind bald wieder auf dem laufenden!« hatte M ungerührt erwidert. »Und bei Schwierigkeiten wenden Sie sich an die Sektionsdiensthabenden,

den Leiter des Stabes - oder im Notfall an mich. Aber ich bin dafür, daß die dienstälteren Beamten eine Zeitlang Innendienst machen.« M hatte Bond kühl angesehen. »Neulich hat das Schatzamt interveniert. Der Verbindungsmann dort sieht die oo-Abteilung für überflüssig an. Ich konnte mich natürlich nicht auf einen Streit einlassen, sagte ihm nur, er sei im Irrtum. Jedenfalls wird es Ihnen nicht schaden, einigen Extradienst zu leisten. Da rosten Sie wenigstens nicht ein.«

Bond war’s gleich. In dieser halben Woche hatte ihm sein gesunder Menschenverstand durchaus genügt. Es gab nur Routinesachen weiterzuleiten. Ihm gefiel es ganz gut, in diesem stillen Raum jedermanns Geheimnisse zu erfahren und dabei durch ein hübsches Kantinenmädchen mit Kaffee und Sandwiches versorgt zu werden. Er mochte keinen Tee.

Der zweite Grund dafür, daß Bond die Stille des Nachtdienstes zusagte, war eine Arbeit, die er zu schreiben vorhatte - ein Handbuch über die Geheimdienstmethoden des Kampfes ohne Waffe. Unter dem Titel »Bleib leben!« sollte das Beste zusammengefaßt sein, was innerhalb aller Geheimdienste zu diesem ttema je erschienen war. Bond hoffte, das Buch nach seiner Fertigstellung und mit Ms Einverständnis der kleinen Zahl von Secret-Service-Diensthandbüchern einzugliedern.

Bond hatte sich die Originale beziehungsweise die Archivübersetzungen zusammengeborgt. Meist waren es Beutestücke von feindlichen Agenten, einige stammten von Schwesterorganisationen wie der amerikanischen OSS und CIA sowie vom französischen Deuxième. Das Buch, das er gerade studierte, war ein besonders wertvolles Stück, der übersetzte Titel lautete »Verteidigung«, bestimmt für die Agenten von SMERSH, der sowjetischen Mordorganisation.

Heute nacht war er bis zu Kapitel zwei gekommen: »Mitnahme- und Gewahrsamsgriffe.« Nun nahm er sich die Abschnitte »Handgelenksmitnahme«, »Armfesselmitnahme«, »Unterarmfessel«, »Kopffessel« und »Druckpunkte am Hals« vor.

Nach einer halben Stunde hatte er genug, trat ans Fenster und sah hinaus. Die plumpe Ausdrucksweise der Russen war ekelhaft. Er empfand ebensolchen Abscheu wie vor zehn Tagen in Miami Airport. Was war mit ihm los? Hielt er es nicht mehr durch? Machte er schlapp, oder war er nur überdreht? Eine Weile sah er den unterm Mond dahinjagenden Wolken zu. Wieder am Schreibtisch, entschied er, daß er von all den Arten körperlicher Gewaltanwendung ebenso genug hatte wie ein Psychoanalytiker von den Komplexen seiner Patienten.

Nochmals las er die widerliche Stelle: »Mit einer Betrunkenen wird man leicht fertig, wenn man ihre Unterlippe zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt und umdreht. Sie wird dem Zug gehorchen und mitkommen.«

Bond steckte sich eine Zigarette an, starrte ins Licht und wünschte einen Anruf herbei, um auf andere Gedanken zu kommen. Noch fünf Stunden bis zum NeunUhr-Bericht beim Leiter des Stabes oder bei M, falls der so früh da sein sollte. Irgend etwas ließ ihm keine Ruhe mehr. Was war es nur? Daumen, Zeigefinger

- Goldfinger! Mal sehen, ob das Archiv irgend etwas über ihn hatte!

Er hob den grünen Hörer ab, wählte »Archiv« und gab seinen Wunsch durch.

»Im Moment sagt mir der Name nichts. Ich rufe zurück.«

Bond legte auf.

Die Bahnfahrt war herrlich gewesen. Erst die Sandwiches und der Champagner, dann die Liebe: lang und ausgiebig auf dem schmalen Lager, zum Rhythmus der gewaltigen, meilenfressenden Diesel. Hungrig nach körperlicher Liebe, hatte sie in jener Nacht noch zweimal zart und schweigend nach ihm verlangt und tags darauf zweimal den Rollvorhang herabgezogen, seine Hand genommen und um Liebe gebettelt. Noch jetzt hatte Bond das helle Läuten der vorübersausenden Bahnübergänge im Ohr, das tiefe Geheul des Signalhorns weit vorne, den verworrenen Lärm, der vom Bahnsteig hereindrang.

Goldfinger habe seine Niederlage ruhig hingenommen, hatte Jill berichtet; er lasse Bond durch sie lediglich bestellen, daß er innerhalb einer Woche in England sein und dann in Sandwich gern die vereinbarte Golfpartie austragen würde. Sonst nichts, weder Drohungen noch Flüche. Jill erwarte er mit dem nächsten Zug zurück, und sie werde fahren. Bond wollte es nicht zulassen, doch sie hatte keine Angst. Was konnte Goldfinger ihr schon anhaben? Und die Stellung war gut.

Bond schenkte ihr die zehntausend Dollar, die der freudestammelnde Du Pont ihm aufgezwungen hatte. Sie wollte nicht annehmen, doch er hatte sie überredet, das Geld für den Notfall zurückzulegen. Dann hatte er sie zur Bahn gebracht, noch einmal heftig geküßt und war gegangen. Es war nicht Liebe gewesen. Sünde? Bond mußte lächeln. Wie hieß es bei Augustinus? »Herr, gib mir Keuschheit. Doch gib sie nicht sofort.«

Der grüne Apparat klingelte. »Wir haben da drei Goldfingers, Sir, zwei davon tot. Der dritte ist ein russischer Agent in Genf. Betreibt einen Friseursalon und steckt den Kunden die Nachrichten in die Manteltasche. Verlor bei Stalingrad ein Bein. Ist er das, Sir? Es steht noch eine Menge über ihn da.«

»Danke, aber der kann’s nicht sein.«

»Wir könnten morgen früh noch im CID-Archiv nachsehen lassen. Haben Sie ein Foto von ihm, Sir?«

Bond erinnerte sich an seine Leica. Er hatte den Film noch nicht einmal entwickeln lassen. »Ist der Identicast-Raum frei?« fragte er. So würde es schneller gehen.

»Ja, Sir. Ich kann den Apparat für Sie bedienen.«

»Danke, ich komme gleich hinunter.«

Nachdem er der Vermittlung Bescheid gegeben hatte, fuhr Bond ins Archiv hinunter. Der Bau war erfüllt vom Gesumm der Nacht: gedämpftes Maschineschreiben, ein an- und abschwellender Radioton und über allem das leise Singen der Ventilation. Wie ein Schlachtschiff im Hafen, dachte Bond.

Der Archivmann erwartete ihn im Projektionsraum am Bedienungspult des Identicast. »Die Hauptzüge, bitte. Ich kann dann alles ausscheiden, was nicht in Frage kommt.«

Bond beschrieb sie kurz, während er Platz nahm und das Lichtviereck an der Wand betrachtete.

Der Identicast, ein Apparat zur Gesichtsrekonstruktion aus dem Gedächtnis, arbeitete nach dem Prinzip der Laterna magica. Man projizierte verschiedene Kopfgroßen und -formen an die Wand. Was entsprach, blieb stehen. Dann kamen verschiedene Haarschnitte an die Reihe, hernach weitere Einzelheiten nach demselben Schema: Augen, Nase, Kinn, Mund, Augenbrauen, Wangen, Ohren. Schließlich erhielt man ein Gesamtbild, das sich mit der Erinnerung weitgehend deckte. Das Foto davon kam ins Archiv.

Es dauerte seine Zeit, Goldfingers ungewöhnliches Gesicht zusammenzusetzen, doch schien das Schwarzweißbild ähnlich. Bond diktierte noch ein paar Einzelheiten über Sonnenbräune, Haarfarbe und Blick, womit die Sache erledigt war. »Bei Nacht möchte ich dem ja nicht begegnen«, sagte der Archivmann. »Mit Dienstbeginn werd’ ich das Bild an die CID weitergeben. Mittags müßten Sie Bescheid haben.«

Bond fuhr wieder hinauf. Ein Stoß Nachrichten war noch zu sichten, der Nachtbericht abzufassen. Endlich war es acht Uhr. Bond rief die Kantine an und bestellte das Frühstück. Er war eben damit fertig, als das rote Telefon klingelte. Das war M! »Ja, Sir?«

»Kommen Sie auf einen Sprung zu mir, 007!«

Na, gut. Bond zog die Jacke an, strich sich durchs Haar, informierte die Vermittlung, nahm den Nachtbericht und fuhr in den Oberstock. Dort klopfte er an Ms Tür und trat ein.

»Nehmen Sie Platz, 007.« Das übliche Pfeifenanzünden. Angesichts dieser morgendlich-heiteren Seemannszüge über dem frischen Kragen wurde Bond sich seiner Übernächtigkeit doppelt bewußt. Er versuchte sich zu konzentrieren.

»Ruhige Nacht?« M sog an der Pfeife und musterte Bond.

»Ziemlich, Sir. Nur Station H -«

M wehrte ab. »Das steht im Bericht. Geben Sie her.«

Bond übergab die Geheimmappe, M legte sie weg. Dann, mit einer Andeutung seines selten gezeigten Lächelns: »Immer kommt es anders, 007: kein Nachtdienst mehr!«

Bonds Puls schlug rascher, wie schon so oft in diesem Zimmer. M hatte was für ihn! Aber er sagte: »War eben dabei, mich einzugewöhnen, Sir.«

»Natürlich. Dazu ist später Zeit. Ich habe eine komische Sache. Nicht ganz Ihre Linie, außer einem gewissen Aspekt, der« - M legte die Pfeife weg - »vielleicht gar keiner ist.«

Bond lehnte sich zurück und wartete.

»Ich speiste gestern mit dem Präsidenten der Bank von England zu Abend. Man hört da immer was Neues, zumindest für mich war es neu. ttema Gold

- aber die Kehrseite: Schmuggel, Fälschung und so weiter. Dachte gar nicht, daß man in der Bank von England soviel über Verbrecher weiß. Hängt wohl mit dem Währungsschutz zusammen.« Und mit fragend hochgezogenen Augenbrauen: »Verstehen Sie was von Gold?«

»Nein, Sir.«

»Heute nachmittag werden Sie was verstehen. Sie treffen da einen gewissen Colonel Smithers, sechzehn Uhr, Bankgebäude. Dieser Smithers leitet dort die Untersuchungsabteilung. Wie ich höre, ist das so eine Art Spionagesystem. Daß ich es erst seit gestern weiß, zeigt, wie abgedichtet voneinander wir arbeiten. Jedenfalls, Smithers und seine Burschen haben ein Auge auf alles Anrüchige in der Bankwelt, besonders was gewisse Machenschaften hinsichtlich Währung, Goldreserven und so weiter betrifft. Nun hat Smithers seit Jahren einen Verdacht, eigentlich mehr instinktiv und nur belegt durch gewisse Rückschlüsse. Es ist seit dem Krieg ein großer Goldschwund aus England zu verzeichnen, aber wie gesagt, Smithers’ Verdacht ist nicht recht zu belegen. Deshalb hat der Bankpräsident vom Premier die Erlaubnis eingeholt, uns beizuziehen.« M sah Bond fragend an. »Wer, meinen Sie, sind die reichsten Männer in England?«

Bond überlegte. Reiche Leute gab es ja genug. Aber wer von ihnen war wirklich liquid? Nur um etwas zu sagen, meinte er zögernd: »Nun, Sir, da wäre Sassoon, dann dieser undurchsichtige Reeder . . . Ellermann . . . Auch Lord Cowdray soll sehr reich sein . . . Dann all die Bankiers: die Rothschilds, die Barrings, die Hambros . . . Dann Williamson, der Diamantenmann, und Oppenheimer in Südafrika. Auch ein paar Herzöge dürften in Frage kommen.« Er verstummte.

»Nicht schlecht, aber das Trumpfas haben Sie ausgelassen, einen, von dem auch ich es nie gedacht hätte. Erst der Präsident hat mir’s gesagt: Goldfinger heißt er. Auric Goldfinger.« Bond platzte heraus.

»Was gibt’s da zu lachen?« M schien gereizt.

»Verzeihung, Sir. Aber erst heute nacht hab’ ich sein Gesicht am Identicast zusammengesetzt.« Er sah auf die Uhr. »Jetzt ist es schon unterwegs zum CID-Archiv.«

M wurde ärgerlich: »Mann, machen Sie’s nicht so spannend!« Bond begann die Geschichte von Anfang an zu erzählen.

Ms Miene erhellte sich zusehends. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, starrte er zur Zimmerdecke hinauf.

»Übrigens, was ist mit diesen zehntausend Dollar?«

»Die hat das Mädchen, Sir.«

»So! Und warum nicht das Weiße Kreuz?« Das war der Witwen- und Waisenfonds des Geheimdienstes.

M hatte für Bonds Weibergeschichten nie viel übrig gehabt, sie taten seiner viktorianischen Seele weh. So sagte er nur: »Also, das war’s für jetzt, 007. Heute nachmittag hören Sie mehr. Komisch, dieser Goldfinger. Hab’ ihn ein- oder zweimal im Blades beim Bridgespielen gesehen. Und hinter dem ist die Bank von England her.« M blickte über den Tisch und sagte mild: »Und von jetzt an auch Sie!«

6

Colonel Smithers sah genauso aus, wie sein Name vermuten ließ. Vermutlich war er Oberst beim Generalstab gewesen. Höflich, untadelig, seriös, so wirkte alles an ihm. Ohne Hornbrille hätte er sehr gut ein respektables, wenngleich hageres Mitglied der königlichen Hofhaltung vorstellen können.

Bond sagte: »Hier soll ich also alles über Gold erfahren.«

»So ist es. Ihnen gegenüber kann ich ja offen sein« - der Colonel blickte über Bonds rechte Schulter hinweg -, »Sie wissen ja, daß fast alles, was ich zu sagen habe, vertraulich ist.« Bonds Schweigen war beredt. Smithers verbesserte sich sofort: »Aber wozu das erwähnen! Ein Mann Ihres Berufes . . .«

Bond half ihm: »Jeder von uns hält nur die eigenen Geheimnisse für wichtig. Vielleicht war es ganz gut, mich daran zu erinnern. Trotzdem kann ich Sie beruhigen: Außer meinem Chef wird niemand etwas erfahren.«

»Natürlich, natürlich! Nett von Ihnen, es so aufzufassen. Man wird hier in der Bank nachgerade überdiskret. Nun denn - die Sache mit dem Gold. Ich nehme an, Sie haben noch nie ernsthaft darüber nachgedacht? Nun, die Hauptsache ist, daß Gold den wertvollsten und marktgängigsten Artikel darstellt. Für ein Goldstück erhalten Sie überall in der Welt Ware oder Dienstleistung, nicht wahr?« Colonel Smithers war in seinem Element. Bond lehnte sich zurück. Er hörte gern zu, wenn jemand sein ttema beherrschte. Der Colonel hob die Pfeife: »Im weiteren ist von Bedeutung, daß man dem Gold seine Herkunft nicht ansieht. Sovereigns haben keine Seriennummer, und einen gestempelten Goldbarren kann man einschmelzen. Daher ist es fast unmöglich, Herkunft, Bestand oder Umlauf des Goldes in der Welt zu kontrollieren. Wir in England können nur das Gold in den Tresoren unserer Banken und im Münzamt zählen. Schon bei den Juwelieren und Pfandleihern sind wir auf Schätzungen angewiesen.«

»Und warum müssen Sie das so genau wissen?«

»Weil Gold und goldgedeckte Währung das Fundament unseres internationalen Kredits sind. Wir und andere Länder können die tatsächliche Stärke des Pfunds nur angeben, wenn wir wissen, wieviel Valuta hinter unserer Währung steht. Und meine Hauptaufgabe, Mr. Bond, ist es, auf jeden Goldschwund aus England und aus dem Sterlingblock zu achten. Sobald ich ein Abwandern von Gold in ein Land mit besserem Wechselkurs feststelle, muß ich die Goldabteilung der CID auf dieses Gold ansetzen und trachten, es in unsere Tresore zurückzuführen, die undichte Stelle zu schließen und die Schuldigen festzunehmen. Die Schwierigkeit ist aber die, daß das Gold die größten, die gewiegtesten Verbrecher anzieht. Sie sind sehr, sehr schwer zu fassen.«

»Ist diese Goldknappheit nicht nur temporär? Produziert Afrika nicht rasch genug? Ist nicht genug davon im Umlauf? Ist das nicht wie bei jedem Schwarzmarkt - er verschwindet bei stärkerer Anlieferung?«

»Ich fürchte, nein, Mr. Bond. So einfach ist das nicht. Sehen Sie, die Weltbevölkerung nimmt stündlich um viertausendfünf-hundert Köpfe zu. Ein kleiner Prozentsatz davon beginnt, weil er der Währung nicht traut, Goldstücke zu horten. Ein weiterer Prozentsatz braucht Zahngold, Brillenfassungen, Schmuck, Eheringe. Das alles entzieht dem Markt Jahr um Jahr Tonnen von Gold. Neue Industrien benötigen Golddraht, Goldbelag, Goldverbindungen. Gold besitzt besondere Eigenschaften, es glänzt, ist formbar, streckbar, beinahe unwandelbar und besitzt eine höhere Dichte als alle üblichen Metalle außer Platin. Es hat aber zwei Nachteile: Es ist nicht hart genug und verbraucht sich rasch, bleibt im Taschenfutter und im Schweiß unserer Haut zurück. Jedes Jahr verringert sich der Weltvorrat durch Reibung. Aber der zweite, weit ärgere Nachteil liegt in seiner Eigenschaft als Talisman gegen die Angst. Die Angst, Mr. Bond, zieht das Gold aus dem Umlauf und hortet es für schlechte Zeiten. Heute, wo jeder Tag die Katastrophe bringen kann, darf man ruhig annehmen, daß ein großer Teil jenes Goldes, das man am einen Ende der Erde ausgräbt, am anderen sofort wieder eingegraben wird.«

Bond fragte: »Was muß ich noch wissen, ehe wir uns Ihrem eigentlichen Problem widmen können?«

»Nun, Sie meinten vorhin, daß die enorme Goldproduktion den Weltbedarf decken müßte. Weit gefehlt! Die Goldvorkommen der Welt sind bekannt, und es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß weite Gebiete noch der Erschließung harren. Eigentlich bleiben dafür nur noch der Meeresgrund und das Meer selbst, das ja einen gewissen Goldgehalt aufweist.« Der Colonel hob die Hände. »Die gesamte Produktion von Klondike, Homestake und Eldorado, einstmals die Wunder der Welt, ergäbe nur die Menge von zwei oder drei Jahren der heutigen Förderung in Afrika! Man muß sich vor Augen halten, daß in der Zeit von 1500 bis 1900, für die es ungefähre Ziffern gibt, insgesamt etwa achtzehntausend Tonnen Gold produziert wurden. Hingegen haben wir von 1900 bis heute einundvierzigtausend Tonnen gefördert. Bei diesem Tempo, Mr. Bond, würde es mich nicht wundern, wenn in weiteren fünfzig Jahren die Geldvorräte der Erde erschöpft wären!«

Von solcher Argumentation beeindruckt, fiel es Bond nicht schwer, ebenso ernst dreinzublicken wie der Colonel. »Die Geschichte, die Sie da erzählen, ist faszinierend, aber vielleicht ist die Lage nicht so schlecht, wie Sie denken. So wie man unterm Meer nach öl bohrt, wird man vielleicht auch nach Gold schürfen. Aber nun zu dieser Schmuggelsache.«

»Sehr wohl.« Nun war die müde Stimme eines überarbeiteten Mannes vom Regierungsdienst zu hören, der sein Ressort beherrscht und den Rest sehr wohl zu erraten weiß. »Nehmen wir einmal an, Sie haben in Ihrer Tasche einen Goldbarren in der Größe von zwei Players-Schachteln, Gewicht etwa zweieinhalb Kilo. Er hat vierundzwanzig Karat - was wir Feingehalt Tausend nennen. Nach dem Gesetz müssen sie ihn zum kontrollierten Preis von zwölf Pfund zehn pro Unze der Bank von England verkaufen. Sie sind aber habgierig, Sie haben einen Freund, der nach Indien fährt, Pilot oder Steward bei einer Fernost-Linie ist. Da müssen Sie Ihren Barren in dünne Platten zerschneiden lassen und diese Platten

- sie sind kleiner als Spielkarten - in einen Baumwollgürtel einnähen. Für das Tragen dieses Gürtels zahlen Sie Ihrem Freund eine Provision von, sagen wir, hundert Pfund. Das können Sie sehr wohl tun, denn Ihr Freund erhält in Bombay beim nächsten Goldhändler im Basar für Ihren Zwei-einhalb-Kilo-Barren eintausendsiebenhundert Pfund. Das sind« - Colonel Smithers schwenkte geringschätzig seine Pfeife - »nur siebzig Prozent Gewinn. Gleich nach dem Krieg härten Sie dreihundert erzielt. Jedes Jahr nur ein halbes Dutzend solcher Sendungen, und Sie könnten sich jetzt zur Ruhe setzen.«

»Warum zahlt man in Indien so viel?« Bond fragte nur für den Fall, daß M es wissen wollte.

»Kurz gesagt, Indien besitzt weniger Gold als irgendein anderes Land, besonders für den Juwelenhandel.«

»Wie hoch beläuft sich dieser Schwarzhandel?«

»Ungeheuer hoch. 1955 haben indischer Geheimdienst und Zoll dreiundvierzigtausend Unzen beschlagnahmt. Ich zweifle, daß das auch nur ein Prozent des Umsatzes ist. Aus allen Weltrichtungen kommt Gold nach Indien. Das Neueste ist, von Macao herüberzufliegen und es mit dem Fallschirm abzuwerfen, eine Tonne auf einmal.«

»Verstehe. Und wo könnte ich sonst noch für meinen Goldbarren einen guten Preis erzielen?«

»Kleine Gewinne in den meisten Ländern, in der Schweiz zum Beispiel. Aber Indien ist noch immer der richtige Ort.«

»Schön«, sagte Bond. »Ich glaube, ich bin im Bild. Und worin besteht nun Ihr spezielles Problem?«

Plötzlich war etwas wie Jagdlust in Colonel Smithers’ Blick. »1937 kam ein Mann namens Auric Goldfinger nach England. Flüchtling aus Riga, erst zwanzigjährig. Er muß ein schlauer Bursche gewesen sein, um so früh schon die russische Besetzung vorauszuahnen. Er war Juwelier und Goldschmied wie sein Vater und Großvater, besaß ein wenig Geld und wahrscheinlich auch einen solchen Goldgürtel. Ich wage zu behaupten, daß er ihn seinem Vater gestohlen hatte. Nun, bald nach seiner Naturalisierung begann er, im ganzen Land kleine Pfandleihgeschäfte aufzukaufen. Er setzte gutbezahlte Angestellte hinein und änderte die Firmennamen auf Goldfinger. Und dann ging es los: >Wir kaufen jede Menge Altgold zu besten Preisen!< Dann noch einen Verkaufsslogan für billigen Schmuck, >Ihren Verlobungsring für Omas Medaillon!<, und Goldfinger begann zu verdienen. Dazu die stets gutgewählte Lage und niemals >heiße< Ware. So stand er auch bei der Polizei in gutem Ruf. Er wohnte in London und sammelte allmonatlich das Altgold ein. Das Schmuckgeschäft überließ er seinen Geschäftsführern. Sie glauben vielleicht, Mr. Bond, diese alten Medaillons und Goldkreuze seien nicht der Rede wert. Sie sind es auch nicht, solange man nicht zwanzig Filialen besitzt. Nun ja, es kam also der Krieg, und Goldfinger mußte wie alle Juweliere seinen Goldbesitz angeben. Ich habe seine Zahlen in unseren alten Listen nachgeprüft: fünfzig Unzen für alle Geschäfte zusammen! Gerade genug, um sie weiterhin mit Juweliermaterial zu versorgen. Natürlich durfte er das Gold behalten. Für die Dauer des Krieges nahm er dann Deckung in einer Werkzeugmaschinenfabrik in Wales, weit vom Schuß, betrieb aber möglichst viele seiner Filialen weiter. An den GI, die gewöhnlich einen Goldadler oder ein mexikanisches Fünfzigdollarstück in Reserve hatten, muß er nicht schlecht verdient haben. Mit dem Frieden wurde er aktiv. Er kaufte sich ein Haus, so ein angeberisches in Reculver an der ^emsemündung. Er griff zu bei einem Brixham-Fischdampfer und bei einem alten Rolls-Royce Silver Ghost, einem gepanzerten Wagen für einen südamerikanischen Präsidenten, der ermordet worden war, ehe er ihn übernehmen konnte. Auf seinem Grundstück errichtete er eine kleine Fabrik, nannte sie ^anet-Legierungsforschung und nahm dafür einen deutschen Metallurgen auf, einen Kriegsgefangenen, der nicht mehr zurück wollte, sowie ein halbes Dutzend koreanischer Dockarbeiter, die er von Liverpool mitbrachte. Sie verstanden kein Wort einer zivilisierten Sprache, waren also sicher. Aus den nächsten zehn Jahren wissen wir nur, daß er jedes Jahr einmal mit dem Fischdampfer nach Indien und mehrmals mit dem Wagen in die Schweiz fuhr. Dort richtete er bei Genf einen Zweigbetrieb seiner Legierungsfirma ein. Seine Londoner Geschäfte hielt er weiterhin in Gang, ließ aber das Gold von einem seiner Koreaner einsammeln, den er zum Chauffeur gemacht hatte. Goldfinger ist vielleicht kein ganz ehrlicher Mann, aber er benahm sich immer gut, und da es hierzulande viel auffallendere Dinge gibt, kümmerte sich niemand um ihn.«

Der Colonel brach ab, wie um Entschuldigung bittend: »Ich langweile Sie nicht? Wissen Sie, es liegt mir daran, den Mann zu schildern, wie er ist: ruhig, vorsichtig, gesetzestreu, bewundernswert unternehmend und zielstrebig. So wurden wir erst im Sommer 1954 auf ihn aufmerksam, als ihm ein kleines Mißgeschick unterlief: Sein Fischdampfer strandete auf der Rückreise von Indien bei den Goodwins, und er verkaufte das Wrack für einen Pappenstiel an die DoverBergungsgesellschaft. Beim Abwracken fand man die Balken des Laderaums mit einer Art braunem Pulver imprägniert. Die chemische Analyse ergab, daß es sich um Gold handelte. Ich will Sie nicht mit Formeln langweilen, aber man kann Gold in einer Mischung von Salzsäure und Salpetersäure auflösen und mit Hilfe von Schwefeldioxyd und Oxalsäure in braunes Pulver verwandeln. Durch Schmelzen bei zirka tausend Grad Celsius erhält man daraus wieder Goldbarren. Bis auf das Chlorgas ein ganz einfacher Vorgang. Irgendein Schnüffler bei der Bergungsfirma erzählte einem Zollbeamten davon, und über Polizei und CID kam die Sache samt den beigeschlossenen Zollscheinen von Goldfingers Indienfahrten auf meinen Schreibtisch. Die Fracht war immer unter >Mineralstaub, Grundstoff für Düngemittel gelaufen, völlig glaubwürdig. Jetzt war alles sonnenklar: Goldfinger hatte sein Bruchgold in dieses braune Pulver verwandelt und als Düngemittel nach Indien verschifft. Aber er war nicht zu packen. Ich sah mir seinen Banksaldo und seine Steuererklärung an: zwanzigtausend Pfund bei Varclays in Ramsgate, Einkommensteuer samt Zuschlag jedes Jahr pünktlich bezahlt. Die Zahlen entsprachen durchaus dem normalen Gang einer gutgeführten Juwelierfirma. Wir schickten Goldfinger zwei Leute von der Goldabteilung in die Fabrik wegen Beachtung der Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften. Goldfinger hieß sie geradezu willkommen. Vielleicht war er gewarnt worden, aber die Fabrik befaßte sich ohnehin nur mit der Herstellung einer billigen Legierung für Juweliermaterial, machte Versuche mit Nickel und Zinn statt der üblichen Kupfer-Nickel-Palladiumlegierung. Natürlich gab es Spuren von Gold und Schmelzöfen zur Erhitzung bis zu zweitausend Grad, aber das war völlig in Ordnung! Wir waren geschlagen, unsere Rechtsabteilung entschied, daß das braune Pulver auf den Balken des Fischdampfers eine Anklage nicht rechtfertige, und damit war der Fall erledigt. Außer« - Colonel Smithers schwenkte langsam seine Pfeife - »daß ich den Akt nicht abschloß, sondern begann, mich überall in der Welt in den Banken umzusehen.«

Er machte eine Pause. Durch das halboffene Fenster drang der Lärm der Stadt herein. Bond sah verstohlen nach der Zeit: fünf Uhr. Colonel Smithers erhob sich, stützte sich auf den Tisch, beugte sich vor. »Ich habe fünf Jahre gebraucht, Mr. Bond, aber jetzt weiß ich, daß Goldfinger der an Bargeld reichste Mann Englands ist! In Zürich, Nassau, Panama, New York hat er Goldbarren im Wert von zwanzig Millionen Pfund! Und diese Barren kommen aus keiner staatlichen Münze, sondern sind von Goldfinger eingeschmolzen worden. In habe mir die fünf Millionen Pfund, die er in der Königlich-Kanadischen Bank aufbewahrt, angesehen. Wie ein Künstler hat er seine Arbeit signiert. Mikroskopisch klein ist auf jedem Barren ein Z eingekratzt! Und all dieses Gold gehört dem englischen Staat. Wir von der Bank können nichts mehr tun. Deshalb, Mr. Bond, ersuchen wir Sie, diesen Goldfinger zur Strecke und das Gold zurückzubringen. Sie wissen von der Währungskrise und dem hohen Diskontsatz? Nun, England braucht dieses Gold dringend - lieber heute als morgen.«