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Das Königreich Kambodscha (Preăh Réachéanachâk Kâmpǔchéa) liegt in Südostasien und grenzt im Norden und Westen an Thailand, im Nordosten an Laos und im Osten an Vietnam. Es hat eine Grenzlänge von 2572 km (803 km Thailand, 541 km Laos und 1228 km Vietnam). Das Land erstreckt sich auf einer Fläche von 181 040 km2, davon sind 176 520 km2 Landfläche (zum Vergleich: Deutschland ist mit 357 021 km2 etwa doppelt so groß). Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 430 km, von Osten nach Westen sind es 550 km. Die Küste am Golf von Thailand ist 443 km lang. In der Hauptstadt Phnom Penh im Süden des Landes leben etwa 2 Mio. Einwohner (inkl. Vorstädte). Der gewaltigste Strom Südostasiens ist auch der größte und längste Kambodschas: Der Mekong fließt von Nord nach Süd auf etwa 500 km durch Kambodscha. Meist ist der Fluss etwa 1,6 km breit. Nahe Phnom Penh spaltet sich der obere Mekong in den Bassac-Fluss und den unteren Mekong. Ein weiterer sehr bedeutender Fluss ist der Tonle Sap, der zweimal im Jahr seine Richtung ändert – ein auf der Welt einmaliges Phänomen. So wird der Tonle-Sap-See – zumindest für einige Monate im Jahr – zum größte Binnenmeer Südostasiens (siehe >>).
Der höchste Berg des Landes ist mit 1813 m der Phnom Aural im östlichen Teil des Kardamom-Gebirges. Der wohl wichtigste und berühmteste Berg ist jedoch der Phnom Kulen (siehe >>) nahe Angkor. Doch Kambodscha besteht längst nicht nur aus Gebirge und Flusslandschaften, sondern bietet seinen Besuchern auch einen langen Küstenstreifen am Golf von Thailand.
Die Gegend um Pailin war lange Zeit ein El Dorado für Edelsteinsucher, doch die Vorkommen sind mittlerweile erschöpft. Auch in der Provinz Rattanakiri wurde und wird nach kostbaren Steinen gegraben. Zurzeit werden Konzessionen verkauft, um nach Gold, Kohle, Bauxit, Eisen, Phosphaten und Edelsteinen zu suchen, vor der Küste sollen Erdölbohrungen starten. Der Abbau von Bodenschätzen wird zu erheblichen Eingriffen in die Natur des Landes führen.
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Kambodscha verfügt in einigen Teilen des Landes noch über eine beeindruckende Tier- und Pflanzenwelt, die nicht zuletzt aufgrund fehlender Industrieanlagen noch weitgehend intakt ist. Etwa im Kardamom-Gebirge, einer immergrünen Region im Süden des Landes, die sich vom regenreichen Emerald-Tal bis zur recht trockenen Kirirom-Region erstreckt und zu den artenreichsten Gegenden Südostasiens zählt. Viele Gebiete dieser Region sind unzugänglich und Fauna und Flora noch vollkommen sich selbst überlassen. Über 450 Vogel- und 30 vom Aussterben bedrohte oder gefährdete Tierarten sind hier noch zu Hause, u. a. Elefanten (Kasten siehe >>), Tiger, Nebelparder und Plumploris. Auch das bereits als ausgestorben geglaubte Siam-Krokodil wurde hier gesichtet.
Andere Gebiete sind dem Kahlschlag zum Opfer gefallen. Traurig ragen mancherorts nach der Brandrodung Baumstümpfe und vereinzelte Bäume in den Himmel. Dem Schutz der einzigartigen Flora und Fauna sollen die zahlreichen Nationalparks dienen. Da jedoch die Regierung Hun Sens weitreichende Konzessionen für Investoren auch in diesen Gebieten erteilt, bleibt dies bisweilen Makulatur. Doch zahlreiche internationale NGOs bemühen sich weiterhin um den Naturschutz, und es gibt einige bemerkenswerte Projekte, die die Bevölkerung dabei mit einbinden. Mehr dazu siehe >>.
Die Artenvielfalt in Kambodscha ist groß. Allein 430 bis 630 Tierarten (die Quellen widersprechen sich), die hier ihren Lebensraum haben, stehen unter Schutz.
In den Wäldern leben noch heute viele Großtiere, darunter Indische Elefanten, Leoparden und Tiger, Fliegende Hunde und Bären. Es gibt zahlreiche Schlangenarten, darunter Pythons, Kobras und Nattern. Zudem tollen verschiedene Affenarten, etwa Makaken, Languren, Gibbons und Loris, durch die Bäume. Auch Warane, Gürteltiere und Tapire tragen zur Artenvielfalt bei. In den Sümpfen leben Krokodile, und im Meer tummeln sich Schildkröten und Haie. Der Besucher bekommt die wenigsten dieser Geschöpfe in freier Wildbahn zu Gesicht. Ziemlich sicher aber wird man die Rückenflossen der letzten Irrawaddy-Delphine erspähen, die noch im Mekong beheimatet sind.
Zahlreiche Affen bevölkern die Baumwipfel Kambodschas. Dazu zählt z. B. der als stark gefährdet eingestufte Kappengibbon (Hylobates pileatus). Ein Markenzeichen dieses tagaktiven Gibbons ist sein heller Haarschopf. Durch die Abholzung der Wälder bedroht ist der Silberlangur (Trachypithecus germaini). Diese ebenfalls tagaktiven Tiere halten sich vorwiegend im dichten Wald auf und leiden besonders stark unter der Rodung der Wälder. Vermehrt in Gefangenschaft gehalten wird der niedliche Bengal-Plumplori (Nycticebus bengalensis), der in freier Natur in Baumwipfeln lebt. Das nachtaktive Tier muss doppelt leiden: Als sei das Leben in Gefangenschaft nicht schon schlimm genug, bricht man ihm auch noch die Zähne aus. Grund: Die Bisse der Plumploris sind aufgrund eines Giftes schmerzhaft.
In Kambodschas Wäldern leben Malaienbären (Helarctos malayanus) und Schwarzbären (Kragenbären). Malaienbären gelten mit einer Körperlänge von 110 bis 140 cm und einem Gewicht von 30 bis 60 kg als kleinste Bärenart. Während alle anderen Bärenarten auf dem Boden leben, zieht der Malaienbär, ein ausgezeichneter Kletterer, oft die Bäume als Aufenthaltsort vor. Wie hoch die exakte Zahl dieser vom Aussterben bedrohten Tiere ist, die noch in Kambodschas Wäldern lebt, ist unklar. Forscher gehen davon aus, dass die Zahl der Tiere in den letzten 30 Jahren um ein Drittel zurückgegangen ist. Größter Feind des Bären ist der Mensch, der neben dem Pelz auch das Fleisch und die Tatzen der Tiere begehrt. Nicht zuletzt ist die Galle gewinnbringend verkäuflich, da sie in der chinesischen Medizin Einsatz findet. Bedroht sind die Tiere auch, weil ihr Lebensraum unaufhörlich schrumpft. Die Tierschutzorganisation Free the Bears, www.freethebears.org.au, kümmert sich um den Schutz des Bestandes und betreibt eine Auffangstation für Tiere aus Gefangenschaft nahe Phnom Penh (siehe >>).
Auch Schwarzbären (Ursus thibetanus) gelten als gefährdet. Diese Gattung zählt zu den Großbären und lebt vorwiegend auf dem Boden, tagsüber verbringen sie ihre Zeit meist in Höhlen. Die Tiere werden zwischen 120 und 180 cm groß und können bis zu 150 kg auf die Waage bringen. Das Fell des Schwarzbären ist tiefschwarz, nur auf der Brust und der Kehle zeichnet sich ein V-förmiger Kragen ab. Dieser Fellzeichnung verdankt der Bär seinen Zweitnamen Kragenbär.
Lange galt das erst 1937 entdeckte Wildrind Kouprey (Bos sauveli) als ausgestorben, bis es Mitarbeitern der NGO Fauna & Flora in der Gegend um Siem Reap 2013 gelang, einige Fotos der seltenen Tiere zu schießen. Das Rind misst eine Schulterhöhe von etwa 1,80 m und kann bis zu 800 kg wiegen.
Freunde der Spezies Katze freuen sich über die Begegnung mit einer Bengalkatze (Prionailurus bengalensis, auch Leopardenkatze genannt). Während sie nachts durch die Wälder streifen, liegen diese Katzen, die in etwa so groß werden wie Hauskatzen, tagsüber in schattigen Felsspalten oder Baumhöhlen. Freunden von veredeltem Kaffee sind vielleicht die Fleckenmusang (Paradoxurus hermaphroditus) bekannt. Diese Schleichkatzenart ist nachtaktiv und verbringt die Tage schlafend in Asthöhlen. Liebend gerne frisst das Tier Kaffeekirschen, deren Kerne nach der Verdauung einen besonders leckeren Kaffee hervorbringen. Da für die Herstellung dieses Kaffees die Tiere in Gefangenschaft gehalten werden und dies in der Regel nicht artgerecht geschieht, sollte man gut überlegen, ob man diesen Kaffee (Kopi Luwak) tatsächlich trinken möchte. Nur noch etwa 20 Exemplare des Indonesischen Tigers (Panthera Tigris Corbetti, eine Unterart des Königstigers) leben in Kambodscha. Diese Großkatze, deren Männchen bis zu 2,75 m lang werden können und dann bis zu 190 kg wiegen, gilt als stark gefährdet.
Graue Riesen in Bedrängnis
In Kambodscha ist der Asiatische Elefant (Elephas maximus, auch Indischer Elefant genannt) beheimatet. Da er etwas kleiner ist als der Afrikanische Elefant, ist er nur das zweitgrößte Landtier der Erde. Asiatische Elefanten leben derzeit noch in den Wäldern von Kambodscha, Thailand, Laos, Vietnam, Malaysia, Indonesien, Bhutan, Nepal, Sri Lanka, Myanmar, Bangladesch, im äußersten Süden Chinas und in einigen Gebieten Indiens. Ihr Lebensraum wird immer kleiner, ihre Art wird als gefährdet eingestuft. Die Organisation Fauna & Flora geht von einer Gesamtpopulation von 40 000 bis 50 000 Tieren aus, davon leben etwa 30 000 in freier Wildbahn. In Kambodscha sind derzeit noch etwa 400 bis 600 wilde Elefanten beheimatet, etwa 100 Tiere (manche Quellen gehen von 200 aus) sind gezähmt und leben in Gefangenschaft. Wilde Populationen findet man in der Gegend des Kardamom-Gebirges im Südwesten des Landes und im Nordosten in der Provinz Mondulkiri. In diesen Regionen haben ethnische Minderheiten lange Jahre Elefanten gefangen und gezähmt. Dieser Praxis folgen sie nicht mehr, und so reduziert sich die Zahl der in Gefangenschaft lebenden Elefanten von Jahr zu Jahr. Die gezielte Arbeit von NGOs mit den Dorfbewohnern soll dazu beitragen, den natürlichen Lebensraum der Tiere zu erhalten und den Elefanten so ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Ob auch die Regierung mitziehen und die Vergabe von Lizenzen zum Holzeinschlag einschränken wird, bleibt abzuwarten.
Elefantenreiten: Ja oder Nein?
Noch werden Elefantenritte in Kambodscha angeboten, z. B. bei den Tempeln von Angkor und auf einigen Trekkingtouren im Nordosten. Generell entspricht dies nicht einer artgerechten Haltung. Und dennoch: Solange diese Touren nicht dazu führen, dass neue Elefanten gefangen werden (oder gezüchtet, worauf die Hochland-Khmer bisher aufgrund ihres Volksglaubens verzichten, siehe >>), unterstützt der Reisende mit einem Ritt derzeit primär die arme Dorfbevölkerung, was vor allem für Trekkingtouren in entfernten Gebieten gilt. Hier sollte man sorgfältig zwischen Tier- und Menschenwohl abwägen. Weitaus kritikwürdiger erscheint uns ein Ritt durch die Tempel von Angkor, nicht zuletzt weil die Tiere stundenlang in der Sonne ausharren müssen. Viele Tiere (es sollen derzeit 17 Elefanten sein) wurden der armen Bergbevölkerung abgekauft. Ob sie nun in der Hitze Zentralkambodschas ein besseres Leben führen, ist fraglich, auch wenn sich der Betreiber, die Compagnie des Eléphants d’ Angkor, zum Ziel setzt, die Tiere zu schützen. Laut Medienberichten kommen die Einnahmen Aufklärungskampagnen zugute; erneut bleibt hier nur die persönliche Abwägung, ob dafür ein Elefant in Gefangenschaft gehalten werden muss. Wer den Tieren helfen will, kann Geld an Projekte spenden, die die Aufklärung der Bevölkerung vorantreiben und dazu beitragen, den natürlichen Lebensraum der Tiere zu erhalten; z. B. Fauna & Flora International, www.fauna-flora.org, oder die Wildlife Conservation Society, www.wcs.org.
In Südostasien gibt es 49 endemische Vogelarten, einige davon sind in Kambodscha beheimatet. In den Savannen und Sümpfen im Nordwesten der Preah-Vihear-Provinz lebt beispielsweise der Weißschulteribis (Pseudibis davisoni), und auch der Riesenibis (Pseudibis gigantea, Kambodschas Nationalvogel) ist hier zu Hause. Am Sekong-Fluss nisten zudem die vom Aussterben bedrohten Weißrückengeier (Gyps bengalensis), Dünnschnabelgeier (Gyps tenuirostris) und Asiatischen Königsgeier (Sarcogyps Calvus).
Auch der große Marabu (Leptoptilos dubius) ist vom Aussterben bedroht. Mit einer Körpergröße von bis zu 1,50 m und einer Flügelspannweite von 250 cm ist dies ein imposanter Vogel, doch der Aasfresser ist wegen seines kahlen Kopfes und der traurig blickenden Augen eher hässlich und Mitleid erregend. Als gefährdet gilt auch der etwa 1,20 m messende, kleinere Artgenosse, der Sunda-Marabu (Leptoptilos javanicus). Er ernährt sich eher von Fischen und anderen Kleinstlebewesen wie Lurchen oder Heuschrecken. Ihn sieht der Gast noch häufig auf Ausflügen am Tonle-Sap-See. Schön anzusehen ist auch der in See und Weihernähe lebende Ährenträgerpfau (Pavo muticus). Leider wird er vielfach wegen seines Federkleides gejagt oder illegal gehalten. Gerne in menschlicher Umgebung hält sich der Bartsittich (Psittacula alexandri) auf. Dieser kleine, niedliche, grün gefiederte Sittich lebt oft in Parks und in der Nähe menschlicher Siedlungen. Zudem gibt es in Kambodscha Reiher und Greifvögel.
Kambodscha ist Heimat einiger imposanter Schlangenarten. Dazu zählt die in ganz Südostasien beheimatete Tigerpython (Python molurus bivittatus), eine der größten Schlangen der Welt. Das nachtaktive Tier kann bis zu 90 kg schwer werden und misst dann etwa 6 m. Die Würgeschlange kann sehr gut schwimmen und lebt in der Nähe von Wasser und bewaldeten Bergen. Sie ernährt sich von mittleren bis großen Säugetieren. Vielfach wird die Tigerpython getötet, denn ihr Fleisch und ihre Haut sind beliebt. Zudem findet sie in der traditionellen Medizin Verwendung. Auch die Netzpython (Python reticulatus) hat in Kambodscha ihr Zuhause. Sie ist die wohl längste Schlange der Welt (das längste Exemplar wurde in Indonesien auf Sulawesi gefangen und maß knapp 10 m). Auch diese Schlange wird wegen ihrer Haut getötet; vielfach findet der Reisende auf den Märkten Mitbringsel, die aus Netzpython-Haut gefertigt sind. Eine endemische Schlange ist die Tonle-Sap-Wassertrungnatter (Enhydris longicauda), die nur in diesem See vorkommt und als gefährdet gilt. Ihr Aussterben könnte große Auswirkungen auf das gesamte Ökosystems des Sees haben, denn die Wassertrungnatter ist ein wichtiger Bestandteil des ökologischen Gleichgewichts: Sie ernährt sich von Fröschen und Krustentieren und hält so den Bestand dieser Kleinsttiere im Lot und ist selbst Nahrung für zahlreiche große Wasservögel des Sees. Leider landet sie derzeit vielfach auf dem Teller. An dem Biss einer Natter aus der Familie der Krait (Bungarus) stirbt man innerhalb von 8 Stunden, doch die Schlange ist nicht weitverbreitet, zudem sehr scheu, nur in äußersten Notfällen greift sie den Menschen an. Unter den Kobras ist vor allem die Königskobra (Ophiophagus hannah) zu erwähnen, die sich hauptsächlich von anderen Schlangen und Echsen ernährt. Ihr Biss kann ebenfalls für den Menschen tödlich sein, doch auch die Königskobra ist eher scheu. Sollte man einer dieser Schlangen begegnen: Ruhe bewahren!
Auch zahlreiche Arten von Schildkröten und Echsen leben in Kambodscha. In schlammigen Flüssen wohnt die Tempelschildkröte (Heosemys annandalii), die mit einer Länge von 40 bis 60 cm zu den größeren Sumpfschildkröten zählt. Zu erkennen ist das Tier an seinem dunklen, nicht gemusterten Panzer. Einen helleren Körper hat die Gelbkopf-Landschildkröte (Indostestudo elongata). Die bis zu 33 cm lange und dann etwa 3,5 kg wiegende Art lebt im Wald unter Büschen und ernährt sich von Pilzen und Früchten. Ihr Fortpflanzungszyklus ist sehr langsam, nur zwei bis acht Eier legt eine ausgewachsene Landschildkröte. Sofern sie nicht auf dem Teller der Menschen landet, können die Tiere bis zu 70 Jahre alt werden. Da sie gern verzehrt und auch der Lebensraum Wald immer weiter zerstört wird, ist sie seit dem Jahr 2000 als gefährdet eingestuft. Die kleine Malayen-Sumpfschildkröte (Malayemys subtrijuga) ist ihrer Natur nach ein Einzelgänger und sehr stressanfällig. Eine Nachzucht in Gefangenschaft ist bisher nicht geglückt. Diese Schildkröte lebt in Weihern und überfluteten Reisfeldern. Obwohl sie eher klein ist, landen sie (und ihre Eier) oft auf dem Teller. Zugleich aber gilt sie auch als Glücksbringer, sofern man die Schildkröte eingefangen und in einem Teich am Tempel wieder freigelassen hat. Letzteres überleben die Tiere jedoch meist nicht lange, da sie ein Leben unter so vielen Artgenossen nicht vertragen.
Nahe Kratie werden im Mekong Turtle Conservation Center (MTCC), www.mekongturtle.com, verschiedene Schildkrötenarten gepflegt, aufgezogen und anschließend in den Mekong entlassen. Darunter befindet sich auch die seltene Cantors Riesenweichschildkröte (Pelochelys cantorii). Lange galt diese besonders große Schildkrötenart, die bis zu 50 kg Gewicht auf die Waage bringen kann, als ausgestorben. 2007 wurden im Mekong drei Tiere und zwölf Jungtiere gefunden und eingefangen. 2013 wurden 100 im Zentrum aufgezogene Jungtiere in die Freiheit entlassen.
Weitverbreitet ist der Bindenwaran (Varanus salvator). Die tagaktiven Tiere, die sich vielfach von Aas ernähren und so einen wichtigen Beitrag im Ökosystem leisten, gehören mit bis zu 3 m Länge zu den größten Waranarten der Welt. Ausgewachsene Tiere haben kaum Feinde, doch die Jungtiere müssen sich vor Pythons und Adlern und auch vor Artgenossen in Acht nehmen. Bindenwarane haben ein sehr großes Verbreitungsgebiet und leben aufgrund guter Schwimmfähigkeiten auch auf den Inseln Südostasiens.
Umwelt- und Naturschutz
Plastikmüll auf den Straßen und am Wegesrand lässt erahnen, dass ein Umweltbewusstsein in Kambodscha noch nicht wirklich existiert. Zwar halten sich der Müll und die Verschmutzung insgesamt noch in Grenzen, doch je weiter die Industrialisierung voranschreitet, je mehr Fabriken entstehen und je mehr Menschen sich ein Auto leisten können, desto höher wird auch die Umweltbelastung werden. 2010 betrug die Kohlendioxidemission in Kambodscha 0,3 t pro Kopf (in Deutschland waren es fast 10 t).
Doch wie die Existenz der Nationalparks (siehe >>) beweist, gibt es auch in Kambodscha Naturschutzprojekte. Meist sind sie jedoch auf Initiative von NGOs ins Leben gerufen worden, selten werden sie von kambodschanischer Seite organisiert. Eine rühmliche Ausnahme, die sich zudem an den Touristen wendet, sind die zahlreichen Ökoprojekte in den Bergdörfern (siehe >>). Ansonsten ist das Bewusstsein des Durchschnitts-Kambodschaners für Umweltfragen noch nicht sehr weit ausgebildet. Plastiktüten und Flaschen werden gedankenlos in die Natur geworfen („Keine Sorge, der Regen spült die doch bald wieder weg!“), und auch beim Ölwechsel sind die Menschen wenig zimperlich, denn das Altöl versickert ja im Boden – also alles kein Problem. Zahlreiche NGOs und auch Reisende sind Vorbild (oder können es sein, siehe >>, Fair reisen) und können die Kambodschaner sensibilisieren. Vor allem die Menschen aus einfachen dörflichen Strukturen, die mit und in der Natur leben, sind besonders interessiert an Aufklärung und schnell für Ökoprojekte zu begeistern, die helfen, ihre Umwelt und Lebenskultur zu erhalten.
In den Flüssen und Seen Kambodschas tummeln sich zahlreiche Fischarten, darunter der schuppenlose Mekong-Riesenwels (Pangasianodon gigas), der nur im namengebenden Fluss und im Tonle-Sap-See vorkommt und mit einer Größe von bis zu 3 m und einem Gewicht von bis zu 300 kg zu den größten Süßwasserfischen der Welt zählt. Einst war die Population über das gesamte Mekong-Gebiet verbreitet, heute geht man davon aus, dass dieser Wels nur noch in Kambodscha vorkommt, 2500 Tiere soll es noch geben. Das Angeln der Riesenwelse ist verboten. Ein etwas kleinerer Wels ist der Pangasius (Pangasianodon hypophthalmus) aus der Gattung der Haiwelse. Er wird etwa 150 cm lang und wiegt dann knapp über 40 kg. Da der Pangasius als Speisefisch beliebt ist, wird er sowohl wild gefangen als auch in Aquakulturen aufgezogen. Beides schadet dem Bestand, denn auch für die Aufzucht in Gefangenschaft werden wilde Laichkulturen eingesetzt. Die Fische pflanzen sich zudem sehr langsam fort, was den Bestand ebenfalls schrumpfen lässt.
Zum Nationalfisch erklärt wurde die Riesenbarbe (Catlocarpio siamensis). Diese Gattung aus der Familie der Karpfen wird auch Siamesischer Riesenkarpfen genannt. Auch diese Fische können bis zu 3 m lang und bis zu 300 kg schwer werden. Da dieser Fisch sehr gerne gegessen wird, wird er auch in Aquakultur gezüchtet.
Die vom Aussterben bedrohten Irrawaddy-Delphine (Orcaella brevirostris) leben in einer noch recht hohen Population bei Kampi nahe Kratie (siehe >>).
Das Meer ist Heimat zahlreicher Korallen, Oktopusse und Fische wie dem Pharoah Cuttlefish (Sepia pharaonis), Steinfisch (Synanceiidae) und Sweetlip (Lethrinus miniatus). Die Fischerei mit Schleppnetzen sorgt jedoch für unnötigen Beifang, sodass der Bestand an vielen Orten nachhaltig gefährdet ist. Vor allem um Ko Rong Samloem sowie im Koh-S’dach-Archipel versuchen NGOs das Meer und seine Bewohner zu schützen. Eine besondere Erwähnung verdienen hier die Seepferdchen (Hippocampi), von denen in Kambodscha sieben verschiedene Arten leben. Einige bewohnen Korallengärten, andere bevorzugen von Seegras bewachsene Areale. Die Anzahl der Tiere nimmt stetig ab, sodass auch hier ein Schutz dringend notwendig ist. Meeresschutzprojekte, die vielfach auf Freiwilligenarbeit basieren, versuchen, die einzigartigen Biotope zu erhalten. Bei den Inseln vor Kep leben noch Seekühe (Dugong dugon). Sie grasen auf den Seegrasfeldern. Da die Tiere sehr scheu sind, sollte man von einem Besuch absehen.
Bis zu 20 m hoch sind die Urwaldriesen in einigen Gebieten Kambodschas, wie im Kardamom-Gebirge. In einer Höhe über 700 m finden sie optimale Bedingungen im feuchtkühlen Klima vor, sodass hier immergrüner Bergwald gedeiht. Im etwas tiefer liegenden tropischen Regenwald werden die Bäume an den regenreichen Hängen bis zu 50 m hoch. Zudem bietet Kambodscha Regionen mit Monsun- und Trockenwäldern. In manchen Gegenden verwandelt sich das in der Trockenzeit staubige, unwirtliche Grasland während der Regenzeit in sumpfige Savannen, an der Küste erstrecken sich ausgedehnte Mangrovensümpfe.
Neben Urwaldriesen gibt es weitere exotische Bäume, wie den Rosenholz-, den Ebenholz- und den Schwarzholzbaum. Besonders schön anzusehen ist auch der Frangipani, der als Symbol für Unsterblichkeit gilt und mit seinen rosa Blüten an vielen Tempeln zu bestaunen ist. Vorsicht: Der Saft des Baumes ist giftig. Ebenfalls als heilig gilt der Lotos, dessen Samen jedoch sehr schmackhaft sind und gut als Snack verzehrt werden können.
Als Nutzpflanzen haben sich Pfeffer (vor allem in der Gegend um Kampot), Tee, Kaffee, Zuckerpalmen und Reis durchgesetzt. Typisch für das Landschaftsbild in den Ebenen Kambodschas sind die hohen Palmyrapalmen (Borassus flabellifer) mit ihrem buschigen Blattschopf. Die Palme ist seit einem königlichen Dekret im Jahre 2005 Nationalsymbol. Die Früchte sind der Kokosnuss ähnlich (nur etwas kleiner), ihr Saft wird zur Herstellung von Palmwein (Toddy) und Palmzucker genutzt. Am Meer gedeihen bisweilen auch Kokospalmen. Der in Kambodscha zahlreich wachsende Bambus ist als Baustoff besonders gut geeignet, denn das Material ist gut zu verarbeiten und sehr langlebig.
Auch Kambodschas Pflanzenwelt schwindet zunehmend. Obwohl noch große Flächen nahezu unzugänglichen Dschungels existieren (je nach Quellen geht man von 30–70 % bewaldetem Gebiet aus), nimmt die Inbesitznahme durch den Menschen rasant zu. Ein besonderes Problem ist der Holzeinschlag, der mal illegal, mal von der Regierung gebilligt ist. Das Resultat ist das gleiche: Bodenerosion und Verschlammung der Flüsse und Seen.
Palmyrapalmen prägen das Landschaftsbild in weiten Teilen Kambodschas.
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Die letzte Volkszählung fand 2008 statt, von daher liegt die Vermutung nahe, dass die Einwohnerzahl etwas höher ist als hier angegeben. Sicher ist, dass in Kambodscha die Alterspyramide auf einer breiten Basis junger Menschen aufbaut, die sich nach oben hin extrem verjüngt. Insgesamt leben in Kambodscha etwa 14,1 Mio. Menschen, die im Schnitt sehr jung sind (etwa 31 % aller Kambodschaner sind unter 15 Jahren alt, 50 % unter 25 Jahren, die Altersgruppe zwischen 25 und 54 Jahren macht etwa 38 % der Bevölkerung aus, zwischen 55 und 64 sind es 5,1 %, und nur etwa 4 % sind älter als 64 Jahre). Der Altersdurchschnitt liegt bei knapp über 20 Jahren. Jede Frau bringt etwa drei Kinder zur Welt, doch seit dem Babyboom der 1980er-Jahre ist die Geburtenrate leicht rückläufig. Im Schnitt sind Frauen 22 Jahre alt, wenn sie ihr erstes Kind gebären. Etwa 40 Kinder von 1000 sterben, bevor sie fünf Jahre alt geworden sind.
Der überwiegende Teil der Bewohner gehört zur Bevölkerungsgruppe der Khmer (85–88 %). Vietnamesen stellen mit etwa 5 % die größte Minderheit, gefolgt von den Cham (3 %), Chinesen stellen nur etwa 1 % der Bevölkerung. Die verbleibenden Prozente stellen Thais, Laoten und Angehörige der Bergstämme, die heute unter dem Namen Khmer Loeu als Gruppe erfasst werden.
Während in den Zeiten nach der Terrorherrschaft der Roten Khmer viele Einwohner Kambodschas traumatisiert wirkten und der Gast schlecht Zugang zu den Menschen fand, hat sich dies in den letzten Jahren auffallend verändert. Es scheint, als sei der neuen Generation das Glück wieder möglich; die Unbeschwertheit und die Freude haben wieder Einzug gehalten, auch wenn es vielen Khmer wirtschaftlich noch immer sehr schlecht geht.
Das Volk der Khmer stellt mit etwa 12 Mio. Menschen die absolute Mehrheit in Kambodschas Bevölkerung. Es wird angenommen, dass die Vorfahren der Khmer im 3. Jahrtausend v. Chr. aus dem Süden China ins heutige Staatsgebiet übergesiedelt sind. Die Ethnie ist eng verwandt mit dem Volk der Mon, was sich z. B. in ihrer Sprache niederschlägt (Mon-Khmer-Sprache). Dem Kontakt mit Indien in ganz frühen Epochen ist wohl die Schriftweise zu verdanken, denn die Khmer-Schrift zeigt deutliche Verwandtschaft mit der indischen Silbenschrift. Traditionen in Kunst, Musik usw., die in diesem Kapitel beschrieben werden, beziehen sich auf die Volksgruppe der Khmer.
Seit dem späten Mittelalter sind die Khmer Buddhisten. Alle Bemühungen der fremden Herrscher, ob Vietnamesen oder Franzosen, eine andere Religion dauerhaft oder mit nennenswert großer Anhängerschaft zu etablieren, schlugen fehl. Mehr zur Religion siehe >>.
Die männlichen Khmer sind von ihrer Statur her oft relativ breitschultrig, die Frauen zierlicher. Alle Khmer haben dunkle (manchmal gewellte) kräftige Haare und braune, für asiatische Verhältnisse runde Augen. Ob Mann oder Frau, alle tragen immer ein krama bei sich, das für Kambodschaner typische Tuch. Man trägt es als Gürtel, als Sonnenschutz um den Kopf, als Tragetuch für das Kind oder nutzt es zu irgendeinem anderen Zweck. Traditionell trugen die Khmer Wickelröcke (Sampots) und einen freien Oberkörper. Es heißt, bis zum Eintreffen der Franzosen sei dies Tradition gewesen. Heute verhüllen sich kambodschanische Frauen selbst dann, wenn sie schwimmen gehen. Gemäß ihrem Schönheitsideal wird die Haut in allen Alltagssituationen trotz Hitze bedeckt, denn weiße Haut gilt als schick und Zeichen für Wohlstand.
Das Leben der Khmer ist strikt hierarchisch gegliedert. Dies hat sich seit dem Beginn der Geschichtsschreibung nicht geändert. Es bleibt abzuwarten, wie lange die Jugend sich dieser Hierarchie noch so bedingungslos unterwerfen wird.
Die moslemischen Cham sind Nachfahren jener Menschen, die einst das Champa-Reich bewohnten, welches sich auf dem Gebiet des heutigen südlichen Vietnam befand. Die Vorfahren der Cham, ein malaiisches Volk, hatten ab 1177 auch Teile Kambodschas erobert, wurden aber in der großen Seeschlacht auf dem Tonle Sap von Jayavarman VII. geschlagen. Ende des 17. Jhs., nach zahlreichen Konflikten mit Vietnam, zerfiel das Cham-Reich und einige Cham flohen von vietnamesischem Staatsgebiet Richtung Kambodscha. Unter den Roten Khmer wurden die Cham verfolgt, viele ermordet. Schätzungen zufolge verloren zwischen 100 000 und 500 000 Cham damals ihr Leben. Heute wohnen etwa 200 000 Cham meist als Fischer friedlich neben den Khmer in Kambodscha. Die Cham leben streng abgeschirmt in kleinen Dörfern am Wasser (Tonle Sap und Mekong).
Das einstige Reich Champa war hinduistisch geprägt, doch ab etwa 1607 bekannten sich immer mehr Cham zum sunnitischen Islam. Etwa 90 % aller in Kambodscha lebenden Cham sind Moslems. Der Rest sind Atheisten, Hindus oder Christen. Seit den 1960er-Jahren werden die Cham in Kambodscha auch als Khmer Islam bezeichnet, auch um sie gegen spätere Einwanderer (etwa aus Vietnam) abzugrenzen.
Die Cham haben eigene Schriftzeichen und eine eigene Sprache (austronesische Sprachfamilie).
Den ethnischen Minderheiten der Khmer Loeu (Hochland-Khmer) gehören in Kambodscha etwa 150 000–200 000 Menschen an, sie machen knapp 1,5 % der kambodschanischen Bevölkerung aus. Der Name Khmer Loeu wurde in den 1960er-Jahren von König Sihanouk geprägt, auch um unter den etwa 22 indigenen Volksstämmen ein Einheitsgefühl zu erzeugen. Die größten Gruppen stellen die Tompuon, Kuay, Bunong, Kreung und Jarai mit jeweils über 20 000 Angehörigen. Bis auf die Jarai (deren Wurzeln auf die Cham zurückgehen) sprechen alle Khmer Loeu einen Mon-Khmer-Dialekt.
Khmer Loeu leben in kleinen Dörfern von wenigen hundert Menschen, die meisten im Hochland der Provinzen Rattanakiri, Mondulkiri und Stung Treng. Die Volksstämme vermischen sich kaum untereinander, sie sprechen eine eigene Sprache und unterschiedliche Dialekte. Die Menschen sind von dunklerer Hautfarbe und klein gewachsen. Vorherrschende Glaubensrichtung ist der Animismus (Geisterglaube). Für sie gibt es heilige Orte, wie Seen, Bäume oder Felsen, in denen die Geister wohnen. Auch der Ahnenkult ist ausgeprägt (Kasten siehe >>). Fast alle Gemeinschaften sind matriarchalisch geprägt.
Die früher traditionell handgewebte Kleidung ist bei allen Khmer Loeu unterschiedlich, ebenso der Schmuck. Frauen trugen einst Sarongs ohne Oberbekleidung, Männer eine Art Lendenschurz. Heute werden jedoch überall Sarongs und Blusen bei den Frauen bevorzugt, bei Männern Hose und T-Shirt. Die Herstellung von Körben aus Rattan und Bambus wie die konischen Rucksäcke (khapa) ist immer noch weitverbreitet. Auch Fischreusen oder Matten aus Gräsern werden genutzt. Manche stellen Bronze-Gongs für Zeremonien her. Die Kuay sind bekannt für ihre Fähigkeit, Eisen zu schmieden.
Die meisten indigenen Völker kannten keine Schriftzeichen, Wissen wurde nur mündlich weitergegeben. Erst seit einigen Jahren baut die Regierung Schulen auch in den abgelegenen Dörfern.
Die Angehörigen der ethnischen Minderheiten suchen heute ihren Weg zwischen Tradition und Moderne.
Eine recht kleine Gruppe machen die Ethnien der Chinesen aus. Vietnamesen sind mit etwa 5 % recht zahlreich vertreten. Die ersten Siedler kamen im 17. Jh. nach Kambodscha. Sie lebten als Reisbauern. Während der Kolonialzeit kamen weitere Auswanderer, da sie von den Franzosen bei der Vergabe von Ämtern oft bevorzugt wurden. Und auch nach der Vertreibung der Roten Khmer übernahmen sie wichtige Ämter im Land. Vietnamesen sind nicht sonderlich beliebt. Obwohl sie einst den Terrorherrscher Pol Pot vertrieben, herrscht eine große Abneigung gegen sie. Die Opposition macht nicht selten Stimmung gegen Vietnamesen und nutzt diese Ressentiments, um gegen Ministerpräsident Hun Sen Stellung zu beziehen (der einst mit vietnamesischer Unterstützung an die Macht kam). Während die Cham als eingebürgerte Kambodschaner gelten, haben Chinesen und Vietnamesen nur den Status von Immigranten. Viele kommen noch immer illegal über die Grenze. Das wird sich jedoch ab 2015 ändern, denn dann gilt im Rahmen der ASEAN-Freihandelszone das Recht auf Freizügigkeit. Ausgerechnet Sam Rainsy, der oft mit antivietnamesischen Parolen auffiel, wirbt nun für die Anerkennung der im Land geborenen Vietnamesen als kambodschanische Staatsbürger. Er geht davon aus, dass etwa 250 000 der 500 000–700 000 Vietnamesen nach dem Staatsbürgerschaftsgesetz von 1996 eingebürgert werden könnten, sofern sie selbst und ihre Eltern sich legal im Land aufhalten.
Chinesen kamen ab dem 13. Jh. als Händler und siedelten hauptsächlich in den Städten. Nachdem auch sie von den Roten Khmer vertrieben wurden, kommen seit den 1990er-Jahren wieder vermehrt Chinesen ins Land und helfen mit ihren Investitionen nicht unwesentlich beim Aufbau der Wirtschaft.
Kambodschaner gelten allgemein nicht als besonders strebsam. Schon als Vietnam Kambodscha besetzte, schimpfte Kaiser Minh Giang im Jahr 1840 über die Faulheit der Kambodschaner, und auch die französischen Kolonialherren berichteten von der fehlenden Strebsamkeit des kambodschanischen Volkes. Ein Grund liegt wohl darin, dass in der Tradition Kambodschas seit Jahrtausenden nicht so sehr die Bildung als vielmehr der Familienstand bedeutend war für das Fortkommen. Beim Blick in die Vergangenheit zeigt sich, dass lediglich in den Jahren der Ära Sihanouk (zwischen 1955 bis 1970) auch ärmeren Schichten durch Bildung ein Fortkommen möglich war. Dieser Trend wurde aber jäh von der Herrschaft der Khmer Rouge unterbrochen, und noch heute ist es längst nicht jedem Kind möglich, eine gute Ausbildung zu bekommen. Schulbildung ist ein Luxus, den sich viele Kambodschaner nicht leisten können. Das gilt besonders für die Landbevölkerung. (Angemerkt: Diese verrichten ihre Feldarbeit aufgrund der großen Hitze oft in den frühen Morgenstunden. Wenn sie sich anschließend in der Hängematte rekeln, hat das mit der vielfach beschworenen Faulheit nichts zu tun!)
Die Alphabetisierungsrate beträgt 73,9 %, wobei Männer deutlich besser ausgebildet sind, von ihnen können nur 15 % nicht lesen und schreiben. Bei den Frauen, die ihre Kinder meist in jungen Jahren gebären, sind es immerhin 36 %. Die Verfassung garantiert zwar allen Kambodschanern eine neunjährige Schulbildung, doch in der Realität kommen viele Kinder nur weitaus kürzer in den Genuss von Bildung bzw. besuchen nur die Grundschule. Dies gilt besonders auf dem Land, wo Kinder als Arbeitskräfte auf dem Feld gebraucht werden (34,5 % aller Kinder zwischen 7 und 14 Jahren gehen in Kambodscha arbeiten).
Das Bildungssystem ist formal gegliedert in eine Vorschule, eine sechsjährige Grundschulzeit und eine dreijährige Sekundarstufe. Danach können Schüler weitere drei Jahre auf eine höhere Sekundarschule wechseln und bei erfolgreichem Abschluss anschließend studieren. In der Realität ist dieser Werdegang aber nur sehr wenigen Kindern vergönnt. Oft ist die Ausbildung schlicht zu teuer, und wenn überhaupt, wird nur einem der meist zahlreichen Kinder ein solcher Weg eröffnet.
Es gibt zwei weitere wesentliche Probleme im Bildungssystem Kambodschas: die meist schlecht ausgebildeten Lehrer und das niedrige Gehalt. Letzteres führt vermehrt zu Korruption. Zudem müssen viele Lehrer einen zusätzlichen Job annehmen, um zu überleben, und so fällt oft der Unterricht aus. Obwohl mittlerweile nicht mehr jeder unterrichten kann, wie dies nach den Terrorjahren der Roten Khmer aufgrund des Mangels an Lehrkräften üblich war, ist die Qualität des Unterrichts eher mangelhaft. Auch fehlt es oft an Unterrichtsmaterialien. Wer in der Stadt wohnt, hat meist etwas bessere Lehrer, aber oft auch vollere Klassen, da mehr Kinder zur Schule geschickt werden als auf dem Land. Im Schnitt unterrichtet eine Lehrerin 45 Schüler.
Vor allem die Universitäten litten lange Zeit unter der Vertreibung und Tötung der wissenschaftlichen Eliten durch Pol Pot. Erst in den letzten Jahren entstanden viele neue Hochschulen, und auch solche mit langer Tradition, die besonders unter dem Tod der Lehrer litten, sehen wieder positiver in die Zukunft. Beispielsweise ist es gelungen, das Wissen über Tanz und Kunsthandwerk zu retten. Die erste Universität des Landes, die Royal University of Fine Arts, wurde 1918 gegründet. Lange Jahre war nicht sicher, ob das Wissen über die Tanzkunst rechtzeitig vor dem Tod der letzten Überlebenden gerettet werden konnte. Doch es gelang, und heute werden an der Universität wieder erfolgreich die Schönen Künste gelehrt. 1933/36 gründeten die französischen Besatzer die Hochschule Lycée Sisowath in Phnom Penh, die nach einigen Umbenennungen seit 1993 wieder ihren alten Namen trägt, aber nicht mehr als Universität lehrt, sondern als Secondary School fungiert. Die meisten Universitäten befinden sich in Phnom Penh.
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Die etwa 2000-jährige Geschichte Kambodschas lässt sich grob in fünf Epochen einteilen: die Vor-Angkor-Zeit, etwa von Beginn der Zeitenwende bis ins Jahr 800; die Angkor-Zeit (9.–14. Jh.); die Nach-Angkor-Zeit (spätes Mittelalter und frühe Neuzeit); die Kolonialzeit (1863–1953) und schließlich das moderne Kambodscha. Nicht über alle diese Zeiten ist gleich viel bekannt; die Vor-Angkor-Zeit lässt sich nur ungefähr anhand chinesischer Quellen rekonstruieren, und auch über die Angkor-Zeit selbst gibt es nicht allzu viele Quellen: Schriftliche Aufzeichnungen auf Leder oder Palmblättern haben die Zeit nicht überdauert, und die in Stein gemeißelten Inschriften auf Tempelwänden haben vor allem religiöse Inhalte oder befassen sich mit den Rängen und Stiftungen von Würdenträgern. Aus der „dunklen Zeit“ ab dem 14. Jh. gibt es fast gar keine Quellen mehr, vereinzelt berichten Händler aus dem Land. Auch vom Schicksal des kleinen Staates am Tonle Sap während des 18./19. Jhs., als das Land fast zwischen Thailand und Vietnam zerrieben wurde, berichten nur wenige Quellen. Erst als sich Kambodscha 1863 unter den Schutz Frankreichs begab, setzte eine gesicherte Geschichtsschreibung ein – und es waren die französischen Entdecker und Forscher, die den Kambodschanern die Erinnerungen an die große Zeit von Angkor zurückgaben.
Die Ursprünge Kambodschas liegen in grauer Vorzeit. Höhlenfunde belegen, dass die Region des heutigen Königreiches schon seit über 6000 Jahren bewohnt ist; man kann jedoch davon ausgehen, dass Jäger und Sammler schon länger durch die tropischen Wälder gestreift sind. Vermutlich etwa zweieinhalb Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung begannen die ersten Bauern damit, Land zu bestellen; Reis und Wurzelgemüse sicherten den Lebensunterhalt (und tun dies bis heute). Umfangreiche Funde von Töpferwaren belegen ein wichtiges Siedlungsgebiet beim heutigen Samrong Sen.
Etwa um 500 v. Chr. bildete die Einführung von Eisen einen kulturellen Einschnitt. Nicht nur die Werkzeuge, auch die Waffen wurden effektiver, und die Gesellschaft begann sich zu verändern. Es entstanden befestigte Siedlungen, die von einem schützenden Erdwall umgeben waren. Diese erstreckten sich vom Khorat-Plateau (heute Thailand) über Kambodscha bis ins Mekong-Delta (heute Vietnam). Eisen, Bronze, Gold und Silber wurden bearbeitet, Ackerbau und Viehzucht sicherten den Lebensunterhalt.
Die einzelnen Siedlungen, getrennt durch unwegsames Gelände, standen wohl zuerst nur in losem Kontakt zueinander. Es ist aber wahrscheinlich, dass einige lokale Häuptlinge nach „Größerem“ strebten und nach und nach benachbarte Siedlungen in ihren Herrschaftsbereich eingliederten. Etwa um die Zeitenwende haben sich erste kleinere Reiche etabliert.
Im Jahr 245 berichtete eine chinesische Delegation ihrem Kaiser von einem Königreich Funan, das im Bereich des Mekong-Deltas lag. Der wichtige Hafen von Oc Eo (beim heutigen Rach Gia) war zu dieser Zeit eine Schnittstelle im Handel zwischen Indien und China. Die Chinesen berichteten von Büchern und einer eigenen Schrift im Königreich Funan – die indischen Ursprungs war.
Wann genau der indische Einfluss in Kambodscha zu wirken begann, ist unklar. Sicher ist jedoch, dass der Kontakt mit indischen Händlern, Abenteurern und Missionaren Kultur und Gesellschaft der frühen Königreiche entscheidend geprägt hat.
Auch die am meisten nacherzählte Ursprungslegende Kambodschas führt das Entstehen des Reiches auf einen Einfluss von außen zurück. Darin heiratet Soma („Mond“), die Tochter des Naga-Königs, den fremden Besucher Kaundinya, bei dem es sich wohl um einen indischen Brahmanen gehandelt hat. Der Naga-König trinkt daraufhin all das Wasser, das sein Land bedeckt, und schafft den beiden damit ihr Königreich. Die Vermählung zwischen Natur und Kultur, die durch die beiden mythischen Figuren symbolisiert wird, ist prägend für die Geistesgeschichte des Landes – und das Austrinken des großen Wassers eine Erinnerung an die Leistungen der frühen Herrscher im Bereich der Kanalisation und Bewässerung. Beides zusammen bildet den Grundstein für eine großartige Kultur, die hier einige hundert Jahre später entstehen sollte.
Funan muss ein recht wohlhabendes Land gewesen sein. Chinesische Händler berichten, seine Bewohner äßen von silbernem Geschirr, Steuern würden in Gold, Perlen und Parfüm bezahlt. Bei Ausgrabungen in Oc Eo wurden römische Münzen gefunden, Indizien für ein weit gespanntes Handelsnetz.
Das Ende von Funan nahte, als das nördlich gelegene Reich Zhenla, das zuvor von Funan abhängig war, erstarkte. Ende des 6. Jhs. war Zhenla zu einer starken Militärmacht mit vielen Städten und dem Zentrum Isanapura (Sambor Prei Kuk) geworden. Im 7. Jh. übernahm es die Macht in Funan, doch schon im 8. Jh. zerfiel es wieder: in ein „Zhenla des Landes“ und ein „Zhenla der See“. Die Herrscher des Seereiches mussten schließlich ins Exil nach Java gehen – darunter der spätere erste König von Angkor, Jayavarman II., der dort den Bau der großen Tempelanlage von Borobudur überwachte.
Die Gründung des Angkor-Reiches markiert einen großen Einschnitt in der Geschichte Südostasiens. Eine so erfolgreiche, wohlorganisierte Zivilisation mit einem klug durchdachten Bewässerungssystem, das drei Reisernten im Jahr ermöglichte und die Ernährung einer Großstadt mit 1 Mio. Einwohnern sicherstellte, hat es wohl zu dieser Zeit nirgends sonst auf der Welt gegeben. Noch heute blickt jeder Kambodschaner stolz auf diese glorreiche Vergangenheit zurück, und der Tempel von Angkor ziert die Landesflagge.
Chronologie der Angkor-Könige
König | Regierungszeit | Tempel (gebaut oder verändert; Auswahl) |
Jayavarman II. | 802–850 | Rong Chen (Phnom Kulen) |
Jayavarman III. | 850–877 | Bakong |
Indravarman I. | 877–889 | Preah Ko, Indratataka (Baray) |
Yashovarman I. | 889–ca. 915 | Lolei, Bakheng, Prasat Bei, Phnom Krom, Phnom Bok, Östlicher Baray |
Harshmavarman I. | ca. 915–923 | Prasat Kravan |
Isnavarman II. | 923–ca. 928 | |
Jayavarman IV. | ca. 928–ca. 941 | Koh Ker |
Harshavarman II. | ca. 941–944 | |
Rajendravarman | 944–968 | Pre Rup, Östlicher Mebon, Bat Chum, Banteay Srei, Srah Srang |
Jayavarman V. | 968–ca. 1001 | Ta Keo |
Udayadityavarman I. | 1001–1002 | Nördlicher Khleang, Fortsetzung Ta Keo |
Jayaviravarman | 1002–1010 | Nördlicher Khleang, Fortsetzung Ta Keo |
Suryavarman I. | 1011–1050 | Südlicher Khleang, Preah Vihear (Dangrek-Berge), Phimeanakas und Königspalast, Westlicher Baray, Wat Phu |
Udayadityavarman II. | 1050–1066 | Baphuon, Westlicher Mebon |
Harshavarman III. | 1066–1080 | |
Jayavarman VI. | 1080–ca. 1107 | Phimai (heute in Thailand) |
Dharaindravarman I. | 1107–1112 | |
Suryavarman II. | 1113–ca. 1150 | Angkor Wat, Thommanon, Chao Say Thevoda, Banteay Samre, Beng Mealea |
Yashovarman II. | ca. 1150–1165 | Beng Mealea, Chau Say Thevoda, Bakong |
Tribhuvanadityavarman | ca. 1165–1170 | |
Jayavarman VII. | 1181–ca. 1220 | Angkor Thom, Bayon, Königliche Terrassen, Srah Srang, Ta Prohm, Preah Khan, Jayatataka (Baray), Neak Pean, Ta Som, Banteay Chhmar (Nordwest-Kambodscha) |
Indravarman II. | ca. 1220–1143 | Ta Prohm, Banteay Kdei, Ta Som |
Jayavarman VIII. | ca. 1243–1295 | Bayon, Ta Prohm, Preah Khan, Angkor Wat, Baphuon, Chau Say Thevoda, Terrasse des Leprakönigs, Beng Mealea |
Srindravarman | 1295–1307 | Ta Prohm, Preah Pit, Preah Palilay |
Indrajayavarman | 1307–1327 | |
Paramathakemaraja | 1327–ca. 1353 | |
Houl-eul-na | 1371–? | |
Nippean-bat | 1405–1409 | |
Lampang Paramaja | 1409–1416 | |
Sorijovong | 1416–1425 | |
Barom Racha | 1425–1429 | |
Dharmasoka | 1429–1431 | |
Ponhea Yat | 1432–? |
Als der Zhenla-Prinz Jayavarman II. etwa um das Jahr 770 aus Java zurückkehrte, begann er im Land Allianzen zu schmieden – bis er sich im Jahr 802 am Phnom Kulen zum chakravartin, dem obersten Herrscher, krönen lassen konnte. Er regierte bis 850, sein Sohn trat als Jayavarman III. (reg. 850–877) seine Nachfolge an. Das Reich umfasste etwa die Größe des heutigen Kambodscha. Die Hauptstadt war Hariharalaya, das heutige Roluos (siehe >>). Das Reich festigte sich, und es entstanden nicht nur größere Tempelanlagen, sondern es wurden auch die ersten umfangreichen Bewässerungssysteme angelegt. Unter Indravarman I. (reg. 877–889) wurde mit Indratataka der erste große baray (künstlicher See) angelegt, im Bereich der Kunst begann eine Blütezeit; u. a. wurden der Preah Ko (siehe >>) und der Bakong (siehe >>) fertiggestellt.
Nach dem Tod von Indravarman wurde – nach einigen Auseinandersetzungen um die Nachfolge, wie sie in Zukunft noch öfter auftreten sollten – Yashovarman I. (reg. 889–ca. 915) zum König gekrönt. Seine Regierungszeit markiert einen Einschnitt, denn er schuf nicht nur bedeutende Bauwerke wie den Lolei (siehe >>) und den Bakheng (siehe >>), sondern er verlegte die Hauptstadt von Hariharalaya nach Angkor. Mit der Wahl der Lage zwischen dem heiligen Berg Phnom Kulen und den Ufern des großen Sees Tonle Sap bewies er eine äußerst glückliche Hand; hier sollte für die nächsten fünf Jahrhunderte das Herz des Khmer-Reiches schlagen (abgesehen von einem kurzen Intermezzo nach seinem Tod). Der Name der Stadt lautete seinerzeit Yashodharapura: die Pracht- (oder Ruhm-) hervorbringende Stadt. Der Östliche Baray (siehe >>) wurde angelegt, und überall im Land entstanden kultische Bauten, u. a. auch Preah Vihear (siehe >>).
Einer seiner Nachfolger, Jayavarman IV. (reg. 928–941), verlegte die Hauptstadt nach Ko Ker. Ihm folgte kurz sein Sohn Harshavarman II. (reg. 941–944) auf den Thron. Erst Javayarmans Neffe Rajendravarman II. (reg. 944–968) verlegte die Hauptstadt wieder zurück nach Angkor. Er und sein Sohn Jayavarman V. (reg. 968–1001) vergrößerten das Reich durch Kriege und bescherten den Bewohnern Jahrzehnte des Wohlstandes. In dieser Zeit entstanden so wundervolle Bauwerke wie der Banteay Srei (siehe >>).
Als nach Thronstreitigkeiten im Jahre 1011 der neue Herrscher Suryavarman I. an die Macht kam, begann das Reich sich endgültig zu einer Großmacht zu entwickeln. Unter seiner 40-jährigen Herrschaft dehnte Angkor sich aus bis ins heutige Zentralthailand (bei Lopburi) und nach Südthailand – vor allem im heutigen Phetchaburi finden sich einige gut erhaltene Khmer-Ruinen. Zahlreiche Bauwerke entstanden, und das Bewässerungssystem wurde weiter ausgebaut. Hinduistischer Shiva-Kult und Buddhismus florierten nebeneinander.
Konflikte mit den Cham machten seinem Nachfolger Udayadityavarman II. (1050–1066) zu schaffen, doch auch er hinterließ mit dem Baphuon (siehe >>) ein großartiges Bauwerk. Es war jedoch Suryavarman II. (reg. ca. 1113–ca. 1150) vorbehalten, das bedeutendste Bauwerk Kambodschas zu errichten: den dem hinduistischen Gott Vishnu gewidmeten Tempel Angkor Wat. Zudem dehnte Suryavarman II. das Reich noch weiter aus – der Einfluss der Khmer reichte nun bis in den Nordosten Thailands und im Süden bis Nakhon Si Thammarat. Auch gegen das östlich gelegene Cham-Reich wurden einige erfolgreiche Feldzüge geführt; die Ursache für einen Rachefeldzug nur wenige Jahrzehnte später.
Angkor Wat – seit alters Symbol der Landes
1177 schlugen die Cham zurück und griffen Angkor gleichzeitig zu Land und zu Wasser über den Tonle Sap an. Sie drangen bis zu den inneren Heiligtümern vor und töteten den König. Unruhige Jahre folgten, denen erst Jayavarman VII. (reg. 1181–ca.1220) ein Ende bereitete. Er gilt vielen als der größte König von Angkor. Sicher war er der letzte große.
Jayavarman VII. veränderte das Gesicht des Landes nachhaltig. Er ließ die Stadt Angkor Thom bauen und verewigte seinen Sieg über die Cham mit einem großen Fresko an der Außenmauer. Der Bayon mit seinen vielen Gesichtern ist sein Werk – die Gelehrten streiten, ob er sich selbst hier dargestellt hat oder einen Bodhisattva. Vielleicht stimmt beides: Denn Jayavarman war Anhänger des Mahayana-Buddhismus und identifizierte sich selbst mit dem Bodhisattva Avalokiteshvara. Überall im Land ließ er Statuen von sich in meditierender Haltung aufstellen – eine hat die Zeiten überdauert und ist heute eines der Highlights im Nationalmuseum in Phnom Penh (siehe >>). Auch die Infrastruktur ließ er ausbauen: Neue Straßen verbanden die Zentren des Reiches, und etwa alle 15 km boten sog. „Feuerhäuser“ den Reisenden Rast.
Yayavarmans Nachfolger hatten es schwer, die erreichte Größe zu halten. Was genau den Niedergang des blühenden Reiches herbeigeführt hat, ist schwer zu sagen. Vermutlich kamen mehrere Umstände zusammen. Die großen Bauprojekte hatten das Land und seine Reserven erschöpft; unzählige Bäume waren gefällt worden, Erosion und ein absinkender Grundwasserspiegel waren vermutlich die Folge. Jedenfalls scheinen nach und nach die Bewässerungssysteme versagt zu haben, was zu Nahrungsengpässen geführt haben muss. Das große Heer war nicht mehr zu halten. Es wurde daher immer schwerer, sich gegen die Thai zur Wehr zu setzen, die ab Mitte des 12. Jhs. vor dem sich ausdehnenden Reich der Mongolen unter Kublai Khan von ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet in Yunnan nach Süden ausweichen mussten.
Der hinduistische Bilderstürmer Jayavarman VIII. (reg. 1243–1295) trug mit seiner Zerstörung fast aller Buddhastatuen im Land wahrscheinlich ebenfalls nicht zur Besserung bei, denn viele der Bauern waren inzwischen Anhänger des Theravada-Buddhismus. Sein Nachfolger Indravarman III. (reg. 1295–1308) war dann auch der erste König von Kambodscha, der dem Theravada-Buddhismus anhing. In diese Zeit (1296/97) fällt der Besuch des chinesischen Gesandten Chou Ta-Kuan, von dem die einzigen schriftlichen Zeugnisse über Angkor stammen, die nicht an Tempelwände gemeißelt die Zeiten überdauert haben. Er beschreibt noch eine recht wohlhabende, geordnete Stadt. Doch damit sollte es bald vorbei sein. Die Bedrohungen von außen wuchsen, und die letzte Tempelinschrift in Sanskrit von 1327 markiert das Ende des klassischen Khmer-Reiches. 1353 marschierte erstmals eine Thai-Armee durch die Straßen von Angkor. Sie konnte zurückgeschlagen werden, doch die Überfälle ließen nicht nach, und 1432 wurde Angkor endgültig von den Thai erobert. Die Khmer wichen nach Südwesten aus; König Ponhea Yat verlegte die Hauptstadt an die Stelle des heutigen Phnom Penh (siehe >>).
Über die Zeit nach dem Fall von Angkor ist nur wenig bekannt. Einige nennen sie daher sogar „das dunkle Zeitalter“. In der neuen Hauptstadt Phnom Penh gewannen Händler an Einfluss, deren Beziehungen nicht nur bis zu den „klassischen“ Handelspartnern China und Indien reichten, sondern bis nach Japan und Europa: Spanier und Portugiesen hatten eigene Niederlassungen in der Stadt. Portugiesische Waffen waren es auch, mit deren Hilfe König An Chan (reg. 1516–1566) die Thai aus Angkor vertreiben konnte. Den Ort der siegreichen Schlacht nannte er Siem Reap: „Niederlage der Siamesen“. Er ließ Angkor teilweise restaurieren und verlegte die Hauptstadt nach Lovek (siehe >>), 40 km nördlich von Phnom Penh. 1594 schlugen die Thai jedoch zurück und zerstörten die neue Hauptstadt vollständig. Dabei wurden wohl auch die letzten schriftlichen Dokumente aus der Angkor-Zeit vernichtet. Die Thai setzten einen eigenen König auf den Thron.
König Chey Chetta II. (reg. 1618–1628) verlegte die Hauptstadt nach Oudong und verbündete sich mit den Vietnamesen, indem er eine vietnamesische Prinzessin heiratete. Er erlaubte seiner angeheirateten Verwandtschaft die Einrichtung einer Handelsniederlassung in Prey Nokor im Mekong-Delta: der Grundstein für die Entstehung und das Aufblühen des heutigen Sai Gon (Ho-Chi-Minh-Stadt) und ein tiefer Einschnitt in der Geschichte Kambodschas, denn nun begannen sich die Vietnamesen endgültig im Delta festzusetzen. Bis heute erheben nationalistische Khmer Anspruch auf das Gebiet, das sie Kampucheakrom (Nieder-Kambodscha) nennen.
Im 18. Jh. rangen Vietnam und Thailand um die Herrschaft in Kambodscha. Wechselnde Bündnisse mit kambodschanischen Königen ließen mal die eine, mal die andere Seite die Oberhand gewinnen – fast immer zum Nachteil Kambodschas, das für den Beistand des einen Landes gegen das andere mit Landabtretungen bezahlte. Um 1770 waren sowohl Kambodschas als auch Vietnams Herrscher so stark mit inneren Auseinandersetzungen beschäftigt, dass Thailand den Westen Kambodschas endgültig in seine Gewalt bringen konnte.
Das 19. Jh. war geprägt vom Versuch der kambodschanischen Herrscher, nicht vollständig zwischen den Nachbarstaaten Vietnam und Thailand aufgerieben zu werden. Mal verbündeten sich die Könige mit den Thai gegen die Vietnamesen, mal wurden die Vietnamesen um Hilfe gegen die Thai gebeten. Beide Nachbarstaaten okkupierten immer wieder große Gebiete Kambodschas, und das Land drohte, von der Landkarte zu verschwinden.
Als Südvietnam mit einer Rebellion fertig werden musste, unterstützte Thailand die Aufständischen und nutzte die Schwäche Vietnams, um 1834 in Kambodscha einzumarschieren und die Macht zu übernehmen. Als die Vietnamesen die Rebellion erfolgreich zurückgeschlagen hatten, marschierten sie in Kambodscha ein, setzten den alten König An Chan (reg. 1806–1834, namensgleich mit dem König aus dem 16. Jh.) wieder auf den Thron und sicherten sich so die Unterstützung der Khmer. Das geschlagene Thailand zog sich wieder aus Kambodscha zurück. Der Einfluss Vietnams auf Kambodscha war nun so groß, dass die Vietnamesen 1835 nach dem Tode des Königs An Chan dessen Tochter An Mei als Königin einsetzten. Ihre Rolle beschränkte sich von Anfang an nur darauf, zeremonielles Oberhaupt eines Protektorats zu sein. Viele Vietnamesen siedelten im Folgenden in Kambodscha. Das Ziel war die Vietnamisierung Kambodschas, dessen Einwohner als Barbaren angesehen wurden.
1840 setzte der vietnamesische Kaiser die Königin ab, und als im Folgenden auch alle Beamte durch Vietnamesen ersetzt werden sollten, reichte es den Khmer: Sie waren nicht mehr bereit, die Vietnamesen im Land zu akzeptieren oder gar die fremde Kultur anzunehmen. Im September 1840 kam zu einer Rebellion. Thailand ergriff erneut die Chance und übernahm die Kontrolle großer Bereiche Kambodschas. Weitere Scharmützel folgten, Vietnam gewann wieder die Oberhoheit. Es kam zu einer Pattsituation, woraufhin als Kompromiss 1843 König An Duon (reg. 1843–1860) eingesetzt wurde. Er erneuerte die alten Traditionen im Land. Alle Besatzer waren zu dieser Zeit aus Kambodscha abgezogen, doch formal blieb der Staat weiterhin Vietnam unterstellt. An Duon war aber den Thai weit mehr zugewandt.
1850 kamen die ersten französischen Missionare ins Land, und mit ihnen trat ein neuer Akteur im Spiel um die Macht auf den Plan. An Duon bat daraufhin 1856 Kaiser Napoleon III. um Hilfe in seiner schwierigen Lage zwischen den starken Nachbarn. Bevor es jedoch dazu kam, starb er 1860. Auf dem Thron folgte König Norodom, sein ältester Sohn. Er setzte die Verhandlungen fort, und 1863 schließlich wurde Kambodscha französisches Protektorat.
1866 zog König Norodom mit seinem gesamten Stab nach Phnom Penh. In der neuen Hauptstadt gab es vorerst nur einen kleinen Holzpalast. Doch schon bald wurde der neue, heute noch genutzte Königspalast erbaut. Unter französischer Kontrolle stellte sich etwas Ruhe ein. Weder Thailand noch Vietnam marschierten in dieser Zeit in Kambodscha ein. Allein dynastische Auseinandersetzungen um die Thronfolge konnte auch die Kolonialmacht nicht vollständig unterbinden. Im Protektoratsvertrag war die Ausbeutung des Landes festgeschrieben, denn er sicherte den Franzosen das Recht auf die Holzwirtschaft und Ausbeutung der Minen. 1877 sollte eine Reihe von Reformen durchgesetzt werden, die der kambodschanischen Elite viel Einfluss genommen hätte. Beispielsweise ging es in den folgenden Jahren darum, den Gemeinden auf kommunaler Ebene mehr Einfluss zu gewähren, eine Idee, die in Kambodscha keine Tradition hat. Auch die Sklaverei sollte abgeschafft, das Steuersystem reformiert werden. Es kam zu Aufständen, die erst 1886 mit einem Kompromiss befriedet werden konnten.
Vor allem der König musste in den folgenden Jahren Privilegien abgeben. 1897 waren diese so weit beschnitten, dass der Erlass königlicher Dekrete, die Ernennung der Beamten und das Verfügungsrecht auf indirekte Steuern beim französischen Bevollmächtigten lagen. 1904 starb König Norodom, sein Bruder Sisovath folgte ihm auf den Thron. Nun begann die Zeit der Modernisierung Kambodschas. Die Ökonomie wurde vorangetrieben, es entstanden Straßen, und die Eisenbahnlinie, die Kambodscha mit Thailand verband, wurde gebaut. Phnom Penh erhielt Straßen, Elektrizität und Wasser, und das Gesundheitssystem wurde ausgebaut. Besonders wichtig in dieser Zeit war die Rückgabe der von Thailand besetzten Gebiete um Battambang und Siem Reap an Kambodscha im Jahr 1907. Schon nachdem der französische Forscher Henri Mouhot die Tempel von Angkor im Jahre 1860 wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt hatte, waren die Bauten zum nationalen Symbol avanciert.
Für das Volk hatte das Protektorat wegen hoher Steuern einen nachteiligen Effekt. Und da eine Veränderung der sozialen Strukturen auf der unteren Ebene nicht stattfand (vielmehr wurde das Land weiterhin von ein paar wenigen Beamten regiert, und die Bauern mussten für deren Unterhalt aufkommen), änderte sich für die einfachen Menschen nicht viel. Nachdem Frankreich zudem ab 1909 dazu übergegangen war, Vietnamesen als Beamte einzusetzen, wuchs der Widerstand, der kambodschanische Nationalismus erstarkte. Als die Abgaben weiter stiegen und die Menschen vermehrt zum Arbeitsdienst eingezogen wurden (z. B. zum Straßenbau), wandten sich im Jahr 1916 über 100 000 Bauern an ihren König und baten um Hilfe. Ihnen wurde zwar der Arbeitsdienst für das laufende Jahr erlassen, doch mehr folgte nicht auf diesen Aufstand.
1927 wird Monivong König von Kambodscha. Unter seiner Regentschaft von 1927 bis 1941 wurde das kambodschanische Selbstbewusstsein sichtlich größer. Wichtige Verwaltungsposten wurden von Kambodschanern besetzt, beispielsweise von Lon Nol, der später noch die Geschichte Kambodschas entscheidend prägen sollte. Und es erschienen die ersten Zeitschriften in Khmer, 1927 Kambuja Surya und 1936 Nagara Vatta, die sich als Erste intensiv politischen Themen widmete.
Der Zweite Weltkrieg zeigte seine Auswirkungen auf Kambodscha, als Frankreich 1940 Deutschland unterlag und von Thailand aufgefordert wurde, das rechte Mekong-Ufer zurückzugeben. Es folgten kurze kriegerische Auseinandersetzungen, bei denen Frankreich sich geschlagen geben musste. 1941 schaltete sich Japan vermittelnd in den Konflikt ein. Kambodscha musste wichtige Provinzen abgeben, Angkor blieb jedoch kambodschanisch. 1941 starb König Monivong, und die Franzosen setzten seinen Enkel, den erst 19-jährigen Norodom Sihanouk auf den Thron. Im Juli 1941 besetzten die Japaner mit einer Truppenstärke von etwa 8000 Soldaten das Land, beließen die Administration jedoch in der Hand Frankreichs. Aus Angst, ihre Kolonien zu verlieren, da Japan sich als antikolonialistisch zeigte, übergaben die Franzosen immer mehr Verantwortung in die Hände der Kambodschaner. Es galt, das Volk auf Frankreichs Seite zu ziehen und der antikolonialen Bewegung etwas entgegenzusetzen. Kurz bevor Japan 1945 den Krieg verlor, wurden die Franzosen in Gewahrsam genommen, Kambodscha für unabhängig erklärt. König Sihanouk benannte das Land von Cambodge um in Kampuchea.
Nachdem Japan aber endgültig geschlagen war, kehrten die Franzosen im Oktober 1945 nach Kambodscha zurück. Doch nun erfolgten einschneidende Änderungen: Frankreich erlaubte die Bildung politischer Parteien, und bereits 1946 wurden Wahlen abgehalten. Ebenfalls in diesem Jahr fielen die von Thailand okkupierten Gebiete wieder an Kambodscha zurück. Im Hintergrund bildeten sich erste Widerstandsgruppen, wie etwa die Khmer Issarak (Freie Khmer), die vornehmlich in den Nordprovinzen lebten und sowohl gegen die Königs- als auch gegen eine Kolonialherrschaft kämpften. Auch im Süden Vietnams formierten sich kommunistische Guerillas. Im Mai 1947 trat eine neue Verfassung in Kraft, die sich an der IV. Republik orientierte und der Nationalversammlung mehr Macht zusprach. Faktisch hatte König Norodom Sihanouk nun keine Macht mehr. Frustration über den Status quo und die weiter bestehende Abhängigkeit von Frankreich veranlassten Sihanouk im September 1949 dazu, die Nationalversammlung aufzulösen ohne Neuwahlen anzusetzen. Er setzte sich als Ministerpräsident ein und reiste nach Frankreich, um für die Unabhängigkeit seines Landes zu werben.
Kurz darauf entließ Frankreich Kambodscha in eine Vorstufe der Unabhängigkeit, indem es den Staat für unabhängig innerhalb der Französischen Union erklärte. Die Lage spitzte sich weiter zu, denn die Guerillas setzten den Franzosen immer mehr zu. In Vietnam verloren die Franzosen ihre Macht, und auch in Kambodscha formierte sich immer mehr Widerstand. Zwischen 1947 und 1950 gelang es den Guerillas der Khmer Issarak, 50 % des kambodschanischen Territoriums zu besetzen. In Paris schlossen sich in dieser Zeit jene Studenten zusammen, die wenige Jahre später als Khmer Rouge Kambodscha in den Abgrund ziehen sollten. 1951 ließ Sihanouk erneut Wahlen abhalten, entließ diese Regierung allerdings kurze Zeit darauf wieder, um „wegen allgemeiner Unordnung“ im Juni 1952 selbst die Macht zu übernehmen. Sihanouk warf den Regierenden Kumpanei mit den Guerillas vor und nutzte im Folgenden die Schwächung der Franzosen, die in Vietnam von den Viet Minh aufgerieben wurden, um die Hoheit über Polizei, Gerichte und das Militär zurückzubekommen. Am 9. November 1953 wurde Kambodscha vollständig unabhängig. Erneut änderte sich für das einfache Volk auch in der Unabhängigkeit nichts, sie zahlten weiterhin hohe Steuern, und ihr Ziel bestand im Wesentlichen darin, zu überleben.
Khmer Issarak, Nagara Vatta, die Kommunisten und die Roten Khmer
Mit der Gründung der ersten Hochschule im Land und dem Erscheinen der Zeitung Nagara Vatta formierten sich unzufriedene Intellektuelle, um gegen die Vorherrschaft der Vietnamesen Widerstand zu leisten. Die sich im Süden zur Khmer Issarak zusammenschließenden Splittergruppen der Guerilla, die vor allem antiroyalistisch und antikolonialistisch gesinnt – und eher wenig gebildet – waren, wurden von der jungen intellektuellen Elite des Landes unterstützt. Auch die Mönche des Institute Bouddique in Phnom Penh, die lange Jahre für die Bildung der Kambodschaner verantwortlich zeichneten, sprachen sich deutlich gegen die Fremdherrschaft aus. Das Ziel – gebildete Kambodschaner sollten im eigenen Land mehr Chancen erhalten – wurde aber im Laufe der Geschichte ins Gegenteil verkehrt, als sich Führer an die Spitze der Bewegung setzten, die ganz andere Ziele verfolgten. Ein Teil der Anhänger spaltete sich ab und bildete bereits in den 1950er-Jahren eine radikale paramilitärische, rechtsgerichtete Einheit, die sich Khmer Sertei nannte. Ein Großteil der Guerillas wurde jedoch kommunistisch und folgte einer kleinen Gruppe junger Kambodschaner, darunter die späteren Führer der Roten Khmer, die sich während ihrer Ausbildung im Paris der 1950er-Jahre radikalisierten. Bereits in den 1960er-Jahren hatten diese in Ha Noi unter Führung Vietnams eine Arbeiterpartei gegründet. Als 1963 Studenten in Phnom Penh gegen die herrschende Partei Sankum demonstrierten, ging Oberbefehlshaber Lon Nol derart radikal gegen die linken Kräfte vor, dass diese sich in den Dschungel an der Grenze zu Nordvietnam zurückzogen. 1966 fand die Gruppe einen von Vietnam unabhängigen Weg und wurde fortan unter dem Namen khmer krohom (Rote Khmer) bekannt. Der Lauf der Geschichte, die Verstrickung Kambodschas in den Vietnamkrieg, führte dazu, dass diese kleine Splittergruppe die meisten Guerillas und viele Menschen der Landbevölkerung hinter sich zu vereinen wusste. Sie bekämpften alle Intellektuellen und bescherten dem Land die schlimmsten Jahre seiner Geschichte.
König Sihanouk wurde von seinem Volk bejubelt und als Nationalheld gefeiert. Im Genfer Abkommen vom Juli 1954, welches das Ende der französischen Kolonialzeit in Indochina festschrieb, sind zwei Punkte für Kambodscha relevant: Erstens wird die Auflösung der Khmer Issarak gefordert und zweitens Kambodscha zur Neutralität verpflichtet. Dass eine Vielzahl der Guerillas der Khmer Issarak bereits zu den Kommunisten übergelaufen oder im Begriff war, sich dieser Bewegung anzuschließen, sollte für den Verlauf der folgenden Jahre große Bedeutung haben. Sihanouk reiste im Laufe des Jahres 1954 durchs Land. Die Bauern brachten ihm nach alter Tradition viel Respekt entgegen, doch die politische Bedeutung des Königs schien für immer verloren. Kurzerhand entschloss sich Sihanouk 1955, den Thron an seinen Vater abzugeben und für das Amt des Ministerpräsidenten zu kandidieren. Er gründete die Partei Sangkum Reastr Niyum (Volkssozialistische Gemeinschaft) und zwang die Politiker der regierenden Demokraten, unter diesem Namen zu kandidieren. Sangkum gewann die Wahl und erhielt alle 91 Sitze der Nationalversammlung. Die Forschung ist sich sicher, dass Wahlmanipulation und massiver Einsatz von Gewalt Grund für dieses gute Resultat waren. Denn auch Wähler und Oppositionelle wurden von der Armee stark unter Druck gesetzt, und auch bei der Stimmauszählung soll manipuliert worden sein. Die folgenden Jahren von 1955 bis 1970 werden oft auch als Ära Sihanouk bezeichnet, denn der ehemalige König und damals amtierende Ministerpräsident dominierte die Politik des Landes. Auch bei den Wahlen 1958 gewann Sankum mit 99 % der Stimmen. Sihanouk hatte wirksam alle Gegner ausgeschaltet, die Partei der Demokraten hatte er verboten, und die Oppositionspartei Praechachon hatte nur einen einzigen Kandidaten. Innenpolitisch war das Land jedoch weitaus weniger stabil, als es den Anschein hatte. Sihanouk taktierte zwischen den westlichen Mächten und den kommunistischen Staaten. Die Welt befand sich mitten im Kalten Krieg, und es war für den Herrscher nicht leicht, neutral zu bleiben und nicht von einer Macht instrumentalisiert zu werden.
1960 starb König Suramarit, und Sihanouk setzte seine Mutter Sisowath Kossamak auf den Thron. 1963 wurden die führenden Köpfe der linken Bewegung des Landes verwiesen. Saloth Sar, später als Pol Pot bekannt, floh und verschrieb sich nun ganz der kommunistischen Idee. Sihanouk taktierte in dieser Zeit zwischen den Interessen der USA (und dem Verbündeten Südvietnam), die mittlerweile Krieg gegen Nordvietnam führten, den Interessen Thailands, den Einflüssen Chinas und auch Nordvietnams. Kambodscha musste neutral bleiben, doch dies war kaum möglich in der sich immer weiter aufheizenden Situation. So kam es Mitte der 1960er-Jahre zu der für Kambodscha fatalen Situation, dass zum einen amerikanische Flugzeuge über kambodschanisches Territorium fliegen durften, um Stellungen in Nordvietnam zu beschießen, und auf der anderen Seite Kämpfer der Viet Minh über kambodschanisches Gebiet (und den Hafen Sihanoukville) Kämpfer und Waffen zu den im Süden kämpfenden Vietcong brachten.
Sihanouks Macht begann zu schwinden, als 1968 Aufstände einiger Kommunisten (unter Saloth Sar und Ieng Sari) das Land in Unruhe versetzen. Nachdem amerikanische Bomber im Kampf gegen die Nachschubwege der Vietcong Kambodscha ins Visier genommen und in den Jahren 1969–1973 in 3000 Luftangriffen eine halbe Million Tonnen Bomben über Kambodscha abgeworfen hatten, erstarkte die Widerstandsbewegung in den ländlichen Gebieten, und viele der heimatlos gewordenen Bauern schlossen sich den Kommunisten an. Die Forschung geht heute davon aus, dass diese als Operation Menu (es begann mit der Operation Breakfast, es folgten Lunch, Snack, Dinner, Dessert und Supper; insgesamt starben bei den Angriffen 150 000 Zivilisten) in die Geschichte eingegangene Bombardierung der Amerikaner maßgeblich zum Sieg der Kommunisten in Kambodscha beigetragen hat.
Ein weiterer wichtiger Aspekt für die instabile Lage, in deren Verlauf die Roten Khmer die Macht übernehmen konnten, ist die Absetzung Sihanouks durch den seit 1966 als Premierminister amtierenden General Lon Nol. Aufgrund von Krankheit verließ Sihanouk 1970 Kambodscha und reiste nach Frankreich. Lon Nol setzte sich an die Spitze einer Bewegung aus frustrierten Militärs und Angehörigen der Mittelschicht, die mit der Regierung Sihanouks unzufrieden waren, putschte ihn in Abwesenheit aus dem Amt und gab dem Land den Namen Khmer Republic. Sihanouk ging daraufhin nach Peking ins Exil. Die Amerikaner erkannten die Regierung schnell an, denn sie erhofften sich vor allem Hilfe im Kampf gegen die Vietnamesen. Lon Nol setzte sich zum Ziel, die Nachschubwege der Vietcong zu zerstören, doch konnte seine schlecht ausgebildete Armee nichts gegen die gut organisierten Vietnamesen ausrichten. 1970 rief er die Republik Kampuchea aus, doch sollte diese nicht lange Bestand haben. 1971 endete der Versuch, vietnamesische Truppen zurückzuschlagen, mit einer herben Niederlage. Dem Vormarsch der Kommunisten war nichts mehr entgegenzusetzen. Das Prestige der Roten Khmer wuchs, als sich Sihanouk dem Druck Chinas beugte und eine Allianz mit der einst verfeindeten Gruppe einging und mit ihnen zusammen eine Exilregierung, die FUNK (Front United National du Kampuchea) bildete. Ihr gemeinsames Ziel: die Nordvietnamesen und Lon Nol mitsamt seinen amerikanischen Alliierten aus dem Land zu vertreiben. 1970 kontrollierten die Roten Khmer bereits etwa 20 % des Landes (im Nordosten und Nordwesten), 1972 waren nur noch Phnom Penh und einige wenige Provinzstädte nicht in ihrer Gewalt. In den besetzten Gebieten wurden erste wirtschaftliche Kooperativen gegründet, auch Buddhisten wurden bereits verfolgt und das Tragen der einheitlichen Kleidung (ein schwarzer Anzug aus Baumwolle, der wie ein Pyjama geschnitten war) verordnet. Am 17. April 1975 schließlich marschierten die Kämpfer in Phnom Penh ein. Lon Nol floh nach Hawaii, viele seiner Mitstreiter wurden ermordet.
Leuchtend rotes Blut bedeckt die Städte und Ebenen von Kampuchea. Erhabenes Blut der Arbeiter und Bauern, Erhabenes Blut der Revolutionäre und Kämpferinnen […] Es fließt in Strömen und steigt empor zum Himmel und verwandelt sich in die rote Fahne der Revolution.
1. Strophe der Nationalhymne des Pol-Pot-Regimes – mit dem Titel
Glorreicher 17. April
Im Jahr 1975 begannen die schlimmsten drei Jahre acht Monate und 20 Tage des Landes, die Zeit der Khmer Rouge, die Tausende Opfer forderte. Pol Pot, der als Saloth Sar zur Welt kam und auch als Bruder Nummer 1 zu trauriger Berühmtheit gelangte, war einer jener Studenten, die in Paris studiert hatten und dort zusammen mit Ieng Sari (dem späteren Außenminister) und Khieu Samphan (später Parteivorsitzender) die Revolutionäre Volkspartei Kampuchea (KPRP) anführten. Ihr Ziel: die Erneuerung Kambodschas. Um dies zu erreichen, galt es, alle Gegner (oder möglichen Gegner der Idee) zu töten. Die Uhr im Land, das nun Demokratisches Kampuchea hieß, sollte auf Null gestellt werden – Zeichen eines Neuanfangs.
Mitte 1975 kehrte Sihanouk nach Kambodscha zurück. Offiziell aufseiten der Roten Khmer, festigte er deren Prestige im In- und Ausland (indem er z. B. vor der Uno für Vertrauen in das neue Regime warb). Statt jedoch erneut mit an einer Regierung beteiligt zu sein, blieb er nach ein paar kritischen Worten über die Roten Khmer drei Jahren im Palast unter Hausarrest (Januar 1976 bis Januar 1979). Dem König verdanken die Kommunisten auch ihren Namen: Er nannte sie aufgrund ihrer Kleidung, die neben den schwarzen Anzügen auch aus einem rot-weiß-gemusterten krama bestand, die Roten Khmer.
Die Khmer Rouge, oft auch als Steinzeitkommunisten bezeichnet, zielten auf die Vernichtung jeglicher Bildung und aller Eliten im Land. Es galt, alle Menschen auf die Felder zu bringen und Kambodscha zu einem hundertprozentigen Agrarland zu machen. Die Roten Khmer wollten die Erträge verfünffachen, ein utopisches Ziel. Privatbesitz wurde verboten, Geld abgeschafft, es wurden Gemeinschaftsbetriebe eingerichtet und alle Menschen aus den Städten vertrieben. Alle Anhänger des alten Regimes wurden hingerichtet, dazu zählten Armeeangehörige, Polizisten, Beamte und Angestellte. Auch aus der Hauptstadt Phnom Penh, in der man die Roten Khmer zuerst noch als Befreier begrüßt hatte, wurden die Menschen aufs Land getrieben. Tausende kamen bei der harten Arbeit auf den Feldern, an den Staudämmen und bei der Zwangsarbeit im Straßenbau ums Leben.
Das Ziel, die Produktion zu vervielfachen und durch den Bau von Deichen und Kanälen an die glorreiche Zeit von Angkor anzuknüpfen, misslang grundlegend. Die Bevölkerung musste bis zur Erschöpfung arbeiten, und die Ernährungssituation war katastrophal. Viele starben an Auszehrung und Unterernährung. Und zahlreiche Menschen wurden scheinbar ziellos direkt auf dem Feld hingerichtet. So entstanden die berüchtigten Killing Fields: Wer auf dem Feld umkam, wurde an Ort und Stelle verscharrt. Waren es zu Beginn der Khmer-Rouge-Jahre noch vorwiegend Intellektuelle und Mönche, die hingerichtet wurden, so reichte am Ende bereits das Tragen einer Brille als Tötungsgrund. Intellektuelle Berufe galten als besonders nutzlos. Von 416 Bildhauern überlebten ganze 14. Und auch vom fast 200 Tänzer zählenden königlichen Ballett blieben nur 48 am Leben. Vom Orchester überlebten nur neun der 38 Musiker, von 450 Ärzten nur 45. Auch die Lehrer traf es schlimm: Von 22 000 entkamen nur 7000 dem Tod. Sie überlebten, weil sie ihr Wissen bzw. ihre Kunstfertigkeiten versteckten. Wurden sie enttarnt, war dies ihr Todesurteil. Eine Ausnahme bildete der Maler Vann Nath, dessen Können ihn vor dem Tode bewahrte (siehe >>).
Jedes kleinste Vergehen wurde mit dem Tode bestraft. Auch Familienbande wurden zerschlagen und Kinder derart unter Druck gesetzt, dass sie nicht selten ihre eigenen Eltern an den Pranger stellten, nur um sich selbst aus der Schusslinie zu bringen. Überlebende berichteten, dass vor allem die Neun- bis Zwölfjährigen mit oft gnadenloser Brutalität auf ihre Opfer einschlugen, alle Werte vergessend. Die Jugend hatte Pol Pot scheinbar schnell auf seiner Seite, und er spielte mit dem Gedanken, alle Alten zu töten, um einen wirklich neuen kambodschanischen Menschen zu schaffen, der keine Erinnerung an die Jahre vor Angka hat. Ein jeder musste sich in allen Belangen seines Lebens den Zielen von Angka unterwerfen, der Organisation, die nun als Familie und Oberhaupt zu gelten hatte. Angka war die politische Basis, nicht die Führer selbst, denn diese blieben lange im Hintergrund. Erst in den späten Jahren seiner Herrschaft kam auch bei Pol Pot der Wunsch nach Personenkult auf.
Bestraft wurde nach dem Prinzip: „Lieber ein Dutzend Unschuldiger verhaftet, als einen Schuldigen davonkommen lassen“. Das galt auch für die eigenen Anhänger, denn Pol Pot war argwöhnisch und sah überall Verschwörer. Viele Khmer Rouge wurden der Kollaboration mit dem Feind beschuldigt und in Foltergefängnissen wie dem Tuol Sleng in Phnom Penh solange gefoltert, bis sie teils wahnwitzige Geständnisse unterschrieben und hingerichtet wurden. Was unschuldig bedeutete und was Schuld ausmachte, war so weit gefasst, dass am Ende der Khmer-Rouge-Zeit etwa 2 Mio. Menschen (20 % der Bevölkerung) getötet worden waren (vorsichtige Schätzungen gehen von etwa 1 Mio. Menschen aus, wobei Opfer aus dem Krieg gegen Vietnam nicht eingerechnet sind. Die meisten starben auf den Feldern. Etwa 20 000 Menschen wurden gefoltert und anschließend getötet. Hohe Schätzungen sprechen von 3 Mio. Menschen). Beendet wurde diese Schreckensherrschaft erst mit dem Einmarsch der Vietnamesen, die sich von Scharmützeln an der Grenze gereizt zeigten und Kambodscha ihrerseits angriffen. Es sollte noch Jahre dauern, bis endlich Frieden herrschte. Die Besinnung auf ihr altes Wissen und ihre Kultur kostete die Khmer zähe Jahre des Wiederaufbaus. So viel Wissen schien verloren, so viele Stätten waren zerstört.
Der Maler Pol Pots
Vann Nath wird 1946 geboren, er wächst in armen Verhältnissen auf. In den 60er-Jahren lebt er als Mönch in einem Kloster und beginnt, für die damalige Zeit nicht unüblich (auch ärmere Kinder hatten in der Ära Sihanouk die Möglichkeit zu studieren oder etwas zu lernen), eine Ausbildung als Maler. 1975 wird auch er aufs Land verschickt und muss zwölf Stunden auf den Feldern schuften. Ende 1977 wird er inhaftiert: Der Vorwurf lautet, er sei CIA-Agent. Er kommt ins berüchtigte Foltergefängnis Tuol Sleng (S-21). Der Leiter Duch schätzt den Maler, und obwohl er ihn weiter foltern lässt, wählt er ihn aus, als Porträtist Propagandabilder von Pol Pot anzufertigen. Seine Kunst rettet ihm das Leben. Nur sieben Menschen überleben das Lager, Vann Nath ist einer von ihnen. Nach der Befreiung durch die Vietnamesen bekommt er die Aufgabe, die Erlebnisse in Tuol Sleng in Bildern festzuhalten und so der Nachwelt von den grausamen Geschehnissen dort zu berichten. Vann Nath stirbt 2011 in Phnom Penh.
1977 marschierten vietnamesische Truppen nur für wenige Monate ins Land ein. Nachdem die Roten Khmer in Grenzdörfern Vietnams Massaker verübt hatten, ging Vietnam zum Gegenangriff über und sprach sich für die Unterstützung aller aus, die die Roten Khmer bekämpfen wollten. Es folgte die Bildung der KNUFNS (Khmer National United Front for National Salvation). Zu den Mitgliedern zählten im Exil lebende Kambodschaner, viele von ihnen vormals Rote Khmer, die sich bereits ab dem Jahr 1972 aus Angst vor der eigenen Hinrichtung nach Vietnam abgesetzt hatten. Im Dezember 1978 marschierten die Vietnamesen mit einer 100 000 Mann starken Armee ein, die unerwartet schnell Erfolge verbuchen konnte. Bereits nach nur 17 Tagen, am 8. Januar 1979, erreichten sie die Hauptstadt. Pol Pot floh nach Thailand und starb erst viele Jahre später (Kasten siehe >>). Auch die meisten seiner Getreuen flohen nach Thailand oder lebten lange Jahre unbehelligt nahe Battambang an der thailändischen Grenze; ihre Nachkommen wohnen noch heute dort siehe >>. Nur sehr wenigen Verbrechern dieser Tage wurde bis heute der Prozess gemacht (Kasten siehe >>). Auch nach der Niederlage gegen die Vietnamesen setzten die Khmer Rouge ihren Terror fort. Ihre Macht war geschwunden, aber bis endlich Frieden einkehren sollte, mussten noch Jahre vergehen.
Aus Saloth Sar wird Pol Pot
Pol Pot wird im Mai 1928 unter dem Namen Saloth Sar in einem kleinen Dorf als Sohn eines recht wohlhabenden Bauern geboren. Er wächst behütet auf und wird im Alter von sechs Jahren nach Phnom Penh geschickt. Dort lebt er bei seinem Bruder wohlbehalten im Umfeld des Königshauses (seine Cousine war Balletttänzerin am Hofe). In Phnom Penh geht er zwei Jahre ins Kloster, macht eine Ausbildung und besucht anschließend die Hochschule Sisowath. Saloth Sar ist kein besonders guter Schüler, doch es gelingt ihm 1949 als einer von 100 ausgewählten Studenten nach Paris zum Studium der Radioelektronik geschickt zu werden. Er schließt sein Studium aber nicht ab. Vielmehr lebt er in den Tag hinein und radikalisiert sich. Zusammen mit seinen Freunden Ieng Sari und Khieu Samphan wird er Mitglied der Kommunistischen Partei. Zurück in Kambodscha, tritt er 1952 in die von Vietnam dominierte Kommunistische Partei Indochinas ein. Kurz darauf ist er Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei Kambodschas. Den Kontakt zu seiner Familie hat er bereits abgebrochen, und so erfährt diese erst spät, dass sich Saloth Sar nun Pol Pot nennt und in seiner Partei immer weiter zur Führungsfigur aufsteigt. Im Jahr 1962 realisieren König Sihanouk und Lon Nol, der Befehlshaber der Streitkräfte, die Gefährlichkeit der Kommunisten und vertreiben sie in die Grenzgebiete zu Vietnam. In den Untergrund abgetaucht, wird Pol Pot nun sowohl in Vietnam als auch in China geschult. Er lebt das einfache Leben und entwickelt wohl in dieser Zeit seine Idee vom bäuerlichen Kommunismus, der weder Bildung, Städte, Geld noch den Buddhismus braucht.
Auch nach der Machtübernahme der Kommunisten treten die Führer nicht persönlich in Erscheinung, sondern arbeiten unter der Organisation Angka (auch Angkar, was mit „Revolutionäre Organisation“ übersetzt werden kann). Pol Pot ist der unumstrittene Anführer dieser aus elf Männern und zwei Frauen bestehenden Gruppe. 1976 wird Pol Pot Premierminister und in dieser Funktion oft Bruder Nr. 1 genannt. Direkt unter ihm in der Hierarchie stehen Nuon Chea (Bruder Nr. 2) und sein Freund Ieng Sari (Bruder Nr. 3). Nach außen vertritt der eloquente und gebildete Khieu Samphan die Gruppe.
Von 1975 bis 1979 erlebte Kambodscha unter der Führung Pol Pots die wohl schlimmste Zeit seiner Geschichte. Nicht nur alle Menschen, die nach dem 17. April 1975 (dem Sturz Phnom Penhs) zu Geiseln des Systems wurden, waren Opfer von Folter und Tod – auch die eigenen Anhänger fürchteten stets um ihr Leben. Pol Pot selbst soll überall Verrat gewittert haben. Jeder, der ihm verdächtig erschien, musste wegen dieser Paranoia mit dem Leben bezahlen. Etwa 20 000 Männer und Frauen kamen in den Foltergefängnissen wie Tuol Sleng ums Leben.
Nach dem Sturz des Regimes geht Pol Pot nach Thailand und wird trotz seiner bereits bekannt gewordenen Massenmorde weiter als legitimer Herrscher des Landes anerkannt. In Kambodscha selbst wird er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Statt seine Macht zu brechen, wird er weiter unterstützt, was dem Land noch lange Jahre zum Nachteil gereichen sollte. Dank ausländischer Unterstützung gelingt es den Roten Khmer, Gebiete rund um Pailin und Anlong Veng zu sichern. Dorthin kehrt auch Pol Pot 1993 zurück. So blieb durch die nur zögerliche Abkehr des Westens vom Regime der Roten Khmer die Gefahr eines Wiedererstarkens des Terrors bis zum Tode Pol Pots im Jahr 1998 erhalten. Immer wieder stießen die verbliebenen Einheiten aus den Grenzgebieten ins Land vor. 1996 ergibt sich Ieng Sari und schwächt damit die Stellung der Roten Khmer erheblich. 1997 lässt Pol Pol seinen damaligen Bruder Nr. 4, Son Sen, mitsamt seiner Familie hinrichten. Dagegen rebellieren seine letzten verbliebenen Anhänger. Sie verurteilen Pol Pot 1997 in Anlong Veng zu Hausarrest. Kurze Zeit darauf stirbt Pol Pot. Ob er sich das Leben nahm oder, wie es offiziell heißt, eines natürlichen Todes starb, ist unklar. Seine Leiche wurde unmittelbar nach seinem Tod verbrannt, sodass diese Frage wohl für immer unbeantwortet bleiben wird.
Der Massenmörder Pol Pot fasziniert die Forschung bis heute. Vor allem die Frage, warum der als sanfter und wohlerzogener Junge bekannte Saloth Sar sich derart radikalisierte und sein Volk dahinmetzeln ließ, bleibt unbeantwortet. Die Vorstellung der Roten Khmer vom Kommunismus, die sich an Mao orientierte und ähnlich wie bei dessen Kulturrevolution alles Wissen ausradieren wollte (und dies fast geschafft hätte), war radikal. Pol Pots Geschichte passt nicht in das Raster anderer Despoten und Massenmörder. Wie konnte ein Mensch mit dieser Vergangenheit (wohlhabende Familie, Möglichkeit auf Bildung, voll integriert in die Gesellschaft) derart paranoid und zum Schlächter werden, der alle umbringen ließ, die sich ihm und seinen Plänen vermeintlich in den Weg stellten? Diese Frage bleibt bis heute unbeantwortet – und die Schuld Pol Pots ungesühnt.
Nach der Machtübernahme bildeten die Vietnamesen aus Mitgliedern der KNUFNS eine Regierung. Präsident wurde Heng Samrin, Außenminister Hun Sen. Beide waren ehemals Rote Khmer, hatten sich jedoch bereits 1978 (Heng Samrin) bzw. 1977 (Hun Sen) nach Vietnam abgesetzt. Das Land wurde nun zur Volksrepublik Kampuchea (VRK) umbenannt. Die Menschen atmeten spürbar auf. Sie konnten in ihre Städte und Dörfer zurückkehren, Schulen wurden wieder eröffnet, und auch die verbliebenen Mönche kehrten in die Tempel zurück. Trotz einer spürbaren Verbesserung kam es zu weiteren Flüchtlingswellen nach Thailand, denn vor allem die verbliebenen gebildeten Menschen lehnten eine sozialistische Führung strikt ab. Insgesamt lebten 1981 etwas 630 000 Kambodschaner in thailändischen Flüchtlingslagern, darunter viele Rote Khmer, die die meisten Lager politisch dominierten. 150 000 Kambodschaner lebten im Exil in Vietnam.
Aus dem Ausland kamen ein paar wenige Hilfsdollar ins Land, die dazu beitragen sollten, die Not der Menschen zu lindern. Politisch fand die neue Regierung nur wenig Anerkennung von außen. Lediglich die UdSSR und einige andere Ostblockstaaten sowie Indien erkannten die VRK an. Sihanouk distanzierte sich in einer Rede Anfang 1970 vor dem Weltsicherheitsrat der Uno zwar von Pol Pot, forderte aber dennoch eine Verurteilung des vietnamesischen Einmarsches. Sowohl die USA als auch die europäischen Staaten verurteilten Vietnam. Sie sahen deren Eingreifen nicht als Befreiung von einem System, dessen Grausamkeit mittlerweile bekannt geworden war, sondern als einen aggressiven Akt gegen die Selbstbestimmung Kambodschas. Eine zynische Haltung, die dem Kalten Krieg geschuldet war. Statt den Verbrechern der Khmer Rouge auf internationaler Ebene den Prozess zu machen, behielten die Roten Khmer ihren Sitz in der Uno. Um das Image nach außen etwas aufzupolieren, wurde lediglich Pol Pot als Vorsitzender durch Khieu Samphan ersetzt. Die Roten Khmer wurden weiter finanziell unterstützt und sogar militärisch ausgebildet. Allen voran engagierten sich hier Thailand und China. Hilfsorganisationen der Vereinten Nationen durften nur in den Lagern der Roten Khmer helfen, nicht aber den Menschen im Land, die so sehr unter dem Regime gelitten hatten.
Auch an der im Jahr 1982 gegründeten Exilregierung, der Koalitionsregierung Demokratisches Kampuchea (CGDK), waren führende Rote Khmer beteiligt. Weitere Mitglieder waren Sihanouk und seine Partei FUNCINPEC (Nationale Einheitsfront für ein Unabhängiges, Neutrales, Friedliches und Kooperatives Kambodscha) und Mitglieder der Nationalen Befreiungsfront des Khmervolkes (KPNLF) unter dem ehemaligen Premierminister Son San. Ziel war die Vertreibung der Vietnamesen aus Kambodscha. Die militärische Macht dieser Gruppe lag eindeutig bei den Roten Khmer. Ihre Vorstöße konnten jedoch immer von vietnamesischen Truppen zurückgeschlagen werden. Ein schlimmes Andenken an diese Zeit sind die zahlreichen Landminen in den umkämpften Gebieten, die von den Truppen der VRK in den Jahren 1983 bis 1985 an der Grenze zu Thailand gelegt wurden. Eine Kampftechnik, die im weiteren Verlauf auch die Khmer Rouge verstärkt einsetzten und die noch heute zahlreiche Opfer fordert (Kasten siehe >>). Auch die Bundesrepublik Deutschland unterstützte die Exilregierung, verurteilte aber z. B. in einer kleinen Anfrage der Grünen Petra Kelly im Juli 1985 die Taten der Roten Khmer. Im Land selbst half aber auch die BRD nicht, lediglich in Flüchtlingslager floss Geld, und diese waren nachweislich nicht frei von Kämpfern der Khmer Rouge. 1985 rückte Hun Sen in das Amt des Premierministers auf; er sollte dieses Amt bis zum heutigen Tage nicht mehr abgeben.
Die westlichen Mächte, so scheint es im Nachhinein, haben Vietnams Rolle in Kambodscha falsch eingeschätzt. Folgt man dem Verlauf der Geschichte, wird klar: Vietnam hatte nie vor, lange in Kambodscha zu bleiben. Das Unterfangen war einfach zu kostspielig. Von Beginn an setzte Vietnam auf die Ausbildung des kambodschanischen Militärs, und 1989 waren alle vietnamesischen Truppen aus Kambodscha abgezogen. Ein Grund für den Abzug waren aber wohl auch die ausbleibenden Zahlungen der UdSSR, die sich im Zuge der Ost-West-Annäherung unter Gorbatschow weniger engagierten. Die Regierung strich die Attribute Volksrepublik und nannte das Land wieder schlicht Kampuchea. Einigen im Land ging es besser, seit wieder privater Besitz erlaubt war, die Vielzahl der Menschen aber lebte mehr schlecht als recht. Kämpfer der Khmer Rouge konnten 1989 die Stadt Pailin erobern und 1990 ganze Gebiete an der thailändischen Grenze wieder unter ihre Kontrolle bringen. Dank eines Umdenkens von Amerikanern und Chinesen endete dann endlich die finanzielle Unterstützung, und die Macht der Roten Khmer war schnell gebrochen. Das Land war bereit für einen Neuanfang. In den Vereinten Nationen einigten sich die fünf Vetomächte nun auf ein gemeinsames weiteres Vorgehen.
Im Juni des Jahres 1991 unterzeichneten alle Beteiligten einen Waffenstillstand, und bereits vier Monate später wurde in Paris ein Friedensabkommen geschlossen. Ziel war die Bildung einer gemeinsamen Regierung, eines Nationalrats unter Sihanouks Führung. Die politische Macht sollte jedoch sofort an die Vereinten Nationen abgegeben werden. Bereits 1992 wurde die Übergangsverwaltung der Vereinten Nationen in Kambodscha (UNTAC) eingesetzt mit dem Ziel, nach spätestens neun Monaten demokratische Wahlen abhalten zu können. Zudem galt es, den Frieden zu wahren, die Entwaffnung voranzutreiben, Flüchtlinge nach Kambodscha zurückzuführen und eine demokratische Verfassung zu erarbeiten. Abgesandte aus über hundert Ländern nahmen an der Mission teil, über 15 000 Blauhelme kamen nach Kambodscha. Die Bundeswehr schickte 150 Sanitäter der Armee und beteiligte sich damit zum ersten Mal an einer UN-Mission. Insgesamt kostete die Durchführung je nach Quelle zwischen US$1,6 Mrd. und US$3 Mrd.
Die Erfolgsbilanz ist umstritten. Positiv wird vermerkt: Die Wahlen wurden erfolgreich durchgeführt, und 360 000 Flüchtlinge konnten repatriiert werden. Die Menschen waren nun zwar zurück in ihrem Land, doch trennte sich die Gesellschaft noch viele Jahrzehnte in jene, die nach 1979 dageblieben waren, und jene, die die Übergangsjahre im Exil verbracht hatten. Es gab ein tiefes Misstrauen, das sich erst in der folgenden Generation aufzulösen scheint.
Die Entwaffnung ging voran, wenngleich sich die Roten Khmer schon nach kurzer Zeit vom Pariser Abkommen abwandten, sich in die Nordprovinzen zurückzogen und ihre Waffen nicht abgeben wollten. Um den allgemeinen Frieden zu wahren, schritt die UNTAC hier nicht ein. Der Verzicht auf die Entwaffnung der Kämpfer führte schließlich dazu, dass die Macht der Roten Khmer erst viele Jahre später vollständig gebrochen werden konnte. Der Versuch der Roten Khmer, die Wahlen massiv zu behindern, scheiterte jedoch.
Negative Einflüsse der ausländischen Helfer wirken bis heute: Die Rolle der Gesandten als Überbringer von Aids und die massive Ausbreitung der Prostitution sind noch heute ein großes Problem. Auch die von der UN vorangetriebene Liberalisierung der Märkte hatte in Kambodscha bisher eher negative Folgen: Die Bereicherung einiger weniger auf Kosten vieler ist in Kambodscha besonders auffällig.
Für Reisende öffnete sich das Land, als 1991 die erste Ausgabe des Lonely Planet Cambodia erschien und die ersten Rucksacktouristen sich aufmachten, um das Land der Khmer auf eigene Faust zu bereisen. Drei von ihnen wurden von den Roten Khmer ermordet, doch die meisten kehrten unbeschadet von der Reise wieder heim.
1993 wurden Wahlen abgehalten. Sieger wurde die Partei FUNCINPEC mit 45 % der Stimmen unter Führung von Sihanouks Sohn Norodom Ranariddh (58 Sitze). Mit 38 % wurde Hun Sens Partei CPP (Cambodian People’s Party) zweitstärkste Partei (51 Sitze). Die BLDP (Buddhist Liberal Democratic Party) unter Son Sann erhielt zehn Sitze. Ranariddh und Hun Sen übernahmen gleichberechtigt nebeneinander als Premierminister die Regierungsgeschäfte. Fast 90 % der Bevölkerung nahmen an den Wahlen teil – und dies, obwohl in einigen Gebieten die Roten Khmer gewaltsam versuchten, die Menschen von den Urnen fernzuhalten. Am 21. September 1983 wurde die neue Verfassung verabschiedet, Sihanouk erneut König in einer konstitutionellen Monarchie.
Auf den ersten Blick ist unklar, warum Ranariddh als Gewinner der Wahl nicht auch alleiniger Machthaber wurde. Die realen Zustände im Land sprechen eine deutliche Sprache: Hun Sen hat Macht über Polizei, Militär und Rechtsprechung. In seiner Zeit als Führer der Interimsregierung ab 1985 hatte er durch Einsatz ihm loyaler Mitarbeiter seinen Einfluss auf diese wichtigen Kräfte gefestigt. Wäre er nicht an der Regierung maßgeblich beteiligt gewesen, hätte er diese Macht wohl eingesetzt.
Die verbliebenen Roten Khmer, die 1994 immerhin noch etwa 20 % Kambodschas besetzten, versuchten weiterhin an der Regierung beteiligt zu werden. Nachdem alle Gespräche scheiterten, wurde die Gruppierung im Juli 1994 für illegal erklärt. Überläufer sollten aber Amnestie erwarten können.
Währenddessen zeigten sich erste Spannungen in der neu gewählten Regierung. Prinz Ranariddh entließ seinen Finanzminister Sam Rainsy. Dieser gründete die Khmer National Party (KNP) und ist seither eine wichtige Oppositionsfigur im Land.
1995 wurde das Volk von einer Hungersnot heimgesucht, Kambodscha lief Gefahr, in einer tiefen Krise zu versinken. Internationale Hilfsgelder halfen das Schlimmste zu verhindern.
Die Politik wurde auch in der Folgezeit von Erschütterungen überschattet. Hun Sen und Ranariddh bekämpften sich, nicht immer mit lauteren Mitteln. Die Geberländer, allen voran die USA und die Bundesrepublik Deutschland, stoppten ihre Hilfsprogramme, doch hatte darunter vor allem die Bevölkerung zu leiden. Da die Gelder für Gesundheitsvorsorge und das Bildungssystem (wie auch heute noch) hauptsächlich aus Deutschland stammten, kam es in diesen Bereichen zu großen Engpässen. Ranariddh verbrüderte sich mit den Roten Khmer, doch die fragliche Interessengemeinschaft verlor 1997 den Machtkampf gegen Hun Sen. Ranariddh wurde wegen Kollaboration mit den Roten Khmer und Waffenhandels zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt und von seinem Vater König Sihanouk 1998 wieder begnadigt. Dieser Schachzug wurde im Westen als Signal zur Hinwendung zum Besseren gewertet und Hilfe erneut geleistet.
Auch die Roten Khmer machten in dieser Zeit erneut von sich reden. Ieng Sari lief im September 1996 zu den Regierungsgruppen über. Pol Pot wurde von seinen eigenen Anhängern in seinem Dorf Anlong Veng angeklagt und im Juli 1987 zu lebenslangem Hausarrest verurteilt. Er starb am 15. April 1998. Im Dezember desselben Jahres ergaben sich die letzten Kampfverbände der Roten Khmer. 1999 wurden die letzten von ihnen begnadigt.
Die Wahlen im Juli 1998 organisierte Kambodscha ohne ausländische Hilfe. Die CPP konnte 64 Sitze gewinnen, zweite Kraft wurde die FUNCINPEC mit 43 Sitzen. Die KNP erhielt 15 Sitze. Die Wahlen verliefen nicht 100 % fair, aber sie waren angeblich doch fair genug, um international anerkannt zu werden. Ein letztes Aufbäumen der Roten Khmer war in Anlong Veng zu verzeichnen. Hier töteten am Wahltag die letzten Anhänger der Roten Khmer in einem Wahllokal mindestens neun Menschen. Nach der Bildung einer Koalitionsregierung (Hun Sen Premierminister, Ranariddh Parlamentssprecher) der beiden großen Parteien trat Kambodscha 1999 der ASEAN bei.
Die ersten Kommunalwahlen vom Februar 2002 waren überschattet von Einschüchterung und Morden, doch die Ergebnisse, die zugunsten der CPP ausfielen, wurden trotzdem anerkannt. 2003 gewann die CPP auch die Wahl zur Nationalversammlung, benötigte jedoch wieder die FUNCINPEC zur Regierungsbildung.
Der Machtmensch Hun Sen
Hun Sen wird im Sommer 1951 in armen Verhältnissen auf dem Land geboren. Dank guter Schulnoten kann er auf ein Gymnasium in Phnom Penh wechseln. 1969 schließt er sich der Widerstandsbewegung an, um gegen Lon Nol und seine amerikanischen Verbündeten zu kämpfen. Während der Jahre der Terrorherrschaft von Pol Pot fungiert er von 1975 bis 1977 als Kommandeur eines Regiments. Während der endgültigen Machtübernahme und dem Einmarsch in Phnom Penh liegt Hun Sen mit einer Augenverletzung im Krankenhaus (geblieben ist ein Glasauge). Ein halbes Jahr später, so eine Broschüre der CPP, kommt er nach Phnom Penh und erkennt den Wahnsinn des Regimes. Er beschließt, zusammen mit Heng Samrin und Chea Sim gegen Pol Pot zu rebellieren und wird verraten. Daraufhin setzt sich der damals 25-Jährige 1977 nach Vietnam ab. Dort gehört er zu den Gründungsmitgliedern der United Front for the Salvation of Kampuchea, einer Bewegung, die von Vietnam mit dem Ziel unterstützt wird, die Roten Khmer zu stürzen (siehe >>).
Im Gefolge des Einmarsches der Vietnamesen kehrt Hun Sen 1979 nach Kambodscha zurück und wird Außenminister in der von Vietnam eingesetzten Regierung unter Heng Samrin. 1985 löst er Samrin als Regierungschef ab. Seither hat er die Fäden der Macht nicht mehr aus der Hand gegeben. Vielmehr baute er durch Einsatz ihm loyaler Mitarbeiter – und vor allem vieler Verwandter in Schlüsselpositionen – seine Machtbasis so geschickt aus, dass er bis heute Polizei, Gerichtsbarkeit, Militär und Verwaltung kontrolliert. Überall im Land gibt es Parteibasen (erkennbar auch an den vielen blauen Schildern der Cambodian People’s Party). Wer Erfolg und Einfluss haben wollte, musste lange Jahre dieser Partei angehören. Die Wahlen von 2013 deuteten an, dass sich dies gerade ändern könnte. Bisher festigte Hun Sen auf dem Land seinen Einfluss durch Zuwendungen an die arme Bevölkerung; wie lange diese sich jedoch noch vertrösten lässt, bleibt abzuwarten. Die Vergabe großer Landstriche an ausländische Investoren (und damit einhergehend die Vertreibung der landlosen Bevölkerung) verärgert nun auch die kleinen Leute, die endlich auch ihren Anteil am Aufschwung einfordern.
Hun Sen selbst plant noch viele Jahre als Premierminister zu fungieren und scheint in keiner Hinsicht bereit, die neuen Strömungen zuzulassen. Dabei könnte er sich mit seinem auf geschätzte US$500 Mio. angewachsenen Privatvermögen geruhsam zurückziehen. Da sich der autokratische Herrscher aber auch in der Vergangenheit seine Macht nicht selten durch Einsatz von Gewalt sicherte, blickt Kambodscha nicht unbelastet in die Zukunft.
Im Jahr 2004 verblüffte der 82-jährige König seine Landsleute, denn er trat endgültig ab und überließ seinem 51-jährigen Sohn Norodom Sihamoni den Thron (Sihanouk stirbt 2013). Sihamoni, der Sohn Sihanouks und seiner Frau Monique Izzi, wurde einstimmig vom eiligst einberufenen Thronrat ausgewählt und im Oktober 2004 gekrönt. Zuvor war Sihamoni Balletttänzer, später Unesco-Botschafter und lebte vorwiegend in Frankreich. Besonders auffällig ist der neue Herrscher bisher nicht. Unauffällig sucht er den Kontakt zur Regierung und soll hier auch nicht mit seiner Meinung zurückhalten. Er ist bestrebt, ein gutes Verhältnis zum Volk zu halten, ist häufig auf dem Lande unterwegs und erfreut sich großen Respekts.
Die wirtschaftliche Lage stabilisierte sich unter Hun Sen. Wirtschaftsprogramme, wie die EU-Initiative EBA (Everything But Arms, siehe >>) führten zu einer Ankurbelung des Exports. Auch Investoren kamen in den folgenden Jahren vermehrt ins Land, die hier z. B. Waren für den Westen fertigen lassen (siehe >>). Illegaler und legaler Holzeinschlag sowie die Verpachtung von Land an ausländische Investoren (siehe >>) brachten und bringen weitere Devisen ins Land. Und dennoch bleibt die Bevölkerung bis heute zum großen Teil von diesem Aufschwung ausgeschlossen. Vetternwirtschaft und Korruption führen zu einer immer größeren Zweiteilung der Gesellschaft. Die Unzufriedenheit der oftmals ausgebeuteten Arbeiter wächst.
Das Leben des Norodom Sihanouk
Norodom Sihanouk gehört wohl zu den schillerndsten und prägendsten Figuren der kambodschanischen Geschichte, und es heißt, er sei der im Volke beliebteste König aller Zeiten gewesen. Insgesamt war er an den Geschicken des Landes 63 Jahre lang beteiligt, und sein Leben ist geprägt von geschickten und weniger geglückten Allianzen. Preah Bat Samdech Preah Norodom Sihanouk Varman wurde am 31. Oktober 1922 in Phnom Penh geboren. 1941 setzten ihn die Franzosen auf den Thron: Sie hofften auf einen jungen, unerfahrenen, ihnen loyalen König. Dieses Kalkül sollte nicht aufgehen. Sihanouk erwies sich als erfolgreicher Machtmensch, der seine Person unverbrüchlich mit dem Geschick des Landes verband. Er fühlte sich stets als der Nachfahre der Gottkönige (und wurde vor allem von den Leuten auf dem Land auch als solcher gesehen), der allein die Geschicke des Landes zu lenken weiß.
Bis 1955 saß Sihanouk auf dem Thron. Infolge des Machtverlustes der Monarchie nach der Unabhängigkeit entschloss sich der findige Herrscher jedoch, abzudanken, wieder Prinz zu werden und als Politiker Macht auszuüben. Die Jahre von 1955 bis 1970 werden auch vielfach einfach nur als die Ära Sihanouk bezeichnet, denn er allein beherrschte die Politik des Landes.
Sihanouk war ein Lebemann, der zu feiern verstand. Er liebte den Glamour und die Frauen. Insgesamt hatte er mit sechs Frauen 13 Kinder. Erst im Jahr 1952 heiratete er seine große Liebe Monique Izzi und fand in diesem Bereich etwas Ruhe. Sihanouk arbeitete als Filmemacher (nicht sehr erfolgreich; er zeigte seine Filme auf den internationalen Festivals 1968 und 1969 in Phnom Penh, doch diese wurden von ihm selbst veranstaltet), Songschreiber und Autor. Er persönlich schrieb die Drehbücher, seine Generäle wurden als Schauspieler eingesetzt. Nicht selten übernahm er auch selbst die Hauptrolle. Für seinen ersten Film Apsara, in dem eine Militärszene zu sehen ist, setzte er sogar die Luftwaffe der Armee ein. Insgesamt drehte er in den Jahren von 1966 bis 1969 neun Spielfilme.
Das Leben am Hof war glamourös wie einst bei den Gottkönigen von Angkor. Ausländische Gäste wurden in der Tanzhalle mit Apsara-Tanz unterhalten, einer Kunst, in der es seine Tochter Bopha Devi zur Meisterschaft brachte. 1969 drehte Sihanouk seinen letzten Film, seine Tage als glamouröser Herrscher waren gezählt.
Sein autoritärer, selbstverliebter Regierungsstil gefiel nicht jedem, und so formierten sich in diesen Jahren rechte und linke Oppositionsgruppen. 1970 wurde Sihanouk von seinem einstigen Mitstreiter Lon Nol aus dem Amt geputscht. Er floh nach China und verbündete sich – auch auf Druck der dortigen Machthaber – mit den linken Guerillagruppen der Roten Khmer. 1973 besuchte er die ehemaligen Feinde, die er einst selbst in den Untergrund vertrieb. Geschickt nutzten die Roten Khmer den immer noch im Volk beliebten Herrscher zum Zwecke der Propaganda. Fotografien zeigen Sihanouk zusammen mit Khieu Samphan oder milde lächelnd im Tempel Banteay Srei.
Nach der Machtergreifung der Kommunisten kehrte Sihanouk nach Kambodscha zurück, konnte aber keinerlei Einfluss ausüben und wurde nach einer Kritik an den Roten Khmer unter Hausarrest gestellt. Zahlreiche seiner Familienangehörigen wurden ermordet, darunter fünf seiner Kinder und 14 Enkel.
1979 ging Sihanouk erneut nach China ins Exil und gründete hier die FUNCINPEC, die, international anerkannt, zusammen mit den Roten Khmer eine Exilregierung stellte. 1991 wurde er provisorisch zum Staatsoberhaupt ernannt und nach den Wahlen erneut König in der nun etablierten konstitutionellen Monarchie.
Sihanouk erfreute sich großen Respekts in der Bevölkerung und behielt das Amt bis 2004. Dann trat er überraschend zurück und lebte gezeichnet von Krankheit, bis er am 15. Oktober 2012 mit 89 Jahren in Peking starb und im folgenden Frühjahr in Phnom Penh eingeäschert wurde.
Am 28. Juli 2013 fanden erneut Parlamentswahlen statt, und zum ersten Mal zeigte die Macht der CPP Risse. Die oppositionelle Kambodschanisch Nationale Rettungspartei (CNRP, ein Zusammenschluss zweier Parteien unter Rainsy, siehe >>) gewann 55 von 123 Sitzen. Die CPP, immer noch unter Hun Sen, hat zwar noch die Mehrheit von 68 Sitzen, doch der Verlust von 22 % der Stimmen ist gravierend. Die CNRP erkannte bis Juli 2014 das Ergebnis nicht an, vielmehr klagte sie über massiven Wahlbetrug (und erhielt Rückendeckung vonseiten der wenigen im Land anwesenden Wahlbeobachter). Der Erfolg der Opposition ist daher noch höher zu bewerten. Im Juli 2014 einigten sich beide Parteien auf die Bildung einer neuen Regierung. Neben Reformen des Wahlvorstandes und im Senatsvorsitz wurde auch die Bildung eines Antikorruptionsrates beschlossen. Ob dem wohl schlimmsten Feind Kambodschas, der Korruption, ernsthaft etwas entgegengesetzt wird, bleibt abzuwarten.
Das Khmer-Rouge-Tribunal
Die Geschichte wollte es, dass die Roten Khmer lange Jahre Unterstützung fanden. Jene, die überliefen, wurden begnadigt, kaum einer der Täter zur Rechenschaft gezogen. Derzeit tagt mehr oder weniger erfolgreich das Khmer-Rouge-Tribunal. Kambodschanische und internationale Richter sollen Recht sprechen über ein paar wenige vor Gericht gestellte Täter. Die Todesstrafe ist als Strafmaß ausdrücklich ausgeschlossen, denn diese ist bereits seit den 1990er-Jahren in Kambodscha abgeschafft.
Der erste Versuch einer Abrechnung begann bereits direkt nach der Vertreibung der Roten Khmer mit Unterstützung der Vietnamesen. Bereits 1979 wurden die beiden ersten Anführer, Pol Pot und Ieng Sari, in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Doch die Urteile wurden nie vollstreckt. Als Ieng Sari 1996 zu Hun Sens Regierung überlief, wurde er begnadigt und lebte bis November 2007 in Pailin. Erst dann wurde er erneut festgenommen und vor dem Rote-Khmer-Tribunal angeklagt. Bevor der Prozess zu Ende ging, verstarb er jedoch im März 2013. Auch seine Frau Ieng Thrith (unter Pol Pot Sozialministerin) wurde verhaftet, im September 2013 jedoch wegen fortschreitender Demenz aus der Haft entlassen. General Ta Mok, der Nachfolger Pol Pots und als „Der Schlächter“ bekannte Bruder Nr. 5, der ab 1997 die neue Nummer 1 der Roten Khmer wurde, starb bereits 2006 an Altersschwäche im Gefängnis.
Das Gericht, welches nach langem Gerangel zwischen Hun Sen und den Vertretern der internationalen Gemeinschaft 2003 beschlossen und 2004 gebildet wurde, nahm erst im Juli 2006 seine Arbeit auf. Um die öffentliche Ordnung nicht zu gefährden, bestand Hun Sen darauf, dass nur wirklich wichtige Führungspersonen angeklagt werden durften. Im Jahr 2012 trat ein Schweizer Untersuchungsrichter zurück, weil er sich zu stark eingeschränkt fühlte. Seine Vermutung: Nach Abhandlung der bisherigen Fälle will die Regierung keine weiteren Angeklagten mehr vor Gericht bringen.
Im Volk ist das Tribunal umstritten. Während die einen eine Bestrafung begrüßen, halten viele das Geld für schlecht angelegt. Und da zwei Drittel der Menschen zu jung sind, um eigene Erinnerungen an diese Zeit zu haben (und auch in der Schule bisher ungenügend über diese Jahre aufgeklärt wird), ist vielen die Bedeutung des Tribunals unklar. Der Kosten-Nutzen-Effekt des bis Ende 2012 bereits US$173,3 Mio. teuren Verfahrens ist für sie besonders fraglich. Viele Betroffene, die dem Prozess positiv gegenüberstehen, hoffen auf gerechte Strafen, sind jedoch skeptisch, ob dies dem Gericht gelingen wird.
Die erste rechtskräftige Verurteilung betraf das Verfahren 001 und behandelte den Tötungsvorwurf gegen Kaing Guek Eav (auch als Duch bekannt), der als Leiter des Gefängnisses S-21 (Tuol Sleng) für die Ermordung und Folter Zigtausender Menschen verantwortlich zeichnete. Lange Jahre war Duch untergetaucht. Er lebte unter falschem Namen, trat zum Christentum über und arbeitete sogar für die NGO World Vision. 1999 wurde er enttarnt und verhaftet. 2007 begannen die Verhöre. Im Gegensatz zu allen anderen Roten Khmer entschuldigte sich Duch mehrfach für seine Taten und bekannte sich schuldig. 2010 wurde er zu einer Freiheitsstrafe von 35 Jahren verurteilt. 2012 wurde die Strafe in einem Revisionsverfahren auf lebenslänglich erhöht.
Am 8. August 2014 endlich wurden Bruder Nr. 2, Nuon Chea, und Khieu Samphan zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Vorgeworfen wurden ihnen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bereits im September 2007 verhaftet, hatte der Prozess erst im Juli 2011 begonnen. Khieu Samphan hatte dabei abgestritten, überhaupt Macht gehabt zu haben. Seine Selbstkritik endete mit der Aussage: „Ich konnte mich nicht dazu durchringen, meine Stimme gegen die überflüssige Gewalt zu erheben.“ Nuon Chea entschuldigte sich im Verfahren 2013 halbherzig bei den Opfern. Er hätte besser hinsehen müssen, dies sei sein Verschulden. Aktiv zum Mord aufgerufen habe er aber nicht. Zynisch merkt er an: „Auch mir tut es leid. Vor allem wegen des Leids all der Tiere, deren Leben während des Krieges in Gefahr war.“ Beide bleiben lebenslang hinter Gittern – sofern sie nicht mit ihrer angekündigten Revision Erfolg haben und am Ende doch noch freikommen werden. Weitere Prozesse gegen andere noch lebende Mitglieder der Rote-Khmer-Führungskader sind nach Aussagen von Premierminister Hun Sen sehr unwahrscheinlich. Aktuelle Informationen unter: www.eccc.gov.kh/en.
ca. 4000 v. Chr.
Jäger und Sammler hinterlassen erste Spuren im Gebiet des heutigen Kambodscha
ca. 2500 v. Chr.
Beginn der Sesshaftigkeit, erster Anbau von Reis
500 v.Chr.
Beginn der Eisenzeit
um die Zeitenwende
Erste kleinere Fürstentümer entstehen
245
Chinesische Händler berichten vom Reich Funan
3.–5. Jahrhundert
Münzfunde belegen Handelsbeziehungen bis nach Europa
7. Jahrhundert
Das nördlich gelegene Zhenla übernimmt Funan
8. Jahrhundert
Zhenla zerfällt in „Zhenla des Landes“ und „Zhenla der See“
802
Jayavarman II. wird erster König des neuen Khmer-Reiches
9. Jahrhundert
Beim heutigen Roluos wird die Hauptstadt Hariharalaya gegründet
Anfang 10. Jahrhundert
Yashovarman I. verlegt die Hauptstadt nach Angkor
928–944
Unter Jayavarman IV. wird Ko Ker zur Hauptstadt
944
Rückkehr des Königshofes nach Angkor
944–1001
Das Reich vergrößert sich und blüht auf
1001
Suryavarman I. besteigt den Thron und vergrößert das Reich
1113–1150
Regierungszeit Suryavarmans II., Bau von Angkor Wat
1177
Die Cham erobern Angkor und töten den König
1181
Jayavarman VII. besiegt die Cham und baut Angkor Thom wieder auf
ab Mitte 12. Jahrhundert
Thai-Armeen dringen gegen Angkor vor
1327
Die letzte Tempelinschrift in Sanskrit markiert den endgültigen Niedergang des Reiches
1432
Angkor wird verlassen, Phnom Penh Hauptstadt
Mitte 16. Jahrhundert
König An Chan vertreibt die Thai aus Angkor und nennt den Ort der Schlacht „Siem Reap“
1594
Die Thai schlagen zurück und setzen einen eigenen König auf den kambodschanischen Thron
16.–19. Jahrhundert
Im „dunklen Zeitalter“ hat Kambodscha es schwer, zwischen Thailand und Vietnam zu bestehen
1834
Vietnam übernimmt die Macht in Kambodscha
1840
Die Khmer rebellieren gegen die vietnamesische Fremdherrschaft
1848
Kambodscha ist ohne Besatzungsmacht
1863
Kambodscha wird französisches Protektorat
1866
Die Hauptstadt wird von Oudong nach Phnom Penh verlegt
1897
Reformen führen zum Machtverlust des Königtums
um 1920
Der Königspalast in Phnom Penh (Foto) erhält sein heutiges Aussehen
1927
Monivong wird König; Wiedererstarken des kambodschanischen Selbstwertgefühls
1941
Mit erst 19 Jahren wird Norodom Sihanouk (Foto) König von Kambodscha
1946
Frankreich erlaubt erste freie Wahlen
1947
Verabschiedung einer neuen Verfassung
1951
Eine aus Parlamentswahlen gebildete Regierung kann sich nur kurzfristig gegen König Sihanouk behaupten
1953
Kambodscha wird unabhängig
1955
Sihanouk verzichtet auf sein Amt und setzt seinen Vater Norodom Suramarit als König ein
1955–1970
In der „Ära Sihanouk“ blühen Kunst und Kultur wieder auf
1957
Genfer Abkommen zum Rückzug Frankreichs aus Indochina
1958
Errichtung des Unabhängigkeitsdenkmals in Phnom Penh (Foto)
1963
Die Kommunisten, darunter Saloth Sar, gehen in den Untergrund
1970
Lon Nol stürzt Sihanouk, der König geht ins Exil
17. April 1975
Die Roten Khmer erobern Phnom Penh
Mitte 1975
Norodom Sihanouk kehrt nach Kambodscha zurück
1975–1979
Die grausamen Jahre der Roten Khmer
1977
Hun Sen setzt sich nach Vietnam ab
1977
Grenzstreitigkeiten mit Vietnam
1978/1979
Einmarsch der Vietnamesen bis nach Phnom Penh
1979
Flucht von Pol Pot und Getreuen ins Exil oder in unzugängliche Grenzregionen
1979
Bildung einer Interimsregierung unter Heng Samrin
1979
Sihanouks Rede vor der Uno verurteilt die Vietnamesen als Besatzer
1982
Gründung einer Exilregierung unter Sihanouk
1985
Hun Sen wird Premierminister
1991
Unterzeichnung eines Waffenstillstandes
1992
Übergangsverwaltung durch die Vereinten Nationen
1993
Wahlen unter Federführung der UNTAC
1993
Sihanouk wird erneut König
1994
Die Roten Khmer werden für illegal erklärt
2001
Das EU-Programm „Everything but arms“ startet
2003
Der Königliche Kambodschanische Tanz (Foto) wird in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen
2004
Sihanouk tritt als König zurück
Oktober 2004
Norodom Sihamoni wird neuer König
Oktober 2012
Sihanouk stirbt in Peking
2013
Parlamentswahlen mit großen Erfolgen der Opposition
2013
Erste Demonstrationen der Textilarbeiter
Sommer 2014
Erste Gespräche zwischen den Parteien beginnen, die Bildung einer Regierung rückt in greifbare Nähe.
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Dem Reisenden werden unweigerlich die vielen blauen Schilder der Cambodian People’s Party (CPP) ins Auge fallen. Die Regierungspartei ist vor allem auf dem Land allseits präsent und seit dem Ende des Pol-Pot-Regime durchgehend an der Macht. Etwas weniger augenfällig sind die Parteischilder der Kambodschanisch Nationalen Rettungspartei (CNRP), die 2012 aus dem Zusammenschluss der Menschenrechtspartei (HRP) und der Sam Rainsy Partei (SRP) entstand. Nahezu unwichtig ist mittlerweile die FUNCINPEC, die einst von König Norodom Sihanouk gegründet wurde und lange Jahre an der Regierung beteiligt war.
Das Königreich Kambodscha ist heute eine konstitutionelle Monarchie mit einem demokratischen Mehrparteiensystem, als dessen Staatsoberhaupt seit Ende Oktober 2004 König Norodom Sihamoni eingesetzt ist. Sein Stellvertreter ist Chea Sim, der Präsident des Senats. Regierungschef ist Ministerpräsident Hun Sen von der Partei Cambodian People’s Party, der das Amt bereits seit den Wahlen 1998 innehat (eingesetzt wurde er bereits 1985 durch die Vietnamesen nach dem Sturz der Roten Khmer). 2013 wurde er erneut im Amt bestätigt. Außenminister und stellvertretende Premierminister ist Hor Namhong (ebenfalls CPP), Arbeitsministers ist Ith Sam Heng.
Das Parlament besteht aus einer Nationalversammlung mit 123 Abgeordneten unter dem Vorsitz von Heng Samrin und einem Senat mit 61 Amtsinhabern. Gewählt wird alle fünf bzw. sechs Jahre; die nächsten Wahlen zur Nationalversammlung und zum Senat finden 2018 statt.
Regierungspartei ist die CPP unter dem Vorsitz von Chea Sim. In der Opposition befindet sich die Kambodschanisch Nationale Rettungspartei unter Vorsitz von Sam Rainsy. Im Parlament hat die Opposition 55 Abgeordnete und die CPP 86 Sitze. Ein Jahr lang verweigerte die Opposition die Teilnahme an einer Regierung. Mitte Juli 2014 einigten sich die Parteien jedoch auf die Bildung einer Regierung und einige Reformen.
Deutsche Entwicklungshilfe
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) (www.bmz.de) arbeitet seit vielen Jahren mit Kambodscha zusammen. Die wichtigsten Aufgaben der Entwicklungsarbeit, die als Partnerschaft kommuniziert wird, sind „die Förderung der ländlichen Entwicklung, der Aufbau des Gesundheitswesens sowie die Förderung von Demokratie“. In den Jahren 2013 und 2014 lag der Entwicklungshilfeetat für Kambodscha bei 47 Mio. €.
Im Auftrag des BMZ arbeitet beispielsweise die deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) seit 1994 in Kambodscha. Die GIZ hat nach eigenen Angaben das Ziel, „[…] die soziale Entwicklung und das Wirtschaftswachstum im Land, […] den nationalen Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung zu fördern“ (vgl. www.giz.de/de/weltweit/383.html). Gefördert wird der Ausbau von Ressourcen und Kompetenzen auf Regierungsebene und in der Zivilgesellschaft. Es gibt z. B. ein Schulgesundheitsprogramm, bei dem Grundschüler Hygienemaßnahmen wie Zähneputzen und Händewaschen erlernen. Auch die Dezentralisierung der politischen Macht wird mit Schulungsprogrammen und anderen Maßnahmen unterstützt. Nicht zuletzt gehört die Restaurierung der Tempel von Angkor zum Aufgabenbereich der GIZ (die Gesellschaft unterstützt das APSARA-Projekt).
Der Verbesserung der Lebensumstände dienen in jedem Fall auch das Minenräumprogramm (siehe >>) und der Ausbau der Stromversorgung, denn derzeit sind nur 24 % aller Kambodschaner ans Stromnetz angeschlossen. Als Tourist merkt man davon nicht viel, es sei denn, man besucht die entlegenen Gebiete abseits der Städte.
Ein besonderes Augenmerk liegt zudem auf der Verteilung von Land. Da es vielfach zu Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen kommt, setzt die deutsche Regierung sich hier für Reformen ein – bisher leider ohne großen Erfolg (mehr zu diesem Thema siehe >>).
Solange der Korruption nicht Einhalt geboten wird, ist die Entwicklungshilfe für Kambodscha allerdings kritikwürdig. Es wäre wünschenswert, wenn die Politik hier mehr Druck ausüben würde, bevor das Geld fließt.
Kambodscha gliedert sich verwaltungstechnisch in 25 Provinzen und 1621 Gemeinden. Bei der Wahl der Provinzregierungen am 18. Mai 2014 hatte die CPP die Nase vorn, doch ist zu beobachten, dass der Stimmanteil der Oppositionspartei CNRP wächst. Die Bedeutung der Provinz- und Distrikträte wird seit 2008 gestärkt, um zu einer Dezentralisierung politischer Macht zu gelangen. Seither gelten sie als juristisch eigenständige Einheit mit administrativer und politischer Entscheidungskompetenz. Noch sind die Räte in dieser Funktion nicht besonders erfahren, doch wird ihre Kompetenz sicher im Laufe der Jahre wachsen (u. a. werden die Beteiligten durch deutsche Entwicklungshilfe in der Wahrnehmung ihrer Aufgaben unterstützt).
Der Staatshaushalt beträgt etwa US$500 Mio., etwa US$200 Mio. werden von Geberländern wie Deutschland bestritten. Doch die Korruption ist sehr hoch, einige Quellen und die Opposition gehen davon aus, dass genau diese US$200 Mio. in den Taschen der Politiker verschwinden. Der erfolgreiche Kampf gegen Korruption könnte also dazu führen, dass Kambodscha in puncto Staatsfinanzen keine weitere Hilfe von außen mehr benötigt.
Da seit Jahrzehnten im Amt, hat die Regierung Hun Sen Polizei und Militär fest im Griff und mit eigenen Anhängern besetzt. Gewaltenteilung gibt es in der Realität nicht. Offiziell ist auch die Judikative vom Staat unabhängig. Doch Menschenrechtsorganisationen klagen immer wieder, die Richter seien von Hun Sen gelenkt. Viele Inhaftierungen seien politisch motiviert und die Verurteilungen ebenfalls. Das deutsche Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung schreibt: „[Es] bestehen jedoch in vielen gesellschaftspolitischen Bereichen autoritäre Tendenzen. Die regierende Kambodschanische Volkspartei (CPP) behindert aktiv die Arbeit regierungskritischer Politiker und benutzt Gesetzgebung, Verwaltung und Justiz, um politische Gegner und unabhängige Medien unter Druck zu setzen. Die Institutionen des Staates sind schwach, es fehlen stabile rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen.“ Korruption ist weitverbreitet, und folgt man der Argumentation von Manfred Rohde (siehe >> Literaturtipps), dann basiert das Prinzip der erkauften Loyalität auf einer langen Tradition, die bereits das Leben in Angkor prägte. Diese Strukturen zu durchbrechen, ist eine der wichtigsten politischen Notwendigkeiten Kambodschas. Daher ist das Land „noch weit von der Erreichung internationaler demokratischer Standards entfernt.“ (vgl. www.bmz.de). Aktuelle Informationen zur politischen und gesellschaftlichen Situation in Kambodscha und eine gute Aufarbeitung der Medieninformationen bieten der Blog von Dr. Markus Karbaum, http://cambodia-news.net, und die Webseite der Konrad Adenauer Stiftung www.kas.de/kambodscha.
Wenn Hilfe zur Falle wird
Um Dritte-Welt-Ländern den Zugang zum EU-Markt zu öffnen, wird seit 2001 für viele Agrarstoffe kein Zoll erhoben. Das Motto „Everything But Arms“ (EBA) klingt gut, doch führt es z. B. dazu, dass thailändische Investoren in Kambodscha Land mieten, es roden, die vormaligen Bewohner vertreiben, Rohrzucker anbauen und gute Geschäfte machen. Vom guten Vorsatz, den Kambodschanern mit der Initiative zu helfen, bleibt nichts übrig. Rohrzucker sollte daher jeder EU-Bürger ausschließlich aus fairem Handel kaufen. Nur so können Verbraucher zumindest durch reduzierte Nachfrage diesen Wahnsinn eindämmen. Mitte 2014 meldete sich zudem Italien zu Wort, das sich durch den zollfreien Import von Reis benachteiligt fühlt. Es bleibt abzuwarten, wie lange dieses Programm noch laufen wird.
Kambodscha ist Mitglied zahlreicher Organisationen. Als wichtigste Elemente der Einbindung des Landes in die internationale Gemeinschaft aber gelten der Sitz in den Vereinten Nationen seit 1993, der Beitritt zur Gemeinschaft der südostasiatischen Staaten (ASEAN) 1999 und die Mitgliedschaft in der Welthandelsorganisation (WTO) seit dem Jahr 2004.
Die Bundesrepublik Deutschland arbeitete vor 1969 mit Kambodscha zusammen. Während der Pol-Pot-Jahre gab es keine Verbindung. Erst 1992 nahm man wieder offizielle Beziehungen zu Kambodscha auf. Nach den Wahlen 1993 wurde eine diplomatische Vertretung eingerichtet. Die ehemalige DDR hingegen pflegte auch in den Jahren 1969–1975 und ab 1979 (bis zur deutschen Wiedervereinigung) diplomatische Beziehungen zu Kambodscha. Deutschland engagiert sich stark in Bildung und Gesundheitsaufklärung (siehe >>), hilft bei der Minenräumung (siehe >>) und ist an der Restaurierung der Tempel von Angkor maßgeblich beteiligt.
Kambodschas Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind oftmals problembeladen, doch die Regierung ist bemüht, die Spannungen abzubauen: Mit Thailand gibt es immer wieder Grenzkonflikte (erst 2011 kam es erneut zu bewaffneten Zwischenfällen bei der Tempelanlage von Preah Vihear), und auch die Problematik der Arbeitsimmigranten und ihres Aufenthaltsstatus sorgt immer wieder für Zündstoff. Auch mit Vietnam kommt es immer wieder zu Uneinigkeiten. Die meisten Streitigkeiten sind derzeit geschlichtet, doch da viele dieser Probleme eine lange Vorgeschichte haben, kann ein erneutes Aufflammen der Konflikte nicht ausgeschlossen werden. Das Verhältnis zu China ist derzeit recht gut – vor allem wohl auch, weil sich China zu einem der spendabelsten Geberländer entwickelt hat.
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Auch wenn Kambodscha einen wirtschaftlichen Aufwärtstrend verzeichnet: Noch ist die Armut im Land groß. Von den Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, befinden sich 18,6 % (Zahlen von 2009) in extremer Armut, diese Menschen haben weniger als US$1,25 pro Tag zur Verfügung. Die Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit stellt sogar bei 77 % der Menschen fest, dass sie weniger als US$2 pro Tag zum Leben haben.
Wichtigste Export-Partner des Landes sind die USA, Großbritannien, Kanada und Deutschland. Nach Deutschland wurden im Jahr 2012 Waren im Gesamtwert von über 667 Mio. € exportiert. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Bekleidung und Schuhe. Dank der zollfreien Exporte aller Güter, die nichts mit Waffen zu tun haben (EBA), erhöht sich auch der Export von Reis und anderen Agrarrohstoffen.
2013 erreichten Importe etwa das Volumen von US$9,79 Mrd. Allein 2012 importierte Kambodscha Waren im Wert von 44,8 Mio. € aus Deutschland. Die wichtigsten Importpartner sind Thailand, Vietnam und China.
Die Vielzahl der Menschen lebt als Selbstversorger auf dem Land und betreibt mit einfachsten Mitteln Landwirtschaft. Es fehlt noch heute an guten Bewässerungssystemen, jene Errungenschaften, die in den Zeiten von Angkor viel Wohlstand brachten. Gewinne aus landwirtschaftlicher Produktion fließen hauptsächlich an große Firmen, die nicht selten in Besitz ausländischer Investoren sind (vor allem aus Thailand und Vietnam). Die angestellten Beschäftigten in diesen Wirtschaftsbereichen verdienen i.d.R. nur sehr wenig. Immer mehr Fair-Trade-Produktionen machen jedoch Hoffnung, dass sich die Arbeitsbedingungen für viele Menschen bessern werden.
Die Landwirtschaft hatte 2013 zu etwa 31 % Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Wichtigste Zweige hier sind Reisanbau und Fischerei. Beschäftigt sind in diesem Sektor etwa 56 % der Bevölkerung, die vor allem während der Saison von April bis Dezember die Ernte einbringen.
Grundbesitzrechte und Katasterämter
Land gehörte in der Tradition Kambodschas immer dem, der es bearbeitet. Erst unter französischer Herrschaft änderte sich dies. Die Kolonialherren verteilten das Land neu und ermöglichten im Sinne der in Europa bereits praktizierten Rechtstradition die Möglichkeit, Land zu kaufen und zu verkaufen. Pol Pots Schergen vertrieben die Menschen aus den Städten und Dörfern und ließen sie auf den Feldern arbeiten. Grundbesitz und Nutzungsrechte wurden abgeschafft und alles zum kollektiven Besitz erklärt. Das gesamte Katasterwesen und Unterlagen über Besitz wurden vernichtet. 1979 strömten die Menschen zurück in die verlassenen Städte und Dörfer, nahmen Land und Wohnung in Besitz. Wer zuerst vor Ort war, nahm sich, was er vorfand. Seit 1989 ist in der Verfassung wieder das Recht auf Privateigentum verankert, und es existiert auch wieder ein Grundbuch. 4,5 Mio. Anträge, von denen jedoch bisher nur 550 000 bearbeitet und eingetragen sind, wurden allein bis 1999 eingereicht. Besonders die ländliche Bevölkerung war und ist bei der Sicherung von Besitzrechten benachteiligt.
2001 wurde das Bodengesetz verabschiedet, dessen wichtigster Punkt festlegt: Menschen, die vor dem 31. August 2001 ein Grundstück in Besitz genommen haben (sowie einige weitere Kriterien erfüllen), haben einen Anspruch auf dieses Land. Dieses Recht wird Besitzrecht genannt. Auch wer mindestens fünf Jahre auf einem Grundstück wohnt oder eine Ackerfläche bearbeitet, hat ein Besitzrecht und kann daraufhin einen Landtitel beantragen. Indigene Bevölkerungsgruppen haben ein Gewohnheitsrecht auf ihren angestammten Lebensraum und können ebenfalls Landtitel auf Stammesgebiet erhalten.
Seit Ende der 1990er-Jahre wurde mit Hilfe von Geldern der Weltbank, der deutschen GTZ sowie finnischen und kanadischen Hilfsorganisationen die rein technische Seite eines Kataster- und Grundbuchwesens ausgebaut. Über 2,2 Mio. Landtitel wurden bis 2013 eingetragen. Das klingt alles sehr positiv, doch schon 2009 stellte der Bericht „Untitled“ der NGO Bridges across borders South East Asia (BABSEA) fest, dass Bewohner oder Gemeinschaften keinen Zugang zum Vergabeverfahren erhielten oder Anträge verschleppt wurden. Auch wurden Anfragen auf Landtitel sehr oft abschlägig beschieden. Meist liegen diese Grundstücke in Gegenden, in denen die Bodenpreise hoch sind bzw. steigen oder Projektierungen in Planung sind. Eine Umsetzung der schön klingenden Gesetze ist daher noch in weiter Ferne. Die Bundesregierung hat ihre Zahlungen für Katastertätigkeiten bis auf Weiteres eingestellt – mehr Möglichkeiten, Druck auf die Regierung auszuüben, scheint sie kaum zu haben.
Insgesamt kamen 2013 etwa 4,2 Mio. ausländische Besucher nach Kambodscha (2012 waren es noch 3,68 Mio.), die meisten davon Vietnamesen, Japaner und Koreaner. Unter den westlichen Besuchern dominieren Amerikaner, Franzosen und Australier. Die 80 000 deutschen Besucher fallen hier mit etwa 2 % kaum ins Gewicht. Insgesamt steigen die Besucherzahlen seit Jahren kontinuierlich an.
Hauptanziehungspunkt für asiatische Besucher sind neben den Tempeln vor allem die Kasinos an den Grenzen. Denn sowohl in Thailand als auch in Vietnam ist Glücksspiel verboten. Ein politischer Nebeneffekt: Die Kasinos sichern die Grenzen. Kambodschanische Politiker behaupten, dass Vietnam gerne immer mal wieder Grenzsteine versetzte, um sein Territorium zu vergrößern: Dies ist nicht mehr möglich, wenn dort erst einmal ein Kasino steht.
Im Jahr 2013 und 2014 wurde die Weltöffentlichkeit auf die Missstände in der Textilwirtschaft Kambodschas aufmerksam, als Tausende Arbeiter auf die Straße gingen und höhere Löhne forderten. Die meisten Näherinnen arbeiten 70 Stunden in der Woche, oftmals bis zur totalen Erschöpfung. Viele sind unterernährt, denn ihr Gehalt ist im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Hungerlohn. Alle großen Marken arbeiten mit Subunternehmen zusammen, die in Kambodscha Fabriken betreiben. Hier herrschen oft katastrophale Bedingungen: Die sanitären Einrichtungen sind defekt, die Nähmaschinen alt, und von Arbeitsrechten kann keine Rede sein. Arbeitsverträge werden oft nur für eine kurze Dauer abgeschlossen, die Näherinnen leben so in der stetigen Angst, ihren Job zu verlieren. Werden sie krank oder bekommen sie ein Kind, verlieren sie ihre Einkommensquelle. Einen großen Unfall wie in Bangladesch gab es zum Glück bisher nicht.
Nachdem zahlreiche Gewerkschaften zu Streiks aufgerufen hatten, kam es zu Massenprotesten, gegen die die Regierung mit großer Härte vorging: Fünf Menschen wurden getötet, zahlreiche Protestler weggesperrt. Im Juni 2014 kam es zur Verurteilung einiger Näherinnen, die Strafen wurden jedoch auf Bewährung ausgesetzt. Immer noch ist unklar, wie viele Menschen weiterhin im Gefängnis sitzen. Die Demonstranten sind derart eingeschüchtert, dass Demonstrationen zurzeit kaum noch stattfinden. Die Sensibilität der Käufer im Westen und damit der Druck auf die westlichen Firmen sind gestiegen, zumindest solange das Thema noch in den Medien ist. Ob die Textilwirtschaft nach der Erhöhung des Mindestlohnes im Juni 2014 von US$61 auf US$100 im Monat (bei einer 6-Tage Woche) bereit wäre, mehr zu zahlen, bleibt abzuwarten. Gefordert werden von den Arbeitern US$120, was immer noch sehr wenig ist – auch in Kambodscha. Der Verbraucher hierzulande würde diese Erhöhung kaum spüren, das Produkt würde sich allenfalls um ein paar Cent verteuern. Für den kambodschanischen Staat allerdings hätte eine Erhöhung weitreichende Folgen. Es wäre zu erwarten, dass auch Lehrer, Polizisten und anderen Bedienstete des Staates mehr Geld verlangen. Auch deshalb lehnt Hun Sen eine weitere Erhöhung des Mindestlohnes strikt ab.
Markenwaren in Kambodscha
Fast 80 % aller in Kambodscha genähten Kleidungsstücke werden in die EU exportiert. Viele dieser uns bekannten Markennamen finden sich auch auf den Märkten des Landes, wo die Produkte oft sehr preisgünstig angeboten werden. Vieles davon ist aussortierte (oder „vom Laster gefallene“) Ware. Anderes, so heißt es, wurde in Sonderschichten schnell zusammengenäht (ob dies im Auftrag der Chefs der Fabriken geschieht oder den Näherinnen direkt zugute kommt, ist schwer zu beurteilen). Man sollte diese Kleidungsstücke nur für den Eigenbedarf erstehen, vom Handel damit ist abzuraten. Sobald der Anschein entsteht, die Ware diene dem Verkauf, muss Zoll gezahlt werden. Ob es dann noch zu einem Verfahren wegen gefälschter Ware kommen kann, hängt von den Produkten ab.
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In Kambodscha ist die überwiegende Mehrzahl der Menschen buddhistisch (Theravada). Offizielle Zahlen gehen von 95,3 % aus. Nach moslemischen Glaubensregeln leben knapp 2 % (manche Quellen geben 4 % an), etwa 1,9 % sind Christen und 0,8 % Hinduisten und andere Glaubensgemeinschaften. Oft vermischen sich die Religionszugehörigkeiten: Selbst wenn ein Khmer sich als Christ bezeichnet, so sucht er Jesus auch in den buddhistischen Tempeln auf (es heißt, Jesus sei auf seinen Wanderungen auch in Asien gewesen und habe die Lehre Buddhas vernommen). Und wer Buddhist ist, hat sicher noch einen der Götter aus dem hinduistischen Pantheon zuhause, der verehrt wird. Das hat geschichtliche Gründe, denn am Hofe der Könige von Funan und Angkor bestimmten über tausend Jahre lang Hindukulte das Leben von Herrscher und Beherrschten. Erst im 13. Jh. setzte sich der Buddhismus als Staatsreligion durch.
Der Buddhismus ist in Kambodscha allgegenwärtig. So gehören orange gewandete Mönche selbstverständlich zum Bild. Vor allem in den frühen Morgenstunden sieht man sie, wenn sie mit ihren Bettelschalen ausgerüstet durch die Straßen ziehen. Die Mönche dürfen nur einmal am Tag etwas essen, und es ist für jeden gläubigen Buddhisten eine Selbstverständlichkeit und Ehrensache, zur Versorgung der Mönche beizutragen. Nicht zuletzt, weil so das eigene Karma verbessert werden kann.
In Kambodscha wird hauptsächlich die Lehre vom „kleinen Wagen“ gelebt: Der Theravada-Buddhismus ist die Staatsreligion des Landes und wird von der Bevölkerungsgruppe der Khmer praktiziert. Doch auch der „große Wagen“, der Mahayana-Buddhismus, ist in Kambodscha vertreten. Er wird von Chinesen und Vietnamesen als der wahre buddhistische Weg angesehen. Alle Richtungen vereint der Glaube an zahlreiche Geister, denn animistische Glaubensvorstellungen sind allgegenwärtig.
In der Frühzeit des Angkor-Reiches waren die Kambodschaner Hinduisten. Indische Händler, denen brahmanische Priester folgten, hatten die Religion ins Land gebracht. Zahlreiche Figuren und Steinmetzarbeiten in den Tempeln zeugen davon, und noch heute gehört zum buddhistischen Glauben auch die Anbetung hinduistischer Figuren. Auch der Animismus (Geisterglaube) ist fest im kambodschanischen Buddhismus integriert; so haben viele Khmer ein Geisterhäuschen vor ihrem Haus, welches den dort lebenden Geistern ein Zuhause bieten soll (siehe >>).
König Jayavarman VII. erklärte dann den Buddhismus zur Staatsreligion. Kurze Zeit wurde der Mahayana-Buddhismus gelebt, doch bereits ab 1295 wandte sich Angkor-König Sridravarman dem Theravada-Buddhismus zu. Diese Form des Buddhismus, Worte wie Mitgefühl (karuna) und Herzensgüte (metta), waren neu für die Menschen, die sich in ihren Sorgen nun verstanden fühlten. Durch den Kontakt mit den Mönchen, die als Jünger Buddhas gelten, fühlten und fühlen sich die Menschen eingebunden in eine Wertegemeinschaft.
Während der Herrschaft der Roten Khmer wurde diese Gemeinschaft tief erschüttert. Zahlreiche Mönche fielen dem Terror zum Opfer, viele Tempel wurden zerstört, nahezu alle Buddhastatuen enthauptet. Neben der Gemeinschaft waren vor allem die einst in den Tempeln vermittelte Bildung und die Anhäufung von Wissen in den Augen der Anhänger Pol Pots zu vernichten. Von 65 000 Mönchen lebten nach der Zeit der Khmer Rouge nur noch etwa 3000. Heute hat sich die Zahl wieder vervielfacht, und die Mönchsgemeinschaften spielen wieder eine große Rolle in der Gesellschaft. Sie sind aktive Bewahrer der Lehre vom guten und rechten Handeln und vermitteln moralische und ethische Werte des Zusammenlebens.
Mönche und Politik
Im Laufe der Geschichte haben sich Mönche immer wieder zu Wort gemeldet und teilweise auch Aufstände angeführt. Dies geschah während der französischen Kolonialzeit ebenso wie heute, wenn Mönche zusammen mit Textilarbeitern auf die Straße gehen. Immer wieder wird in solchen Fällen diskutiert, ob Mönche, die Gewaltverzicht üben müssen, sich derart engagieren dürfen. Ihr Auftrag, für Gerechtigkeit und Freiheit einzutreten, ist für viele Menschen Grund genug, dieses Engagement zu begrüßen.
Die Grundlage des Buddhismus ist das Wissen, dass nichts beständig ist. Leben bedeutet, Leiden zu erfahren: Alter, Krankheit, Armut, Schmerz. Da der Mensch immer wieder geboren wird, durchlebt er diesen Kreislauf stets aus Neue. Der Buddhist weiß um die Regelmäßigkeit des Kreislaufs und richtet sein Verhalten danach aus, indem er versucht, Gutes zu tun und rechtschaffen zu leben. Bereits diese Absicht bewirkt Positives für das nächste Leben. Wer den Ursprung des Leidens und der Wiedergeburten erkennt, den die Buddhisten in der Gier, dem Hass und der Unwissenheit sehen, der kann sein Leben so ausrichten, dass er Erlösung findet. Aus dem Kreislauf der Wiedergeburten austreten kann nur, wer den Achtfachen Pfad des Buddha befolgt.
In seiner ersten Predigt im Ishipatana-Park („Gazellenhain“) von Sarnath legte Buddha die Lehre von den „Vier Edlen Wahrheiten“ dar. Mit ihnen zeigt er einen klar strukturierten „therapeutischen“ Weg aus dem Leiden. Er erläutert, was Leiden ist, was dessen Ursachen sind, welches Ziel anzustreben ist und wie der Weg dorthin aussieht:
1. Alles Dasein ist leidhaft.
2. Ursache allen Leidens ist Begierde (tanha) und Anhaftung (upadana).
3. Nur durch das Vernichten von Gier (lobha) und Hass (dosa) kann Leiden überwunden werden.
4. Der Weg dorthin ist der Edle Achtfache Pfad
Der Edle Achtfache Pfad untergliedert sich in drei Bereiche: wissende Einsicht (pañña), sittliches Verhalten (sila) und Konzentration (samadhi). Die acht Teile dieses Wegs sind den drei Bereichen wie folgt zugeordnet:
pañña: 1. rechte Ansicht; 2. rechte Gesinnung
sila: 3. rechte Rede; 4. rechtes Tun; 5. rechte Lebensführung
samadhi: 6. rechte Anstrengung; 7. rechte Achtsamkeit; 8. rechte Meditation
Über den historischen Buddha sind relativ viele Fakten bekannt, die jedoch im Laufe der Zeit mit Legenden durchwirkt wurden. Die Wissenschaft ist sich uneins über das genaue Geburtsdatum Buddhas. Nach neuesten Forschungen soll Buddha 450 v. Chr. geboren worden sein. Seine Herkunft hingegen ist gesichert, seine Lehre überliefert und sein Wandergebiet bekannt. Letzteres befand sich im Himalaya im heutigen Nordindien.
Geboren wurde Buddha als Siddhartha Gautama. Er war der Sohn des Führers eines vom Herrscher Kosala abhängigen Gebietes mit Namen Sakya. Oft wird er als Königssohn oder Prinz betitelt, was aber historisch nicht richtig ist. Siddhartha gehörte jedoch sicher der Oberschicht an und nahm schon als junger Mensch an Ratsversammlungen teil. Hier lernte er Disziplinen wie Rhetorik und Recht kennen. Lesen und Schreiben konnte er indes nicht, aber das wäre für seine Zeit auch außergewöhnlich gewesen.
Siddhartha wurde in jungen Jahren mit seiner Cousine verheiratet. Kurz nach der Geburt seines Sohnes verließ er mit 29 Jahren seine Familie, um als obdachloser Bettelmönch spirituelle Erfahrungen zu suchen. Er machte sich auf die Suche nach den Gründen für das menschliche Leid und nach einem möglichen Ausweg. Nachdem er mit Hilfe zweier Gurus („Lehrer“) keine Erkenntnis fand, probierte er es mit Askese. Er verzichtete auf Kleidung und Körperpflege und wurde so mager, dass er dem Tode geweiht war. Im Pali-Kanon heißt es dazu, dass seine Rippen herausstanden wie „Dachsparren eines verfallenen Hauses“. Kurz bevor er keine Kraft mehr hatte, wurde ihm bewusst, dass der Hunger auch seinen Geist zermürbte, und so begann er wieder regelmäßig zu essen.
Siddhartha begann mit der Meditation. Nachdem er viele Jahre als Bettelmönch gelebt hatte, erkannte er Weisheiten, wusste sie mit dem bereits Bekannten zu verbinden und fügte alles in einem harmonischen System zusammen. Unter einem Ficus religiosa, dem Bodhi-Baum, meditierend, erkannte er schließlich die Ursachen allen Leidens und den Weg der Überwindung. So fand er mit 35 Jahren das Dharma, die Lehre, die mit Wahrheit gleichgesetzt wird, und wurde zum Buddha, zum „Erwachten“. Er predigte in den folgenden 40 Jahren erst vor seinen ehemaligen Mit-Asketen, die ihn nach seiner Beendigung des Fastens kurzfristig verlassen hatten, und später vor Königen und anderen Schülern.
Nur vier Monate, nachdem Buddha gestorben war, trafen sich seine wichtigsten Schüler. Einer von ihnen war Ananada, der Buddha 25 Jahre lang auf seinem Weg begleitet hatte. Die erfahrenen Mönche rezitierten die Lehren Buddhas, und die jungen Mönche lernten sie auswendig. In Ceylon wurden die Reden dann im ersten vorchristlichen Jahrhundert in Pali aufgeschrieben. Diese Schrift ist vollständig erhalten und weiß nicht nur von Buddhas Lehren zu berichten, sondern auch von einem Bandscheibenvorfall und einer Mageninfektion, an der er im Alter von über 80 Jahren gestorben ist. Wissenschaftler gehen davon aus, dass dies um 370 v. Chr. der Fall war.
Nach dem Tode Buddhas wurden schon früh zwei Strömungen des Buddhismus deutlich. Der Mahayana-Buddhismus wird als großes Fahrzeug, der Theravada-Buddhismus als kleines Fahrzeug bezeichnet.
Im Mahayana-Buddhismus spielen Bodhisattvas eine Rolle. Während Buddha seine früheren Inkarnationen als Bodhisattvas bezeichnete, kann im Mahayana-Buddhismus jeder ein Bodhisattva werden, ein Weiser, der sich entscheidet, für die Menschen auf der Erde zu bleiben und sich um sie kümmern, anstatt ins Nirwana einzugehen.
Der Theravada-Buddhismus wird in Kambodscha etwa seit 1295 (unter Sridravarma) praktiziert. Ursprünglich stammt diese Glaubensrichtung aus Sri Lanka. Diese Richtung betrachtet sich als die ursprünglichste Lehre mit dem Ziel der Erlösung des Einzelnen aus eigener Kraft. Dem ständigen Prozess von Werden und Vergehen gilt es mit Anhäufung von Erkenntnis und gutem Karma zu entfliehen und das Nirwana, die völlige Freiheit von jeglichen Begierden, zu erreichen. Die Ethik basiert auf fünf Geboten: nicht töten, nicht stehlen, keine sexuellen Verfehlungen, nicht lügen und keine berauschenden Mittel nutzen.
In Kambodscha geht fast jeder Mann bzw. jeder Junge einmal ins Kloster (Wat) und schließt sich einer Mönchgemeinde (Sangha) an. Sei es für nur einen Tag, für mehrere Monate oder gar für immer. Frauen, die als Nonnen leben, sind seltener. Ihr Leben ist weitaus restriktiver, und sie sind weniger anerkannt als Mönche (sie erhalten keine Weihe und dürfen nur niedere Arbeiten übernehmen). Oftmals bleibt vor allem verarmten Frauen ohne Familie keine andere Wahl, denn nur im Kloster bekommen sie Nahrung und können überleben.
Mönche müssen sich mehr als 200 Regeln unterwerfen: So dürfen sie nur eine Mahlzeit pro Tag zu sich nehmen, und dies nur vor 12 Uhr. Sie dürfen nicht in einem bequemen Bett schlafen, keinen Sex haben und so gut wie keinen Besitz ihr Eigen nennen. Nur die Mönchsrobe, eine hölzerne Kopfstütze und ihre Bettelschale sind erlaubt. Allerdings sieht man immer häufiger Mönche mit Telefonen und Zigaretten – beides müsste eigentlich verboten sein. Denn natürlich sind auch Drogen und Zerstreuung untersagt.
Die Aufgabe der Mönche besteht in der Meditation und dem Studium der heiligen Schriften. Meist sind vor allem in ärmeren Gemeinden die Klöster die Orte, an denen Bildung vermittelt wird und Kranke Hilfe finden. Gläubige sammeln gutes Karma (für ein besseres Leben nach der Wiedergeburt), indem sie durch Spenden den Wat unterstützen und indem sie allmorgendlich den Mönchen Nahrung spenden, wenn diese mit ihren Bettelschalen durch die Straßen ziehen.
Die wichtigste Zeremonie des Jahres ist Kathen, die jedes Jahr in den 29 Tagen des letzten Mondmonats gefeiert wird. Die Mönche, die zuvor drei Monate innere Einkehr üben mussten, dürfen nun wieder unter Menschen gehen und neue Gewänder annehmen. Diese Zeremonie soll von Buddha selbst einführt worden sein, der Termin ist noch heute fest im Feiertagskalender der Khmer integriert. Trotz großer Armut im Land spenden die Menschen in diesen Tagen insgesamt (nach Schätzungen des Ministeriums für Kultur und religiöse Angelegenheiten) über US$6 Mio.
Junge Novizen im Wat Kompong Thom
Nur noch wenige Menschen in Kambodscha sind reine Hinduisten. Und doch ist das Leben der Kambodschaner stark beeinflusst von der indischen Götterwelt. Es gibt kaum einen gesellschaftlichen Aspekt, der nicht davon geprägt wurde und bis heute seine Spuren zeigt. Beispielsweise spielt im kambodschanischen Tanz die Geschichte des Ramayana (in Kambodscha als eigene Kunstform Reamker weiterentwickelt) eine große Rolle (siehe >>). Auch der tief verwurzelte Glaube an Wiedergeburt (Reinkarnation) und das Wissen um gutes und schlechtes Karma (welches für die Stufe der nächsten Existenz entscheidend ist) sind Basis des hinduistischen Denkens. Die Götter dieser Religion sind noch heute allgegenwärtig – vor allem in den Tempeln. Der Tourist trifft viele der Gestalten zudem in Museen oder an Souvenirständen: Zu bewundern sind Ganesha, Shiva, Vishnu und Co. In Kürze sei hier daher auf einige der wichtigsten Figuren des hinduistischen Pantheon eingegangen (andere Merkmale, die wichtig für das Verständnis der Tempel sind, werden beim Thema Tempelarchitektur genauer erläutert).
Shiva: Diese Gottheit gehört zur Hindu-Trinität (mit Brahma und Vishnu) und symbolisiert diese Dreieinigkeit in einer Person: Zerstörung, Erschaffung und Bewahrung. In Shiva vereinen sich viele Gegensätze, und er wird in vielfacher Art dargestellt. Zu seinen Hauptkennzeichen gehören der Dreizack, der Halbmond und das senkrechte Weisheitsauge. Oft reitet er auf dem weißen Bullen Nandi. In Kambodscha wird Shiva oft als Lingam dargestellt, einer phallischen Steinsäule. In der Dreieinigkeit steht hier der runde obere Teil des Phallus für Shiva, die achteckige Mitte symbolisiert Vishnu, und das rechteckige Bassin steht für Bhrama.
Vishnu: Er gilt als der zweite Hauptgott der Hinduisten und wird als Schöpfer und Erhalter verehrt. Oft wird er als vierarmiger Vishnu dargestellt, der eine Kaurimuschel, ein Rad, einen Lotos und eine Keule hält.
Apsaras: Diese wunderhübschen Tänzerinnen leben auf dem Tempelberg Mehru und unterhalten dort die Götter durch Gesang, Tanz und Liebesspiel. Als Figur finden sich diese Apsaras oft auf einem Glöckchen.
Ganesha: Der Elefantengott gilt als Sohn von Shiva und Parvati. Vor allem von Alltagssorgen geplagte Menschen bitten ihn um Hilfe, denn er gilt als Gott der Weisheit.
Garuda: Symbolisiert die Kraft der Sonne und des Windes und dient Vishnu als Reittier. Garuda gilt als Fürst der Vögel, der u. a. die Schlange Naga zu bezwingen weiß. Meist wird er in Menschengestalt mit Vogelkopf dargestellt.
Naga – der Schlangengott
Die neunköpfige Schlange Naga ist allgegenwärtig in Kambodscha, und man weiß zu berichten, dass sie im Mekong lebt. Die Legende berichtet, Naga hätte das Wasser, das einst ganz Kambodscha bedeckte, ausgetrunken und das Land trockengelegt, das sich heute Kambodscha nennt. Der Schlangengott wird daher als Schöpfer des Landes und als Gott des Wassers verehrt.
Es gibt nur sehr wenige Christen in Kambodscha. Im Gegensatz zu Vietnam (und weniger ausgeprägt in Laos und Myanmar) konnten die Missionare die Khmer nicht von ihrem Glauben überzeugen. Die Versuche der Portugiesen schlugen fehl, lediglich die französischen Kolonialherren konnten ein paar Gläubige gewinnen und ließen einige wenige Gotteshäuser errichten.
Dazu gehörte z. B. eine große Kathedrale, Notre Dame in Phnom Penh, die einst auf dem Gelände des heutigen Rathauses stand. Die zwei Glockentürme der Kirche waren höher als Wat Phnom, was bei den Buddhisten nicht gerade zur Akzeptanz dieser westlichen Religion beitrug. 1970 wurde die Kirche zum Auffanglager für geflohene Vietnamesen. 1974 wurde sie bei einem Gefecht zwischen Regierung und den Roten Khmer stark beschädigt und während der Herrschaft Pol Pots vollständig abgetragen. Alle Heiligtümer und Bücher wurden zerstört, auf dem Friedhof wuchsen Bananen. Übrig blieben die Glocken, die heute am Eingang des Nationalmuseums zu sehen sind. Auch eine weitere Kathedrale (in Battambang) wurde von den Roten Khmer vollständig zerstört. Eine Ruine ist die Kirche bei der Bokor Hill Station. Hier wurde 2013 nach fast 40 Jahren am Karfreitag zum ersten Mal wieder ein Gottesdienst abgehalten. Ob die Kirche Teil des neuen Tourismusprojektes wird (siehe >>), ist nicht abzusehen. Großen Einfluss haben die Christen hierauf wohl nicht.
Die einzige Kirche, in der regelmäßig Gottesdienste stattfinden, ist die St.-Michael-Kirche in Sihanoukville. Das kleine weiße Gebäude ist dem Schutzpatron der Seefahrer gewidmet, was sich auch in seiner Architektur bemerkbar macht, die von Segeln und Schiffen beeinflusst scheint. Die Gläubigen setzen sich hauptsächlich aus vietnamesischen Fischerfamilien zusammen, doch an Sonntagabenden finden sich hier auch Touristen und in Sihanoukville lebende westliche Ausländer ein, wenn ein Gottesdienst in englischer Sprache abgehalten wird.
Während der Terrorzeit der Roten Khmer wurden zahlreiche der wenigen Christen ermordet. Papst Benedikt XVI. gedachte ihrer, kurz bevor er zurücktrat, mit den Worten: „Viele Christen sind wegen ihres Glaubens gestorben. Das ist ein nobles Zeugnis, das sie der Wahrheit des Evangeliums geleistet haben.“
In Kambodscha sind es vorwiegend die Nachfahren der Cham, die als Moslems leben. Die meisten sind Anhänger eines malaiisch dominierten schafiitisch ausgerichteten Islam. Die Schafiiten gehören zu den Sunniten und gelten allgemein als wenig radikal. Diese Schule ist besonders in Südostasien verbreitet (aber auch die Kurden in der Türkei gehören zu dieser Glaubensgruppe). Eine Minderheit orientiert sich an einer saudi-arabisch dominierten salafistischen Richtung. Sie sind ebenfalls Sunniten, gelten aber als ultrakonservativ. Zudem gibt es noch eine kleine schiitische Minderheit. Konflikte unter den moslemischen Glaubensgruppen sind bisher nicht bekannt.
2014 kamen Gerüchte auf, dass kambodschanische Moslems im Kampf der IS („Islamischer Staat“; zuvor als „ISIS“ bekannt) mitmischten. Doch Sos Kamry, der Großmufti von Kambodscha, stellte in der Phnom Penh Post vom 23. Juni 2014 klar: „There is no relationship between Cambodian Muslims and those in the Middle East […] In Cambodia, we don’t have extremists.“ Moslemische Khmer schließen einen Kontakt ihrer Volksgruppe in den Orient kategorisch aus. Da einige Moslems aus der Gruppe der Cham jedoch ihre Kinder in den Nahen Osten zur Ausbildung schicken, ist ein Kontakt zu radikalen Gruppen dort nicht grundsätzlich auszuschließen. Einige Moscheen sollen geschlossen worden sein, angeblich wegen Terrorismusbekämpfung. Konflikte sind jedoch nicht bekannt.
Der Glaube an Geister ist tief in der Gesellschaft verwurzelt. Geister beseelen die Natur, und es gilt, sie gnädig zu stimmen, wenn man mit ihnen zusammenwohnt. So finden sich sehr häufig Geisterhäuschen vor den Häusern. Ganz einfache Wohnheime herumirrender Geister sind die einfachen Bretter mit Blechdose als Räucherstäbchenhalter. Andere Häuser sind aufwendiger, manche sehen gar aus wie kleine Schlösser. Alle haben das Ziel, den Geistern eine Heimstatt zu geben, wenn der Mensch den ursprünglichen Platz in Besitz genommen hat. Chinesische Gläubige haben meist sogar zwei Altäre vor dem Haus. Der eine ist für die Geister, der andere für die Ahnen. Beiden wird jeden Tag mit dem Anzünden von Räucherstäbchen gehuldigt.
Kambodschaner lieben es, zum Astrologen zu gehen und sich beraten zu lassen. Wer ein Haus bauen, heiraten möchte oder eine wichtige Entscheidung zu fällen hat, holt sich Hilfe vom Astrologen. Vor allem Männer lassen sich zudem Tätowierungen stechen, weil es heißt, dass sie dadurch unverwundbar werden.
Vor allem kleine Kinder gilt es vor bösen Geistern zu beschützen. Sie bekommen aus diesem Grund oft Spitznamen wie Lek (klein) und werden als hässlich bezeichnet, damit die bösen Dämonen sie nicht wahrnehmen. Kleine Zöpfe auf dem Kopf dienen als Haltegriffe, mit denen die guten Geister den bösen Geistern die Kinder entreißen können, sollten sie trotz aller Vorsicht auf diese aufmerksam geworden sein.
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Die prachtvollen Tempel aus dem frühen Kambodscha und dem Angkor-Reich gelten in ihrer gesamten Anlage als bedeutende Kunstwerke. Egal ob sie als Staatstempel gedient haben, in denen der König seine Zeremonien abhielt, als Ort der Ahnenverehrung oder als Kloster, alle waren sie mit vielen religiösen Statuen und herrlichen Fresken geschmückt. Oft sind sie mehrstufig aufgebaut; als Pyramidentempel versinnbildlichen sie den Weltberg Mehru aus der hinduistischen Tradition. Mythische Figuren, halb Mensch, halb Tier, von Meisterhand geschaffen, dienten als Wächter. Die auch heute noch harmonisch wirkenden Grundrisse und Maße wurden von Priestern nach Regeln astronomischen, astrologischen und mythisch-geometrischen Ursprungs festgelegt. Auch wenn die verschiedenen Bauwerke sehr unterschiedlich gestaltet sind, so haben sie daher doch einige Gemeinsamkeiten.
Alle Khmer-Tempel sind von mindestens einer Umfassungsmauer umgeben, die meisten haben drei oder vier Einfassungen. Die Tore wurden im Laufe der Zeit immer kunstvoller gestaltet und schließlich zu beeindruckenden Bauten, die Gopuram genannt werden. Fast jeder Kambodscha-Besucher wird zumindest das beeindruckende Südtor von Angkor Thom (siehe >>) passieren. Wassergräben umgeben seit dem 9. Jh. viele Anlagen, die mithilfe von Dammwegen oder – seltener – Brücken überquert werden. Diese sind oft von mythischen Naga-Schlangen gesäumt, die die Tempelanlagen vor bösen Geistern beschützen sollten.
Im Zentrum der Anlage steht der Prasat (Tempelturm), in dem das zentrale Heiligtum verehrt wird: eine Statue oder ein Lingam. Der Turm hat einen quadratischen oder rechteckigen Grundriss und liegt auf einer Ost-West-Achse, die der ganzen Anlage Symmetrie verleiht. Die Tür weist meist nach Osten, Scheintüren schmücken die anderen Seiten. In vielen Tempeln, z. B. Angkor Wat, gibt es noch weitere, symmetrisch angeordnete Prasats, die den Hauptturm umgeben. Der konzentrische Aufbau der gesamten Anlage setzt sich bis in die Dachkonstruktion des Hauptturms fort, wo die gestaffelten Stufen oft noch mit kleinen Miniatur-Türmchen verziert sind.
Der Hauptturm ist von mehreren Nebengebäuden umgeben. Oft ist ein Mandapa (Vorhalle) vorgelagert. Heute als Bibliotheken bezeichnete Gebäude enthielten womöglich heilige Schriften, können aber auch anderen Zwecken gedient haben. Umlaufende Galerien, die sich auch kreuzen können, dienten als Wandelgänge – und auch als eine Art Wandzeitung; so die äußeren Galerien des Bayon (siehe >>), auf denen Jayavarman VII. seinen Sieg über die Cham bebildert darstellen ließ: auf dass sein Volk, das an Feiertagen bis genau zu dieser Stelle in den Tempelbezirk vordringen durfte, seine Heldentaten nicht vergäße.
Die Tempel der Vor-Angkor-Zeit wurden zum größten Teil aus Ziegelsteinen errichtet. Als Mörtel bzw. Klebstoff diente wahrscheinlich ein mit Kalk vermischtes Baumharz, das in einer dünnen Schicht aufgetragen wurde. Dabei wurde sehr exakt gearbeitet; die Steine weisen fast keinen Spalt auf. Daher konnten die Wände mit Hammer und Meißel bearbeitet und verziert werden. Ein Beispiel sind die beeindruckenden Fresken im mit deutscher Hilfe restaurierten Prasat Kravan (siehe >>).
In der Angkor-Zeit löste Sandstein den Ziegel als Baumaterial ab. Etwa ab dem Jahr 1000 ist er das wichtigste Baumaterial. Er stammte aus Steinbrüchen am 40 km nördlich liegenden Phnom Kulen. Täglich müssen Boote voller Steine den Siem-Reap-Fluss hinabgefahren sein. Mörtel wurde hier nicht mehr eingesetzt; waren die schweren Steine erst einmal in ihre Position gehievt, hielt die Schwerkraft sie fest. Die aufwendigen Rundbogen und Dächer wurden über Holzkonstruktionen aufgebaut.
Aus Holz bestanden auch die Wohn- und Zweckgebäude zu Zeiten von Angkor; von ihnen ist nichts erhalten. Mit Metallen wie Bronze, Silber und Gold wurden wahrscheinlich an wichtigen Heiligtümern Wand- und Dachverkleidungen angebracht. Davon ist ebenfalls nichts erhalten.
Das von den Baumeistern eingesetzte grobporige Lateritgestein war für Fresken und Statuen nicht zu gebrauchen. Es eignete sich jedoch für Wege und äußere Umfassungsmauern, die ohne Verzierungen auskommen mussten. Erst später, als der Sandstein knapp wurde, hat man Laterit an einigen Stellen als Ersatzmaterial eingesetzt.
Von der Vor-Angkor-Zeit, als das Reich Zhenla die Oberhand über Funan gewann (siehe >>) und sich der zivilisatorische Schwerpunkt in die Region des heutigen Kambodscha verschob, bis zum Verlassen von Angkor 1432 vergingen über 700 Jahre, in denen Generationen von heute unbekannten Baumeistern die größten und schönsten Tempelanlagen der damaligen Welt entwarfen. Nicht nur die Bautechniken verfeinerten sich, und verschiedene Stile lösten einander ab – oder bestanden auch nebeneinander. Heute werden von den meisten Gelehrten 14 verschiedene Bauweisen unterschieden.
In der Zeit vor Angkor werden vornehmlich Tempeltürme (prasat) aus Ziegelsteinen errichtet. Der Sambor-Prei-Kuk-Stil (ca. 600–650) kennzeichnet sich durch häufig in Quincunx-Form angeordnete Prasats, die mit mythischen Krokodilwesen (makara), Girlanden und Blumengehängen verziert sind. Im Prei-Kmeng-Stil (ca. 650–700) wird dieser Schmuck noch üppiger, aber handwerklich oft nicht mehr ganz so gut ausgeführt. Der Kompong-Preah-Stil (ca. 700–800) zeichnet sich durch sehr fein gearbeitete Stürze aus. Tief in den Stein geschnitztes Blatt- und Rankenwerk wirkt wie ein Versteck für allerlei Fabelwesen, die daraus hervorlugen.
Im Phnom-Kulen-Stil (ca. 825–875) spiegelt sich schon die große Veränderung, vor der das damalige Kambodscha stand. Die Ziegelsteine werden mit anderen Baumaterialien ergänzt, so wird erstmalig Laterit eingesetzt. Und es sind neue, äußere Einflüsse erkennbar: Drei nebeneinander stehende Prasats, die zudem höher sind als ihre Vorgänger, ähneln Anlagen aus der Cham-Kultur. Dekorationen an den Türstürzen verweisen auf Einflüsse aus Java: insgesamt eine Periode der Innovation.
Mit dem Preah-Ko-Stil (877–ca. 886) entwickeln sich die Anlagen weiter: Zu einem oder mehr Prasats mit quadratischem Grundriss, die auf einer Plattform stehen, gesellen sich nun umliegende Gebäude („Bibliotheken“) und eine Umfassungsmauer. Mit dem Bakong entsteht ein erster Tempelberg. Der zentrale Prasat war der Mittelpunkt der alten Hauptstadt Hariharalaya. Neu sind in dieser Zeit auch die in Nischen stehenden weiblichen Gottheiten (devata) und männlichen Wächterfiguren (dvarapala). Der Bakheng-Stil (889–923) führt das Element des Tempelberges dann weiter aus. Der in Quincunx-Form angeordnete Prasat auf der oberen Plattform spiegelt die damalige kosmologische Ordnung wider. An den wichtigeren Gebäuden wird nun immer mehr Sandstein eingesetzt. Auch im Koh-Ker-Stil (921–944) setzt sich dieser Trend fort. Die Ornamentik nimmt weiter zu, wobei die Figuren sich nun besser gegen das Rankwerk durchsetzen können. Im Pre-Rup-Stil (944–968) entstehen dann die letzten Ziegelstein-Gebäude; er deutet mit seinen langen Wandelgängen schon das Entstehen eines bedeutenden neuen Stiles an.
Der Banteay-Srei-Stil (968–1000) übertrifft alle vorangehenden Stilformen an Ornamentik und Schönheit. Komplett aus Laterit und rotem Sandstein errichtet, ist der namensgebende Tempel nahezu an allen ebenen Flächen mit tiefen, exquisiten Schnitzereien versehen. Sie sind zum Teil gut erhalten und beeindrucken jeden Besucher. Erstmalig wurden hier die Giebel über den Türen mit klassischen Szenen aus der hinduistischen Mythologie geschmückt.
Der sich etwa gleichzeitig entwickelnde Khleang-Stil (968–1010) hat weniger aufwendige Dekorationen, führt jedoch das Element kreuzförmiger Gopurams und Galerien ein. Benannt ist er nach den beiden Türmen gegenüber der Elefantenterrasse. Der relativ schmucklose Ta Keo (siehe >>) ist ein gutes Beispiel. Mit dem Baphuon-Stil (1050–1080) setzt sich jedoch der Trend zur aufwendigen Verzierung durch: Am namensgebenden Tempel erscheinen die ersten Basreliefs mit Szenen aus den Hindu-Epen. Gleichzeitig erlebt die Pyramiden-Architektur hier eine neue Blüte.
Der Angkor-Wat-Stil (ca. 1080–1175) gilt als der klassische Khmer-Stil. Die konischen Türme, die weiten Galerien mit Basreliefs, die Apsaras an den Wänden, die mehrköpfigen Nagas: Gestaltungsmerkmale mit einem hohen symbolischen Gehalt. Auf kaum einen anderen Stil wird bis heute so stark zurückgegriffen wie auf den von Angkor Wat; sei es nun das Unabhängigkeitsdenkmal in Phnom Penh oder das CD-Cover einer modernen Rock- oder Hip-Hop-Band.
Der Bayon-Stil (1181–1243) ist der letzte wichtige klassische Stil. Jayavarman II., auf den er zurückgeht, kam erst mit 60 Jahren auf den Thron: Daher hatte er es mit seinen Bauten ziemlich eilig. Viele und große Anlagen erschufen er und sein Nachfolger Indravarman II.: Ta Prohm, Preah Khan, Ta Som, die Elefantenterrasse, die Hauptstadt Angkor Thom und noch einige mehr. Unter der Masse litt jedoch die Qualität: Die Steinmetzarbeiten wurden weniger fein ausgeführt, und statt Sandstein kam vermehrt Laterit zum Einsatz.
Im Nachhinein ist es leicht zu sagen: In der Bayon-Zeit deutete sich der Niedergang des Reiches bereits an. Tatsächlich ging es jedenfalls in der Post-Bayon-Zeit stetig bergab. Es wurde noch die Terrasse des Lepra-Königs gebaut, doch anschließend reichte die Kraft nur noch aus, kleinere Modifikationen an bestehenden Anlagen vorzunehmen. Inzwischen hatte sich zudem der Theravada-Buddhismus im Land durchgesetzt: Und so entstanden Klöster aus Holz, von denen heute jede Spur fehlt.
Die Bildhauerei hat in der Ausgestaltung der großen Tempelanlagen eine wichtige Rolle gespielt. Schon im 6. und 7. Jh. wurden große freistehende Statuen erschaffen. Als Material diente meist Sandstein. Dargestellt wurden hinduistische Gottheiten; allen voran Vishnu und Shiva in ihren verschiedenen Erscheinungsformen. Im Laufe der Jahrhunderte kamen immer mehr Buddhadarstellungen hinzu.
Die verschiedenen Stilrichtungen orientieren sich an der Einteilung der architektonischen Epochen. Oftmals wird dabei der Fundort als Indiz genommen. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass die Statuen aus der Prä-Angkor-Zeit weichere und fließendere Formen haben als die der klassischen Angkor-Zeit. Ein Beispiel ist der Durga-Torso aus dem 7. Jh., der im Nationalmuseum in Phnom Penh zu sehen ist siehe >>. Zur Blüte von Angkor herrschte eine etwas strengere Linie vor. Auch sie hat ihre Reize, wie die berühmte Darstellung des meditierenden Jayavarman VII. beweist (ebenfalls im Nationalmuseum zu sehen). Anhand von Unterschieden in der Haltung, der Haartracht, der Kleidung und dem Schmuck verschiedener Figuren können weitere Klassifizierungen vorgenommen werden.
Besonders attraktiv wirken heute noch die Statuen und Fresken im Banteay-Srei-Stil. Sie wirken weich und fast zart; wer den Tempel besucht, sollte sich Zeit für die Betrachtung der Figuren nehmen, die so freundlich durch die Jahrhunderte blicken.
Verschiedene Initiativen versuchen heute, die Bildhauerkunst der Vorfahren weiter zu pflegen. Bei Siem Reap können einige Werkstätten besichtigt werden. Dabei geht es jedoch vornehmlich um das Kopieren alter Vorlagen. Eigene künstlerische Ansätze scheinen im Augenblick noch nicht gefragt. Doch das steht ganz in der Tradition der Vorfahren: Auch früher galt das Schaffen einer Statue wohl nicht als Kunst, sondern als Dienst an den Göttern.
Am Banteay Srei: Elefanten versprühen Wasser über der Göttin Lakshmi.
Die klassische Musik in Kambodscha ist nicht „nur“ Kunst oder Unterhaltung, sondern hat immer auch einen kultischen Hintergrund. Bei Zeremonien, höfischen Veranstaltungen und religiösen Anlässen spielt ein Pinpeat-Orchester, das aus mindestens acht Musikern besteht. Die Musik ist auf einem fünfstufigen Tonsystem aufgebaut. Dieses Pentatonik genannte System ist das älteste nachgewiesene Tonsystem der Menschheit und vermutlich vor 5000 Jahren in Mesopotamien entstanden. Entsprechend fremd klingt die Musik für westliche Ohren. Nach Kambodscha kam dieses System vermutlich über Java. Bei den einzelnen Stücken improvisieren die Musiker über eine einfache Melodie; zusammengehalten wird das Ensemble vom Schlag der großen Trommel. Als Instrumente werden neben der großen Trommel (skorthom) eingesetzt: ein Xylophon aus Bambus (roneatek), das kongtouch aus 16 im Halbreis angeordneten Bronzegongs, Zimbeln (lautmalerisch ching genannt), und ggf. weitere Gongs (kong) und kleinere Trommeln (samphor).
Etwas weltlicher, aber ebenfalls fremdartig-hypnotisch, ist die Musik der Mohori-Orchester, die der Besucher an manchen Tempeln in Angkor antrifft. Hier spielen gestrichene Saiteninstrumente (tro) und Zither-ähnliche Instrumente (takhe) eine melodietragende Rolle.
In der Aufbruchsstimmung, die in den 1960er-Jahren auch Kambodscha erfasst hatte, trat dann erstmals eine moderne Popmusik auf den Plan. Künstler und Künstlerinnen wie Sinn Sisamouth, Ross Sereysothea und Pen Ron prägten mit ihren Schlagern, Balladen und Rock’n’Roll-Songs den Sound einer aufbrechenden Generation. Kunstvoll vermischten sie die Einflüsse der modernen Zeit mit den Traditionen ihres Landes. Sie wurden alle von den Roten Khmer ermordet, sind jedoch bis heute unvergessen. Fans haben heute eine große Sammlung ihrer alten Aufnahmen auf You Tube zusammengetragen.
Nachdem in den 1990er-Jahren hauptsächlich zuckersüße Schlager nach thailändischem Vorbild aus den Lautsprechern in Kambodscha dudelten, haben nach der Jahrtausendwende junge Bands einen Aufbruch gewagt. Eine lebendige Hip-Hop-Szene rund um Aktivisten wie DJ Illest, der jungen Künstlern mit seiner Klap Ya Hands Family eine Heimat bietet. Die 2001 in Los Angeles gegründete Band Dengue Fever, www.denguefevermusic.com, war dann Vorreiter für eine neue, eigenständige kambodschanische Rockmusik, die nun immer mehr Freunde findet. Junge Bands gründen sich in Kambodscha und führen die Ansätze aus den 1960er-Jahren fort; allen voran The Cambodian Space Project, www.cambodianspaceproject.com, um die Sängerin Srey Thy und den Gitarristen Julien Poulson, die mit ihren weltweiten Auftritten für internationale Aufmerksamkeit sorgen. Ihren ersten Hit Chnam Oun Dop Pram Muoy („I’m only Sixteen“) von 2011 kann heute jeder Tuk-Tuk-Fahrer mitpfeifen. Andere Projekte wie Dub Addiction, www.dubaddiction.com, setzen mit modern produziertem Khmer-Reggae und Techno- und Breakbeat-Remixen weitere Akzente: Die Szene wird größer und bunter.
Literatur im westlichen Sinne ist eine recht junge Erscheinung in Kambodscha. Geschichten, Legenden und Mythen wurden jahrhundertelang nur mündlich überliefert, und von den Palmblattbüchern mit religiösen Texten, wie es sie zur Angkor-Zeit gegeben haben muss, ist nichts überliefert.
Nach zaghaften Anfängen in den 1930er-Jahren, als erste Magazine entstanden, dauerte es bis zur Unabhängigkeit 1953, ehe Wissenschaftler des Buddhistischen Institutes in Phnom Penh begannen, die mündlichen Überlieferungen zu sammeln und als mehrbändige textkritische Ausgabe zu drucken. Auszüge daraus wurden ins Deutsche übersetzt (Märchen der Khmer, Leipzig 1979).
1956 wurde dann die Khmer Writers Association gegründet, die den Autoren eine Heimat gab. Nach einer ersten Blüte in den 1960er-Jahren verschwand die Literatur in den Kriegszeiten dann völlig. Erst 1993 wurde der Schriftstellerverband wieder zum Leben erweckt. Von den etwa 200 Mitgliedern sind die Hälfte aktiv schreibende Autoren.
Ein wichtiges Thema in der aktuellen kambodschanischen Literatur ist die Auseinandersetzung mit dem Horror der Roten-Khmer-Zeit. Hier gibt es zum Teil eindrückliche Werke (siehe >>).
In den „goldenen“ 1960er-Jahren blühte auch die kambodschanische Filmindustrie auf. Über 300 Filme wurden zu dieser Zeit gedreht. Intensiv gefördert wurde dies von König Sihanouk, der selbst ein begeisterter Filmemacher war (siehe >>).
In den 1990er-Jahren kam es zu einer zaghaften Wiederbelebung der Filmwirtschaft – v. a. billig produzierte Horrorfilme lockten das Publikum in die Kinos. Weniger blutrünstig, dafür tränenreicher, waren die ersten Soap Operas, die für das Fernsehen produziert wurden. Aus dem Ausland – vom in Paris lebenden Filmemacher Rithy Pann – kam dann ein erster Beitrag zur Aufarbeitung der Zeit der Roten Khmer, der von einem Kambodschaner gedreht wurde (der Film wird heute noch täglich in Tuol Sleng gezeigt, siehe >>).
In Kambodscha wurde auch eine Reihe internationaler Filme produziert, die sich teils mit dem Land beschäftigen, oder es als exotische Kulisse benutzte. Der dramatische Klassiker The Killing Fields von 1985 wurde zwar zum größten Teil in Thailand produziert, bringt die Rote-Khmer-Zeit aber intensiv nahe. Mit Tomb Raider (2001) mit Angelina Jolie und City of Ghosts (2002) mit Matt Dillon trugen zwei Blockbuster Bilder von Kambodscha in alle Welt.
Heute ist wieder Leben in der kambodschanischen Filmszene, und seit 2010 wird jedes Jahr im Dezember ein internationales Filmfestival abgehalten. Mehr Informationen dazu unter www.cambodia-iff.com.
Die darstellenden Künste Kambodschas unterscheiden sich von vielen im Westen geläufigen. Gesprochene Theaterstücke mit Schauspielern sind weitgehend unbekannt; stattdessen werden epische und andere Geschichten mit musikalischer Untermalung und Tanz präsentiert – oder mit Schattenspielfiguren, einer in ganz Südostasien verbreiteten Kunstform, einer Art „Vorläufer des Kinos“.
Das Reamker
Die kambodschanische Version des Ramayana heißt Reamker. Der frühestdatierte literarische Text der kambodschanischen Adaption stammt aus dem 16. Jh. Die erste Referenz auf das alte indische Epos findet sich schon in den Reliefs von Angkor Wat. Szenen aus diesem Epos gehören zum Standardprogramm der Tanztruppen, aber auch zum schwierigsten, was die Bühne zu bieten hat. Die Choreografien sind äußerst ausgefeilt. Die verschiedenen Rollen werden von den Darstellern oft jahrelang geübt. In den Hauptrollen: der indische Prinz Rama, der in Kambodscha Preah Ream heißt; Krong Reap (der Dämon Ravana), Neang Seda (Sita) und Preah Leak (Laksham) genannt. Hanuman ist derselbe, nur anders betont. Besonders gern getanzt wird die Szene, in der Hanuman eine Meerjungfrau bezirzt, damit sie eine Brücke für seine Armee baut. Näheres dazu im Kasten siehe >>.
Flackerndes Licht, schemenhafte Figuren, der rhythmische Lärm eines klassischen Orchesters, epische Geschichten, die in vielstündigen Aufführungen dargeboten werden: Das Schattenspiel ist eine jahrtausendealte Tradition, die heute von einigen engagierten Enthusiasten weiter gepflegt wird. Seit 2004 wird es von der Unesco als Weltkulturerbe geschützt.
Die Schattenspielpuppen werden aus Rindsleder hergestellt. Dazu wird das Leder erst gegerbt und dann gedehnt. Die klassischen Motive werden vorgezeichnet, ausgeschnitten und Löcher in alle Ränder gestanzt. Am Ende wird das Leder noch mit schwarzen und roten Naturfarben bemalt. Die Spieler bewegen die Puppen vor oder hinter einer Lichtquelle, sodass entweder die Umrisse oder die Schatten vom Zuschauer gesehen werden. Durch die Löcher im Leder fällt Licht, die Figuren wirken (fast) lebendig.
Kleine Puppen (sbaektoch) haben bewegliche Arme und Beine und werden an Stäben bewegt. Mit ihnen werden Geschichten aus dem Alltag, über Abenteuer, Liebe und Kampf erzählt.
Die 1–2 m großen Puppen (sbaekthom) haben keine beweglichen Teile, sie werden entweder an Stäben geführt, oder die Puppenspieler halten die Puppen und bewegen sich tänzerisch. Sie erzählen Geschichten aus dem Reamker, der kambodschanischen Version des indischen Ramayana-Epos (s. Kasten).
Schattenspielaufführungen werden in Siem Reap geboten: Kinder des Krousar-Thmey-Waisenhauses spielen im Hotel La Noria mittwochs und sonntags um 19.30 Uhr oder im Alliance Café mit Voranmeldung als Gruppe ab 15 Personen inkl. Abendessen.
Volkstänze stellen meist Ausschnitte aus dem Alltag der Landbevölkerung dar. Tätigkeiten wie Fischen oder die Einbringung der Ernte sind beliebte Themen. Interessant ist der robam komarek, bei dem die Tänzer zwischen rhythmisch zusammenschlagenden Bambusstangen manövrieren müssen – bloß nicht aus dem Takt kommen! Bei Tanzvorführungen, wie man sie in Phnom Penh und Siem Reap sehen kann, sind meist einige Volkstänze mit im Programm.
Eine populäre Tanzform ist der kommunikative, ausgelassene Kreistanz ram vong, der oft bei Familienfeiern, aber auch in Khmer-Diskotheken zu sehen ist. Die Schrittfolge ist einfach; wer dazu eingeladen wird, sollte sich trauen mitzumachen. Bei den jungen Leuten in den Städten sind Breakdance- und Hip-Hop-Stile im Kommen. Besonders erwähnenswert ist hier die Initiative Tiny Toones, www.tinytoones.org, die Straßenkindern mithilfe von Breakdance eine Perspektive zu schaffen vermag.
Der Tanz der Apsaras
Göttinnen gleich scheinen die Tänzerinnen mit ihrem aufwendigen Kopfschmuck und den glitzernden Kostümen zu schweben, grazil wie ausdrucksstark bewegen sie Hände und Finger – Apsara-Tanz ist ein eindrucksvolles Erlebnis. Apsaras sind himmlische Nymphen (aus der hinduistischen Mythologie; halb Frau, halb Götterwesen), die mit ihren Tanzkünsten der Unterhaltung der Götter dienen. Sie entstiegen einst dem Milchmeer, als Götter und Dämonen auf der Suche nach dem Unsterblichkeits-Elixier Amrita waren.
Über 1850 Reliefs verewigen die barbusig tanzenden Apsaras in Angkor, und keine gleicht der anderen. Erstmals erwähnen chinesische Chroniken im Jahre 243 Tänzerinnen, die als Gastgeschenk aus dem in Kambodscha liegenden Funan-Reich gesandt wurden. Mehr als 3000 der anmutigen Tempeltänzerinnen soll es am Hofe von Jayavarman VII. gegeben haben. Sie tanzten nur für den König und die Götter. Nach dem Fall von Angkor ging die Tradition der Apsaras fast verloren, erst König An Duon (reg. 1843–1860) tat sich als großer Förderer der Kunst hervor.
Die meisten der heutigen traditionellen Tänze wurden im 18. bis 20. Jh. entwickelt. Vorbild waren die Darstellungen an den Tempeln. König Sisowath besuchte 1906 mit über hundert Tänzerinnen Europa – die Auftritte in Paris und Marseille waren ein sensationeller Erfolg. Für den Bildhauer Auguste Rodin haben sie Modell gestanden. Unter den Roten Khmer wurden die schönen Künste dann verboten. Die meisten Tänzerinnen verloren ihr Leben. Musikinstrumente, Partituren der Tänze und wertvolle Kostüme – alles wurde zerstört. Eine Handvoll Tänzerinnen unter der Leitung von Prinzessin Bopha Devi – eine der führenden Tänzerinnen vor dem Terrorregime und Tochter König Sihanouks – begannen den Apsara-Tanz nach Pol Pot wieder zu beleben. 2003 wurde die Kunst von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Heute erhalten die besten Tänzerinnen eine Ausbildung an der Königlichen Universität der Schönen Künste in Phnom Penh. Die meisten fangen bereits im Alter von sechs oder sieben Jahren mit der sechsjährigen Ausbildung an; weitere drei bis sechs Jahre dauert es, bis sie das geforderte künstlerische Niveau erreichen. Über 1500 Posen sind zu erlernen, jede Geste steht für ein Wort – Tanz als Sprache. Die handgearbeiteten, glitzernden Kostüme werden den Tänzerinnen vor jedem Auftritt an den Leib geschneidert. Sie sind denen der Angkor-Periode nachempfunden, mit einer Ausnahme: Die heutigen Apsaras tragen Oberteile.