Buch
Roger Damon, ein Literaturagent in New York, führt ein ruhiges, zurückgezogenes Leben. Obwohl er schon über sechzig Jahre alt ist, hat er erst seit kurzem einigen finanziellen Erfolg. Doch er denkt nicht daran, seinen Lebensstil dem plötzlich höheren Einkommen anzupassen, und Sheila, seine Frau, bestärkt ihn in seiner Auffassung.
Eines Nachts wird Damon von einem Anruf aus dem Schlaf gerissen und sieht sich Morddrohungen gegenüber. Der Unbekannte am anderen Ende der Leitung spricht von einem Verbrechen, das Damon begangen habe und für das er büßen müsse. Doch dieser ist sich keiner Schuld bewußt.
Indessen versucht er nun herauszufinden, wann und wodurch er sich jemanden zum Todfeind gemacht haben könnte. Und langsam erkennt er: Fast alle Menschen, die bisher sein Leben für einige Zeit mit ihm geteilt haben - die geschiedene erste Frau, Liebhaberinnen, Freunde -, könnten hinter dem Anruf stehen. Dieses niederschmetternde Ergebnis des Rückblicks und der Gewissenserforschung macht aus dem zuvor ausgeglichenen Damon einen nervösen, ängstlich auf seine Sicherheit bedachten Menschen, der seine Arbeit vernachlässigt, der unter der brutalen Drohung fast zerbricht. In dieser Ausweglosigkeit ist Sheila seine einzige Hoffnung...
Autor
Irwin Shaw, 1913 in New York geboren und 1984 in Davos gestorben, begann früh zu schreiben. Sein Kriegsroman »Die jungen Löwen« (1948) machte ihn weltberühmt. Außer dem vorliegenden Band sind von Shaw als Goldmann-Taschenbücher erschienen:
Griff nach den Sternen. Roman (6598)
»Lucy Crown« - Im Augenblick das Leben. Roman (6733) Paris! Paris! Mit Zeichnungen von Ronald Searle (8393)
Der Wohltäter. Roman (6644)
Zwei Wochen in einer anderen Stadt. Roman (6767)
Irwin Shaw
GOLDMANN VERLAG
Ungekürzte Ausgabe Aus dem Amerikanischen von Walter Hasenclever Titel der Originalausgabe: Acceptable Losses Originalverlag: Arbor House Publishing Co, New York
Made in Germany • 1. Auflage • 8/86 Lizenzausgabe mit Genehmigung der Albrecht Knaus Verlag GmbH, München und Hamburg © 1982 der Originalausgabe bei Irwin Shaw © 1984 der deutschsprachigen Ausgabe bei der Albrecht Knaus Verlag GmbH, München und Hamburg Umschlagentwurf: Design Team München Umschlagfoto: Grüner + Jahr Fotoservice, Hamburg Druck: Elsnerdruck, Berlin Verlagsnummer: 8498 MV • Herstellung: Strohmaier ISBN 3-442-08498-9
Für Charles Tucker
«Sir», sagte der Adjutant zum Kommandierenden General, «Planung, Abwehr, Nachschub und Transport sind übereinstimmend der Auffassung, daß der vorgeschlagene Operationsplan eine 85%ige Erfolgschance bietet, bei vertretbaren Verlusten.»
Seit diesem und anderen Einsätzen werden vierundzwanzig Maschinen unserer Luftwaffe vermißt.
Der Nationale Sicherheitsrat hat gestern vorausgeschätzt, daß sich am bevorstehenden Feiertagswochenende fünfhundertachtundfünfzig tödliche Verkehrsunfälle ereignen werden.
ER ERWACHTE AUS EINEM ANGENEHMEN TRAUM, als das Telefon
im Schlafzimmer läutete. Im Traum war er ein kleiner Junge und ging an der Hand seines Vaters an einem sonnigen Herbsttag zur Yale Bowl, dem Footballfeld in New Haven, um zum ersten Mal in seinem Leben einem Footballspiel zuzuschauen.
«Sheila», murmelte er, «nimm du bitte ab ...» Der Apparat stand neben dem Bett an der Seite seiner Frau. Doch da fiel ihm ein, daß seine Frau nicht da war. Er seufzte und schob sich schwerfällig übers Bett. Die Leuchtziffem der kleinen Nachttischuhr standen auf kurz vor halb vier. Er seufzte wieder, als er nach dem Telefon tastete und abhob.
«Damon», sagte eine Stimme. Es war eine Stimme, die er nicht erkannte, rauh und heiser.
«Ja?»
«Mr. Damon», sagte die Stimme. «Ich habe eben die fabelhafte Neuigkeit gehört und wollte einer der ersten sein, der Sie beglückwünscht.»
«Wie bitte?» fragte Damon benommen und mit schwerer Zunge. «Wer spricht da? Was für eine Neuigkeit?»
«Alles zu seiner Zeit, Roger», sagte die Stimme. «Ich bin Zeitungsleser wie alle anderen. Und nach dem, was ich von Ihnen weiß, gehören Sie zu den netten Menschen, die ihr Glück gern mit anderen teilen - es sozusagen verbreiten.»
«Was fällt Ihnen eigentlich ein? Es ist drei Uhr morgens! ...»
«Es ist die Nacht zum Sonntag. Ich dachte, Sie wären vielleicht zu Hause und feierten mit Freunden. Nacht zum Sonntag, kleine Fete und was so dazugehört, und Sie würden mich zu einem Drink einladen ...»
«Ach, hören Sie doch auf, Mister», sagte Damon verdrießlich, «und lassen Sie mich schlafen.»
«Noch massenhaft Zeit zum Schlafen. Roger, Sie haben sich als ein übler Bursche erwiesen, und das müssen Sie
wiedergutmachen.» Die Stimme gab sich betont humorvoll.
«Was?» Damon schüttelte verwirrt den Kopf und fragte sich, ob er wieder träume. «Wovon, verdammt noch mal, reden Sie eigentlich?»
«Sie wissen, wovon ich rede, Roger.» Schon war die Stimme nicht mehr humorvoll, sondern drohend. «Hier spricht Zalovsky. Aus Chicago.»
«Ich kenne keine Zalovskys. Und ich war seit Jahren nicht mehr in Chicago.» Der aufsteigende Zorn ließ
Damons Stimme schärfer werden. «Was zum Teufel soll das überhaupt heißen, daß Sie mich mitten in der Nacht anru-fen? Ich lege jetzt auf und ...»
«Ich rate Ihnen, nicht aufzulegen, Roger», sagte der Mann. «Ich muß mit Ihnen reden.»
«Aber ich muß nicht mit Ihnen reden. Gute Nacht, Sir. Schluß jetzt.»
«Ich würde bedauern, wenn Sie etwas täten, was Sie bereuen müßten - sehr bereuen, Roger - zum Beispiel, wenn Sie bei Zalovsky auflegen. Ich will mit Ihnen reden, habe ich gesagt. Und zwar noch heute nacht.»
«Ich bin nicht in Chicago. Oder ist Ihnen das nicht aufgefallen, als Sie meine Nummer wählten?» Da er jetzt völlig wach war, wollte er's dem Mann heimzahlen, wenn auch nur übers Telefon. «Und wer sind Sie eigentlich, Mann - einer von diesen anonymen Telefonstörenfrieden?» Dann fiel ihm jedoch ein, daß es vielleicht einer seiner Freunde wäre, der sich bei einer nächtlichen Party oder in einer Bar besoffen hatte und sich einen Scherz mit ihm erlauben wollte. In seinem Geschäftsleben hatte er ein paar sonderbare Freunde aufgepickt. «Okay, okay», sagte er ruhiger. «Was haben Sie für sich vorzubringen?»
«Es ist nicht meine Art, etwas für mich vorzubringen», sagte der Mann. «Ich bin hier der Boss, Mister. Und ich bin nicht in Chicago. Ich bin nur ein paar Straßen von Ihnen entfernt. In der achten Straße. Nun tun Sie mal Ihr Woll-zeug runter, ziehen sich richtig an und treffen sich mit mir an Ihrer Ecke in - sagen wir - zehn Minuten. Dann haben Sie noch Zeit, sich die Zähne zu putzen und zu kämmen ...» Der Mann lachte; ein kurzes, tonloses Bellen.
«Ich weiß nicht, was das alles soll, Mr. Zalovsky», sagte Damon, «aber wenn Sie mit irgendwem namens Damon ein Geschäft Vorhaben, dann sprechen Sie mit dem falschen Damon. Sie sollten lieber aufpassen, ehe Sie irrtümlich mitten in der Nacht einen Mann anrufen und ...»
«Es ist nicht Zalovskys Gewohnheit, sich zu irren. Ich habe den richtigen Damon, und das wissen Sie. Ich rate Ihnen, in zehn Minuten da zu sein. Wenn nicht...» Der Mann räusperte sich. «Wenn nicht, dann hat das Folgen, Roger, Folgen, die Ihnen leid tun werden, sehr leid ...»
«Sie können mich am Arsch lecken», sagte Damon.
«Fluchen Sie nicht; und bevor Sie auflegen», sagte Zalovsky, «eine letzte Warnung. Es ist eine Frage von Leben und Tod. Ihr Leben und Ihr Tod.»
«Sie können mich noch mal», sagte Damon. «Sie haben zu viele Gangsterfilme gesehen.»
«Sie sind gewarnt, Roger. Ich rufe vielleicht nicht mehr an.»
Roger donnerte den Hörer auf die Gabel und schnitt die widerliche dicke Stimme ab.
Er hatte sich ausgestreckt und quer über das Bett gelegt, um das Telefon zu erreichen, aber jetzt schwang er sich herum und setzte sich auf. Er wußte, daß der Versuch, wieder einzuschlafen, zwecklos war. Er fuhr sich durchs Haar und preßte die Hände auf die Augen. Seine Hände zitterten, und er ärgerte sich deswegen über sich selbst. Es war nur gut, daß seine Frau an diesem Wochenende nicht zu Hause war, sondern ihre Mutter in Vermont besuchte. Der Anruf hätte sie erst geängstigt, dann erzürnt und schließlich argwöhnisch gemacht, und sie hätte ihn stundenlang ausgefragt, was er denn nun wirklich angestellt und was diesen Drohanruf um halb vier Uhr morgens provoziert habe. Das würde sich zu einem ihrer keineswegs häufigen Wortwechsel ausgewachsen haben, und sie hätte die Wen-
dung «deine sattsam bekannten Neigungen» und «mit deiner Vergangenheit» benutzt. Sie war von Natur aus eine friedliche Frau, aber Geheimniskrämerei konnte sie nicht ausstehen. Wenn sie sich um ihn sorgte und wenn sie meinte, daß er ihr einen Schmerz oder ein Problem verheimlichte, beschimpfte sie ihn. Er fragte sich, ob es nicht klüger wäre, ihr von dem Anruf zu erzählen. Bevor sie zurückkam, mußte er sich auf alle Fälle eine Begründung ausdenken, warum er den Platz im Bett mit ihr tauschen wollte, denn er wollte unbedingt selbst die Anrufe entgegennehmen. Auch das würde sie argwöhnisch machen, weil sie wußte, wie ungern er telefonierte. Sie war seine zweite Frau. Er hatte weniger als ein Jahr mit seiner ersten Frau gelebt und sich scheiden lassen, als er vierundzwanzig Jahre alt war. Mit vierzig hatte er zum zweitenmal geheiratet; und im Laufe ihrer über zwanzig Jahre dauernden zweiten Ehe hatte sich Sheila eine finstere Vorstellung von seinem Lebenslauf vor ihrer Begegnung erdichtet - oder, ehrlich gesagt, nicht gänzlich erdichtet. Sie war fünfzehn Jahre jünger als er, und wenn einer schon unbedingt eifersüchtig sein mußte, dann doch wohl eher er selber. Keine Logik in so einer Ehe.
Nun ja, dachte er, das war höchstwahrscheinlich so ein Spaß, wie Kinder sich ihn ausdenken, um sich zu amüsieren - aufs Geratewohl eine Nummer im Telefonbuch aussuchen und anrufen, um obszöne Anträge zu machen oder wüste Drohungen auszustoßen, und die Freunde im Hintergrund kicherten dazu. Aber das war keine Kinderstimme gewesen, und im Hintergrund war nicht gekichert worden. Trotzdem wollte er Sheila nichts davon erzählen. Der Mann hatte gesagt, er würde vielleicht nicht wieder anrufen. Bis er's tat, hatte er jedenfalls seine Ruhe zu Hause. Er hoffte, daß Sheila ihren Besuch in Vermont genoß und daß sie gut gelaunt zurückkehren würde.
Bis dahin ... Bis dahin, was?
Er seufzte, knipste das Licht an. Es war kalt in der Wohnung, und er zog sich einen warmen Hausmantel über, wobei ihm die höhnische Stimme wieder einfiel, die von «Wollzeug» gesprochen hatte. Er ging ins Wohnzimmer. Es war dunkel. Er war in letzter Zeit zu etwas Geld gekommen, aber seine sparsamen Gewohnheiten hatte er beibehalten. Er machte alle Lichter an. Das Zimmer war behaglich, wenn auch ein wenig verwohnt und von Büchern übersät. Die Wohnung nahm den ganzen obersten Stock eines umfunktionierten Gebäudes aus braunem Sandstein ein, das unter Mietkontrolle stand; keins der Zimmer war groß. Seine Frau redete ihm dauernd zu, er solle doch einige der Bücher verkaufen, was er auch immer wieder versprach. Aber irgendwie wurden die Bücherstapel beständig größer.
Trotz seines Schlafrocks war ihm noch immer kalt; er fröstelte ein wenig. Sein Gang war steif. Er war Mitte Sechzig, kräftig gebaut und hatte das gerötete Gesicht eines Freiluftmenschen; das rührte daher, daß er jeden Tag die fast vier Kilometer zu seinem Büro und zurück zu Fuß ging und in den Ferien lange einsame Wanderungen unternahm. Dennoch dauerte es nach dem Verlassen des Bettes eine gute halbe Stunde, bis sich seine Füße erwärmten.
Er holte sich das Telefonbuch von Manhattan aus dem untersten Fach eines der Bücherregale und legte es auf den Tisch unter das Lampenlicht. Er war stolz darauf, daß er notfalls und bei gutem Licht die Namen und Nummern im Telefonbuch noch ohne Brille lesen konnte, obwohl er sonst eine brauchte.
Er suchte unter «D». Er fand seinen Namen, Damon, Roger, und die Adresse in der zehnten Straße West. In Manhattan war nur ein einziger Roger Damon aufgeführt. Sein Name erschien allerdings auch unter «G». Dort stand Gray, Damon und Gabrielsen, literarische Agentur. Gray hatte die Firma gegründet und Damon als Partner genommen, als dieser noch keine dreißig war. Gray war nun seit Jahren tot, aber aus Treue zu dem alten Mann hatte Damon den Namen der Agentur nicht geändert. Treue hatte ihre Verdienste, besonders in einer Zeit wie der heutigen. Gabriel-
sen war erst vor kurzem eingetreten, und die Situation hatte sich verändert.
Er schloß das Buch und stellte es ordentlich zurück in sein Regal. Keine Anhaltspunkte für Sheila, wenn sie nach Hause kam. Er wollte für seine Schilderung des Vorfalls den passenden Augenblick abwarten. Wenn es überhaupt einen passenden Augenblick gab ...
Er mixte sich einen kräftigen Whisky-Soda und trank ihn langsam aus, tief in seinen Lieblingssessel versenkt. Der Drink half ihm nicht, in dem Vorfall um halb vier morgens einen Sinn zu entdecken. New York steckt voller Tollhäusler, dachte er. Nicht nur New York: Amerika. Die Welt. Gelegenheitsmörder, die auf den Straßen herumlungem. Präsidenten, Popen, Publikum - sie warten in den Bahnhöfen, kommen aus Kirchen oder Warenhäusern. Leben und Tod, hatte der Mann gesagt. Ihr Leben, Ihr Tod.
Wenn das Ganze kein grotesker Streich war, dann lauerte irgendwo ein Fremder auf ihn oder jemand, der ihn kannte und ihm übelwollte. Er war jetzt zu müde, um sich auszudenken, wer das wohl sein mochte und warum er wartete oder bis jetzt gewartet hatte.
Nachtgedanken.
Er fröstelte und ging in sein Schlafzimmer. Er wollte versuchen zu schlafen, aber er ließ alle Lichter im Wohnzimmer brennen.
2
Er wurde vom glockenkiang geweckt. Er hatte geträumt. Wieder einmal war ihm sein Vater im Traum erschienen, aber allein, in einem hellen Licht, das von seinem lächelnden und liebevollen Gesicht ausstrahlte. Er sah jung aus wie damals, als Damon etwa zehn Jahre alt war; nicht wie der hagere, erschöpfte Mann, der er am Ende gewesen war. Er beugte sich über eine, wie es schien, verzierte Marmorbalustrade und winkte mit einer Hand. In der anderen Hand hielt er ein kleines buntgeschecktes Steckenpferd. Sein Vater hatte Kinderspielzeug hergestellt; er machte allerlei Kinkerlitzchen und Tand. Er war schon seit zwanzig Jahren tot.
Das Läuten kam diesmal nicht vom Telefon. Kirchenglocken. Sonntag morgen. Riefen New York zum Gottesdienst. Kommt alle herbei, ihr Gläubigen dieser majestätischen Stadt - kommt, ihr Ehebrecher, ihr Erpresser, Börsenschieber, Rechtsbeuger, Säufer, Süchtige, Banditen, Mörder, Eidbrüchige, Schlampen, Disco-Freaks, Jogger, Marathonläufer, Gefängniswärter, ihr Kritiker und Rezensenten, kommt, ihr Gläubigen und Prediger falscher Lehren; kommt, betet zu Gott, mag Er euch nach Seinem Ebenbilde erschaffen haben oder auch nicht.
Damon regte sich im Bett. Daß Sheila nicht neben ihm lag, kam ihm fremd vor. Dann erinnerte er sich an den nächtlichen Anruf. Er blickte auf die Uhr. Neun Uhr. Gewöhnlich war er schon um sieben auf. Die Natur war lieb zu ihm gewesen, hatte ihn von vier bis neun schlafen lassen. Fünf Stunden des Vergessens. Geschenk des Sonntags.
Er erhob sich und tapste, statt ins Badezimmer zu gehen, sich die Zähne zu putzen und zu duschen, barfuß ins Wohnzimmer. Alle Lichter brannten noch. Er ging zur Wohnungstür, sah nach, ob dort ein Brief, eine Botschaft auf dem Boden liege. Nichts.
Er prüfte das Schloß. Es war schwach, einfach. Ein Kind hätte es mit dem Taschenmesser aufbrechen können. Während all der Jahre, die er in New York lebte, war er niemals beraubt worden, hatte er nie über Schlösser nachgedacht. Die Tür war alt, aus Holz, sie stammte noch aus der Zeit, als man das Haus gebaut hatte. Wann wohl? 1900? 1890? Er wollte sie auswechseln lassen, eine Tür mit einem Stahlpanzer besorgen, einem einbruchsicheren Schloß, einem Guckloch, einer Kette. Unten gab es keinen Pförtner, und alle Bewohner des Gebäudes, einschließlich Sheilas und
seiner selbst, drückten unbesorgt auf den Öffner, wenn in der Wohnung der Summer ertönte. Die Sprechanlage, durch die man sich vergewissern konnte, wer unten war, war seit Jahren defekt. Soweit Damon bekannt war, hatten weder er noch seine Nachbarn sich jemals beim Hauswirt beschwert und verlangt, daß sie repariert werden solle. Naive, die sich in falscher Sicherheit wiegten. Morgen!
Er machte sich sein Frühstück. Wenn Sheila sonntags zu Hause war, setzte sie ihm frisch gepreßten Orangensaft, Eierkuchen mit Speck und Ahornsirup vor. Heute trank er eine Tasse Kaffee und begnügte sich mit einer Scheibe Brot von gestern.
Sein übliches Sonntagsritual war anders. Während Sheila das Frühstück bereitete, ging er aus und kaufte zwei Nummern der Sunday Times, weil sowohl er als auch Sheila gern das große Sonntags-Kreuzworträtsel ohne Mithilfe des anderen raten wollten; und sie verbrachten kritzelnd den Morgen in freundschaftlicher Stille an den entgegengesetzten Enden des Küchentisches. Es war für sie Ehrensache, dem Rätsel mit Tinte zu Leibe zu rücken. Die beiden Riesenbündel mit Nachrichten, Meinungen, Ergebnissen, Reklamen, Elogen und Verdammungen waren eine Art Ausschweifung, aber auch eine Wochenendfestlichkeit, und das stille Vergnügen der (annähernd) einen Stunde nach dem Frühstück war die Sache wert.
Er zog sich an und ging die trüb beleuchtete und stille Treppe hinunter. Seine Nachbarn schienen insgesamt Langschläfer zu sein. Er fragte sich, ob auch andere mitten in der Nacht angerufen worden waren. Auch in seinem Postfach fand er keine Nachricht.
Er berührte seine Tasche, um sich zu vergewissern, daß er seine Schlüssel bei sich hatte und wieder ins Haus zurückkonnte; dann trat er hinaus auf die Freitreppe, die zur Straße hinabführte. Es war ein rauher, grauer Tag mit kalten Windstößen. Der Frühling ließ in diesem Jahr auf sich warten. Er beobachtete die Straße in beiden Richtungen. Eine dicke Frau mit zwei Hunden an der Leine und ein junger Mann, der einen Kinderwagen schob, bildeten den morgendlichen Sonntagsverkehr. Soweit sich das feststellen ließ, gab es hier keinen Hinterhalt. Aber es war durchaus denkbar, daß die Straße für ein geübtes Auge gefahrdrohende Hinweise barg. Es paßte ihm nicht, daß er nervös war, und er verzog sein Gesicht.
Am Kiosk zögerte er kurz, ob er ein oder zwei Exemplare der Zeitung kaufen sollte. Er nahm zwei und ärgerte sich, wie üblich, über ihre unsinnige Masse und ihr Gewicht. Er bezweifelte, daß Sheila die New York Times in Vermont bekommen hatte; sie würde sich freuen, daß er in ihrer Abwesenheit an sie gedacht und ein Exemplar des Rätsels für ihre Heimkehr aufbewahrt hatte, selbst wenn sie nicht die Zeit finden sollte, es zu raten. Er überflog die erste Seite. Der Name Zalovsky war dort nicht zu finden. Vielleicht war das nicht sein richtiger Name; vielleicht hieß er in Wahrheit Smith oder Brown, und Zalovsky war nur sein nom de guerre und auf der Innenseite waren in einer Story die vielen von ihm begangenen Verbrechen beschrieben, um derentwillen die Polizei von zehn Staaten jetzt nach ihm fahndete. Allerdings hielt Damon es für einen überflüssigen Aufwand, sich für die Ausführungen eines Racheakts oder eines Verbrechens einen Namen wie Zalovsky zuzulegen. Die Überlegung ließ ihn lächeln. Als er sich auf den Heimweg machte, betrachtete er die Vorübergehenden ohne Argwohn. Der Morgen war wie jeder Sonntagmorgen, und da sich die Wolken ein paar Augenblicke teilten und die Straße die Sonnenstrahlen widerspiegelte, fand er sich behaglich summend auf seine Haustür zugehen; als er sich jedoch hinsetzte, um das Kreuzworträtsel zu lösen, konnte er nur mit Mühe ein paar Sparten ausfüllen. Entweder war das Rätsel schwieriger als gewöhnlich, oder seine Gedanken waren nicht dabei. Er schob das Magazin beiseite und schlug die Literaturbeilage mit der Bestsellerliste auf. Klagelied von Genevieve Dolger war noch dabei - auf Platz vier. Trotz des Titels stand es jetzt schon seit zwölf Wochen auf der Liste. Damon schüttelte reumütig den
Kopf, denn er wußte, daß er sich nur auf Drängen von Oliver Gabrielsen bereitgefunden hatte, mit der Autorin daran zu arbeiten und es den Verlagen anzubieten, und daß darüber beinahe ihre Partnerschaft zerbrochen wäre.
Oliver Gabrielsen war sein Mitarbeiter und schon fast fünfzehn Jahre bei ihm tätig. Er war ein Allesleser mit erstaunlichem Gedächtnis und einem gewitzten, wenn auch etwas exzentrischen Riecher für ungewöhnliche Texte. Oliver hatte Mrs. Dolger bei einer Gesellschaft in der Nähe von Roslyn, Long Island, kennengelemt - keineswegs ein Ort, an dem man gewöhnlich auf Bestseller stieß. Die Verfasserin war eine Frau in den Fünfzigern; ihr Ehemann war Vizepräsident einer kleinen Bank. Sie hatte vier Kinder und hatte nie zuvor etwas geschrieben; nach Dämons Dafürhalten hatte sie vor allem deshalb zu schreiben begonnen, weil das Leben als Vorstadtmatrone sie anödete. Es war eine schlichte Story von einem armen Mädchen, das durch den Einsatz seiner Schönheit und seines Körpers und mit seiner Gier nach Männern seinen Weg in der Welt macht, um schließlich tragisch zu enden. Dies war ein uraltes Thema, und Damon hatte nicht begreifen können, warum Oliver darauf so versessen gewesen war. Meistens hatten sie einen ähnlichen Geschmack, aber als Oliver sagte: «Geld. Bei diesem Buch sagt alles: Geld. Wir wollen uns wenigstens ein einziges Mal ein Stück von dem großen Kuchen sichern», hatte Damon nur skeptisch den Kopf geschüttelt. «Oliver, mein armer Freund», hatte er gesagt. «Ich fürchte, du arbeitest zuviel und besuchst zu viele Parties.»
Immerhin hatte er, um den Frieden im Büro zu wahren, und weil es die stille Jahreszeit war/während der alle Leute den Sommer außerhalb New Yorks verbrachten, mit der Autorin, einer friedlichen und anspruchslosen Person, an dem Buch gearbeitet, um es einigermaßen annehmbar zu machen, indem er die allzu aufdringlichen Liebesszenen entfernte, die ungeübte Sprache flüssiger machte und die Grammatik korrigierte. Zu allem ließ sie sich leicht überreden, außer zu einer Änderung des Titels. Obwohl er ihr versichert hatte, daß Klagelied die Art Titel sei, die die Kunden aus den Buchläden vertreibt, blieb sie allen Argumenten gegenüber unnachgiebig. Er hatte geseufzt und nachgegeben. Zu ihrer Ehre sei gesagt, daß sie ihm nach dem Erfolg des Buches niemals seine düstere Prophezeiung vorgeworfen hatte. Unprofessionell wie in allen ihren Handlungen hatte sie darauf bestanden, daß er 20 Prozent aller Tantiemen des Buches statt der üblichen 10 Prozent für die Agentur haben solle. Halb im Scherz hatte er ihr anempfohlen, diesen Akt ungehemmter Großzügigkeit streng geheimzuhalten; denn sollte sich diese Kunde verbreiten, so riskierte sie, von allen Schriftstellerorganisationen des Landes für den Rest ihres Lebens boykottiert zu werden.
Es war nicht die Art Buch, mit der er oder sein alter Partner Gray sich je zuvor abgegeben hatten. Sie waren auf die Jagd nach jungen Talenten gegangen, hatten sie für gute Kritiken und bescheidene Verkaufserfolge zurechtgetrimmt und die Autoren oft aus ihrer eigenen Tasche am Leben gehalten, bis sie ihre Bücher oder Stücke zu Ende geschrieben hatten. Keiner von ihnen hatte jemals viel Geld eingebracht, und eine entmutigende Anzahl dieser jungen Männer und Frauen hatte nur ein einziges Buch geschrieben, hatte sich den Drogen oder dem Trunk ergeben oder war in Hollywood verschwunden.
Er hatte auf Mrs. Dolgers Buch nur geringe Hoffnungen gesetzt und fühlte sich fast erleichtert, als ein halbes Dutzend Verlagshäuser schnell nacheinander das Buch ablehnten. Er war schon drauf und dran, die Dame in Roslyn anzurufen und ihr mit höflichem Bedauern mitzuteilen, daß das Buch unverkäuflich sei, als ein kleiner Verlag es annahm und für die erste kleine Auflage einen winzigen Vorschuß zahlte. Doch schnell kletterte es an die Spitze der Bestsellerliste, wurde für eine Million Dollar an einen Taschenbuchverlag verkauft und von Hollywood erworben.
Die Tantiemen waren - aus seiner Sicht - astronomisch.
Zum ersten Mal wurde sein Name in den Zeitungen erwähnt, und in seinem Büro häuften sich Manuskripte von bekannten und hochdotierten Autoren, die aus irgendeinem Grund mit ihren derzeitigen Agenturen unzufrieden waren und die er zumeist in seinem langen Geschäftsleben nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte.
«Wie der Würfel fällt», hatte Oliver selbstzufrieden gesagt. «Einmal mußten wir ja eine Sechs werfen.» Er hatte verlangt, daß sein Gehalt verdoppelt und sein Name als der des Partners an der Tür angebracht würde. Damon war froh, beiden Forderungen entsprechen zu können; er hatte den Firmennamen in Gray, Damon und Gabrielsen umgeändert und Oliver nur gebeten, künftig weniger Parties zu besuchen. Aber er hatte sich standhaft geweigert, aus dem, wie Oliver es nannte, «traurigen Zwei-Zimmer-Alibi-für-ein-Büro» in großartigere und, wie Oliver bei ihrem neuen Wohlstand meinte, angemessenere Quartiere umzuziehen. «Sieh doch mal den Tatsachen ins Auge», hatte Oliver gesagt, «wenn jemand hier reinkommt, glaubt er, wir hätten diese Räume als Bühnenbild für Das kahle Haus ausgestattet und will sich vergewissern, ob wir noch mit Federkielen schreiben.»
«Oliver», hatte Damon gesagt, «jetzt will ich dir mal meine Meinung sagen, obwohl du inzwischen schon so lange mit mir zusammenarbeitest, daß das eigentlich nicht mehr nötig sein sollte. Ich habe fast mein gesamtes Arbeitsleben in diesem von dir sogenannten <Alibi> verbracht; hier habe ich mich wohl gefühlt und bin jeden Morgen wieder gern hierher zur Arbeit gekommen. Ich habe keine Lust, ein Big Boss zu werden, und ich hab mir einen anständigen Lebensunterhalt verdient, wenn vielleicht auch nicht gerade das, was moderne junge Leute für einen angemessenen Standard halten. Mir liegt nichts daran, ein Meer von Arbeitstischen zu überblicken und zu wissen, daß die dazugehörigen Leute für mich arbeiten und verlangen, daß ich sie einstelle, rauswerfe, beurteile; daß ich ihre Sozialversicherung bezahle und ihre Altersversorgung und
Gott weiß was sonst noch alles. Der Fall Klagelied ist eine Laune des Schicksals, der Blitz, der einmal einschlägt. Ehrlich gesagt, hoffe ich, daß nichts dieser Art noch einmal passiert. Ich zucke zusammen, wenn ich es im Vorbeigehen im Schaufenster liegen sehe, und meine Wochenenden haben darunter gelitten, daß ich es jeden Sonntag auf der Bestsellerliste der Times finde. Ich habe unendlich viel mehr Vergnügen an zehn brillanten Zeilen im Manuskript eines unbekannten jungen Autors, als ich jemals aus den Tantiemenabrechnungen für Klagelied beziehen werde. Aber du, mein alter Freund, du bist jung und, wie es heute üblich ist, geldgeil.» Das war nicht ganz fair, wie Damon sehr wohl wußte, aber er wollte seine Pointe haben. Oliver Gabrielsen war nicht mehr ganz jung - er näherte sich den Vierzig - und er war genauso versessen auf gute Texte wie Damon selbst; und wenn er je um eine Gehaltserhöhung eingekommen war, dann hatte er sich fast noch dafür entschuldigt. Damon wußte, daß Oliver ohne das Einkommen seiner Frau kaum mehr als das Allemotwendigste hätte. Er wußte außerdem, daß Oliver mehrmals Angebote erhalten hatte, für ein viel besseres Gehalt, als er von Damon bezog, als Verlagslektor zu arbeiten, und daß er sie wegen der zügellosen Geschäftemacherei der großen Firmen ausgeschlagen hatte - Firmen, die sich leisten konnten, ihm, gemessen an dem Existenzminimum, das er von Damon empfing, vergleichsweise fürstliche Gehälter zu zahlen. Aber unter der unerwarteten Flut von Geld, das durch die Firma rollte, schien er zeitweilig ausgeflippt zu sein, und der Prozentsatz an Provision, den er jetzt als Partner erhielt, hatte merklich den Stil seiner Kleidung und die Qualität der Restaurants, in denen er zu Mittag speiste, beeinflußt; er war zudem aus der schäbigen Wohnung auf der Westseite der Stadt in eine schicke Adresse der sechziger Straßen auf der Ostseite umgezogen. Damon gab, wie zu erwarten war, Olivers Frau Doris die Schuld daran, die ihre Stellung aufgegeben hatte und jetzt von Zeit zu Zeit, in einen Nerzmantel gehüllt, im Büro auftauchte.
«Du bist vielleicht noch zu jung, Oliver», fuhr Damon fort und freute sich über die Gelegenheit, sich über ein Thema auszulassen, über das sich sein alter Chef, Mr. Gray, des öfteren verbreitet hatte, «das Labsal der Bescheidenheit zu kennen; besser noch, den Dünkel, an bescheidenen Zielen und noch bescheideneren weltlichen Errungenschaften Freude zu finden, zu wissen, daß die Dinge, die zu erlangen andere Menschen sich zu Tode quälen, für dich keine Bedeutung haben. Ich bin in meinem Leben nicht einen einzigen Tag krank gewesen, ich habe weder ein Magengeschwür noch zu hohen Blutdruck gehabt, noch einen Psychiater besucht. Ich war ein einziges Mal in einem Krankenhaus, weil ich beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren wurde und mit einer Beinverletzung im Bett liegen mußte.»
«Klopf mal auf Holz», hatte Oliver gesagt. «Klopf nur ja mal auf Holz!» Damon merkte, daß Oliver seine Belehrungen nicht besonders schätzte.
«Ich schlage ja nicht vor, daß wir uns den Trump Tower kaufen, zum Kuckuck noch mal», fuhr Oliver fort. «Aber es würde uns nicht umbringen, wenn jeder ein eigenes Zimmer hätte und einen zusätzlichen Raum, wo wir eine zusätzliche Sekretärin unterbringen könnten, die uns mit der ganzen verdammten Post zur Hand geht. Und bei all den Anrufen, die uns zur Zeit plagen, ist es angeberisch, nur einen Telefonanschluß zu haben. Erst vergangene Woche hat mir ein Mann von Random House erzählt, er habe zwei Tage hintereinander unsere Nummer gewählt, bis er endlich durchgekommen sei. Wenn wir hier ein Schaltbrett anbringen, dann ist deswegen noch keineswegs die ganze Welt überzeugt, daß wir unsere Seele an die Philister verkauft haben. Es wäre auch kein sündiger Luxus, wenn unsere Fenster alle sechs Monate einmal geputzt würden. Wenn ich hier drinnen wissen will, wie draußen das Wetter ist, muß ich das Radio anstellen.»
«Wenn ich einmal nicht mehr bin», erwiderte Damon würdevoll, «dann kannst du dir eine Etage im Rockefeiler
Center mieten und die Miss America des Jahres als Empfangsdame anstellen. Aber solange ich noch hier unten weile, betreiben wir das Geschäft wie gehabt.»
Oliver zog geräuschvoll Luft durch die Nase ein - eine seiner typischen Gewohnheiten. Er war ein winzig kleiner blonder Mann, beinahe ein Albino, der sich zum Ausgleich sehr gerade hielt, mit militärisch zurückgenommenen Schultern. «Wenn du nicht mehr bist», sagte er. «Du bist in tausend Jahren noch da.» Sie waren gute Freunde, wie es sich auch gehörte, da sie Tag um Tag so dicht beieinander in Hemdsärmeln arbeiteten; und sie gingen nicht förmlich miteinander um.
«Ich habe dir wiederholt gesagt», erklärte Damon, «daß ich beabsichtige, mich so bald wie möglich zur Ruhe zu setzen und endlich all die Bücher zu lesen, für die ich keine Zeit hatte, solange ich dieses Büro in Schwung halten mußte.»
«Das glaube ich erst, wenn ich's sehe», sagte Oliver. Er lächelte aber, als er das sagte.
«Ich verspreche, dich in deinen prunkvollen neuen Räumlichkeiten niemals auch nur zu besuchen», sagte Damon. «Ich werde mich damit begnügen, vierteljährlich die Schecks einzulösen, die du mir vertragsgemäß schicken mußt, und hoffe, daß du dir inzwischen keinen betrügerischen Buchhalter angeheuert hast, der die Bücher manipuliert.»
«Ich werde dich nach Strich und Faden betrügen», erwiderte Oliver. «Ehrenwort.»
«So sei es», sagte Damon und klopfte ihm auf die Schulter. «Und dabei lassen wir's. Als Zugeständnis an dein Feingefühl werde ich aus eigener Tasche einen Mann bezahlen, der morgen die Fenster putzt.»
Sie lachten beide und gingen wieder an die Arbeit. Als er in seinem überfüllten Wohnzimmer saß, beim Geläut der Sonntagsglocken und der aufgeschlagenen Literaturbeilage mit der Bestsellerliste vor sich, dachte er an das Gespräch mit Oliver und an Olivers Worte: «Geld. Bei die-
sem Buch sagt alles: Geld.» Oliver hatte recht gehabt. Leider.
Damon erinnerte sich auch an das, was Zalovsky gesagt hatte - «ich bin Zeitungsleser wie jeder andere». Aber Zalovsky konnte nicht wissen, daß ein großer Teil der Tantiemen durch die Abzahlung alter Schulden und die Ausführung notwendiger Reparaturen an einem kleinen Haus auf Long Island, in Old Lyme, Connecticut, verschlungen worden war, das ein in Sheila vernarrter, kinderloser Onkel ihr testamentarisch vermacht hatte. Sie verbrachten dort ihre Sommerferien und gelegentlich ein Wochenende, wenn sie es arrangieren konnten; dabei versuchten sie, über seine Baufälligkeit hinwegzusehen. Jetzt sollte es ein neues Dach, neue Installationen und einen neuen Anstrich erhalten. Es sollte bereitstehen, wenn Damon die Zeit für seinen Ruhestand für gekommen hielt.
Ein simpler Fall von versuchter Bedrohung oder Erpressung, dachte Damon, der Preis für ein paar Zeilen in einer Zeitungsspalte an einem flauen Tag. Aber war es wirklich so simpel?
Es war immerhin ein Hinweis. Er wählte die Nummer in Roslyn. «Genevieve», sagte er, als die Hausherrin selbst den Anruf entgegennahm, «haben Sie heute früh die Times gelesen?»
«Ist das nicht großartig?» sagte Genevieve. Ihre Stimme war kleinlaut und abwehrend, als sei sie gewohnt, daß ihr Mann und die Kinder ihr bei jeder Gelegenheit widersprachen. «Woche um Woche. Es ist wie ein Märchen.»
Mehr, als du jemals wissen wirst, mein Schatz, dachte Damon. Aber er sagte: «Sie haben die Leser in aller Welt mitten ins Herz getroffen.» Vor seinem Vertrag mit dem Taschenbuchverlag wäre er bei diesen Worten rot geworden. «Ich hätte noch eine Frage - hat vielleicht jemand namens Zalovsky bei Ihnen angerufen?»
«Zalovsky? Zalovsky?» Genevieve schien unsicher. «Ich kann mich nicht erinnern. Es rufen zur Zeit so viele Menschen bei mir an. Fernsehen, Hörfunk, Interviews ...
Mein Mann sagt, er will eine Geheimnummer beantragen.»
Wieder eine Geheimnummer, dachte Damon. Erfolg haben und sich verstecken. Die amerikanische Masche.
«Zalovsky», sagte Genevieve noch einmal. «Warum fragen Sie?»
«Man hat mich angerufen. Wegen des Buches. Er war sehr vage. Er sagte, er würde vielleicht noch mal anrufen, und ich dachte, er hätte sich vielleicht direkt mit Ihnen in Verbindung gesetzt. Wie Sie wissen, besteht mein Büro nur aus Oliver, mir und der Sekretärin, und da Sie so groß herausgekommen sind, haben wir Schwierigkeiten, allen Anforderungen gerecht zu werden ... Es ist eben nicht so wie in manchen großen Firmen mit Dutzenden von Angestellten und Abteilungen und dergleichen ...»
«Ich weiß. Die haben alle mein Buch abgelehnt, bevor ich zu Ihnen kam.» Ihre Stimme war jetzt nicht mehr defensiv, sondern bitter und kalt. «Und auch nicht mit der gebührenden Höflichkeit. Sie und Oliver waren die ersten beiden wahren Gentlemen, denen ich seit der Niederschrift meines Buches begegnet bin.»
«Wir versuchen, den alten Leitsatz zu beherzigen, den mein früherer Partner, Mr. Gray, immer im Munde führte - Verlegen ist ein Geschäft für Gentlemen. Das liegt allerdings schon lange zurück, und die Zeiten haben sich gewandelt. Trotzdem hört man's gern, daß Manieren in gewissen Kreisen noch etwas gelten.» Er fühlte sich stets beklommen, wenn er mit Genevieve Dolger sprach. Seine Rede klang ihm in den Ohren wie gestärkt und gebügelt. Es störte ihn, daß er mit dieser Frau, die durch die Umstände in sein Leben geraten war, nicht normal reden konnte. Er war kein Heuchler. Seine Maxime verlangte, daß er seinen Klienten genau das sagte, was er dachte, sei es Lob oder Kritik. Wenn sie sich gegen seine Beanstandungen auflehnten, zornig wurden oder kalt abweisend, sagte er ihnen unverblümt, daß sie in einer anderen Agentur besser aufgehoben wären. Nur so könnte er arbei-
ten, erklärte er ihnen. Und jetzt veranlaßte ihn diese Frau, die ihn reich gemacht hatte, zu reden, als hätte er den Mund voller Kunsthonig.
«Sie sollen nicht glauben, daß ich Ihnen jemals Ihre Hilfe vergessen werde, und das, was ich Ihnen verdanke», sagte Genevieve mit bebender Stimme. «Ich werde mein ganzes Leben lang in Ihrer Schuld bleiben.»
«Gewiß», sagte Damon und dachte dabei an alle Autoren, die irgendwann einmal genau dasselbe gesagt hatten, um dann, zuweilen verschämt, zuweilen verärgert, zu größeren Agenturen überzuwechseln, die sie mit Filmstars bekannt machen, ihnen ein Auto mit Fahrer an den Flughafen schicken, in der letzten Minute Theaterkarten für auf Monate hinaus ausverkaufte Broadway-Hits verschaffen, landesweite Reklamekampagnen im Fernsehen veranstalten und sie zum Lunch in die besten Restaurants der Stadt ein-laden konnten. «Lassen Sie es mich unbedingt wissen, wenn Sie eine Geheimnummer kriegen.»
«Sie werden der erste sein, den ich anrufe, Roger», sagte sie mit, zu Rogers Kummer, von echtem Gefühl erfüllter Stimme.
«Ach ja», sagte er und stellte die Frage, auf die sie, wie er wußte, schon wartete: «Wie geht's mit dem neuen Buch?»
Genevieve seufzte, ein leises melancholisches Geräusch am Telefon. «Ach, es ist einfach grauenhaft», sagte sie. «Ich komme, scheint's, nicht richtig in Gang. Ich schreibe eine Seite, lese sie durch und merke, daß sie absolut gräßlich ist, zerreiße sie und backe einen Kuchen, um nicht heulen zu müssen.»
«Machen Sie sich keine Sorgen», sagte Damon, sehr erleichtert über diese Nachricht. «Der Anfang ist immer am schwersten. Und zwingen Sie sich nicht. Sie wissen, es hat keine Eile.»
«Sie müssen Geduld mit mir haben», sagte sie.
«Ich bin's gewöhnt, daß Schriftsteller blockiert sind», sagte Damon, dem klar war, daß er so tun mußte, als akzeptiere er diese Frau als Zunftgenossin in seiner erhabenen und fürchterlichen Profession. «Das kommt und geht. Also dann, nochmals meine Glückwünsche, und denken Sie daran - wenn Sie mich brauchen, rufen Sie mich einfach an.»
Er legte auf. Wenn er Glück hatte, würde sie hundert Torten backen, bevor sie das neue Buch vollendet hätte, aber er hätte dann schon längst das Büro verlassen und sich in das kleine Haus in Old Lyme, am Gestade des Sunds, zurückgezogen. Immerhin, dachte er, als er den Hörer auflegte, war Zalovsky nicht bis zu ihr vorgedrungen. Wäre er's, dann hätte sie sich bestimmt an seinen Namen erinnert.
Er ging ruhelos in der Wohnung umher. Er hatte sich ein umfangreiches Manuskript mit nach Hause genommen, um es übers Wochenende zu lesen; jetzt nahm er's zur Hand und versuchte, ein paar Seiten zu lesen, aber sie waren ihm unverständlich, und er schob sie beiseite. Er ging ins Schlafzimmer, um dort sorgfältig das Bett zu machen; das hatte er seit seinem Hochzeitstag nicht mehr getan. Ge-nevieve Dolger mit ihren Torten, und er mit seinem Bett. Er sah auf seine Uhr. Sheila kam erst in sechs Stunden zurück. Der Sonntag war langweilig ohne sie. Er entschloß sich, auszugehen und einen Spaziergang zu machen, bis es Zeit zum Mittagessen war. Aber als er gerade den Mantel an-ziehen wollte, läutete das Telefon. Er ließ es sechsmal läuten, ohne sich dem Apparat zu nähern; er starrte ihn an und hoffte, daß der Anrufer, wer immer es sei, des Wartens überdrüssig und auflegen würde. Der Apparat klingelte zum siebenten Mal. Er hob ab und erwartete, die dicke heisere Stimme zu hören. Aber es war die Frau, deren Manuskript er mit nach Hause genommen hatte.
«Ich wollte nur fragen, ob du mein Buch zu Ende gelesen hast», sagte sie. Die Stimme war das Beste an ihr - tief und melodisch. Er hatte vor zwei Jahren ein kurzes Verhältnis mit ihr gehabt. Als Sheila durch eine Freundin davon erfuhr, sagte sie nur, daß diese Frau sich ihm an den Hals geworfen habe. Sheilas Phrasen! Aber mit dieser
Phrase hatte sie ins Schwarze getroffen. Nach dem zweiten Rendezvous hatte die Frau gesagt: «Das mußt du wissen: Ich habe noch keinen Mann erlebt, dessen Gesicht so sexy war wie deines. Wenn du ins Zimmer trittst, dann ist es, als ob der Stier in die Arena kommt.» Sie hatte ein Jahr in Spanien gelebt und zuviel Hemingway gelesen, und ihre Ausdrucksweise war mit Anspielungen auf spanische Lebensumstände gespickt. Hätte sie das Wort cojones gebraucht, er hätte weder sie noch ihr Manuskript auch nur angerührt. Aber sie unterließ es, und er verfiel ihr, obwohl er sich nicht in dem Bild erkannte, das sie sich von ihm machte. Tatsächlich kam es ihm eher so vor, als watschele er, wenn er ein Zimmer betrat. Und er hatte noch nie einen Stier mit hellgrauen Augen gesehen. Blicke in den Spiegel, und du siehst ein fremdes Gesicht!
Die Frau war recht hübsch und recht intelligent und keine schlechte Schriftstellerin, und sie hielt ihren Körper durch tägliche Gymnastik in Form. Es hatte ihm geschmeichelt, daß eine Frau sich so viele Umstände machte, um ihn in ihr Bett zu kriegen. In seinem Alter! Na ja, sechzig und ein bißchen - das war nicht der Rand des Grabes. Sheila hatte ihm gesagt: «Du verschwendest dich an Frauen.» Die Ehe hatte ihn von dieser besonderen Schwäche nicht kuriert. Das Verhältnis war angenehm gewesen, aber nicht mehr.
«Das bisher Gelesene gefällt mir», sagte er. Vor seinem geistigen Auge sah er sie nackt auf dem Bett liegen, mit straffen Brüsten und muskulösen Sportlerwaden. Fast hätte er sie eingeladen, mit ihm zu lunchen, entschied sich aber dagegen. Trag nicht zu dem Zeugnis bei, das gegen dich erhoben wird! «Ich will versuchen, bis heute abend damit fertig zu werden. Ich rufe dich an», sagte er.
Dann ging er aus und strich ziellos durch die Straßen von Greenwich Village. Niemand schien ihm zu folgen. Gewöhnlich nahmen Sheila und er sonntags einen späten Lunch in einem kleinen italienischen Restaurant, das ihnen beiden zusagte. Buon giomo, Signor, Signora, va bene? Ein
Gangster war vor ein paar Jahren dort erschossen worden. Spaghetti mit Muschelsauce. Trauliche Sonntagnachmittage, wenn sie sich gemeinsam entspannten und den Stress der vergangenen und der bevorstehenden Woche über einer Flasche Chianti vergaßen.
Das Restaurant war voll; er mußte auf einen Tisch warten. Der Eigentümer hatte sich nach dem Befinden der abwesenden Signora erkundigt. Die lärmenden Menschen an den anderen Tischen ließen ihn sein Alleinsein mehr spüren als je zuvor, und die halbe Flasche Wein machte die Sache nicht besser. Während er aß, dachte er darüber nach, wie das wohl sei, wenn man in einem kleinen italienischen Restaurant erschossen wurde.
3
als er nach dem lunch zurückkehrte, fand er einen Zettel im Schlitz seines Briefkastens. Er betrachtete ihn voller Unruhe, zögerte, bevor er ihn berührte, und zog ihn schließlich heraus. Der Zettel war von einem Skizzenblock abgerissen worden, und die mit einem dicken schwarzen Bleistift geschriebene Botschaft stammte von Gregor. «Wir sind gerade vorbeigekommen», lautete die Botschaft, «und haben bei Dir geklingelt. Wir fühlen uns verstoßen. Versteckst Du Dich vor uns? Freunde sollten sonntags zu Hause sein. Wir feiern. Ich erzähl Dir davon, wenn wir uns sehen. Wir wollen unsere Freude mit unseren Kameraden teilen. Wenn Du dieses vor Mitternacht liest, komm zu uns. Es soll ein Fest in ungarischem Stil werden. Wein wird da sein und Frauen und genug Salami. Zumindest eine Frau und eine Salami. Avanti.»
Damon lächelte, als er die Botschaft las, und blickte dann, als er die Treppe zu seiner Wohnung hochstieg, auf seine Uhr. Es war noch nicht drei Uhr, und Sheila war erst um sechs Uhr fällig. Er war immer gern in Gregors Gesellschaft. Außerdem vertrat Damon einen Dramatiker, dessen
Stück im September geprobt werden sollte; er hoffte, daß Gregor die Bühnenbilder dazu entwerfen würde. Gregor hatte ihm einmal den Prozeß seiner Amerikanisierung beschrieben und gesagt, er habe begonnen, westwärts zu wandern, als die Russen 1956 in Budapest eindrangen, und erst wieder aufgehört, als er New York erreicht hatte. «Was immer geschah», hatte Gregor Damon anvertraut, «ich wußte, es würde schlecht sein für Menschen. So habe ich mir die Frage gestellt - bin ich, Gregor Khodar, Mensch? Ich habe geprüft pro und contra. Ich habe entschieden, ja, vielleicht nicht höchste Klasse Mensch, aber immerhin gute Klasse.»
Damals war er zwanzig gewesen, ein bettelarmer Kunststudent, und er hatte, bevor er sich in New York niederließ, schlimme Zeiten erlebt, von denen er niemals sprach. Er äußerte sich auch nie darüber, ob er eine Familie zurückgelassen hatte oder nicht.
Obwohl er stolz war auf seine ungarische Abstammung («ein kultiviertes Volk, das immer ins falsche Jahrhundert gerät», sagte er von seinen Landsleuten), wurde er nicht sentimental. «Zentraleuropa», sagte er, «ist wie ein Korallenatoll im Pazifik. Die Flut läuft auf - du siehst es nicht. Die Flut läuft ab - es ist da. Das Beste, was man darüber kann sagen, daß es Gefahr ist für Schiffahrt. Wenn ich Tokajerwein trinke und bin ein bißchen betrunken, glaube ich, da ist Nachgeschmack von Blut und Meerwasser.»
Mit seiner hohen Stirn und dem zurücktretenden spärlichen schwarzen Haar, mit dem milden archaischen Lächeln und einem runden behaglichen Bäuchlein der mittleren Jahre glich er, wie Damon ihm einmal gesagt hatte, einem Buddha, der auf Schabernack sinnt.
Er sprach mit einem weichen seltsamen Akzent, sein dunkles, magyarisches Gesicht wurde von tiefliegenden, spöttischen Augen erhellt, seine Lippen waren auf eine besondere Art geschwungen und glichen einem Bogen, der vielleicht als Wandschmuck dienen könnte, aber nicht zum Töten, und erweckten den Eindruck, daß nichts, was er sagte, ernst genommen werden müsse. Er war jedoch ein passionierter und begabter Künstler und hatte, abgesehen von seinen Gemälden, die in Galerien im ganzen Land ausgestellt waren, Bühnenbilder für viele Aufführungen am Broadway geschaffen. Er malte langsam und gewissenhaft und lehnte Aufträge für Schauspiele dutzendweise ab, wenn sie ihm nicht zusagten; er konnte sich daher nicht leisten, wie ein reicher Mann zu leben, aber er nahm seine Armut leicht, wenn er sie mit dem Wohlstand seiner bereitwilligeren Kollegen verglich.
Ebba, seine Frau, eine große, dünne, liebe Person mit dem verwitterten Gesicht einer Pioniersfrau, stammte von schwedischen Siedlern in Minnesota ab und war Kostümbildnerin. Abgesehen davon, daß sie einander liebevoll zugetan und ein gesellschaftlich höchst anregendes Paar waren, bildeten sie auch ein ungemein ergiebiges Arbeitsteam.
Damon hatte keine Ahnung, was Gregor feiern wollte, aber ein paar Stunden Lärm und Gespräch in ihrem Bodengeschoß dicht am Hudson, das die Khodars in ein Studio umgewandelt hatten und in dem sie beide arbeiteten, wäre ganz sicher besser, als einsam brütend den langen Sonntagnachmittag zu vertrödeln.
Für den Fall, daß Sheila vorzeitig zurückkommen sollte, hinterließ er auf einem Zettel, daß er sich bei Gregor befinde und sie dort anrufen solle. Sheila schätzte die beiden und hatte sogar einmal, im vergangenen Sommer, als die Khodars sie in Connecticut besuchten, so lange stillgesessen, daß Gregor ihr Porträt malen konnte. Gregor war mit seiner Arbeit nicht zufrieden gewesen und ließ sie auf der Staffelei in seinem Studio stehen, um von Zeit zu Zeit daran klecksen zu können. «Das Problem, Sheila», hatte er ihr gesagt, «ist, daß du bist edel, Gesicht, Figur, Charakter, alles, und sie machen nicht Farben in modernem Zeitalter, um edel auszudrücken. Zumindest nicht in Menschen. Leute sehen einfach nicht mehr edel aus. Nur gewisse Hunde, Neufundländer, Jagdhunde, irische Setter. Laß mir
Zeit, laß mir Zeit. Ich muß zurücksteigen in fünfzehntes Jahrhundert. Das ist nicht eine kurze Fahrt mit Subway.»
Damon begrüßte Gregor mit einer Umarmung und Ebba mit einem schüchternen Kuß auf die Wange. Gregor, der eine eigene Auffassung davon hatte, wie ein Künstler sich kleiden sollte, trug ein kariertes Flanellhemd mit einem leuchtendorangefarbenen Wollschlips und eine ausgebeulte Cordhose. Darüber hatte er eine dicke schokoladenfarbene Tweedjacke gezogen, die er selbst beim wärmsten Wetter trug. Es war, als sei ihm einmal im Leben so kalt gewesen, daß er niemals wieder richtig warm werden könne.
Im Gegensatz zu anderen Künstlern standen keine Proben von Gregors Schaffen zur Besichtigung. Sheilas Porträt auf der Staffelei war mit einem Tuch bedeckt, und seine anderen Gemälde waren mit der Vorderseite zur Wand gestapelt. «Ich fürchte mich», hatte Gregor erklärt, «das bereits Geschaffene anzusehen, wenn ich an etwas anderem arbeite. Wenn ich müde bin oder mit Schwierigkeiten kämpfe, dann ist es eine große Versuchung, sich leicht davonzumogeln - mich selbst... zu plagiieren. Wenn ich spätabends betrunken bin, die ganze Tagesarbeit getan ist, sehe ich sie an. Ich lache oder ich weine, dann verstecke ich sie wieder.»
Damon sah mit Erleichterung, daß es keine große Party war, nur Mr. und Mrs. James Franklin, denen er schon mehrere Male bei Gregor begegnet war. Sie besaßen eine Galerie, die sie gemeinsam in der Madison Avenue betrieben. Beide Franklins trugen Plaketten mit «Atomwaffen -nein danke», und Damon erinnerte sich, gelesen zu haben, daß an dem heutigen Tag eine Demonstration gegen Nuklearwaffen stattgefunden hatte.
Außerdem war da noch eine liebenswürdige, hübsche Dame zugegen namens Bettina Lacey, etwa sechzigjährig, die jetzt einen Antiquitätenladen führte, und zu ihrer Vergangenheit gehörte ein geschiedener Mann. Sie tranken alle miteinander Wein, wie Gregor versprochen hatte, und dünne Scheiben luftgetrockneter ungarischer Salami waren, mit Radieschen garniert, auf einer großen Platte angerichtet.
Nachdem man sich begrüßt und sich in bunter Reihe um einen großen gescheuerten Tisch gesetzt hatte, fragte Damon: «Was wird denn hier gefeiert?»
«Alles zu seiner Zeit, mein Freund», sagte Gregor. «Trink erst mal.» Er goß Damon ein Glas Wein ein. Damon sah das Etikett. Es war Tokajer. Als er ihn schlürfte, schmeckte er jedoch weder nach Blut noch nach Meerwasser.
«Und jetzt», sagte Gregor, «muß Bettina ihre Geschichte erzählen. Feier erst danach ... Bettina ...» Mit ausladender Geste - wobei er etwas Wein vergoß - wies er auf die Dame, die den Antiquitätenladen hatte.
«Gregor», protestierte Mrs. Lacey, «ihr habt sie gerade alle gehört.»
«Nicht Roger», sagte Gregor. «Ich möchte wissen, was er damit anfängt. Er ist ein nüchtern denkender, ehrlicher Mann, und ich schätze seine Ansicht von allem, was ich selbst nicht begreife. Los, fang an.»
«Na schön», sagte die Dame nicht allzu widerstrebend, «es betrifft meine Tochter. Ich habe Ihnen, glaube ich, schon erzählt, daß sie in Rom studiert.»
«Ja», sagte Damon.
«Nebenher versucht sie, die Augen offenzuhalten und nach Antiquitäten zu schauen - Möbel, altes Silber und dergleichen Dinge, die in Italien ans Licht kommen und mich interessieren könnten. Vergangenen Sonntag fand eine große Antiquitätenmesse direkt vor den Toren Roms statt, und sie sagte mir, sie würde hingehen und mir schreiben, was sie gesehen hätte und was zu haben sei. Nun habe ich gerade vor zwei Tagen einen Brief von ihr erhalten, in dem sie mir erklärt, warum sie nicht dort gewesen ist, obwohl sie schon ein Auto gemietet hatte, um hinzufahren.» Mrs. Lacey nippte an ihrem Wein, als sei die Geschichte,
die sie erzählen sollte, peinigend für sie, und sie müsse sich stärken, um sie zu berichten. «Als sie am Sonntagmorgen erwachte, hatte sie, wie sie mir schrieb, schon bevor sie aus dem Bett aufstand, ein Gefühl, das sie nie zuvor gehabt hatte - eine grauenhafte Vorahnung, Angst. Wie in einem Vakuum, sagte sie, ohne Grund. Sie habe sich kaum soweit zusammenreißen können, sich ein Frühstück zu machen, und beim Gedanken, daß sie mit dem Auto aus der Stadt hinausfahren müsse, sei sie in Tränen ausgebrochen. Sie war allein und kam sich albern vor, aber sie konnte nicht aufhören zu weinen. Und doch ist sie ein Mädchen, das nicht leicht weint. Schon als Kind nicht. Sie war von einem Zittern befallen, und es dauerte länger als eine Stunde, bis sie angezogen war. Das ungute Gefühl ließ sie den ganzen Morgen, ja, den ganzen Tag nicht los, und auch das Auto holte sie sich nicht. Sie setzte sich im Garten der Villa Borghese in die Sonne, sah niemanden an, sprach mit niemandem, bis es dunkel wurde. Dann erst ging sie heim, legte sich ins Bett und verfiel in einen todesähnlichen Schlaf, um erst am nächsten Morgen um neun wieder aufzuwachen.» Mrs. Lacey seufzte, ihr Gesicht war von Schmerz gezeichnet, als fühle sie sich schuldig, weil sie ihre Tochter an einem solchen Tag nicht hatte trösten können. Sie versuchte zu lächeln, als sie fortfuhr: «Woran sie auch immer am Vortag gelitten hatte, es war vergangen; sie fühlte sich wohl und ausgeruht und ging auf die Straße und kaufte auf dem Weg zur Bibliothek, wo sie arbeitet, die Morgenzeitung. Dann sah sie die Schlagzeile. In dem alten hölzernen Gebäude, in dem die Ausstellung stattfand, war ein fürchterlicher Brand ausgebrochen, die Türen waren verschlossen gewesen und dreißig Menschen waren umgekommen.» Sie stieß einen tiefen Seufzer aus, als hätte das Erzählen sie erschöpft.
Einen Augenblick lang herrschte Schweigen im Zimmer.
«Glauben Sie an Vorahnungen, Mr. Damon?» fragte Franklin. Er war ein gediegener, geschäftstüchtiger Mann,
der mit realen Dingen befaßt war. Damon merkte an seinem Ton, daß er dem Bericht der Tochter keine allzu große Bedeutung beimessen wollte.
«Bitte», sagte Damon, der von der Erzählung Mrs. La-ceys tiefer erschüttert war, als er zeigen wollte, «schließlich ... denken Sie doch an Jung und Arthur Koest-ler...»
«Aber das beweist doch gar nichts», sagte Franklin. «Was meinst du dazu, Gregor?»
«Ich glaub an alles, was sich nicht beweisen läßt», sagte Gregor. «Ich meine, wir alle brauchen noch einen Drink.»
Als er in die Küche ging, um eine zweite gekühlte Flasche Wein zu holen, sagte Mrs. Lacey: «Schade, ich wollte Gregor nicht die Party verderben. Jedenfalls werde ich bis zum Ende meiner Tage dem lieben Gott für das, was immer es war, dankbar sein.»
Danach herrschte eine kleine unbehagliche Stille; die Festtagsstimmung war einen Augenblick lang gebrochen. «Was gibt es denn zu begießen?» fragte Damon nicht nur, um sich von Spekulationen über das Erlebnis von Mrs. La-ceys Tochter und dessen verwirrende Bedeutung zu befreien, als vielmehr dem Gespräch eine leichtere Wendung zu geben.
«Wir beide haben ein Stipendium bekommen», sagte Gregor, «Ebba und ich. Für ein Jahr in Europa. Großzügig. Um unsere Talente an Quelle von Kultur aufzufrischen.» Er grinste. «Museen, Oper, Kirchen, üppige Diners, französische Weine. Ist besser als Essensgutscheine. Amerika ist vermögendes Land. Ölgesellschaften, Kongreß, die neuen Medicis. Und keine Einschränkungen: Ich muß nicht Bilder machen vom Ölbohrturm oder Porträts von Aufsichtsratsvorsitzendem oder seiner Frau. Und Ebba muß nicht Ballkleid entwerfen für Debütantinnen. Ich versichere euch, wir werden gute Kapitalisten sein; wir werden auf unsere Kosten kommen. Wir fahren in einer Woche. Was ist los, Roger, du siehst nicht glücklich aus.»
«Natürlich bin ich glücklich», sagte Damon. «Euretwe-
gen! Aber ich hatte gehofft, ihr würdet euch ein Theatermanuskript ansehen, das bei mir liegt. Das Stück soll im Herbst herauskommen, und ich dachte, ihr wäret vielleicht daran interessiert.»
«Stück ist ein Bild, zwei Personen, stimmt's?» fragte Gregor.
Damon lachte. «Drei Personen», sagte er.
Gregor nickte. «Shakespeare hatte vielleicht dreißig, vierzig Personen, zwanzig wechselnde Szenen.»
«Shakespeare brauchte sich nicht mit den Shuberts, den Banken, den Gewerkschaften auseinanderzusetzen.»
Gregor nickte wieder. «Armes Shakespeare. Wertvolle Erfahrung vorenthalten. Zeigt sich in Werk, wie? Roger, mein Freund, das Theater in New York ist zu Größe von vertrocknete Walnuß zusammengeschrumpft. Straßenverkäufer für Schlipse. Nimm dir doch einen Tischler oder Innenarchitekt. Kannst mir das Bühnenbild schildern, wenn Premiere kommt. Ich bin dann in La Scala bei Zauberflöte. Schlafgemächer, Straßenszenen, hundert Rollen für Ensemble, Statuen, Höllenfeuer. Wenn du Stück findest mit Zügen, die einfahren in Bahnhöfe, mit Kathedralen, Palästen, Wäldern, marschierenden Armeen, Pöbelszenen, zweihundert Kostümen, alle verschieden, ruf uns an! Amerika, reichstes Land der Welt, und dann Stücke mit einem Bild, Couch von Psychiater, Doktor da und Patient. Akt eins: Doktor, ich habe Probleme. Akt zwei: Ich habe immer noch Probleme, Doktor. Ende.»
Damon lachte. «Du bist ein wenig streng mit deinen Zeitgenossen, Gregor», sagte er. «Es gibt auch gute Stücke.»
«Schmal, schmal», sagte Gregor verdrossen.
«Ich finde dir ein Musical.»
«Ja», sagte Gregor. «Arbeite Jahr, zwei Jahr, tausend Entwürfe, Hysterie, kostet genug, um Kambodscha sechs Monate zu ernähren, wird nach erster Aufführung abgesetzt. Apres moi le deluge und die Guillotine nächste Woche. Ich bin nicht ein Mann, der Verschwendung ertragen kann. Ich werfe nie etwas weg, nichts, nicht ein Stück Schnur, nicht Farbtube, die noch einen Klecks Farbe drin hat.»
«Wie immer, Gregor», sagte Damon versöhnlich, «kann man mit dir nicht streiten.»
Gregor strahlte. «Wenn doch jeder so klug wäre wie du, mein Freund. Ich will dir Postkarte schicken aus Florenz. Wenn du inzwischen einen Künstler finden kannst, der schönes großes Studio billig für ein Jahr will, schick ihn zu mir. Aber muß schlechterer Maler sein als ich. Ich werde Europa nicht genießen, wenn ich weiß, der Mann benutzt mein Atelier, um Meisterwerke zu produzieren. Aber auch nicht einen von den Leuten, die mein Freund Jim Franklin in Galerie ausstellt - zwei Linien auf Leinwand, zwei Meter mal zwei Meter. Hintergrund Acrylsäure aufgesprüht. Mittelmaß kann ich hier vertragen, aber nicht Entweihung.» Er funkelte Franklin an.
«Sachte», sagte Franklin ungekränkt. «Ich habe dich auch ausgestellt.»
«Wie viele Gemälde verkauft?»
«Eins.»
«Ha!» schnaubte Gregor. «Du läßt sie die Geometrie anbeten. Rundung, Leidenschaft, Entzücken, Bewunderung für das menschliche Antlitz und menschliche Figur - ka-putt\ Ich bin streunender Hund in deiner Galerie.» Das war offenbar ein wunder Punkt für Gregor, und die gute Laune war aus seiner Stimme verschwunden.
«Gregor, bitte», sagte Ebba. «Jim ist nicht allein für die letzten fünfzig Jahre moderner Kunst verantwortlich.»
«Er kunkelt mit dem Verbrechen», sagte Gregor dunkel. «Fünfzehn Ausstellungen im Jahr. Sieh sie dir an mit ihren buttons.»
Franklin berührte das Ding an seinem Revers voller Unbehagen. «Was ist dagegen einzuwenden, wenn man gegen den Atomkrieg ist?» fragte er abwehrend.
«Ich habe nichts dagegen, daß du gegen Atomkrieg bist», sagte Gregor laut. «Aber ich bin gegen Plaketten. Was besagen sie? Ich gehör zu einer bestimmten Klasse,
die ein anderer definiert hat, ich hör zu, ich tu, wie man mir sagt, das erklärt der button. Ich mache mich fit, selbst wenn das heißt, das Hirn rausoperieren, das kündigt er an.» Er war jetzt in vollem Zuge, nicht mehr im Scherz. «Marschieren, über die Straßen Amerikas.»
«Ich lade dich zum Mitmarschieren ein, wenn das nächste Mal demonstriert wird. Sieh's dir selber an», sagte Franklin noch ruhig, obwohl Damon spürte, daß er über den Angriff des Malers verärgert war.
«Wenn du gleiche Anzahl Russen, Tschechen, Ungarn, Ostdeutsche, Polen, Esten, Letten, Kubaner zum Marschieren mit gleichem button zusammenkriegst», sagte Gregor, der durch die Mühe, die Namenliste abzuhaspeln, fast außer Atem geriet, «dann marschiere ich mit dir. Währenddessen sehen sie im Kreml Bilder von marschierenden Amerikanern, Engländern, Franzosen in den Zeitungen, und lachen sich tot und schicken weitere hunderttausend Soldaten nach Afghanistan, und suchen sich die besten Häuser in Amerika, Park Avenue, The Hamptons, Beverly Hills, auf geheimer Landkarte aus, wo die Kommissare wohnen werden, wenn sie hier sind.»
«Gregor», sagte Ebba scharf. «Hör auf, so ungarisch zu sein. Wir sind nicht in Budapest.»
«Niemand hört jemals auf, ungarisch zu sein», sagte Gregor. «Und ganz sicher nicht, wenn er russische Panzer auf den Boulevards gesehen hat.»
«Und was nun?» fragte Franklin verärgert. «Fangen wir gleich an, Bomben zu schmeißen?»
Gregor faßte sich an den Kopf, er blickte düster und nachdenklich. «Ich brauche Drink vor Antwort. Ernste Frage.» Er schenkte sich ein volles Glas Wein ein, trank einen langen Zug, setzte das Glas nieder. «Ich bin gegen Atomkrieg, den wir haben werden, ganz gleich, wer marschiert. Ich finde mich damit ab, wie's auch läuft; das Menschengeschlecht kann's kaum abwarten. Ich sehe einen Ausweg. Gewisser Typ Nuklearwaffe. Manche haben vor kurzem großes Geschrei darum gemacht. Ich weiß nicht, warum. Neutronenbombe. Fünfunddreißigtausend, vierzigtausend nukleare Sprengköpfe. Ende der Welt in dreißig Sekunden, Männer, Frauen, Kinder, Vögel in der Luft, Fische im Meer, keine Städte mehr, nichts mehr. Aber Neutronenbombe erfunden von Dichter, Philosoph, Kunstliebhaber. Gewiß, sagt er nach Beendigung von Kalkulationen, Welt fliegt in die Luft. Aber Neutronenbombe hinterläßt etwas. Sicher, tötet alle Menschen, aber läßt Bauwerke stehen, Kirchen, Museen, Bibliotheken, Stilleben, Statuen, Bücher, hinterläßt etwas für zwei-, dreihundert übriggebliebene Menschen, Indianer am Amazonas, Eskimos am Nordpol, um neu zu beginnen. Großer Gestank. Alle wollend total - wir weg, Bauten auch weg, Bilder auch weg. Machst du mir meinen Typ Parade, marschier ich mit dir.»
«Gregor», sagte Mrs. Franklin, die zum ersten Mal sprach, «du hast keine Kinder, daher kannst du so reden.»
«Stimmt», sagte Gregor leise, «wir haben keine Kinder, Ebba und ich. Nicht unsere Schuld. Gottes Schuld.» Er beugte sich zu Ebba, die immer so dicht wie möglich neben ihm saß, und küßte ihre Wange.
Damon stand auf. Das Gespräch hatte ihm mehr zugesetzt, als er zeigen wollte. Er konnte sich die Frage nicht verkneifen, ob er die letzte Explosion nicht begrüßen würde, wenn Mr. Zalovsky mit Sicherheit dabei ausgelöscht würde. «Ich muß jetzt nach Hause. Sheila ist jede Minute fällig, und sie kommt nicht gern in ein leeres Haus zurück.»
Als er nach Hause ging, war er nicht sicher, ob sein Besuch bei Gregor an diesem Nachmittag ein guter Gedanke gewesen war. Zunächst einmal war er neidisch auf das Jahr in Europa, das die Khodars erwartete. Er überlegte, wie köstlich es wäre, wenn er einfach Tickets für sich und Sheila kaufen, morgen nach Paris oder Rom fliegen und dabei alle Verantwortung, alle Verträge, Geschäfte, Drohungen hinter sich lassen könnte; wenn er wüßte, daß er sich zwölf sorgenfreie Monate lang dies alles aus dem Kopf schlagen könnte. Der Vorteil, Künstler zu sein.
Die Stimmung im Studio hatte weiß Gott nicht zum Frohsinn verführt. Bettina Laceys Bericht vom Erlebnis ihrer Tochter war, gelinde gesagt, verwirrend mit seinem Schatten des schaurigen Todes, obwohl die Tochter gerettet worden war. Und Gregors schwarzer Humor mit der Neutronenbombe hatte Ängste aufgerührt, die Damon, wie alle Männer und Frauen seines Zeitalters, möglichst schnell zu unterdrücken suchte.
Er wäre besser dran gewesen, fand Damon, wenn er nach dem Lunch nicht nach Hause gegangen wäre, um dort Gregors Botschaft vorzufinden, sondern sich in eine Bar gesetzt, ein paar Drinks zu sich genommen und sich im Fernsehen ein Baseballspiel angesehen hätte.
4
als sheila um sieben uhr noch nicht zu Hause war, fing er an, sich Sorgen zu machen. Sie hatte gesagt, sie würde um sechs zurück sein, und sie war sonst bewundernswert pünktlich. Er bedauerte, daß er sie nicht morgens im Haus ihrer Mutter angerufen und gebeten hatte, doch noch vor Sonnenuntergang zurückzukommen, denn er wollte nicht, daß sie bei einbrechender Dunkelheit allein die fünf Blocks von der Garage zu Fuß gehen sollte, wo sie den von einer Freundin für die Fahrt geliehenen Wagen abstellen mußte. Er hätte ihr sagen können, daß sich im Village in den letzten Tagen ein paar Raubüberfälle ereignet hätten -was sowieso nicht weit von der Wahrheit entfernt war.
Um acht war er beinahe bereit, die Polizei anzurufen, und ging nervös auf und ab, als er den Schlüssel im Schloß hörte. Er eilte zur Tür, umarmte Sheila und drückte sie fest an sich, als sie die kleine Diele betrat. Gewöhnlich bestand die Begrüßung in einem kurzen Schmatz auf die Wange; nun löste sie sich überrascht aus seinen Armen: «Mein Gott», sagte sie, «was soll denn das heißen?»
«Du kommst so spät.» Er nahm ihr die kleine Tasche ab. «Das ist alles.»
«Wenn es das ist», sagte sie lächelnd, «werde ich von jetzt ab öfter zu spät kommen.»
Ihr ganzes Gesicht war verwandelt, wenn sie lächelte, und selbst nach so vielen Ehejahren vergötterte er es. Ihr entspanntes Gesicht war ernst und dunkel, sie ähnelte den Bäuerinnen, wie man sie auf nüchternen Fotos in Bilderbüchern über Italien finden mochte. Er hatte ihr einmal gesagt, daß ihr Lächeln sie zurück nach Amerika hole.
«Wie war's in Vermont?» fragte er.
«Ein Glück, daß ich nur eine Mutter habe», sagte sie. «Wie war es hier?»
«Einsam. Ich habe ein Exemplar des Kreuzworträtsels für dich aufgehoben.»
«Lieber Mann», sagte sie. Sie streifte den Mantel ab. «Ich hebe es mir für später auf. Jetzt will ich mich erst etwas frisch machen und mir das Haar kämmen, und dann wirst du mir einen Drink mixen und mich in ein hübsches Restaurant ausführen, wo wir eine anständige Mahlzeit kriegen können. Meine Mutter ist seit meinem letzten Besuch Vegetarierin geworden. Klimakterium in der Küche.» Sie blinzelte ins Deckenlicht, das sie selten anmachten, das aber jetzt zusammen mit allen anderen Lichtem im Zimmer leuchtete. In ihrem Alter, meinte sie, sollte das Deckenlicht ihren Feinden Vorbehalten bleiben. «Was hast du denn hier angestellt - hast du Fotos gemacht für den Nackedei des Monats im Playboyh>
«Ich hab eine Telefonnummer nachgesehen», log er. Er drehte das Deckenlicht aus. «Die Drinks waren eine gute Idee, aber ich dachte, wir sollten hier etwas zu uns nehmen - Eier, oder was immer wir in Dosen haben. Ich habe spät zu Mittag gegessen und bin nicht hungrig.» Die Erläuterungen fingen schon an, aber es war zu früh zu sagen, warum er das eigene Heim dem vorzog, was ihn vielleicht auf dem Weg zum Restaurant an der Ecke des nächsten Blocks erwartete.
«Ach, sei lieb, Roger», sagte Sheila. «Sonntag abend.»
Er zögerte, hätte sie fast gebeten, sich hinzusetzen, damit er die ganze Geschichte loswerden konnte. Aber er wollte ihr nicht die Heimkehr vermiesen. Ja, wenn es sich machen ließ, wollte er ihr niemals die ganze Geschichte erzählen. «Also gut, ein Restaurant», sagte er. «Dein Drink ist gleich soweit.»
Sie blickte ihn aufmerksam an. Er kannte den Blick. Er nannte ihn ihren Krankenhausblick. Als er sie kennenlernte, lag er im Bett und hatte den Fuß im Streckverband, weil ihn ein Taxi angefahren hatte. Er teilte das Krankenzimmer mit einem Mann namens Biancella - der ebenfalls überfahren worden und zudem Sheilas unverheirateter Onkel war. Sie standen sich sehr nahe, was weitgehend damit zusammenhing, daß beide Sheilas Mutter - die Bian-cellas Schwester war - als einen hoffnungslosen Fall betrachteten.
Er und Biancella hatten sich im geteilten Unglück angefreundet. Damon hatte erfahren, daß Biancella, ein kleiner, dunkler, gutaussehender Mann mit krausem, angegrautem Haar, in Old Lyme, Connecticut, eine Autoreparaturwerkstatt betrieb und nur einmal im Jahr nach New York kam, um seine Nichte zu besuchen. «Das wäre mir in Old Lyme nie passiert», hatte Biancella gesagt, indem er wehmütig auf den hüfthohen Gipsverband klopfte. «Meine Mutter hatte mir geraten, die großen Städte zu meiden.»
«Ich lebe seit Jahren in New York», sagte Damon, «und ich bin vom Bürgersteig auf die Straße getreten, genau wie Sie.»
Sie lachten über ihre jeweilige Nachlässigkeit. Beide waren auf dem Wege der Besserung und konnten sich das Lachen leisten.
Sheila kam jeden Tag ihren Onkel besuchen, wenn sie mit ihrer Arbeit im Kindergarten fertig war, und bei diesen Besuchen hatte Damon ihren Krankenhausblick entdeckt. Biancella gab sich Mühe, stets eine fröhliche und klaglose Miene aufzusetzen, wenn seine Nichte ins Zimmer trat, selbst wenn der Tag bis zu diesem Zeitpunkt besonders schlimm gewesen war. Und er hatte tatsächlich einige sehr schlimme Tage in seinem Bett, das Damons Bett gegenüberstand. Aber wenn Sheila das Zimmer betrat, mochte sie schon beim ersten Blick sagen: «Nun versuche ja nicht, mir was vorzumachen, Onkel Federico! Was fehlt dir heute? Hat eine Krankenschwester dich gequält oder ein Arzt dir weh getan?»
Stets hatte sie recht. Während der drei Wochen, in denen sie täglich kam, hatte sie auch Damon mehr oder weniger adoptiert; aber seine Versuche, Schmerzen stoisch zu ertragen, wurden von der dunkelhaarigen, hübschen jungen Frau mit den ernsten Augen entlarvt; immer wieder zwang sie ihn zu dem Geständnis, daß nicht alles bei ihm stimme, daß man ihm nicht genug Sedativa gebe, damit er einschlafen könne, daß seine Beschwerde beim Arzt, der Gipsverband sei zu eng, unbeachtet bleibe. Sie machte sich bei den Ärzten und einigen Schwestern unbeliebt, wenn sie sofortige Abhilfe verlangte, aber Damon sah ihr zu, wenn sie die Kissen ihres Onkels ordnete, ihn beschwatzte, die Leckerbissen zu essen, die sie ihm gebracht hatte und an denen Damon auf ihr Drängen teilhaben sollte, wobei sie besänftigend mit leiser, wohllautender Stimme ihrem Onkel Neuigkeiten von der Familie auftischte, ihn mit bitterkomischen Anekdoten von ihrer Mutter unterhielt, von Theateraufführungen erzählte, die sie gesehen hatte, oder von den Leistungen der Kinder in ihrer Klasse. Damon begann, den Nachmittagsvisiten als dem Höhepunkt eines jeden Tages mit Vergnügen entgegenzusehen.
Sie trieb Vasen auf für die vielen Blumen, die seine Freunde ihm schickten, und sie war kühl korrekt, wenn auch nicht herzlich, wenn ihre Visiten mit denen einiger Damen aus Damons Bekanntschaft zusammenfielen. Sie war gelassen und artig, und Damon fand es nur zu verständlich, wenn Biancella, ein hagerer und von Schmerzen geplagter alter Mann, von seiner Nichte sagte: «Wenn sie mir die Hand auf die Stirn legt, um zu fühlen, ob ich Fieber
habe, dann tut sie mehr für meine Genesung als alle Ärzte und Schwestern und Injektionen zusammen.»
Nachdem Damon zwei Wochen im Krankenhaus verbracht hatte, war er zu dem Schluß gekommen, daß seine geschiedene Frau und die meisten Mädchen und Frauen, die er gekannt hatte, verglichen mit Sheila Branch - so lautete ihr Mädchenname - unerträglich frivol und unreif waren, und daß er sie, ungeachtet ihres Altersunterschiedes (er war über vierzig und sie fünfundzwanzig) heiraten würde, wenn sie ihn haben wollte.
Aber ihr feines Gespür, so angenehm im Krankenhaus, war in einer Ehe manchmal schwer zu ertragen, so wie jetzt, im Augenblick ihrer Heimkehr, während sie sich die Handschuhe abstreifte, die sie am Steuer getragen hatte. Sie sagte: «Du siehst furchtbar aus. Was ist passiert?»
«Nichts», sagte er brüsk und mit dem ärgerlichen Ton, der zuweilen ihren Fragen Einhalt gebot. «Ich habe den ganzen Tag gelesen und versucht, mir klarzuwerden, was an dem Manuskript nicht stimmt, und wie man das ändern kann.»
«Es ist mehr als das», sagte sie, störrisch wie eine Bäuerin. So hatte er es ihr gegenüber mehr als einmal bezeichnet. «Du hast mit deiner Verflossenen Mittag gegessen», sagte sie vorwurfsvoll. «Daran liegt's. Du kommst von solchen Begegnungen immer zurück, als donnere es dir im Kopf. Was ist los? Will sie wieder mehr Geld?»
«Dir kund und zu wissen: Ich habe allein geluncht und ich habe meine Ex-Frau seit über einem Monat nicht mehr gesehen.» Er war froh über die Gelegenheit, unschuldsvoll und aufrichtig gekränkt zu klingen.
«Na», sagte Sheila, «dann mach ein freundlicheres oder wenigstens ein anderes Gesicht, wenn wir zum Essen ausgehen.» Sie lächelte und beendete damit die Auseinandersetzung - wenigstens fürs erste. «Ich bin's, die eigentlich aussehen sollte wie ein Donnerwetter, nach zwei Tagen mit mamma mia.»
«Du siehst schön aus», sagte er und meinte es. Wenn sie auch niemals von den Modellagenturen als Titelfoto von Harper's oder Vogue ausgewählt worden wäre, so waren doch die ernsten, eindrucksvollen Linien ihres Gesichts, die großen dunklen Augen, das schwere, dichte schwarze Haar, das schulterlang geschnitten war, der kräftige, üppige, olivenhäutige Leib mit den Jahren für ihn zum Maßstab geworden, nach dem er Wert und Charakter einer Frau beurteilte.
Trotzdem hatte er sich immer wieder kurz, aber unwiderstehlich zu Frauen hingezogen gefühlt und sich, wie mit jener iberischen Schönheit, mit dieser und jener vergnügt. Die langen Jahre freudiger Junggesellenschaft nach dem Scheitern seiner Ehe waren zwei Dingen gewidmet gewesen - Arbeit und Begehren, und seine zweite Ehe hatte ihn in dieser Hinsicht nicht geläutert. Er war kein religiöser Mensch, und wenn er sich gezwungen sah, über die Religion nachzudenken, entschied er sich für die Agnostik. Trotzdem hatte er das Gefühl, sündig zu sein, wenn denn der Trieb selbst schon Sünde war. Er fluchte nicht oder gab falsches Zeugnis, er stahl nicht und tötete nicht, aber von Zeit zu Zeit begehrte er das Weib seines Nächsten. Sein Trieb war kräftig und natürlich, und er gab sich wenig Mühe, ihn zu zügeln, obwohl er nach Möglichkeit versuchte, bei seiner Befriedigung weder sich noch seiner Partnerin zu schaden. New York war in diesen Jahren kein Zentrum der Enthaltsamkeit. Er war ein schöner junger Mann gewesen, und, wie es bei Menschen, die in der Jugend gut aussahen, meistens der Fall ist, benahm er sich mit Unbefangenheit und Sicherheit, auch als das Alter bereits Spuren in seinem Äußeren hinterlassen hatte. Er hatte nicht versucht, diese Seite seines Charakters vor Sheila zu verheimlichen. Das wäre wohl auch nicht möglich gewesen - sie hatte die Parade der Frauen gesehen, die ihn in seinem Krankenzimmer besucht hatten. Die Dame aus Spanien hatte Sheila durch ihre Indiskretion erzürnt. Offengestanden hatte sie auch ihn geärgert, und er hatte der Dame mit einem Gefühl der Erleichterung den Laufpaß gegeben; in
den zwei Jahren seit ihrer Trennung hatte es auch keine andere gegeben.
Da nun Sheila vor ihm stand, sicher heimgekehrt, schloß er sie ein weiteres Mal in die Arme und küßte sie auf die Lippen; die vertrauten weichen Lippen, die sich gelegentlich auch zu eigensinniger Härte verschließen konnten, drückten sich weich gegen die seinen. «Sheila», murmelte er und hielt sie noch umschlungen, flüsterte ihr aber ins Ohr, «ich freue mich so, daß du wieder da bist. Die zwei Tage kamen mir vor wie Jahrhunderte.»
Sie lächelte wieder, berührte seinen Mund mit der Fingerspitze, als wolle sie ihm Schweigen gebieten, und ging ins Schlafzimmer. Die Art, wie sie ging, aufrecht, ohne Wiegen, den Kopf erhoben und unbewegt, während der Körper sich bewegte, erinnerte ihn, nicht zum ersten Mal, an ein junges Mädchen, das ihm, kurz nach seiner Ankunft in New York, gefallen und mit dem er ein Verhältnis gehabt hatte. Sie war Schauspielerin mit dunklem Haar, und sie hatte, wie Sheila, eine italienische Mutter. Irgendwo in ihren Genen - wie in Sheilas - mußte sich eine rassische Erinnerung an Frauen mit schweren Krügen auf dem Kopf erhalten haben, die auf den sonnengebadeten Pfaden Kalabriens wandelten. Ihr Name war Antoinetta Bradley; er liebte sie den größten Teil eines Jahres und glaubte, daß auch sie ihn liebe; sie hatten sogar über die Ehe gesprochen. Es stellte sich jedoch heraus, daß sie einen seiner besten Freunde, Maurice Fitzgerald, liebte, mit dem er eine Wohnung in Manhattan teilte. Sie losten mit einer Münze um die Wohnung, und Damon verlor.
«Das Glück im Los», hatte Fitzgerald gesagt, als Damon seine Sachen packte.
Antoinetta Bradley und Maurice Fitzgerald gingen bald darauf nach London; sie hatten, wie Damon erfuhr, geheiratet und waren dort ansässig geworden. Er hatte seit dreißig Jahren keinen von beiden wiedergesehen, aber er erinnerte sich noch an Antoinettas Gang und an Fitzgerald, wie er gesagt hatte: «Das Glück im Los.»
Während er in der Küche das Eis für die Drinks holte, seufzte er in Erinnerung an die Zeit vor dem Krieg und unmittelbar danach, als er Schauspieler gewesen war und auf den Durchbruch gehofft hatte, der ihn zum Star machen würde. Es ging ihm nicht schlecht und er bekam genügend kleinere Rollen, die ihm ein einigermaßen behagliches Leben sicherten; es wäre ihm damals nicht eingefallen, daß er sich irgendwann einmal in etwas anderem als dem Theater, oder vielleicht dem Film, versuchen würde.
Bei den Proben zu einem der Stücke in den späten vierziger Jahren geschah etwas, das seinem Leben eine andere Wendung gab. Mr. Gray, der den Autor als Agent vertrat, erschien gelegentlich zu den Proben; Damon und er hatten sich angewöhnt, in den hinteren Reihen des dunklen Zuschauerraums während der langen Perioden, in denen Da- mon auf der Bühne nicht gebraucht wurde, im Flüsterton Gespräche zu führen. Mr. Gray hatte ihn um sein Urteil über das Stück gebeten, und Damon hatte ihm offen erklärt, seiner Meinung nach werde es durchfallen, und auch, warum. Gray war von seiner Meinung beeindruckt gewesen und hatte ihm gesagt, er befinde sich am falschen Ende des Geschäfts, und falls er einmal einen Job brauche, dann stünde ihm in der Gray-Agentur einer offen. «Sie haben mir Ihre ehrliche Meinung über das Stück gesagt», erklärte er. «Sie sind offenbar ein intelligenter und gebildeter junger Mann, und ich kann Sie brauchen. Auf der Bühne liegen die Dinge anders - Sie überzeugen mich nicht, und ich bin fast sicher, daß Sie auch die Zuschauer nicht überzeugen werden. Wenn Sie weiterhin versuchen, als Schauspieler Karriere zu machen, werden Sie meiner Ansicht nach als erfolgloser und enttäuschter Mann enden.»
Zwei Wochen nachdem das Stück abgesetzt war, arbeitete Damon in Mr. Grays Agentur.
Als Damon das Eis aus der Küche brachte und zwei Drinks einschenkte, verzog er in Gedanken an Mr. Grays Worte ein wenig das Gesicht. Heute abend mußte er gewissermaßen wieder Theater spielen, mit nur einer Zuschaue-
rin. Er wollte die bestmögliche Darstellung geben, aber die Jahre hatten seine dramatischen Talente nicht verbessert, und er war sich fast sicher, daß er nicht überzeugen würde. Ihm stand ein langer Abend bevor.
«Oliver», sagte Sheila zu Oliver Gabrielsen, nachdem sie in einem Restaurant im südlichen Teil Manhattans - von den New Yorkern kurz downton genannt - ihren Lunch bestellt hatten, «ich habe dich gestern deswegen so früh angerufen - gleich nachdem Roger sich auf den Weg ins Büro gemacht hatte -, weil er nicht wissen darf, warum ich dich treffen wollte.» Sie hatte Oliver schon gestern gebeten, irgendwo mit ihr zu Mittag zu essen, wo sie Damon bestimmt nicht treffen würden. Doch er hatte bereits eine Verabredung, die er nicht absagen konnte, und jetzt war es Dienstag.
«Meine Frau war mißtrauisch», sagte Oliver. «Sie ist es nicht gewöhnt, daß mich die Damen schon beim Frühstück anrufen und sich mit mir verabreden. Sie sagt, du seist umwerfend schön. Auf eine altmodische Art und Weise.» Er lächelte und berührte über den Tisch hinweg Sheilas Hand. «Die gefährlichste Art, sagt sie. Und daß ich mir immer eine Mutter suche, um mit ihr zu schlafen. Sie beneidet dich und versucht, dich zu kopieren. Hast du gemerkt, daß sie seit vergangenem Jahr ihr Haar so trägt wie du?»
«Habe ich bemerkt. Ehrlich gesagt, ich fand es ein bißchen streng für ihr jugendliches Gesicht», sagte Sheila. Sie fügte ihrer Beschreibung nicht das Wort «leer» hinzu, obwohl es das Bild genauer getroffen hätte. Sie war Doris Gabrielsen nicht besonders zugetan und fand, daß sie Oliver nicht ebenbürtig sei.
«Und ich habe sie einmal dabei ertappt, wie sie vor dem Spiegel deinen Gang geübt hat», sagte Oliver.
«Den wird sie nie schaffen», sagte Sheila, die sich über diesen Einblick in eine andere Ehe ärgerte. «Ihr Gang hat ein eingebautes Schwänzeln. Verzeih mir, wenn ich lästere. Sie erinnert mich daran, wie alt ich bin.»
«Mach dir darüber keine Gedanken», sagte Oliver. «Sie lästert zuweilen auch über dich. Heute morgen hat sie gesagt, es sei verdammt komisch, daß du mich allein sprechen willst. Sie war ziemlich verärgert, als ich ihr sagte, ich hätte keine Ahnung, worum es sich handele, und sie sagte, sie wisse, daß ich lüge. Sie sagt, du und Roger und sie und ich seien kein Quartett - wir seien ein dreieinhalbfaches Trio, und sie sei das restliche halbe.»
«Tut mir leid», sagte Sheila.
Oliver zuckte die Achseln. «Tut ihr gut. Hilft, die notwendige Spannung in der Ehe erhalten.»
«Gut, denk dir eine Geschichte aus, aber erzähl ihr nicht die Wahrheit, denn die hat mit Roger zu tun», sagte Sheila.
«Das habe ich mir gedacht.»
«Also das hier bleibt zwischen dir und mir. Ich war zwei Tage verreist, und während ich weg war, muß irgendwas passiert sein. Er hat etwas getan, was - für ihn - ganz aus dem Rahmen fällt. Du weißt doch, daß er überall zu Fuß hingeht...»
Oliver nickte. «Und wie ich darunter leide! Wenn wir eine Verabredung außerhalb des Büros haben, weigert er sich, selbst wenn es am anderen Ende der Stadt ist, ein Taxi zu nehmen; und er geht so schnell, daß ich überall keuchend und schweißbedeckt ankomme. Ihn hält das fit, aber mich erinnert es daran, daß alle Männer in meiner Familie früh an einem Herzleiden gestorben sind.»
«Nun ja», sagte Sheila, «fit oder nicht fit, als wir am Sonntagabend zum Essen ausgingen, bestand er auf einem Taxi, obwohl das Restaurant nur etwa zehn Minuten zu Fuß entfernt war, und dann wollte er auch mit dem Taxi zurück. Er sagte, die Straßen seien zu gefährlich geworden, als daß man sie heutzutage nachts zu Fuß gehen könne. Und als wir dann nach Hause kamen, begann er über den Hauswirt zu schimpfen, der den Summer noch nicht repariert hat, und daß jedermann zu jeder Tages- und Nachtzeit ins Haus könne. Und er sagte, er wolle eine neue Woh-
nungstür einbauen lassen mit einer Kette und richtigen Schlössern und einem Guckloch. Und eine Geheimnummer will er auch haben. Du weißt, er ist kein ängstlicher Mann - ich habe gesehen, wie er auf der Straße den Kampf zwischen zwei riesigen Grobianen beendet hat -, aber ich konnte nicht aus ihm rauskriegen, was ihn plötzlich so ängstigt. Er sagte sogar, wir sollten vielleicht umziehen -in eins dieser großen neuen, grauenhaften Apartmenthäuser mit einem sogenannten Sicherheitssystem - du weißt schon, Television in den Fahrstühlen und zwei Mann an der Haustür und eine Schaltzentrale, wo jeder seinen Namen sagen muß und angemeldet wird.» Sie schüttelte verstört den Kopf. «Das sieht ihm so gar nicht ähnlich. Er liebt die Wohnung und haßt im allgemeinen jede Änderung. Ich bin seit Jahren hinter ihm her, die Wände streichen zu lassen - die Farbe blättert schon überall ab -, und er hat sich geweigert, mich anzuhören oder auch nur ein paar von den Büchern loszuwerden, die uns den Platz wegnehmen.»
Oliver nickte. «Als ich ihm vorschlug, es sei doch vielleicht an der Zeit, in ein größeres Büro umzuziehen, hat er gebrummt wie ein Bär und mir einen langen Vortrag über die Vorzüge der bescheidenen Lebensführung gehalten.»
«Ehrlich gesagt», erklärte Sheila, «war ich wie vor den Kopf geschlagen. Zwei kurze Tage, und ich kehre zu einem anderen Mann zurück.» Sie schüttelte wieder den Kopf. «Ich habe versucht herauszukriegen, was los ist, aber er sagte, die Zeiten seien eben so und die Welt stehe kopf, und das sei ihm plötzlich klargeworden. Ich erwiderte ihm, das sei Unsinn, und ich glaubte ihm nicht, und wir hatten selbstverständlich einen Streit, und dann hörte ich ihn mitten in der Nacht im Wohnzimmer auf und ab gehen und sah, daß er alle Lichter angemacht hatte. Gewöhnlich schläft er, als hätte ihn einer mit dem Hammer über den Schädel gehauen. Ich mache mir Sorgen. Er ist ein Vernunftsmensch, und das alles ist so unvernünftig ... Der Grund, weswegen ich dich sehen wollte: hast du etwas bemerkt ...?»
Oliver wartete schweigend, bis der Kellner ihnen die Teller vorgesetzt hatte. Er bewegte ein wenig nervös die Hände und starrte Sheila über den Tisch aufmerksam an; seine grauen Augen waren ernst. «Ja», sagte er, als der Kellner fort war, «etwas ist geschehen. Als er gestern ins Büro kam, tigerte er herum und fummelte dauernd am Schloß der Eingangstür, die wir, wie du weißt, immer offenhalten - was soll einer schon von uns stehlen? Etwa tausend abgelehnte Manuskripte? Und er hat Miss Walton, unserer Sekretärin, gesagt, sie solle es auswechseln und so ein kleines Fenster aus kugelsicherem Glas anbringen lassen, wie man sie in den Banken hat, mit einer Sprechanlage, durch die man reden kann. Und er sagte, wir sollten das Telefon nicht abnehmen, wenn es klingelt - nur Miss Walton solle es von nun an beantworten und feststellen, wer anruft und worum es sich handelt, bevor sie zu einem von uns durchstellt. Ich fragte ihn, ob er meint, daß wir in den Diamantenhandel eingestiegen seien, und er sagte: <Das ist nicht komisch.» Er sagte, überall in der Stadt würde in Büros eingebrochen und er wüßte von einer Sekretärin, die an ihrem Schreibtisch vergewaltigt worden sei, als sie zur Mittagszeit allein war. Du kennst Miss Walton - sie ist fast sechzig und wiegt etwa zwei Zentner, und ich habe gesagt, sie würde es wahrscheinlich himmlisch finden. <OH-ver>, sagte er, <du hast einen frivolen Charakterzug; das weiß ich schon längst, aber bisher habe ich mich noch zurückgehalten. Jetzt muß ich dir sagen, daß ich ihn nicht bil-lige.> Danach hielt ich den Mund.»
«Wie erklärst du dir das?»
Oliver zuckte wieder die Achseln. «Ich weiß nicht. Geld vielleicht. Er ist nicht daran gewöhnt. Ich ja schließlich auch nicht, aber ich bin nicht gewillt, ein Stück kugelsicheres Glas nur deshalb zu kaufen, weil wir innerhalb von zwanzig Jahren an ein einziges Buch geraten sind, das eine Superbombe ist. Alterserscheinung?»
«Ein Mann altert nicht innerhalb von zwei Tagen», sagte Sheila ungeduldig. «Hat er Feinde?»
«Wer hat keine Feinde? Warum fragst du?»
«Ich habe irgendwie das Gefühl, daß er bedroht worden ist, während ich weg war, und daß er so darauf reagiert.»
«Was man auch sonst über unseren Beruf sagen mag», meinte Oliver, «er ist friedlich. Schriftsteller laufen nicht rum und töten Menschen, wenn sie nicht gerade Hemingway sind, und leider haben wir keinen Hemingway auf unserer Liste. Gewiß, Mailer hat auf eine seiner Frauen eingestochen, aber wir haben auch keinen Mailer.» Er versuchte, tröstlich zu lächeln und tätschelte wieder Sheilas Hand. «Vielleicht ist es nur eine vorübergehende Laune. Vielleicht war er schwermütig, weil du weg warst, und das ist seine Art, es zu zeigen.»
«Ich bin früher schon länger als zwei Tage weggewesen», sagte Sheila, «und er hat sich deswegen nicht entschlossen, in einer Festung zu leben.»
«Vielleicht hat er's bisher verheimlicht, und die zwei Tage waren der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte?»
«Literarische Anspielungen sind keine Antwort auf spezielle Probleme», sagte Sheila kurz. «Gibt es sonst etwas, was du mir verraten könntest?»
Oliver zögerte, stocherte im Essen auf seinem Teller. «Eine Sache. Zwei Sachen, genauer gesagt.»
«Was?» Sheilas Stimme war hart. «Du darfst nichts verschweigen, Oliver. Nicht mir.»
«Nun gut», sagte er widerstrebend, «er sollte übers Wochenende ein Manuskript lesen - es ist von einer Frau, mit der wir bisher einiges Glück hatten, und im schnellen Lesen dieser Sachen ist er immer so zuverlässig -, aber am Montagmorgen hat er mir das Manuskript auf den Tisch geworfen und gesagt, er könne nichts damit anfangen und bat mich, es zu lesen und ihm zu sagen, ob es etwas tauge oder nicht. Es stellte sich heraus, daß es durchaus annehmbar war, und er sagte: <Okay, du übernimmst den Falb, obwohl er doch gerade für diese Autorin bisher jedesmal die Verträge gemacht hatte. Ach, ich hab's vergessen, ich habe nichts zu trinken bestellt. Hättest du gern ein Glas Wein?»
«Lassen wir den Wein. Du hast gesagt, zwei Sachen. Was war die zweite?»
Oliver machte ein unglückliches Gesicht. «Ich weiß nicht, ob du das hören willst, Sheila», sagte er.
«Ich muß Roger helfen», sagte Sheila, «und du auch. Und das können wir nicht, wenn wir voreinander Geheimnisse haben. Was ist das zweite?»
«Roger hat mir einmal gesagt, du erinnerst ihn zuweilen an Medea», sagte Oliver, um Aufschub bemüht. «Jetzt begreife ich, was er gemeint hat.»
«Ich würde jeden umbringen, der versucht, meinem Mann zu schaden», sagte Sheila gemessen. «Und das hat nichts mit einem jungen Mann zu tun, der mit seinen Kenntnissen der griechischen Literatur angibt und weiß, wer Medea war.»
«Ich bin dein Freund, Sheila», sagte Oliver gekränkt. «Und Rogers. Das weißt du.»
«Beweise es.» Sie sprach ohne Erbarmen. «Was ist das zweite?»
Oliver hustete, als hätte er etwas in der Kehle, und trank ein halbes Glas Wasser. «Das zweite», sagte er, als er das Glas niedersetzte, «ist, daß er Miss Walton bat, im Rathaus anzurufen und festzustellen, wie man an einen Waffenschein für eine Pistole kommt.»
Sheila schloß die Augen. «Du lieber Himmel!» sagte sie leise.
«Das war's», sagte Oliver. «Was wirst du Roger jetzt sagen?»
«Ich werde ihm jedes Wort von unserem Gespräch wiederholen», sagte Sheila.
«Er wird es mir nie verzeihen.»
«Das wäre ein großer Jammer», sagte Sheila.
DÄMON BLICKTE UNGEDULDIG AUF SEINE UHR. Er hatte Seine
verflossene Frau Elaine angerufen und sie aufgefordert, ihn um ein Uhr im Restaurant zu treffen. Jetzt war es zwanzig Minuten nach eins. Sie war immer zu allem zu spät gekommen, was einer von vielen Gründen für ihre Scheidung gewesen war, und sie hatte sich nicht geändert. Auch in ihren anderen Gewohnheiten hatte sich nichts geändert. Sie rauchte immer noch drei Päckchen Zigaretten am Tag, trank von morgens bis nachts und verspielte alles Geld, dessen sie habhaft werden konnte. Der Geruch nach Zigarettenrauch und Alkoholdunst, der ihr anhaftete, machte ihm immer noch den Routine-Begrüßungskuß auf die Wange zur Qual. Sie hatte sich stets schlampig gekleidet, etwa wie ein Mädchen, das an einem Wochentagmorgen in Northhampton bei Regen in die Schule geht, und sogar jetzt, als dickliche, sechzigjährige Frau, war sie immer noch imstande, mit Jeans und einem um zwei Nummern zu großen Sweater bekleidet in einem Restaurant aufzutauchen. Was einmal bei einem jungen Mädchen als reizvoller Mangel an Eitelkeit erschienen war - damals, als er ihr das erste Mal in dem Buchladen begegnete, in dem sie arbeitete -, war nun, bei der Frau, nur eine berechnete Attitüde von Jugendlichkeit.
Sie war ein hübsches Mädchen gewesen, als er sie heiratete, mit einem kecken, lausbübischen kleinen Gesicht und langem rotem Haar, und sie war gescheit und witzig gewesen und hatte ein weites, mitfühlendes Herz, aber ihr leichtfertiger Umgang mit Geld und die träge Vernachlässigung ihrer eigenen und seiner Person und ihrer Wohnung hatten - zusammen mit ihren drei Süchten - die Ehe scheitern lassen. Sie hatten übereilt geheiratet - zehn Tage nach ihrer ersten Begegnung - und hatten vor der Trauung nicht miteinander geschlafen. Die Entdeckung, daß sie sich gegenseitig sexuell nicht befriedigten, hatte die Ehe als unerwartetes und verwirrendes Mißgeschick beginnen lassen, von dem sie sich schließlich nicht mehr erholte. Trotz alledem war die Scheidung freundschaftlich verlaufen. Befreit von den Banden körperlicher Verpflichtungen, blieben sie Freunde. Ihr literarischer Geschmack war sehr vielseitig und verläßlich. Damon gab ihr zuweilen Manuskripte zu lesen, um ihre Reaktion kennenzulernen; und ihr Rat war für gewöhnlich brauchbar. Erst in den letzten drei Jahren, nachdem ihr zweiter Mann gestorben war, hatte sie begonnen, Geld von ihm zu verlangen. Ihr Mann war ein Berufsspieler gewesen; mit ihm zusammen hatte sie den größten Teil ihrer Zeit in Las Vegas und auf den Pferderennbahnen des ganzen Landes verbracht, wobei sie gelegentlich, je nach der Schnelligkeit der Pferde oder der Drehung des Glücksrades, in großem Stil lebte, sich aber zuweilen auch gezwungen sah, die Juwelen zu versetzen, mit denen ihr Mann sie während einer Glückssträhne überschüttete.
Damon war kein geiziger Mann, und selbst bei seinen beschränkten Mitteln - vor Klagelied - hätte er ihr die verhältnismäßig kleinen Summen, die sie von ihm verlangte, nicht vorenthalten, wenn er nicht gewußt hätte, daß das Geld schließlich in den Händen von Spirituosenhändlern, Buchmachern und Spielern landen würde, die am Backgammonbrett mehr Geschick bewiesen als sie. In solchen Zeiten kam er mit grimmiger Miene und übellaunig nach Hause und mußte Sheilas Vorwürfe über sich ergehen lassen.
Dennoch hatte sich Elaine die ganze Zeit über die Fähigkeit bewahrt, ihn zu amüsieren. Nur heute, dachte er grämlich, als er wieder auf die Uhr blickte, würde das Gespräch nicht heiter sein.
Er sah sie das Restaurant betreten und kurzsichtig nach ihm Umschau halten. Ihr Haar war jetzt kurz geschnitten und in einem schreienden Magentarot gefärbt, das die grauen Strähnen verdecken sollte. Dankbar bemerkte er, daß sie ein dezentes blaues Kleid trug und Schuhe mit hohen Absätzen statt der üblichen abgelatschten Mokassins.
Die Düfte, die ihm in die Nase stiegen, als er sie auf die Wange küßte, waren allerdings noch die gleichen.
Ihr Gesicht war überraschend jugendlich und faltenlos, und ihre grünen Augen waren, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, klar.
«Du siehst sehr gut aus», sagte er, als sie sich, Seite an Seite, auf der Sitzbank niederließen. «Sehr chic, wenn ich das so sagen darf.»
«Ich hatte eine Glückssträhne bei den Pferden», erwiderte sie. «Das fördert die Gesundheit. Und ich habe einen neuen Freund, der darauf bestanden hat, daß ich meine alten Kleider verbrenne.»
«Guter Mann», sagte Damon und dachte bei sich, daß sie sich auch mit achtzig noch neue Männer angeln würde.
Sie drehte sich etwas auf der Sitzbank, um ihn genauer in Augenschein zu nehmen. «Du siehst nicht eben gut aus. Was ist los - bekommt dir das Glück nicht?»
«Ich habe dich nicht hergebeten, um über meine Gesundheit zu reden», sagte Damon. «Es geht um etwas anderes.»
«Wenn's um Geld geht, das ich dir schulde» - sie hatte stets den Schein gewahrt, daß das gegebene Geld kein Geschenk war, sondern eine Anleihe - «dann könnte ich wahrscheinlich das meiste bei meinem Freund rausquetschen. Er ist Verteiler.»
«Verteiler von was? Von Kleidern für Damen ohne eigenes Einkommen?»
Elaine lächelte still, ungerührt von dieser Spitze. Sie war nie übellaunig gewesen, außer wenn sie betrunken war und alle, deren sie ansichtig wurde, beschimpfte. «Spielautomaten. Das ist ein hübsches Einkommen, wenn es auch bedeutet, daß man dann und wann mit sehr anrüchigen Herren Arbeitsessen hat.»
«Gerade deswegen», sagte Damon, «habe ich dich heute zum Lunch gebeten. Solange ich dich mit deinem Hang zum Glücksspiel kenne, hast du mit anrüchigen Herren -zumindest aus meiner Sicht - Umgang gepflogen. Jockeys,
Pferdetrainer, Spieler, Buchmacher, Schlepper und Gott weiß, was sonst noch.»
«Ein Mädchen ist berechtigt, sich seine Freunde selbst auszusuchen», sagte Elaine mit Würde. «Die meinen sind viel amüsanter als diese trübseligen Schriftsteller, die du mit nach Hause gebracht hast und die dauernd von Henry James redeten. Wenn du vorhast, mich zu schurigeln, dann gehe ich lieber gleich wieder weg.»
Sie wollte schon aufstehen, aber er zog sie wieder auf ihren Platz.
«Setz dich, setz dich.» Er sah zum Kellner hoch, der vor dem Tisch stand. «Was willst du essen?»
«Bietest du mir nichts zum Trinken an? Ziehst du immer noch gegen meinen Hang zur Trunksucht zu Felde?»
«Ich hab nicht dran gedacht. Was willst du haben?»
«Was trinkst du denn?» Sie deutete auf das kleine Glas neben seinem Teller.
«Sherry.»
Sie schnitt eine Grimasse. «Grauenhaftes Zeug. Höllisch für die Leber. Wodka auf Eis ist gut um diese Tageszeit. Oder weißt du es nicht mehr?»
«Nur zu gut.» Damon sah zum Kellner hoch. «Ein Wodka auf Eis.»
«Noch einen Sherry für Sie?» fragte der Ober.
Damon schüttelte den Kopf. «Ich habe damit genug. Darf ich dann bitte auch gleich bestellen?»
Das Restaurant war bekannt für die Qualität seiner französischen Küche, aber Elaine warf nicht einmal einen Blick auf die Speisekarte und bestellte einen Hamburger mit gebratenen Zwiebeln.
«Immer noch auf Abfalldiät, wie ich sehe», sagte Damon.
«Wie ein echt amerikanisches Mädchen», erwiderte Elaine lachend. «Oder eine echt amerikanische Dame, in Anbetracht meiner Jahre. Nun zur Sache - warum interessierst du dich urplötzlich so sehr für meine übel beleumundeten Freunde?»
Damon schöpfte tief Atem, wiederholte dann langsam und deutlich sprechend, um sicher zu sein, daß Elaine jedes Wort verstand, das Telefongespräch mit Zalovsky wörtlich und unterbrach sich nur einen Augenblick, als der Kellner mit dem Wodka zurückkehrte. Es war ein Gespräch, an das man sich ohne Schwierigkeit erinnern konnte.
Elaines Gesicht wurde ernst beim Zuhören, und sie rührte ihren Drink erst an, als er geendet hatte. Dann trank sie die Hälfte davon mit einem Schluck. «Was für eine verteufelte Nacht das gewesen sein muß. Kein Wunder, daß du so mies aussiehst. Kennst du denn jemand mit Namen Zalovsky?»
«Nein. Du vielleicht?»
«Nein. Ich werde Freddie fragen - das ist mein Freund -, ob der ihn kennt, aber die Chance ist sehr gering.»
«Macht dein Freund vielleicht auch ein bißchen in Erpressung, wenn er gerade keine Spielautomaten vertreibt?»
Elaine machte ein verstörtes Gesicht. «Das wäre möglich. Aber dann nur geschäftlich.» Sie leerte ihr Glas und klopfte dagegen, um dem vorbeigehenden Kellner anzuzeigen, daß sie ein zweites wollte: «Er weiß natürlich von dir, aber von seiner Warte aus hätte unsere Ehe auch zur Zeit des Bürgerkrieges sein können. Die einzigen Agenten, die er kennt, sind vom FBI, und das einzige, was er liest, sind die <Rennberichte>.»
«Kommst du schon mal nach Chicago?»
«Ach, gelegentlich mal, wenn ein großes Rennen in Ar-lington stattfindet oder Freddie mich auffordert, auf einer seiner Geschäftsreisen mitzukommen und wir auf dem Weg nach Vegas dort Station machen.»
«Natürlich», sagte Damon, «könnte jemand das auch für einen zwar gemeinen, aber doch ganz lustigen Streich gehalten haben.»
Elaine schüttelte den Kopf. «Das klingt mir nicht nach Streich. Ich möchte dich nicht mehr als nötig ängstigen, aber mir scheint, das ist ein ernster Fall. Todernst. Wie willst du dich verhalten, wenn er wieder anruft?»
«Ich weiß nicht genau. Ich dachte, du hättest da vielleicht etwas vorzuschlagen.»
«Laß mich mal nachdenken.» Sie schlürfte ihren zweiten Wodka, zündete sich eine Zigarette an und versuchte, den Rauch mit einer Handbewegung zu vertreiben. «Ich kenne da einen Kriminaler von der Mordkommission. Soll ich mit dem mal reden und auskundschaften, wozu er dir rät?»
«An dieser Kommission stört mich das <Mord>.»
«Tut mir leid», sagte sie, «er ist der einzige Kriminaler, den ich kenne.»
«Sprich mit ihm, und vielen Dank.»
«Ich rufe dich an und lasse dich wissen, was er sagt.»
«Ruf mich im Büro an. Ich will nicht, daß meine Frau am Apparat ist, wenn Zalovsky wieder anruft.»
«Du hast ihr, mit anderen Worten, gar nicht erzählt, daß du bedroht wirst?» Es war ihm klar, daß Elaine das als Vorwurf meinte.
«Ich will sie nicht unnötig alarmieren.»
«Unnötig, du lieber Gott! Wenn du in Gefahr bist, ist sie's auch. Konntest du dir das nicht zusammenreimen? Wenn der Betreffende, der hinter dir her ist, aus irgendeinem Grunde deiner nicht habhaft werden kann, was tut er dann wohl, deiner Meinung nach - wird wohl Kolpingbru-der, was? Der greift sie,»
«Ich habe nicht so viel Erfahrung in diesen Dingen wie du.» Er wußte, daß sie recht hatte, aber zugleich wußte er auch, daß seine Verstimmung über ihre Zurechtweisung mit durchklang.
«Nur weil ich ein paarmal im Jahr nach Las Vegas fahre, brauchst du nicht zu reden, als sei ich oberstes Pistolenweib bei der Mafia.» Ihre Stimme war zorngeladen. «Das ist nichts weiter als gesunder Menschenverstand, verdammt noch mal.»
«Da könntest du schon recht haben», sagte er widerwil-
lig. «Ich werd's ihr erzählen.» Wieder eine große Nacht, die in der Damon-Heimstatt bevorstand, dachte er, als er dem Kellner zusah, der Elaines Hamburger und sein Schollenfilet auf den Tisch stellte.
«Sollen wir auch Wein bestellen?»
«Natürlich. Was willst du haben?»
«Was willst du haben? Der Gastgeber bestellt gewöhnlich den Wein, und ich nehme an, daß dieser Lunch auf deine Kosten geht.»
«Ich trinke nicht gern mitten am Tag», sagte er. Es war schon immer schwierig gewesen, in Elaines Gesellschaft nicht scheinheilig zu tönen.
«Eine halbe Flasche Beaujolais», sagte sie zu dem Kellner. In den alten Tagen hätte sie eine ganze bestellt. Vielleicht, dachte er, ist sie mäßiger geworden.
«Zalovsky aus Chicago», murmelte sie mehr zu sich selbst, als sie ihr Hamburger Steak mit Tomatenketchup übergoß. «Hast du eine Ahnung, wie er aussehen könnte?»
«Ich habe nur ein paar Minuten mit ihm am Telefon gesprochen», sagte Damon, «aber ich habe mir in der Tat nach seiner Stimme eine Vorstellung von ihm gemacht. Fünfundvierzig, fünfzig vielleicht, ein schwerer Mann, auffällige Kleidung, kein Anzeichen von Bildung.»
«Was hast du in dieser Sache unternommen?» fragte Elaine.
«Dagegen läßt sich nicht viel unternehmen - bis jetzt. Ach ja, ich habe einen Waffenschein für eine Pistole beantragt.»
Elaine machte ein finsteres Gesicht. «Das halte ich für keinen sehr guten Gedanken. Weißt du, was ich an deiner Stelle tun würde? Ich würde eine Liste anlegen.»
«Was für eine Liste?»
«Von Leuten, die aus irgendeinem Grund einen Groll gegen dich hegen. Irre, die in dein Büro gekommen und abgewiesen worden sind, Menschen, die glauben, du hättest sie irgendwie übers Ohr gehauen, Damen, denen du
den Laufpaß gegeben hast...» Sie grinste, und ihr Gesicht war augenblicklich wieder keck und alterslos. «Junge, das gab eine Liste! Und reichte weit zurück! Die Leute lassen die Dinge jahrelang eitern, werden mit zunehmendem Alter neurotisch - haben eine Pechsträhne und suchen nach einem Sündenbock oder sehen einen Film über eine Rache oder eine verschmähte Frau oder Gott weiß was sonst. Ein verrückter Schriftsteller mag dir ein Manuskript angeboten haben, das du nicht mal gelesen und mit einer Ablehnung von einer Zeile zurückgeschickt hast; dann hat er Klagelied gelesen und auf der Bestsellerliste gesehen und glaubt nun wirklich, man hätte ihn plagiiert. Mein Gott, ich bin seit Olims Zeiten nicht mehr auf vertrautem Fuß mit dir, aber selbst ich könnte eine ganz beachtliche Liste anfertigen, ohne mich besonders anzustrengen. Und suche gar nicht erst unter dem Buchstaben <Z> nach Spuren. Der Name kann bedeutungslos sein. Und wenn du mit dem Kriminalbeamten sprichst, der übrigens Lieutenant Schulter heißt, dann halte mit deinen Eroberungen nicht hinterm Berg. Er kann vielleicht etwas auffangen, einen Hinweis, an den du nie gedacht hast. Und ...» Sie zögerte, mit erhobener Gabel. «Und du könntest auch deine Frau bitten, ihre Vergangenheit genau zu überprüfen. Sie ist eine schöne Frau, habe ich gehört, oder ist zumindest eine schöne Frau gewesen, und ich habe noch keine schöne Frau gekannt, die in ihrem Leben nicht kübelweise Kummer gehabt oder wenigstens einmal einen wirklich falschen Mann aufgepickt hat. Und sie ist eine halbe Italienerin, und du weißt nie, was die Italiener für Bindungen haben, die sie lieber nicht an die große Glocke hängen.»
«Ach, hör bitte mit dieser italienischen Masche auf. Ihr Onkel hatte eine Garage in Connecticut.» Das war eine alte Schlacht zwischen ihnen. Elaine stammte aus einer sittenstrengen deutschen Familie in Wisconsin, was auch ihre Keuschheit vor dem Hochzeitstag erklärte - allerdings nicht, was danach kam -, und hatte unerschütterliche Ansichten über die üblen Charaktereigenschaften von Italie-